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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Öffentliche Gesundheitspflege 39.1907 Michigan"

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Deutsche Vierteljalirsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspflege 


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Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspfleg 

Organ 

des 

„Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ 


Herausgegeben von 

Oberbürgermeister Dr. F. Adickes (Frankfurt a. Main), Oberbürger¬ 
meister Dr. med. hon. P. Fass (Kiel), Geh. Medizinalrat Professor 
Dr. G. Gaffky, Direktor d. Institutes für Infektionskrankheiten (Berlin), 
Hof rat Professor Dr. Max Gräber (München), Dr. Sigmund Merkel 
(Nürnberg), Geh. Ober-Medizinalrat a. D. Dr. M. Pistor (Berlin), 
Dr. Pröbsting (Köln), Regierungs- und Geh. Medizinalrat Dr. Roth 
(Potsdam), Ober- und Geh. Baurat Dr. J. Stfibben (Berlin), 
Regierungs- und Geh. Medizinalrat Dr. R. Wehmer (Berlin) 

( Redigiert 

von 

Moritz Pistor und Sigmund Merkel 

Berlin Nürnberg 


Neununddreifsigster Band 


Braunschweig 

Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn 

1907 


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Alle Rechte, namentlich dasjenige der Übersetzung in fremde Sprachen, 

Vorbehalten. 


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Inhalt des neununddreißigsten Bandes. 


Erstes Heft: 

' Seite 

Julius Reineke f .I—III 


Bericht des Ausschusses über die einunddreißigste Versammlung des 
„Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ in Augsburg 
am 12., 13. und 14. September 1906 . 1 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung. 2 

Rechenschaftsbericht. 5 

Nr. I. Die Bekämpfung der Tollwut. 8 

Leitsätze des Referenten. 8 

Referat von Professor Dr. Frosch (Berlin). 8 

Diskussion. 21 

Nr. II. Die Milchversorgung der Städte mit besonderer Be¬ 
rücksichtigung der Säuglingsernährung. 32 

Leitsätze des Referenten. 32 

Referat von Stadtbezirksarzt Dr. Poetter (Chemnitz) 32 

Leitsätze des Korreferenten. 45 

Korreferat von Beigeordnetem Brugger (Köln) ... 45 

Diskussion. 60 


Zweite Sitzung. 

Nr. in. Walderholungsstätten und Genesungsheime .... 71 


Leitsätze des Referenten. 71 

Referat von Dr. R. Lennhoff (Berlin). 71 

Diskussion. 92 

Nr. IV. Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der 

Straße .107 

Leitsätze der Referenten.107 

Referat von Professor Dr. Heim (Erlangen).109 

Korreferat von Stadtbaumeister Ni er (Dresden) ... 116 
Diskussion.154 


Dritte Sitzung. 

Über die Erfolge der öffentlichen Gesundheitspflege in Augs¬ 


burg. Von Dr. Müller (Augsburg).160 

Neuwahl des Ausschusses.165 


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VI 


Inhalt des neununddreißigsten Bandes. 


Seit» 


Nr. V. Welche Mindestanforderungen sind an dieBeschaffen- 
heit der Wohnungen, insbesondere der Klein¬ 
wohnungen zu stellen?.165 

Leitsätze des Referenten.165 

Referat von Regierungsbaumeister a. D. Beigeordnetem 

Schilling (Trier) .. 167 

Diskussion.181 

Schluß der Versammlung ..199 

Das ländliche Krankenhaus. Von Dr. Dosquet-Manasse.200 

Kritiken and Besprechungen: 

Der Alkoholismus, seine Wirkungen und seine Bekämpfung. (Dr. Paul 

Schenk).202 

M. Helenius und A. Trygg-Helenius: Gegen den Alkohol. (Dr. Paul 

Schenk). 202 

Denkschrift über die Bekämpfung der Granulöse (Kömerkrankheit, 

Trachom) in Preußen. (Dr. Isakowitz, Nürnberg).205 

0. v. Boltenstern: öffentl. Gesundheitspflege und Medizinalwesen. (E. R.) 204 

A. Bender: Gewerbliche Gesundheitspflege. (E. R.).204 

Dr. Wolfgang Weichardt: Jahresbericht über die Ergebnisse der Im¬ 
munitätsforschung. (S. Merkel, Nürnberg). 205 

Klinisches Jahrbuch. (S. Merkel, Nürnberg).205 

Dr. med. Hans Loetscher: Schweizer Reise- und Kur - Almanach. 

(S. Merkel, Nürnberg) . .. 205 

Nocht: Vorlesungen für Schiffsärzte der Handelmarine über Schiffs¬ 
hygiene, Schiff8- und Tropenkrankheiten. (Kisskalt, Gießen) . . 207 
H. Salomon: Die städtische Abwässerbeseitigung in Deutschland. (Kiss¬ 
kalt, Gießen).205 

R. Otto: Die staatliche Prüfung der Heilsera. (Kisskalt, Gießen) . . 208 
FriedrichPrinzing, prakt. Arzt: Handbuch der medizinischen Statistik. 

(Landsberger, Charlottenburg). 209* 

Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. (M. Pi stör).210 

Zur Kenntnis der Kupfer-Zinklegierungen. (M. Pi stör).211 

Leo Burgerstein: Schulhygiene. (Altschul, Prag).212 

Dr. K. A. Martin Hartman: Der Schularzt für höhere Lehranstalten. 

(Altschul, Prag).213 

Hampe: Über den Schwachsinn nebst seinen Beziehungen zur Psycho¬ 
logie der Aussage mit einem Anhang. (Dr. v. Rad, Nürnberg) . . 214 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (112. Ver¬ 
zeichnis) .. 216- 


Zweites Heft: 

Schulhygienische Betrachtungen. Von Dr. Solbrig, Regierungs- und Medi¬ 
zinalrat in Allenstein.235 

Über Ätiologie und Prophylaxe der Chlorakne. Von Dr. med. Friedrich 

Holtzmann. 258- 

Über eine Trinkwasser - Typhusepidemie. Von Dr. M. Kaiser. Mit 1 Ab¬ 
bildung im Text.265 

Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905. (Ab¬ 
druck aus dem Klinischen Jahrbuch 1906, Bd. 15.) Referiert von M.Neisser 
(Frankfurt a. M.).275 


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Inhalt des neununddreißigsten Bandes. VII 

Seite 

Die Rauchbekämpfung in England und Deutschland. Von L. Ascher (Königs¬ 
berg i. Pr.).291 

Die gesundheitliche Bedeutung der Hornplattenfabriken für die Anwohner. Von 

Dr. Franz Spaet, Königl. Bezirksarzt in Fürth in Bayern.301 

tTber die Charlottenburger Waldschule. Von Privatdozent Dr. B. Bend ix 

(Berlin). Mit 2 Abbildungen im Text.305 

Ermüdung8 - und Überermüdungsmaßmethoden. Mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der schulhygienischen Untersuchungen. Von Privatdozent Dr. 
Wolf gang Weichardt (Erlangen). Mit 3 Abbildungen im Text und 

1 Tafel.324 

Zur Errichtung einer Zentralstelle für Volkswohlfahrt. Von Professor Dr. 

H. Albrecht (Gr.-Lichterfelde).336 

Wohnungspflege in England und Deutschland. Von Geheim. Oberbaurat Dr. 

J. Stübben. Mit 2 Abbildungen im Text.353 

Kritiken und Besprechungen: 

Anweisungen des preußischen Ministers der geistlichen, Unterrichts- und 
Medizinalangelegenheiten zur Ausführung des Gesetzes, betreffend die 

Bekämpfung übertragbarer Krankheiten. (M. Pistor).362 

Ludwig Kamen, Dr., Oberstabsarzt: Die Infektionskrankheiten rücksicht¬ 
lich ihrer Verbreitung, Verhütung und Bekämpfung. (M. P.) ... . 363 

Schlockow — Roth-Leppmann: Der Kreisarzt. (M. P.).364 

Das Gesundheitswesen des Preußischen Staates im Jahre 1904. (M. P.) . 365 

Handbuch der gerichtlichen Medizin. (M. P.).366 

Alfred Martin: Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen. (M. P.) 369 
Ueh. Medizinalrat Prof. Dr. Magnus: Abhandlungen zur Geschichte der 
Medizin. Geschichte der Pestepidemien in Rußland von der Gründung 
des Reiches bis auf die Gegenwart von Dr. med. F. Dörbeck. 

(S. Merkel, Nürnberg).372 

W. Roths Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem 

Gebiete des Militär-Sanitätswesens. (S. Merkel, Nürnberg) .... 373 
W. Röttger, Berlin: Genußmittel — Genußgifte? (S. Merkel, Nürnberg) 373 
Lehmanns Medizinische Handatlanten. (S. Merkel, Nürnberg) . . . 374 

L. Heim: Lehrbuch der Bakteriologie. (K iss kalt, Berlin).374 

Dr. Carl Mense: Handbuch der Tropenkrankheiten. (Kisskalt, Berlin) 375 
Dr. W. Schallmayer: Beiträge zu einer Nationalbiologie nebst einer 
Kritik der methodologischen Einwände und einem Anhang über 
wissenschaftliches Kritikerwesen. (E. Pfeiffer, Hamburg) .... 376 
Dr. Umberto Deganello: Süll’ assistenza ospitaliera in Italia e in alcuni 

altri stati. (Pröbsting) ..379 

Stabsarzt Dr. Barthelmes: „Grundsätze der Militärgesundheitspflege für 

den Truppenoffizier“. (Kolb, Nürnberg).381 

Regierungs-und Baurat a. D. Th. Oehmcke: Bauordnung für Großstadt¬ 
erweiterungen und Weiträumigkeit (J. Stübben).382 

Dr. med. Ludwig Teleky: Die Sterblichkeit an Tuberkulose in Öster¬ 
reich 1873 bis 1904. (Seyffert, Stabsarzt a. D.).384 

Prof. Dr. Martin Kirchner, Geh. Obermedizinalrat: Die Tuberkulose 

und die Schule. (Seyffert, Stabsarzt a. D.).385 

Zur Tuberkulosebekämpfung 1906. (Seyffert, Stabsarzt a. D.) .... 386 
Prof. Dr. Gustav Kabrhel: Studien über den Filtrationseffekt der Grund¬ 
wässer. (Vlad. Ruziöka).388 

Dr. ing. Stübben: „Der Städtebau“. (Genzmer, Danzig).390 


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VIII Inhalt des neununddreißigsten Bandes. 

Seite 

Vereine and Versammlungen: 

Deutscher Verein für öffentl. Gesundheitspflege. (Diesjährige Versammlung) 392 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (113. Ver¬ 
zeichnis) .398 


Drittes Heft: 

Die Säuglingssterblichkeit in München in den Jahren 1895 bis 1904 und der 
Einfluß der Witterungs Verhältnisse auf dieselbe. Von Walter Fuerst 


(München).417 

Wird durch Anwendung der staubbindenden Fußbodenöle in den Schulen die 
Staubaufwirbelung während des Unterrichts vermindert ? Von Dr. Arnold 

Meyer (Abteilungsvorsteher am Hygien. Institut, Bremen).430 

Über Behandlung und Unterbringung von Tuberkulösen in allgemeinen Kranken¬ 
häusern und dem neuen Pavillon für Lungenkranke in der städtischen 
Krankenanstalt in Kiel. Von Prof. Dr. G. Hoppe-Seyler, dirig. Arzt 
der städtischen Krankenanstalt in Kiel. Mit zwei Abbildungen im Text 440 


Säuglingssterblichkeit und Säuglingsfürsorge. Von Dr. med. Rudolf Kindt 

(Grimma).450 

Die Leicheneinäscherung vom sozialhygienischen Standpunkte. Von Dr. med. 

Moritz Fürst (Hamburg).480 

Geschichte der Sterblichkeit und der öffentlichen Gesundheitspflege in Frank¬ 
furt a. M. Von Dr. med. W. Hanauer, prakt. Arzt (Frankfurt a. M.) . 498 
Das bakteriologische Untersuchungsamt, seine Aufgaben und Organisation. 

Von Prof. v. E. Esmarch (Göttingen).519 

Zur reichsgesetzlichen Regelung des Apothekenwesens. Von E. Kempf . . 534 
Fürsorge für Krüppel. Von Dr. Leonhard Rosenfeld (Nürnberg) .... 538 
III. Kongreß der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten. Mannheim, 24. bis 25. Mai 1907. Von Dr. Julian Marcuse 


(München) . ...550 

Kritiken and Besprechungen: 

Holger Roo8e: Warmwasserbereitungsanlagen und Badeeinrichtungen. 

(H. Chr. Nussbaum).558 

Dr. jur. Rudolf Siegert: Die Wohnungsfürsorge im Großherzogtum 

Hessen. (H. Chr. Nussbaum).558 

Hygienischer Unterricht für Bautechniker in Frankreich. (J. St.) . . . 558 
Dr. phil. W. Stille: Die Ärzte und unsere Trinksitten. Die Alkoholfrage. 

(Dr. Becker, Dassel).557 

Der Alkoholismus in München. (Dr. Paul Schenk, Berlin).558 

Der Alkoholismus, seine Wirkungen und seine Bekämpfung. (Dr. Paul 

Schenk, Berlin).559 

Zur Frage der Berufsvormundschaft. (Dr. v. Rad, Nürnberg) ..... 560 

Karl Roller: Hausaufgaben und höhere Schulen. (Dr. v. Rad, Nürnberg) 560 
Heisraths Tarsalexzision und Kuhnts Knorpelausschälung in der Gra- 

nulosebehandlung. (Dr. Isakowitz, Nürnberg).562 

H. S a 1 om o n: Die städtische Abwässerbeseitigung in Deutschland. (K i s s - 

kalt, Berlin).562 

Dr. Fritz Kirstein, Kgl. Kreisarzt in Lippstadt: Grundzüge für die Mit¬ 
wirkung des Lehrers bei der Bekämpfung übertragbarer Krankheiten. 
(Altschul, Prag).568 


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Inhalt des neununddreißigsten Bandes. IX 

Seite 

Prof. Dr. Jessen (Straßburg i. £.): a) Der heutige Stand der zahnhygie¬ 
nischen Frage; b) Die Stellung der Schulzahnärzte als städtische 

Beamte. (Altschul, Prag).563 

Erkältung und Erkältungskrankheiten. (Theodor B. Schilling, Nürn¬ 
berg) .564 

Dr. Karl Kisskalt und Dr. Max Hartmann: Praktikum der Bakterio¬ 
logie und Protozoologie. (Fürst, Berlin).565 

Deutsches Bäderbuch. (S. Merkel, Nürnberg).566 

Dr. J. Bongardt in Bochum: Die Naturwissenschaften im Haushalt. 

(S. Merkel, Nürnberg).567 

Prof.Dr. M. Schottelius, Freiburg i.B.: Bakterien, Infektionskrankheiten 

und deren Bekämpfung. (S. Merkel, Nürnberg).567 

Dr. H. Rühle, Stettin: Die Kennzeichnung (Deklaration) der Nahrungs¬ 
und Genußmittel. (S. Merkel, Nürnberg).568 

Die menschliche Stimme und ihre Hygiene. (S. Merkel, Nürnberg) . . 569 
Prof. W. G. Sobernheim: Leitfaden für Desinfektoren. — Prof. A. Lode: 

Über die Desinfektion von Büchern, Drucksachen und dgl. mittels 
feuchter, heißer Luft. — Hilfsbüchlein für Desinfektoren. (S. Merkel, 

Nürnberg).569 

H. Sachs: Bau und Tätigkeit des menschlichen Körpers. (S. Merkel, 

Nürnberg).571 

Max Hübner: Lehrbuch der Hygiene. (S. Merkel, Nürnberg) .... 571 
Dr. A. Bender, KönigL Gewerbeinspektor: Gewerbliche Gesundheitpflege. 

(S. Merkel, Nürnberg).572 

Dr. med. Georg Bonne: Deutsche Flüsse oder deutsche Kloaken? 

(S. Merkel, Nürnberg).572 

Yereine und Versammlungen: 

Sitzung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege .... 574 
XIV. Internationaler Kongreß für Hygiene und Demographie.575 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (114. Ver¬ 
zeichnis) .579 

Viertes Heft (Erste Hälfte): 

Über Händereinigung. Von Dr. K. Port (Nürnberg).609 

Die Entwickelung des Lazarettwqpens in Schweden. Von Medizinalrat Dr. 

Wawrinsky (Stockholm).615 

Die Luftuntersuchungen in Manchester. Mit 2 Abbildungen im Text. Von 

KreisassiBtenzarzt Dr. Ascher (Königsberg, Ostpreußen).652 

Die Vergiftung durch Leuchtgas und andere Kohlenoxyd führende Gasarten 
und deren Verhütung wie gerichtsärztliche Bedeutung. Von Stabsarzt 

Dr. Buchbinder (Ehrenbreitstein). 669 

Entwurf eines Reichs-Apothekengesetzes nebst Erläuterungen. Mit Bemer¬ 
kungen von M. Pi stör (Berlin).708 

Gesamtbericht über die Tätigkeit des Schularztes in Ulm im Wintersemester 

1906/07. Von Dr. K. Sing (Ulm a. D.).742 

Kritiken und Besprechungen: 

Tuberkulosearbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt. (E. Roth) . 759 
Nietner: Bericht über die III. Versammlung der Tuberkuloseärzte. l.Juni 

1906. (E. Roth).759 

Philippi, H.: Die Lungentuberkulose im Hochgebirge, die Indikationen 
und Kontraindikationen derselben, sowie die Anwendung des alten 
Koch sehen Tuberkulins. (E. Roth).760 


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X Inhalt des neununddreißigsten Bandes. 

Viertes Heft (Zweite Hälfte): 

Jahresbericht für die Kreishauptstadt Ulm pro 1906 mit besonderer Berück¬ 
sichtigung des Kostkinderwesens, des Prostitutionswesens und der Kinder¬ 
sterblichkeit während der Jahre 1902 bis 1906. Von Dr. K. Sing . . . 761 
Über den zweiten internationalen Kongreß für Schulhygiene und über den 
achten internationalen Wohnungskongreß zu London vom 5. bis 10. August 

1907. Von R. Wehmer...779 

Die Fabrikation von Fleischkonserven. (Mit 4 Abbildungen im Text.) Von 

Dr. Wilhelm Dosquet.. 785 

Erfahrungen über die moderne Straßenbehandlung. Von Dr. Ammann . . 817 
Aufklärungsarbeit über die Bewahrung der Jugend vor den Genußgiften. 
(Autoreferat über den Vortrag auf dem II. internationalen Kongreß für 

Schulhygiene in London.) Von F. Weigl.821 

Die neue badische Landesbauordnung in hygienischer Beziehung. Von Dr. 

ing. R. Baumeister . .829 

Kritiken and Besprechungen: 

Dr. med. Aug. Paldrock: Der Gonococcus Neisseri. (Dr. Grünwald, 

Frankfurt a. M.). 834 

Hof rat Prof. Dr. H. Ray dt: Spielnachmittage. (Dr. Grünwald, Frank¬ 
furt a. M.) ..834 

L. Becker: Lehrbuch der ärztlichen Sachverständigentätigkeit für die 

Unfall- u. Invaliditäts-Versicherungsgesetzgebung. (E. R o t h, Potsdam) 835 
E. Pütt er: Die Bekämpfung der Tuberkulose innerhalb der Stadt. 

(E. Roth).835 

Frey: Die Zinkgewinnung im oberschlesischen Industriebezirk und ihre 

Hygiene. (E. Roth, Potsdam) .836 

G. Adam: Die Entnebelung von gewerblichen Betriebsräumen. (E. R.) 836 
Gutachten des Reichsgesundheitsrats über den Einfluß der Ableitung von 
Abwässern aus Chlorkaliumfabriken auf die Schunter, Oker und 

Aller. (E. R.) .837 

R. Granier: Lehrbuch für Heilgehilfen und Masseure, Krankenpfleger 

und Bademeister. (E. Roth, Potsdam).838 

R. Flinzer: Die Medizinalgesetze und Verordnungen des Königreichs 

Sachsen. (E. Roth, Potsdam).839 

Dr. med. Heinrich Stadelmann, Nervenarzt in Dresden: Das nerven¬ 
kranke Kind in der Schule. (Hartmann).840 

Die preußischen Apothekengesetze mit Einschluß der reichsgesetzlichen Be¬ 
stimmungen über den Betrieb des Apothekergewerbes. (M. Pistor) 840 
Das Gesundheitswesen des Preußischen Staates im Jahre 1905. (M. P.) 841 

Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte.842 

Desgleichen.843 

Desgleichen. (M. P.).845 

Erster Bericht der Kommission zur Bekämpfung des Rauches in Königs¬ 
berg i. Pr. (M. P.).845 

Prof. Dr. Martin Kirchner, Geh. Ober-Med.-Rat in Berlin: Über den 

heutigen Stand der Typhusbekämpfung. (M. P.).846 

Viertel]ahrsschrift für praktische Pharmazie. (Landsberger, Char¬ 
lottenburg) .847 

Leick (Chefarzt der inneren Abteilung des evangelischen Diakonissen¬ 
krankenhauses zu Witten a. d. Ruhr): Krankenpflege. (Landsberger, 
Charlottenburg).847 


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Inhalt des neununddreißigsten Bandes. 


XI 


Seite 


Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele. (Landsberger, Charlottenburg) 847 
Sternberg, Dr. med.: Kochkunst und Heilkunst. (Landsberger, 

Charlottenburg).848 

Maria Lischn ewska: Die geschlechtliche Belehrung der Kinder. 

(Landsberger, Charlottenburg).848 

L. Pfeiffer sen. (Weimar): Taschenbuch der Krankenpflege. (Lands¬ 
berger, Charlottenburg).849 

Das Medizinalwesen in Elsaß-Lothringen. (Landsberger, Charlottenburg) 850 

Die Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleischbeschau im Deutschen Reiche 

im Jahre 1904. (Landsberger, Charlottenburg).850 


Das preußische Gesetz, betreffend die Bekämpfung übertragbarer Krank¬ 
heiten vom 28. August 1905 und die Ausführungsbestimmungen dazu 
in der Fassung vom 15. September 1906. (Dr. Fürst, Berlin) ... 851 
Professor Dr. Heinrich Jäger, Generaloberarzt, und Frau Anna Jäger: 


Hygiene der Kleidung. (S. Merkel, Nürnberg).852 

Zum Vorgang der Wasserenteisenung. (S. Merkel, Nürnberg) .... 853 
Pfarrer A. Wild: Die körperliche Mißhandlung von Kindern durch Per¬ 
sonen, welchen die Fürsorgepflicht für dieselben obliegt. (S. Merkel, 

Nürnberg)...854 

Statistische Mitteilungen, veröffentlicht vom statistischen Amt der Stadt 

Amsterdam. (S. Merkel, Nürnberg).855 

Dr. Carl Schindler: Die venerische Ansteckung der Hebammen im 

Beruf. (S. Merkel, Nürnberg).855 

Dr. Rudolph Senntorff: Bibliothek für soziale Medizin, Hygiene und 

Medizinalstatistik. (S. Merkel, Nürnberg).856 

Dr. Albert Plehn: Über Beri-Beri. (S. Merkel, Nürnberg).857 

Dr. med. phil. Erhard Glaser, k. u. k. Regimentsarzt: Über Bücher¬ 
desinfektion. (S. Merkel, Nürnberg).857 

Privatdozent Dr. Paul Her re: Wissenschaft und Bildung. (S. Merkel, 

Nürnberg).858 

A. Reich, Direktor: Reinigung und Beseitigung städtischer und gewerb¬ 
licher Abwässer. (S. Merkel, Nürnberg).859 

Sanitätsrat Dr. Brennecke: Freiheit. (S. Merkel, Nürnberg) .... 859 

G. Ilberg: Geisteskrankheiten. (M.).860 

Th. H e y d, Dipl.-Ing.: Die Kanalisation für Oppau in der Rheinpfalz. (J. S t.) 861 
Oberlehrer Karl Roller in Darmstadt: Lehrerschaft und Schulhygiene 

in Vergangenheit und Gegenwart. (Altschul, Prag).861 

Regierungs- u. Geh.Medizinalrat Prof. Dr. G. Leubuscher in Meiningen: 

Schularzttätigkeit und Schulgesundheitspflege. (Altschul, Prag) . 862 

Internationales Archiv für Schulhygiene. (Altschul, Prag).863 

Prof. Dr. Otto Fischer: Kinematik organischer Gelenke. (Port, Nürn¬ 
berg) . 865 

Prof. G. C. Schmidt: Die Kathodenstrahlen. (Port, Nürnberg) . . . 866 
Dr. Fritz Elsner: Die Praxis des Chemikers. (A. Juckenack) . . . 866 

Ne« erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (115. Ver¬ 
zeichnis) .868 


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Julius Reineke f, 


Am Sonnabend den 10. November 1906 verschied nach 
jahrelangen schweren, mit der größten Geduld ertragenen 
Leiden der Medizinalrat des Hamburgischen Staates Dr. med. 
Johannes Julius Reineke im Alter von fast 64 Jahren. 

Um den nie rastenden verdienstvollen Organisator der 
Hamburgischen Medizinal Verwaltung trauert mit seinen Mit¬ 
bürgern und heimischen Kollegen der Deutsche Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege, wie die Herausgeber und die 
Verleger dieser Zeitschrift. 

Julius Reineke hatte sich eine umfassende naturwissen¬ 
schaftliche und medizinische Vorbildung angeeignet, trat nach 
längeren wissenschaftlichen Reisen als Assistenzarzt am Ham¬ 
burgischen Krankenhause ein. Nach dem deutsch-französischen 
Kriege wirkte er an der Irrenanstalt Friedrichsberg als Assistenz¬ 
arzt, ferner als Armenarzt und dann als Assistenzarzt am 
Medizinalamt des Hamburgischen Staates und wurde 1875 
Hamburger Physikus. Während der 1892 er Cholera-Epidemie 
vertrat der Physikus Reineke den schwer erkrankten Medizinal¬ 
rat Dr. Kraus und bewährte sich in dieser schweren Zeit so, 
daß er 1893 zum Medizinalrat ernannt wurde. In dieser 
Stellung hat er 13 Jahre mit den größten Erfolgen zum Segen 
der Hamburger Bevölkerung und vielfach vorbildlich für andere 
Staaten und Gemeinwesen gewirkt. 

Reineke hat mit vollstem Verständnis auf Grund seines 
gründlichen Wissens und mit großer Umsicht auf dem Gebiete 
der praktischen Gesundheitspflege geschaffen und damit be- 


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II 


wiesen, daß ein Arzt wohl Leiter einer Medizinalverwaltung sein 
kann. Mit sicherem Blick wußte er das Erreichbare von dem 
Wünschenswerten zu unterscheiden und durch seine glänzende 
und überzeugende Beweisführung bei den führenden Männern 
in der Regierung der freien und Hansestadt Hamburg die Ge¬ 
nehmigung seiner Anträge durchzusetzen. Mit großem Geschick 
hat Reineke die Bekämpfung der Cholera im Jahre 1892 ge¬ 
leitet, die Verbesserung der Wasserversorgung Hamburgs und 
seineB Landgebietes in Gemeinschaft mit seinem Freunde 
F. Andreas Meyer, unserem verstorbenen Mitherausgeber, 
durchgeführt, den Krankentransport und die Desinfektion ge¬ 
setzlich geregelt, die Wohnungshygiene in hervorragender Weise 
ausgebaut, Wohnungsüberwachung eingeführt, die Organisation 
der Medizinalbehörde zeit- und zweckgemäß gestaltet, das In¬ 
stitut für Schiffs- und Tropenkrankheiten, die Errichtung einer 
biologischen Versuchs-Kläranlage herbeigeführt, den stadtärzt¬ 
lichen Dienst und die Leichenbestattung geordnet. Auch die 
Errichtung eines hygienischen Institutes hat der Verstorbene 
gefördert; die Statistik des Hamburgischen Staates hat er vor¬ 
züglich bearbeitet. Dauernd war er bemüht, unterstützt durch 
die Freigebigkeit der Hamburger Behörden, durch Reisen ins 
Ausland seine Kenntnisse zu erweitern. 

Reineke betätigte sich auch schriftstellerisch nicht uner¬ 
heblich und hat dieser Zeitschrift mehrere Beiträge geliefert, 
u. a. „zur Epidemiologie des Typhus in Hamburg und Altona“, 
„Beseitigung des Kehrichts und anderer städtischer Abfälle be¬ 
sonders durch Verbrennung“, und hat mehrere Vorträge in den 
Versammlungen des Deutschen Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege gehalten, so „über Schiffshygiene“ auf der achten 
Versammlung in Hamburg usw. 

Noch bis vor wenigen Jahren war er als Arzt, wenn auch 
in geringem Umfange, tätig. 

Seinen Mitarbeitern war er ein liebenswürdiger Vorgesetzter, 
entgegenkommend gegen die Mitbürger, kannte aber keine 


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III 


persönlichen Rücksichten gegen den Einzelnen, wie gegen die 
Sippe; für ihn handelte es sich immer nur um die Sache. 

Reineke war ein echter deutscher Mann ohne Kautschuk- 
Wirbelsäule, ein treuer Freund. Wem es vergönnt war, mit 
ihm in nähere Berührung zu kommen oder gar in seiner 
Familie zu verkehren, der wird an solche Stunden sich gern, 
wenn auch heute mit Wehmut erinnern. 

Durch jahrelange Krankheit gezwungen trat Reineke am 
1. Mai 1906 in den Ruhestand, der ihm nur wenige Monate be- 
schieden sein sollte. 

Seine Schöpfungen werden seinen Namen der Zukunft er¬ 
halten. 

Ehre seinem Andenken! 

Im Dezember 1906. 

M. Pistor. Sigm. Merkel. 


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Bericht des Ausschusses 

über die 

Einunddreissigste Versammlung 

des 

Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

zu Augsburg 

am 12., 13. und 14. September 1906. 


Tagesordnung: 

Mittwoch, den 12. September. 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung; Rechenschaftsbericht und geschäftliche 
Mitteilungen. 

1. Bekämpfung der Tollwut. 

Referent: Professor Dr. Frosch (Charlottenburg), 
n. MQchversorgung der Städte mit besonderer Berücksichtigung der 
Sänglingsernähnwg. 

Referenten: Stadtbezirksarzt Dr. Poetter (Chemnitz). 

Beigeordneter Brugg er (Köln). 


Donnerstag, 13. September. 

Zweite Sitznng. 

UI. Walderholungsstätten und Genesungsheime. 

Referent: Dr. R. Lennhoff (Berlin). 

IV. Die Bekämpfung des Staubes im Hanse and auf der Straße. 

Referenten: Professor Dr. Heim (Erlangen). 

Stadtbaumeister Nier (Dresden). 


Freitag, den 14. September. 

Dritte Sitzung. 

V. Welche Mindestforderangen sind an die Beschaffenheit der Woh¬ 
nungen, insbesondere der Kleinwohnungen zn stellen? 

Referent: Reg.-Baumeister a. D. Beigeordneter Schilling (Trier). 


Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. 


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2 


XXXI. Versammlung des Deutschen Vereins 


Erste Sitzung. 

Mittwoch, den 12. September, 9 Uhr vormittags. 

Vorsitzender Professor Genzmer (Danzig): „Hochverehrte An¬ 
wesende! Als diesjähriger Vorsitzender Ihres Ausschusses eröffne ich hier¬ 
mit die 31. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege. Mir wird dadurch die hohe Ehre zuteil, Vertreter der Königlichen 
Staatsregierungen und Vertreter der Stadt Augsburg, in deren gastlichen 
Mauern wir weilen, namens des Vereins hier begrüßen zu dürfen. 

„Ich glaube, Ihrer aller Gefühle zum Ausdruck bringen zu müssen, 
indem ich ferner von Herzen willkommen heiße das Ehrenmitglied unseres 
Vereins, den einzigen Mitstifter unseres Vereins, der unserem Verein noch 
angehört, unseren ebenso hochverdienten wie allverehrten Herrn Geheimrat 
Professor Dr. Lent. 

„Weiter begrüße ich die älteren Vereinsmitglieder, welche mit mir seit 
einer langen Reihe von Jahren bei unseren Wanderungen durch die deutschen 
Gaue sich alljährlich zusammenfinden zu ernster Arbeit bei unseren Ver¬ 
handlungen und zu einem nicht minder wichtigen Austausch persönlicher 
Erfahrungen und Anschauungen im engeren Freundeskreise, sowie zur An¬ 
knüpfung neuer Verbindungen und neuer Freundschaftsbande. 

„Endlich bewillkommne ich die neu hinzugetretenen Mitglieder unseres 
Vereins mit dem lebhaften Wunsche, daß sie uns auch fernerhin treu bleiben 
möchten; denn auf ihnen beruht die Zukunft unseres Vereins, auf ihnen 
das Fortbestehen unserer Bestrebungen. 

„Ich gebe der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß unter Ihrer 
aller tätiger Mitwirkung auch in der diesjährigei* Tagung unseres Vereins 
durch Rede und Gegenrede, durch das, was wir hier in Augsburg an muster¬ 
gültigen Veranstaltungen und Einrichtungen auf dem Gebiete der öffentlichen 
Gesundheitspflege sehen werden, Wahrheiten erkannt, Anregungen gegeben 
werden, welche uns unserem hohen Ziele, der Volksgesundheit zu dienen, 
wiederum um einen guten Schritt näher bringen. 

„Namens des Ausschusses habe ich Sie nun zu bitten, das Bureau dieser 
Versammlung zu besetzen. Es wird Ihnen zu dem Zwecke vorgeschlagen: 
zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden zu wählen den Ersten Bürger¬ 
meister der Stadt Augsburg, Herrn Hofrat Wolfram; zum zweiten stell¬ 
vertretenden Vorsitzenden den Herrn Bezirksarzt Dr. Böhm und zum stell¬ 
vertretenden Schriftführer den städtischen Oberingenieur Herrn Nieder¬ 
reiter. Ich bitte die genannten verehrten Herren, die Wahl freundlichst 
annehmen und sich mit uns an dem Tische hier niedersetzen zu wollen. 

„Ich erteile sodann das Wort dem Herrn Medizinalrat, Regierungsrat 
Dr. Roger, welcher die Freundlichkeit haben wird, namens der Königlich 
Bayerischen Staatsregierung zu uns zu sprechen. tt 


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3 


für öffentliche Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Kgl. Regierangs- und Kreismedizinalrat Dr. Otto Roger 

(Augsburg): „Hochansehnliche Versammlung! Sehr verehrte Damen und 
Herren! Ein dreifacher Auftrag führt mich an diese Stelle: Im Namen des 
Königlich Bayerischen Staatsministeriums des Innern, des Königlichen 
Staatsministeriums des Innern für Kultus- und Schulangelegenheiten und 
auch der Königlichen Regierung von Schwaben und Neuburg habe ich Ihre 
Versammlung zu begrüßen und Ihren Verhandlungen beizuwohnen. 

„Wie groß das Interesse ist, das die Staatsregierung und nicht minder 
auch die Kreisregierung an Ihren Verhandlungen nehmen, bedarf wohl einer 
näheren Versicherung, weiterer Ausführung und Begründung nicht. Ist 
doch die Pflege der Volksgesundheit eine der vornehmsten, eine der not¬ 
wendigsten Aufgaben jeder Regierung und haben deshalb auch bei uns 
schon mehrfache Punkte Ihres diesjährigen Beratungsprogrammes in Bekannt¬ 
machungen, Verordnungen und oberpolizeilichen Vorschriften, welche unseren 
amtlichen Kollegen zur Genüge bekannt sein dürften und deren namentliche 
Aufzählung ich mir und Ihnen wohl ersparen darf, bereits die entsprechende 
Behandlung erfahren. 

„Reich ist Ihr Programm, und gleich seine erste Nummer hat leider 
in neuerer Zeit auch in einem Teile unseres engeren Vaterlandes eine er¬ 
höhte aktuelle Bedeutung erlangt. Was die übrigen Punkte Ihres Beratungs¬ 
programmes betrifft, so behandeln sie meist näherliegende Fragen, welche 
in ärztlichen Vereinigungen, in der Fachpresse, sowie auch in der Tages¬ 
presse seit geraumer Zeit schon, und ich darf vielleicht sagen unausgesetzt, 
Gegenstand der Besprechung und Behandlung sind, bei deren Beratung 
sensationslüsterne Gemüter wohl kaum auf ihre Rechnung kommen dürften, 
und die zumeist in Grund- und Leitsätzen kulminieren, welche oberflächlicher 
Urteilende wohl leicht geneigt sein möchten, als mehr weniger vulgäre Wahr¬ 
heiten zu taxieren. Leider sind sie aber zu solchen noch nicht geworden, 
und gilt eben Ihre Arbeit gerade dem Bemühen, sie erst zu solchen zu 
machen: die Grundsätze der Gesundheitslehre in die breitesten Schichten 
des Volkes zu tragen und diesen zum Bewußtsein zu bringen, wieviele Mi߬ 
stände und Verluste, wieviel Jammer und Elend leicht erspart und vermieden 
bleiben könnten, wüßte das Volk nur erst vernunftgemäß zu leben, zu 
wohnen, sich zu nähren und loszukommen aus den Ketten und Banden so 
mannigfacher und zahlreicher Vorurteile und Gewohnheiten, diejsein Urteil 
trüben und die in ihm wurzeln althergebracht und fast unausrottbar. Und 
doch werden sie noch ausgerottet werden; doch muß das Dunkel des Irrtums 
noch dem Lichte der Erkenntnis weichen; doch wird der Sieg und der Erfolg 
noch Ihren Anstrengungen zuteil werden; wenn auch nicht mit einem 
Schlage, so doch allgemach, Schritt für Schritt! 

„Möchte auch die diesjährige Tagung Ihrer Vereinigung in den Mauern 
unserer alten Römerstadt, deren reiche Geschichte auch ein großes und lehr¬ 
reiches Stück Geschichte der Gesundheitslehre in sich schließt, und welche nach 
manchen trüben und düsteren Tagen der Vergangenheit in neuerer Zeit nun 
auch auf diesem Gebiete in der erfreulichsten Weise im Aufschwünge und im 
Aufsteigen begriffen ist zum Besseren und Besten, eine erfolgreiche und be¬ 
deutsame Episode bilden in diesem Kampfe, den Sie kämpfen, freudig und 
unentwegt unter der leuchtenden Devise: Suprema lex salus publica! 

1 * 


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4 


XXXI. Versammlung des Deutschen Vereins 


„In diesem Sinne begrüße ich Ihre Versammlung, und wünsche ich 
Ihren Verhandlungen einen gedeihlichen Gang und besten Erfolg. tt 

Erster Bürgermeister Hofrat Wolfram (Augsburg): „Hochgeehrte 
Versammlung! Ich danke zunächst dem verehrten Herrn Präsidenten für 
die freundliche Begrüßung, die er den Vertretern der Stadt Augsburg hat 
zuteil werden lassen. Sie wissen ja, meine hochverehrten Damen und 
Herren, daß jede Stadt, in der der Deutsche Verein für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege seine alljährliche Tagung abhält, es als eine hohe Ehre betrachtet, 
daß diese illustre Versammlung in ihren Mauern tagt, und so empfinden 
wir es auch in Augsburg als eine hohe Ehre, daß Sie für Ihre Tagung 
unsere Stadt gewählt haben. Wir sind uns bewußt, daß uns diese Wahl 
die Verpflichtung auferlegt, unseren lieben Gästen den Aufenthalt in Augs¬ 
burg möglichst angenehm zu gestalten. 

„Die Stadt, die Sie alljährlich besuchen, hat sich in bezug auf ihre 
sanitären Einrichtungen einer Generalrevision zu unterstellen, und jede 
Stadt hat keinen sehnlicheren Wunsch, daß sie bei dieser Generalrevision 
nicht zu leicht befunden werde. Sie können deshalb den Wunsch begreiflich 
Anden, den ich als Vertreter der Stadt Augsburg hege, daß Sie unseren 
Einrichtungen reges Interesse entgegenbringen möchten und daß Sie mit 
dem Eindruck von hier scheiden möchten, daß wir emsig bemüht waren, in 
einen eifrigen Wettstreit einzutreten mit den übrigen blühenden Gemein¬ 
wesen unseres Vaterlandes. Als Bürgermeister der Stadt Augsburg glaube 
ich, ohne unbescheiden zu sein, sagen zu dürfen, daß wir uns in bezug auf 
unsere Wasserversorgung, Schlacht- und Viehhöfe, öffentliche Bäder, öffent¬ 
liche Anlagen, Fürsorge für Kranke, Arme und Gebrechliche auf der Höhe 
der Zeit befinden und daß wir getrost Ihrem Urteil entgegenseben können. 
Was die Kanalisation betrifft, so haben wir zwar hygienisch vollkommen 
befriedigende Zustände, wir sind aber in einer grundsätzlichen Änderung 
begriffen, und wir werden deshalb Ihnen auf dem Gebiete der Kanalisation 
nichts besonders Neues zu zeigen haben. 

„Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege hat ein Haupt¬ 
augenmerk darauf gerichtet, das Wohnungswesen zu verbessern, und die 
Bestrebungen des Vereins sind nach der Richtung hin schon von kräftigem 
Erfolge begleitet gewesen. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß die 
Stadt Augsburg in den letzten Jahren eine umfassende Wohnungserhebung 
durch sachkundige Leute durchgeführt hat. Das Resultat dieser Erhebungen 
ist vollständig wissenschaftlich bearbeitet, soviel ich weiß zum erstenmal 
in einer deutschen Stadt, und wir haben in gerechter Würdigung der Ver¬ 
dienste des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege, die er sich gerade auf 
dem Gebiete des Wohnungswesens erworben hat, diese wissenschaftliche 
Bearbeitung dem Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege gewid¬ 
met und haben Ihnen die bezügliche Festschrift überreichen lassen. Ich 
bitte, diese Festschrift gütigst entgegennehmen zu wollen. 

„Sie wissen, meine hochverehrten Damen und Herren, daß in unserem 
Lande unsere Stadt in bezug auf Industrie eine gewisse hervorragende 
Stellung einnimmt. Insbesondere unsere Maschinenindustrie, unsere Baum¬ 
wollenindustrie hat einen gar guten Klang in der weiten Welt. Aber mit 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu Augsburg. 6 

Stolz kann ich es als Erster Bürgermeister der Stadt konstatieren, daß 
unsere Industrie nicht bloß darauf bedacht ist, Geld zu verdienen, sondern 
daß sie allezeit bestrebt war, auch für entsprechende Wohlfahrtseinrichtungen 
zu sorgen, und die verehrten Damen und Herren, denen ja unsere Industrie 
in bereitwilliger Weise ihre Etablissements öffnen wird, werden sich über¬ 
zeugen können, daß unsere Industrie nach der Richtung weitgehende Für¬ 
sorge getroffen hat. 

„Und nuu heiße ich Sie alle mitsammen in unserer lieben Stadt Augs¬ 
burg herzlich willkommen. Ich wünsche, daß Ihre Verhandlungen, wie 
bisher, vom besten Erfolge begleitet sein möchten; ich wünsche aber auch, 
daß Sie sich wohl bei uns befinden und daß Sie aus unserer Stadt mit dem 
Eindruck scheiden mögen, daß wir bemüht waren, Ihnen herzlichste Gast¬ 
freundschaft entgegenzubringen. Herzlich willkommen in Augsburg rufe 
ich Ihnen allen zu. tt 

Vorsitzender Professor Oenzmer (Danzig): „Ich danke den 
beiden Herren Vorrednern für Ihre liebenswürdigen Worte. Es war eine 
Freude für uns zu hören, daß die Herren von denselben Bestrebungen erfüllt 
sind, die wir verfolgen; denn erst dadurch werden die Ziele, welche wir 
uns stecken, erreichbar, wird das, was wir als richtig erkennen und das, 
von dem wir wollen, daß es in weiteren Kreisen verbreitet wird, erst wirk¬ 
lich in die Tat umgesetzt. Wir können hier nur raten und empfehlen, die 
Ausführung liegt bei den Behörden. Darum sind wir dankbar für die Er¬ 
klärung des Herrn Vertreters der Staatsregierung, daß die Staatsregierung 
auch unsere Aufgaben zu den ihrigen macht; darum sind wir dankbar für 
das, was der Herr Erste Bürgermeister dieser Stadt uns hier eben mitgeteilt 
hat von den Bestrebungen, die seine Stadt verfolgt. Ich glaube ihm nach 
dem, was ich bei dem kurzen Aufenthalt bisher hier gesehen habe, schon 
jetzt versichern zu können, daß die Generalrevision, von welcher er sprach, 
günstig ausfallen wird, und daß die Stadt Augsburg nicht zu leicht befunden 
werden wird. — 

„Ich bitte nunmehr unseren Herrn ständigen Sekretär, Dr. Pröbsting, 
uns den Rechenschaftsbericht zu erstatten. tt 

Rechenschaftsbericht 

des Ausschusses des Deutschen Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege für das Geschäftsjahr 1905/06. 

Durch Beschluß der Versammlung in Mannheim wurde der Ausschuß 
folgendermaßen zusammengesetzt: 

Oberbürgermeister Beck (Mannheim), 

Präsident des Landesmedizinalkollegiums Geh. Medizinalrat 
Dr. Buschbeck (Dresden), 

Baurat Professor Genzmer (Zoppot), 

Geh. Sanitätsrat Professor Dr. Le nt (Köln), 

Oberbürgermeister Dr. Lentze (Magdeburg), 

Oberbaurat Schmick (Darmstadt) und 
Dr. Pröbsting (Köln), ständiger Sekretär. 


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6 


XXXI. Versammlung des Deutschen Vereins 


Nach Schluß der Versammlung trat der Ausschuß zu einer Sitzung 
zusammen und wählte gemäß § 7 der Satzungen Herrn Baurat Professor 
Genzmer zum Vorsitzenden für das Geschäftsjahr 1905/06. 

Die von der Versammlung in Danzig beschlossene Absendung eines 
Fragebogens an alle Städte über 50000 Einwohner über die Ausbildung 
und die Stellung der städtischen Heizingenieure und die Verwaltung und 
Vergebung der Heizanlagen wurde erledigt. Das Resultat soll bearbeitet 
und demnächst veröffentlicht werden. 

Der Ausschuß trat satzungsgemäß am 4. Februar in Köln zu einer 
Sitzung zusammen, erledigte die laufenden Angelegenheiten, wählte Augs¬ 
burg zumOrt der diesjährigen Versammlung, als Zeit die Tage vom 12. bis 
15. September und stellte die Tagesordnung in der den Mitgliedern zuge¬ 
gangenen Fassung auf. 

Bei dem 50 jährigen Stiftungsfest Deutscher Ingenieure war der Verein 
durch seinen Vorsitzenden Herrn Baurat Professor Genzmer vertreten. 

In den Ausschuß für die in Dresden im Jahre 1909 geplante Allgemeine 
Internationale Hygiene-Ausstellung wurde der Berichterstatter gewählt. 

Die Rechnungsablage für das Jahr 1905 wurde von dem Ausschuß 


geprüft und richtig befunden. 

Es betrug danach: 

Kassenbestand am 1. Januar 1905 . 1 856,70 M. 

Einnahmen durch Beiträge und Zinsen. 10 396,06 „ 

Mithin zusammen . . 12 252,76 M. 

Ausgaben. 9 882,26 n 


Somit Kassenbestand für 1906 . . 2 370,50 M. 

Die Mitgliederzahl des Vereins betrug zu Ende des Jahres 1905: 1708. 
Von diesen sind im Laufe des Jahres ausgeschieden 155, davon 28 durch Tod. 

Es sind dies die Herren: 

Inspektor Adam (Köln), 

Kommerzienrat Berger (Danzig), 

Geh. Medizinalrat Dr. G. Butter (Kötschenbroda), 

Hofrat Dr. Cnopf (Nürnberg), 

Generaloberarzt Dr. Davids (Kiel), 

Oberbaurat v. Ehmann (Stuttgart), 

Professor Dr. Elsner (Berlin), 

Geh. Regierungsrat Professor Dr. Emmerling (Kiel), 

Dr. med. Gläser (Hamburg), 

Dr. med. Guttenplan (Frankfurt a. M.), 

Medizinalrat Dr. Haase (Danzig), 

Kreisarzt Dr. Herrendörfer (Ragnit), 

Sanitätsrat Dr. Horn (Gnoien), 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu Augsburg. 7 

Obermedizinalrat Dr. Kersch (Speier), 

Sektionschef im Ministerium des Innern Kusy 
Ritter von Dubraw (Wien), 

Geh. Sanitätsrat Prof. Dr. La ehr (Zehlendorf), 

Medizinalrat Dr. Mankiewicz (Posen), 

Hofrat Professor Dr. M eiding er (Karlsruhe), 

Regierungs- und Geh. Medizinalrat Dr. Meinel (Metz), 

Geh. Medizinalrat Dr. Meyer (Schiltigheim), 

Sanitätsrat Dr. Müller (Schandau), 

Oberstabsarzt Dr. Müller (Mannheim), 

Medizinalrat Dr. Overkamp (Warendorf), 

Generalarzt Dr. Port (Nürnberg), 

Medizinalrat Dr. Schacht (Berlin), 

Generalarzt a. D. Dr. Scholz (Braunschweig), 

Hofrat Dr. Paul Schubert (Nürnberg), 

Physikus Dr. Wahne au (Hamburg). 

Neu eingetreten sind 120 Mitglieder, so daß der Verein zurzeit 
1673 Mitglieder zählt, von denen 395 in Augsburg anwesend sind. u 

Vorsitzender, Professor Göüzmer (Danzig): „Verehrte Damen 
und Herren! Wir haben mit tiefem Schmerz soeben gehört, daß wiederum 
eine große Zahl unserer Vereinsmitglieder uns auf dem Wege in die Ewig¬ 
keit vorangegangen ist, auf dem wir ihnen, der eine früher, der andere 
später, einmal folgen "werden. Es würde uns zu weit führen, sollte ich 
Ihnen ein Bild ihres Lebens im allgemeinen und ihres Wirkens für unseren 
Verein im besonderen hier entrollen. Ich glaube auch nicht, daß dies im 
Sinne der Verstorbenen liegen würde. Sie waren uns alle treue Mitarbeiter. 
Ihr Wirken bleibt daher mit dem unsern dauernd verbunden. Wir werden 
ihnen stets ein ehrenvolles Andenken in unseren Herzen bewahren. 

„Zum Zeichen dessen bitte ich die verehrte Versammlung, sich von 
den Plätzen zu erheben. (Geschieht.) Ich danke Ihnen. 

„Wir können nunmehr in die eigentlichen Verhandlungen eintreten. 
Das Wort hat Herr Professor Dr. Frosch, welcher die Güte haben wird, 
uns Bericht zu erstatten über: 


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8 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


Die Bekämpfung der Tollwut. 


Es lauten die von dem Referenten Prof. Dr. Frosch (Berlin) auf¬ 


gestellten 


Leitsätze: 


1. Unter dem Einfluß sanitätspolizeilicher Maßnahmeu hat eine deutliche Ab¬ 
nahme der Hundswut in Deutschland stattgefunden. 

2. Zur Vervollständigung dieses Erfolges erscheint die allgemeine Durchführung 
des Maulkorbzwanges und ein scharfes Vorgehen gegen herrenlose Hunde 
geboten. 

8. Die Wirksamkeit der Tollwutbekämpfungsmaßnahmen ließe sich durch gegen¬ 
seitige behördliche Mitteilung beim Auftreten der Wut in den Grenzorten 
benachbarter Länder beschleunigen und verstärken. 

4. In verseuchten oder erfahrungsgemäß häufig von Hundswut heimgesuchten 
Orten wäre die Schutzimpfung der Hunde zu versuchen. 

5. Es ist noch mehr wie bisher Sorge zu tragen für Belehrung des Publikums 
über den Nutzen der Pasteurschen Behandlung und die Notwendigkeit 
ihres möglichst frühzeitigen Beginnes. 

6. Die Pasteursche Behandlung vermag die Tollwutinfektion beim Menschen 
unschädlich zu machen. Der Erfolg ist unter sonst gleichen Bedingungen 
um so sicherer, je kürzere Zeit zwischen Biß und Beginn der Behandlung 
vergeht. 

7. Der Erreger der Hundswut ist noch unbekannt. Die von Negri im Gehirn 
tollwutkranker Tiere entdeckten eigenartigen Zelleinschlüsse sind zwar nur 
der Tollwut eigentümlich, doch ist ihre ursächliche Bedeutung nicht be¬ 
wiesen. 

Referent, Professor Dr. Frosch (Berlin): • 

„Hochgeehrte Versammlung! Die Krankheit, deren Bekampfung ich 
heute die Ehre habe, vor Ihrem Forum zu erörtern, gehört nicht mehr zu 
den gefürchteten Seuchen, die durch die Zahl ihrer menschlichen Opfer die 
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Weite Kreise unserer Bevölke¬ 
rung kennen die Hunds wut kaum anders als dem Namen nach, und vielfach 
wird ihr eine Bedeutung nicht mehr zugemessen, weil die Zahl der mensch¬ 
lichen Opfer verschwindend klein und auch der Verlust an nützlichen oder 
wertvollen Tieren so gering ist, daß er im Vergleich mit anderen Tierseuchen 
eine wirtschaftliche Bedeutung kaum besitzt. 

„So richtig diese letzteren Tatsachen auch gegenwärtig sind, so ist 
doch damit das Wesen der Tollwutgefahr nicht erschöpft; der Hygieniker 
hat vielmehr Grund genug, diese Gefahr ganz anders und viel ernster zu be¬ 
urteilen. Ich brauche ja nur zu erinnern an die Verbreitung der Seuche noch 
in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, brauche nur darauf hinzu weisen, daß die 
Toll wut erkrankung zum Unterschied fast von allen anderen Infektionskrank¬ 
heiten, selbst Cholera und Pest, immer unter schrecklichen Qualen tödlich ver¬ 
läuft. Wenn ich dann weiter hinzufüge, daß auch die Schutzimpfung nach 
Pasteur kein absolutes Heilmittel darstellt, daß wir ferner mit unseren 
sonst so wirksamen sanitätspolizeilichen Maßnahmen die Tollwut haben in 
Deutschland noch nicht vollständig ausrotten können, sondern umgekehrt 
sogar eine geringe Zunahme, ein allmähliches Anwachsen der Seuche im 
Laufe der letzten Jahre nicht mehr verkennen dürfen, so werden Sie mir 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 


9 


wohl beipflichten, daß Sorglosigkeit oder Geringschätzung gegenüber dieser 
Gefahr ein schwerer und vielleicht verhängnisvoller Fehler sein würde. Wir 
dürfen nicht übersehen, was uns der ungezügelte Lauf dieser Seuche leicht 
einbringen könnte, dürfen nicht vergessen, daß unter geeigneten Bedingungen 
die Hundswut einen ausgesprochen seuchenhaften Charakter annehmen kann. 
Um dafür Belege zu Anden, ist es nicht nötig, in mittelalterlich ferne Ver¬ 
gangenheit Zurückzugreifen. Schon das 18. Jahrhundert mit 13 und schlimmer 
noch das 19. Jahrhundert mit wenigstens 29 größeren, echten und richtigen 
Epidemien von Hundswut,, einige davon mit mehrjähriger Dauer, lassen 
gerade diese gefährliche Eigenschaft der Seuche erkennen. Im Verlaufe 
dieser überall mit erheblichen Opfern an Tier und Menschen verbundenen 
Epidemien sehen wir beinahe alle Länder Europas heimgesucht und darüber 
hinaus auch das Auftreten der Seuche in Amerika und Asien. Besonderes 
Interesse erweckt die große Seuche von 1819 bis 1829 durch zwei Eigen¬ 
schaften, die wir als Seuchenmerkmale kennen: die Wanderung von Land 
zu Land durch Italien, die Schweiz, Deutschland, Holland, Norwegen, 
Schweden, Rußland und England, fast erinnernd an den Seuchenzug der 
Cholera oder der schwarzen Pocken im Mittelalter, und ferner das außer¬ 
ordentlich heftige Auftreten der Seuche, so daß neben Hunden, Wölfen, 
Füchsen, Katzen auch Pferde, Rinder, Schweine, selbst Hirsche und Rehe in 
großer Zahl zugrunde gingen. 

„Zuverlässige statistische Aufzeichnungen über die Zahl der Opfer 
namentlich unter den Menschen besitzen wir begreiflicherweise aus jenen 
ferner liegenden Zeiten nicht. Immerhin muß der Verlust an Menschen 
selbst noch zu Anfang des verflossenen Jahrhunderts beträchtlich gewesen 
sein. So starben allein in Preußen von 1800 bis 1810 jährlich 200 bis 
260 Menschen an Tollwut, und von 1810 bis 1819 finden sich noch weitere 
1053 Todesfälle an Tollwut verzeichnet. Diese hohe Sterblichkeit ist zwar 
in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts unter dem Einflüsse sani¬ 
tärer Maßregeln nach und nach heruntergegangen, doch finden sich immer 
noch gelegentlich einzelner Epidemien ganz erschreckende Zahlen. So 
starben in Wien noch im Jahre 1884 infolge der Aufhebung des Maulkorb¬ 
zwanges 141 Menschen in dieser einen Stadt und in diesem einen Jahre an 
Tollwut, und ähnliche Beispiele ließen sich mit Leichtigkeit noch viele an¬ 
führen. 

„In Preußen herrschte zu Ende der sechziger und in der ersten Hälfte 
der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Tollwut so häufig und so 
ausgedehnt, daß in den meisten Jahren alle Regierungsbezirke ergriffen waren. 
In Bayern war die Hundswut zu jener Zeit die häufigste Krankheit der Haus¬ 
tiere überhaupt, und in Württemberg fielen 1863 bis 1871 wenigstens 
597 wütende Tiere, von denen nachweislich 449 Menschen gebissen wurden. 
In ähnlicher Weise herrschte die Seuche auch im Königreich Sachsen, und 
wenn man für jene Zeit die Gesamtsumme für Süddeutschland allein zieht, 
so ergeben sich beispielsweise für 1865 bis 1867 rund 4500 tolle Hunde 
und 900 von ihnen gebissene Menschen. 

„Nun, meine Damen und Herren, diese Angaben, die sich leicht und 
reichlich aus der Stastistik außerdeutscher Länder vermehren ließen, zeigen 
schon alles in allem, eine wie gefährliche und auch für den Menschen ver- 


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10 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


derbliche Seuche die Hundswut sein kann und daß ihre Existenz in irgend 
einem Lande eine nie versiegende Quelle dauernder Beunruhigung und Ge¬ 
fährdung der Volksgesundheit bilden muß. 

„Gegenwärtig freilich ist es anders und besser. Seit dem Inkrafttreten 

23. Juni 1880 . 

des Reichsviehseuchengesetzes vom ^ 139 4 " cm 8 anz entschiedener 


Rückgang der Hundswut sowohl in geographischer Beziehung, als auch in 
der Zahl der Erkrankungsfälle bei Tieren und Menschen zu verzeichnen. In 
dem 20 jährigen Zeitraum, den wir heute statistisch sicher überblicken können, 
sind in ganz Deutschland der Wutkrankheit zum Opfer gefallen: 12011 Hunde, 
2031 Rinder und 681 andere Tiere (Schafe, Schweine, Pferde usw.), in 
Summa 14 723 Tiere und, last not least, in der ganzen Zeit 93 Menschen. 

„Von den wutkranken Tieren entfallen auf: 

Preußen .... 85,05 Proz. der Gesamtsumme 

Königreich Sachsen 8,58 „ „ „ 

Bayern .... 3,69 „ „ „ 

d. h. auf diese drei Staaten allein entfallen 97,33 Proz., und für alle anderen 
Bundesstaaten verbleiben nur 2,67 Proz. 

„Auf den Jahresdurchschnitt berechnet heißt das: es sterben im Deut¬ 
schen Reiche jährlich 736,15 Tiere und alljährlich etwa 4 oder 5 Menschen 
an Tollwut. 

„Welch ein Unterschied gegen früher! 

„Der Hauptanteil entfällt, wie Sie sehen, auf die drei größten Staaten des 
Reiches, und es könnte scheinen, als ob die Tollwutsterblichkeit der Ein¬ 
wohnerzahl oder der Größe des Gebietes entspräche. Doch trifft das zunächst 
rechnerisch nicht zu, denn die Einwohnerzahlen von Preußen, Bayern und 
Sachsen verhalten sich wie 8 3 / 4 zu Vfa zu 1 , die entsprechenden Tollwut¬ 
zahlen aber wie 24 zu 1 zu 2 1 /a* Auch die Beziehung zu dem Flächeninhalt 
oder der Bevölkerungsdichtigkeit der drei Reiche gibt keine korrespondieren¬ 
den Verhältnisse. Alle Kalkulationen nach der Richtung werden auch über¬ 
flüssig, wenn die Ausbreitung der Tollwut innerhalb dieser drei Staaten 
nach Beteiligung der einzelnen Provinzen, Regierungsbezirke usw. untersucht 
wird. Hierbei ergibt sich für Preußen, daß auf vier von seinen zwölf Pro¬ 
vinzen, und zwar: 


Ostpreußen . . 

. . . mit 25 Proz. 

Posen .... 

• • • , , 

Schlesien . . . 

••• . 20 „ 

Westpreußen. 

• • • » 15 , 

zusammen . . 

. . . 84 Proz. 

aller Tollwutfalle entfallen. 


„Ebenso für Bayern, daß auf 

die unter sich ziemlich gleichmäßig be- 

troffenen Regierungsbezirke Niederbayern, Oberfranken und Oberpfalz zu¬ 
sammen wieder 83 Proz. aller überhaupt vorkommenden Tollwutfälle ent¬ 
fallen. In beiden großen Staaten sind also über 4 /s sämtlicher Fälle in den 
Landesteilen lokalisiert, die an Rußland und Österreich grenzen. 

„Werden diese Tollwutzahlen 

noch weiter aufgelöst nach kleineren 


Verwaltungszentren (Kreise, Amtshauptmannschaften usw.), so ergibt sich 
für Preußen, Bayern und nun auch für das Königreich Sachsen immer deut- 


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11 


Die Bekämpfung der Tollwut. 

licher und handgreiflicher die sehr bemerkenswerte Tatsache, daß ganz all¬ 
gemein die weitaus überwiegende Zahl sämtlicher Tollwutfälle im Deutschen 
Reiche aus den unmittelbaren Grenzgebieten gegen Rußland und 
Österreich stammt! 

„Als Resultat dieser 20jährigen Übersicht kann also vom epidemiolo¬ 
gischen Standpunkte Deutschland im großen als frei von Tollwut erklärt 
werden, ausgenommen seine verseuchte östliche Grenze. 

„Der Weg, auf dem dieser Stand der Dinge erreicht wurde, ist bestimmt 
und gegeben durch die Vorschriften des Reichsyiehseuchengesetzes und der 
Instruktionen des Bundesrates vom 24. Februar 1881. Es muß interessieren, 
die Mittel kennen zu lernen, mit denen so viel erreicht werden konnte und 
die bis zur völligen Befreiung unseres Landes von der Seuche noch viel 
stärker angestrengt werden müssen. 

„Wie unsere ganze neuzeitliche sanitäre Gesetzgebung, fußen auch die 
auf Tollwut bezüglichen Vorschriften des Gesetzes auf den allgemeinen und 
den besonderen Eigentümlichkeiten dieser Seuche hinsichtlich ihrer An¬ 
steckung und Verbreitung. Bei vielen anderen Infektionskrankheiten können 
wir derartige Vorschriften direkt auf die experimentell ermittelten Lebens¬ 
eigenschaften des wohlbekannten Erregers zuschneiden. Bei der Tollwut 
fehlt uns zwar diese Hilfe, die Kenntnis ihres Erregers, leider noch immer. 
Wir können aber indirekt durch epidemiologische Beobachtungen oder Ver¬ 
suche mit infektiösem Material doch die zur Bekämpfung der Seuche not¬ 
wendige reale Grundlage uns verschaffen. Das Bild, das auf diesem Wege von 
den wichtigsten Lebenseigenschaften des Tollwuterregers gewonnen ist, zeigt 
folgendes: Der Erreger der Hundswut hat seinen Sitz im Gehirn, Hals und 
Rückenmark, den größeren Nervenstämmen, in den Speicheldrüsen und im 
Speichel der Erkrankten. Auch in der Milch, der Tränenflüssigkeit, im Urin 
und in der Lymphe erkrankter Tiere ist er gefunden, dagegen nicht im Blute 
nachgewiesen. Diese letzteren Befunde sind aber so unbeständig und selten, 
daß für die Übertragung der Krankheit praktisch allein der Speichel kranker 
Tiere in Frage kommt. Der Speichel ist aber nicht nur während der eigent¬ 
lichen Erkrankung ansteckend, sondern, was sehr zu beachten ist, schon zwei 
bis vier Tage vor dem Ausbruche der Krankheit, also zu einer Zeit, wenn 
beispielsweise der dem Tode geweihte Hund scheinbar noch gesund uns um¬ 
spielt und die Hand zu lecken versucht. Andererseits ist auch beobachtet, 
daß selbst bei ausgebrochener Krankheit der Speichel nicht immer virulent 
ist, und daraus erklärt es sich vielleicht neben anderen Momenten, daß nicht 
jeder Biß eines tollen Tieres die Krankheit hervorruft. 

„Das Wutgift selbst ist ziemlich widerstandsfähig gegen äußere Ein¬ 
flüsse, wie etwa Trocknen, Verfaulen usw. Auch Desinfektionsmittel, wie 
Sublimat, Carbol usw., müssen in den üblichen Konzentrationen zwei, auch drei 
Stunden ein wirken, nur strömender Wasserdampf vernichtet das Gift schnell. 

„Die allerhäufigste Form der Übertragung ist die durch den Biß eines 
kranken oder kurz vor dem Ausbruche der Krankheit stehenden Hundes, 
oder in gewissen gebirgigen Gegenden (Vogesen, Jura, Karpathen) auch des 
Wolfes. In Deutschland entfallen nach der vorher mitgeteilten Zusammen¬ 
stellung auf 14 723 Tiere 12011 Hunde, das sind 81,6 Proz. Für Ungarn 
soll sich dieser Prozentsatz auf 87,4 und in Frankreich sogar auf 92,7 Proz. 


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12 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

erhöhen. Dieses Überwiegen des Hundebisses kommt auch anderweitig zum 
Ausdruck. So waren nach einer Zusammenstellung von Kirchner in Preußen 
94 Proz. aller gebissenen Menschen durch Hunde verletzt, und ähnliche 
Zahlen zwischen 80 bis 95 Proz. sind auch außerhalb Deutschlands beob¬ 
achtet. Hierher gehört auch die Tatsache, daß bei Einschleppung in un- 
verseuchte Länder auf dem Seewege die Krankheit regelmäßig von den ein¬ 
geführten Hunden ausging (Madeira und Kapkolonie 1892). Deshalb haben 
sich vielfach gegen Hunde gerichtete Einfuhrverbote oder diesen gleich¬ 
kommende Maßregeln — zwei- bis sechsmonatige Quarantäne auf Kosten 
der Hundebesitzer — da bewährt (England, Holland, Australien), wo die 
geographische Lage die wirksame Durchführung solcher Maßregeln begünstigt. 
Neben dem Hundebiß spielt die Infektion durch andere Tiere zwar zahlen¬ 
mäßig keine erhebliche Rolle, darf aber vom praktischen Standpunkte durch¬ 
aus nicht vernachlässigt werden. In Betracht kommen alle unsere Haustiere 
und viele Arten von Wild (Wölfe, Füchse, Dachse, Marder usw.). Wie die 
experimentelle Untersuchung zeigt, ist unter den Vierfüßlern noch jede 
untersuchte Tierart empfänglich gefunden worden, und vom praktischen 
Standpunkte nicht unwichtig erscheint mir die neuerdings wieder fest¬ 
gestellte Eigenschaft der Ratten und Mäuse, vorzugsweise an rasender Wut zu 
erkranken. Nur beiläufig sei erwähnt, daß im verflossenen Jahre zwei Menschen 
in Tunis durch ein wutkrankes Ichneumon infiziert worden sind. Auch Hühner 
und Tauben können erkranken, doch sind sie, wie überhaupt das Vogel¬ 
geschlecht, im allgemeinen wenig empfänglich. Die häufigste Form, unter 
der die Krankheit bei dem Menschen, dem Hunde und den übrigen Haus¬ 
tieren auftritt, ist die sogenannte rasende Wut. Sie ist gekennzeichnet 
durch ein mehrere Tage währendes Stadium hochgradigster Aufregung und 
Unruhe, in dem alle diese Tiere, auch sonst so furchtsame und scheue wie 
Schafe und Ziegen, angriflslustig und sehr bissig werden. Recht gefährlich 
sind Katzen durch ihre Neigung, am Menschen hoch zu springen und ihm 
Gesicht und Kopf zu zerkratzen und zu zerbeißen. In diesem Stadium hat 
der tollwütige Hund und die Katze einen unbezähmbaren Trieb, zu ent¬ 
weichen und tagelang umherzuschweifen, wobei der Hund oft ganz er¬ 
staunliche Entfernungen, selbst bis zu 200 km, zurücklegen kann. Während 
dieser Wanderperiode treten beim Hunde auch die gefährlichen Anfälle 
einer hochgradigen Bissigkeit auf, die sich in sinnloser Wut bis zur Tobsucht 
steigern, so daß er blindlings alles, was in seinen Weg kommt, Menschen 
wie Tiere, überfällt und schrecklich zurichtet, aber auch an leblosen Gegen¬ 
ständen, die man ihm entgegenhält, seine krankhafte Wut ausläßt. Außer¬ 
ordentlich charakteristisch ist während dieser Zeit das eigentümliche raube 
und heisere Gebell, das nicht wie sonst absatzweise, sondern in einem ein¬ 
zigen Tone lang hingezogen wird und das mehr ein Heulen vorstellt, das 
niemals vergißt, wer es einmal gehört hat. Vielfach wird dem Hunde auch 
die Wasserscheu zugeschrieben; dieses beim kranken Menschen sehr aus¬ 
gesprochene Symptom ist beim Hunde nicht so ausgeprägt. Er säuft nicht 
nur Milch, Wasser und andere Flüssigkeiten, sondern durchquert bei seinen 
Wanderungen oft Teiche und Flüsse. 

Für die Bekämpfung der Tollwut von Wichtigkeit ist eine ihrer Be¬ 
sonderheiten, die sich auf die Entwickelung der Krankheit im Organismus 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 


13 


bezieht. Zwischen dem Biß and dem Ausbruche der Krankheit vergeht er¬ 
fahrungsgemäß gerade hei der Tollwut eine oft sehr lange Zeit, die durch¬ 
schnittlich drei bis acht Wochen beträgt, in Ausnahmefällen kürzer, ver¬ 
hältnismäßig oft aber noch länger dauert. Für den gebissenen Menschen hat 
diese lange Inkubationszeit von 20 bis 80 Tagen mehrfach besondere Bedeu¬ 
tung. So kennt zum Unterschiede von anderen lebensgefährlichen Infektions¬ 
krankheiten der vom tollen Hunde gebissene Mensch den Augenblick der 
Infektion genau. Da erfahrungsgemäß nicht jeder Biß eines tollen Hundes 
die Krankheit nach sich zieht, so schwebt der Gebissene wochen- und monate¬ 
lang im Ungewissen über ein unter Umständen fürchterliches Schicksal. Sie 
werden sich, meine Damen und Herren, leicht vorstellen können, daß 
schwere und unheilbare Zerrüttungen des Nervensystems durch diese lang¬ 
dauernde Folter verursacht worden sind, in Fällen, wo der Hundebiß selbst 
nicht geschadet hatte. 

„In dem Krankheitsbilde der Wut beim Menschen fehlt der Wandertrieb, 
dafür tritt die Wasserscheu, verursacht durch heftige Krämpfe beim Schlingen 
und Schlucken, sehr stark hervor. Atemnot, furchtbare Angstzustände, 
Halluzinationen, Verfolgungsideen und Tobsuchtsanfälle, verbunden mit 
häufigen periodischen Muskelkrämpfen, zwischen denen Bewußtsein und 
Verstand nicht getrübt sind, gefolgt von einem nach vollständiger Erschöpfung 
eintretenden Tode, alles das macht diese Krankheit zu einer so fürchter¬ 
lichen und ihre Opfer so bejammerns- und bemitleidenswert, daß auch nur 
ein einziger Fall von menschlicher Tollheit in 20 Jahren schon zuviel 
ist, um so mehr, als diese Krankheit, wie Kirchner mit Recht sagt, ver¬ 
meidbar wäre. 

„Zwar ist die Krankheit schon jetzt bei uns so selten geworden, daß ihr 
Vorkommen nicht annähernd die Zahl der täglichen Unglücksfälle im Reiche 
erreicht, auch wenn wir die 93 Todesfälle der letzten 20 Jahre nur auf die 
verseuchten Teile unseres Landes beziehen. Es bleibt nur die Frage, haben 
wir auch Sicherheit und Bürgschaft für den Fortbestand dieses Verhält¬ 
nisses bzw. die selbstverständlich anzustrebende weitere Verminderung der 
Wut, oder liegt eine Zunahme der Seuche, ebenfalls und bis zu welchem 
Grade noch, im Bereiche der Möglichkeit? Nun, diese Garantien kann uns 
die Gesamtheit der Maßnahmen zur Bekämpfung der Tollwut bieten. Die Be¬ 
kämpfung der Tollwut im Deutschen Reiche ist gesetzlich festgelegt in den 
§§ 9, 34—39, 65—67 des Reichsviehseuchengesetzes und in den §§ 16—31 
der Bundesratinstruktionen, deren Ausführung in den einzelnen Bundes¬ 
staaten durch besondere, im Großen und Ganzen aber gleiche Bestimmungen 
gesetzlich geregelt ist. Der Inhalt der Bestimmungen ist kurz folgender: 
Durch die Anzeigepflicht für jeden Fall von Tollwut oder Wutverdacht, ver¬ 
bunden mit tierärztlicher Feststellung und Überwachung der verdächtigen 
Haustiere, ferner durch Tötung bzw. Entfernen aller kranken oder verdäch¬ 
tigen Hunde und Katzen oder der von ihnen verletzten Tiere wird der 
Seuchenausbruch örtlich bestimmt und, soweit angängig oder zum Teil 
möglich, unterdrückt. Die Benachrichtigung benachbarter Gemeinden bzw. 
Kreise warnt diese und setzt sie in den Stand, Schutzmaßregeln zu ergreifen. 
Die Einführung des Maulkorbzwanges, verbunden mit Festlegen der Hunde 
an die Kette und die Abtötung aller herrenlosen Hunde innerhalb dea 


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14 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl- Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Sperrgebietes in Ausdehnung von 4 km und für die Zeit von drei Monaten 
bezweckt diejenigen Hunde unschädlich zu machen, die vielleicht infiziert 
worden, aber der Kenntnisnahme entgangen sind. Das Verbot des Ver¬ 
kaufs oder der Entfernung von Tieren aus dem Sperrgebiete vervollständigt 
die beabsichtigte Isolierung der Seuchenkeime auf ein örtlich eng begrenztes 
Gebiet. Hierzu treten als weitere unterstützende Maßnahme die Desinfektion, 
ferner die landespolizeilich wiederholt angeordnete und ausgeführte Beleh¬ 
rung der Bevölkerung über die Kennzeichen der Wutkrankheit, die Gefahr 
der Übertragung auf andere Haustiere und auf Menschen, sowie über die 
Mittel zur Bekämpfung der Seuche und endlich die Tätigkeit der Wutschutz¬ 
abteilungen, die beim Kgl. Institut für Infektionskrankheiten seit Juli 1898 
und beim Hygienischen Institut in Breslau seit August d. J. bestehen. 

„ Die Aufgabe dieser Wutsch utzimpfungs-Anstalten indem Kampfe gegen 
die Tollwut ist eine zweifache. Neben der Behandlung der Gebissenen nach 
dem Verfahren von Pasteur obliegt ihnen die diagnostische Untersuchung 
des eingesandten Tiermaterials. Der Dienstbetrieb, betreffend Aufnahme, 
Unterbringung, Behandlung und Entlassung der schutzzuimpfenden Personen, 
Untersuchung des Tiermaterials, die Listenführung, Bericht- und Melde¬ 
wesen U8w., ist durch ministerielle Erlasse des Kultus-, Landwirtschafts- und 
des Ministeriums des Innern geregelt. Die Behandlung geschieht unent¬ 
geltlich , auch für nicht preußische Staatsangehörige, und ambulatorisch. 
Eine Krankenhausaufnahme der Verletzten ist nicht notwendig, außer wenn 
es interkurrente Krankheiten, wie bei Kindern öfters Maseru, Scharlach usw., 
notwendig machen. Die zu behandelnden Personen sollen dem Institut vorher 
schriftlich oder telegraphisch von seiten der zusendenden Behörde ange¬ 
meldet werden und haben sich unter Vorlegung eines formularmäßig fest¬ 
gelegten Zuweisungsattestes der Ortspolizeibehörde im Institute vorzustellen. 
Dies Attest enthält außer dem Nationale die wesentlichsten Angaben über 
Art und Zeit der Infektion, Wundverlauf, über das Tier, von dem die Ver¬ 
letzung stammt, sowie Bemerkungen, ob noch andere von diesem gebissene 
Personen oder Tiere vorhanden sind. 

„Über jeden entlassenen Patienten geht eine Benachrichtigung in dop¬ 
pelter Ausführung nach vorgeschriehenem Muster an die zusendende Be¬ 
hörde, von der nun die Mitteilung an den zuständigen Kreisarzt weiter¬ 
gegeben wird. Der aus der Behandlung entlassene Patient ist gehalten, 
sich nach drei Monaten bei dem Kreisarzt vorzustellen bzw. seinen behan¬ 
delnden Arzt zu einer schriftlichen Äußerung über den Gesundheitszustand 
an den Kreisarzt zu veranlassen. 

„Die Einsendung von Untersuchungsmaterial zu diagnostischen Zwecken 
geschieht behördlicherseits. Der Ausfall der Untersuchung wird auf direktem 
Wege der Ortspolizeibehörde bzw. der nächsthöheren Verwaltungszentrale 
(Regierungspräsident usw.) mitgeteilt. Für das Königreich Sachsen liegen 
die Untersuchung und die vorschriftsmäßige Benachrichtigung der Kgl. tier¬ 
ärztlichen Hochschule in Dresden ob. 

„Alljährlich am 1. März ist ein Tätigkeitsbericht von der Wutschutz¬ 
abteilung dem Herrn Kultusminister einzureichen. 

„Die Behandlung gebissener Personen wird im wesentlichen nach dem 
von Pasteur angegebenen Verfahren ausgeführt und besteht in durch- 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 


15 


schnittlich 20 Einspritzungen des Impfstoffes unter die Haut, die täglich 
je eine in den Vormittagsstunden gemacht werden. Als Impfstoff dient 
das getrocknete Rückenmark von künstlich infizierten Kaninchen, das im 
Verhältnis 1:5 in einer indifferenten Flüssigkeit verrieben und vor dem 
Gebrauch auf Abwesenheit von Verunreinigung, namentlich eiter- und ent¬ 
zündungserregender Bakterien sorgfältig geprüft ist. Wesen und Auf¬ 
gabe dieser Behandlung ist kurz zusammengefaßt folgende: Durch länger 
oder kürzer dauerndes Austrocknen des Rückenmarkes wutkranker Ka¬ 
ninchen läßt sich die Giftigkeit des Markes beliebig abstufen von ganz un¬ 
giftiger bis zu hoch giftiger Substanz. Diese einzelnen Abstufungen bilden 
den Impfstoff. Indem die Behandlung mit sehr schwachem, zwölf Tage lang 
getrocknetem Mark beginnt und in feststehendem Turnus allmählich zur 
Verwendung von hoch giftigem Material steigt, gewöhnt sie den Gebissenen 
an dieses Gift und macht ihn dadurch immun gegen die Wirkung der vom 
Bisse her in seinem Körper weilenden Krankheitserreger. Wie ersichtlich, 
setzt also diese immunisierende Behandlung eine gewisse von der Dauer der 
Behandlung abhängige, und in Summa 20 Tage betragende, Zeit voraus. 
Unmittelbar nach Beendigung der Behandlung ist aber der volle Impfschutz 
noch nicht erreicht, sondern die Immunität braucht zur vollen Entwickelung 
nun noch weitere 15 Tage, so daß der nach Pasteur Schutzgeimpfte erst 
15 Tage nach vollendeter Behandlung vollständig immun geworden ist. Diese 
lange Zeit von 35 Tagen ist ihm nun für gewöhnlich auch gegeben, da, wie 
erwähnt, zwischen Biß und Ausbruch der Krankheit gerade bei der Tollwut 
eine längere Zeit zu vergehen pflegt. Andererseits folgt aber aus diesem 
Verhalten auch, daß die Behandlung so bald wie möglich nach dem Biß vor- 
genommen werden sollte, und weiter, daß sie in allen jenen Fällen versagen 
muß, wo aus uns noch mehr oder weniger unbekannten Gründen der Aus¬ 
bruch der Krankheit ungewöhnlich schnell erfolgt. 

„Einer von diesen Gründen wird in der Menge des mit dem Biß in die 
Wunde gelangenden Infektionsstoffes gesucht. Deshalb kann die sofortige, 
nie zu unterlassende ärztliche Behandlung der Wunde dadurch nützlich 
werden, daß sie die Menge des eingedrungenen Wutgiftes vermindert und 
die Inkubationszeit verlängert. Bei einigen von den Leitern der europäischen 
Pasteurinstitute wird grundsätzlich jede Wunde, ob groß oder klein, vor 
Beginn der Schutzimpfung örtlich behandelt, auch wenn sie schon vernarbt 
ist; letzteres, weil der Verbleib des Krankheitserregers in Narben experi¬ 
mentell sicher nachgewiesen ist. Allerdings darf der lokalen Behandlung 
nur eine unterstützende Wirkung zugeschrieben werden. Die vollständige Ver¬ 
nichtung des eingedrungenen und von der Wunde sehr bald weiter wandern¬ 
den Krankheitserregers ist durch Wundbehandlung allein nicht möglich. 

„Nach diesem Verfahren sind seit der Begründung der Wutschutzabteilung 
im Jahre 1898 bis Ende 1904 im ganzen 2256 Patienten aus allen Teilen des 
Reiches, hauptsächlich aber aus Preußen, Sachsen und Bayern, behandelt. 
Gestorben sind davon 21 Personen, und zwar 4, weil sie zu spät zur Be¬ 
handlung kamen, weitere 6 innerhalb der 15 Tage, die nach Beendigung 
der Schutzimpfung zur Vollendung des Impfschutzes nötig sind. So ver¬ 
bleiben für die Beurteilung des Nutzens der Schutzimpfung 11 Personen, 
gleich 0,49 Proz., bei denen die Schutzimpfung versagt hat. Dieses Resultat 


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16 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg* 

entspricht zahlenmäßig im wesentlichen den besten Ergebnissen, die in 
anderen Pastenrinstituten erzielt wurden. Nach allgemeinem Gebrauch 
werden die Behandelten eingeteilt in drei Gruppen, je nachdem die Tollwut 
des verletzenden Tieres durch Tierversuch festgestellt ist: Gruppe A; oder 
durch tierärztliche Diagnose: Gruppe B; oder überhaupt nicht, der Wut¬ 
verdacht aber wegen der begleitenden Umstände besteht: Gruppe C. 

„Bezieht man den Heilerfolg nur auf die Gruppen A und B, also auf 
sicher wutinfizierte Personen, so ergibt sich ein Prozentsatz von 0,56 Proz. 
Sterblichkeit, oder wenn auch die erwähnten sechs innerhalb 15 Tage nach 
beendeter Impfung Gestorbenen noch dem Verfahren zur Last gelegt werden, 
ein Prozentsatz von 0,87 Proz. Das würde die obere, kaum den wirk¬ 
lichen Verhältnissen mehr entsprechende Grenze des Mißerfolges sein, und 
sie besagt, daß im allerungünstigsten Falle bei 1000 behandelten wirklich 
wutinfizierten Personen acht oder neun nicht durch die Pasteursche 
Impfung geschützt werden können. 

„Wie groß ist nun aber der Prozentsatz an Todesfällen unter 
1000 Gebissenen, die nicht behandelt werden? Die Angaben darüber 
schwanken ganz erheblich, zwischen 45 bis 8 Proz., je nachdem nur Bisse 
von nachweislich wutkranken oder auch die von nur wutverdächtigen Tieren 
berücksichtigt sind. Derartige, nur die von wirklich wutkranken Tieren 
Gebissenen berücksichtigende Statistiken existieren und ergeben die sehr 
hohe Zahl von 45 Proz. 

„Wir finden also, daß im Durchschnitt auf 1000 nicht behandelte Ge¬ 
bissene 80 bis 450 Todesfälle an Tollwut entfallen. Welche Zahlen man 
nun auch berücksichtigt, der bedeutende Unterschied im Mortalitätsverhältnis 
zwischen Behandelten und Nichtbehandelten spricht deutlich genug zu¬ 
gunsten des Pasteurschen Verfahrens; doppelt zu bedauern ist daher, daß» 
immer noch Jahr für Jahr Leute an Wut sterben, weil sie entweder zu spät 
oder überhaupt nicht zur Behandlung kommen (gleich 10 Proz. aller Ge¬ 
bissenen in Preußen in den letzten Jahren). Allerdings läßt sich auch trotz 
rechtzeitig einsetzender Behandlung in einigen Fällen, wie gezeigt, der 
Ausbruch der Krankheit und der Tod der Patienten nicht vermeiden. Haupt¬ 
sächlich sind es ausgedehnte schwere Verletzungen, dann Wunden des 
Kopfes, Gesichtes und der Hände. So hat Högyeses an sehr umfangreichem 
Material 2,37 Proz. Mortalität für Kopfverletzung, 0,66 Proz. für solche 
der Hand und 0,30 Proz. für Fuß und Rumpf gefunden. 

„Eine Anzahl anderer Gründe für das Versagen der Schutzimpfung 
darf ich um so eher übergehen, als sie hypothetischer Natur sind; erwähnt 
sei nur, daß begründete Aussicht besteht, die Erfolge der Schutzimpfung 
dadurch zu verbessern, daß nach dem Vorgänge von Schüder, dem früheren 
Leiter unserer Wutabteilung, Schwerverletzte, bzw. am Kopfe Verletzte einige 
Zeit nach Absolvierung der 20 tägigen Behandlung noch einmal demselben 
Turnus unterzogen werden, und daß andererseits schon bei der ersten Be¬ 
handlung in kürzerer Zeit größere Mengen des wirksamen Impfstoffes dem 
Patienten einverleibt werden. 

„Die diagnostische Untersuchung der eingesandten Tierköpfe, die bisher 
durch Verimpfung des Materials auf Kaninchen vorschriftsmäßig ausgeführt 
wurde, hat in den letzten Jahren eine ganz wesentliche Verbesserung erfahren* 


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17 


Die Bekämpfung der Tollwut. 

Durch die Entdeckung von Negri, einem italienischen Forscher, kennen wir 
in dem Gehirn tollwatkranker Tiere sehr eigentümliche, nur mikroskopisch 
wahrnehmbare Gebilde, die bei keiner anderen Krankheit Vorkommen und 
deshalb ganz sichere Kennzeichen der Wutkrankheit sind. Negri selbst hält 
diese nach ihm „Negrische Körperchen“ genannten Gebilde für die Erreger 
der Hundswut. Doch liegen für seine Ansicht ausreichende Beweise nicht yor, 
eher für das Gegenteil. Dagegen haben alle Nachuntersuchungen ergeben, daß 
die Körperchen bei der Wutkrankheit außerordentlich häufig Yorkommen 
und zwar nur bei dieser. Und da nach einer im Institut für Infektions¬ 
krankheiten yoo Dr. Bohne Yerbesserten Methode diese Körperchen sich 
schon in drei Stunden nachweisen lassen, während die Verimpfung auf 
Kaninchen nach wenigstens drei Wochen erst ein positiYes Resultat gibt, so 
liegen die beiden großen Vorteile des Verfahrens, Schnelligkeit und Tier¬ 
ersparnis, auf der Hand, von denen der letztere — jährlich etwa 1000 Ka¬ 
ninchen — vom ökonomischen wie humanen Standpunkte einen großen 
Fortschritt bedeutet. 

„Mit diesen drei Faktoren: unseren gesetzgeberischen Maßnahmen, 
der Belehrung des Publikums und der Tätigkeit der Wutschutzabteilungen, 
ist der Kampf gegen die Tollwut geführt und der Stand der Dinge herbei¬ 
geführt, den ich versucht habe, Ihnen zu skizzieren auf Grund der Gesamt- 
und der jährlichen Durchschnittszahlen. Doch gewähren diese Zahlen noch 
keinen Einblick in die einzelnen Phasen des Kampfes, den wir gegen die 
Tollwut führen, sie lassen seine Entwickelung und seine Richtung nicht 
erkennen, sie beantworten vor allem nicht die Frage nach dem Verbleib des 
noch übrigbleibenden Fünftel in seiner geographischen Verteilung und nach 
seiner epidemiologischen Beurteilung. Sehr eingehend und überzeugend hat 
Siedamgrotzki in dem Berichte über das Veterinärwesen im Königreich 
Sachsen für 1900 bei der Untersuchung dieser Frage nachgewiesen, daß die 
Häufigkeit der Wut in den einzelnen Verwaltungsbezirken des Königreichs 
im wesentlichen abhängig ist von der geringeren oder größeren Entfernung 
derselben von der böhmischen Grenze, daß also eine gesetzmäßige Abnahme 
von der Grenze nach dem Innern in zentripetaler Richtung stattfindet. Die¬ 
selben Verhältnisse finden sich im großen nun sicher bei der Verteilung des 
fehlenden Fünftels auf ganz Deutschland. Hauptsächlich handelt es sich um 
Verschleppungen von den verseuchten Grenzgebieten in Preußen, Bayern, 
Sachsen aus in das Innere des Reiches, begünstigt durch die Fähigkeit toller 
Hunde, in wenigen Tagen Wegstrecken bis 100 bis 200km zurückzulegen. 
Meistens gelingt die schnelle Unterdrückung dieser Seucheneinbrüche im 
Innern. Nur in einigen Gebieten ist es gerade in den letzten Jahren zur 
Ausbildung von kleineren Herden gekommen, die noch bestehen, so daß die 
Seuche dort anscheinend hier an Boden gewonnen hat 1 ). Dafür 
spricht wenigstens auch die alljährliche geringe Zunahme der Zahl der Toll¬ 
wuterkrankungen unter den Hunden, der gebissenen Personen, und am deut¬ 
lichsten für die örtliche Ausbreitung der Seuche spricht die langsam zu¬ 
nehmende Zahl der von der Seuche befallenen Kreise und Ortschaften. Die 
naheliegende Frage nach den Ursachen dieser Erscheinung verknüpft sich 

l ) Erklärung der auf gehängten Karte, betreffend die geographische Verteilung 
der Tollwut im Deutschen Reich. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. 2 


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18 XX XI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

mit der Frage, weshalb unsere bisher so wirksamen Maßregeln gerade in 
diesen Landesteilen nicht auszureichen scheinen. Zur Erklärung wird in 
den amtlichen Berichten beständig auf die andauernde und vielfache Ein¬ 
schleppung der Wut aus Rußland und den österreichischen Kronländern 
Galizien, Böhmen, Mähren usw. hingewiesen, die sehr oft direkt, z. B. durch 
die Steuermarke, festgestellt ist. Bei der notorisch ausgedehnten Ver¬ 
seuchung von Rußland, die als hauptsächliche Ursache auch der österreichischen 
Tollwutausbreitung angesehen wird, spielt die Einschleppung natürlich keine 
zu unterschätzende Rolle. Andererseits aber zieht sich wie ein roter Faden 
durch sämtliche Jahresberichte die Klage über ungenügende oder unter¬ 
lassene Ausführung der polizeilich angeordneten Sperrmaßregeln, reich 
illustriert durch folgenschwere Beispiele, die sich mehr oder minder als Ver¬ 
stöße gegen das Reichsviehseuchengesetz und auch den § 328 des Reichs¬ 
strafgesetzbuches qualifizieren. Auch die übergroße Zahl der nutzlosen 
Hunde auf dem Lande und das öfter unzureichende Maß der gesetzlich vor¬ 
geschriebenen 4 km für die Sperrzone, das alles sind die in diesen amtlichen 
Berichten immer wiederkehrenden Umstände, die an Stelle der Ausrottung 
vielmehr das Weiterschreiten der Hundswut begünstigen. Als wesentliche 
Faktoren ergeben sich daher für die Beurteilung dieser Lage: erstens die 
Nachbarschaft stark verseuchter Länder, die dem Einflüsse unserer Be¬ 
kämpfung entzogen sind, zweitens Unverstand oder böser Wille bei der 
beteiligten Bevölkerung und gewisse Unzulänglichkeiten der gesetzlichen 
Bestimmungen selbst. 

„Auf welchem Wege diesen Übelständen entgegengetreten werden muß, 
kann nicht zweifelhaft sein. Gegen die Indolenz der Bevölkerung wird 
zweckentsprechende Belehrung sich nützlich erweisen können, die ja auch 
in zahlreichen ministeriellen Erlassen und Regierungsverfügungen wieder 
und wieder zum Ausdrucke kommt. Beachtung verdient der Vorschlag von 
Schüder, den Schulunterricht hierfür dienstbar zu machen, weil ungefähr 
die Hälfte aller Gebissenen im schulpflichtigen Alter stehende Kinder sind. 
Auch Ihr Verein, meine Damen und Herren, der sich ja in den Dienst der 
öffentlichen Gesundheitspflege stellt, könnte sich nach der Richtung mit Erfolg 
betätigen. Wie Kirchner nachgewiesen hat, ist hauptsächlich die ländliche 
Bevölkerung der Hundswut exponiert. Die in Berlin bestehende Zentralstelle 
für Arbeiterwohlfahrtspflege enthält eine Abteilung für ländliche Arbeiterwohl¬ 
fahrt und würde sicherlich einer von diesem Verein ausgehenden Anregung 
zur Belehrung der ländlichen Arbeiter gern Folge leisten. Es kommen viel¬ 
leicht auch andere Wege noch in Betracht. Wo die Belehrung versagt oder 
gar an dem bösen Willen scheitert, muß das Gesetz eintreten und zwar un- 
nachsichtlich in voller Strenge. Unsere gesetzlichen Maßnahmen haben sich 
bisher gut bewährt und namentlich ihre energische Ausführung hat allge¬ 
meine Anerkennung und selbst das Lob des Auslandes erfahren. Wenn es 
gelingt, die Bevölkerung mehr wie bisher für die Idee zu gewinnen, daß ein 
ernstliches Mitarbeiten in ihrem eigenen Interesse liegt, so werden wenige 
Änderungen, entsprechend den bisherigen Erfahrungen, genügen. In dieser 
Beziehung möchte ich mir gestatten, auf einen, wie ich glaube, prinzipiellen 
Punkt hinzuweisen. Das Gesetz schreibt den Maulkorbzwang und die Fest¬ 
legung der Hunde nicht früher vor, als bis die Tollwut ausgebrochen ist. 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 


19 


Nun besteht kein Zweifel, daß der Maulkorbzwang eins der wirksamsten, 
wenn nicht überhaupt das wirksamste Mittel zur Verhütung und zur Ver¬ 
tilgung der Tollwut ist, schon deshalb, weil die Verbreitung der Tollwut 
allermeist nur durch die Hunde erfolgt. In dieser Beurteilung des Maul¬ 
korbzwanges sind die besten Forscher und die maßgebenden Persönlich¬ 
keiten aller Länder der Welt von jeher einig gewesen, und es würde Stunden 
dauern, wollte ich Ihnen alle Beispiele aus der Gegenwart und Vergangen¬ 
heit anführen, die den ausgezeichneten Erfolg des Maulkorbzwanges in der 
Bekämpfung der Tollwut beweisen. Wir haben also, um es kurz zu sagen, 
ein anerkannt starkes Mittel, wenden es aber erst an, wenn die Seuche bereits 
eingeschleppt bzw. ausgebrochen ist. Dieses „nachklappende u Verfahren 
scheint mir nun absolut nicht mehr vereinbar mit dem Geiste, von dem 
unsere moderne Seuchenbekämpfung getragen wird, deren Schwerpunkt ja 
gerade in dem Vorbeugen und dem Verhüten liegt. Stellen Sie sich nur 
für einen Augenblick vor, wir wollten bei gleicher Seucheneinbruchsgefahr 
von Rußland aus, z. B. bei der Cholera, mit unserer Stromüberwachung und 
allen anderen Maßnahmen so lange warten, bis bereits eine derartige Ver¬ 
seuchung unserer Grenzgebiete, derartig zahlreiche Verschleppungen in das 
Inland und Bildung kleiner Herde erfolgt wie die Tollwut uns zeigt, dann 
haben Sie ein Bild, wie rückständig wir jetzt noch in dieser Beziehung gegen 
die Tollwut Vorgehen. Deshalb schließe ich mich meinen zahlreichen Vor¬ 
gängern an in der Forderung des allgemeinen, gesetzlich vorgeschriebenen 
Maulkorbzwanges für ganz Deutschland. Es sind Bedenken gegen den Maul¬ 
korbzwang vorgebracht, die aber nicht stichhaltig sind. Es ist richtig, daß 
schlecht sitzende oder mangelhaft konstruierte Maulkörbe den Hund am Beißen 
nicht verhindern. Dem könnte leicht abgeholfen werden, und das neue bel¬ 
gische Gesetz gegen die Hundswut zeigt den Weg dazu mit seiner Bestimmung 
eines von der Regierung vorgeschriebenen Modells. Es muß auch zugegeben 
werden, daß ein aus der Wohnung entweichender Hund wahrscheinlich keinen 
Maulkorb tragen wird u.a. m., aber alle diese Einwände sind ja durch die Er¬ 
fahrung widerlegt, die eben zeigt, daß trotz dieser Mängel der Maulkorbzwang 
so außerordentlich wirksam ist. Wenn endlich von manchen Seiten in über¬ 
flüssiger oder, wie ein englischer Hygieniker treffend sagt, in gedankenloser 
Weichherzigkeit der Maulkorbzwang als eine Quälerei der Hunde hingestellt 
wird, so darf auf die Städte verwiesen werden, in denen dieser Zwang 
schon, ohne Schaden für die Hunde, besteht, im übrigen aber darf uns diese 
sehr geringe Belästigung und Freiheitsbeschränkung der Hunde nichts 
gelten gegen die namenlosen Qualen tollwutkranker Menschen. Überdies 
kommt ja den Hunden selbst jede Art von Schutz gegen die Tollwut zu¬ 
gute, liegt also auch, wenn ich mich so ausdrücken darf, in ihrem aller¬ 
eigensten Interesse. 

„Bewährt hat sich ferner die Anordnung eines festen Halsbandes für 
Hunde mit Namen und Wohnort des Eigentümers, die bei uns nicht all¬ 
gemein, dagegen in Belgien, England und Frankreich gesetzlich vor¬ 
geschrieben ist. In Verbindung hiermit und schon aus ökonomischen Gründen 
zu empfehlen, käme Besteuerung und Listenführung der Hunde in Be¬ 
tracht. Die Wirksamkeit der Hundesteuer, namentlich zur Verminderung 
der großen Hundezahl, auf dem Lande, die vielfach in gar keinem Verhältnis 


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20 XXXI. Versammlung d. D. Vereine f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

zu ihrem Zweck oder Nutzen steht, wird ebenso warm verteidigt, wie als 
dauernde Maßregel angezweifelt. Ich vermute, daß eine genügend hohe 
Steuer diese Meinungsverschiedenheit bald beseitigen würde. 

„Die Verminderung der Hunde könnte endlich auch bewirkt werden 
durch Unterstützung der vom Tierschutzverein angebahnten Bewegung, die 
Ziehhunde zu ersetzen durch andere geeignete Tiere (Esel). 

„Außerordentlich wichtig, besonders in unseren verseuchten Provinzen, 
ist das schonungslose Vorgehen gegen herrenlose Hunde, wie es wiederholt 
auch in scharfer Form durch Verfügung der Regierungspräsidenten angeordnet 
ist. Hier dürfte sich vielleicht empfehlen die Erweiterung des Begriffes 
„herrenlos“ auf alle ohne Maulkorb bzw. Leine betroffenen Hunde, die sofort 
zu töten wären. Die Maßregel mag hart sein, aber sie hat Analogien; ich 
erinnere an das Recht der Forstbeamten, jeden im Walde frei herumlaufen¬ 
den Hund auch in Gegenwart des Besitzers sofort ohne alle Präliminarien 
zu erschießen und was zum Schutz des Wildes recht ist, sollte doch auch 
für den Schutz des Menschen billig sein! Im übrigen rechtfertigt der Aus¬ 
nahmezustand unserer schwer betroffenen Provinzen sehr wohl eine derartige 
Strenge. Sollten alle diese Punkte eine einheitliche Regelung erfahren, so 
könnte auch Berücksichtigung finden, daß vielfach die vorgeschriebene Aus¬ 
dehnung der Sperrzone auf 4 km sich als zu klein erwiesen hat. Das belgische 
Gesetz ist auch hierin fortschrittlich, und erweitert dieses Maß auf 15 km. 
Endlich käme in Betracht die gegenseitige Benachrichtigung von dem Aus¬ 
bruche der Tollwut zwischen Ortschaften bzw. Bürgermeistereien, die benach¬ 
bart liegen, aber politisch verschiedener Staatsangehörigkeit sind. Für die 
Bifndesstaaten besteht diese Vorschrift. Für das Ausland ist eine derartige 
Vereinbarung mit den Niederlanden getroffen, also nach einer verhältnismäßig 
wenig gefährdeten Seite hin. Entsprechende Übereinkommen mit Rußland 
und Österreich bestehen noch nicht, sind aber sicherlich wohl in Aussicht 
genommen. Sie könnten dann leicht auf eine sehr wirksame Basis wenigstens 
nach einer Seite hin gestellt werden. England hat seine Hundswutgesetz¬ 
gebung, seine Rabies Order, verbunden mit Einfuhrbestimmung, in den letzten 
15 bis 20 Jahren schon drei- oder viermal geändert uud verbessert; Frank¬ 
reich, Italien und Belgien sind diesem Beispiele in den letzten beiden Jahren 
gefolgt. Die Notwendigkeit oder die Zweckmäßigkeit eines gleichen Vor¬ 
gehens dürfte sich auch für Deutschland und Österreich früher oder später 
ergeben. Sollte es da nicht nahe liegen, daß die beiden politisch verbündeten 
Reiche auch in dem Kampfe gegen die Tollwut als Verbündete auf den Plan 
treten zur Schaffung eines einheitlichen und übereinstimmenden Viehseuchen¬ 
gesetzes ? 

„Nun, meine Damen und Herren, ich stehe am Schlüsse meiner Aus¬ 
führungen und habe an Ihre Nachsicht zu appellieren, wenn ich Ihnen dieses 
gewaltige Gebiet bei beschränkter Zeit nur in seinen wichtigsten Teilen 
skizzieren konnte. Ich schließe mit dem Wunsche, daß der nächste Referent 
dieses Themas Ihnen verkünden kann: «Deutschland ist frei von der Toll¬ 
wut!« und mit der Hoffnung, daß diese frohe Botschaft nicht lange auf sich 
warten lasse!“ 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 21 

Der Vorsitzende eröffnet hierauf die Diskussion: 

Geh. Hofrat Professor Dr. Max Schottelius (Freiburg i. B.): 
„Sehr verehrte Anwesende! Mit den Ausführungen des Herrn Vortragenden 
kann ich mich im ganzen darohans einverstanden erklären. Nur in einem 
Punkte muß ich eine gegensätzliche Ansicht vertreten: Der Maulkorbzwang 
ist kein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der Hundswut. 

„Ich kann mich bei der Beurteilung dieser Sache einigermaßen auf 
eigene Erfahrungen berufen, denn ich studierte vor 20 Jahren bei Pasteur 
in Paris, als dort die ersten Schutzimpfungsversuche gegen Hundswut ab¬ 
geschlossen wurden. 

„Zn der Zeit kamen auch jene 25 russischen Bauern, welche von einem 
tollwütigen Wolf gebissen waren, aus dem Innern Rußlands in Begleitung 
ihrer Ärzte im Institut Pasteur zu Paris an. Unter diesen Unglücklichen 
befand sich eine Frau, welcher der tolle Wolf ins Gesicht gesprungen und 
der schreienden Frau mit seinem Unterkiefer in den Mund gefahren war. 
Den Oberkiefer hatte der Wolf in das Gesicht der Frau eingeschlagen und 
dabei war ihm ein Eckzahn abgebrochen, der nun in der Highmorshöhle 
der schwer verwundeten Frau steckte und nicht wieder entfernt werden 
konnte. 

„Diese Frau ist, wie das nicht anders zu erwarten war, trotz der Schutz¬ 
impfung gestorben. In ihren letzten Stunden, als sie in Krämpfen sterbend 
dalag, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, machte sie Zeichen und wollte 
sich offenbar verständlich machen, aber niemand konnte deuten, was sie 
sagen wollte, bis einer der russischen Ärzte sie endlich verstand und uns 
mitteilte: Die Frau wünscht, daß wir alle aus dem Zimmer gehen möchten, 
weil sie fürchtet, daß jemand angesteckt werden könnte. 

„Ein Zeichen wahrer Seelengröße bei einer armen russischen Bauersfrau. 

„Werdas alles erlebt hat, meine Herren, wer diese furchtbare Menagerie 
von tollwütigen Hunden gesehen hat im Pasteurschen Institut: riesige 
Metzgerhunde mit blutigem Schaum an den Lefzen, manche in Krämpfen 
zuckend daliegend, andere die Zähne abgebissen an den eisernen Stäben 
der Käfige, der ergreift gewiß gerne jedes Mittel, welches geeignet ist, 
diese furchtbare Krankheit zu bekämpfen und die Menschen davor zu be¬ 
schützen. 

„Aber der Maulkorbzwang ist kein solch geeignetes Mittel. 

„Der Herr Vortragende hat auch schon ganz richtig einige Punkte an¬ 
gedeutet, welche gegen den Maulkorbzwang sprechen, aber er hat gemeint, 
daß diese Gründe nicht stichhaltig und nicht maßgebend sein könnten. 

„Ich will nur beiläufig erwähnen, daß die Entstehung der Tollwut¬ 
krankheit höchstwahrscheinlich vielfach von den wilden Hundearten, nament¬ 
lich den Wölfen, Füchsen ausgeht, welche die zahmen Hunde beißen und 
infizieren. Ich will auch nur daran erinnern, daß in manchen Fällen nicht 
der Biß eines tollwutkranken Tieres als Ausgang für die Entstehung einer 
Wutepidemie nachgewiesen werden kann. 

„Das sind wissenschaftlich interessante, noch nicht völlig aufgeklärte 
Fragen. Aber praktisch sprechen andere Gründe gegen die allgemeine 
Einführung des Maulkorbzwanges. 


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22 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Gewisse Hundearten werden immer vom Maulkorbzwang ausgenommen 
bleiben müssen. Das sind die Jagdhunde, die Schäferhunde and die Wach¬ 
hunde. Man kann diese Hunde nicht entbehren und kann ihnen doch 
keinen Maulkorb anlegen, wenn sie ihren Zwecken entsprechen sollen. 

„Es ist ferner praktisch nicht möglich, eine Kontrolle über den Maul¬ 
korbzwang auszuüben. Das geht selbst in Städten, denen eine wohlorgani¬ 
sierte zahlreiche Polizeimannschaft zur Verfügung steht, nur bedingungs¬ 
weise, denn auch in den Städten läßt sich die Kontrolle nicht auf das Innere 
der Häuser, auf Höfe, Gärten usw. ausdehnen. Völlig undurchführbar aber 
ist die Kontrolle auf dem Lande. 

„Es muß schließlich auch die Opposition der Hundebesitzer und aller 
derer, welche mit den unter dem Maulkorbzwang leidenden Hunden mehr 
oder weniger berechtigtes Mitleid haben (Tierschutzverein usw.) in Rück¬ 
sicht genommen werden. Es wird sich ein Sturm der Entrüstung erheben 
gegen die allgemeine zwangsweise Einführung des Maulkorbes! — Und, 
meine Herren, wir brauchen den Maulkorbzwang gar nicht zur wirk¬ 
samen Bekämpfung der Hundswut. 

„Wir haben von dem Herrn Referenten auch bereits von anderen Mitteln 
gehört, mit denen wir erfolgreich die Hundswut bekämpfen können. Zu 
diesen Mitteln gehört erstens die Beschränkung der Zahl der Hunde durch 
möglichst hohe Besteuerung, dadurch wird es Personen unmöglich gemacht, 
einen Hund zu halten, welche nicht in der Lage sind, das Tier entsprechend 
zu verpflegen. Dann werden die halbverhungerten herrenlosen Hunde ver¬ 
schwinden, welche hauptsächlich die Verbreiter der Hundswut sind und die 
übrig bleibenden, besseren, nützlichen Hunde sind leichter zu kontrollieren. 

„Die Einführung der Kontrollmarke ist ein weiteres Mittel zur Be¬ 
kämpfung der Hundswut. Durch die Kontrollmarke ist der Heimatsort des 
Hundes zu erkennen, welcher irgendwo als tollwütig gefangen oder getötet 
wurde. Da man nun weiß, daß ein tollwütiges Tier immer in derselben 
nahezu geradlinigen Richtung weiter läuft, so kann man auf Grund der Kon¬ 
trollmarke den Weg und die Ortschaften feststellen, welche das Tier passiert 
hatte und kann über diese Gegend die Sperre verhängen. In der uner¬ 
bittlich strengen Durchführung der Sperre besitzen wir ein sicheres Mittel 
zur Verhütung der Ausbreitung der Hundswut. 

„In meinem Heimatlande Baden war die Hundswut vor 30 Jahren recht 
stark verbreitet. Sie ist erfolgreich bekämpft worden durch die Kontroll¬ 
marke und durch die Hundesperre, so daß jetzt seit bereits 25 Jahren kein 
Fall von Hundswut mehr vorgekommen ist. Man wird in Baden niemals 
den Maulkorbzwang einführen können, denn die Erfahrung hat uns gelehrt, 
daß wir auch ohne denselben auskommen. 

„Der verstorbene Professor der Physiologie Funke in Freiburg besaß 
seinerzeit einen sehr wertvollen Jagdhund, der auf der Straße gesehen 
war, als ein tollwütiger Hund den Weg passierte. Solche Hunde werden 
bei uns unnachsichtlich getötet. Alle Versuche des Herrn Professors Funke, 
für seinen Jagdhund eine Ausnahme zu erwirken, sind gescheitert. Er hat an 
alle Instanzen appelliert, zuletzt sogar eine Immediateingabe an den Gro߬ 
herzog gerichtet, um seinen Hund zu retten. Alles umsonst, der Hund ist 
getötet. 


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23 


Di© Bekämpfung der Tollwut. 

„Hunde, welche in Gesellschaft eines tollwutkranken Tieres gesehen 
werden, werden getötet, die übrigen für die Dauer der Sperre an die Kette 
gelegt. So haben wir in Baden durch die Kontrollmarke und durch strenge 
Durchführung der Sperre die Hundswut ausgerottet. 

„Meine Herren! Ich beziehe mich in dieser Sache nicht nur auf meine 
eigene persönliche Meinung und Erfahrung. Als mir die Tagesordnung der 
diesjährigen Versammlung unseres Vereins und die These des allgemeinen 
Maulkorbzwanges zu Gesicht kam, habe ich gleich an einen der besten 
Kenner unserer Tierseuchen an den mir befreundeten Geh. Oberregierungs¬ 
rat Dr. Lydtin in Baden-Baden geschrieben und ihn um seine Meinung 
gebeten. 

„Geheimrat Dr. Lydtin war damals mit mir zusammen in Paris bei 
Pasteur und hat dort, so wie ich das eben hier erzählt habe, den Herren 
vom Pasteurschen Institut dargelegt, daß man nicht durch den Maulkorb¬ 
zwang die Hundswut bekämpfen müsse, sondern durch Kontrolle und Sperre. 
Pasteur hat sich überzeugen lassen und in Frankreich ist der Maulkorb¬ 
zwang nicht eingeführt. 

„Ly dt in s Meinung stimmt noch jetzt mit dem, was ich ihnen vor¬ 
getragen, ganz überein. Erlauben Sie, daß ich den Schlußpassus seiner 
brieflichen Mitteilung Ihnen wörtlich vorlese: 

„Ich halte daher die Sperre, welche schon im badischen Seuchen¬ 
gesetz von 1863 vorgeschrieben war und in das Reichsseuchengesetz 
übergegangen ist, als die einzige dem Wesen und der derzeitigen Er¬ 
kenntnis der Tollwut in Deutschland angemessene wirksame Maßregel, 
die in stark verseuchten Gegenden durch Einführung der Hundemarke 
ergänzt werden kann. Dagegen empfiehlt sich der allgemeine, dauernde 
Maulkorbzwang nicht, da er nicht durchgeführt werden kann und 
ebenso wenig Sicherheit bietet, als seine Unterlassung/ 

„Das sind also die Gründe, welche auch mir gegen die allgemeine Ein¬ 
führung des Maulkorbzwange8 zu sprechen scheinen/ 

Polizeidirektor Senator Dr. Gerland (Hildesheim): „MeineHerren! 
Ich kann mich natürlich nur auf dem polizeilichen Teile der Leitsätze 
bewegen, und da ist mir ein Teil dessen, was ich sagen wollte, durch meinen 
Herrn Vorredner, der eben hier auf diesem Platze gestanden hat, schon vor¬ 
weggenommen. Er hat sich auch in ausführlicher, zutreffender Weise gegen 
den Maulkorbzwang ausgesprochen, und ich wollte mich nur gegen den 
Maulkorbzwang von dem polizeilichen Standpunkt aus aussprechen. 

„Es wird in den Leitsätzen gesagt: Kampf gegen die herrenlosen Hunde! 
Das ist sehr richtig, und da kann ich Ihnen aus der Praxis sagen: Ich bin 
seit bald 25 Jahren in der Provinz Hannover tätig. Es gehörte, als ich 
da hinkam, zu den berechtigten Eigentümlichkeiten dieser Provinz, daß wir 
unaufhörlich Tollwut hatten, ein-, zweimal im Jahre kam die Hundesperre 
wenigstens. Das war aber deshalb, es war nirgends eine Hundesteuer, 
außer in den Städten; auf dem Dorfe gar nicht, und da war eine Sorte von 
Rüden — wenn man durch ein Dorf ging — es war lebensgefährlich. In 
den letzten Jahren ist überall die Hundesteuer eingeführt, also der Kampf 


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24 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

gegen die herrenlosen Hunde geführt worden, und seitdem ist die Tollwut 
in Hannover so gut wie verschwunden, ohne Maulkorbzwang. 

„Der Kampf gegen die herrenlosen Hunde ist uns etwas erschwert 
durch Entscheidungen des Kammergerichts für Preußen. Die Gemeinde 
setzte auf Grund der Steuerordnung die Hundesteuer fest, und dann wurde 
von der Polizeiverwaltung angeordnet, daß jeder Hundebesitzer bei Strafe 
den Hund mit Marke gehen lassen mußte. Da hat das Kammergericht ge¬ 
sagt : steuerliche Bestimmungen können nicht polizeilich angeordnet werden 
— das sollte ja auch nicht sein —, auch die Bestimmungen zur Ausführung 
ließen sich nicht polizeilich machen. Wir sind in der unangenehmen Lage, 
daß jetzt die armen Leute, die einen Hund halten, doppelt bestraft werden 
können. Nun habe ich als Polizeidirektor die Verordnung erlassen: jeder 
Hund muß ein Halsband tragen, auf welchem Name und Wohnung des Herrn 
steht. Nun geht der Hund spazieren und hat weder Marke noch Halsband. 
Mein Hundefänger findet ihn, dann strafe ich den Besitzer, und nun über¬ 
gebe ich ihn dem Magistrat auf Erkennung der Steuerstrafe. Das ist ein 
bißchen zu hart. Die Leute haben einen Schmerzensschrei losgelassen, der 
Regierungspräsident hat entschieden, das ginge zu weit, es wäre dasselbe 
Delikt, denn gewöhnlich pflegte doch die Marke am Halsband zu sitzen. 
Was ist die Folge? Wenn einer seinen Hund ohne Marke herumlaufen ließ, 
kriegte er von mir den üblichen Satz von 3 M. und war zufrieden. Dann 
hieß es, wir wollen die Strafe in einem abmachen, da kriegt er 5 M., da 
ist er unzufrieden. Das ist die große Erschwerung. 

„Zweitens hat der Herr Referent eins nicht hervorgehoben: das Reichs¬ 
seuchengesetz schreibt bei Epidemien nicht bloß den Maulkorbzwang vor, 
sondern es schreibt auch vor, daß der Hund an einer festen sicheren Leine 
geführt wird. Das ist die Hauptsache; wenn man nicht will, daß ein Hund 
Menschen oder andere Tiere angreift, muß man den Leinenzwang durch¬ 
führen. Das heißt aber einfach, den Hundebesitz unmöglich machen. Man 
sehe nur, wenn eine Dame mit einem Hunde an der Leine spazieren geht. 
Die Hunde haben gewisse Eigentümlichkeiten. Da muß man dabei ge¬ 
standen haben, wenn eine Dame mit einer großen Dogge spazieren geht, 
und eine andere Dame hat eine Hündin spazieren zu führen. Das sind 
traurige Notstände, aber wenn ein Hund bissig wird, wird niemals der 
Maulkorb ohne Leinenzwang genügen. Dann wird die Herrschaft dafür 
sorgen, daß sie den Hund los wird. 

„Im übrigen gibt es eine ganze Menge von Gründen gegen den Maul¬ 
korbzwang. Daß die Hunde in den Höfen herumlaufen und daß die Kon¬ 
trolle nicht durchführbar ist, hat schon der Herr Vorredner angegeben. Aber ich 
möchte auf eins eingehen: einen wirklich sicheren Maulkorb gibt es nicht, 
oder es ist eine furchtbare Quälerei für den Hund. Nun sagte der Referent, 
es sollte einmal von der Zentralinstanz ein Modell vorgeschrieben werden. 
Da sehe man aber die verschiedenen Sorten Hunde, die es gibt. Wieviel 
Modelle von Maulkörben soll denn der Kaufmann halten, damit für jeden Hund 
ein passender Maulkorb vorhanden ist? Was heißt das, ein gut sitzender 
Maulkorb? Wer ist der Sachverständige? Da muß ich womöglich den Kreis¬ 
tierarzt kommen lassen oder zu ihm schicken und ihn fragen: sitzt der 
Maulkorb? Das ist eine sehr zweifelhafte Sache. Außerdem kann sich ein 


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25 


Die Bekämpfung der Tollwut. 

Hand den Maulkorb, wenn er auch gauz schön sitzt, abstreifen, denn 
der Hand wird geniert durch den Maulkorb, wenn er einmal fressen oder 
saufeu will. 

„Ein absolut sicherer Maulkorb ist kaum zu konstruieren, und wenn er 
konstruiert ist, hindert er den Hund am Saufen, und gerade die Hunde sind 
doch ziemlich durstig. Also ich würde wirklich bitten, daß man den Maul¬ 
korbzwang nicht als unbedingtes Mittel aufstellt tt 

Medizinalrat Dr. Cimbal (Neisse): „Meine Herren! Ich hatte den 
traurigen Vorzug, im vergangenen Herbst einen Krankheitsfall der Hunds¬ 
wut bei einer Bauersfrau auf dem Lande gemeldet zu bekommen und die 
Maßregeln dafür treffen zu müssen. Da sind mir im Laufe der wenigen 
Tage — die Frau ist in drei Tagen gestorben — verschiedene Schwierig¬ 
keiten aufgestoßen, und ich meine, daß in einer so ernsten Sache wie dieser 
auch jede Kleinigkeit, die vielleicht zur Klärung beitragen könnte, be¬ 
merkenswert ist. 

„Ich gehöre zu einem Bezirk, der zwischen Rußland und Böhmen liegt, 
im südlichen Teile von Oberschlesien, und da haben wir im Kreise nicht 
weniger als vielleicht 20 nicht tollwutverdächtige, sondern tollwuterwiesene 
Hunde in den letzten Jahren gehabt. Es sind ungefähr 10 oder 12 Personen 
gebissen worden, und Gott sei Dank nachträglich alle Personen zur Impfung 
gelangt. Weitere Erkrankungsfalle sind auch nicht gemeldet. Der vor¬ 
liegende Fall war im Verlaufe so prägnant, daß er nur als Tollwut auf¬ 
gefaßt werden konnte. Er ist in der Medizinalbeamtenzeitung veröffentlicht 
Da kam denn die eine Frage: Eine Vorschrift ist, die Nachbargemeinden 
sollen benachrichtigt werden. Es gäbe wohl eine Methode, die Benach¬ 
richtigung sehr schnell zu vollziehen. Fast alle Gemeinden haben Tele¬ 
phonanlagen. Aber natürlich sind die Gemeinden nicht durch Telephon 
miteinander verbunden. Wenn eine Vorschrift existierte, daß jede Ge¬ 
meinde, in der ein tollwutverdächtiger Hund beobachtet wird, sofort an 
das betreffende Landratsamt berichtet, und das Landratsamt sofort im 
Kreise die Weisung gibt, daß erstens alle Hunde von der Straße ent¬ 
fernt werden und zweites, daß entweder die aus der Schule zurück¬ 
kehrenden Kinder unter Beaufsichtigung bleiben oder daß die Kinder von 
der Schule oder in der Schule zurückgehalten werden. Wie schnell das 
geht, kann ich dadurch beweisen: Die Meldung von dem Erkrankungsfalle 
kam mir um 11 Uhr. Ich telephonierte sofort an das Landratsamt, dieses 
an die Regierung, und um 12 Uhr hatte ich schon die Weisung der könig¬ 
lichen Regierung. 

„Ein weiteres: Es sind 10 Personen geimpft worden, und in allen 
Fällen wurde uns vertraulich die Weisung: Ein Jahr lang sollten die be¬ 
treffenden Personen beobachtet werden. Darin liegt bis jetzt ein voll¬ 
ständiger Mangel. Wer soll sie beobachten? Die von dem Herrn Refe¬ 
renten angegebene Methode, daß sich der betreffende Geimpfte nach einem 
Vierteljahr beim Kreisarzt melden sollte, wäre viel praktischer, ist aber 
in keinem Falle durchgeführt, sondern uns ist nur vertraulich mitgeteilt 
worden: ein Jahr soll beobachtet werden. Wenigstens müßte vielleicht der 


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26 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


Amts Vorstand angewiesen werden, hin and wieder über den Geimpften zu 
berichten. 

„Das wären die Maßregeln, die ich wegen der Vorbeugung beifügen 
wollte. Ich hätte aber noch eines: Der furchtbare Verlauf der Krankheit 
fordert denn doch auch zu energischen Maßregeln bei der Behandlung auf, 
und da hat sich denn jedes der Mittel, die die Herren Kollegen anwandten, 
Morphium, Chloral usw., vollständig machtlos erwiesen. Ein Mittel aber 
hat Ruhe geschaffen, das war Skopolanin mit Morphium. Ich erlaube mir 
deswegen, hier diesen Fall und auch das Mittel anzuführen. Fünf, sechs 
Stunden hintereinander hat die arme gequälte Frau, die sonst nicht eine 
Minute Ruhe hatte, geschlafen und war wenigstens ihre furchtbaren Schmerzen 
so lange los. Von dem Moment an, wo dieses Mittel angewandt wurde, 
war der Verlauf ein erträglicher.“ 

Geheimer Sanitätsrat Professor Dr. Lent (Köln): „In jüngster 
Zeit bin ich aufgefordert worden, dahin zu wirken, daß für die Rheinprovinz, 
meine Heimatprovinz, auch ein Impfinstitut errichtet werden sollte. Es 
wurde dies besonders mir gegenüber damit begründet, daß jetzt ja in Breslau 
ein Impfinstitut errichtet ist, und man sagte sich, wenn es notwendig ist, schon 
so nahe bei Berlin ein Institut zu errichten, ist es dann nicht richtig, daß 
entfernter von Berlin, in der Rheinprovinz, wo wir ja leider auch die Hunds¬ 
wut haben, ein besonderes Institut errichtet würde? Daher wollte ich an 
den Herrn Professor zunächst die Frage richten: Wieviel Todesfälle sind an 
Geimpften beobachtet worden, wo man sagen konnte, sie sind gestorben, 
weil sie zu spät eingeliefert sind? Nun sind diese Zahlen aber so gering, 
wie uns vorhin Herr Professor Frosch mitgeteilt hat, daß man daraus 
keinen Schluß ziehen kann. Daher möchte ich hören, ob vielleicht durch 
die Korrespondenz mit den weitwohnenden Provinzen sich doch heraus¬ 
gestellt hat, daß wegen der weiten Entfernung die Fälle zu spät eingeliefert 
würden. Ist das der Fall, dann kann man der Errichtung weiterer Institute 
gewiß näher treten; denn im ganzen ist es ja richtig, es wird die Be¬ 
völkerung viel leichter in ein nahe gelegenes Institut kommen, als daß die 
Leute die weite Reise antreten. 

„Nun wurden allerdings auch die großen Kosten eines solchen In¬ 
stituts hier entgegengehalten. Ich habe mich daher beim Professor Flügge 
in Breslau erkundigt, wie hoch diese Kosten wären, und er hat mir mit¬ 
geteilt, daß die Universität für die Errichtung des Instituts 30000 M. aus- 
gegeben hat. Die Kosten würden aber dadurch im Betriebe teurer, weil 
das Institut ja fortwährend auf dem Qui vive sein müßte, und da wäre nicht 
allein einer seiner Assistenten speziell dafür da und ein Diener, sondern 
auch die andern Assistenten wären alle für den Fall der Vertretung hierauf 
eingerichtet, und die Betriebskosten würden sich auf etwa 9000 M. im Jahre 
belaufen. Das ist ja etwas hoch, wenn ein einzelner Ort, eine einzelne 
Stadt es machen will, aber wenn sich vielleicht die Provinz dafür interessiert, 
kann der Kostenpunkt gegenüber dieser Misere gar keine Rolle spielen. 

„Dann möchte ich aber noch einen anderen Punkt berühren. 

„Es ist uns vorher vorgetragen worden, wie wohltätig es wäre, wenn 
wir auch den Weg der Belehrung betreten durch ein Flugblatt für Kinder 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 


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und auch für die Leute auf dem Lande. Sollten wir nicht auch wieder den 
Versuch machen, durch ein Preisausschreiben von seiten des Vereins gute 
Flugblätter zu erhalten? Ich richte diese Frage an den Ausschuß und möchte 
bitten, daß er mir recht bald eine Antwort gibt, ob er bereit ist, aus unseren 
Mitteln eine derartige Preisaufgabe zu stellen. Wenn das nämlich nicht 
der Fall ist, würde ich in unserem niederrheinischen Verein für öffentliche 
Gesundheitspflege gegenüber der traurigen Tatsache, daß wir in der Rhein¬ 
provinz, hauptsächlich im Regierungsbezirk Düsseldorf, viele Tollwutfalle 
haben, veranlassen, ein solches Preisausschreiben zu erlassen. u 

Geheimer Hofrat Professor Dr. Gärtner (Jena): „Meine Herren! 
Zwei Punkte will ich ganz kurz berühren, die bis jetzt in der Diskussion nicht 
zur Geltung gekommen sind: Erstens die Wichtigkeit der sogenannten Negri- 
schen Körperchen. Bisher war es ungemein schwer gewesen, die Diagnose 
der Hundswut auch bei Tieren zu stellen. Es gibt gewiß eine Anzahl 
praktischer Tierärzte, die sie mit großer Sicherheit stellen können, und der 
Herr Vortragende hat uns gesagt, alle die Diagnosen, die bis jetzt an das 
Institut in Berlin von seiten der Tierärzte gekommen seien, hätten gestimmt. 
Aber eine große Anzahl von Diagnosen, und vor allem die unsicheren, kommen 
nicht hin, und da ist in den Negri sehen Körperchen eine wichtige Quelle für die 
gute und sichere Stellung der Diagnose gegeben. Es ist von Wichtigkeit, daß 
man weiß, ob die Hunde, die gebissen haben, tollwütig sind oder nicht. Nun 
besteht die Bestimmung, daß, wenn jemand von einem Hunde gebissen ist, und 
sich die Möglichkeit ergibt, den Hund zu finden und zu töten, dann der Kopf 
nach Berlin zu schicken ist. Aber eine ganze Anzahl von Hunden wird zuzeiten 
von Epidemien oder bei einzeln vorkommenden Fällen von Tollwut tot¬ 
geschlagen, die nicht nachweislich gebissen haben, von denen bloß der Tier¬ 
arzt oder der beamtete Tierarzt etwas hört. Da wäre doch vielleicht von 
seiten der Stellen, die dafür maßgebend sind, zu überlegen, ob es nicht 
richtig wäre, die Tierärzte in der Untersuchung auf die Negri sehen Körper¬ 
chen unterweisen zu lassen. 

„Zum zweiten möchte ich den Herrn Referenten bitten, uns einmal 
einiges zu sagen über Schädigungen, die durch die Wutschutzimpfung 
eventuell entstehen könnten. Bei uns in Thüringen waren tollwütige Hunde 
vorgekommen, und es wurde auf den preußischen Erlaß hingewiesen. Sofort 
kamen von seiten der Naturheil vereine in den Zeitungen Notizen, es ent¬ 
ständen Schädigungen durch die Impfung, und man warne davor, nach 
Berlin zu gehen. Ich möchte deshalb von dieser autoritativen Stelle, von 
Herrn Kollegen Frosch, hören, was darüber bekannt ist. Meine Herren! 
Ich glaube, ja ich weiß, es werden kaum Schädigungen Vorkommen. Aber 
sollte selbst hier und da einmal eine Schädigung eintreten, so darf uns das 
nicht hindern, ein Heilmittel von solch hohem Wert wie es die Schutz¬ 
impfung gegen Tollwut ist, anzuwenden. Wir kennen kein Heilmittel, das 
nicht hier und da eine Schädigung macht. Wer von Ihnen würde sich 
operieren lassen ohne Chloroform, wer von Ihnen würde nicht, wenn er 
intensive Schmerzen hat, Morphium anwenden? Und von beiden Giften sind 
ebenfalls Schädigungen bekannt. Ich glaube aber, die Schädigungen durch 
diese Mittel sind ganz wesentlich häufiger als die, die durch die Hundswut- 


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28 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

impfung entstehen. Ich möchte Herrn Professor Frosch bitten, uns nach 
dieser Richtung einiges zu sagen. tt 

Oberbürgermeister Dr* Lentze (Magdeburg): „Ich möchte den 
Vorschlag des Herrn Geheimrat Lent, durch Aufklärung auf die Bevölke¬ 
rung zu wirken, warm unterstützen. Ich bin selbst verschiedene Jahre mit 
dabei tätig gewesen, in dem Orte meiner Wirksamkeit gegen die Tollwut 
vorzugehen, und ich habe jedesmal gefunden, daß die gesamten polizeilichen 
Maßregeln nutzlos waren, weil man immer mit einem latenten Widerstand 
der Bevölkerung zu tun hatte. Bekanntlich ist jeder Hund ein Liebling 
der Familie. Die Familie fühlt sich schwer beschränkt und bedrückt, wenn 
sie den Hund an die Leine nehmen muß oder den Hund überhaupt nicht 
auf die Straße hinaustun darf. Infolgedessen werden die gesamten Ma߬ 
regeln zur Bekämpfung der Tollwut von der Familie eigentlich mißachtet 
und sogar absichtlich durchbrochen, und da nützen alle polizeilichen Straf¬ 
mandate gar nichts. Wenn man dann die Leute fragt: »Wie kommt es 
denn, daß ihr gar nichts in dieser Hinsicht tut?», dann wird einem geant¬ 
wortet: »Ach was die Tollwut! Wer hat denn je schon einmal einen toll¬ 
wütigen Menschen gesehen?» Oder: »Man liest nur in den Zeitungen, 
daß einmal jemand von Tollwut befallen ist, aber in unserer Gegend kommt 
das nicht vor.« Nun sind in der Stadt Barmen, in der ich früher tätig war, 
wiederholt Fälle vorgekommen, daß Erwachsene und Kinder von tollen 
Hunden gebissen wurden, diese wurden dann auch sofort nach Berlin in 
das Institut entsandt. Aber nichtsdestoweniger blieb die Bevölkerung doch 
den polizeilichen Sicherungsvorschriften gegenüber widerspenstig. Deshalb 
glaube ich, daß ihr einmal klar vor Augen geführt werden muß, eine wie 
schwere Krankheit eigentlich die Tollwut ist. Die meisten wissen überhaupt 
gar nicht, was die Tollwut bedeutet. Ich selbst habe mich erst durch 
Nachlesen davon unterrichten müssen, wie furchtbar eigentlich hiervon der 
Patient zu leiden hat, welche entsetzlichen Qualen er erdulden muß und 
dabei stets bei Bewußtsein bleibt. Wenn das den Leuten einmal in popu¬ 
lärer Weise zur Kenntnis kommt, dann werden sie viel williger sein, auch 
ihre Hunde abzuschaflen oder auf ihre Hunde besser zu achten. Ich möchte 
deshalb den Vorschlag des Herrn Geheimrat Lent aufs allerwärmste befür¬ 
worten. Gerade die Kinder spielen immer mit den Hunden, und die Kinder 
müssen auch unterrichtet werden, was ihnen von den Hunden für Gefahren 
drohen. Die Kinder werden dann auch ihren Eltern und Angehörigen zu 
Hause das mitteilen, wenn ihnen in der Schule oder sonstwie näher Auf¬ 
schluß darüber gegeben ist, und das ist nach meiner Ansicht das aller¬ 
wirksamste Mittel zur Bekämpfung der Tollwut, viel mehr als alle polizei¬ 
lichen Mahnahmen. tt 

Geheimer Medizinalrat Dr. Abel (Berlin): „Ich möchte nur mit 
einigen Worten auf die Anregung des Herrn Geheimrat Lent eingehen, ob 
nicht auch in der Rheinprovinz eine Impfanstalt eingerichtet werden soll. 

„Meine Herren! Die Frage der Tollwut, ihrer Verbreitung und ihrer 
Bekämpfung wird von seiten des preußischen Kultusministeriums mit größtem 
Interesse verfolgt. Jeder einzelne Fall wird gebucht und in seinen ganzen 


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29 


Die Bekämpfung der Tullwut. 

Beziehungen aufgeklärt; alle Jahre erscheint eine ausführliche Statistik über 
sämtliche Fälle und den Erfolg der gegen sie eingeleiteten Behandlung. 
Es hat sich da nun herausgestellt, daß die Provinz Schlesien in den letzten 
Jahren der Hauptherd der Tollwut gewesen ist. In Rücksicht darauf ist 
in Breslau im vorigen Jahre eine Tollwut-Impfanstalt eingerichtet worden. 
Was den Herd in der Rheinprovinz anbetriift, so ist ebenfalls schon erwogen 
worden, ob er so groß und so bedeutungsvoll ist, daß es nötig ist, auch in 
der Rheinprovinz eine besondere Impfanstalt einzurichten. Bisher hat sich 
jedoch ein dringendes Bedürfnis dafür nicht herausgestellt. Insbesondere 
hat sich gezeigt, daß aus dem Umstande, daß die Gebissenen bisweilen erst 
mehrere Tage nach dem Bisse zur Impfung kommen, keine üblen Folgen 
für den Erfolg der Impfung entstanden sind. 

„Selbstverständlich wird die Frage weiter im Auge behalten. Sollte 
es wider Erwarten trotz aller Maßnahmen, die zur Unterdrückung der Toll¬ 
wut in der Rheinprovinz unternommen werden, zu einem weiteren Umsich¬ 
greifen der Krankheit kommen, so wird auch die Frage ernstlich in 
Erwägung gezogen werden, ob nicht dort, etwa im Anschluß an das hygie¬ 
nische Institut in Bonn oder in sonst geeigneter Weise, eine besondere 
Impfanstalt eingerichtet werden soll.“ 

Hiermit ist die Diskussion geschlossen und es erhält das Schlußwort: 
Referent, Professor Dr. FrOSCh (Berlin): 

„Meine Damen und Herren! Ich habe bei der großen und allgemeinen 
Übereinstimmung in der Frage des Nutzens des Maulkorbzwanges nicht er¬ 
wartet, daß gerade dieser Punkt Anstoß erregen würde. Ich habe nicht 
gesagt, daß der Maulkorbzwang ein unfehlbares Mittel sei, sondern 
habe selbst auf gewisse Mängel hingewiesen. Wenn Herr Schottelius 
gegen den Maulkorbzwang die badischen Maßnahmen und das Fehlen der 
Tollwut in Baden geltend macht, so weise ich auf Württemberg, Mecklen- 
burg-Strelitz und Schwerin, Anhalt und andere Bundesstaaten hin, die auch 
tollwutfrei sind, dieses Glück aber meiner Ansicht nach nur ihrer geogra¬ 
phischen Lage verdanken, also dem Umstande, daß für sie die Tollwut eben 
an der Grenze abgefangen wird. Das dürfte auch für Baden zutreffen. 
Es bliebe sehr abzuwarten, wie es in Baden aussehen würde, wenn es 
ohne Maulkorbzwang und nur auf die von Herrn Schottelius gerühmten 
Maßregeln angewiesen, etwa unmittelbar an unseren Ostgrenzen gelegen 
wäre 1 

„Ich kann ferner nicht anerkennen irgend eine Notwendigkeit oder 
Veranlassung, Hirten- und Viehtreiberhunde auch während ihrer Tätigkeit 
oder Benutzung % von dem Maulkorbzwange zu befreien. Es ist, wie Guts¬ 
besitzer und Viehhalter versichern, absolut nicht nötig, daß das Vieh von 
den Wachhunden gebissen werden muß; das ist ein Mißbrauch des Hundes 
und, weil er die Tiere scheu macht, eher schädlich. Zudem haben wir genug 
Beispiele, daß gerade Hirten und Herden von den eigenen tollwutinfizierten 
Hirtenhunden beim Hüten gebissen sind, daß solche Hunde dann weiter ge¬ 
laufen sind und andere Herden infiziert haben. Ich halte diese Ausnahmen, 
die allerdings von allen europäischen Gesetzen gemacht sind, nicht für 


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30 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

gerechtfertigt, sondern für inkonsequent und schädlich. Jagdhunde müssen 
allerdings, aber auch nicht allgemein und grundsätzlich ausgenommen werden. 
Sie sind gut dressiert, meist wertvoll und sorgfältig in ihrem Gesundheits¬ 
zustände vom Besitzer überwacht, deshalb kann ihre Ausnahme auch eher 
konzediert werden. 

„Endlich aber treffen die Ein wände des Herrn Schottelius auch den 
prinzipiellen Punkt meiner Darlegungen nicht. Die badischen Maßregeln 
kommen ihrer Natur nach auch post festum, also wenn bereits Tollwut vor¬ 
handen ist. Der allgemeine Maulkorbzwang soll aber als vorbeugende 
Maßregel wirken. 

„Zu den Ausführungen des Herrn Gerl and habe ich zu bemerken: 
Die Führung an der Leine ist kein genügender Schutz. Maulkorblose Hunde 
können die Leine durchbeißen und haben dies, wie unsere amtlichen Be¬ 
richte erwähnen, mehrfach getan. Sehr wahrscheinlich wird auch der Be¬ 
sitzer, wenn er bedroht ist, oder im Schreck über den Anfall (Damen) die 
Leine leicht fallen lassen. Die Frage nach einem passenden Maulkorbmodell 
halte ich nicht für so schwierig. Ich habe das Vertrauen zu unseren Tier¬ 
ärzten und Zoologen, daß sie entsprechend den verschiedenen Rassen der 
Hunde bessere Modelle finden werden, als gegenwärtig in Gebrauch sind. 
Und was die eventuelle hohe Zahl der Modelle anlangt, so wird sie sicher 
kleiner werden als die Zahl .der meist „unpassenden“ Modelle, die jetzt in 
Städten mit Maulkorbzwang in Gebrauch sind. Ist das Modell für einen 
gegebenen Hundetypus festgestellt, so steht nichts im Wege, den Besitzer 
zu verpflichten, schon allein aus Rücksicht sowohl auf seinen Hund als auch 
zum Schutze seiner Mitmenschen den Maulkorb im einzelnen Falle nach 
Maß und auf Bestellung anfertigen zu lassen. Wem das nicht paßt, der 
soll eben keinen Hund halten. 

„Herrn Lent antworte ich in Ergänzung der Ausführung des Herrn 
Geh. Rat Abel, daß mir kein Fall auf unserer Wutschutzabteilung bekannt 
ist, der durch die Entfernung zwischen seinem Heimatsorte und Berlin ge¬ 
nötigt gewesen wäre, zu spät zur Behandlung einzutreffen. 

„Endlich auf die Anfrage des Herrn Gärtner habe ich mein Referat 
noch dahin zu ergänzen: Es sind wohl gelegentlich anfänglich nach der Ein¬ 
spritzung entzündliche Abszesse vorgekommen, doch nun schon seit einer 
Reihe von Jahren infolge äußerster Peinlichkeit und vollendeter Sterilisation 
und Aseptik der Instrumente, Hände usw. nicht wieder beobachtet. Nervöse 
Erkrankungen oder Störungen teils im Verlaufe der Impfung, teils nachher 
sind anderenorts von Babes, Remlinger u. a. beobachtet, doch allermeist 
von vorübergehender Natur. Es ist noch fraglich, ob es sich dabei nicht 
um Anfalle von Wutkrankheit, gemildert durch die Behandlung, gehandelt 
hat. Die von impfgegnerischer Seite teils ohne jede Spur von Wahrschein¬ 
lichkeit oder Beweis, teils in ganz einseitiger oder gar tendenziöser Beurtei¬ 
lung der Tatsachen aufgestellte törichte Behauptung, daß durch die Impfung 
erst die Tollwut erzeugt werde, widerlegt sich durch die Differenz in dem 
oben angeführten Mortalitätsverhältnis bei behandelten und nichtbehandelten 
Gebissenen. Vielfach wird auch auf den Wutschutzabteilungen das Ärzte- 
und Dienerpersonal, ohne gebissen zu sein, prophylaktisch der Wutschutz¬ 
behandlung unterzogen. Unter vielen so geimpften Personen ist kein ein- 


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Die Bekämpfung der Tollwut. 


31 


ziger Erkrankungsfall vorgekommen. Wenn geltend gemacht wird, daß 
von sechs oder sieben von demselben tollen Hunde gebissenen Personen 
nur die eine schutzgeimpfte erkrankt und gestorben sei, die nicht behandelten 
aber gesund blieben, so ist das ein rein zufälliges Zusammentreffen und 
besagt doch nur, daß eben nicht alle Gebissenen erkranken, und daß bei der 
einzig infizierten Person die Schutzimpfung versagte, vielleicht weil sie zu 
spät zur Behandlung kam. Derartigen, übrigens ganz vereinzelten Vorkomm¬ 
nissen, die nur von einer unzureichenden Logik gegen die Schutzimpfung 
verwertet werden können, lassen sich umgekehrt viele Beispiele aus der Praxis 
der Wutschutzabteilung entgegenstellen, derart, daß von einer Anzahl von dem¬ 
selben tollen Hunde gebissenen Personen, die sich nicht schutzimpfen ließen, 
eine oder zwei diese Unterlassung mit dem Tode büßten, und nun erst die 
übrigen voller Schreck zur Schutzimpfung erschienen, regelrecht geimpft 
wurden und alle gesund blieben. Es ist kein Fall bekannt, daß durch 
die Schutzimpfung die Tollwut erzeugt wurde. “ 

Vorsitzender, Professor Genzmer (Danzig): „Meine Herren! 
Wir stehen wohl alle unter dem Eindruck, daß es sich hier um eine außer¬ 
ordentlich ernste Krankheit handelt, die die größten Kreise der Bevölkerung 
beunruhigen kann. Wir haben zwar gesehen, daß die Meinungen darüber, 
wie man der Ausbreitung der Krankheit entgegentreten kann und soll, noch 
auseinander gehen, und wir wissen nicht, wie dieser Streit der Meinungen 
entschieden werden wird. Wir haben aber andererseits auch gehört, daß 
die Behörden, besonders die preußische Staatsregierung, gerade der Be¬ 
kämpfung der Tollwut sehr sympathisch gegenüber stehen, daß das Kultus¬ 
ministerium alles tun will, was in seinen Kräften steht. Einmal dieser 
Umstand und sodann die Tatsache, die sich aus der Verhandlung ergehen 
hat, daß durch die sanitätspolizeilichen Maßregeln eine merkliche Abnahme 
der Tollwut schon bewirkt worden ist, könnte uns hier wohl beruhigen und 
in uns die Hoffnung erwecken, daß für die Folge durch weitere angestrengte 
Bemühungen der zuständigen Behörden eine Einschränkung dieser schreck¬ 
lichen Krankheit noch mehr als bisher eintreten wird. 

„Dem Herrn Berichterstatter aber, der uns diese wichtige Materie in 
so lichtvoller, ausgezeichneter Weise vorgeführt hat, und allen den Herren, 
die sich an der Besprechung beteiligten und dadurch erst eigentlich auf¬ 
merksam machten auf die verschiedenen Wege, die man bei der Bekämpfung 
der Seuche einschlagen kann, darf ich wohl in Ihrer aller Namen unseren 
verbindlichsten Dank aussprechen.“ 

Pause. 

Nach Wiedereröffnung der Sitzung stellt der Vorsitzende den zweiten 
Gegenstand der Tagesordnung zur Verhandlung: 


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82 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


Die Müchversorgung der Städte 
mit besonderer Berücksichtigung der Säug- 
lingsemährung. 


Es lauten die vom Referenten Stadtbezirksarzt Dr. Poetter (Chem¬ 
nitz) aufgestellten 


Leitsätze: 


1. Die Milch ist das wichtigste Nahrungsmittel für die Volksernährung. Von 
ihrer Güte hängt das Gedeihen und die Gesundheit weiter Bevölkerungs¬ 
kreise, insbesondere des Bevölkerungsnachwuchses, der Kinder, ab. 

2. Die gesundheitliche Bedeutung der Milch als Volksnahrungsmittel, nament¬ 
lich für die Säuglingsernährung, hat immer mehr zugenommen, seitdem 
aus verschiedenen Gründen besonders in den Städten die natürliche Brust¬ 
ernährung der Kinder zurückgegangen ist. Wenn auch durch geeignete 
Maßnahmen eine Besserung in bezug auf das Stillen der Kinder erreicht 
werden kann, so wird doch auch in Zukunft die Mehrzahl der Kinder 
auf die Kuhmilch als hauptsächliches Nahrungsmittel angewiesen bleiben. 

3. Die Milch kann als gesundheitlich einwandfreies Nahrungsmittel nur dann 
gelten, wenn sie frei von schädlichen Stoffen ist. Sie muß insbesondere 
von gesunden Tieren stammen, in sauberer, möglichst aseptischer W r eise 
gewonnen, aufbewahrt und zubereitet werden, mit kranken Personen nicht 
in Berührung kommen und ohne schädliche Beimengungen oder Zer¬ 
setzungen zum Genüsse gelangen. 

4. Gegenwärtig sind diese Voraussetzungen nur selten erfüllt und von einer 
erheblichen Preiserhöhung der Milch abhängig; einwandfreie Milch ist 
daher, abgesehen von den vereinzelten Fällen, wo private und städtische 
Fürsorge die Milchversorgung weiterer Kreise in die Hand genommen 
haben, gegenwärtig ein Luxusartikel für die bemitteltere Bevölkerung. 

5. Es ist zu erstreben, daß alle in Verkehr kommende Milch, und nament¬ 
lich alle zur Säuglingsernährung dienende Milch einwandfrei sei. Dieses 
Ziel kann ohne wesentliche Erhöhung des Milohpreises erreicht werden, 
weil alle hierzu nötigen Maßregeln gleichzeitig dazu dienen und schon an 
sich notwendig sind, um die Gesundheit und die Ergiebigkeit des Milch¬ 
viehes, also die Wirtschaftlichkeit des Betriebes zu erhöhen. 

6. Zur Erreichung dieses Zieles ist der Erlaß reichsgesetzlicher Bestimmungen 
über die Produktions- und Verkehrsverhältnisse der Milch erforderlich, 
wobei Einzelbestimmungen, namentlich über den Fettgehalt, der landes- 
und ortsgesetzlichen Regelung zu überlassen sind. Die reichsgesetzlichen 
Bestimmungen hätten gleichzeitig die Tuberkulosetilgung zu umfassen. 

7. Die Produzenten sind seitens der landwirtschaftlichen Vereine fortdauernd 
über die Gewinnung und Lieferung einer tadellosen Milch zu belehren; 
ihre Betriebe sind regelmäßig zu überwachen. 

8. Die Städte haben den Verkehr mit Milch ortsgesetzlich zu regeln und 
hierbei nicht so sehr wie früher ihr Augenmerk auf Fettgehalt, spezifisches 
Gewicht usw. als vielmehr auf die Ermittelung der sauberen, unzersetzten 
und unschädlichen Beschaffenheit der Milch zu richten. 

9. Am zweckmäßigsten wäre die Einrichtung von „Milchhöfen“ oder „Milch¬ 
zentralen“ (entsprechend den der Zentralisation des Fleischverkehrs dienen¬ 
den Schlachthöfen), welche im Besitze und Betriebe der Stadt sind oder 
zum mindesten durch eigens angestellte, entsprechend vorgebildete städ¬ 
tische Beamte überwacht werden. In diesen Zentralstellen, deren in 
größeren Städten mehrere bestehen könnten, soll die gesamte Milch zu- 


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33 


Die Milchversorgung der Städte usw. 

sammenfließen; hier wird sie nach etwaiger Reinigung, Kühlung und Zu¬ 
bereitung in Transportgefäße gefüllt und durch entsprechend eingerichtete 
Verkaufswagen oder Verkaufsstellen an das Publikum abgegeben. 

Der jetzt übliche Kleinhandel mit Milch ist als unhygienisch zu be¬ 
zeichnen. 

10. Mit der Milchzeutrale sind Säuglingsmilchküchen zu verbinden. 

11. Die Bevölkerung ist fortlaufend über die richtige Behandlung der Milch 
zu belehren und hierin zu unterstützen. Der Bezug einwandfreier Säug¬ 
lingsmilch, wobei gleichzeitig eine Beratung der Mütter stattfinden kann, 
muß auch den Unbemittelten ermöglicht werden, ohne daß jedoch die auf 
Verbreitung des Selbststillens hinzielenden Bestrebungen beeinträchtigt 
werden. 

12. Der allgemeine Genuß guter Milch kann in vorteilhafter und gesundheit¬ 
lich wünschenswerter Weise gehoben werden durch Errichtung von Milch¬ 
häuschen, Milchautomaten usw. 

Referent, Stadtbezirksarzt Dr. Poetter (Chemnitz): 

„Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege hat sich schon 
wiederholt mit der Frage der Milchversorgung beschäftigt. Erst vor drei 
Jahren auf der Dresdener Versammlung wurde diese Angelegenheit ein¬ 
gehend erörtert und neben der dringenden Notwendigkeit einer Besserung 
der Milchversorgung betont, daß es nach der Entwickelung der Landwirt¬ 
schaft möglich sei, sogar ohne Preiserhöhung eine einwandfreie Milch zu 
liefern. Im selben Jahre 1903 brachte der Verein sein hohes Interesse 
noch dadurch zum Ausdrucke, daß er gelegentlich der Hamburger Aus¬ 
stellung für hygienische Milch Versorgung einen Preis für das beste Ver¬ 
fahren zur Versorgung der ärmeren Bevölkerungskreise mit einwandfreier 
Milch aussetzte. Wenn dieser Preis leider bis jetzt immer noch nicht ver¬ 
liehen werden konnte, wenn der Verein heute das Thema der Milchversor¬ 
gung schon wieder auf die Tagesordnung zu setzen für gut befunden hat, 
so ist das ein Beweis dafür, daß die Milchfrage noch immer der Lösung 
harrt, daß sie aber auch hoffentlich nicht eher zur Ruhe kommt, bis eine 
befriedigende Lösung gefunden ist. 

„Erfreulicherweise beteiligen sich an der hierzu nötigen Arbeit nicht 
nur hygienische Kreise, sondern namentlich auch landwirtschaftliche und 
Handelsverbände. Und da in ‘vielen und wichtigen Punkten bereits Über¬ 
einstimmung erzielt ist, braucht man wegen eines glücklichen Ausganges 
nicht zu verzagen. 

„Die Kuhmilch, neben der die Milch anderer Tierarten nur eine ganz 
verschwindende Bedeutung hat, ist zweifellos eines der wichtigsten Nah¬ 
rungsmittel, die es gibt, wenn nicht das allerwichtigste. Alle übrigen 
Nahrungsmittel lassen sich mehr oder weniger durch andere ersetzen; ein 
Zustand aber, wo es keine Milch mehr geben sollte, läßt sich gar nicht 
denken. Alle Bevölkerungskreise, ob arm oder reich, sind auf die Milch 
angewiesen. Für Gesunde und besonders für Kranke ist die Milch unent¬ 
behrlich, und für viele Bevölkerungsschichten, nämlich die Kinderwelt, 
bildet die Milch längere Zeit das einzige und späterhin das hauptsächlichste 
Nahrungsmittel. Biedert rühmt die Milch als »das bevorzugte Nahrungs- 
gemisch für delikate Verdauungswerkzeuge: sie enthält die Kohlehydrate 
gelöst, zur Resorption fertig, das Fett in Emulsion, der für seine Aufnahme 

VierteljahxMchrift für Oecnndheitspflege, 1907. 3 


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34 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

förderlichsten Form, und einen Eiweißkörper, der konservierendes Erhitzen 
vertrage, ohne zu gerinnen, und mit dem emulgierten Fette so verbunden 
sei, daß er bei seiner Gerinnung im Magen durch Einschluß der feinsten 
Fetttropfen eine lockere, für die Verdauungssäfte vorzugsweise zugängliche 
Masse bilde». 

„Als Eindernahrung steht die Milch konkurrenzlos da, und selbst bei 
den zahlreichen als Milchersatz angepriesenen Surrogaten wird mit be¬ 
sonderer Wichtigkeit auf einen gewissen Gehalt an Bestandteilen der natür¬ 
lichen Milch hingewiesen, um den vermeintlichen Wert dieser Präparate zu 
erhöhen. 

„Im Deutschen Reiche werden jährlich über zwei Millionen lebende 
Kinder geboren; ein Fünftel davon, also 400000 Kinder, sterben innerhalb 
des ersten Lebensjahres wieder; es verbleiben somit am Schlüsse des Jahres 
etwa 1600000 lebende Kinder. Nach den auf meine Anregung im König¬ 
reiche Sachsen angestellten allgemeinen Erhebungen wurden im Jahre 1904 
von den in Sachsen lebend geborenen Kindern 27,4 Proz. überhaupt nicht, 
12,6 Proz. nur kurze Zeit (weniger als sechs Wochen) und 60 Proz. über 
sechs Wochen an der Mutterbrust ernährt; von den letztgenannten werden 
zweifellos viele bald nach Ablauf der sechs Wochen wieder abgesetzt. In 
den übrigen deutschen Staaten mögen die Verhältnisse teilweise vielleicht 
günstiger liegen, Erhebungen darüber sind nicht bekannt; jedenfalls aber 
wird man wohl ohne Übertreibung behaupten dürfen, daß von allen im 
Deutschen Reiche lebend geborenen Kindern höchstens die Hälfte, und auch 
diese nicht länger als ein halbes Jahr, mit der Muttermiloh ernährt werde. 
Die einfache Rechnung ergibt somit, daß nach Abzug der gestillten Kinder 
jedes Jahr mindestens 1200000 unter einem Jahre alte Kinder auf die Kuh¬ 
milch als ausschließliche Nahrung angewiesen sind. 

Hierzu kommen die noch weit zahlreicheren jugendlichen Kinder, deren 
es im Alter von 2 bis 4 Jahren im Deutschen Reiche gegen 4 1 /* Millionen 
gibt, die gleichfalls die Milch als ein wesentliches Nahrungsmittel nicht ent¬ 
behren können, ferner die Kranken und Schwachen und besonders auch die 
stillenden Frauen, die zu ihrer rationellen Ernährung und Kräftigung großer 
Milchmengen bedürfen. 

„Selbst wenn es, was dringend zu wünschen und nach den bisherigen 
Erfahrungen auch wohl zu hoffen ist, gelingt, der natürlichen Brusternährung 
der Neugeborenen ein immer größeres Feld zurückzuerobern, so bleiben 
immer noch sehr große Bevölkerungskreise übrig, deren Gedeihen von dem 
Vorhandensein reichlicher und guter Kuhmilch abhängt, deren Gedeihen 
aber auch die Voraussetzung für eine kräftige und glückliche Entwickelung 
unseres ganzen Volkes ist. 

„So wertvoll und unentbehrlich die Milch als Nahrungsmittel ist, so groß 
sind aber andererseits die Gefahren, die ihr durch schädliche Beimengungen 
und Zersetzungen drohen. Hierüber ist an dieser Stelle schon so oft und 
eingehend gesprochen worden, daß ich nur mit einigen Worten, lediglich 
um nicht unvollständig zu sein, darauf einzugehen wage. Schon die frisch 
dem Kuheuter entmolkene Milch ist in vielen Fällen hochgradig und gefähr¬ 
lich verunreinigt. Die Giftstoffe aus gewissen, von den Milchtieren gefressenen 
Pflanzen, wie Herbstzeitlose, Dotterblumen, Hahnenfuß, Wolfsmilch, können, 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


35 


wie viele meinen, in die Milch übergehen; Löffler hält das zwar noch nicht 
für bestimmt erwiesen, ebenso meint Ostertag, die Frage der Schädlichkeit 
vieler früher verdächtiger Futtermittel müsse noch erst durch experimentelle 
Untersuchungen geprüft werden. Man stimmt jedoch darin überein, daß 
unzweckmäßiges und verdorbenes Futter die Milch nachteilig verändert, sei 
es, daß stark feuchtes Futter, wie Schlempe, Schnitzel, die Milch wässeriger, 
gehaltärmer, sei es, daß verdorbenes, gärendes Futter die Tiere krank, ihre Milch 
daher weniger bekömmlich macht; auch plötzliche Übergänge in der Fütterungs¬ 
weise, namentlich von vorwiegender Trocken- zur Grünfütterung, bewirken 
Verdauungsstörungen der Kühe und können zur Milchverschlechterung führen. 
Auch manche dem Tiere gereichten Arzneistoffe gehen in die Milch über. 
Von besonderer Wichtigkeit ist nun aber der sicher erwiesene Übergang 
zahlreicher Krankheitserreger vom erkrankten Tiere in seine Milch, nament¬ 
lich der Erreger der Maul- und Klauenseuche, septischer Erkrankungen, der 
Mastitis, der Enteritis, der Tuberkulose. Wie verbreitet diese Krankheiten 
unter den Milchtieren sind, brauche ich kaum weiter auszuführen; ungefähr 
ein Drittel aller Milchkühe ist z. B. tuberkulös, etwa 3 Proz. hat Eutertuberku¬ 
lose; die Mischmilch aus fast jedem Stalle enthält lebende Tuberkelbazillen. 
Die Bedeutung der Rindertuberkulose für die menschliche Gesundheit aber 
darf trotz entgegenstehender gewichtiger Ansichten keinesfalls unterschätzt 
oder gar ganz geleugnet werden; Behring geht bekanntlich sogar so weit, 
den Tuberkelbazillus in der Milch als die Hauptursache der menschlichen 
Tuberkulose anzusehen. Wesentlich gestützt wird diese Annahme durch 
Untersuchungen von Ficker, Heubner und Schloßmann: Heubner 
fand in seiner Klinik an Tuberkulose erkrankt Kinder unter drei Monaten 
0 Proz., von drei bis sechs Monaten 3,6 Proz., im dritten Vierteljahre 11,8 Proz., 
im vierten sogar 26 Proz., dann sinkt die Zahl der an Tuberkulose Erkrankten 
ziemlich regelmäßig bis zu 5 Proz. im siebten bis zehnten Lebensjahre. 
Und gegenüber der von anderer Seite ausgesprochenen Ansicht, die mit 
der Milch genossenen Tuberkelbazillen führten nicht zur Infektion, denn 
sonst müßten die Fälle primärer Darmtuberkulose viel häufiger sein, in 
Wirklichkeit seien sie aber äußerst selten, kann man wohl auf die Ver¬ 
suche Fickers und Schloßmanns hinweisen, die zeigen, daß die 
Darmwand jugendlicher Individuen Bazillen, und insbesondere auch Tu¬ 
berkelbazillen, in die Lymphbahn durchtreten läßt, ohne selbst zu erkranken, 
und daß die in den Lymphstrom gelangten Bazillen in den verschiedenen 
Körperorganen, mit besonderer Vorliebe in den Lungen, ihre verderbliche 
Tätigkeit entfalten können. Die Verbreitung der Kugelbakterien, der Strepto- 
und Staphylokokken, die von vielen als die Erreger der Euterentzündung 
bei Kühen und schwerer Darmentzündungen bei Kindern angesehen werden, 
in der Milch ist fast noch größer als die der Tuberkelbazillen. Brüning 
fand bei 28 Leipziger Marktroilchproben in 93 Proz. Streptokokken, und 
zwar in Mengen von 100 bis 1000000 im Cubikcentimeter, allerdings konnte 
er ihre Pathogenität nicht nachweisen. Trommsdorf fand in München in 
sogenannten Kindermilchställen die Milch von 25 bis 30 Proz., sogar in 
einem Musterstalle mit ausgesuchtem Schweizervieh von 4 Proz. aller Kühe 
streptokokkenhaltig; erwies nach, daß mit der Streptokokkenzahl der Gehalt 
der Milch an Leukocyten oder Eiterkörperchen parallel gehe, und ist der 

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86 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg- 

Ansicht, daß die Anwesenheit von Streptokokken ein Zeichen bestehender 
Euterentzündung sei. Die Untersuchungsergebniese Behrings sind noch 
ungünstiger; wie er in einem am 8.Februar d. J. vor dem Deutschen Land¬ 
wirtschaftsrat gehaltenen Vortrage mitteilte, waren in seinem Versuchs¬ 
stalle bei einem Bestände von 30 Melkkühen etwa 90 Proz., die trotz ge¬ 
sunden Aussehens und reinlichster Haltung große Mengen von Strepto- und 
Staphylokokken mit der Milch ausschieden; tröstlicherweise ist es Behring,, 
wie er angibt, gelungen, diese »Kokkenkühe« so zu behandeln, daß das Euter 
vollständig steril wird. 

„Sobald die Milch das Kuheuter verlassen hat, drohen ihr Verunreini¬ 
gungen durch spezifisch menschliche Krankheitserreger, besonders Typhus-, 
Scharlach-, Diphtheriekeime, die durch Vermittelung der Menschen, auch 
gelegentlich durch verunreinigtes Wasser, das z. B. zum Spülen der Gerät¬ 
schaften gedient hat, in die Milch gelangen und hier einen ausgezeichneten 
Nährboden finden. Wohl jeder beschäftigte Medizinalbeamte wird Gelegen¬ 
heit gehabt haben, namentlich Fälle der Verbreitung von Typhus durch 
infizierte Milch zu beobachten. 

„Eine fast ebenso verhängnisvolle Verunreinigung wie durch die Er¬ 
reger tierischer und menschlicher Krankheiten aber erfährt die Milch durch 
das Eindringen von Schmutzteilchen mit den daran haftenden oft massen¬ 
haften und gefährlichen Kleinlebewesen; bei mangelhafter Haltung und 
Pflege der Tiere, bei unzweckmäßigen Stall Verhältnissen und unsauberem 
Melken gelangen Teilchen von Kuhkot, Kuhhaare, Heu- und Futterstaub 
in die Milch. Wie häufig solche grobe Verunreinigungen sind, zeigt die 
von uns in Chemnitz gemachte Erfahrung: obwohl schon seit Jahren jeder 
Milchproduzent bei nachgewiesenem Schmutzgehalte der von ihm gelieferten 
Milch vom Stadtrate mittels besonderer Zuschrift verwarnt und auf die Mittel 
und Wege sauberer Milchgewinnung hingewiesen wird, enthielten im vorigen 
Jahre 1905 von den 5326 untersuchten Milchproben 372 Schmutzbestand¬ 
teile in größeren, weitere 2117 Proben in geringeren, aber noch deutlich wahr¬ 
nehmbaren Mengen; zusammen mußten 2489 Milchproben, das sind rund 
47 Proz. aller untersuchten Proben, als unsauber angesprochen werden. 
Und dabei ist zu bedenken, daß durch die übliche Schmutzbestimmung nur 
die groben, ungelösten Teile festgestellt werden, während sich die zweifellos 
viel beträchtlicheren Mengen der löslichen Stoffe aus Kuhharn und Kuhkot, 
sowie massenhaft losgelöste und in der Milch verteilte Bakterien der Schmutz¬ 
analyse entziehen. Aus diesem Grunde scheint es auch verfehlt, wenn nach 
den meisten Milchverordnungen eine gewisse Grenze des Schmutzgehaltes 
nicht überschritten werden darf, mit anderen Worten ein diese Grenze nicht 
überschreitender Schmutzgehalt erlaubt ist. Das hygienische Interesse er¬ 
fordert dringend, daß die Milch überhaupt keinen Schmutz enthalten darf; 
das jetzt beliebte Abfiltrieren des Schmutzes, wofür fast täglich neue Apparate 
empfohlen werden, ebenso auch die Zentrifugenreinigung sind unter den 
gegenwärtigen|Verhältnissen zwar nützlich, aber höchst zweifelhafte Not¬ 
behelfe. Denn wenn diese Apparate in Tätigkeit treten, hat der Schmutz 
seine Schuldigkeit bereits getan und die Milch mit massenhaften Zersetzungs¬ 
keimen infiziert. Es ist merkwürdig, daß das Publikum den Milchschmutz 
so leichthin übersieht und erträgt, dasselbe Publikum, das in lebhafte Auf- 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


37 


regung gerät, wenn das ihm Vorgesetzte Bier trübe ist oder einen, vielleicht 
ganz harmlosen Bodensatz zeigt, oder wenn in Mehl, Hirse und Graupen 
ein Mäuslein seine Spuren hinterlassen hat. Nicht anders verhält es sich 
mit der Wertschätzung des Geruchs und Geschmacks der Milch; sie zieht 
riechende und schmeckende Stoffe begierig aus ihrer Umgebung an, besonders 
haftet ihr bei unzweckmäßiger Behandlung der Stallgeruch fest an. Und 
das Publikum ist infolge der bisher stets üblich gewesenen Mißhandlung der 
Milch mit Stalldunst und Kuhkot so verwöhnt worden, daß es den Geschmack 
reiner Milch nicht mehr kennt und, wie Schloßmann vielleicht etwas 
übertrieben behauptet, das gewöhnte, seinem Ursprünge nach doch höchst 
unappetitliche Aroma verlangt, wenn ihm eine Milch schmecken soll. 

„Es wäre viel gewonnen, wenn das Publikum auf die Beschaffenheit 
der ihm gelieferten Milch genau achten und den Wert reiner Milch schätzen 
lernen wollte. Der erfolgreiche Kampf gegen den Milchschmutz würde 
bereits einen tüchtigen Schritt vorwärts bedeuten, denn um den Schmutz zu 
vermeiden, muß eine Reihe von Maßregeln beachtet werden, die vom 
hygienischen Standpunkte aus höchst wichtig sind. 

„Gegenüber den geschilderten, die Milch bedrohenden Gefahren gibt es 
nun glücklicherweise wirksame Hilfsmittel, deren wichtigste sind: Die Aus¬ 
wahl völlig gesunder Milchtiere, ihre sachgemäße gesundheitliche Über¬ 
wachung, Durchführung einer vernünftigen Stallhygiene, Beobachtung pein¬ 
lichster Sauberkeit, Schutz der Milch in jedem Stadium vor Berührung mit 
kranken oder krankheits- oder ansteckungsverdächtigen Menschen. Durch 
diese Mittel gelingt es, wie zahlreiche Beispiele zeigen, nicht nur, eine von 
menschlichen und tierischen Krankheitskeimen freie, sondern auch eine völlig 
saubere Milch zu gewinnen, sauber auch im bakteriologischen Sinne, indem 
der Gehalt an saprophytischen Keimen, der bei unsauberer Gebarung bis auf 
Hunderttausende und Millionen im Gubikcentimeter steigt, bis auf wenige 
tausend, ja unter hundert herabgesetzt werden kann. Der Gewinn dieser 
bakteriologischen Reinheit liegt in der Erzielung einer längeren Haltbarkeit 
der Milch und in der Vermeidung der wirtschaftlich und gesundheitlich be¬ 
denklichen Milchzersetzung auf eine längere Zeit hinaus. 

„Die unter Beobachtung peinlichster Sauberkeit auf dem Rittergute 
Ohorn bei Dresden gewonnene rohe Milch machte die Reise von Dresden 
nach New York und zurück und war bei ihrer Rückkehr in Dresden noch 
unverdorben; v. Behrings Rohmilch hielt sich bei einer Aufbewahrungs¬ 
temperatur von 20 bis 25° fünf bis acht Tage frisch, Willems Rohmilch 
sogar bis zu 93 Tagen. Das sind Erfolge, die man früher nicht für möglich 
gehalten hätte. Eine solche reine Milch ist ein einwandfreies Nahrungs¬ 
mittel, auch für Kinder, sie ließe sich, was das Ideal der künstlichen Säug¬ 
lingsernährung wäre, im rohen, oder, um mit Seiffert zu sprechen, im na¬ 
tiven, lebendigen Zustande darreichen. 

„Eine gänzliche Keimfreiheit der frisch ermolkenen Milch läßt sich 
nicht erzielen; in den Zitzenkanälen sind stets Keime enthalten, die auch 
mit den ersten auf den Boden gemolkenen Milchstrahlen nicht ganz beseitigt 
werden können, und das Kuheuter läßt sich ebensowenig vollkommen sterili¬ 
sieren wie die Hand des Melkers. Ob die von Backhaus gerühmte Melk¬ 
maschine hierin wesentlichen Wandel schaffen wird, dürfte noch abzuwarten 


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88 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

sein. Die der Milch, namentlich bei unsauberer Handhabung, oft in un¬ 
glaublichen Massen beigemengten saprophytischen Keime gehören nach den 
Flügge sehen Untersuchungen hauptsächlich drei Gruppen an: erstens der 
Gruppe der Milchsäureerreger, die den Milchzucker zersetzen, Milchsäure 
daraus bilden und dadurch eine Gerinnung des Caseins verursachen; zweitens 
handelt es sich um Erreger der Buttersäuregärung, wodurch die Milch einen 
widerlichen, ranzigen Geschmack und Geruch annimmt; zur dritten Gruppe 
gehören die Heu- und Kartoffelbazillen, die eine tiefgehende, fäulnisartige 
Zersetzung des Milcheiweißes herbeizuführen vermögen. Während die an 
sich harmlosen Milchsäurebazillen, da eine gesäuerte und geronnene Milch 
als Frischmilch unverkäuflich ist, nur wirtschaftlich schaden, auch durch 
einfache Mittel leicht beseitigt werden können, sind die Buttersäurebazillen 
schon bedeutend widerstandsfähiger, allerdings nach Flügges Ansicht an¬ 
scheinend nicht gesundheitsschädlich; dagegen besitzen die Keime der 
dritten Gruppe neben äußerst großer Widerstandsfähigkeit, halten sie doch 
ein sechs- bis siebenstündiges Kochen aus, ohne daß ihre Sporen dadurch 
vernichtet werden, eine ausgesprochene Gesundheitsgefährlichkeit. Nament¬ 
lich in gekochter Milch, deren Säureerreger durch das Kochen abgetötet 
sind, entwickeln sie sich bei unzweckmäßiger Aufbewahrung in höheren 
Temperaturen über 20° C und wirken nicht nur durch sich selbst giftig, 
sondern erzeugen auch durch Zersetzung des Milcheiweißes giftige Stoffe. 

„In ähnlicher Weise unterscheidet v. Behring die an sich harmlose 
saure Gärung der Milch, die außer der Zersetzung des Milchzuckers, 
Bildung von Milchsäure und Gerinnung des Caseins keine erhebliche Schädi¬ 
gung verursacht, von der gefährlichen alkalischen Gärung oder Fäulnis, 
die besonders bei erhitzt gewesener, in geschlossenen Gefäßen aufbewahrter 
Milch auftrete, die natürlichen Schutzstoffe der Milch, ihre Fermente, ihre 
Salze, besonders Eisen- und Kalkverhindungen, und das Eiweiß zerstöre. 

„Bis vor noch nicht langer Zeit glaubte man, allen Schädigungen, die 
die Milch betreffen, dadurch begegnen zu können, daß man die Milch sterili¬ 
sierte. Die Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens stellte sich aber, wie 
sich aus meinen bisherigen Ausführungen von selbst ergibt, sehr bald 
heraus. Eine wirkliche Sterilisierung, Abtötung aller Keime, war nur mit 
so hohen und so lange andauernden Hitzegraden zu erreichen, die gleich¬ 
zeitig die Milch zerstörten und mindestens als Kindernahrung untauglich 
machten. Auch kürzeres Kochen vernichtet wichtige Eigenschaften der 
Milch, ohne sie vor weiterer Zersetzung durch die am Lehen bleibenden 
Keimsporen zu schützen. Ebensowenig vermag dies selbstverständlich das 
Pasteurisieren, d. h. die Anwendung niedrigerer Hitzegrade bis etwa 70°C, 
wobei zwar die Lebenseigenschaften der Milch, ihre Eiweiß- und Mineral- 
stoffe, sowie ihre Fermente im wesentlichen erhalten bleiben. Eine durch 
reichliche Bakterienentwickelung bereits eingetretene Zersetzung der Milch 
kann keine Sterilisierung und Pasteurisierung wieder rückgängig machen. 
Und v. Behring spricht das Wort aus, solche Milch sei zwar ein ausge¬ 
zeichnetes Medium für Bakterien, für pflanzliche Organismen, nicht aber zur 
Erhaltung des tierischen Organismus geeignet, sie gehöre auf den Mist und 
den Acker, aber nicht in den Magen des Menschen, am allerwenigsten in 
den Magen des menschlichen Säuglings. Leider sei die gewöhnliche Ver- 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


39 


kaufsmilch schon in der Zersetzung weit fortgeschritten; wenn er eine Milch, 
wie sie den Säuglingen in den Großstädten gegeben zu werden pflege, zur 
Ernährung von Kälbern benutzt habe, so sei das das sicherste Mittel ge¬ 
wesen, um die Mehrzahl der Kälber an erschöpfenden Diarrhöen sterben zu 
lassen oder einen Zustand zu erzeugen, welchen wir bei der hohen Säug¬ 
lingssterblichkeit in den Sommermonaten zu beklagen haben. 

„Eine besonders große Gefahr droht nun der Milch, selbst einer ein¬ 
wandfrei und sauber gelieferten Probe, in den Händen vieler Milchhändler 
und namentlich im Hause des Konsumenten. In unsauberen Gefäßen mit 
alten, geradezu wie Sauerteig wirkenden Milchresten gehalten, in schmutziger 
Umgebung, den Insekten zugänglich, in der warmen Küche oder Stube auf¬ 
gehoben, verdirbt auch die reinste Milch sehr bald und verschlechtert sich 
eine bereits in Zersetzung begriffene Milch rapide. Man braucht nicht viele 
Wohnungen zu besichtigen, um eine Milchmißhandlung in verschiedenen 
Spielarten kennen zu lernen. Der Dresdener Stadtbezirksarzt konnte bei 
einer planmäßigen Erhebung in den Familien der an Brechdurchfall ver¬ 
storbenen Säuglinge durchweg die gröbsten Fehler in der Milchbehandlung 
feststellen und schiebt hierauf wohl mit Recht die Ursache der tödlichen 
Verdauungsstörungen. 

„Wenn ich zusammenfasse, so müssen wir von der als Nahrungsmittel 
und insbesondere für die künstliche Säuglingsernährung dienenden Milch 
verlangen, daß sie von gesunden, vernünftig ernährten Kühen stammt, keine 
schädlichen Keime enthält, daß sie sauber gewonnen und bis zum Augen¬ 
blicke des Genusses so aufbewahrt und behandelt wird, daß sie frei bleibt 
von gesundheitsgefährlichen Beimengungen und Zersetzungen. 

„Die Gewinnung einer von vornherein gänzlich keimfreien Milch wird, 
wie schon erwähnt, schwerlich erreichbar sein; es ist daher erforderlich, die 
Entwickelung der unvermeidbaren saprophytischen Keime hintanzuhalten. 
Das bewährte und in jeder Hinsicht einwandfreie Mittel dazu ist die Kühlung. 
Bei Temperaturen über 10 bis 12°C vermehren sich die Keime sehr langsam 
und wird die beginnende Zersetzung der Milch, kenntlich an der Säure¬ 
zunahme, bedeutend hinausgeschoben. Nach Park zeigte eine Milch, welche 
frisch gewonnen im Cubikcentiineter 5000 Keime enthielt, nach 24 Stunden 
bei 5,6*0 gehalten 2400 Keime, bei 10° C 7000, bei 18° C 280 000, bei 
35° C 12 x / 2 Milliarden Keime. Und während nach Versuchen von Plant 
in einer frischen Milch, die bei 37° C gehalten wurde, schon nach 5 Stunden 
die Zersetzung nachweisbar war, begann sie bei 20° erst nach 12 Stunden, 
bei 15° nach 20 Stunden, bei 10° erst nach 48 bis 72 Stunden. Die An¬ 
wendung der Kälte bei Aufbewahrung der Milch ist daher eine unumgäng¬ 
liche Forderung: rasche Abkühlung nach dem Melken, Kühlhaltung im 
Gehöft, auf dem Transport, im Milchladen, im Haushalt. 

„Nach einem von Seiffert ausgedachten interessanten Verfahren 
gelingt es, eine Milch auch durch Bestrahlung mit ultravioletten Strahlen 
zu entkeimen, ohne ihre nativen Eigenscnaften zu zerstören. 

„Wie liegen die Dinge nun heute? Sind die als notwendig erkannten 
Forderungen erfüllt, sind sie erfüllbar? Leider bestehen gerade in der 
städtischen Milchversorgung, wie die allseitigen Beobachtungen und Unter¬ 
suchungen beweisen, die ärgsten Mißstände. Wie Dun bar vor drei Jahren 


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40 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

auf der Dresdener Versammlung so treffend ausführte, haben gerade die¬ 
jenigen Milohproduzenten, die ihre Milch nach den Städten liefern, in 
hygienischer Verbesserung ihrer Einrichtungen nichts geleistet, weil sie ja 
ohnedies ihr Produkt jederzeit zu hohen Preisen an die Städter verkaufen 
können, die es, ohne weiter zu prüfen, kritiklos hinnehmen. Und die 
städtische Milchkontrolle erfüllte bisher hauptsächlich nur den einen Zweck, 
das Publikum davor zu schützen, daß es nicht eine durch Wässerung oder 
zu geringen Fettgehalt im Verhältnis zum aufgewandten Preise zu minder¬ 
wertige Milch erhielt; vor der Lieferung einer zersetzten und giftigen Milch 
aber schützte sie nicht. Es will viel sagen, wenn Professor Dammann im 
Anfänge dieses Jahres vor dem deutschen Landwirtschaftsrat ausrufen 
konnte: »Solange die Dinge so liegen wie heute, wo jeder aus dem 
schlechtesten und schmutzigsten Stalle bei dem Mangel an jeder gebühr¬ 
lichen Pflege der Kühe, bei der Verwendung von allerlei Futtermitteln, die 
die Milch nachteilig beeinflussen, Milch in den Verkehr bringen darf, wo 
gemolken wird mit unsauberen, mit eiterigen Stellen besetzten Händen, aus 
einem unsauberen Euter, solange selbst dafür noch nicht gesorgt ist, daß 
bei dem Auftreten epidemischer Krankheiten der Besitzer die Abgabe einer 
in den Krankenräumen aufbewahrten Milch einzustellen hat — solange 
kann unmöglich eine Besserung der Zustände eintreten. Die Kalamität ist 
so mörderisch, die Not so groß, daß sie laut nach Abhilfe schreit.« 

„In vielen Städten bestehen nun allerdings sogenannte Kindermilch¬ 
ställe, die sich die Aufgabe gestellt haben, unter Beachtung aller hygienischen 
Vorschriften eine tadellose Milch zu produzieren. Diese Anstalten arbeiten 
indes so teuer, daß ihr Produkt wegen seines hohen Preises nur ein Luxus¬ 
artikel für die bemitteltere Bevölkerung ist. Auch wo bisher von privaten 
Wohltätigkeitsvereinen mit oder ohne städtische Unterstützung die Kinder¬ 
milch ärmeren Bevölkerungskreisen zugänglich zu machen gesucht worden 
ist, gereichte diese Guttat infolge der hohen Kosten, infolge der beklagens¬ 
werten Indolenz und Unkenntnis des Publikums oder aus anderen Gründen 
nur so verhältnismäßig wenigen zum Vorteil, daß ein Nutzen für die All¬ 
gemeinheit, so sehr für den einzelnen Fall die wohltätige Wirkung anzu¬ 
erkennen ist, kaum bemerkt werden kann. Was will es z. B. für die All¬ 
gemeinheit sagen, wenn nach Auerbachs Mitteilung im Jahre 1900 ein 
Kinderschutzverein in Berlin 50 Kinder mit Milch unterstützte, oder wenn 
in Halle bei einem städtischerseits angesteilten Versuche im Jahre 1902 bei 
einer jährlichen Geburtszahl von über 5500 Kindern an 149 bedürftige 
Kinder Milchmarken verabreicht wurden; was will selbst die schon größer 
angelegte Tätigkeit der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg sagen, die 
im vorigen Jahre durchschnittlich täglich 330 Kinder mit Milch versorgte 
bei etwa 20 000 Geburten im Jahre, was auch unser in Chemnitz gemachter 
Versuch, wo wir aus den Mitteln des Vereins für Gesundheitspflege während 
des Jahres 1905 an 493 Kinder pasteurisierte Flaschenmilch verabreichten. 
Wenn auch in allen diesen Fällen nach den vorliegenden Berichten die 
Erfolge für die versorgten Kinder recht günstig sind, hatten wir doch in 
Chemnitz bei ihnen nur 8,61 Proz. Todesfälle gegen die bekannte hohe 
Jahressterblichkeit der Säuglinge von etwa 30 Proz. zu beklagen, so ist ein 
erheblicher Nutzen für die Allgemeinheit doch nicht zu erweisen und 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 41 

höchstens indirekt infolge der Belehrung und zunehmenden Wertschätzung 
guter Milch in weiteren Volkskreisen anzuerkennen. Auch aus Halle ist 
eine ähnliche resignierte Auffassung bekannt geworden. Trotzdem aber 
halte ich gegenwärtig den beschrittenen Weg für zweckmäßig, schon um 
durch Mustereinrichtungen den Milchproduzenten ein Beispiel zu geben und 
beim breiten Publikum immer wieder anregend und belehrend zu wirken. 
Auch ein weiterer Ausbau solcher Kindermilchversorgung ist wünschens¬ 
wert, wenn man sich auch ihre sehr hohen Kosten nicht verhehlen darf. 
Nach einer Berechnung Schloßmanns würden sich die für eine allgemein 
darchgeführte Kindermilchversorgung alljährlich* aufzubringenden Un¬ 
kosten auf 1 M. pro Kopf der Bevölkerung stellen, also auf einen jähr¬ 
lichen Zuschuß von 100000 M. für eine Stadt von 100000 Einwohnern, 
wobei noch vorausgesetzt wird, daß ein Drittel aller Kinder an der Mutter¬ 
brust genährt, daß für 10 Proz. der künstlich genährten Kinder täglich 
je 50 Pf., für 40 Proz. täglich je 30 Pf. und für 50 Proz. täglich im Durch¬ 
schnitt je 10 Pf. von* den Angehörigen für die Milch gezahlt werden. Es 
sind also ganz bedeutende Summen, um die es sich hier handelt. Aus 
Mangel an so beträchtlichen Mitteln sind wir in Chemnitz allerdings not¬ 
gedrungen sparsamer vorgegangen; für die bis Ende 1905 versorgten Kinder 
hat der dortige Verein für Gesundheitspflege im ganzen einschließlich Druck¬ 
kosten nur etwa 1500 M. ansgegeben. Das war aber nur dadurch möglich, 
daß gar keine Regiekosten aufliefen, und daß die große Chemnitzer Genossen¬ 
schaftsmolkerei sich dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hatte. Aus 
einer großen Anzahl von Ställen wurden von mir nach und nach etwa 10 
mit einer Tageslieferung von je etwa 60 bis 400 Litern ausgewählt, deren 
hygienische Verhältnisse befriedigend waren oder hergestellt wurden; 
sämtliche Kühe wurden tierärztlich untersucht und der Tuberkulinprobe 
unterworfen, alle kranken und reagierenden beseitigt; Vorschriften für 
Bauberes Melken und saubere Handhabung mit der Milch wurden erteilt; 
die Milch wurde durch Wattefilter gereinigt, mittels Rieselungsapparate 
gekühlt, in der Molkerei auf V 4’ v«. V. und 1 Liter-Flaschen gefüllt, darin 
eine Stunde bei 65° C pasteurisiert, unmittelbar darauf auf etwa 6° ab¬ 
gekühlt und dann an die Kundschaft abgeliefert. Der Preis belief sich auf 
24 Pfg. für 1 Liter. Der Chemnitzer Versuch zeigt zweifellos manche 
schwerwiegende Unvollkommenheit: Die Kontrolle der Produzenten wäre 
auBZubauen, die Kühlung im Gehöfte wäre mit Eis statt wie bisher mit 
Brunnenwasser auszuführen, es wäre namentlich zu empfehlen, anstatt der 
gesamten Menge Vollmilch die Säuglingsmilch in trinkfertigen Einzel- 
portionsfläschchen zu liefern, obwohl auch bei der geübten Lieferungsweise 
zweifellos der eine große Vorteil erreicht war, daß ein Umgießen der Milch 
in andere, oft unsaubere Gefäße vermieden wurde. Die Milch hat sich zu 
meiner Freude und Genugtuung einer andauernden Beliebtheit beim Publikum 
zu erfreuen; selbst in den Wintermonaten, als Milchunterstützungen nicht 
mehr gegeben wurden, setzte die Molkerei, ohne daß irgendwelche Reklame 
gemacht worden wäre, täglich gegen 1200 Liter in den verschiedenen 
Flaschengrößen ab, und zwar erfreulicherweise meist an die weniger be¬ 
mittelten Bevölkerungskreise. Es ist ohne weiteres anzuerkennen, daß das 
in Köln, Hamburg, Berg.-Gladbach eingeführte Verfahren zweckmäßiger und 


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42 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

nachahmenswert ist — aber die eine und zwar wertvolle Erfahrung glaube 
ich in Chemnitz gemacht zu haben, daß wenigstens viele Milchproduzenten 
gegen eine nur äußerst geringe Erhöhung des Preises zur Erfüllung der 
hygienischen Vorschriften geneigt sind; auch in Hamburg wird den Milch¬ 
küchen eine einwandfreie Milch zu 16 Pf. pro Liter franko angeliefert. 
Diese auch anderwärts gemachten Erfahrungen lassen erhoffen, daß es mit 
der Zeit möglich sein wird, überhaupt alle zum Genüsse bestimmte Milch 
in einwandfreier Beschaffenheit in den Verkehr zu bringen. Die Milch¬ 
versorgung erinnert in ihrem jetzigen Stadium lebhaft an die Geschichte 
der Wasserversorgung mancher Städte. Ebenso wie man darüber hinaus 
ist, sich mit einem Trinkwasser zu begnügen, das vor dem Genüsse ab¬ 
gekocht werden muß, oder wie man es für unrichtig und bedenklich hält, 
zweierlei Wasser zu verzapfen, ein gutes zu Genuß-, ein minderwertiges zu 
sonstigen häuslichen Zwecken, ebenso und noch mit viel mehr Recht, so 
verlangt auch v. Behring, muß man die allgemeine Lieferung einwandfreier, 
auch in rohem Zustande ungefährlicher Milch für erstrebenswert halten. 
Wissenschaft und Technik geben die Hilfsmittel an die Hand: Die Tuber¬ 
kulosetilgung nach dem Ostertagschen Verfahren und nach dem v. Behring- 
schen Bovovaccinverfahren verspricht die schönsten Erfolge. Kühlmaschinen 
werden z. B. vom Alexanderwerk in Berlin und von Gebrüder Bayer in 
Augsburg zu sehr billigen Preisen geliefert, so daß sie jeder Gutsbesitzer 
oder doch Genossenschaften sich leisten können, Sauberkeit kostet nicht 
mehr als Unsauberkeit. Und alle diese hygienischen Maßnahmen legen den 
Produzenten nicht etwa bloß Opfer und Pflichten auf, sie machen sich un¬ 
mittelbar und nachweislich bezahlt durch die Erhöhung der Gesundheit und 
Ergiebigkeit des Viehes; ist es doch bekannt, daß z. B. durch Verbesserung 
der Stallhygiene, der Sauberkeit und Ventilation im Stalle ansteckende 
Krankheiten unter den Tieren zum Verschwinden gebracht werden und die 
Milchmenge pro Kuh und Jahr um 400 bis 500 Liter erhöht werden kann. 

„Mit vielen anderen, namentlich auch mit Dun bar, auf dessen aus¬ 
führliche Begründung verwiesen werden kann, bin ich der Ansicht, daß mit 
demselben Rechte wie für die Fleischbeschau auch für den Milchverkehr 
vom Reiche oder wenigstens auf Veranlassung des Reiches von den Einzel¬ 
staaten auf dem Wege der Gesetzgebung oder der Verordnung Bestimmungen 
erlassen werden; ihre Notwendigkeit ist mindestens so groß und ihr Nutzen 
zweifellos viel größer als der den Fleischverkehr regelnden Bestimmungen. 
Der Verband der Milchhändlervereine Deutschlands fordert schon seit Jahren 
ein Reichsgesetz, und der im Oktober 1905 in Paris abgehaltene Milchwirt¬ 
schaftstag stellte dieselbe Forderung auf und schlägt den Erlaß eines dem 
französischen ähnlichen Milchgesetzes vor, das namentlich die Tuberkulose¬ 
tilgung, die Überwachung der Milchgewinnung und des Milchhandels zu 
regeln hat. Die Festsetzung eines Mindestfettgehaltes gibt nur zu erbitterten 
Kämpfen Anlaß, ist auch bei der Verschiedenheit der Verhältnisse und der 
Kuhrassen unzweckmäßig, müßte daher der Ortsgesetzgebung überlassen 
bleiben. 

„Insbesondere aber werden die ortsgesetzlichen Milch Verordnungen 
ihren Zweck, der Bevölkerung den Bezug einwandfreier Milch zu gewähr¬ 
leisten, zweifellos besser erfüllen, wenn zu der bisher fast allein üblichen Kon- 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 

trolle auf Fettgehalt und spezifisches Gewicht, die als Wertkontrolle allerdings 
keinesfalls entbehrt werden kann, noch die gesundheitliche Kontrolle hinzu¬ 
tritt, die durch Prüfung der Temperatur, des Säure- und Bakteriengehaltes 
eine frische, unverdorbene Beschaffenheit der Milch festzustellen hat. 
Biedert, der übrigens das Ideal einer Milchlieferung nur von Gro߬ 
produktion und Großhandel erwartet, die allein alle Maßregeln zur Veraus¬ 
gabung einer guten Milch treffen könnten, empfiehlt die gesundheitliche 
Kontrolle zunächst für diejenigen Produzenten, die sich ihr freiwillig unter¬ 
werfen und damit da9 Recht erwerben, ihre Milch mit einer Vorzugs¬ 
benennung, z. B. Marktmilch erster Klasse, zu bezeichnen; er hofft, daß 
dadurch das Publikum die gute Milch immer mehr schätzen lernen und die 
Zahl der freiwillig kontrollierten Produzenten allmählich notgedrungen zu¬ 
nehmen werde. Einen bedeutenden Fortschritt würde es bedeuten, wenn, 
wie es in Kopenhagen geschieht, außer der Prüfung der Milch die Ställe 
sowohl wie auch die Milchhändler einer geordneten sachverständigen Kon¬ 
trolle unterstellt würden, die teils von Ärzten, teils von Tierärzten und mit 
der Milchproduktion völlig vertrauten Personen auszuführen wäre. Außer 
den mit der Entnahme und chemischen Untersuchung von Milchproben an- 
gestellten Polizeibeamten und Chemikern müßten daher weitere entsprechend 
ausgebildete Personen, wie Ärzte, Tierärzte und Milchinspektoren, von den 
Städten zur Beaufsichtigung der Milchgewinnung und des Milchhandels an- 
gestellt werden, denen jedoch das Recht zur jederzeitigen Besichtigung der 
Produktions- und Verkaufsstellen zustehen muß. 

„Da bei der großen Anzahl von Kuhställen und Milchläden, wie sie 
gegenwärtig vorhanden sind, eine genügend häufig durchgeführte örtliche 
Kontrolle mit einigen Schwierigkeiten verknüpft ist, wurde die Einrichtung 
sogenannter städtischer Milchhöfe angeregt, so von Prölss und auch in der 
Rostocker Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege von Fränkel. Diese Milchhöfe sollen, ähnlich wie bei dem Fleisch¬ 
verkehr die Zentralschlachthöfe, die Zentralstelle für den gesamten Milch¬ 
verkehr bilden; hier soll alle für den städtischen Bedarf bestimmte Milch, 
ehe sie in Verkehr kommt, zusammenfließen, untersucht, gereinigt, gekühlt, 
in einwandfreie Trausportgefäße, am besten weiße Flaschen, gefüllt und 
mittels entsprechend eingerichteter, mit Kühlvorrichtung versehener Wagen 
an die Kundschaft oder in die Verkaufsstellen verteilt werden. Die Milch¬ 
höfe wären ähnlich wie eine Molkerei mit allen Hilfsmaschinen und Ein¬ 
richtungen herzustellen; sie könnten ebenso, wie wir dies bei den Schlacht¬ 
höfen kennen, in städtischer Verwaltung oder im Besitze von Produktions¬ 
oder Handelsgenossenschaften sein, im letzteren Falle aber unter behörd¬ 
licher Aufsicht. 

„Eine besondere Beachtung verdienen die Klein Verkaufsstellen für 
Milch. Die jetzt herrschenden Zustände sind unhaltbar, sei es nun, daß die 
Milch im Straßenstaube, den Unbilden der Witterung, besonders der Hitze 
ausgesetzt, in offenen, fragwürdigen Geschirren und Kannen von oft nichts 
weniger als durch Sauberkeit ausgezeichneten Personen umhergeschleppt, 
umgeg 08 sen, ausgemessen, sei es, daß sie in unsauberen, oft gemeinsam mit 
riechenden oder, was noch gefährlicher ist, staubenden, schmutzigen Gegen¬ 
ständen ohne alle Vorsichtsmaßregeln zum Verkaufe gestellt wird. Die 


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44 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Unzulässigkeit eines derartigen Vertriebes dürfte sofort klar werden, wenn 
man sich vorstellt, der Handtol mit Bier sollte sich so vollziehen, wie es für 
die Milch jetzt vielfach üblich ist. Wer würde es wohl wagen, im Sonnen¬ 
brand und Staub der Straße Bier in offenen Kannen umherzufahren oder 
in allen möglichen Geschäften in offenen Gefäßen aufzustellen, unzählige 
Male umzugießen, mit Schöpfgefäßen hineinzufahren! Freilich würde sich 
das Bier für eine solche Mißhandlung empfindlich rächen und unverkäuflich 
werden, die Milch aber behält trotz aller Sünden, die an ihr begangen 
werden, ihr weißes Unschuldskleid und läßt ihre Verderbnis nicht so augen¬ 
scheinlich erkennen. Und wenn auch nach ihrem Genüsse schwere und 
tödliche Erkrankungen auftreten, dann sind es die bösen „Krämpfe“ oder 
die Zähne, die an der Erkrankung schuld sein sollen. Der Straßenhandel 
mit Milch dürfte nur mittels entsprechend eingerichteter, im Sommer ge¬ 
kühlter Wagen aus verschlossenen Zapfkannen oder in verschlossenen 
Flaschen statthaft sein, während die Milchläden ebenso wie Schankwirt¬ 
schaften einer Genehmigung unterworfen werden müßten, die nur beim Vor¬ 
handensein genügender Beschaffenheit und Einrichtung zu erteilen wäre. 

„Als unbedingt notwendige Ergänzung jeder Milch Versorgung ist die 
Beschaffung städtischer oder städtisch beaufsichtigter Säuglingsmilchküohen 
zu bezeichnen. Bei dem mangelnden Verständnis, man darf sagen der 
meisten Mütter für die richtige künstliche Säuglingsernährung und den 
unzureichenden Hilfsmitteln, die den breiteren Bevölkerungsschichten zu 
Gebote stehen, haben die Säuglingsmilchküchen die bedeutungsvolle Auf¬ 
gabe, die Säuglingsnahrung in richtigen Mischungen trinkfertig herzuatellen 
und der Bevölkerung darzubieten. Sie können zentralen Molkereien oder 
den obenerwähnten Milchhöfen angegliedert oder als selbständige Anstalten 
geschaffen werden, sind aber stets mit sogenannten Beratungsstellen zu ver¬ 
knüpfen, wo die Milch je nach Bedarf zu ermäßigten Preisen verabfolgt, der 
Gesundheitszustand der Kinder ärztlich kontrolliert wird und eine ständige 
Beratung der Mütter stattfindet. Solche Milchküchen und Beratungsstellen 
haben überall dort, wo sie bestehen, sich als segensreich und unentbehrlich 
erwiesen; sie sind auch die gegebenen Stellen, wo durch eindringliche Be¬ 
lehrung und Gewährung von Prämien auf das Selbststillen der Mütter, als 
die beste Säuglingsversorgung, die es gibt, mit gutem Erfolge hingewirkt 
werden kann. Es ist hoch anzuerkennen und wird zweifellos von augen¬ 
scheinlichem Nutzen sein, daß manche Städte, wie Charlottenburg und 
Leipzig, große Summen, die beiden genannten Städte jährlich 15000 M., als 
Prämien für selbststillende Frauen der bedürftigen Volkskreise ausgeworfen 
haben. 

„Sorgen neben den erfreulicherweise immer mehr an Boden gewinnenden 
Bestrebungen zur weiteren Ausbreitung des Selbststillens die Säuglings- 
milchküchen für die Darbietung einer möglichst einwandfreien Kindermilch, 
so kann der allgemeine Genuß von Milch durch verschiedene Maßregeln 
gehoben werden; ioh verweise auf die in Schweden eingeführten Milch¬ 
automaten, besonders aber auf die in Westdeutschland in zahlreichen Städten 
— auch in Augsburg — eingerichteten Milchhäuschen, die sich nach den 
bisherigen Erfahrungen aufs beste bewährt haben. Derartige Anlagen 
bringen für das allgemeine Volks wohl den großen Nutzen, daß sie die Wert- 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


45 


Schätzung der Milch als eines billigen und gesunden Nahrungsmittels ausbreiten 
und ihrerseits an der Bekämpfung des verheerenden Alkoholismus mitwirken. 
Auch die industriellen Anlagen könnten mit großem Vorteil tätig sein, 
indem sie in ihren Kantinen Milch, je nach der Jahreszeit heiße oder ge¬ 
kühlte, ihrer Arbeiterschaft zur Verfügung stellten. Auf der Galbergerhütte 
hat ein solcher Versuch sich durchaus bewährt; zuerst fand er allerdings 
wenig Anklang; die Arbeiter genierten sich, »der Milchgenuß sei nicht für 
Erwachsene, sondern für Kinder«, bald aber war eine zunehmende Beliebt¬ 
heit zu bemerken. Im Mai d. Js. wurden täglich gegen 300 Liter Milch bei 
einer Belegschaft von 3000 Arbeitern verkauft; der so verderbliche Brannt¬ 
weingenuß am frühen Morgen soll fast ganz aufgehört haben und der Ver¬ 
kauf geistiger Getränke in der Kantine stark zurückgegangen sein. 

„Eine wie große Wohltat zahlreichen Schulkindern durch Gewährung 
eines warmen Milchfrühstückes erwiesen werden kann, ist schon in vielen 
Städten erprobt worden. 

„Meine Damen und Herren! Die Bedeutung der Milch für die Volks¬ 
ernährung und Volksgesundheit ist schon gegenwärtig sehr groß; sie steigt 
von Jahr zu Jahr mit der zunehmenden Erkenntnis ihrer Vorzüge und mit 
ihrer Wertschätzung. Das heute Wichtigste aber ist ist eine durchgreifende 
Reform der Milchproduktion und des Milchhandels. M 


Es lauten die von dem Korreferenten Beigeordneten Bruggor 
(Köln) aufgestellten 

Leitsätze: 

1. Angesichts der Tatsache, daß der Wert der jährlich im Deutschen Reiche 
erzeugten Milch rund 1700 Millionen Mark beträgt, und daß ein ganz erheb¬ 
licher Teil der Milch dem unmittelbaren Genuß durch die Bevölkerung dient, 
besteht allgemein ein starkes Interesse an der gesundheitlich einwand¬ 
freien Beschaffenheit dieses Nahrungsmittels. 

2. Die Forderungen, welche für die Gewinnung einer reinen, gesunden und 
guten Milch gestellt werden (ständige tierärztliche Überwachung der Milch¬ 
kühe, Ausscheidung kranker Tiere, einwandfreie Fütterung der Tiere, 
gute Beschaffenheit der Ställe und der Melkeinrichtungen, peinliche Sauber¬ 
keit des Melkpersonals, sofortige Tiefkühlung und zweckentsprechender 
Transport der Milch) sind mit solchen Kosten verknüpft, daß sie. eine 
Erhöhung des Milchpreises zur Folge haben müssen. 

3. Aus diesem Grunde ist der Erlaß eines Reichsgesetzes, durch welches jene 
Forderungen festgelegt werden, zurzeit nicht zu empfehlen. Es ist viel¬ 
mehr der Boden für eine spätere gesetzliche Regelung ganz allgemein 
durch VerwaltungsVorschriften für größere Bezirke (Provinzen, Regierungs¬ 
bezirke) vorzubereiten, die sich den örtlichen Bedürfnissen und vor allem 
den Fortschritten von Wissenschaft und Technik leichter anpassen lassen. 
OrtBgesetzliche Ergänzungen, besonders für den Milchhandel, sind außerdem 
notwendig. Vor allem aber ist es notwendig, erzieherisch einzuwirken und 
sowohl in den Kreisen der Produzenten, als auch besonders in denen der 
Konsumenten das Verständnis für den Wert einer gesunden, reinlich 
gewonnenen und bis zum Verbrauche gut erhaltenen Milch zu wecken und 
rege zu halten. 

4. Eine ganz wesentliche Förderung der auf die Verbesserung der Milch 
gerichteten Bestrebungen ist zu erhoffen, wenn die Staats-, Gemeinde- und 
andere Behörden dazu übergehen, den Milchbedarf für die ihnen unter¬ 
stellten Anstalten nicht schlechthin an den Mindestfordernden zu vergeben, 
sondern unter Gewährung eines angemessenen Preises an vertrauenswerte 


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46 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Personen, die vertraglich die Beobachtung der für die Gewinnung einer 
reinen und gesunden Milch auf gestellten Grundsätze sichern. 

5. Da die Anfuhr der Milch nach den Städten zum großen Teil mit der 
Eisenbahn erfolgt, muß gefordert werden, daß während der warmen Jahres¬ 
zeit sowohl auf den Stationen wie in den Güterwagen Gelegenheit zur 
kühlen, sauberen Aufbewahrung der Milch gegeben wird. 

6. Der Vorschlag, in den Städten kommunale oder unter kommunaler Aufsicht 
stehende Milchhöfe einzurichten, in denen die Milch gegen Zahlung geringer 
Gebühren gereinigt, gekühlt und gut aufbewahrt werden kann, verdient 
ernste Beachtung. 

7. Die Gemeinden sind verpflichtet, für die unbemittelte Bevölkerung Milch¬ 
küchen zur trinkfertigen Herstellung von Säuglingsmilch einzurichten. 
Eine unerläßliche Ergänzung dieser Milchküchen sind ärztlich geleitete 
Mütterberatungsstellen, welche in erster Linie für die natürliche Brust¬ 
ernährung zu wirken und die Abgabe der Säuglingsmilch zu überwachen 
haben. 

Korreferent, Beigeordneter Brugger (Köln): 

„Das deutsche Volk hat im Laufe der letzten Jahrzehnte unter dem 
Einflüsse einer ungeahnten industriellen Entwickelung und einer beispiel¬ 
losen Ausdehnung des Handels im starken Maße realen Interessen sich 
zugewendet und daran gewöhnt, die Dinge nach ihrem wirtschaftlichen 
Werte zu messen. Mit Eifer lesen nicht nur die Begüterten, sondern auch 
die Besitzlosen in der Tagespresse von den gewaltigen Umsätzen des Handels, 
die Ziffern über die Erzeugung an Kohlen, Stahl, Eisen, Getreide und schätzen 
hiernach die Bedeutung der einzelnen Zweige unseres Erwerbslebens. Kein 
Wunder, daß ein so wichtiges Nahrungsmittel wie die Milch die Rolle eines 
Aschenbrödels spielt, daß ihr selbst unter den Gebildeten eine unverdiente 
Geringschätzung entgegengebracht wird, denn kaum jemand weiß davon, 
daß der Wert unserer jährlichen Milcherzeugung in Deutschland gering 
gerechnet 1700 Millionen Mark beträgt und damit dem Werte des gesamten 
Körnerbaues und dem unserer so hochangesehenen chemischen Industrie 
gleichkommt. Die Zahl ist unschwer festzustellen. Nach der amtlichen 
Viehzählung von 1900 gibt es in Deutschland zehn Millionen Milchkühe. 
Bringt man die jährliche Milchleistung einer Kuh mit 2100 Liter in Ansatz 
und berechnet man den Wert eines Liters Milch am Ursprungsorte mit nur 
8 Pf., so ergibt das die mitgeteilte Summe. Es scheint mir vom größten 
Werte, diese Tatsache in unserer volkswirtschaftlich so lebhaft interessierten 
Zeit stark zu betonen. Von der täglich ermolkenen Milch wird etwa ein 
Viertel getrunken und für Koch- und Backzwecke verwendet; ein beträcht¬ 
licher Teil hiervon dient zur Ernährung der Säuglinge, die in immer größerer 
Zahl der Mutterbrust entbehren. Diese Tatsache schon sichert der Milch 
da9 starke Interesse aller derjenigen, die es nicht länger mehr mit ansehen 
wollen, daß Jahr um Jahr von den in Deutschland geborenen zwei Millionen 
Kindern beinahe ein Zehntel an Ernährungsstörungen zugrunde geht. Die 
allgemeine volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Nahrungsmittels muß aber 
gerade in den Tagen ständiger Fleischverteuerung in die Augen springen, 
wenn man erwägt, daß dasselbe die zum Aufbau und zur Erhaltung des 
menschlichen Körpers nötigen Stoffe, Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate, in 
besonders glücklicher Mischung enthält und infolge seines geringen Preises 
auch für die wenig bemittelte Bevölkerung erschwinglich ist. Ein Volks- 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


47 


nahrungsmittel wird die Milch aber erst dann werden, wenn sie ganz all¬ 
gemein die ihr heute noch vielfach fehlende Eigenschaft besitzen wird, 
wohlschmeckend und bekömmlich zu sein. Wir schätzen bei allen Speisen 
nicht lediglich ihren Nährwert, sondern vor allem ihren Wohlgeschmack. 
Die Milch ist wohlschmeckend und bekömmlich, wenn sie gesund, rein und 
frisch ist, wenn also die Forderungen erfüllt werden, die man vom Stand¬ 
punkte der Gesundheitspflege erhebt. Die Gewinnung einer so beschaffenen 
Milch ist aber mit erhöhten Kosten verknüpft und muß daher notwendig 
eine Preissteigerung zur Folge haben. Wie diese in mäßigen Grenzen 
gehalten werden kann, soll sogleich ausgeführt werden. So viel scheint mir 
gewiß zu sein, daß eine reichsgesetzliche Festlegung der in hygienischem 
Interesse erhobenen Forderungen nicht das Mittel ist, um an einer Preis¬ 
erhöhung vorbeizukommen; hierbei wird meinerseits nicht verkannt, daß 
die gewünschte bessere Ernährung und Pflege der Tiere deren Milchergiebig¬ 
keit günstig beeinflußt und damit die Wirtschaftlichkeit des Betriebes 
steigert, indes drückt sich dieser Vorteil weder in greifbaren Zahlen aus, 
noch reicht er hin, um die erwachsenden geldlichen Aufwendungen voll 
zu decken. 

„ Hygiene ist ein fortgesetzter Krieg gegen die gesundheitlichen Schädi¬ 
gungen unseres Daseins, und wie das Kriegführen kostet sie Geld, Geld 
und nochmals Geld. Es ist gar nicht einzusehen, weshalb hierin gerade die 
hygienische Milchversorgung eine Ausnahme machen sollte. 

„Die Erzeugung eines Liters Milch kostet nach zuverlässigen Berichten 
Sachverständiger durchschnittlich 13Va Pf. am Ursprungsorte. Dieser 
Preis ist auch von Howard, dom Professor für landwirtschaftliche Buch¬ 
führung an der Universität Leipzig, auf Grund sorgfältigster Berechnung 
für 63 größere Güter ermittelt worden. Gezahlt wird im allgemeinen: 


1. in Städten von 250000 Einwohnern und mehr.18,4 Pf. 

2. „ „ „ mehr als 100000 bis 250000 Einwohnern . . 18,2 „ 

3. „ „ „ 50000 bis 100000 Einwohnern.16,9 „ 

4. „ „ unter 50000 Einwohnern.15,4 „ 


Jn Berlin kostet das Liter Milch 18 Pf. auf der Straße und 20 Pf. ins 
Haus. — Zum Vergleiche diene hierbei, daß in Paris für das Liter 35 Pf., 
in London etwa 30, in New York im Winter gleichfalls 30, während des 
Sommers 25 Pf. gezahlt werden. — Diese Preise werden gefordert und gewährt, 
ohne daß die Milch den Anforderungen entspricht, die heute im hygienischen 
Interesse gestellt werden. In welcher Weise die Erzeugungskosten der 
Milch durch die Verwirklichung hygienischer Maßnahmen wachsen, kann 
ich durch vertrauenswürdige Mitteilungen belegen, die mir von einem 
angesehenen Gutsbesitzer aus der Umgebung Kölns gemacht worden sind. 
Dieser Landwirt ist seit mehr als Jahresfrist Lieferant der städtischen 
Säuglingsmilch-Anstalt und sah sich durch die vertraglichen Bestimmungen 
genötigt, verschiedene Betriebs Verbesserungen eintreten zu lassen. Es 
handelt sich um einen Stall von 30 Kühen. Die Ausgaben stehen buchmäßig 
fest. Das erste war, daß infolge der Mehrarbeit für das Reinigen des Viehes 
und Stalles die Löhne der beiden Schweizer von monatlich 120 M. auf 
150 M. erhöht werden mußten. Während früher der Dünger nur zweimal 
täglich entfernt wurde, geschieht dies jetzt viermal. Das Melken beansprucht 


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48 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

längere Zeit durch die vorgängige Reinigung des Euters und sorgsame 
Hantierung, das Waschen der Hände, so daß für jeden Schweizer, deren Ver¬ 
richtungen genau begrenzt sind, täglich eine ein- bis zweistündige Mehrarbeit 
erwächst, für die 50 Pf. nicht zu viel gefordert ist. Für die besondere 
Reinhaltung des Stalles werden jetzt täglich außerdem zwei Arbeitsfrauen 
je 1 Vs Stunden beschäftigt, welche den Stall einmal mit frischem Wasser 
ausschrubben und die Fenster, die Tore, die Krippen mindestens einmal 
wöchentlich sauber auszuwaschen haben. Das macht bei einem Stundenlohn 
von 30 Pf. monatlich 27 M. Die Anzüge der Schweizer (Mützen, Blusen, 
lange Schürzen) kosten monatlich pro Kopf 4 M. Darin ist begriffen An¬ 
schaffung, Abnutzung und Wäsche. Die Handtücher und Seife zum Reinigen 
der Hände sind monatlich auf 2,50 M. zu veranschlagen. Während ferner 
auf den gut geleiteten Wirtschaften am Rhein die Ställe jährlich zweimal 
gekälkt werden, geschieht dies auf dem Gute, von dem hier die Rede ist, 
jetzt alle zwei Monate. Das kostet bei einem Stalle von etwa 30 Stück 
Vieh jedesmal 28 M. (Der Arbeitslohn beträgt täglich 4 M., Arbeitszeit 
4Va bis 5 Tage, dazu Material.) Für vermehrte Anschaffung von Milch¬ 
geräten werden 150 M. berechnet, eine Ausgabe, die infolge starken Ver¬ 
schleißes sich jährlich wiederholt. Die Beschaffung der Helm sehen Tief¬ 
kühlanlage verursachte einen Aufwand von 2200 M. einschließlich eines 
Eisschrankes und eines Vorkühlers. Die Amortisation hierfür muß mit 
25 Proz. gebucht werden. Die durch die Tiefkühlung vermehrte Arbeit ist 
auf 6 bis 9 Stunden täglich zu schätzen bei einem Arbeitslohn von 18 Pf. 
die Stunde. Der Eis verbrauch beträgt bei einem Eispreise von 70 Pf. pro 
50 kg bei Tiefkühlung und der sich daran anschließenden Aufbewahrung 
der Milch bis zum Transporte 0,8 bis 1 Pf. pro Liter. Zu diesen erhöhten 
Kosten kommen noch die Aufwendungen zur Erzielung einer gesundheitlich 
einwandfreien Milch. In erster Reihe steht hier der Kampf gegen die 
Tuberkulose. Leider haben wir es darin noch nicht so weit gebracht wie 
Frankreich. Dort werden tuberkulöse Tiere auf Grund des Seuchengesetzes 
vom 21. Juni 1898 ausgemerzt und den Tierhaltern nach Maßgabe des 
Gesetzes vom 30. Mai 1899 Entschädigungen gewährt. Es wäre ja dringend 
zu wünschen, daß die Bekämpfung der tierischen Tuberkulose demnächst 
mit in den Bereich unseres Viehseuchengesetzes einbezogen und die Ver¬ 
nichtung tuberkulöser Tiere entschädigt würde; das scheinen unsere Land¬ 
wirte aber selbst nicht zu hoffen, denn es mehren sich die Bestrebungen, 
um die Tuberkulosetilgung im Wege gegenseitiger Versicherung zu erreichen. 
Welche finanzielle Belastung damit verbunden ist, ergibt sich aus den 
Grundsätzen, welche der rheinische Bauernverein für seine demnächst ins 
Leben tretende Tuberkulose Versicherung aufgestellt hat. Die Versicherung 
8oll nach Ostertags System nur diejenigen Tiere umfassen, die an Euter¬ 
tuberkulose erkrankt sind oder deren Allgemeinbefinden durch die Tuber¬ 
kulose sichtbar herabgesetzt ist. Für jedes versicherte Tier wird eine 
Prämie von 1 Proz. seines Wertes erhoben. Bei einem durchschnittlichen 
Werte einer Milchkuh von 550 M. ist also eine Jahresprämie von 5,50 M. 
zu bezahlen. Die Entschädigung beträgt 75 Proz. des durch den amtlichen 
Tierarzt ermittelten Wertes, im vorliegenden Falle also 412,50 M. Nimmt 
man bei einem Bestände von 30 Tieren alljährlich zwei Entschädigungsfälle 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


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an — so schätzt der Kölner Departementstierarzt —, so verliert der Land¬ 
wirt jährlich zweimal 137,50 M. (Differenz zwischen dem Beschaffungswert 
von 550 M. und der Entschädigung von 412,50 M.). Zu dem Verluste von 
275 M. treten hinzu die Prämien für 30 Tiere gleich 165 M. Für einen 
Stall von 30 Kühen betragen also die gesamten Aufwendungen für eine 
beschränkte Taberkulosetilgung 440 M. Es leuchtet wohl ein, daß bei 
solchen Aufwendungen der Milchpreis sich erhöhen muß. 

„Ganz im Einklänge hiermit stehen die Erfahrungen, die man in den 
Milchländern Dänemark und Schweden gemacht hat. Die im Jahre 1878 
begründete Milchversorgungsgesellschaft in Kopenhagen — Kjöbenhavns 
M&lkeforsyning —, der die gesundheitliche Reform der städtischen Milch¬ 
versorgung zu danken ist, hat sich von vornherein freiwillig dazu verstanden, 
den Landwirten einen höheren Preis zu zahlen, eben weil sie im hygienischen 
Interesse größere Leistungen beanspruchte. In Stockholm hat sich eine im 
Jahre 1887 gebildete freiwillige Kommission, bestehend aus vier Ärzten, 
einem Tierarzt, einem Chemiker und drei anderen Sachverständigen, um die 
Verbesserung der Milchverhältnisse verdient gemacht. Sie übernahm die 
Aufgabe, die Ställe der sich freiwillig meldenden Landwirte unter Kontrolle 
zu nehmen und auf die Beobachtung der ihnen erteilten Vorschriften über 
Gewinnung und Behandlung der Milch zu verpflichten. Trotz Erweiterung 
dieser Vorschriften, namentlich für die Kindermilch, hat sich die Zahl der 
kontrollierten Tierhaltungen von Jahr zu Jahr vermehrt. Die Erhöhung 
der Erzeugungskosten äußerte sich alsbald in einer Steigerung der Milch¬ 
preise. Zu Beginn der Kontrolle im Jahre 1887 betrug der Milchpreis pro 
Liter 18 Pf. in Blechgefäßen und 20 Pf. in Glasflaschen. Im Oktober 1899 
erhöhte sich dann der Preis auf 20 bzw. 22 Pf. und im November 1901 
auf 22 bzw. 25 Pf. Die Kindermilch kostete von 1887 bis September 1892 
22 Pf. und nach dieser Zeit 28 Pf. 

„Diese Wirkungen würden bei einer reichsgesetzlichen Festlegung der 
hygienisch wünschenswerten Maßnahmen mit einem Schlage eiütreten, was 
Verstimmungen auf beiden Seiten, bei den Produzenten wie bei den Kon¬ 
sumenten, zur Folge hätte. Es muß deshalb schrittweise und unter voller 
Berücksichtigung der Örtlichen Verhältnisse vorgegangen werden. Das 
kann aber nur im Verwaltungswege geschehen. 

„Die Bestrebungen auf Erlaß eines Reichsgesetzes, die hauptsächlich 
in den Kreisen der Milchhändler vorhanden sind, entspringen bei näherem 
Hinsehen fast ausschließlich dem an sich berechtigten Verlangen, daß die 
Kontrolle der Milch nicht erst bei ihrem Vertriebe, sondern gleich am 
Produktionsorte einsetze. Der reelle Milchhändler fühlt sich mit Recht 
besehwert, daß er unter Umständen für eine Milch verantwortlich gemacht 
wird, deren Beschaffenheit durch das Verschulden des Produzenten in Wider¬ 
spruch steht mit der geltenden Polizeiverordnung. Auch dazu bedarf es 
keines Reichsgesetzes. Die Rechtslage ist kurz folgende: Grundlegend für 
die meisten heute geltenden Vorschriften über den Verkehr mit Milch sind 
die technischen Materialien, die schon im Jahre 1882 vom Kaiserlichen 
Gesundheitsamte zusammengestellt worden sind. Diese Materialien wurden 
den einzelnen Bundesregierungen zur Verwertung bei etwa zu erlassenden 
Vorschriften mitgeteilt. Preußen ging damit voran, indem es im Jahre 1884 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. a 


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50 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

an alle Behörden einen Erlaß richtete, dem die Grundsätze über die Kontrolle 
der Milch anhangsweise beigefflgt waren. In fast allen größeren Städten 
Preußens sind dann die Polizeiverordnungen auf den erwähnten Grund¬ 
sätzen aufgebaut worden. In Bayern und Baden wurden für das ganze 
Staatsgebiet gültige ministerielle Vorschriften erlassen, die sich inhaltlich 
allerdings große Beschränkung auferlegen. So bestimmt die oberpolizeiliche 
Vorschrift für Bayern vom 15. Juli 1887 im wesentlichen nur, daß das Feilhalten 
von Biestmilch und der Milch kranker Kühe verboten sei, gibt Anweisungen 
über die Beschaffenheit der Milchgefäße und statuiert die Befugnis zur Ent¬ 
nahme von Stallproben. Im übrigen ist es den Gemeindebehörden Vorbehalten, 
die nach den örtlichen Verhältnissen gebotenen Anordnungen polizeilich zu 
treffen. Die Ministerialverordnung für das Großherzogtum Baden hat fast 
dieselben Bestimmungen wie die bayerische, ist nur etwas ausführlicher und 
verfögt überdies, daß gewisse Personen weder mit der Wartung und Pflege 
des Viehes, noch mit der Behandlung und dem Vertriebe der Milch sich 
befassen dürfen, sowie daß beim Auftreten von ansteckenden Krankheiten in 
der Behausung eines Milchhändlers oder Milchproduzenten der Milchverkauf 
während der Dauer der Krankheit untersagt werden kann. Die weitere 
Regelung des Verkehrs mit Milch wird auch hier den Bezirks- und bzw. 
Ortspolizeibehörden überlassen. 

„So haben wir das Ergebnis, daß die Regelung des Verkehrs mit Milch 
ganz wesentlich auf den polizeilichen Vorschriften in den Städten beruht. 
Im allgemeinen herrscht gerade in den hygienischen Anforderungen große 
Übereinstimmung, was sich aus dem gemeinsamen Ursprung der technischen 
Materialien des Reichsgesundheitsamtes hinreichend erklärt. Ihr Geltungs¬ 
bereich ist aber auf das Stadtgebiet beschränkt, und da die Milch vorwiegend 
vom Lande eingeführt wird, liegt die Sache so, daß der Milchverkehr in 
den Städten zum Teil weitgehenden Bestimmungen unterworfen ist, während 
die Milcherzeugung auf dem Lande frei ist von einengenden Vorschriften. 
Besonders drückend empfindet es der reelle Milchhandel, daß die städtische 
Polizeiverwaltung nicht befugt ist, bei dem auf dem Lande wohnenden 
Produzenten Stallproben zu entnehmen, d. h. die Kühe zwecks Feststellung 
des Fettgehaltes der Milch unter polizeilicher Aufsicht melken zu lassen. 
Für den Händler, dem beispielsweise von seinem Verkäufer nur 2,4 Proz. 
Fett in der Milch geliefert worden ist, während nach der geltenden Polizei¬ 
verordnung nur solche mit 2,7 Proz. in den Verkehr gebracht werden darf, 
ist die Stallprobe das einzige Mittel, um nachzuweisen, daß die Kühe seines 
Lieferanten keine fettreichere Milch geben. Dieser Mangel, der nicht über¬ 
mäßig hoch angeschlagen werden darf, kann durch Aufnahme einer ent¬ 
sprechenden Bestimmung in die Verwaltungsvorschriften im wesentlichen 
gehoben werden. Jedenfalls gibt er keinen Anlaß zu einem gesetzgeberischen 
Vorgehen. Die Befürworter eines solchen sollten sich übrigens vor Augen 
halten, daß Dänemark und Schweden, die größten Milchländer, auch ohne 
gesetzliche Regelung sich jene hervorragende Stellung auf dem Gebiete der 
Milchwirtschaft errungen haben, die sie heute unbestritten einnehmen. 

„Zur allmählichen, alle Teile der Bevölkerung — Produzent und Kon¬ 
sument — gleichmäßig schonenden Verwirklichung der hygienischen Forde¬ 
rungen bieten VerwaltungsVorschriften für größere Bezirke — je größer die 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 

Bezirke desto besser — den geeigneten Weg. Sie können am besten den 
besonderen Örtlichen Verhältnissen gerecht werden, sie lassen sich ohne 
große Schwierigkeiten den Fortschritten der Wissenschaft und Technik an¬ 
passen. Wie wünschenswert es ist, daß dem Stande wissenschaftlicher 
Erkenntnis leicht gefolgt werden kann, zeigt folgender Fall. Die aus dem 
Jahre 1887 stammende bayerische oberpolizeiliche Vorschrift verbietet 
schlechthin das Feilhalten der Milch kranker, also auch aller tuberkulöser 
Tiere. Das ist eine sehr einschneidende Maßregel, wenn man sich die außer¬ 
ordentliche Verbreitung dieser Krankheit vergegenwärtigt. Die badische 
MinisterialVerordnung aus dem Jahre 1902 trägt bereits dem modernen 
wissenschaftlichen Standpunkt Rechnung und untersagt lediglich denVertrieb 
der Milch solcher Tiere, die an Eutertuberkulose oder an fortgeschrittener, 
mit starker Abmagerung und Durchfällen verbundener Tuberkulose leiden, 
gibt aber die Milch sonstiger tuberkulöser Tiere unter der Voraussetzung, 
daß sie vorher abgekocht wird, frei. 

Für den Inhalt der im Verwaltungswege zu erlassenden Verordnungen 
kann der neue preußische Entwurf im allgemeinen als Vorbild dienen. Den 
Kernpunkt muß aber die allgemeine tierärztliche Überwachung der gegebenen 
Vorschriften bilden, die im preußischen Entwürfe nur für die Gewinnung 
von Vorzugsmilch vor geschrieben ist. Ohne tierärztliche Kontrolle kommen 
wir nicht vorwärts. Die dadurch erwachsende bedeutende Arbeitsleistung 
kann von den beamteten Tierärzten kaum geleistet werden, und es wird 
deshalb notwendig sein, die von den Gemeinden angestellten Tierärzte mit 
heranzuziehen. Soweit landwirtschaftliche Vereinigungen sich einer frei¬ 
willigen Kontrolle durch eigens hierzu angestellte Tierärzte unterwerfen, 
genügt die Ausübung einer Oberaufsicht. Die entstehenden Kosten werden 
sich zunächst freilich kaum anders als durch Erhebung von Gebühren 
decken lassen. 

„Neben den VerwaltungsVorschriften für größere Bezirke werden in 
dem Städten besondere Polizeiverordnungen nicht zu umgehen sein. Sie 
werden sich hauptsächlich die Regelung des Vertriebes angelegen sein lassen 
und dabei in erhöhtem Maße der Reinlichkeit zur Geltung verhelfen 
müssen. Bei der Ausübung der Kontrolle sollten die damit beauftragten 
Personen sich nicht nur auf die Entnahme von Milchproben beschränken, 
sondern ganz besonders der Sauberkeit des Wagens und der Milchgefäße 
ihre Aufmerksamkeit zuwenden. 

„Alle diese behördlichen Maßnahmen werden nur dann einen Erfolg 
haben, wenn sie von dem Verständnis aller beteiligten Kreise getragen 
werden. Aus diesem Grunde muß man vor allem für die Aufklärung über 
den Wert einer hygienisch einwandfreien Milch sorgen. 

„In den größeren landwirtschaftlichen Betrieben ist das nötige Ver¬ 
ständnis heute schon meist vorhanden, und es hat durch die Hamburger 
Ausstellung für hygienische Milchversorgung im Jahre 1903 eine kräftige 
Förderung erfahren. Als eine unmittelbare Folge dieser Ausstellung ist 
unter anderem die Bildung des Vereins für gesunde Milch, einer Kontroll- 
vereinigung von Milchproduzenten im holsteinschen Geestgebiet,anzusprechen, 
ebenso die Begründung eines ähnlichen Vereins im hamburgischen Marsch- 
Landgebiet. Überall regt sich das Bestreben, durch Bildung von Genossen- 

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52 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

schäften an der hygienischen Milchversorgung teilzunehmen und zugleich 
durch gemeinschaftlichen Bezug von Vieh, Futtermitteln usw. die Erzeugungs¬ 
kosten herabzumindern. So ist für Rheinland und Westfalen die Gründung 
eines Zentralmilchverwertungsverbandes im Gange, der u. a. zur Vermeidung 
des l&ngeren Transports der Milch und der damit verknüpften Kosten für 
seine Unterverbände bestimmte Konsumtionsgebiete schaffen will. Für die 
kleinen Landwirte wird die notwendige Erkenntnis durch Belehrung und 
Unterweisung von Wanderlehrern und besonders in den niederen und mitt¬ 
leren landwirtschaftlichen Schulen zu wecken sein. Auch Melkerkurse 
werden von gutem Erfolge sein, weil ja gerade diese Personen das Schicksal 
der Milch mit in der Hand haben. Dabei wäre die Bildung von Milch¬ 
genossenschaften empfehlenswert, welche die zur Reinigung und Kühlung 
der Milch nötigen Maschinen anschaffen und den Mitgliedern zur Verfügung 
stellen würden. Wenn man auch für die Milchhändler einen Befähigungs¬ 
nachweis verlangen will, so scheint mir das zu weit zu gehen, obwohl nicht 
verkannt werden darf* daß jeder Händler ein gewisses Maß von Kenntnissen 
besitzen muß. Die Milchhändlervereine haben sich seit einigen Jahren zu 
einem Verbände zusammengeschlossen, dessen Tagungen erkennen lassen, 
daß auch diese Kreise mit Ernst bemüht sind, Hand in Hand mit den 
Produzenten für eine gute Milch Versorgung einzutreten. Das konsumierende 
Publikum dagegen scheint einer hygienischen Milch noch keine besondere 
Wertschätzung entgegenzubringen. Dafür spricht u. a. die mir vom Direktor 
der Kölner Meierei mitgeteilte Tatsache, daß gerade von den wohlhabenden 
Kunden eine größere Zahl den Bezug von Milch einstellte, als für die 
Abgabe in Glasflaschen mit hygienischem Verschluß 2 Pf. mehr gefordert 
wurde. Für die Aufklärung dieser Kreise wird es noch recht viel zu tun 
geben. Sehr empfehlenswert scheint mir die Verbreitung des flott geschrie¬ 
benen kleinen Buches von Alexander Bernstein »Die Milch». 

„Erfreulicherweise kann ich hier mitteilen, daß die in diesem Jahre 
begründete Kölner Vereinigung für rechts- und staats wissenschaftliche Fort¬ 
bildung, an deren Spitze die Oberpräsidenten der Provinzen Rheinland und 
Westfalen, sowie hervorragende Vertreter des Handels und der Industrie 
stehen, in das Programm des nächsten sechswöchigen Herbstkursus mehrere 
Vorträge über die Milchversorgung der Großstädte aufgenommen hat. Der 
aus Beamten der Justiz und Verwaltung, aus Kaufleuten, Industriellen, 
Offizieren und Geistlichen bestehende Zuhörerkreis wird aus dem Munde 
des Professors Dr. Hansen von der landwirtschaftlichen Akademie in Bonn* 
Poppelsdorf jedenfalls zum ersten Male von der Wichtigkeit dieser Frage 
vernehmen. 

„Auf die Arbeiterkreise könnte sehr günstig eingewirkt werden, wenn 
die Arbeitgeber, namentlich die großen industriellen Werke, innerhalb ihrer 
Betriebe Gelegenheit zum Genüsse einer tadellosen, kühl gehaltenen Milch 
geben würden. Der Gedanke ist bereits durch den größten Arbeitgeber 
Deutschlands, die Verwaltung der preußischen Staatsbahnen, in die Tat um¬ 
gesetzt, und zwar namentlich für die Werkstättenbetriebe. Von welcher 
wohltätigen Wirkung der Milchgenuß an Stelle von Alkohol gerade für das 
beim Fahr- und Streckendienst beschäftigte Personal ist, leuchtet ohne 
weiteres ein. Aus der Tagespresse ist kürzlich bekannt geworden, daß in 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


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Witten a. d. Ruhr mehrere größere Werke durch die Darbietung von guter 
Milch recht gute Erfahrungen gemacht haben. Namentlich Magermilch 
wurde von den Arbeitern lebhaft begehrt. Auch die Aufstellung von Milch¬ 
häuschen, in denen eine gute, reine Milch verschenkt wird, ist für die Auf¬ 
klärung der Bevölkerung ein höchst wirksames Mitte). Die Idee hat in 
Köln bekanntlich ihren Ausgang genommen. Dort hat die Meierei ver¬ 
einigter Landwirte im Jahre 1903 zuerst eine Schankstelle errichtet. In den 
schmucken Häuschen deren es jetzt neun gibt, wird Vollmilch, Magermilch 
und Schokoladen milch in höchst appetitlicher Weise gegen mäßigen Preis 
dargeboten. 

„Durch das verdienstliche Wirken des Professors Kamp in Bonn ist 
dann im Jahre 1904 eine gemeinnützige Gesellschaft für Milchausschank 
begründet worden, die in allen Städten Rheinlands und Westfalens, besonders 
in den Industriezentren, Milchhäuschen einrichten will. Der Gesellschaft 
ist es nicht bloß darum zu tun, für diese Häuschen einen ständigen Kunden¬ 
kreis zu gewinnen, sie will vielmehr auch die Haushaltungen der Schank¬ 
gäste wieder dem Milchgenuß erschließen. Bereits im Juni v. Js. waren in 
12 Städten 35 Milchausschankstellen im Betriebe und an acht Orten zwölf 
Häuschen im Bau begriffen und für 17 Orte weitere 37 Stellen in Aussicht 
genommen. Es spricht für gute Erfahrungen, daß auch in Danzig, Breslau 
und Hamburg Milchhäuschen rheinisch-westfälischen Ursprungs entstanden 
sind. Bei ihrem Betriebe hat man allgemein die Wahrnehmung gemacht, 
daß gerade Männer nach harter Tages- und Nachtarbeit die treuesten, täglich 
kommenden Kunden sind. 

„Ein voller Erfolg wird der Aufklärungsarbeit aber nur dann beschieden 
sein, wenn die Frauenwelt gewonnen werden kann. Den Hausfrauen, den 
Müttern muß vor allem die Bedeutung einer hygienischen Milch beigebracht 
werden. Das ist nicht leicht. Sie werden zwar gegen eine reine, gute Milch 
nichts einzuwenden haben, aber sie werden vermutlich besonders der Bewil¬ 
ligung eines höheren Preises widerstreben. Vorträge in den Frauen vereinen 
und Merkblätter werden Gutes schaffen können, höher einzuschätzen ist 
die fortgesetzte Einwirkung der Ärzte, besonderes Gewicht aber wird zu 
legen sein auf die bessere hauswirtschaftliche Ausbildung des heranwachsen- 
den weiblichen Geschlechts. Die große Bedeutung dieser Sache wird von 
allen denen, die im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit mitwirken, 
hoch bewertet. So beschloß auf Empfehlung des französischen Pädiaters 
Budin der im Jahre 1903 in Brüssel abgehaltene internationale Kongreß 
für Gesundheitspflege, daß auf die Einrichtung von Fortbildungskursen für 
schulentlassene Mädchen hingewirkt werden solle, in denen über die Hygiene 
des Säuglings, seine Ernährung und Pflege vorgetragen werden soll. Dabei 
spielt ja die Milchfrage keine geringe Rolle. Dem gleichen Gedanken hat 
Dunbar auf der Dresdener Jahresversammlung Ausdruck gegeben, und der 
niederrheinische Verein für öffentliche Gesundheitspflege hat die hauswirt¬ 
schaftliche Ausbildung der Mädchen durch Einführung eines Pflicht-Fortbil- 
dungsschuljahreB auf die Tagesordnung seiner nächsten im Oktober d. Js. statt¬ 
findenden Jahresversammlung gesetzt. Referentin ist Fräulein von Mumm. 

„Einen unmittelbaren und deshalb um so wirksameren Einfluß auf die 
Milch Versorgung können die Gemeinden ausüben, wenn sie die für ihre 


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54 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Anstalten, Kranken-, Waisenhäuser usw., benötigte Milch nicht schlechthin 
an den Mindestfordernden vergeben, sondern unter Gewährung eines ange¬ 
messenen Preises die Beobachtung bestimmter hygienischer Vorschriften 
sich vertraglich znsichern und ihre Erfüllung durch die Gemeinde-Tierärzte 
kontrollieren lassen. In Köln haben uns die Vorarbeiten für die Begründung 
der Säuglingsmilchanstalt zu diesem Modus geführt. Die Feststellung der 
Vorschriften über die Gewinnung und Behandlung des für die Milchkühe 
zu liefernden Rohmaterials legte es nahe, in ähnlicherWeise bei Vergebung 
der Milchlieferung für die umfangreichen Krankenanstalten vorzugehen. 
Während uns bisher von einer Molkerei, die selbst keine Kuhhaltung hatte, 
die Sammelmilch einer großen Zahl kleiner Produzenten geliefert wurde, 
haben wir jetzt damit den Milchverwertungsverband des Rheinischen Bauern¬ 
vereins betraut. In dem Vertrage ist ein durchschnittlicher Mindestfettgehalt 
von 3 Proz., ein bestimmtes spezifisches Gewicht und ferner bedungen, daß 
die Temperatur der Milch bei der Anlieferung nicht mehr als 12° C betragen 
darf. Die Milch muß ferner so rein sein, daß sie nach zweistündigem 
Stehen keinen sichtbaren Schmutz absetzt, das Wesentlichste aber ist, daß 
die Stadt das Recht hat, bei den Landwirten, welche die Lieferung aus- 
führen, jederzeit die Stallungen durch Tierärzte revidieren zu lassen. Die 
Milch untersteht überdies der regelmäßigen Kontrolle durch das städtische 
bakteriologische Laboratorium. Während früher 13,5 bis 14 Pf. gezahlt 
wurden, ist der Preis angesichts der erhöhten Forderungen auf 17 Pf. pro Kilo¬ 
gramm bemessen worden. Hierbei haben wir erprobt, welche wichtige Rolle die 
tierärztliche Aufsicht spielt. Anfänglich wurden fortgesetzt Klagen laut 
sowohl wegen zu hoher Temperatur, als besonders wegen des Schmutz¬ 
gehaltes. Der fortgesetzten Einwirkung unserer Tierärzte ist es gelungen, 
hierin Wandel zu schaffen. Die Landwirte selber lassen die Kontrolle gern 
über sich ergehen, wohl aus dem Grunde, weil sie ihnen gegenüber dem 
Personal den Rücken stärkt. Es soll nicht leicht sein, bei den Schweizern 
und sonstigen Arbeitsleuten die Beobachtung der nötigen Reinlichkeits- 
maßregeln durchzusetzen. Für das Rohmaterial der Säuglingsmilchanstalt 
wird ein höherer Preis gezahlt, 20 Pf. für das Liter. Dementsprechend 
sind auch die Bedingungen schärfere: u. a. darf die Temperatur der Milch 
nicht mehr als 8° C betragen. Gerade diese Bedingung haft die vier liefern¬ 
den Landwirte in die Notwendigkeit versetzt, sich Tiefkühlanlagen anzu- 
schaffen. Wenn ich recht unterrichtet bin, sind das die ersten derartigen 
Anlagen auf den Gütern in der Nähe von Köln. Um nicht mißverstanden 
zu werden, bemerke ich, daß städtische Molkereibetriebe schon längere Zeit 
Tiefkühlvorrichtungen besitzen, aber die Milch wird dort erst nach Zurück¬ 
legung eines mehrstündigen Eisenbahntransportes gekühlt, während das bei 
unseren Lieferanten unmittelbar nach dem Melken geschieht. Dieser Unter¬ 
schied ist sehr bedeutsam, denn eine Milch, die auf dem Transport durch 
die Temperatur einmal gelitten hat, wird durch nachträgliche Kühlung nicht 
wieder gut. Die soeben geschilderte gute Einwirkung auf die Milchproduk¬ 
tion würde natürlich stark an Ausdehnung gewinnen, wenn sich alle Staats¬ 
und Kreisbehörden entschließen wollten, in ähnlicherWeise für ihre Anstalten 
(Erziehungsanstalten, Kranken- und Irrenhäuser, Entbindungsanstalten) 
zu sorgen. 


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Die Milch Versorgung der Städte usw. 


55 


„Die Anlegung von eigenen Musterställen, die von einigen Seiten den 
Städten angesonnen wird, liegt meines Erachtens nicht im Rahmen kom¬ 
munaler Aufgaben. Kuhhaltungen von größerem Umfange gehören über¬ 
haupt nicht in die Stadt, sowohl im Interesse der Stadtbewohner wie auch 
der Tiere. Sofern Landgüter sich im Eigentum von Städten befinden, 
muß man allerdings wünschen, daß die Milcherzeugung in mustergültiger 
Weise vor sich geht. Da die Eigenproduktion in den Städten im Verhältnis 
zu ihrer Größe stetig abnimmt, spielt die Zufuhr durch die Eisenbahn eine 
große Rolle. Die zu überwindenden Entfernungen sind zum Teil sehr groß, 
so beziehen Berlin und Dresden von Stationen, die über 200 km entfernt sind. 
Die Milch hat danach einen stundenlangen Eisenbahntransport auszuhalten, 
der während der warmen Jahreszeit die Temperatur der Milch ungünstig 
beeinflußt. Es ist daher begreiflich, wenn Produzenten und Händler den 
Wunsch haben, daß für die Beförderung der Milch besondere Kühlwagen 
oder Güterwagen mit Kühlvorrichtungen zur Verfügung gestellt werden. 
Nicht minder verständlich ist das Verlangen, daß die Milch auf den Statio¬ 
nen bis zur Abfahrt des Zuges nicht schutzlos den Sonnenstrahlen preis¬ 
gegeben, sondern an einem geschützten Orte aufbewahrt wird. Abhilfe 
wird nach dem Vorgänge anderer Staaten ohne Schwierigkeiten zu schaffen 
sein. Die russische Regierung hat z. B., um den sibirischen Butterexport 
nach Dänemark zu heben, für Kühlvorrichtungen auf den Stationen und für 
besondere Transporte in gekühlten Wagen bis nach den Ostseehäfen gesorgt. 
Nicht zuletzt dieser Fürsorge der Eisenbahnverwaltung ist es zuzaschreiben, 
daß der Export, der im Jahre 1894 nur etwas über 6600 Kilo betrug, in dem 
kurzen Zeitraum von acht Jahren auf 32 Millionen Kilo angewachsen ist. 
Auch in Dänemark gibt es besonders eingerichtete Eisenbahnwagen für 
Milchtransporte. Man darf wohl annehmen, daß die deutschen Eisenbahn¬ 
verwaltungen auch hierin das gleiche Entgegenkommen zeigen werden wie 
bei den Tarifen! Natürlich werden die Frachtnehmer die Benutzung der 
Kühlvorrichtung abgelten müssen. Neuerdings wird übrigens der Gebrauch 
der eckigen Helm sehen Kannen empfohlen, die zusammengestellt einen 
Kälteblock bilden und die niedrige Temperatur mehrere Stunden erhalten 
sollen. Es dürfte hierbei interessieren, daß in Boston eine große Transport¬ 
gesellschaft den Verkehr zwischen den Landwirten und den Händlern ver 
mittelt. Diese Gesellschaft hat besondere Milchzüge eingerichtet, die im 
Sommer mit Kühlvorrichtungen versehen sind und in große Empfangs- 
gebäude an der Station einlaufen. In letzteren befinden sich Maschinen 
für künstliche Kälteerzeugung, ein Laboratorium zur Untersuchung der 
Milch und ausgedehnte Anlagen für die Verwertung des unverkauften 
Produktes. Diese letzterwähnten Anlagen haben Ähnlichkeit mit den Milch¬ 
höfen, deren Einrichtung man den Gemeindebehörden unter Hinweis auf 
die öffentlichen Schlachthäuser empfiehlt. Man denkt sich darunter große 
öffentliche Milchhallen, in denen jeder Milchhändler seinen offenen Stand 
hat, wo er seine Milch reinigt, abkühlt, entrahmt und abfüllt. Alle Milch, 
die zur Stadt kommt, soll den Milchhof passieren und erst von hier aus in 
die Stadt gehen. Dadurch will man die Verbindung des Milchladens mit 
der Wohnung des Milchhändlers beseitigen, und man verspricht sich davon 
eine gegenseitige Kontrolle der Milchhändler. Es darf aber vor allem nicht 


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56 XXXI. Versammlung d. D, Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

übersehen werden, daß zwischen Fleisch- und Milchversorgung ein beträcht¬ 
licher Unterschied besteht, insofern als die Milch möglichst schnell in die 
Hand der Konsumenten kommen soll, während beim Fleisch das unmittelbar 
gar nicht einmal erwünscht ist. Die Notwendigkeit der Schlachthöfe ergibt 
sich zwingend aus den großen hygienischen Vorteilen, die mit ihrem 
Betriebe verbunden sind. Von der Reinigung und Kühlung der Milch sind 
ähnliche Unzuträglichkeiten nicht zu befürchten. Meines Erachtens können 
Milchhöfe für den gesamten Milch verkehr einer Stadt überhaupt nicht in 
Frage kommen. Zunächst scheidet die Eigenproduktion wohl ganz aus. 
Wird unmittelbar nach dem Melken gekühlt, was doch verlangt wird, so 
soll die Milch sofort an den Verbraucher gehen. Ebenso wird es wohl am 
besten mit der Milch gehalten, die aus der näheren Umgebung kommt. Es 
bleibt also hiernach nur die sogenannte Bahnmilch übrig, für die es bei 
mangelhafter Transportgelegenheit ganz gut ist, wenn sie nachgekühlt 
werden kann. Jedenfalls soll der Akt des Reinigens und Kühlens damit 
nicht vom Produktionsorte in den Milchhof verlegt werden. Um die An¬ 
lieferung der Milch nicht allzusehr zu verzögern, müßte in den Großstädten 
jedenfalls von einer Zentralisation abgesehen und zur Errichtung mehrerer 
Höfe in den verschiedensten Teilen der Stadt geschritten werden. Gestalten 
sich die Transportverhältnisse auf der Eisenbahn so, wie wir es wünschen, 
dann werden Milchhöfe kein besonderes dringendes Bedürfnis sein. Ganz 
anders liegt die Sache, wenn es sich darum handelt, den täglichen Über¬ 
schuß an Milch zu Butter, Käse und anderen Produkten zu verarbeiten, ln 
diesem Falle ist das wirtschaftliche Interesse der Produzenten und Händler 
das hauptsächlichste Motiv, die Gemeinde hat hier keine Veranlassung, selbst 
einzutreten. Eine behördliche Aufsicht wird immerhin zweckmäßig sein. 

„Meine Herren! Der auf der ganzen Linie entbrannte Kampf gegen 
die Säuglingssterblichkeit hat volle Klarheit darüber gebracht, daß Ernäh¬ 
rungsstörungen die wesentlichste Todesursache für die Neugeborenen bilden 
und daß jene ganz vorwiegend durch verdorbene Milch hervorgerufen werden. 
Dieser Erkenntnis verdanken wir das Streben, der unbemittelten Bevölkerung 
für ihre Säuglinge gute und billige Kuhmilch darzubieten. Die Erfahrung 
hat dabei gelehrt, daß die Frauen mit der Milch meist nicht richtig umzu¬ 
gehen wissen, daß sie schmutzige Gefäße, unreines Wasser verwenden und 
so die Verderbnis der Milch herbeiführen, endlich aber, daß sie dem zarten 
kindlichen Organismus durch Darreichung zu großer Mengen schaden. Es 
ist bekannt, daß man zuerst in Frankreich Milchküchen gründete, und diesen 
Übelständen durch Abgabe einer billigen, in trinkfertigen Einzelportionen 
hergestellten Säuglingsmilch abzuhelfen suchte und daß man dem französi¬ 
schen Beispiel sehr bald in Amerika, Dänemark und England folgte. Während 
in Frankreich, Amerika und Dänemark die private Wohltätigkeit sich zur 
Trägerin dieser Bestrebungen machte, wurde in England die Errichtung der 
Milchküchen von vornherein als eine kommunale Aufgabe aufgefaßt. Diesem 
Standpunkt gehört die Zukunft. Der Preis, welcher für tadellose, in trink¬ 
fertigen Einzelportionen hergestellte Säuglingsmilch gefordert wird, ist so 
hoch, daß er für die wenig bemittelte Bevölkerung unerschwinglich ist. 
Ohne soziale Fürsorge der Gemeinden ist deshalb eine Besserung nicht zu 
erreichen. 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


57 


„Nicht mit Unrecht weist Paffenholz darauf hin, wie das ungeheure 
Wachstum der Städte zu immer größeren sanitären Maßregeln gedrängt 
habe, wie dies zur Errichtung von Krankenhäusern und Schlachthöfen 
geführt und wie man nicht gezögert habe, im Interesse der Allgemeinheit 
in das Privaterwerbsgebiet hinüberzugreifen durch Monopolisierung von 
Gas, Elektrizität, Straßenbahn-Verkehrs wesen; wie aber die Wohlfahrtspflege 
auf dem Gebiete der Säuglingsernährung gänzlich zurückgeblieben sei. Es 
ist hohe Zeit, daß sich die Gemeinden dieser Pflicht erinnern. Zwei rhei¬ 
nische Städte haben das Verdienst, bahnbrechend gewirkt zu haben: Bergisch- 
Gladbach und München-Gladbach; beide errichteten im Jahre 1904 städtische 
Kindermilchanstalten, schon im Jahre darauf folgte Köln. Da diese Anstalt 
gegenwärtig wohl die größte in Deutschland ist und sich über Jahresfrist in 
Betrieb befindet, dürften einige nähere Mitteilungen über ihre Einrichtung 
willkommen sein. Es wurde von vornherein der Gedanke perhorresziert, 
damit eine Wohltätigkeitsanstalt zu errichten, sie sollte vielmehr aus¬ 
gesprochenermaßen den Charakter einer sozialen Wohlfahrtseinrichtung 
tragen. Mit der öffentlichen Armenpflege steht sie nur so weit in Verbindung, 
als die Armenverwaltung die für ihren Bedarf notwendige Milch unter 
Zahlung des Selbstkostenpreises bezieht. 

„Da man nicht voraussehen konnte, ob und in welchem Umfange die 
Bevölkerung von der Einrichtung Gebrauch machen würde, wurde nach dem 
Vorbilde von Liverpool zunächst die Versorgung von 500 Säuglingen ins 
Auge gefaßt. Der Zuspruch war aber ein so bedeutender, daß man sich 
schon nach den ersten Wochen des Betriebes, noch im Juli 1904, entschloß, 
die maschinelle Einrichtung zu verdoppeln und die Räume zu erweitern, 
um einem Konsum für 1200 Säuglinge, täglich 8000 Flaschen, gewachsen 
zu sein. Der Etat der Anstalt sieht für das Rechnungsjahr 1906 Einnahmen 
von 84 600 M. und Ausgaben in Höhe von 111300 M. vor, so daß ein städ¬ 
tischer Zuschuß von 26700 M. erforderlich ist. Nach den Erfahrungen des 
ersten halben Betriebsjahres wird dieser Betrag ausreichen. Der Wunsch, 
die Betriebskosten möglichst niedrig zu halten, legte es nahe, die Anstalt 
mit einem anderen städtischen Betrieb zu verbinden. Ihre Unterbringung 
erfolgte in der großen, gut belichteten Kochküche des Börsengebäudes im 
Schlachthofe, die durch einen Erweiterungsbau entbehrlich geworden war. 
Das bot den Vorteil, daß Dampf, Elektrizität, Licht und Wasser von dem 
Schlachthofe gegen mäßigen Preis bezogen werden können. Dazu kam 
weiter, daß die Überwachung des technischen Betriebes in die Hand des 
Schlachthofdirektors gelegt werden konnte, der sich dieser Aufgabe mit 
Unterstützung von zwei tierärztlichen Assistenten mit großer Hingebung 
widmet. Von diesen Herren werden auch die Stallungen der liefernden 
Landwirte bis auf weiteres wöchentlich besucht. Die gelieferte Milch wird 
in dem bakteriologischen Laboratorium des Schlachtbofs täglich auf Fett 
und Schmutzgehalt untersucht. 

„Durch die innere Einrichtung der Milchküche an Maschinen, die er¬ 
forderlichen baulichen Änderungen, sowie das zum Betriebe nötige Material 
an Flaschen, Flaschenkörben und anderem Inventar wurde ein Kostenauf¬ 
wand von rund 35000 M. verursacht. Nebenbei bemerkt, ist die Ausstattung 
von Milchküchen bereits ein Spezialfach geworden, auf dem sich der Fabri- 


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58 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

kant Franz Depenheuer in Köln, namentlich bei der Erweiterung unserer 
Anstalt, aufs beste bewährt hat. 

Die trinkfertige Herstellung der Einzelportionen geschieht nach den 
Angaben des Professors Dr. Siegert, des Vertreters der Kinderheilkunde 
an der Kölner Akademie fär praktische Medizin. 

„Es werden drei verschiedene Mischungen verabfolgt: 

Mischung I. für Kinder im 1. Lebensmonat, besteht aus sieben Fläsch¬ 
chen zu je 100 g (1,2 Proz. Eiweiß, 1,6 Proz. Fett, 6,5 Proz. 
Zucker). 

„ II. für Kinder im 2. bis 4. Lebensmonat, umfaßt sechs Fläsch¬ 
chen zu je 150 g (1,7 Proz. Eiweiß, 2 Proz. Fett, 6,2 Proz. 
Zucker). 

„ III. für Kinder vom 5. bis 7. Lebensmonat, enthält fünf Fläsch¬ 
chen zu je 200 g (2,2 Proz. Eiweiß, 2,7 Proz. Fett, 6 Proz. 
Zucker). 

Überdies wird für Kinder von mehr als sieben Monat reine Vollmilch 
abgegeben. Die Sterilisierung der Milch wird in geschlossenen Flaschen 
ausgeführt. Der Transport erfolgt in den eigenen Wagen der Anstalt nach 
15 Milchausgabestellen, die über das ganze Stadtgebiet zerstreut liegen und 
sich meist in städtischen und privaten Hospitälern befinden (Transportkosten 
7500 M.). Dort werden sie von den Abnehmern abgeholt. Die Tagesportion, 
die, wie erwähnt, je nach dem Alter des Säuglings aus fünf bis sieben 
Fläschchen besteht, kostet 22 Pf., während die Selbstkosten sich durch¬ 
schnittlich auf 32,4 Pf. belaufen. Bezugsberechtigt sind nur Personen, 
deren Einkommen nicht mehr als 2000 M. beträgt, in der Hauptsache also 
Arbeiter. Für die Säuglinge armenrechtlich hilfsbedürftiger Eltern bezieht 
die Armenverwaltung die nötigen Mengen unter Erstattung der Selbstkosten. 
Sie hat die Hergabe der Milch nach dem Vorgänge Hamburgs als neue 
Form der Naturalunterstützung für nichtstillende Mütter eingeführt. Die 
armen Mütter, welche selbst stillen, erhalten zur laufenden Geldunterstützung 
eine monatliche Zulage von 6 bis 10 M. Dadurch soll ein Anreiz zur 
Brusternährung ausgeübt werden. Zurzeit werden seitens der Milchkücbe 
täglich 1600 Säuglinge versorgt. Der Absatz würde sicherlich noch weit 
größer sein, wenn die Milch ins Haus geliefert würde. Ganz abgesehen 
davon, daß dadurch eine erhebliche Verteuerung eintreten würde, ist zurzeit 
aus dem Grunde nicht daran zu denken, weil wir in den vorhandenen Räumen 
an der Grenze der Leistungsfähigkeit angelangt sind. Eben deshalb kann 
auch der Anregung nicht gefolgt werden, die Säuglingsmilch an die besser 
gestellten Kreise gegen Zahlung höherer Sätze abzugeben, was ja eine sehr 
willkommene Herabsetzung des städtischen Zuschusses mit sich bringen 
würde. 

„Der wundeste Punkt unserer Säuglingsfürsorge ist das Fehlen einer 
Beratungsstelle, die den Müttern schon vor ihrer Niederkunft zugänglich 
wäre, und die Stätte sein sollte, wo für die Brusternährung gewirkt und die 
künstliche Ernährung überwacht wird. Es war geplant, deren mehrere 
einzurichten. Diese Absicht mußte indes aufgegeben werden, weil in ärzt¬ 
lichen Kreisen die Befürchtung laut wurde, daß die Beratungsstellen sich 
zu Polikliniken auswachsen könnten, die auch vom zahlungsfähigen Publi- 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


59 


kam mißbräuchlich benutzt werden würden. Bei dem sozialen Charakter 
der Säugling8milchanstalt war es natürlich von vornherein ausgeschlossen, 
den Besuch der Beratungsstelle von dem Nachweis armenrechtlicher Hilfs¬ 
bedürftigkeit abhängig zu machen, und so unterblieb die Errichtung. Er¬ 
freulicherweise haben sich die Verhältnisse so weit geklärt, daß die Aus¬ 
führung unseres Planes demnächst erfolgen kann. Eine volle Wirksamkeit 
werden die Beratungsstellen nur dann entfalten können, wenn sie zugleich 
in die Lage versetzt werden, Müttern, die ihr Kind zwar selbst nähren 
wollen, aber dies infolge notwendiger Erwerbstätigkeit nicht können, geld. 
liehe Beihilfen zu gewähren. 

„Die natürliche Ernährung, die heute so oft unter dem Zwange der 
Erwerbstätigkeit leidet, würde eine ganz wesentliche Ausdehnung wieder 
gewinnen können, wenn sich allgemein bestätigte, was die neuesten wissen¬ 
schaftlichen Forschungen in der Berliner Charite und im Kölner Kinder¬ 
hospital zu versprechen scheinen, daß nämlich drei-, höchstens viermalige 
Gaben täglich für die Ernährung des Säuglings nicht nur ausreichen, 
sondern sogar mehrfachen Gaben vorzuziehen sind. Dann würde es auch 
arbeitenden Frauen möglich sein, innerhalb der ordnungsmäßigen Arbeits¬ 
pausen ihrer Mutterpflicht zu genügen. 

„Die laufenden Aufwendungen für die Milchküchen werden sich in den 
Städten verschieden gestalten, je nachdem man die Abgabe der Milch von 
dem Besuch der Beratungsstunde abhängig macht oder nicht. Im ersten 
Falle werden sich die wohlhabenden Kreise fernhalten, im letzteren Falle 
wird eine Herabminderung der Kosten stattfinden, es wird aber die gefähr¬ 
liche Vorstellung befördert, daß die unter der Autorität der Stadt hergestellte 
Säuglingsmilcb ein vollwertiger Ersatz der Muttermilch sei und von der 
Erfüllung der heiligsten Mutterpflicht befreie. Ich möchte trotz erhöhter 
Aufwendungen dem obligatorischen Besuche der Beratungsstellen das Wort 
reden. So viel ist sicher, daß die Städte künftig, wenn sie ernstlich mit- 
arbeiten wollen an der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, beträchtliche 
Opfer bringen müssen. Was Soxhlet vor 15 Jahren auf der Leipziger 
Jahresversammlung für die Ernährung der Säuglinge forderte, geht heute 
einer schönen Erfüllung entgegen; überall in den deutschen Städten blühen 
kommunale Säuglingsmilchanstalten empor, mögen nach weiteren 15 Jahren 
— eher dürfte es kaum zu erhoffen sein — alle die Wünsche verwirk¬ 
licht sein, die wir heute für die Milchversorgung der Städte ausgesprochen 
haben.“ 


Literatur. 

Die Verhandlungen des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege. 
(IV, XVII, XXVI, XXVII usw.) 

Die Milch und ihre Bedeutung für Volkswirtschaft und Volksgesundheit. 
Hamburg, Boysen. (Dargestellt im Aufträge der wissenschaftlichen Abteilung 
der Allgemeinen Ausstellung für hygienische Milchversorgung Hamburg. Hamburg, 
Boysen, 1903.) 

Schloßmann, .Über Kindermilch“, in den Verhandlungen der Gesellschaft 
für Kinderheilkunde. 76. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher 
und Ärzte in Breslau 1904. Wiesbaden, J. F. Bergmann. 

Beinsch, Die gesetzliche Regelung des Milchverkehrs in Deutschland. Ham¬ 
burg, Boysen. 


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60 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Reinsch, Entwurf einer Polizei Verordnung betr. den Verkehr mit Milch. 

Reich, Grundsätze betr. einheitliche gesetzliche Regelung des Verkehrs mit 
Milch. Im Aufträge der deutschen Milchhändlervereine. Berlin 1904, Georg Siemens. 

Tiede, Die Milch Versorgung von Paris. Leipzig, Hein sius Nachf. 

Ring, Die Versorgung der Großstädte mit Milch. Leipzig, Richard Carl 
Schmidt u. Co. 

Sieveking, Die Säuglingsmilchküchen der Patriotischen Gesellschaft Ham¬ 
burg 1906, Boysen. 

Manchot, Die Milchküche der St. Gertrudengemeinde. 

8uckow, Leitfaden für Einrichtungen von Säuglingsmilchküchen. 

Herz, Über städtische Milchversorgung. Druck von Haas u. Gräbherr, Augsburg. 

Fuchs, Die Städte Versorgung mit Milch und Säuglingsmilch. Mannheim 
1905, J. Bensheimer. 

Kjerulf, Milchhygienische Verhältnisse in Schweden. Stockholm 1903, 
Norstadt u. Söhne. 

Ander egg, Bericht über meiue milch wirtschaftliche Forschungsreise nach 
Schleswig-Holstein, Dänemark und Schweden. Bern 1890, K. J. Wyss. 

Knoch, Die städtische Mi Ich zentrale. Leipzig 1906, Heinsius Nachf. 

Plehe, Die Gewinnung und der Vertrieb hygienisch-einwandfreier Milch. 
Leipzig 1905, Heinsius Nachf. 

Prausnitz, Sozialbygienische und bakteriologische Studien über die Sterblich¬ 
keit der Säuglinge, Magen-Darmerkrankungen und ihre Bekämpfung. München 1906, 
Oldenbourg. 

Extracts from A Report by a Commission of Physicians upon the Walker 
Gordon Farms at Phinsboro, New-Jersey. 

Biedert, Über Marktmilch I. Klasse und andere Versuche einer guten Milch- 
Versorgung der Städte, insbesondere für Säuglinge. Straßburger Medizinische Zeitung. 

Bernstein, Die Milch. Berlin 1904, Julius Springer. 

Kröhnke, Bemerkenswerte Ergebnisse der allgemeinen Ausstellung für hygie¬ 
nische Milch Versorgung. Hamburg 1903, Leipzig 1903, F. Leineweber. 

Berichte über die Verhandlungen des Verbandes deutscher Milchhändler¬ 
vereine. 1902, 1903, 1904, 1905. 

Brugger, Die Bekämpfuug der Säuglingssterblichkeit (Schriften des Deutschen 
Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit). 

Bayers dorfer, Milch Versorgung von Karlsruhe. 

Mintrop, Untersuchungen über Erzeugung, Einfuhr, Verbrauch und Verkaufs¬ 
preise frischer Milch. 

Seiffert, Die Versorgung großer Städte mit Kindermilch. Leipzig 1904, 
Adolf Weigel. 

Hierauf wird die Diskussion eröffnet. 

Milchhändler Lulay, Vertreter des Verbandes Deutscher Milch¬ 
händler (Schöneberg): „Meine Herren! Der Milchhandel wird im all¬ 
gemeinen für die Schäden, die in der Milch Versorgung Vorkommen, immer 
und immer wieder verantwortlich gemacht. Dies geschieht aber zum großen 
Teil mit unrecht, und vor allen Dingen ist man stets die Beweise schuldig 
geblieben, daß dieses wirklich der Fall ist. Demgegenüber konstatiere ich 
mit Freuden, daß die beiden Herren Referenten gefordert haben, daß die 
Kontrolle an der Produktionsstelle einzusetzen hat. Meine Herren! in dem 
Augenblick, wo dieses geschieht, werden wir einen gewaltigen Fortschritt 
in hygienischer Beziehung zu verzeichnen haben. Die Kontrolle muß im 
Stalle beginnen, aber sie muß sich auch auf die Futtermittel erstrecken. 
Denn wenn hier von wissenschaftlicher Seite betont wird, daß die Futter¬ 
mittel im allgemeinen keine schädliche Einwirkung auf die Milchproduktion 


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61 


Die Milchversorgung der Städte usw. 

haben, so hat die Praxis doch schon lange erkannt, daß dies tatsächlich 
oftmals der Fall ist. Daß die Knh schon die Herbstzeitlose, wie hier er¬ 
wähnt wurde, gar nicht frißt, ist zwar in einer Hinsicht recht bezeichnend, 
beweist aber doch nur wenig. Es gibt wieder Futtermittel, welche, falsch 
verfüttert, ungünstig wirken, z. B. Schlempe, Rapskuchen, Kohlrüben. Ferner 
sind normale Futtermittel häufig in schlechter Verfassung, so daß sie einen 
schädlichen Einfluß ausüben auf die Güte der Milch hinsichtlich Geschmack 
und Geruch oder in gesundheitlicher Beziehung, wenn sie auch von den 
Kühen anstandslos verspeist werden. 

„Die Frage der Milchküchen will ich njir ganz kurz berühren. Sollte 
wirklich eine Verbesserung erzielt werden durch die Einrichtung solcher 
Milchküchen, sei es von den Kommunen oder von Vereinen, so ist der 
Milchhandel gern bereit, diese Sache auch zu unterstützen. Der Milch¬ 
handel ist überhaupt stets bereit, in jeder Weise, wo es notwendig ist, 
Verbesserungen einzuführen oder zu solchen hilfreich die Hand zu bieten. 

„Herr Professor Dr. Dam mann ist hier erwähnt worden. Gerade bei 
der Sachverständigen-Konferenz im Jahre 1898 war es Professor Dr. Dam- 
mann, der die Forderungen des Milchhändlerstandes eifrigst unterstützt 
hat. Unsere Forderungen gingen schon damals dahin, daß die Kontrolle 
auf das Land auszudehnen sei; ja jeder, der mit Milch umgeht, soll kon¬ 
trolliert werden. Vielleicht könnte man auch an eine Konzessionierung des 
Milchhandels denken. Aber Sie wissen ja, daß die polizeiliche Überwachung 
sich schon heute so weit erstreckt, daß begründete Bedenken vorliegen, diese 
Machtbefugnisse noch zu vermehren. Auf alle Fälle müßte die Polizei die 
unreellen Elemente aus dem Milchhandel ausschließen. Dies zu erreichen, 
möchte ich die verehrten Herren, die diesem so hochwichtigen Verein an¬ 
gehören, um ihre Unterstützung bitten. Der reelle Milcbbandel kann nur 
gedeihen, wenn er vor unlauteren Konkurrenten geschützt wird, und des¬ 
halb bitte ich Sie nochmals, in diesem Sinne wirken zu wollen.“ 

Schlachthofdirektor Opel (Metz): „Meine Herren! Nachdem die 
Stadt Bergisch-Gladbach vorangegangen war und mit geringen Mitteln und 
im kleinen Betriebe den Weg wies, der im Kampfe gegen die Säuglings¬ 
sterblichkeit durch Errichtung von kommunalen Säuglingsmilchanstalten zu 
beschreiten war, hat Köln, wie Sie ja schon gehört haben, die Frage prak¬ 
tisch gelöst, wie eine Großstadt aus städtischen Mitteln mit einwandfreier 
Säuglingsnahrung für die unbemittelte Bevölkerung zu versorgen ist. Zwi¬ 
schen diesen beiden aber liegt die große Zahl von mittleren Städten, die 
sich ebenfalls dafür entschieden haben, diesen Weg zu beschreiten. Ich 
möchte mir nur zu erwähnen gestatten, daß die Stadt Metz infolge be¬ 
sonderer Verhältnisse in diesem Frühjahr eine solche Anstalt errichtet hat, 
die im wesentlichen dem Vorbilde der Säuglingsmilchanstalt von Köln nach¬ 
gebildet ist. Zu meiner Freude sehe ich hier, daß die herrlichen Reproduk¬ 
tionen der Kölner Anstalt bereits an der Wand hängen, und die Bilder, die 
ich lbnen zeigen möchte, dienen lediglich zur Ergänzung. 

„Noch einen Punkt möchte ich anführen. Bei uns wird die Milch 
nicht nur an Arme und Minderbemittelte abgegeben, sondern gerechter¬ 
weise auch an Bessersituierte und Wohlhabende, und zwar zum Preise von 


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62 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

60 Pf., während Personen mit einem Einkommen unter 3000 M. die Milch 
zu 30 Pf., Unbemittelte umsonst erhalten. Auf diese Weise wird erreicht, 
daß die Anstalt ohne städtischen Zuschuß sich halten kann und die Lasten 
der Anstalt auf den tragfähigeren Schultern der begüterten Klassen ruhen. 
Dieser Modus empfiehlt sich in der Hauptsache für die mittleren und 
kleineren Städte, d. h. überall da, wo nicht Priyatunternehmungen sich mit 
der Herstellung und dem Vertriebe von einwandfreier Säuglingsnahrung 
befassen, wie wir ja solche in allen Großstädten bereits haben. Die Milch 
wird vertrieben durch Depots, d. h. mehrere Apotheken in verschiedenen 
Stadtteilen, denen die Milch in einem besonderen Wagen zugeführt wird 
und die 15 Proz. des Erlöses erhalten. Der Erfolg, der mit unserer Anstalt 
in der kurzen Zeit ihres Bestehens erzielt ist, und das uneingeschränkte 
Lob, das alle Ärzte ohne Ausnahme derselben schenken, ermuntert uns, 
unsere Anstalt in Metz auch weiteren Kreisen bekannt zu geben und zu 
empfehlen.“ 

Dr. med. et phil. Professor und Universitätsdozent Gries¬ 
bach (Mülhausen i. E.,— Basel): „Meine verehrten Damen und Herren! 
Es gibt Gesetze, die den Tierschutz betreffen, ich sehe nicht ein, warum 
es nicht auch Reichsgesetze geben soll, welche der Kindersterblichkeit, über¬ 
haupt den Erkrankungen des Menschen durch Milchgenuß entgegenwirken. 
Es werden gewiß manche Bedenken einer derartigen reichsgesetzlichen 
Regelung entgegenstehen. Allein manche Punkte sind auch vorhanden, 
die durch ein Reichsgesetz zweifelsohne geklärt und geläutert würden. Der 
Milchverkehr liegt in einzelnen Teilen Deutschlands ganz außerordentlich 
im argen, nicht nur in einzelnen Städten, sondern auch in ganzen Bezirken, 
Distrikten und Provinzen. Ich weiß nicht, wie der Herr Vorredner aus 
Metz hierüber denkt, ich kann aber vom Oberelsaß berichten, daß dort 
Dinge geschehen, die wirklich aller Hygiene Hohn sprechen. Da ist z. B. 
die Stadt Mülhausen mit fast 100000 Einwohnern. Wenn Sie dort den 
Milchverkehr betrachten, wird Ihnen geradezu schauderhaft zumute werden. 
Die Händler ziehen mit einem Hundekarren, auf dem das Milchgefäß fest¬ 
geschnallt ist, von Haus zu Haus. Vor jedem Hause wird der Deckel ge¬ 
öffnet, ja manchmal bleibt das Gefäß eine ganze Weile ungeschlossen. Mit 
dem schmutzigen Blusenärmel und der Hand, die eben den Hund angeschirrt 
hat, führt der Verkäufer die allerlei Unbill ausgesetzte Schöpfkelle in die 
Milchkanne ein und bringt auf diese Weise eine Menge von Keimen, von 
Staub und von allen möglichen anderen Dingen in die Milch. Man muß 
unbedingt verlangen, daß der Kannendeckel während des Verkaufs geschlossen 
bleibt, daß die Milch durch einen Kran abfließt und daß die Meßgefäße 
vor Verunreinigung geschützt sind. Auf diese Weise würde der Verunreini¬ 
gung und Infizierung der Milch während des Straßen vertriebe erfolgreich 
vorgebeugt werden. 

„Vor allen Dingen müßte aber auch dafür gesorgt werden, daß sowohl 
der Produzent als auch der Kleinhändler einer scharfen Kontrolle untersteht. 
Ich halte es auch nicht für unangemessen, einen Befähigungsnachweis von 
diesen Leuten zu verlangen. Dadurch würde der Milchhandel entschieden 
in bessere Bahnen gelenkt werden. Auch pflichte ich der Zentralisierung 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


63 


bei, wie sie Biedert vorschlägt. — Noch kurz einen Hinweis auf den Milch¬ 
verkauf in anderen Ländern: Bei meinem Aufenthalt in Messina war ich 
nicht wenig überrascht, als in meinem Hotel eine Kuh zwei Treppen hoch 
hinaufgeführt und die Milch aus dem Euter direkt in das Glas geleitet 
wurde. Dadurch war wenigstens eine Verunreinigung der Milch durch den 
Transport ausgeschlossen. Die Kühe sind natürlich, wie mir gesagt wurde, 
untersucht. Es werden nur gesunde Kühe für ein derartiges Einlassen in 
die menschlichen Wohnungen zugelassen. Wir finden übrigens in Spanien 
und Frankreich ähnliche Verhältnisse. Es werden Kühe und Ziegen durch 
die Städte getrieben, um die Milch direkt aus dem Euter zu verkaufen. 

„Vor allen Dingen aber, meine verehrten Anwesenden, möchte ich 
noch auf einen Punkt hin weisen, der ja auch mehrfach betont worden ist, 
und das ist der erzieherische Punkt. Schon in dem ersten Vortrage, den 
wir gehört haben, wurde gesagt, wie notwendig es sei, daß die Hygiene 
immer mehr in das Volk dringt, und gerade in dieser Hinsicht sollte man 
schon bei der Jugend anfangen. Man sollte in den Schulen Hygiene lehren; 
Sie selbst, meine Herren, und der Verein könnten dazu beitragen. Es ist 
weit besser, die jungen Mädchen für den Haushalt zu erziehen als zu 
Blaustrümpfen. u 

Direktor des städtischen Gesundheitsamtes Dr. W. Gehrke 

(Stettin): „Meine Herren! Auf Grund der Erfahrungen, die in Stettin ge¬ 
rade mit der Beschaffung und dem Vertriebe der Säuglingsmilch gemacht 
worden sind, muß ich den Ausführungen der Herren Referenten entgegen¬ 
treten. 

„Die von dem Herrn Referenten geforderten und von dem Herrn Kor¬ 
referenten empfohlenen Milchhöfe oder Milchzentralen, in denen die gesamte 
Milch zusammenfließen, gereinigt, gekühlt, zubereitet, in Transportgefäße 
gefüllt und dann durch entsprechend eingerichtete Verkaufswagen oder 
Verkaufsstellen an das Publikum abgegeben werden soll, diese Milchzentralen 
halte ich für ungeeignet, wenn es sich um die Beschaffung und den Vertrieb 
von Milch zur Säuglingsernährung handelt. Milch und Fleisch sind in der 
Art der Gewinnung, Haltbarkeit und Aufbewahrungsmöglichkeit doch zu 
sehr verschieden, als daß es angängig wäre, die bei der Zentralisation des 
Fleisch Verkehrs gemachten Erfahrungen ohne weiteres auf den Milchverkehr 
zu übertragen. Fleisch hält sich immer mehrere Tage lang, die Milch aber 
muß möglichst schnell, immer doch innerhalb von Stunden verbraucht 
werden. 

„Das ist ja gerade ein Nachteil unserer großen städtischen Sammel¬ 
molkereien, daß sie eine Milch in den Verkehr bringen, die je nach der 
Entfernung der Produktionsstätten und der Dauer der Anlieferung in mehr 
oder weniger zersetztem Zustande sich befindet. Die Mittags- und Abend¬ 
milch des vorhergehenden Tages wird am Morgen des nächsten Tages zum 
Verkauf gebracht. Die Milchzentralen könnten doch nur wie große Sammel¬ 
molkereien wirken. 

„Die Versorgung gerade der ärmeren Bevölkerung mit guter Milch 
(Kindermilch) durch zentrale Sammelmolkereien hat in Stettin durchaus 
versagt. In einem räumlich engbegrenzten Stadtteil sollte im Sommer 1905 


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64 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

sog. Kindermilch — nach Helmschem Verfahren gekühlt und in Flaschen 
gefüllt — durch die Milchwagen einer großen Sammelmolkerei morgens ins 
Haus geliefert werden. Bis II Uhr Vormittag hatten manche Familien an. 
manchen Tagen die Milch nicht erhalten. 

„Solche Erfahrungen haben mich dazu geführt, ganz und gar auf die 
Versorgung durch zentrale Sammelmolkereien zu verzichten und für die 
Ernährung der der städtischen Fürsorge unterstellten Flaschenkinder allein, 
eine Milch zu verwenden, die aus den im Stadtgebiet belegenen Kuhställen 
bezogen wird. Gerade für die Gewinnung und den Vertrieb der zur Säug¬ 
lingsernährung dienenden Milch halte ich die Zentralisation für verfehlt und 
weitgehende Dezentralisation für geboten. Es ist ein großer Gewinn, wenn 
die Milch vom Produzenten bis zum Konsumenten nur einen kurzen und 
unmittelbaren Weg zurückzulegen hat, denn alle Fehler der Milchgewinnung 
werden zumal während der heißen Jahreszeit in ihrer verderblichen Wirkung 
potenziert um so höher, je länger es dauert, ehe die Milch zum Verbrauchs 
gelangt. Aus den in unmittelbarer Nähe der Verbraucher gelegenen Kuh¬ 
ställen kann dreimal am Tage frisch gemolkene Milch bezogen werden. Ich 
bin daher im Gegensatz zu dem Herrn Referenten der Meinung, daß die 
Milchproduktion durchaus in die Stadt hineingehört und halte es für be¬ 
sonders angezeigt, gerade diese in der Stadt produzierte Milch in allererster 
Linie für die Ernährung derjenigen Kinder zu verwenden, denen die Mutter¬ 
brust versagt ist. 

„Dementsprechend halte ich auch die Abgabe der Säuglingsmilch in sog. 
„trinkfertigen“ Portionen keineswegs für das erstrebenswerte Ideal: Zu¬ 
nächst die Kostenfrage. Wo bisher Milchküchen eingerichtet sind, ver¬ 
sorgen sie immer nur eine verhältnismäßig geringe Zahl von Kindern. Bei 
einem einigermaßen größeren Bedarf — in Stettin befanden sich 1905 
dauernd etwa 1500 Kinder in der städtischen Fürsorge — müssen die er¬ 
forderlichen Einrichtungen derartig umfangreich werden, daß die Kosten 
ins Ungemessene wachsen, jedenfalls die von den Gemeinden für diese 
Zwecke aufwendbaren Mittel erheblich überschreiten. 

„Ja, ich halte es auch nicht einmal für wünschenswert, den Müttern 
diese Arbeit, die Zubereitung der Milch, abzunehmen. 

„Man stelle der Bevölkerung nur eine reine, möglichst Irische unver¬ 
fälschte Vollmilch zur Verfügung und belehre die Mütter, wie sie die Milch 
zu behandeln und in den trinkfertigen Zustand zu bringen haben. Hier 
muß eine beharrliche, unermüdliche Tätigkeit einsetzen. Denn es ist leider 
erschreckend, in welcher unverantwortlich leichtfertigen Weise die Behand¬ 
lung und Aufbewahrung der Milch im Haushalt oft erfolgt. Aber diese 
fehlerhafte Behandlung trifft in weit schlimmerem Maße die sog. trink¬ 
fertige Milch. Diese wird überall in der Menge des Tagesbedarfs, also 
für 24 Stunden ausreichend, abgegeben. Keimfrei ist diese Milch keines¬ 
wegs, und bei der Aufbewahrung in den heißen Wohnungen ohne jede Küh¬ 
lung gerät diese Milch in einen Zustand der Zersetzung, der um so bedenk¬ 
licher ist, als er sich nicht durch sinnfällige Veränderungen der Milch 
kundgibt. Die im Haushalt selbst zubereitete Milch verrät ihre Verände¬ 
rung durch Sauerwerden und Gerinnen beim Erhitzen und schließt so ihre 
Verwendung als Säuglingsnahrung aus. 


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Die Milchveraorgung der Städte uaw. 


66 


„ Keine Zentralisation, sondern weitgehende Dezentralisation der Milch- 
yersorgung, soweit sie für die Säuglingsernährung in Betracht kommt. 
Möglichst viele gut geleitete und kontrollierte Kuhställe innerhalb der Stadt, 
Bereitstellung der in diesen Ställen gewonnenen Milch für die Säuglings- 
ernährung halte ich für wünschenswert. 

„Daneben muß eine dauernde Belehrung der Mütter erfolgen, sei es 
durch einen Arzt selbst, sei es durch angestellte bezahlte Pflegerinnen, die 
von einem Arzte unterwiesen werden und ihm unterstehen. u 

Professor Dr. Schlossmann (Düsseldorf): „Meine Herren! Ganz 
gewiß ist die in Rede stehende Frage eine schwierige, aber sie wird gelöst 
werden, denn mit Riesenschritten ist der Fortschritt vor sich gegangen. 
Ich erinnere nur an die Verhandlungen in Dresden und an die heutigen in 
Augsburg, an die Referate von vor drei Jahren und an die heutigen. Sie 
werden ohne weiteres den Unterschied erkennen und bemerkt haben, daß 
man sich heute auf einen ganz anderen Standpunkt stellt als dazumal, und 
zwar haben sich meiner Ansicht nach beide Referenten auf einen Standpunkt 
gestellt, daß wir Kinderärzte uns mit den Worten der Berichterstatter voll 
einverstanden erklären können, wir, die dieser Frage praktisch nahestehen, 
die, wenn ich so sagen darf, das Verschulden, das durch die schlechte Milch 
angerichtet worden ist, wieder auszugleichen haben. 

„Wollen wir dem Übel an die Wurzel gehen, so müssen wir wissen: 
wo kommt es her? Und da ist gar kein Zweifel: an der Produktionsstätte 
ist zunächst anzusetzen, und hier liegt die größte Schwierigkeit, und wir 
müssen fragen: Wo ist der Herkules, der den Augiasstall ausräumt? 

„Meine hochverehrten Herren, woran liegt es denn, daß die Milch so 
schlecht ist? Daran, daß an einer und derselben Produktionsstätte, an 
einem und demselben Ort zwei Dinge fabriziert werden, die ganz heterogen 
sind, nämlich Milch und Mist. Das Wesentliche dabei für die praktische 
Landwirtschaft im Großbetriebe ist der Mist, und die Milch ist ein Abfall¬ 
produkt, das so gut, wie es eben geht, mit verwertet wird. Meine Herren! 
Die Landwirte lassen niemand, der mit ihnen darüber offen spricht, im Un¬ 
klaren, daß für sie der Mist das Wertvollere ist, denn den Mist gebrauchen 
sie, und die Milchprodukte nehmen sie in den Kauf, um sich wenigstens in 
gewisser Hinsicht zu entschädigen. In Sachsen haben wir bereits Betriebe, 
wo man dazu übergegangen ist, die Milchkühe zu ersetzen durch Ochsen, 
wo man die ganze Schererei mit der Milch nicht hat, und in einer Hinsicht 
kommen ja die Ochsen den Kühen gleich: Mist liefern sie ebensogut. Nun 
ist es aber heute möglich, durch die Fortschritte der Praxis den Mist doch 
zu gewinnen, ohne daß die Milch leidet. 

„Wir müssen nur eine Reibe von Forderungen aufstellen, deren wich¬ 
tigste die ist: im Stalle selbst darf nicht gemolken werden. Zum Melken 
muß die Kuh herausgeführt werden, und in der Minute, wo man das ein¬ 
richtet und das tut, kommt man zu einem Produkt, das ganz anders schmeckt) 
wie das auch schon ausgeführt ist, das aber auch einen ganz anderen Geld¬ 
wert hat. Man kommt nämlich zu einem Produkt, dessen Haltbarkeit so 
gut wie unbegrenzt ist. 

VierteljahrtBchrift für Gesundheitspflege, 1907. 5 


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66 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Ich bin am vorigen Sonnabend früh aus dem Haag weggefahren, habe 
mir am Freitag Abend in der Nähe von Utrecht Milch abmelken lassen und 
habe diese Milch roh und ohne jeden konservierenden Zusatz mit mir ge¬ 
schleppt bis hierher, die ganze Fahrt hindurch. Sie war im Eisenbahn- 
coupö, des Nachts hat sie irgendwo gestanden, und als wir heute früh die 
Milchflaschen aufmachten, stellte sich heraus, daß diese Milch frischer und 
besser war als die, die wir heute Vormittag in Augsburg als frische be¬ 
kommen haben. Es sind also über 100 Stunden, daß diese Milch ohne 
jede Maßregel transportiert und auf bewahrt worden ist, und sie ist absolut 
frisch, aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht im Stalle gemolken worden 
ist, weil kein Mist darin ist, weil es Milch im eigentlichen Sinne des 
Wortes und kein Gemisch von Milch und Mist ist. 

„Wenn Sie solche Milch auf den Markt bringen, können Sie sie natür¬ 
lich nicht zu demselben Preise liefern wie die Milch, die nur so nebenbei 
gewonnen worden ist. Die Schweizer, die die Pflicht haben, diese Milch zu 
melken, müssen geistig höher stehen, sie haben sich sauber zu halten und 
müssen daher auch besser bezahlt werden. 

„Der Herr Vorredner hat darauf hingewiesen, daß man die Milch in 
der Stadt produzieren soll. Meine Herren, das halte ich für den aller¬ 
größten Fehler. Wenn Sie eine gute Amme suchen, werden Sie nicht ins 
Zuchthaus gehen und sie sich von dort holen, und ebenso werden Sie eine 
gute Kindermilch nur von solchen Kühen bekommen, welche so viel als 
möglich Weidegang haben und so viel als möglich im Freien sind, und das 
ist natürlich niemals zu erreichen, wenn man die Kühe im Stalle hat. 

„Von ganz besonderem Interesse sind für mich aber die Ausführungen 
gewesen, die Herr Brugg er gemacht hat. Es ist das erstemal, daß von 
einem Verwaltungsbeamten etwas derartiges gesagt worden ist, und damit 
ist die Hoffnung gegeben, daß sich viele der Wünsche, die wir Kinderärzte 
ja schon lange vertreten, nunmehr bald in die Wirklichkeit umsetzen.“ 

Dozent Dr. Seiffert (Leipzig): „Ich möchte Ihnen nur ganz kurz 
über einen kleinen Versuch berichten — klein insofern, als er von mir in 
privaten Verhältnissen ausgeführt werden mußte —, um reine Milch unter 
Vermeidung des Mistes zu erzielen mit einem etwas besser dressierten 
Schweizer, als sie gewöhnlich sind. Ich hatte mir einen jungen Burschen 
angeschafft, der als Schweizer gelernt hat, und der bei mir etwas bakterio¬ 
logische Reinlichkeit mit ansah, aber nicht etwa gelernt hat — natürlich, 
dazu war er überhaupt nicht brauchbar — und den Mist habe ich insofern 
ausgeschaltet, als ich mir Tiere nahm, die in der Beziehung nicht so un¬ 
angenehm wirksam sind, wie die Kühe, nämlich Ziegen. Ich habe drei 
Jahre lang Versuche mit einer größeren Herde Ziegen angestellt, von der 
ich eine frisch abgemolkene Milch tagtäglich untersuchte, und aus dieser 
Reihe von Versuchen, etwa 800, habe ich den Bakteriengehalt dieser Milch 
in verschiedenen Zeiträumen festgestellt, und zwar am ersten Tage in vier¬ 
stündigen und später in 24 ständigen Abständen. Da ergibt sich ganz 
regelmäßig wiederkehrend, daß der Keimgehalt einer solchen Milch — ich 
habe die Milch ohne jede Vorsichtsmaßregel entnommen, nur mit gewöhn¬ 
lichem Händewaschen und Abreiben des Euters mit einem trockenen Tuch 


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67 


Die Milohversorgung der Städte usw. 

— in den ersten acht Stunden ansteigt, dann tief abfällt. Von 400000 
steigt er bei einer Aufbewahrungstemperatur der Milch yon z. B. über 
15 Grad C auf über 1 Million, und dann fällt er rasch ab, und nach zwölf 
Stunden gebt er bei dieser Temperatur wieder akut in die Höbe, und es 
kommt zu Keimzahlen yon etwa 4 bis 40 Millionen im Zeitraum yon 
24 Stunden. Halten Sie die Milch kühl, so steigt die Keimzahl nicht so hoch, sie 
steigt natürlich auch etwas länger, und der Fall dauert etwas länger an, und 
wenn Sie eine solche Milch bei 5 Grad halten, so hört der Fall des Bakterien¬ 
gehaltes überhaupt erst auf am Ende des zweiten Tages nach über 48 Stunden. 
Stellen Sie die Milch aber so her, daß sie keimärmer gemolken ist, melken 
Sie aseptisch, so zieht sich die Periode bis zum 5. oder 6. Tage hin. 

„Was mir bei der heutigen Diskussion aufgefallen ist, das ist, daß nicht 
erwähnt worden ist, daß man die Milch, mag sie gewonnen sein, wie sie 
will, sauber oder unsauber, doch in allererster Linie selbst zu kontrollieren 
hat. Wir haben heute gehört, daß kontrolliert werden sollen die Gewinnung, 
die Zubereitung, die Gefäße zum Transport, aber niemand hat bis jetzt 
erwähnt, daß es doch eigentlich am nächsten läge, wenn die Städte eine 
Kontrolle des Keimgehaltes ihrer Milch einrichteten. Es sind heute die 
Einrichtungen yon Kopenhagen, ich glaube auch von Stockholm, erwähnt 
worden; mit keinem Ton ist erwähnt worden, daß in Amerika die Commis- 
sioners für Milchkontrolle wenigstens den Gehalt an Keimen der Zahl nach 
feststellen. Wozu sollen wir kommen, wenn wir nicht einmal diese Fest¬ 
stellung machen wollen, und wenn wir yor allen Dingen nicht die Art der 
Keime feststellen wollen? Hier müssen die Mittel und Wege vorhanden 
sein, den Gehalt an Tuberkelbazillen nicht bloß, sondern auch an Strepto¬ 
kokken und an Bakterien anderer Art regelmäßig zu kontrollieren. Daß 
das natürlich nicht mit jeder einzelnen Milchportion geschehen kann, ist 
klar, aber so lange das gar nicht gemacht wird, so lange bleibt der Landwirt 
auf dem Standpunkt stehen, daß doch alles getrunken wird, was in die 
Stadt geliefert wird, und so lange bleibt auch die bekannte Maßregel be¬ 
stehen, daß verunreinigte Milch dadurch gereinigt werden kann, daß man 
sie vor der Ablieferung in die Stadt abkocht. 

Ich sah yor einiger Zeit in einem Dorfe bei Leipzig ein krankes Kind. In 
dem Hausflur standen 20 Literkannen Milch, hoch mit Schaum bedeckt, daneben 
stand das Kind, gerade so groß wie diese Kannen, „mit dem geschwollenen 
Maul", wie der Vater mir erzählt hatte. Das hatte eine Henkeltasse in der 
Hand, hatte mit dem Ärmchen Milch ausgeschöpft, der Schaum war bis an 
den Ellenbogen heraufgegangen, und der Schaum bedeckte das zu diagnosti¬ 
zierende Leiden des Mundes. Diese Milch kommt in Kannen mit auf die Bahn, 
geht dann mit nach Leipzig und wird am nächsten Tage den Kindern mit 
verzapft. — Es handelte sich um eine Stomatitis ulcerosa, die zu einem 
sogenannten Wasserkrebs unter Umständen werden kann, und diese kann 
zweifellos auf diese Weise verbreitet werden und kein Mensch kann natür¬ 
lich eine solche Sache verfolgen, weil keiner die Milch untersucht hat. Der 
Streptokokken- und der Tuberkelbazillengehalt der Milch muß aber so fest¬ 
gestellt werden, daß wir die Zahl der lebenden Mikroorganismen feststellen, 
nicht, daß wir die Milch kochen und dann beurteilen, oder daß wir nur 
verarbeitete Milch geben. u 

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68 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Karl Leiter, Milchpächter vom Verein Berliner Milchpächter (Berlin): 
„Hochverehrte Damen und Herren! Die Forderungen der Herren Referenten 
würden ja in vielen Fällen den Milchhandel verbessern, aber ob da gerade 
die Sache beim richtigen Ende angefaßt wird, ist doch noch sehr fraglich. 
Durch Einrichtung von Michhöfen und Milchzentralen würde die Milch so 
kolossal verteuert werden, daß der armen Bevölkerung der Genuß guter 
Vollmilch entzogen würde, denn das könnte sie nicht bezahlen. Forderungen 
dürfen wir überhaupt nicht mehr stellen, und wenn diese Forderungen der 
Herren Referenten aufgestellt würden, so würde die Milchproduktion soweit 
zurückgehen, daß die Milch eben ein Nahrungsmittel wäre, das sich nur 
noch der Reichste leisten könnte! 

„Man ist hier gegen den Kleinhandel vorgegangen, aber das beste 
Zeichen für den Kleinhandel ist wohl, daß zwei Drittel der Milch Versorgung 
in seinen Händen liegen. Gerade der Kleinhandel ist fördernd für die 
Bevölkerung. Der Großhandel verkauft nur vormittags Milch. Wenn der 
Wagen fortgefahren ist, und ein Kunde ihm nicht mehr nachlaufen kann, 
dann ist der Kleinhandel, bei dem die frische Morgenmilch um 11 Uhr ein¬ 
trifft, der Retter in der Not, und den will man jetzt in gewissem Sinne 
beseitigen. Es wäre traurig gewesen in diesem Sommer in den heißen 
Tagen, wenn von 11 Uhr ab in Berlin kein Liter Milch mehr vorhanden 
gewesen wäre. Das Großkapital, welches heute einen Teil des Milchhandels 
im Besitz hat, bringt seine Morgenmilch erst den anderen Tag zum Verkauf, 
und wir verkaufen sie denselben Tag, wo sie gewonnen wird. Es muß 
wohl jeder einräumen, daß das auch etwas Gutes für sich hat. 

„Also darum ist es wohl angebracht, daß der Bogen nicht zu straff 
gespannt wird. Wenn man mit aller Entschiedenheit die hohe Kinder¬ 
sterblichkeit beseitigen will — die Milch allein ist nicht schuld daran — 
müßten doch andere Vorschläge gemacht werden. Hier kommt auch die 
Gesundheit der Eltern in Frage. Verstaatlichen Sie die Kindererzeugung. 
Gehen Sie einfach auf das Programm des sozialistischen Zukunftsstaates 
ein und lassen Sie den Staat die Kinder ernähren und erziehen; dann haben 
Sie so viel, daß sie gar nicht mehr unterzubringen sind.“ 

Dr. Otto Bommel, leitender Arzt des Säuglingsheims (München): 
„Meine Herren! Ich möchte nur meiner Freude Ausdruck geben über den 
Wechsel der Anschauungen, der sich seit dem letzten Referat in Dresden in 
der Behandlung der Frage der Milchversorgung vollzogen hat. Besonders 
hat es mich gefreut, daß ein Nichtarzt, ein Vewaltungsbeamter, der Not¬ 
wendigkeit der kommunalen Milchversorgung, speziell was die 
Versorgung mit Kindermilch anbetrifft, das Wort geredet hat. 

„Meine Herren! Der Vorschlag ist nicht neu, sondern vor mehr als 
einem Menschenalter wurde schon von dem lange verstorbenen Ober¬ 
medizinalrat Kerschensteiner in München im Ärztlichen Verein der Vor¬ 
schlag gemacht, daß die Stadt durch Verträge sich eine gute Milch für ihre 
Bevölkerung, speziell für die Kinder, sichern solle. Mit der kommunalen 
Milchversorgung steht es aber leider in München, nach den Erfahrungen, 
die wir im letzten Winter gemacht haben, vorerst noch schlecht. Der Satz, 
den der Herr Referent aufgestellt hat: Der jetzt übliche Kleinhandel mit 


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Die Milchversorgung der Städte usw. 


69 


Milch ist als unhygienisch za bezeichnen, trifft ganz besonders auch für die 
Stadt München zu. Wir haben in München an die 3000 kleinen Milch* 
geschäfte. Wie schlecht diese Milch leider immer noch ist, habe ich im letzten 
Jahre festgestellt, indem ich mehrere hundert Milchproben unauffällig in den 
Vormittagsstunden entnehmen ließ. Es stellte sich heraus, daß die Milch 
in etwa 50 Proz. der Fälle vom hygienischen Standpunkt aus als absolut un¬ 
brauchbar zu betrachten war: Hoher Eeimgehalt, Fettgehalt heruntergehend 
bis 1,2 Proz., stärkere Zersetzung, in über 50 Proz. der Fälle positive Alkohol¬ 
reaktion und Ähnliches. Auch Verschärfungen in den Milchregulativen 
werden meiner Ansicht nach daran nicht viel zu bessern imstande sein. 

„Die Gesellschaft für Kinderheilkunde in München hat auf meine Ver¬ 
anlassung eine Resolution an den Magistrat gelangen lassen, es möge der 
Errichtung einer städtischen Milchzentrale für Säuglinge näher getreten 
werden. Zu unserem großen Bedauern mußte aus Verwaltungsrücksichten 
und wohl aus finanziellen Bedenken damit noch gewartet werden, und 
ich freue mich umsomehr, wenn andere Städte hier von günstigen Resultaten 
berichten konnten. Ich glaube, daß ein Vorschlag, den Soxhlet andernorts 
einmal gemacht hat, wohl Beachtung verdient, daß man in erster Linie 
einmal gerade an die Kindermilch herangehen solle, diese 5 bis 10 Proz. aus 
dem gesamten Milchkonsum herausgreifen und diese eben einer städtischen 
Kindermilchzentrale — als einer Wohlfahrtseinrichtung — zuführen solle. 

„Nicht ganz der Ansicht des Herrn Beigeordneten Brugger bin ich, 
was die Preisverhältnisse anbetrifit. Nach den Erkundigungen, die ich 
speziell in Bayern bei verschiedenen Landwirten eingezogen habe, dürfte 
die Preissteigerung bei vernünftigen Mindestbedingungen dooh nicht eine 
so beträchtliche sein, wie der Herr Beigeordnete Brugger und andere das 
befürchten.“ 

Stadtverordneter Dr. Albert Beichmann (Malstadt-Burbach): 
„Meine Damen und Herren! Ich möchte heute nur noch die Tatsache 
registrieren, daß auch die Privatindustrie, wenigstens die leistungsfähigere, 
seit Jahren schon angefangen hat, Verständnis für die Beschaffung von 
einwandfreier Milch für die Kinder ihrer Arbeiterschaft zu zeigen. Ich 
möchte erwähnen, daß die Burbacher Hütte im Saarrevier vor drei Jahren 
auf meine Anregung, die ich dem verstorbenen Geheimrat Vierordt in 
Heidelberg verdanke, angefangen hat, von Höfen hygienisch-einwandfreie 
Milch zu beziehen. Die Erfahrungen waren nicht die allerbesten, und da 
hat die Hütte nun angefangen, selbst Tiere anzuschafien. Sie verfügt 
augenblicklich über acht Kühe, die tierärztlich überwacht werden. Sie 
werden geimpft, sind als tuberkulosefrei festgestellt, sie werden von einem 
Schweizer versorgt, der auch nach ganz bestimmten Vorschriften sie be¬ 
handeln muß, die Milch wird einwandfrei gewonnen und sie wird dann der 
Arbeiterschaft zu dem gewöhnlichen Marktpreise abgegeben, roh und in sterilen 
Einzelportionen. Dabei ist die Vorschrift, daß diejenigen Kinder, für welche 
die sterilen Einzelportionen abgegeben werden, sich einer regelmäßigen Kon¬ 
trolle seitens der Knappschaftsärzte zu unterwerfen haben. 

„Das ist eine Einrichtung, die sich außerordentlich bewährt hat, und 
die ich nur zur Nachahmung empfehlen kann.“ 


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70 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

H. Timmann, Vertreter des Zentral vereine der Milchhändlervereine 
von Hamburg (Hamburg): „Meine verehrten Herren! Ich bin von seiten 
meiner Vereinigung hierher geschickt, um bei diesem Punkt der Tages¬ 
ordnung in die Debatte einzugreifen. Aber mir ist nichts übrig geblieben, 
als nur den Dank an die beiden Herren Referenten abzustatten für die 
Ansichten, die sie hier kundgegeben haben. Auch wir stehen auf dom 
Standpunkt, daß die Kontrolle an der Produktionsstelle einzusetzen hat. 
Dann kann auch dem Händlerstand auferlegt werden, daß er diese Milch 
an die Konsumenten so weiter befördert.“ 

Da sich niemand weiter zum Worte gemeldet hat, erhält das Schlußwort: 

Korreferent, Beigeordneter Brugger (Köln): „Meine Herren! 
Einer der Herren Diskussionsredner erblickt das Heil der Säuglingsmilch¬ 
versorgung in einer gesteigerten Milchproduktion in den Städten. Ich habe 
das bekanntlich vorhin verworfen. Der Gedanke ist mir keineswegs neu, 
er ist bereits durch die Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblich¬ 
keit in Berlin mit Nachdruck vertreten worden. Der Geschäftsführer dieser 
Gesellschaft, Dr. Engel, hat ja, möchte ich sagen, geradezu einen Feld¬ 
zugsplan entworfen, wie man in den Städten die Eigenproduktion steigern 
könnte und wie diese Eigenproduktion den Säuglingen zugefübrt werden 
kann. Meine Herren! Aber allem diesem widersprechen die Tatsachen. 
In allen großen Städten werden die Kuhhaltungen verdrängt durch den 
Menschen. Das Land wird zu teuer, und die Tiere vertragen den Aufenthalt 
nicht in der Stadt. Also ich sage kurz: Die Tatsachen widersprechen. 

„Wenn Herr Dr. Rommel meinte, daß ich eine ganz erhebliche Preis¬ 
steigerung der Milch voraussehe, so befindet er sich in einem Irrtum. Ich 
habe zwar gesagt, daß die hygienische Milchversorgung eine Preissteigerung 
bedingt. Aber keineswegs habe ich gesagt, in welchem Maße diese Preis¬ 
steigerung sich vollzieht, ich nehme sogar an, daß sie sich in bestimmten 
Grenzen halten wird, und ich habe ja auch angeführt, daß wir in der Stadt 
Köln einen Preis von 17 Pf. bewilligen für eine Milch, die den elementarsten 
Anforderungen einer hygienischen Milchversorgung entspricht, und ich hoffe, 
daß mit einem Preise, der nicht wesentlich über 20 Pf. hinausgehen wird, 
alles erreicht werden kann, was heute gefordert wird. u 

Mit herzlichem Dank an die Referenten schließt der Vorsitzende die 
Sitzung. 


Schluß 2«/ 4 Uhr. 


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Wälderholu ngastätten und Genesungsheime. 


71 


Zweite Sitzung. 

Donnerstag, den 13. September 1906, 9 Uhr vormittags. 

Vorsitzender, Professor Gonzmer (Danzig): „Verehrte Anwesende! 
Ich eröffne hiermit den zweiten Verhandlungstag und habe Ihnen zu Anfang 
leider eine traurige Mitteilung zu machen. Es läuft soeben die Kunde ein, 
daß Herr Professor Hermann Cohn zu Breslau, der sich durch seine Hygie¬ 
nischen Untersuchungen, namentlich seine Augenuntersuchungen, hervor¬ 
ragende Verdienste um die Öffentliche Gesundheitspflege erworben hat, vor¬ 
gestern gestorben ist, also unmittelbar vor dem Beginn unserer diesjährigen 
Verhandlungen. Ich darf Sie wohl bitten, sich zur Ehrung seines Andenkens 
von Ihren Plätzen zu erheben. (Geschieht.) 


Hierauf kommt der dritte Gegenstand der Tagesordnung zur Ver¬ 
handlung : 


Walderholungsstätten und Genesungsheime. 


„Meine Herren! Ich habe für mein Referat eine Reihe von Leitsätzen 
aufgestellt; ich muß gestehen, daß ich das nicht aus freiem Willen getan 
habe, sondern weil ich von unserem Herrn Schriftführer dazu gedrängt 
worden bin. Ich bin der Ansicht, daß es gerade bei Dingen, wie sie unser 
heutiges Thema betreffen, recht mißlich ist, sich auf bestimmte Normalsätze 
festzulegen, die schon nach wenigen Jahren von einer nicht vorher über¬ 
sehbaren Entwickelung überholt werden, oder an denen die Entwickelung 
vorbeigeht. 

Es lauten die von dem Referent Dr. Rudolf Lennhoff (Berlin) auf¬ 
gestellten 

Leitsätze: 


1. Aufgabe der Krankenfürsorge ist es, nicht nur die unmittelbaren Folgen 
einer Krankheit zu beseitigen, sondern auch die Arbeitsfähigkeit des Kranken 
so weit wie möglich wieder herzustellen und einer Schädigung durch die 
Wiederaufnahme der Arbeit vorzubeugen. Daher bedarf es, außer den 
Krankenhäusern, Anstalten zur Vollendung der Genesung. 

2. In gleicher Weise sind Anstalten notwendig zur Beseitigung der Erschei¬ 
nungen leichter chronischer Erkrankungen, die in den Krankenhäusern 
keine Behandlung Anden können, zur Vorbeugung der Krankheitsverschlimme- 
rung und zur Vorbeugung drohender Erwerbsunfähigkeit. 

3. Die Verpflegung in Anstalten, in welchen die Kur des Kranken individuell 
gestaltet werden kann, ist dem einfachen Landaufenthalt oder dem Auf¬ 
enthalt in Badeorten vorzuziehen. 

4. Als Anstaltsformen * kommen vornehmlich in Betracht Genesungsheime und 
Walderholungsstätten. Die Auswahl der Anstalt hängt in jedem Falle von 
der Besonderheit der Krankheitsfälle ab. 

5. Grundsätzlich ist daran festzuhalten, daß die Genesungsheime für Kranke 
Vorbehalten werden, welche für längere Zeit dauernd von ihrer Häuslichkeit 
fern bleiben müssen und für welche ein größerer Behandlungsapparat 
(Hydrotherapie, Gymnastik usw.) notwendig ist. 


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72 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

6. Die Walderholungsstätten sind für die große Masse derer geeignet, die 
lediglich der Ruhe, des Aufenthaltes in guter Waldluft und einfacher physi¬ 
kalischer Behandlungsmethoden bedürfen. 

7. Die Einrichtung der Anstalten ist so einfach zu halten, wie es die Er¬ 
reichung des beabsichtigten Zweckes eben zuläßt. 

8. Genesungsheime sollen nicht zu weit von dem Wohnbezirk der für sie in 
Betracht kommenden Bevölkerung errichtet werden, mit Ausnahme solcher 
in Kurorten, mit besonderen, anderwärts nicht vorhandenen Heilfaktoren. 

9. Die Errichtung von Genesungsheimen liegt in erster Reihe den Gemeinden 
oder Ortsverbänden ob, in zweiter Reihe den Landesversicherungsanstalten. 
Nur in Ausnahmefällen empfiehlt sich die Errichtung durch Krankenkassen, 
Betriebsunternehmungen, religiöse oder Wohlfahrtsgenossenschaften. 

10. Die Erholungsstätten unterscheiden sich von den Genesungsheimen grund¬ 
sätzlich dadurch, daß sie nur Tagesbetrieb haben. Dadurch ergibt sich 
die Notwendigkeit, daß sie in leicht erreichbarer Nähe der Städte errichtet 
werden. 

11. Charakteristisch für die Erholungsstätten ist ferner die außerordentliche 
Billigkeit des Betriebes, die es ermöglicht, die Erholungsstättenpflege einer 
fast unbegrenzten Zahl der dieser Pflege Bedürftigen zuteil werden zu 
lassen. Ein Abweichen von der größten Einfachheit bedeutet zugleich eine 
numerische Einschränkung der Fürsorge. 

12. Weder für Genesungsheime noch für Erholungsstätten empfiehlt sich eine 
weitgehende Beschränkung auf bestimmte Krankheiten. 

Referent, Dr. Rudolf Leitühoff (Berlin): 

„Meine sehr verehrten Herren! Das Thema „Genesungsheime“ ist in 
dieser Versammlung nicht neu. In der 15. Jahresversammlung in Straßburg 
im Jahre 1889 haben die Herren von Ziemssen und Back über denselben 
Gegenstand referiert. Ich kann es mir infolgedessen ersparen, auf die 
geschichtliche Entwickelung der Genesungsheime hier näher einzugehen und 
ebenso auf die Begründung der Notwendigkeit dieser Anstalten. Ich will 
mich darauf beschränken, die Thesen vorzulesen, die damals den Verhand¬ 
lungen zugrunde lagen. Es hieß: 

1. Heimstätten für Genesende sind für größere Gemeinwesen ein dringendes 
Bedürfnis. 

2. Für dieselben sprechen nicht bloß ärztliche, sondern auch soziale und 
administrative Erwägungen. 

3. Die Einrichtung und Unterhaltung solcher Anstalten ist nicht Aufgabe 
des Staates oder der Gemeinden, sondern ist der Vereinstätigkeit und der Privat¬ 
wohltätigkeit zu überlassen. 

4. Es erscheint zweckmäßig, die Heimstätten den Krankenhäusern anzu¬ 
gliedern und mit einer möglichst einfachen, aber sachverständigen Verwaltung 
zu versehen. 

5. Der familiäre Charakter der Heimstätten macht es nicht wünschenswert, 
daß den einzelnen Anstalten eine zu große Ausdehnung (über 100 Betten) gegeben 
werde. 

6. Geeignet zur Aufnahme sind in erster Linie die Rekonvaleszenten von 
akuten Krankheiten, von Verletzungen undOperationen, dann auch Wöchnerinnen, 
in zweiter Linie an chronischen Krankheiten Leidende, wenn dieselben akute Ver¬ 
schlimmerungen erfahren haben. 

7. Prinzipiell ausgeschlossen sind Geisteskrankheiten, Epilepsie, ekelerregende, 
chirurgische und Hautleiden, Lues und Alkoholismus. 

8. Als notwendige Vorbedingung für die Aufnahme ist eine gute sittliche 
Qualifikation zu fordern. 

„Das waren also die Anschauungen aus dem Jahre 1889. 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 

„Wir haben gesehen, daß nicht in allen Teilen die Entwickelung den 
Weg gegangen ist, der hier vorgesehen war. Insbesondere hat sich gezeigt, 
daß die Errichtung der Genesungsheime durch Vereine und durch die Privat¬ 
wohltätigkeit nicht das tatsächlich vorhandene Bedürfnis befriedigen kann. 
Es hat sich weiter gezeigt, daß gerade die Gemeinden zu einem erheblichen 
Teile dem Bedürfnis nachgekommen sind. Es wurde damals nicht in Rück¬ 
sicht gezogen und konnte es auch nicht, daß ein neuer bedeutsamer Faktor 
erscheinen würde, der zu einem großen Teile die Lasten des Genesungsheims¬ 
wesens auf sich nahm, zum Teil auch die Heime selbst errichtete: die soziale 
Versicherung. 

„Als die Referate hier gehalten wurden, war die Krankenversicherung 
erst wenige Jahre im Gange, und vor allem befand sie sich damals noch in 
einem Stadium, in dem die Krankenkassen überwiegend ihre Aufgabe darin 
erblickten, rein schematisch nach dem Buchstaben des Gesetzes den minimal¬ 
sten Anforderungen nachzukommen, als sie noch nicht das Gefühl dafür 
hatten, daß es ihre Aufgabe sei, eine weitgehende Fürsorge für die ver¬ 
sicherte Arbeiterbevölkerung zu treffen. Es gab vor allem damals aber noch 
nicht die Invalidenversicherung, die, wie sich in der Folge gezeigt hat, 
das vorbeugende Heilverfahren, die Erzielung und Erhaltung der 
Arbeite- und Erwerbsfähigkeit des Versicherten, zu einer Hauptaufgabe 
machte. 

„Ich will Sie nicht damit aufhalten, daß ich Ihnen nun der Reihe nach 
alle die Genesungsheime aufzähle, die im Laufe der Jahre entstanden sind x ). 
Ich will nur hervorheben, wer sich mit der Errichtung solcher Heime befaßt. 
Da sind es immer noch im einzelnen Vereine und die Privatwohltätigkeit. 
Vereinzelt sind es religiöse Gemeinschaften. In der Hauptsache aber sind 
es Kommunen und die Träger des sozialen Versicherungswesens. Es kommen 
dann hinzu in einzelnen Fällen größere Arbeitgeber, die für den Kreis ihrer 
Arbeitnehmerschaft solche Anstalten errichtet haben, Großfabrikanten sowohl 
wie Staatsbetriebe, in erster Reihe die Eisenbahnverwaltung. Es sind ferner 
Genesungsheime errichtet worden von der Heeresverwaltung, für Soldaten 
und für Offiziere. 

„Noch nach einer anderen Richtung hin haben die Anstalten eine etwas 
andere Entwickelung genommen, als man damals als notwendig und zweck¬ 
mäßig vorsehen zu sollen geglaubt hatte. Die Anstalten waren ursprünglich 
auf einem ziemlich primitiven Standpunkt. Sie enthielten höchst einfache 
Räume und gewährten eine sehr einfache Verpflegung. Die Patienten sollten 
nichts weiter, als, nachdem sie eine schwere Krankheit im Krankenhause oder 
in ihrer Wohnung überstanden hatten, sich ausruhen und behaglich ihrer 
Genesung entgegensehen. Es hat sich aber gezeigt, daß das Bedürfnis ein 
wesentlich größeres ist. Das hängt zusammen mit der Entwickelung, die 
unsere Therapie gerade in diesen Jahren genommen hat. Aus der Zeit 
der therapeutischen Untätigkeit sind wir in eine Zeit therapeutischer Aktivität 
hineingeraten, die auch an den Genesungsheimen nicht vorübergehen konnte. 
Infolgedessen sehen wir, daß sich von Jahr zu Jahr auch in den Genesungs- 

l ) Bin ziemlich ausführliches Verzeichnis findet man bei Dr. Stefan Ingerle: 
Die Anstalten für Rekonvaleszenten, Erholungsbedürftige und Genesende. München 
1901, Seitz u. Schauer. 


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74 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

heimen ein therapeutischer Apparat entwickelte, daß dieser Apparat stets 
vervollkommnet wurde; auch hängt das zum Teil mit dem Bestreben zu¬ 
sammen, einen möglichst hohen Grad von Erwerbsfähigkeit zu erzielen bzw. 
zu erhalten. 

„Es kommt hinzu, daß die Genesungsheime nicht bloß blieben, was der 
Name sagt: Heime zur Erzielung einer Genesung nach überstandener Krank- 
keit, sondern daß sie zum großen Teile auch der Behandlung chronisch 
Kranker dienten, für die Krankenhäuser nicht in Betracht kommen, für 
die Krankenhäuser an sich zu teuer sind, die vor allem einer längeren Be¬ 
handlung bedürfen, bei denen neben dem Aufenthalt in der frischen Luft 
elektrö-, thermo- und hydrotherapeutische Behandlung einen Hauptfaktor 
darstellten. Solche Heime sind besonders von den Landesversicherungs¬ 
anstalten, die das größte finanzielle Interesse an der Erzielung einer erheb¬ 
lichen Arbeitsfähigkeit haben, errichtet worden. Ich erinnere da nur an die 
Anstalt der Berliner Landesversicherungsanstalt in Beelitz — ich meine 
nicht die Lungenheilstätte, sondern das sogenannte Sanatorium — und 
an die gleichartige Anstalt der Landesversicherungsanstalt Schlesien bei 
Schmiedeberg im Riesengebirge. 

„Bei den Genesungsheimen ist ein Gesichtspunkt besonders zu beachten; 
das ist die soziale Schichtung der Insassen. Ein Genesungsheim kann im 
allgemeinen nicht, wie ein Krankenhaus für Schwerkranke, gleichzeitig An¬ 
gehörige verschiedener sozialer Kreise in sich aufnehmen. Es handelt sich 
um Leute, die nicht an das Bett gefesselt sind, die, wenn ich so sagen soll, 
in voller Freiheit leben, aber auf einen persönlichen, gesellschaftlichen Ver¬ 
kehr miteinander angewiesen sind. Da ist es durchaus richtig, daß möglichst 
solche Personen innerhalb desselben Genesungsheimes vereinigt sind, die einer 
ungefähr gleichen Bildungsstufe angehören, auf einem ungefähr gleichen 
sozialen Standpunkte stehen. Es hat sich gezeigt, daß, wo zum Teil die 
Patienten durcheinander gewürfelt waren, Mißhelligkeiten, Reibereien kamen, 
die einen von den anderen gehänselt, beleidigt wurden usw., was gerade bei 
der leichten Reizbarkeit Genesender die Kur erheblich beeinträchtigt. 

„Es hat sich bei den Krankenkassen im Laufe der letzten Jahre die 
Praxis herausgebildet, sogenannten Landaufenthalt zu bewilligen, um 
durch ihn denselben Zweck zu erreichen, den die Genesungsheime verfolgen. 
Nach meiner Erfahrung und Beobachtung, sowohl bei Krankenkassen, wo 
ich einen direkten Einblick hatte, als auch bei anderen, die mir darüber be¬ 
richteten, erfüllt die Bewilligung des Landaufenthaltes oft nicht den Zweck, 
der erreicht werden soll, und vor allem lohnt er praktisch nicht die Kosten, 
die die Krankenkassen für Landaufenthalt verwenden. Die Kranken gehen 
gewöhnlich zu ihren Eltern, zu Verwandten aufs Land und kommen dort oft 
in Verhältnisse hinein, die durchaus nicht den notwendigen Anforderungen der 
Hygiene entsprechen. Da sie, besonders wenn sie Rekonvaleszenten sind, 
oft nicht die nötige Selbstbeherrschung, Selbstbeschränkung üben, so ist ihre 
ganze Lebensweise sehr häufig nicht derart, daß der Heilzweck in angemessener 
Weise erreicht wird. 

„Ebenso geht es, wenn die Krankenkassen wahllos Patienten in die 
Badeorte hineinschicken. Nur wenn sie in den Badeorten einer be¬ 
stimmten Fürsorge unterworfen werden, läßt es sich vom Standpunkte 


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75 


Walderholung8stätten und Genesungsheime. 

«der sozialen Versicherung aus rechtfertigen, daß Krankenkassen oderLandes- 
versicherungsanstalten die entsprechenden Kosten aufwenden. 

„Ich sagte schon, daß für Genesungsheime im wesentlichen diejenigen 
Kranken in Betracht kommen sollen, bei denen die Anwendung irgend 
«eines mehr oder weniger großen therapeutischen Apparates not¬ 
wendig ist, denn seitdem wir die Erholungsstätten besitzen, brauchen wir 
•die teuren Ausgaben der Genesungsheime nicht mehr für die Mehrzahl 
<der Kranken aulzuwenden, die früher in die Genesungsheime geschickt 
worden sind. 

„Ich muß kurz, damit Sie das Wesen der Erholungsstätten erfassen 
können, auf die Entstehungsgeschichte der Erholungsstätten ein- 
gehen. Mein verstorbener Freund Dr. Wolf Becher und ich machten 
Untersuchungen über die Wohnungen tuberkulöser Arbeiter in Berlin. Wir 
stellten dabei die Schädigungen fest, die inzwischen ja allgemein bekannt 
geworden sind, besonders durch die nach unserem Muster nachher ausge¬ 
führten wohnungshygienischen Untersuchungen verschiedener Kranken¬ 
kassen. Wir überlegten uns, was gegen die vorhandenen Schäden zu tun 
sei, und kamen zu der Überzeugung, daß für eine absehbare Zeit inner¬ 
halb dieser Wohnungen nur geringe Verbesserungen möglich sein würden. 
Wir formulierten das damals so, daß man innerhalb der bestehenden Woh¬ 
nungen nur hygienische Kleinarbeit machen könne, daß, bis einmal ein 
hygienisch einwandfreies Wohnen durchgeführt werden könne, viele Jahr¬ 
zehnte vergehen würden. Es mußte also irgend etwas geschehen, um die 
Schäden der gegenwärtigen Wohnungen angemessen verbessern zu können, 
und da sagte Becher eines Tages: da wir in den Wohnungen vorläufig 
nicht viel ausrichten können, sorgen wir dafür, daß diejenigen Arbeiter, die 
die Zeit dafür haben, sich möglichst wenig in den Wohnungen, sondern 
in der frischen Luft aufhalten. 

„Besonders in der Großstadt bestand folgender Notstand. Ein Kassen¬ 
patient war von seinem Kassenarzt arbeitsunfähig geschrieben worden, war 
aber imstande, umherzugehen, er war nicht bettlägerig. Vor allem gehören 
hierzu die leicht und mittelschwer Tuberkulösen, die Neurastheniker — neu- 
rasthenische Buchdrucker, Schreibmaschinen Schreiber —, die zahlreichen 
anämischen Näherinnen, viele Rekonvaleszenten usw. Der Kassenarzt sagt 
zu diesen Patienten: Hier haben Sie Ihren Krankenschein, hier haben Sie 
Ihre Medizin, und jetzt sorgen Sie dafür, daß Sie so viel wie möglich in die 
frische Luft gehen. Es ist aber in der großen Stadt schwer möglich, den 
Rat, in die frische Luft zu gehen, in angemessener Weise zu befolgen. Je 
größer die Stadt ist, desto mehr ist die frische Luft von der Stadt entfernt; 
innerhalb der Stadt gibt es zwar meist eine Reihe von Plätzen , Parks und 
dergleichen, doch diese Parks sind zum großen Teil in Anspruch genommen 
von den Kindermädchen und den Kinderwagen und den Kindern. Wenn 
auch der Kranke hin und wieder einmal eine Viertel-, eine halbe Stunde 
dort spazieren gehen kann, von einer eigentlichen Luftkur, einem Luft¬ 
genuß kann für ihn nicht die Rede sein. Es bleibt ihm also nichts anderes 
übrig, als daß er einen weiten Weg nach draußen in den Wald unternimmt. 
Dahin kann er nur kommen unter Benutzung der Fahrgelegenheiten, im 
Walde kann er sich nur aufhalten, wenn er für den Fall des Regens ein 


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76 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Dach hat, unter dem er sich gegen den Regen schützen kann, wenn er 
Gelegenheit zum Ruhen und zum Essen hat. Hierfür muß also gesorgt 
sein, wenn überhaupt der ausgehfähige Arbeiter der großen Stadt in den 
Wald gehen soll. Waren diese Forderungen aber erfüllt, so war es mög¬ 
lich, den größten Teil der in Frage kommenden Kranken, d. h. alle, die 
ohne Schaden täglich den Weg nach und von der Anstalt zurücklegen 
können, in den Wald bineinzubringen, und diese Forderungen — das 
bitte ich festzuhalten — nur diese Forderungen sollten zunächst 
die Erholungsstätten erfüllen. 

„Dem Internationalen Tuberkulosekongreß 1899 in Berlin unterbreiteten 
wir folgende Thesen, von denen 6 und 7 von Becher verfaßt sind: 

1. In den Wohnungen Unserer Arbeiter ist ein Hauptmoment zu erblicken 
in bezug auf Verbreitung der Tuberkulose, Behinderung ihrer Heilung und Ver¬ 
nichtung der Heilstättenerfolge. 

2. Es sind daher neue Wohnungsverhältnisse zu schaffen. Da aber die be¬ 
stehenden Wohnungen nicht mit einem Male entvölkert werden können, vielmehr 
noch von einer oder mehreren folgenden Generationen in Anspruch genommen 
werden, ist eine gründliche Beseitigung der Mißstände, die sie aufweisen, von¬ 
nöten. 

3. Zur Aufdeckung derselben bedarf es der Schaffung von Gesundheits-Kom¬ 
missionen. 

4. Eine Hauptschädlichkeit der Wohnungen besteht in der Unmöglichkeit 
einer gründlichen Reinigung, bedingt durch die Art der Uberfüllung mit Möbeln 
und allerlei gar nicht staubfrei zu haltenden Gegenständen (Körbe, Pappbehälter usw.). 

5. Es ist daher hygienische Kleinarbeit, die sich auf die scheinbar un¬ 
wichtigsten Dinge zu erstrecken hat, vonnöten. 

6. Von den Tuberkulösen kann nur ein Teil in Lungenheilstätten untergebracht 
werden. Der größte Teil der Kranken ist an die Wohnungen gebannt. Dem 
Lungenkranken wird geraten, sich möglichst viel im Freien aufzuhalten. Er geht 
in den Großstädten in den Straßen spazieren oder setzt sich auf öffentlichen 
Plätzen nieder, d. h. er bleibt in der Stadtluft. 

7. Um den Tuberkulösen den Genuß der Landluft zu beschaffen, bedarf es 
einer neuen Einrichtung. In waldigen Gegenden, nahe den Großstädten (Berlin 
Grunewald, Stadtbahn) sind Doeckersehe Baracken (leihbar von dem vater¬ 
ländischen Frauenverein) als Liegehallen hergerichtet aufzustellen. Dem Tuberku¬ 
lösen ist die Möglichkeit zu geben (Arbeiterfahrkarten), zu jeder Tageszeit nach 
diesen Liegehallen zu fahren. Er soll sich in diesen oder in ihrer Umgebung 
über Tag auf halten. Den Kranken sind auf Verlangen Speisen und Milch zu 
verabfolgen. Die Unterhaltung der Küche soll Sache der Frauenvereine sein. 
Die Überwachung der Tuberkulösen in der Baracke haben Kassenärzte zu über¬ 
nehmen. 

„Schon im folgenden Jahre bildete der Volk sh eil stätten verein vom Roten 
Kreuz in Berlin eine besondere Abteilung für Erholungsstätten unter dem 
Vorsitz ihrer Exzellenz der Frau Kultusminister von Studt und errichtete 
unter der hervorragenden Mitwirkung von Prof. Pannwitz die erste Er¬ 
holungsstätte für Männer in der Jungfernhaide. Gemäß dem vorgescblage- 
nen Plane gab das Rote Kreuz Baracken, die für den Kriegsfall sowieso im 
Depot lagen, leihweise; der Forstfiskus überließ uns ein Stück Wald gegen 
jährlich 5 M. Anerkennungsgebühr; durch Vermittelung des Vaterländischen 
Frauenvereins wurde in den Baracken eine Küche errichtet. 

„Als ebenso wichtiger Faktor kam hinzu, daß durch Vermittelung der 
Zentralkommission der Krankenkassen sich die Krankenkassen bereit er- 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 77 

klärten, den Patienten für die Fahrt nach den Erholungsstätten das Fahr¬ 
geld zu bezahlen, und die Milch, die der Kassenarzt diesen Kranken in der 
Stadt verschrieb, jetzt draußen in der Erholungsstätte verabfolgen ließen. 
Wir sagten uns so: Der Kranke bekommt sein Krankengeld, damit er Woh¬ 
nung und Nahrung von diesem Krankengelde bestreiten kann. Infolge¬ 
dessen kann er auch draußen sein Mittagessen, das er sonst in der Stadt 
sich kaufen müßte, in der Anstalt kaufen. Auf diese Weise machen wir es 
möglich, daß wir ohne große Kosten die Anstalt errichten und den Betrieb 
aufrecht erhalten können. Wir gaben Leuten, die ihr Essen mitbringen 
wollten, Gelegenheit, ihr Mittagessen zu wärmen, genau so wie sie es in 
ihrer Betriebsstätte tun. 

„Nun, die Praxis stellt sich immer etwas anders, wie die Voraus¬ 
berechnung. Es zeigte sich, daß von der Wärmgelegenheit fast gar kein 
Gebrauch gemacht wurde, daß aber auch, obschon wir nur 20 Pf. für das 
Mittagessen rechneten, nur sehr, sehr wenige kranke Arbeiter sich auf eigene 
Kosten das Mittagessen kauften. Sie brauchten ihr gesamtes Krankengeld 
für Miete und Unterhalt der Familie! Infolgedessen wurde es notwendig, 
daß die Krankenkassen das Mittagessen bezahlten, und sie erklärten sich 
hierzu auch bereit. Auf diese Weise stellten sich nun die Kosten in den 
Erholungsstätten auf mindestens 1 Liter Milch pro Tag zu 20 Pf. und eine 
Portion Mittagessen, dessen Preis wir im zweiten Jahre auf 30 Pf. setzen 
mußten, und den wir im letzten Jahre durch die Fleischteuerung usw. auf 
35 Pf. zu erhöhen genötigt waren. Das wären also mindestens 55 Pf. und 
dazu kommen noch 10 bis 15 Pf. Fahrgeld, so daß also der jetzige Satz 70 
bis 80 Pf. beträgt. 

„Die Anstalten, die wir in Berlin in dieser Form errichtet hatten, 
fanden recht bald anderwärts Nachahmung, aber da zeigte es sich schon, 
daß eine Verallgemeinerung, eine genaue Nachahmung nicht überall mög¬ 
lich ist. Wir sagten uns seinerzeit in Berlin: wenn der Arbeiter für sich 
allein zur Arbeit oder in den Wald geht, so nimmt er sich sein Butterbrot, 
seine Stulle, mit, infolgedessen haben wir nicht nötig, den Leuten draußen 
Frühstück zu verabreichen, das Frühstück können sie sich mitbringen. Da¬ 
durch halten wir die Anstaltsgebühren gering und ermöglichen, daß eine 
größere Anzahl von Kranken hinauskommen kann. Es zeigte sich ander¬ 
wärts, daß, wenn man nicht den Patienten für den ganzen Tag die volle Ver¬ 
pflegung gab, es gar nicht möglich war, Patienten berauszubekommen. In¬ 
folgedessen mußte sowohl, was die Verpflegung innerhalb der Anstalt, wie 
was die für die Verpflegung zu erhebenden Gebühren betrifft, fast überall, 
wo solche Erholungsstätten errichtet wurden, eine Anpassung an die ört¬ 
lichen Verhältnisse stattfinden. Aber ich bin der Ansicht, daß man 
trotz alledem an dem einen Grundsatz festhalten soll, den Typus 
der Anstalt so einfach wie möglich zu gestalten. Nur dann wird 
man in der Lage sein, das Bedürfnis in dem tatsächlich vorhan¬ 
denen Umfange zu decken. Wir sehen es fast bei den meisten An¬ 
stalten, daß, je üppiger man sie ausstaffiert und an je mehr man die In¬ 
sassen gewöhnt, sich der Betrieb auf die Dauer um so teuerer gestaltet, dem¬ 
entsprechend auch die Verpflegungsgebühren, und daß der Typus der Anstalt 
sich also um so weniger verallgemeinern läßt. Die Instanzen, die die 


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78 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburgs 

Träger der Unterhaltungskosten sind, die Landesversicherungsanstalten, 
Krankenkassen usw., sind dann auch viel schwerer zu bewegen, die teueren 
Verpflegungsgebühren zu bezahlen. Ich glaube, daß man bei einer an¬ 
gemessenen Belehrung die Kranken davon überzeugen kann, daß sie sich 
mit etwas weniger bescheiden müssen, wenn ihnen überhaupt etwas ge¬ 
boten wird. Wir haben bei den Erholungsstätten nie daran gezweifelt, 
daß sehr viel mehr möglich wäre und daß ein Mehr auch angenehmer 
wäre; indessen, hier hieß es entweder etwas, was an sich schon recht 
viel ist, oder gar nichts, und da haben wir ans lieber mit dem einfachen 
Etwas beschieden. 

„Und nun überlegen Sie einmal, mit wie wenig Unkosten man solche 
Erholungsstätten in der Form, wie ich das geschildert habe, errichten kann. 
Das Gelände kostet nichts. Wir haben fast überall, wo wir die Anstalten 
errichtet haben, das Wirtschaftsgebäude kostenfrei vom Zentralkomitee zur 
Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke, jetzt Deutsches Zentral¬ 
komitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, geliefert bekommen in Form einer 
Döckerschen Baracke. — Ich will hier gleich einschalten, daß ich auf die 
Dauer die Döckerschen Baracken als Wirtschaftsgebäude nicht für sehr 
zweckmäßig halte. Sie können im Winter nicht überall stehen bleiben, 
müssen im Herbst abgebrochen, im Frühjahr wieder aufgebaut werden, 
eventuell so lange irgendwo in der Stadt in einen Speicher gelegt werden. 
Das erfordert Abbruchskosten, Fuhrkosten, Aufbaukosten, meist auch Repa¬ 
raturkosten, also so viel Spesen, daß dabei ungefähr schon die Verzinsung eines 
eigenen Fachwerksgebäudes herauskommt. Aber im allgemeinen gibt das 
Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose neuerdings zur 
Errichtung einer Erholungsstätte 5000 M. Zuschuß, der’ ungefähr zur Er¬ 
richtung einer eigenen Wirtschaftsbaracke aus Fachwerk ausreicht. In der 
Wirtschaftsbaracke befindet sich eine Küche von etwa 25 qm Größe, ein 
Vorratsraum, Bureauzimmer und Schlafzimmer für Schwester, Köchin und 
Aufwartefrau. 

„Man braucht dann an manchen Orten eine Umzäunung. Wir z. B. 
bei Berlin müssen unbedingt um die Anstalten eine Umzäunung haben, 
nicht, damit unsere Patienten nicht herauskommen, sondern damit andere 
Leute nicht hineinkommen. Aber es gibt eine Anzahl von Erholungsstätten 
bei kleineren Städten, die in größerer Entfernung von bewohnten Orten 
gelegen sind, wo eine Umzäunung nicht nötig ist. 

„Ferner braucht man eine vorn offene Halle. Sie soll nicht eine soge¬ 
nannte Liegehalle sein. In demselben Augenblicke, wo man, wie das an 
manchen Orten geschieht — aus dekorativen Gründen, aus Eitelkeits¬ 
gründen — von einer Liegehalle spricht, werden an diese Halle wieder viel 
größere Anforderungen gestellt, als notwendig und als berechtigt. Wir 
sprechen immer nur von einer Schutzhalle oder einer Unterstandshalle. 
Diese ist in der allereinfachsten Form, wenigstens bei uns, gehalten; eia 
einfacher Holzschuppen von ungefähr 5 bis 6 m Tiefe, 4 m Höhe und in 
der Länge entsprechend der Zahl der Patienten, die untergebracht werden 
sollen. Im allgemeinen haben wir eine Frontlänge von 20 bis 25 m. Solch 
eine Halle kostet, je nachdem gerade die Holzpreise und die Arbeitslöhne 
sind, verschieden viel. 


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W&lderholungsstätten und Genesungsheime. 

„An die Wirtscbaftsbaracke schließt sich ein sogenannter Wirtschafts¬ 
hof, in dem das Abwaschen des Geschirres, Kartoffelschälen und dergleichen 
besorgt wird. Dazu sind einige Bretter - Podeste nötig, Schuppen für 
Kohlen usw. Ferner haben wir einen Waschraum für die Kranken, in der 
denkbar einfachsten Weise ein kleiner Holzschuppen. In ihm ist horizontal 
ein Brett mit Löchern angebracht, mit Emaille - Waschschüsseln billigster 
Art. Die Patienten holen sich selbst das Wasser von der Pumpe und spülen 
sich selbst die Waschgeschirre aus. Im Anfang haben wir daran fest¬ 
gehalten, daß die Patienten sich ihre eigenen Handtücher mit herausbrachten, 
um auf diese Weise wiederum Betriebskosten zu sparen. Das ging auch 
ganz schön, bis ein anderer Verein eine Anstalt errichtet hat, die etwas 
üppiger ausgebaut war; in demselben Augenblick kam dann die Unzu¬ 
friedenheit mit unserer Anstalt. 

„Man braucht weiter ein Abortgebäude, auch ein ganz einfacher Holz¬ 
schuppen. Die Anlage muß man ja Jden örtlichen Verhältnissen anpassen. 
Wir haben in Berlin das Tönnensystem gut durchführen können, indem 
wir jedesmal Torfmull in die Tonne bineinwerfen lassen. Wir haben dadurch 
ziemlich geruchfreie Klosetts erzielt; sie befinden sich in der äußersten Ecke 
des Geländes. Wir brauchen weiter einen Brunnen mit Pumpe. 

„Zu diesen Ausgaben kommen dann die für die Gebrauchsgegenstände, 
Eßnäpfe einfachster Art, Küchengescbirr usw., Kochtöpfe, ein paar einfache 
eiserne Bettstellen für das Personal, Tische, Bänke, Stühle, Liegestühle 
(einfache sogenannte Triumphstühle), Wolldecken. Alles in allem stellen 
sich die Ausgaben einschließlich Wirtschaftsbaracke für eine auf 150 Pa¬ 
tienten berechnete Erholungsstätte auf 12000 bis 15 000 M. Wenn Sie 
bedenken, daß in einem modernen Krankenhause oder in einer modernen 
Heilstätte das einzelne Bett kaum unter 6000 M. herzustellen ist, so haben 
Sie für dasselbe Geld, das in einer Heilstätte kaum drei Betten kosten, hier 
für 150 Patienten vorgesorgt. 

„Wenn wir uns nun die Erfolge ansehen, die mit den Erholungsstätten 
erzielt werden, so lassen sie sich ja nicht unbedingt vergleichen, sollen 
auch nicht verglichen werden mit den Erfolgen in den Heilstätten oder in 
den großen Genesungsheimen. . Indessen sehen wir — woran wir im Anfang 
gar nicht gedacht hatten —, daß ein eigentümlicher Faktor hinzukommt, 
der, an sich ein Nachteil, in gewisser Beziehung einen Vorzug der Erholungs¬ 
stätten darstellt und das ist die unbedingte Nähe bei der Wohnstätte und 
die Möglichkeit, die Nacht bei der Familie verbringen zu können. Es gibt 
Leute, die es auf die Dauer einfach nicht vertragen, längere Zeit von ihrer 
Familie getrennt zu sein. Für viele, die längere Zeit von der Familie ge¬ 
trennt sind, die längere Zeit genötigt sind, in einem verhältnismäßig kleinen 
Bereich mit einer größeren Anzahl von fremden Personen zusammen zu 
leben, muß schon in dem Genesungsheim oder in der Heilstätte ein ver¬ 
hältnismäßig großer Komfort vorhanden sein, es muß eine Reibe erheblicher 
persönlicher Annehmlichkeiten geboten werden, um den Aufenthalt in diesen 
Anstalten angenehm und nicht gar zu langweilig erscheinen zu lassen. 

„Es wird so häufig — ich schweife da etwas von meinem Thema ab, 
möchte das aber doch hier einflechten — von dem zu großen Luxus und 
dergleichen in den Heilstätten gesprochen, und es wird gesagt, wenn die 


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80 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Patienten nachher in ihre einfachen häuslichen Verhältnisse zurückkommen, 
so können sie sich gar nicht mehr an diese gewöhnen, weil ihnen viel zu 
viel in den großen Anstalten geboten wird. Das ist meiner Ansicht nach 
falsch. Die Tatsache, wieder mit der Familie vereinigt zu sein, wirkt so 
außerordentlich auf die Patienten ein, daß sie sehr schnell all den sogenannten 
Luxus vergessen haben, mit dem sie draußen umgeben waren; die Trennung 
von der Familie ist eine so große Beeinträchtigung der Leute, daß sie kaum 
durch den sogenannten Luxus kompensiert wird. Aber, wie gesagt, die 
Einfachheit in den Erholungsstätten gleicht vielfach durch die Wirkung 
auf das Gemüt aus, was in den größeren Heilstätten an einem Mehr geboten 
wird. Es kommt hinzu, daß es eine ganze und nicht unerhebliche Anzahl 
von Patienten gibt, die gar nicht in der Lage sind, selbst wenn sie das Geld 
dazu haben oder wenn ihnen von anderer Seite das Geld dazu gegeben wird, 
dauernd oder auf Wochen und Monate sich von Hause entfernen zu können. 
Wir haben Arbeiter, deren Frau ein kleines Geschäft betreibt, wo sie sich 
mindestens einmal des Tages um die Buchführung kümmern müssen oder 
wo sie den Sonntag in den paar Stunden, wo das Geschäft lebhaft ist, mit 
hinter dem Ladentisch stehen müssen usw. Wir haben Arbeiter, die nicht 
vom Hause Weggehen, weil sie ihre Frau nicht so lange allein lassen wollen, 
alle diese Leute gehen recht gern in die Erholungsstätte. 

„Jetzt kommt ein zweiter wichtiger Faktor bei den Frauen. Nachdem 
wir zunächst die Erholungsstätte bei den Männern eingerichtet und gezeigt 
hatten, daß sie gut durchzuführen war, machten wir eine Erholungsstätte 
für Frauen auf. Da bekamen wir mit Leichtigkeit hinein unverheiratete 
junge Mädchen. Aber jetzt zeigte sich etwas ganz Neues und Unerwartetes: 
die Frauen konnten wir fast gar nicht hinausbekommen, und zwar besonders 
Frauen, die kleine Kinder zu Hause hatten. Sie können sich von den Kindern 
nicht trennen. Wir sehen ja auch bei den Lungenheilstätten, daß eine 
ganze Reihe von Frauen, die es nötig hätten, nicht in die Lungenheilstätte 
hineingehen, weil sie ihre kleinen unversorgten Kinder nicht allein lassen 
können. Diesen Frauen erlauben wir, ihre kleinen Kinder mit in die Er¬ 
holungsstätte zu bringen. Das geht, weil sie die Kinder morgens und abends 
in angemessener Weise versorgen können. . So haben wir durch die Er¬ 
holungsstätte erreicht, daß wir einem ganz erheblichen Teil von Personen, 
die einer entsprechenden Behandlung bedürfen, die auf keine andere Weise 
zu irgend einer angemessenen Behandlung überhaupt zu bekommen sind, 
eine gesundheitliche Versorgung ermöglichen. Gleichzeitig haben wir mit 
derselben Klappe die zweite Fliege geschlagen, daß die Kinder nun auch 
nach draußen ins Freie kamen, sowohl die Säuglinge wie die Kinder von 
ein, zwei, drei, vier Jahren. 

„Es entwickelte sich dann aus dem Mitnehmen der Kinder in die Er¬ 
holungsstätte für Frauen die dritte Form, die Erholungsstätte nur für 
Kinder, und da ist wiederum etwas erreicht worden, was weit über die 
bisherige Fürsorge hinausgeht und was auch mit gar keinen anderen 
Mitteln in dem Umfange zu erreichen ist. Wir haben jetzt in Berlin zwei 
Erholungsstätten für Kinder. Es sind erst in einigen wenigen Städten 
solche nachgefolgt. Zunächst hat man in Wien solche Anstalten gemacht, 
dann folgte Danzig. Die Danziger Anstalt ist besonders lehrreich, indem 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 81 

sie zeigt, mit wie unglaublich einfachen Mitteln man eine Erholungsstätte 
errichten kann. 

„In der Erholungsstätte für Kinder mußte man eine Reihe von neuen 
Prinzipien einführen, die bei den Anstalten für Erwachsene nicht notwendig 
waren, ln den Anstalten für Erwachsene behandelt der Kassenarzt der 
Stadt seine Patienten weiter. Die Kinder sind nicht in kassenärztlicher 
Behandlung, bedürfen also innerhalb der Erholungsstätte einer ärztlichen 
Behandlung. In der Erholungsstätte für Erwachsene kann man natürlich 
auch einen Arzt nicht entbehren, indes braucht der Arzt dort nichts weiter 
zu tun, als die Hygiene der Anstalt zu überwachen und so viel Einfluß auf 
die Kranken zu gewinnen, daß sie sich innerhalb der Anstalt nach hygie¬ 
nischen Grundsätzen benehmen. Wenn er dies oder jenes bei seinen Kranken 
entdeckt, was vielleicht dem Kassenarzt entgangen ist, setzt er sich in 
freundschaftlich kollegialer Weise mit dem Kassenarzt in Verbindung, macht 
ihn auf dieses oder jenes aufmerksam, bittet ihn, bei der Krankenkasse zu 
beantragen, daß diese oder jene Mehrleistung dem Kranken bewilligt 
werde usw. In der Kindererholungsstätte muß eine direkte unmittelbare 
Behandlung der Kinder stattfinden. Ferner ließ sich in der Kinder¬ 
erholungsstätte nicht umgehen, daß wir den Kindern volle Verpflegung, also 
erstes, zweites Frühstück usw. gaben. Nun, auch das ließ sich ermöglichen. 
Wir geben unseren Kindern in unseren Anstalten in Berlin folgende Verpflegung: 
Morgens, wenn sie in die Anstalt hinauskommen, einen Becher Morgensuppe 
und dazu eine — wie man in Berlin sagt — Schrippe, ein Stück Weißbrot. 
Um 10 Uhr bekommen sie einen Becher Milch, zwischen 12 und 1 Uhr 
Mittagessen, bestehend aus einem Gericht aus Gemüse, Kartoffeln und 
Fleisch, nachmittags um 3 Uhr einen Becher Milch von */ 4 Liter Inhalt 
mit einer Musschrippe, also einem Stück Brot, bestrichen mit Apfelmus oder 
dergleichen, abends gegen 6 Uhr wiederum einen Becher Abendsuppe und 
eine Butterstulle, d. h. ein Stück Graubrot mit Butter bestrichen. Wir geben 
nun nicht genau abgemessene Portionen, sondern halten darauf, daß die 
Kinder so oft nachholen, wie sie Hunger haben. Wir haben hierfür eine 
Verpflegungsgebühr von 50 Pf. erhoben und kommen mit diesen 50 Pf. 
aus. Wir können mit diesen 50 Pf. sogar noch die Verpflegung unseres 
Personals und die Gehälter für unser Personal bestreiten. In der von mir 
geleiteten Anstalt bei Sadowa, wo wir im vorigen Jahre etwa 500 Kinder 
im Laufe des Sommers verpflegten, haben wir sogar noch einen Überschuß 
von 250 M. gehabt. Allerdings waren dabei einige freiwillige Zuwen¬ 
dungen. Es kommt vor, daß gelegentliche Besucher der Anstalt 10 oder 
20 M. in die Wohltätigkeitsbüchse legten. 

„In der Kindererholungsstätte konnten wir noch die Verabfolgung von 
Solbädern an einen beschränkten Kreis von Kindern, skrofulösen und der¬ 
gleichen, die dieser Bäder besonders bedürfen, durchführen. 

„Das Leben in der Kindererholungsstätte spielt sich folgendermaßen ab: 
Die Kinder kommen in den frühen Morgenstunden mit der Straßenbahn oder 
der Eisenbahn in die Anstalt. Im Anfang machte uns die Iierausbeförde- 
rung große Sorgen (es handelt sich meist um Kinder in schulpflichtigem 
Alter, also von 6 bis 14 Jahren, die für den Schulbesuch, auch für Ferien¬ 
kolonien, zu krank sind, aber nicht so krank, daß sie nicht täglich den Weg 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. 0 


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82 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öfFentl. Gesundheitspflege zu Augsburg« 

von Hause zur Erholungsstätte und zurück machen könnten). Sehr bald 
zeigte sich, daß die Kinder des großstädtischen Proletariats so früh an 
Selbständigkeit gewöhnt werden, daß sie die Fahrt in aller Sicherheit allein 
zurücklegen können, nachdem sie das erste Mal von Eltern oder Angehörigen 
begleitet wurden. Sofort nach der Ankunft erhalten sie in der Erholungs¬ 
stätte das erste Frühstück. Dann müssen sie eine Weile ruhen, dann wird 
unter Aufsicht der Kindergärtnerinnen gespielt. Um 10 Uhr erhalten sie 
das zweite Frühstück. Nun folgen wieder Spiele, einzelne Gruppen gehen 
in die Schule. Wir haben nämlich in beschränktem Umfange Schulunter¬ 
richt eingeführt, mit dem nichts weiter bezweckt werden soll, als daß die 
Kinder nicht ganz vom Lernen entwöhnt werden und sich nach der Ent¬ 
lassung aus der Anstalt ohne Schwierigkeit wieder in der Schule zurecht¬ 
finden. Im allgemeinen erhält jedes Kind wöchentlich zweimal zwei Stunden 
Unterricht. Dieser wird in einem ruhigen Winkel der Anstalt erteilt, ent¬ 
fernt von dem Lärm der spielenden Kinder. Der Schulraum ist nach allen 
Seiten vollkommen frei, nur gegen den Regen überdeckt. Bänke, Schul¬ 
bücher usw. hat die Stadt kostenfrei zur Verfügung gestellt, ebenso die 
Lehrerin, die täglich auf einige Stunden aus der Stadt heraus kommt. 

„(Als Abart der Kindererholungsstätten — das sei an dieser Stelle 
kurz erwähnt — hat die Stadt Charlotten bürg eine Waldschule errichtet, 
die ganz nach dem Muster der Erholungsstätte eingerichtet ist, aber nicht 
eine Krankenanstalt, sondern eine Schule darstellt und für Kinder berechnet 
ist, die noch nicht krank, aber durch den gewöhnlichen Schulbesuch gesund¬ 
heitlich gefährdet sind.) 

„Mit den Turn- und Reigenspielen werden in geeigneter Weise nach 
der Anweisung des Arztes Atmungsübungen verbunden. Zwischen 12 und 
1 Uhr gibt es Mittagbrot, dann wird zwei Stunden geschlafen. Es empfiehlt 
sich, für die Schlafruhe einen besonderen, möglichst schattigen Teil des 
Geländes vorzubehalten, damit die Mittagssonne die kleinen Schläfer nicht 
belästigt und sich auf den Spielplätzen der unvermeidliche Staub zu Boden 
senken kann. Der Teil, in dem sich die spielenden Kinder aufhalten, soll 
nicht zu schattig sein, damit Sonnenbestrahlung und Durchlüftung möglich 
sind. Nach dem Schlafen gibt es die Nachmittagsmilch, dann wird bis 6 oder 
7 Uhr gespielt. Nun folgt das Vesperbrot, nach welchem die Kinder ent¬ 
lassen werden. 

„Da für die Kindererholungsstätte Krankenkassen als Zahler nicht in 
Betracht kommen, werden die Pflegegebühren zum größten Teil von der 
Armenverwaltung getragen. 

Au» den bisherigen Darlegungen geht hervor, daß die Erholungsstätten für 
Kinder aus den Erholungsstätten für Erwachsene entstanden sind und daß diese 
ihren Ursprung finden in den Bestrebungen zur Abstellung der durch die Woh¬ 
nungsverhältnisse bedingten gesundheitlichen Mißstände. Was in den Erholungs¬ 
stätten den Kranken, Erwachsenen und Kindern geboten wird, ist durchaus nichts 
neues, es entspricht alten Forderungen. Was wir Besonderes für die Erholungs¬ 
stätten in Anspruch nehmen, ist, daß in ihnen eine volkswirtschaftlich zweckmäßige 
und durchführbare Form zur Verwirklichung dieser Forderungen gefunden wurde. 
Vor einigen Jahren hat der Berliner Kinderarzt Dr. Julius Ritter Becher und 
mich gewissermaßen des wissenschaftlichen Diebstahls geziehen (Berl. klin. 
Wochenschr. 1903, Nr. 48), da wir seine Idee unter Zuhilfenahme der Kapital- 


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83 


Walderholun gestatten und Genesungsheime. 

kraft des Boten Kreuzes verwirklicht hätten. Bitter hatte ein Bögime aus¬ 
gearbeitet, bestehend darin: 

„daß die Kinder die warme Jahreszeit hindurch die ganze zweite Hälfte 
des Tages auf einem freien, rasenbedeckten, staublosen Platz zubringen, 
auf dem eine Halle Unterkunft gewährt für Abreibungen und die mecha¬ 
nische Behandlung und Unterschlupf bei ungünstiger Witterung. Die Wider¬ 
standsfähigkeit gegen Temperatureinflüsse wird durch methodische Ab¬ 
reibungen angeregt bzw. erhöht. Die Kinder werden möglichst viel dem 
strahlenden Sonnenlicht ausgesetzt. Den Kopf tragen sie bedeckt mit einem 
schützenden, durchlässigen Strobhute, den Körper, wenn er erst hinreichend 
abgehärtet, mit einem Leinenanzuge bekleidet, während Arme, Unter¬ 
schenkel und Füße freibleiben. Jeder sonnige Tag gibt außerdem Gelegen¬ 
heit zu einem Sandbade, Turnübungen werden in sorgfältiger Bücksicht 
auf Indikation und Locus minoris resistentiae und ebenso Atmungsübungen 
alle Tage vorgenommen. Täglich wird die Massage, besonders der ge¬ 
schwollenen Drüsenorgane, in besprochener Weise ausgeübt. Die Ernährung 
der Kinder findet gleichfalls in genau kontrollierter Berücksichtigung der 
ausführlich erörterten Prinzipien statt.“ 

Diese Behandlung ließ Bitter einer Anzahl von Kindern während mehrerer 
Jahre auf einem von ihm gepachteten Laubengelände in der Nähe Berlins zuteil 
werden. Er mußte sie einstellen, als die ihm zur Verfügung stehenden Geldmittel 
zu Ende waren. Daß wir mit den Kindererholungsstätten ein neuartiges Behänd- 
lungsr6gime eingefübrt hätten, haben Becher und ich nie behauptet. Schon Huf e- 
land stellte mehrfach Forderungen auf, die denen von Kitter entsprechen, z. B. 
in folgenden Sätzen: 

,Es ist weit eher möglich, durch Diät allein, ohne Arzneien, die Skrofeln 
zu kurieren, als durch die schönsten Mittel ohne diätetische Behandlung — 
wir finden in dem Genuß gesunder Nahrung und gesunder Luft die herr¬ 
lichsten Mittel, die Lymphe zu verbessern — die Kost muß leicht, ver¬ 
daulich, der Säure widerstehend, und nicht schwächend sein. Eine gehörige 
Verbindung der animalischen und vegetabilischen Kost ist hierzu am schick¬ 
lichsten. Alle grünen Gemüse, besonders Wurzelwerk mit Fleischbrühe 

gekocht, Kräuterbouillons, magere und leicht verdauliche Fleischspeise_ 

Beine und trockene Luft ist ganz unentbehrlich — der Patient 
muß also, soviel es nur Jahreszeit und Witterung erlauben, den 
ganzen Tag in freier Luft zubringen, und zwar an einem Orte, der 
den Sonnenstrahlen ausgesetzt, trocken und mit reicher Vegetation begabt 
ist; Kinder am besten auf trockenen Grasplätzen — ein Hauptpunkt der 
physischen Erziehung und der Verhütung der Skrofeln. Er muß in einem 
hohen Stockwerk wohnen, womöglich ganz die animalisierte Stadtluft meiden 
und Landluft, besonders von hohen trockenen Gegenden, genießen.“ 

Das von Bitter angewandte B£gime ist also nicht neu, die Form, in der er 
es zur Durchführung bringen wollte, erwies sich volkswirtschaftlich nicht durch¬ 
führbar — darin liegt der grundsätzliche Unterschied zwischen seinem Plane und 
den Erholungsstätten. 

„Zum Personal gehört in den Anstalten für Erwachsene zunächst die 
leitende Schwester. Diese hat die nötige Buchführung und die Korrespondenz 
mit den Krankenkassen zu erledigen und die persönliche Fühlung mit den 
Patienten aufrecht zu erhalten. Es hängt von der Persönlichkeit der 
Schwester bei allen derartigen Anstalten außerordentlich viel ab. Sie muß 
sich das Vertrauen und die Zuneigung der Patienten zu erwerben verstehen. 
Es kommen dazu die Köchin und neben der Köchin, je nach der Größe der 
Anstalt, ein bis zwei Personen zum Aufwaschen des Geschirrs und zum Auf¬ 
räumen, und dann, je nachdem, wo so eine Anstalt gelegen ist, ein Nacht¬ 
wächter. Wir nehmen in Berlin als Nachtwächter möglichst aus den Heil¬ 
stätten entlassene Tuberkulöse, die bei uns eine Übergangszeit durchmachen. 

6 * 


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84 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

In den Anstalten für Kinder kommen noch hinzu, je nach der Zahl der 
Kinder, eine bis zwei bis drei Kindergärtnerinnen, die sich tagsüber in an¬ 
gemessener Weise mit den Kindern beschäftigen. Jeder Patient hat in der 
Anstalt seine Nummer, entsprechend dieser Nummer immer dieselbe Decke, 
denselben Liegestuhl, denselben Trinkbecher. Es ist in dem Bureau ein 
besonderer Raum für die Decken vorhanden, ebenfalls mit numerierten 
Fächern, in welche die Decken abends hinein gelegt werden. Die Trinkbecher 
befinden sich auf einem Gestell im Freien mit numerierten Zapfen. Wir 
benutzen einfache Emailletrinkbecher, die nicht viel kosten und entsprechend 
sauber gehalten werden können. Dann haben wir noch, meistenteils geschenk¬ 
weise erhalten, einige Bücher und Spiele; bei den Kindern brauchen wir 
weiter Spielsachen. Je zwei Kinder bekommen am Rande der Anstalt ein 
Stückchen Land von 4 qm Größe zur gärtnerischen Bewirtschaftung. Es 
wird keinerlei Einfluß ausgeübt, in welcher Weise sie diesen Garten bewirt¬ 
schaften Bollen, und es zeigt sich, daß sich hier die Phantasie der Kinder 
in wunderschöner Weise entfalten kann. Man sieht selten zwei Gärten ganz 
gleichmäßig. Die Kinder haben hier eine sehr schöne Beschäftigung, und es 
kommt hinzu: daß die Eltern selbst teilnehmen an der Anstalt. An den 
Besuchstagen, besonders am Sonntag Nachmittag, kommen die Eltern, helfen 
den Kindern bei ihrem Garten, bringen alle möglichen Sachen mit, Topf¬ 
gewächse u. dgl. Im märkischen Sande kann man nicht so schnell, be¬ 
sonders nicht mit Kinderhilfe, die schönsten Blumen ziehen, da wird also 
eine ganze Masse Kunst hinzugefügt; aber anstatt, daß die Eltern Sonntag 
nachmittags in den Biergärten oder in den Kneipen sitzen, sind sie in der 
Erholungsstätte und beschäftigen sich mit den Kindern, und so wird eine 
Reihe von erfreulichen Nebenwirkungen erzielt. 

„Wie einfach unter Umständen sich solch eine Anstalt errichten läßt, 
zeigt das Beispiel von Danzig. Kollege Effler aus Danzig war mehrfach 
draußen bei mir in Sadowa und hatte gesehen, wie schön und wie einfach 
dort alles geht. Er hatte aber fast gar kein Geld zur Verfügung. Da bot 
sich zufällig die Gelegenheit, eine leerstehende Villa in nicht zu weiter Ent¬ 
fernung von Danzig zu einem sehr billigen Preise, einigen Hundert Mark 
für den Sommer, mieten zu können. Es bot sich auch die Gelegenheit, in 
der Nähe dieser Villa ein Gelände überwiesen zu bekommen, das General¬ 
kommando gab leihweise einige Zelte und damit war die Anstalt fertig. 
Man richtete in der Villa die Küche ein und einige Eßräume, und setzte in 
das Gelände, ohne daß man es zu umzäunen brauchte, die Zelte und eine 
Anzahl von Triumphstühlen u. dgl., führte nunmehr die Kinder hinaus und 
brachte sie abends wieder zurück, so daß man mit höchst geringen Summen 
tatsächlich die Aufnahme einer großen Anzahl von Kindern ermöglicht hat. 

„Eins muß ich hier noch hinzufügen, was die Fahrkosten betrifft. 
Wir haben es erreicht, daß wir fast überall für die Hin- und Herfahrt Er¬ 
mäßigungen bekommen haben. Dies war nicht leicht, und es war vielleicht 
nur der Zufall, daß wir unsere Anstalten in Berlin damals errichtet haben, 
wo man es verhältnismäßig bequem hat, alle Woche einmal aufs Eisenbahn- 
ministerium zu gehen und alles Mögliche zu überlegen, daß wir eine Form 
für eine angemessene Vergünstigung fanden. Wir haben in Berlin die Ein¬ 
richtung der verhältnismäßig billigen Arbeiterwochenkarten für Stadtbahn 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 


85 


und Ringbahn und Vorortbahn. Es kosten im Durchschnitt Hin- und Rück¬ 
fahrt, je nach der Entfernung, zwischen 10 und 15 Pfg., wo gewöhnliche 
Fahrkosten 20 bis 40 Pfg. für den Tag betragen. Im Anfang hatten unsere 
Patienten einfach solche Arbeiterwochenkarten gelöst. Da auf einmal kam 
ein Verbot: die Wochenkarten sind nur bestimmt für Leute, die von und zu 
der Arbeit gehen, aber nicht für Leute, die in die Erholungsstätten gehen. 
Es hat uns viele Wege ins Ministerium gekostet, bis uns wieder die Benutzung 
dieser Arbeiterwochenkarten bewilligt wurde. Diese Karten durften aber 
nur in den frühen Morgen- und entsprechenden Abendstunden benutzt 
werden, in denen normalerweise Arbeiter zur Arbeit gehen und von der 
Arbeit kommen, während wir natürlich den Arbeitern es freistellen mußten, 
wenn z. B. morgens Gewitterregen war od. dgl., erst nach dem Regen zu 
kommen. W 7 ir haben es erreicht, daß unsere Karten, die mit dem Stempel 
unserer Anstalt versehen wurden, den ganzen Tag benutzt werden können. 
Ferner müssen diese Arbeiterwochenkarten innerhalb einer Woche abgefahren 
werden. Es kommt aber vor, daß einmal an einem sehr schlechten Tage, 
wo es regnet oder sehr kalt ist, oder aus irgendwelchem anderen Grunde ein 
Patient den Tag über nicht hinauskomint, dann hätte er diesen Tag verloren. 
Wir haben es erreicht, daß unsere Wochenkarten 14 Tage Gültigkeit haben, 
und in analoger Weise ist auch in fast allen anderen Städten von den Eisen¬ 
bahnbehörden Entgegenkommen gezeigt worden. Unsere Kinder können 
aber nicht auf Arbeiterkarten fahren. Nun gibt es Monatsabonnements. 
Diese Monatsabonnements sind aber auch so teuer, daß sie von den Eltern 
unserer Kinder einfach nicht hätten bestritten werden können. Wir haben 
e9 erreicht, daß unsere Kinder zur Hälfte dieses Monatsabonnements fahren. 
Dann gelten diese Karten vom Ersten bis Ersten des Monats. Wir haben es 
erreicht, daß sie von Datum zu Datum gelten. Also Sie sehen, der Eisenbahn¬ 
fiskus zeigt das weitgehendste Entgegenkommen. Wir haben bei der Berliner 
Straßenbahn erzielt, daß bei denjenigen Anstalten, die nur mit der Straßen¬ 
bahn zu erreichen sind, das Monatsabonnement nur 3 M. kostet. Es sind 
auch in verschiedenen anderen Städten verschiedene Vergünstigungen gewährt 
worden, so daß durch alles dieses sich der Anstaltsbetrieb verhältnismäßig 
billig stellt. 

„Die Erholungsstätten waren zunächst nur für den Sommerbetrieb da. 
Inzwischen haben wir den Versuch gemacht, sie auch für den Winterbetrieb 
einzurichten. Wir haben jetzt eine Erholungsstätte bei Berlin, in Eichkamp, 
die das ganze Jahr geöffnet ist. Dort mußten natürlich die Anlagen etwas 
erweitert werden, insbesondere durch Hinzufügung eines großen heizbaren 
Tageraumes, und sind natürlich auch entsprechend teurer. Indessen, es hat 
sich gezeigt, daß der Winterbetrieb vollkommen durchführbar ist, daß man 
auch nicht gar zu große finanzielle Aufwendungen zu machen hat Auch 
hier fahren die Patienten des morgens hinaus und kommen abends zurück. 

„Man ist nun noch über diese Dinge hinausgegangen, man hat sich 
gesagt: warum soll man die' Erholungsstätten nicht auch zum Schlafen 
benutzen? Nun, es ist klar, daß in demselben Augenblick, wo man den 
Nachtbetrieb in die Erholungsstätten einführt, der einfache Charakter der 
Anstalten verloren geht und sie den Charakter des Sanatoriums bekommen 
müssen. Zum ersten Male wurde dieser Nachtbetrieb eingeführt in der Er- 


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S6 XXXI. Versammlung d. D. Vereine f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

holungsstätte der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft bzw. der Betriebs¬ 
krankenkasse dieses großen industriellen Unternehmens bei Berlin. Diese 
hat eine Erholungsstätte gebaut, die für ungefähr 100 Patienten Raum bot, 
und stellte dort eine Schlafbaracke auf für 25 Patienten; dann bat jetzt der 
Schöneberger Tuberkulosebekämpfungsverein für einige wenige Schlafgäste 
eine Baracke aufgestellt; die Stadt Charlotten bürg hat in ihrer Kinder¬ 
erholungsstätte ebenfalls für eine beschränkte Anzahl von Kindern Betten 
eingerichtet. Es ist auch in einigen anderen Städten zum Teil schon Nacht¬ 
betrieb eingeführt, oder die Einführung ist im Gange. 

Ich stehe vorläufig dieser Entwickelung etwas skeptisch gegenüber, 
weil ich noch nicht weiß, wohin sie führt. Ich bin der Ansicht, die An¬ 
stalten hören auf, Erholungsstätten zu sein, und gewinnen den Charakter 
irgend einer neuen Anstaltsform, von der wir erst einmal abwarten müssen, 
wie sie sich bewähren wird und nach weicher Richtung hin sie sich ent¬ 
wickelt. Zweifellos besteht für eine ganze Reihe von Patienten der drin¬ 
gende Wunsch, in oder möglichst nahe bei der Erholungsstätte zu wohnen, 
wenn es auch nicht möglich ist, sie in eigentliche Sanatorien zu schicken. 
Wir haben uns bei Berlin bisher damit beholfen und haben es vielfach in 
sehr angenehmer Weise erreicht, daß die Leute sich in der Nähe der Er¬ 
holungsstätte Schlafräume gemietet haben. 

Über die Erholungsanstalten mit Schlaf baracke hinaus geht eine Form 
von Anstalten, über die wir erst in der vorigen Woche im Haag unterrichtet 
worden sind von Dr. Klebs aus Chicago, eine Zwischenstufe zwischen einer 
Erholungsstätte mit Nachtbetrieb und einem richtigen deutschen Sanatorium. 
Dort wird viel mehr Wert auf den Nachtbetrieb gelegt als auf den Tag¬ 
betrieb. Man geht von dem Grundsatz aus, daß die Hauptsache ist, daß 
der Kranke des Nachts im Freien schläft, und so baut man ein einfaches 
Gebäude mit vier Wänden, mit Bureanräumen, Küche usw. und den Ankleide¬ 
zimmern, während zum Schlafen nur eine vorn offene Halle vorhanden ist, 
und zwar im Winter wie im Sommer, und, wie berichtet wurde, in einem 
ziemlich strengen Klima. Zum Teil sind die Pfleglinge Tag und Nacht 
draußen, zum Teil arbeiten sie tagsüber und kommen nur hinaus, um des 
Nachts draußen im Freien zu schlafen. Wir haben etwas Ähnliches hier in 
Deutschland noch nicht. Es ist nur gelegentlich in Heilstätten, z. B. in der 
Sophienheilstätte bei Berka, eingeführt, daß die Patienten in guten, schönen 
Sommernächten in Liegehallen schlafen. Es wäre zu wünschen, daß der 
Versuch mit der amerikanischen Einrichtung bei uns einmal gemacht würde 1 ). 


l ) (Nachtrag bei der Korrektur.) In der vorigen Nummer dieser Vierteljahrs¬ 
schrift beschreibt Dr. Dosquet-Manasse in „Vorschlägen zur Entlastung der 
städtischen Krankenhäuser“ die von ihm verwirklichte Form einer Krankenanstalt, 
die er „ländliches Krankenhaus“ nennt. Es handelt sich hier nicht um ein länd¬ 
liches Krankenhaus im gewöhnlichen Sinne des Wortes, ein Krankenhaus auf dem 
Lande im Gegensatz zu einem solchen in der Stadt, sondern um ein auf das ein¬ 
fachste ausgestattetes Krankenhaus an der Großstadtperipherie, für solche Kranke, 
die der kostspieligen Apparate und des umfangreichen Pflegepersonals eines Groß- 
stadtkrankenhauses nicht bedürfen. Herr Manasse versucht die Vorzüge seiner 
Anstaltsform u. a. dadurch zu erweisen, daß er an einer Reihe anderer Anstalten, 
insbesondere Genesungsheime und Erholungsstätten, Kritik übt. Mir ist die 
Manassesche Anstalt bekannt und ich halte ihren Typus sehr geeignet und so- 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 87 

„Am Eingänge meines Referates, bei der Schilderung der Entstehungs¬ 
geschichte der Erholungstätten, als ich die ungünstigen Wohnungsverhältnisse 
streifte, führte ich an, daß wir 1899 zu deren vorläufiger Verbesserung hygie¬ 
nische Kleinarbeit gefordert hatten. Diese Forderung wird jetzt verwirk¬ 
licht durch das Fürsorge wesen. Wir haben jetzt in einer großen Reihe von 
Städten unsere Fürsorgestellen, für Tuberkulöse, für Säuglinge usw. Die 
Fürsorgestellen sind im allgemeinen die Zentralpunkte, wie ein Engländer neu¬ 
lich sagte, die Clearing-Häuser für individuelle Gesundheitspflege in einer 
Stadt, und die Fürsorgestellen, die die Fürsorge für die gesamten Familien 
übernehmen und gerade ihr Schwergewicht dabin legen, sich nicht nur um 
den zufällig gerade Erkrankten zu kümmern, sondern sofort zu sehen, wie 
es der Familie geht, ob Frau und Kinder auch erkrankt sind, und sofort 
eine Verbesserung der Wohnungsmißstände betreiben, diese Fürsorgestellen 
bedürfen ihrerseits wieder unbedingt Einrichtungen, wie die Erholungsstätten, 
um die Fürsorgetätigkeit in angemessener Weise zur Durchführung bringen 
zu können. Besonders unter den Franzosen bildet sich immer mehr der 
Grundsatz heraus: keine Fürsorgestellen ohne Erholungsstätte. Wir sehen 
es bei uns in Berlin, daß sich ein Zusammenarbeiten in sehr schöner Weise 
durchführen läßt. Die Fürsorgestellen überweisen unseren Erholungsstätten 
eine große Anzahl von Patienten. 

„Es bleibt mir noch die eine Frage zu erörtern, «Wie errichtet man 
Erholungsstätten?» ln den zu diesem Referat aufgestellten Leitsätzen 


gar notwendig für die Kranken, die in sie hineingehören. Das sind aber Kranke, 
für die weder Genesungsheime, noch Erholungsstätten bestimmt sind. Nur weil 
es an Anstalten, wie die Manassesche, bisher fehlt, werden in Genesungs¬ 
heime und Erholungsstätten gelegentlich auch Kranke, die in jene hinein¬ 
gehören, aufgenommen, damit wenigstens etwas für sie geschieht. Selbst wenn 
aber die von Manasse vorgeschlagenen Anstalten in umfangreichster Zahl er¬ 
richtet werden, bleibt das Bedürfnis nach Genesungsheimen und Erholungsstätten 
unvermindert. Würde die von Dosquet-Manasse an den Erholungsstätten ge¬ 
übte Kritik zutreffend sein, so wäre es von mir geradezu unverantwortlich, die Er¬ 
holungsstätten zu empfehlen. Wie mir der Verfasser mitteilt, hat er aber der 
Redaktion dieser Zeitschrift eine Mitteilung überreicht, die irrigen allgemeinen 
Schlußfolgerungen aus seiner Kritik Vorbeugen soll. Im besonderen möchte ich an 
dieser Stelle nur darauf hinweisen, daß seiner Rechnung bezüglich der Ausgaben 
der Krankenkassen für Erholungsstättenpatienten im Vergleioh zu Krankenhaus¬ 
patienten nur für eine verschwindend kleine Zahl zutrifft. Ein Krankengeld von 
2,50 M. zahlen selbst für die erste Klasse der Versicherten nur sehr wenige Kassen, 
Verheirateten müssen sie außer den Krankenhausgebühren noch die Hälfte des 
Krankengeldes für die Familie zahlen, Unverheiratete erhalten meist noch ein 
Taschengeld. Infolgedessen kommt es nur äußerst selten vor, daß die Ausgaben 
für Erholungsstättenpffeglinge (Krankengeld, Erholungsstättengebühr, etwaige 
Medikamente) die Ausgaben für Krankenhauspfleglinge erreichen oder gar über¬ 
steigen. 

Der Aufsatz zeigt auch die Berechtigung meiner immer wiederholten Mah¬ 
nung, bei den Erholungsstätten die jeweiligen örtlichen Verhältnisse zu berück¬ 
sichtigen. Es wird eine Äußerung von Auerbach-Frankfurt a.M. in der von mir 
herausgegebenen „Mediz. Reform“ wiedergegeben, daß der Gedanke, sich in aller 
Frühe mit einem bestimmten Zuge an Ort und Stelle begeben zu müssen, nervösen 
Kranken die Nachtruhe raube. Für Berlin z. B. fällt dieser Mißstand ganz und 
gar fort, da nach sämtlichen Erholungsstätten den ganzen Tag über alle 5 bis 
15 Minuten Fahrgelegenheit vorhanden ist. 


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88 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffeutl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

habe ich unter 9 gefordert, daß Genesungsheime in erster Reihe von den 
Gemeinden und Ortsverbänden, in zweiter von den Landesversicherungs- 
anstalten zu errichten seien. Nur in Ausnahmefällen empfehle sich die 
Errichtung durch Krankenkassen, Betriebsunternehmungen, religiöse oder 
Wohlfahrtsgenossenschaften. Nach meinen Beobachtungen ist der Bestand 
eines Genesungsheimes am besten gesichert, wenn es im Besitz von Ge¬ 
meinden oder Landes Versicherungsanstalten ist. Diese sind nicht von dem 
Eingang freiwilliger Zuwendungen abhängig und haben die Mittel, die 
Einrichtung stets auf der Höhe und die Verpflegungskosten in mäßigen 
Grenzen zu halten. Die Gemeinden können auch unschwer das Ge¬ 
nesungsheim Unbemittelten zugänglich machen. Die Anstalten der Landes¬ 
versicherungsanstalten sind schon einem bestimmten Kreise von Kranken 
Vorbehalten. Religiöse und Wohlfahrtsgenossenschaften bringen oft nur 
die Mittel zur Errichtung der Anstalt auf, sind dann aber auf Patienten 
angewiesen, die selbst zahlungsfähig sind, oder für die andere Instanzen 
ein treten. Im Laufe der Jahre treten manchmal finanzielle Schwierig¬ 
keiten zutage, wenn kostspieligere Reparaturen oder sonstige Neuauf¬ 
wendungen nötig werden. Bei Anstalten von Betriebsunternehmungen und 
Krankenkassen bleibt nicht nur der Kreis der Aufzunehmenden ein be¬ 
schränkter, es treten auch leicht Schwierigkeiten auf, die den Betrieb oder 
gar den Bestand der Anstalt stören. So ist z. B. die Anstalt der Betriebs¬ 
krankenkasse der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft in Berlin seit dem 
vorjährigen Streik lahm gelegt, und die mißlichen Vorgänge in der Anstalt 
der Münchener Ortskrankenkasse zu Kirchseeon sind noch in frischer Er¬ 
innerung. 

„Zur Errichtung von Erholungstätten hat sich bis jetzt der folgende 
Weg im allgemeinen als der zweckmäßigste erwiesen. Es treten in einem 
Ort alle interessierten Kreise zusammen: Vertreter des Magistrats (darunter 
der Vorsteher der Armenverwaltung), der Krankenkassen, der Ärzte, der 
Landesversicherungsanstalt, eines etwa bestehenden Vereins zur Bekämpf ung 
der Tuberkulose, des Roten Kreuzes oder des Vaterländischen Frauen Ver¬ 
eins. Es hat sich durchweg gezeigt, daß es sehr bald zu einem harmo¬ 
nischen Zusammenarbeiten und zu sozialer Annäherung kommt, wenn viele 
der Beteiligten sich vordem auch fremd waren oder gar, besonders aus 
politischen Gründen, mehr oder weniger schroff gegenüber standen. Poli¬ 
tische Gegensätzlichkeiten treten bei dieser sozialhygienischen Arbeit er¬ 
fahrungsgemäß schnell in den Hintergrund. 

„Entweder bildet man nun eine Untergruppe des Vereins zur Be¬ 
kämpfung der Tuberkulose, oder einen besonderen Verein, mit Anschluß 
an das Rote Kreuz oder den Vaterländischen Frauenverein. Das 
hat den großen Vorzug, daß sowohl der Staat, als auch private Grundbesitzer 
viel leichter geneigt sind, gegen eine mäßige Anerkennungsgebühr Wald¬ 
gelände herzugeben, und daß es infolge der auf das Rote Kreuz bezüglichen 
gesetzlichen Bestimmungen verhältnismäßig leicht wird, von der Eisenbahn 
Fahrpreisvergünstigungen zu erhalten. Man tritt an Stadtverwaltung, 
Landesversicherungsanstalt, Krankenkassen um Gewährung von Zuschüssen 
zur ersten Einrichtung und ev. zu den laufenden Betriebskosten heran. 
Die Bewilligung macht gewöhnlich keine großen Schwierigkeiten, weil Ver- 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 

treter aller dieser Körperschaften im Vorstande sind. Dann erbittet man 
vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (Berlin W. 9, 
Eichhornstr. 9) einen Zuschuß, der fast ausnahmslos gewährt wird durch 
leihweise Hergabe einer Wirtschaftsbaracke oder einmaligen Zuschuß von 
5000 M. Häufig finden sich auch noch private Wohltäter. 

„Ein Schatzmeister — Beamter des Magistrats, Kaufmann usw. — 
besorgt die Kassengeschäfte, ein Unterausschuß, in dem einige Damen ver¬ 
treten sind, sorgt für die innere Einrichtung und die Überwachung des 
Wirtschaftsbetriebes, der ärztliche oder kassenärztliche Verein übernimmt 
die ärztliche Versorgung der Anstalt. Je nach den örtlichen Gewohnheiten, 
der Entfernung der Erholungsstätte von der Stadt usw. wird bestimmt, 
welche Leistungen den Kranken in der Erholungsstätte geboten werden 
sollen — nur Milch und Mittagbrot, oder zahlreichere Mahlzeiten — und 
dementsprechend mit den Krankenkassen der Preis für die tägliche Ver¬ 
pflegung vereinbart*)• — 

„Für welche Art von Kranken sind die Erholungsstätten geeignet? 
Für alle der Ruhe und der frischen Luft Bedürftigen, die ohne Nachteil den 
täglichen Hin- und Herweg zurücklegen können und nicht unter ständiger 
ärztlicher Überwachung stehen müssen. Wir haben kein Bedenken, Tuber¬ 
kulöse und Nichttuberkulöse in einer Anstalt aufzunehmen. Bei dem 
dauernden Aufenthalt im Freien ist die Ansteckungsgefahr unbedeutend, 
sie kann ganz ausgeschaltet werden, wenn auf eine sorgfältige Behandlung 
des Auswurfs, Desinfektion der Decken usw. geachtet wird. 

„Ehe ich schließe, muß ich noch meines verstorbenen Freundes 
Dr. Wolf Becher gedenken, der ursprünglich für das von mir besprochene 


4 ) In den Berliner Erholungsstätten erhalten die Kranken Mittagbrot zu 
35 Pf., Milch in der von dem Kassenarzt verordneten und von'der Kasse be¬ 
willigten Menge, mindestens täglich 1 Liter ä 20 Pf. Morgens beim Betreten der 
Anstalt bekommen die Kranken Marken für jedes halbe Liter Milch und für das 
Mittagbrot. Auf einer sogenannten Erkennungskarte, die gegenüber den Forst¬ 
beamten usw. als Ausweis dient, wird täglich die Zeit des An- und Abganges ver¬ 
merkt, als Kontrolle für die Krankenkasse. (Es ist hier vorwiegend von Kranken¬ 
kassen die Rede, weil diese erfahrungsgemäß die meisten Kranken entsenden. 
Doch werden natürlich auch Privatkranke aufgenommen, als Belbstzahler oder 
auf Kosten der Armenverwaltung, Wohltätigkeitsvereine usw.) 

Magdeburg: Mittagbrot 40 Pf., 1 Liter Milch 20 Pf., unbelegtes Brot 10 Pf., 
Buttersemmel 5 Pf., belegtes Brot 20 Pf., gekochtes Ei 8 Pf., Kakao und Milch 
l / 4 Liter 15 Pf., Selterswasser 10 Pf., ein Becher Kaffee 10 Pf. 

München: Tägliche Verpflegungsgebühr 1 M., dafür gibt es: Frühstück: 
Milch mit Brot; mittags: Suppe, Fleisch, Gemüse, gelegentlich Mehlspeise; nach¬ 
mittags: Kakao; abends: Suppe oder Brot mit Wurst. Außerdem nach Belieben 
Milch oder selbstbereiteter Kefyr (Selbstkosten 1,13, dazu Fahrt 16 Pf.). 

Kassel: Tägliche Verpflegung einschließlich Eisenbahnfahrt M. 1,50: Erstes 
Frühstück: Milchkaffee, Brötchen; zweites Frühstück: belegtes Brot, */« Liter Milch; 
mittags: Suppe, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, gelegentlich Mehlspeise; nachmittags: 
Milchkaffee, Brötchen; abends: belegtes Butterbrot, Eier usw. 

Frankfurt a. M.: Die Krankenkasse zahlt die vollen Verpflegungskosten, 
zieht aber denVerheirateten 10 bis 50 Pf., den Ledigen 30 bis 70 Pf. vom täglichen 
Krankengelde ab. (In der untersten Lohnklasse 10 bzw. 30 Pf., in jeder höheren 
je 10 Pf. mehr.) 


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90 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Thema als Referent bestellt worden war. Er wäre dazu um so berufener 
gewesen, als, wie ich Ihnen berichtete, er es war, der während unseres ge¬ 
meinsamen Arbeitens die Idee der Erholungsstätten erfand. Er war ein 
hervorragender Arzt und Gelehrter, einer unserer klarstdenkenden Sozial¬ 
hygieniker, einer der größten Menschenfreunde, den der Tod gar zu früh 
hinweggerafft hat.“ 


Anhang. 

Ausgaben für die Kindererholungsstätte Sadowa bei Berlin. 

Die Erholungsstätte wurde zunächst für 150 Kinder eingerichtet. 
Während der heißen Monate wurde der Andrang so groß, daß ein Teil der 
Einrichtungen für über 2 50 Kinder erweitert werden mußte. Die Döckerscbe 
Wirtschaftsbaracke hat das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der 
Tuberkulose hergegeben. Nach den Kosten der Kindererholungsstätte lassen 
sich leicht die für eine Erholungsstätte für Erwachsene berechnen. Die 
nachstehende Aufstellung zeigt auch, mit welchen nachträglichen Ausgaben 
unter Umständen zu rechnen ist. 



; m. 

Pf. 

M. 

Pf. 

i 

Umzäunung: 

i 



i 

1 

350m Drahtzaun, 1,50m hoch, komplett, mit 1 





Stacheldraht oben und unten, 1 Tür, 1 Ein- 
fahrtstor. 

465 

50 



223m desgleichen, mit 1 Tor, 2 Türen, für ein 





nachträglich hinzugenommenes schattiges Ge¬ 
lände zum Schlafen und für den Unterricht 

335 * 

40 

800 

! 90 

Halle, 32 m läng, 5 m tief, hinten 3 l / f , vorn 4 m hoch, i 





vorn offen, mit Carbolineum gestrichen . . . 

1530 

— 



Anbau, verschließbar, als Garderobenablage . . . 

2 Aktenregale, alt gekauft, in welchen die Patienten 

130 

24 



kleine Gegenstände aufheben. 

75 

— 



Holzfußboden, nachträglich in der Halle angebracht 

576 

28 

2311 

52 

Tische im Gelände, fest im Erdboden, mit Bänken i 





rechts und links für 150 Kinder, 1 festes Beck, 1 
1 fester Barren, außerdem Tischlerarbeiten in | 
der Küche (Anrichtetisch, Begale).i 

I 373 




Klosetthaus für 4 Klosetts, 1 Pissoir.| 

Waschraum für die Kranken, 3,50m lang, 2m . 

250 

i 

“ 



breit, 2,50m hoch, ringsum geschlossen, mit 1 
1 Tür und durchlochter Bank für die Wasch- , 
geschirre . 

1 

| 163 

1 

25 

i 

786 

25 

Brunnen, 7 m tief, mit Pumpe.| 

Wirtschaftshof: i 



119 

| 

— 

Umzäunung. 

i 37 

— 



Abwaschraum für das Eßgeschirr.i 

1 75 

13 



Kohlenschuppen.' 

| 50 


162 

13 

II | 

4179 

80 


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Walderholungsstätten and Genesungsheime. 91 



0 m * 

Pf. 

M. 

1 Pf. 

Übertrag: 



4179 

! 80 

Zimmerarbeiten bei der Erweiterung der Anstalt: 





3 neue feste Tische und Bänke, ein Schuppen im 




! 

Wirtschaftshof für einen Kochkessel .... 

200 

_ 


Bretterverschlag zum An- und Abschrauben für 





die offene Halle (zur Aufbewahrung der 





abgebrochenen Döckerschen Baracke imWinter) 

1 118 

— 

i 

Überdachung der festen Tische und Bänke (an 



1 

1 

denen die Kinder essen), 2 neue feste Bänke, 




Überdachung der von der Stadt geliehenen 



1 

Schulbänke, Eiskeller im Wirtschaftshof (1 m 

b 


1 

in der Erde, 2 m Aufbau, 3 m lang, 2 m breit, 

jl 



mit doppelten Holzwänden, dazwischen Torf- 

1 


l 

muH), Anbau eines Klosetts, Anbau für 





3 Wannen an den Baderaum. 

1 1879 

90 

2197 

90 

256 Triumphstühle. 

! 479 

10 



20 Fußbänkchen . 

|l 38 

_ 



12 Gartenstühle (alt gekauft). 

20 

_ 



3 eiserne Papierkörbe.• . . 

3! 

— 



150 Capes mit Kapuze. 

1 600 

— 



15 Schlaf decken. 

1 48 

75 

1216 

85 

Küche : 





1 Kochmaschine (alt gekauft, fast neu) für 150 





Personen ausreichend. 

; 208 

50 



1 Milchkocher mit Feuerung und Einsatzkessel . 

85 

75 



1 Gemüsekocher mit Feuerung, bei der Erweiterung, | 





für über 300 Portionen.j 

[ 130 

_ 



Kochtöpfe, Eßgeschirre für 300 Personen . . . . 1 

306 

48 



1 Eisschrank.i 

| 40 

_ 



2 Bestaurationstische, je 2 m lang, für die Speisen- ] 





ausgabe (alt gekauft).| 

50 

_ 

820 

73 

Kleine Wirtschaftsgegenstände und Spielsachen | 

| 


171 

85 

Badeeinrichtung: 

i 




Flügelpumpe in der Küche, eisernes Reservoir 





auf Holzgerüst im Wirtschaftshofe, Röhren¬ 

1 


1 


leitung bis zum Baderaum in der Baracke, 

1 




Badeofen, Wanne, Brause.! 

350 




Frottiertücher. 

96 

_ 

446 

— 

Bureau: | 





1 Schreibtisch, 4 Stühle. 

34 

_ 



1 Tisch. 

10 

_ 



1 Kleiderschrank. 

33 

_ 



1 Dezimalwage . . . . *. ' 

38 

25 



Gewichte.| 

6 

85 

122 

10 

5 eiserne Bettstellen mit Stahlfederboden, Kissen usw., 



1 

Wolldecken und Bettwäsche (für 1 Schwester, 




1 Kindergärtnerin, 1 Köchin, 1 Aufwaschfrau, 1 



1 

1 Wächter). j 



240 

56 

Zusammen . . P 

II 


9395 1 

79 


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92 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

In der Diskussion nimmt zunächst das Wort Herr 

Rentier Otto Eltrenberg (Kassel): „Meine Herren! Wir haben seit 
dem Jahre 1903 in Kassel eine Männer-Erholungsstätte und seit dem 
Jahre 1905 eine Frauenerholungsstätte, und sind damit beschäftigt, eine 
Kindererholungsstätte jetzt anzuschließen. Da unsere Einrichtungen, die 
sich recht bewährt haben, auch bereits für verschiedene andere auswärtige 
WalderholungsBtätten vorbildlich geworden sind, möchte ich namentlich 
zwei Hauptpunkte, die dabei in Frags kommen, hier berühren. 

„Zu These 7 bemerke ich, daß man die Walderholungsstätten anfangs 
möglichst billig herstellte, eine Döckersche Wirtschaftsbaracke und eine 
Liege- oder vielmehr Schutzhalle mußten genügen. Die Döckersche Wirt¬ 
schaftsbaracke hat, wie Herr Dr. Lennhoff schon erwähnte, bei uns seit 
mehreren Jahren dem festen Wirtschaftsgebäude Platz gemacht, und wir 
müssen gestehen, daß wir auch vom pekuniären Standpunkt dabei gut ge¬ 
fahren sind. Außer der Schutzhalle aber ist es bei unserem Klima not¬ 
wendig, für die schlechten, kühlen und regnerischen Tage im Frühjahr und 
Herbst auch einen Raum zu schaffen, der geschlossen und eventuell auch 
heizbar ist. Eine solche geschlossene Halle muß hoch, luftig und gut venti¬ 
lierbar sein, und unsere auch schon seit mehreren Jahren bestehenden 
darauf bezüglichen Einrichtungen haben sich sehr gut bewährt. 

„Zu These 11 möchte ich erwähnen, daß wir von Anfang an an dem 
Grundsatz festgehalten haben, daß die Walderholungsstätte sich selbst er¬ 
halten soll, das heißt ohne private Zuschüsse, außer denen, die von der 
Landes Versicherungsanstalt gegeben werden. Wir sind davon ausgegangen, 
daß die Walderholungsstätten keine Wohltätigkeitsanstalten sind, sondern 
Wohlfahrtseinrichtungen, da die meisten Patienten zu den Kurkosten bei¬ 
tragen. In Kassel tragen die Selbstzahler die vollständigen Kurkosten — 
und wir haben eine nicht unbedeutende Anzahl von Selbstzahlern —, wäh¬ 
rend die meisten Patienten, die Mitglieder der Krankenkassen sind, einen 
Teilbetrag an die Krankenkassen zurückzahlen. Wir glauben, daß es auch 
vom sozialpolitischen Standpunkt aus recht wünschenswert ist, daß niemand 
das Gefühl hat, versteckte Almosen zu empfangen. Wir sind allerdings 
auch der Ansicht, entgegen den Ausführungen des Herrn Dr. Lennhoff 
für Berlin, daß man nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern daß 
man den Leuten in den Walderholungsstätten volle Verpflegung geben soll. 
Das Mitbringen und Kaufen von Nahrungsmitteln oder Getränken in der 
Walderholungsstätte, wie es an manchen Stellen gebräuchlich ist, das Ent¬ 
lassen der Patienten vor dem Abendbrot, die Aufnahme nach dem Frühstück 
erscheint uns nicht zweckmäßig. Wir gewähren fünf volle Mahlzeiten mit 
einem Liter Milch mindestens täglich, auf ärztliche Vorschrift auch mehr. 

„Die Männer-, Frauen- und Kindererholungsstätten sollen räumlich 
getrennt sein; das ist unbedingt nötig. 

„Aber im Interesse des billigeren und vereinfachteren Betriebes erscheint 
es außerordentlich wünschenswert, daß die Walderholungsstätten — ich 
spreche immer von den mittleren, nicht von den ganz großen Städten, da 
ist es undurchführbar — doch so nahe beieinander liegen, daß sie von 
einem gemeinschaftlichen Verwaltungsgebäude aus bewirtschaftet werden 


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93 


Wälderholungsstätten und Genesungsheime. 

können. Wir haben seit zwei Jahren diese Einrichtung in Kassel getroffen, 
die sich nach jeder Richtung hin tadellos bewährt hat. Die Landesversiche- 
rungsanstalt gewährt uns 1200 M. Zuschuß, das sind 600 M. für jede Anstalt. 
Damit decken wir ungefähr die Entschädigung an das Rote Kreuz für Stel¬ 
lung der Schwestern und die Löhnung des Personals. Sonst erhalten Bich 
unsere Walderholungsstätten vollkommen selbst, ohne irgendwie nennens¬ 
werten Zuschuß, und wir wirtschaften auch die Beköstigung für das Personal 
und die Schwestern, also im Sommer für fünf Personen, im Hochsommer 
sogar für Bechs Personen, vollständig heraus. 

„Neuerdings sind wir dazu übergegangen, eine Kindererholungsstätte 
anzuschließen. Dieselbe soll im nächsten Jahre — sie ist eben im Bau 
begriffen — eröffnet werden. Die Einrichtung ist ähnlich derjenigen für 
die Erwachsenen. Wir errichten eine 20 m lange Schutzhalle mit einem 
festen Holzfußboden, wie auch in unseren anderen Erholungsstätten, nicht 
etwa mit Sand, wie es bei manchen Erholungsstätten der Fall ist. Daneben 
ein heizbarer hoher Raum, etwa 80 qm groß, 4 1 / 2 m hoch mit hohen luftigen 
Fenstern und YentilationsVorrichtung, dann, da wir doch nicht die volle 
Verwaltung von dem großen Verwaltungsgebäude aus vornehmen können, 
ein kleines Verwaltungsgebäude mit einer Milchküche, damit die Milch dort 
zubereitet werden kann, ein Verwaltungszimmer, Schwesternzimmer und 
ein Raum, um Brausebäder und Wannenbäder abgeben zu können. Wir 
haben die Absicht — nach ärztlicher Vorschrift natürlich — eventuell auch 
Solbäder den Kindern zu verabreichen. Eine geprüfte Lehrerin wird den 
Kindern Nachhilfestunden geben, da es doch wünschenswert ist, daß sich 
diese kränklichen und zarten Kinder, wenn sie in die Schule zurückkommen, 
nicht sofort sehr anstrengen müssen, sondern leichter vorwärts kommen. 
Die Preise sind so gestellt, daß sich die Erholungsstätte für Kinder gleich¬ 
falls vollkommen selbst erhalten wird, trotzdem wir für diese ja natürlich 
keinerlei Zuschuß aus der Landesversicherungsanstalt erhalten. 

„Der Gründung einer Kindererholungsstätte stellen sich bekannter¬ 
weise größere Schwierigkeiten entgegen, als der Schaffung einer Männer¬ 
oder FrauenerholungS8tätte, da, wie bemerkt, die Landesversicherungsanstalt 
überhaupt nichts beisteuern kann, und die Krankenkassen eigentlich so gut 
wie nichts tun können. Es müssen also nicht allein die Erbauungskosten 
aufgebracht, sondern es muß auch eine Basis geschaffen werden, um den 
Betrieb dauernd zu sichern. Wir haben diese Schwierigkeiten dadurch 
überwunden, daß die Stadtverwaltung von Kassel, die unseren Bestrebungen 
stets ein verständnisvolles und warmes Interesse entgegengebracht hat, uns 
dauernd und fortlaufend die Kosten mit 1,25 M. einschließlich Eisenbahn¬ 
fahrt — das ist 1,05 M. ohne Eisenbahnfahrt — für 25 Kinder garantiert. 
Wenn also die Stadtverwaltung jedem Kinde einen Monatsaufenthalt in der 
Walderholungsstätte gewährt, so kann sie im Laufe des Sommers 125 Kindern 
für einen Zuschuß von etwa 5000 bis 6000 M. einen vortrefflichen Waldauf¬ 
enthalt mit guter kräftiger Ernährung und entsprechenden Nachhilfestunden 
verschaffen. Die Auswahl der Kinder beabsichtigt die Stadt durch die 
Schulärzte vornehmen zu lassen, und denkt daran, sich einen Teil der 
Kurkosten von den Eltern, die dazu in der Lage sind, zurückgeben zu 
lassen. 


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94 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg» 

„Wie Verkehrsmittel, wenn sie wirtschaftlich zurückgebliebene Gegenden 
erschließen, den Verkehr nach sich ziehen, so scheinen auch durch Gründung 
unserer Kindererholungsstätte ähnliche Verhältnisse geschaffen zu werden» 
Vor ganz kurzer Zeit hat nämlich die größte Betriebskrankenkasse am 
Platze, die der bekannten Maschinenfabrik Henschel u. Sohn, in sehr nach^ 
ahmungswerter Fürsorge sich bereit erklärt, im nächsten Jahre die Kinder 
der bei ihr versicherten Arbeiter zu denselben Bedingungen wie die Stadt 
hinauszuschicken. Das eröffnet sehr erfreuliche Perspektiven für die Zukunft,, 
da zu hoffen ist, daß auch andere Krankenkassen sich, soweit ihre MitteL 
es gestatten, diesem Vorgehen anschließen werden/ 

Geheimer Sanitätsrat Dr. Endemann (Kassel): „Meine Herren! 
Der Verein zur Bekämpfung der Lungenschwindsucht in der Provinz Hessen- 
Nassau brachte auf dem Gut Kragenhof, welches ein hochherziger Mitbürger 
der Stadt Kassel geschenkt hat, ein Genesungsheim zur Errichtung. Unter 
der Kasseler Einwohnerschaft entstand aber die Befürchtung, daß dort nur 
Lungentuberkulöse aufgenommen würden, so daß in den ersten zwei Jahren, 
in gewisser Weise ein Anwachsen der Zahl unserer — ich nenne sie nicht 
Patienten, sondern Kurgäste — da draußen verhindert wurde. Das hat 
sich nun ganz gegeben, nachdem wir mit den Krankenkassen verabredet 
hatten, daß in die Walderholungsstätte nur solche Tuberkulöse aufgenommen 
werden, bei denen seitens der Ärzte oder unserer Fürsorgestelle für arme 
Lungenkranke in Kassel festgestellt ist, daß sie keine Ansteckungsgefahr 
für die übrigen mit sich bringen. Das hat sehr rasch die Zahl unserer Kur¬ 
gäste anwachsen lassen. Es ist ja selbstverständlich, daß die Aufnahme 
der Personen mit beginnender Lungentuberkulose als Vorbereitung für die 
Überführung in die Lungenheilstätte zu Oberkauffuugen sehr schöne Re¬ 
sultate geliefert hat, ebenso wie man auch jetzt verlangt, daß, wenn die 
Kranken aus der Lungenheilstätte Oberkauffungen entlassen werden, sie 
dann zu ihrer weiteren Genesung noch weiter in die Heilstätte Kragenhof 
aufgenommen werden. So kommen wir in Kassel den bekannten Vor¬ 
schlägen für die Behandlung in den Lungenheilstätten in gewisser Weise 
entgegen. 

Geheimer Regienmgsrat Pütter, Vertreter der Charitödirektion 
(Berlin): „Meine Herren! Ich möchte mit wenigen Worten auf die Anregung 
zurückkommen, die Herr Dr. Lennhoff Ihnen vorher wegen des Nacht* 
betriebes in den Walderholungsstätten, wie er in Amerika üblich ist, ge¬ 
geben hat. Er unterscheidet sich von dem Betriebe, der heute in den Wald- 
erholungBstätten Deutschlands geübt wird, insofern, als abends ein Wechsel 
stattfindet, und ich glaube, daß diese Anregung, die wir von Amerika be¬ 
kommen, durchaus beachtenswert für uns ist. Ich habe wenigstens am 
vorigen Montag, als ich in einer meiner Fürsorgestellen war, eine lungen¬ 
kranke Frau, die die Familie allein ernährt, da ihr Mann tuberkulös und 
arbeitsunfähig ist, sofort und gern bereit gefunden, des Nachts draußen in 
der Schutzhalle zu schlafen. Die Einrichtung ist ziemlich billig, weil weiter 
nichts nötig ist, als im Hintergründe der Liegehalle einen Vorhang zu ziehen, 
hinter dem die Leute schlafen können. Hinter dem Vorhang müssen kleine 


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Walderholungsstätten and Genesungsheime. 


95 


Kämmerchen abgeteilt und dahinter ein Raum sein, in dem die Leute sich 
anziehen und waschen können. Ich empfehle die Einrichtung Ihrer Beachtung. 

„Dann möchte ich auf eine Gründungsart von WalderholungsBtätten 
hinweiaen, die hier bis jetzt nicht erwähnt ist, nämlich durch Krankenkassen. 
Vor mehreren Jahren, als wir in Halle auch daran gingen, eine Erholungs¬ 
stätte zu gründen, hatten wir eine Versammlung yon Krankenkassenmit¬ 
gliedern einberufen, und es erhob sich im Hintergründe der Versammlung 
ein kräftiger Widerspruch eines „Genossen“ dagegen, daß immer nur die 
reichen Leute diese Sache in die Hand nähmen, das könnten die anderen 
ja geradesogut. Darauf ging ich ein und bestätigte, daß die Krankenkassen 
auch dazu in der Lage wären. Geheimrat C. Fränkel-Halle, unser ver¬ 
ehrtes Mitglied, Direktor Stieb er und ich stellten uns Bofort zur Verfügung 
und wir gründeten nun mit den Krankenkassen eine diesen gehörige Wald¬ 
erholungsstätte, die beute hoch im Betriebe ist. 

„Sodann interessiert es vielleicht, einmal festzustellen, welche Stellung 
die Walderholungsstätten bei dem heutigen Stande der Tuberkulosebekämpfung 
einnehmen. Man kann sagen, daß in die Walderholungsstätten die Leicht¬ 
kranken und in die Heilstätten die etwas weiter vorgeschrittenen Tuberku¬ 
lösen gehören, nachdem in Krankenhäusern beobachtet worden ist, daß das 
Leiden der letzteren einen gutartigen Verlauf nimmt. Zweifelhafte Fälle 
gehören zunächst ins Krankenhaus. Dann kommen in dritter Linie die 
Unheilbaren, die in Siechenhäusern unterzubringen sind. Diese Einteilung 
ist für uns deshalb von einer gewissen Wichtigkeit, weil sich dadurch gleich¬ 
zeitig die Aufgabe der Krankenhäuser reguliert. Die Krankenhäuser sind 
bei dem heutigen Ansturm der Tuberkulösen Siechenhäuser geworden, und 
das ist falsch. Die Krankenhäuser sollen Beobachtungsstationen für die 
Tuberkulösen sein und sich nicht zu Siechenhäusern ausbilden; für Siecben- 
häuser müssen besondere Anstalten errichtet werden. Die Folge wird sein, 
daß man in den Krankenhäusern den einzelnen Tuberkulösen viel mehr 
Interesse zuwendet und ihnen mit mehr Erfolg hilft. 

„Von größter Wichtigkeit ist aber folgendes: Alle Kranken, mit denen 
wir zu tun haben, müssen sich eventuell mit geringen Unterbrechungen in 
ihrer Wohnung aufhalten. Wenn man es daher nicht fertig bringt, die 
Wohnung in leidlich sanitären Zustand za bringen, haben weder die Wald- 
• erholungsstätten noch die Heilstätten den gewünschten Erfolg, und die 
Möglichkeit, die Familien Tuberkulöser vor Ansteckung zu schützen, fehlt. 
Die Aufgabe, diese Wohnungsfürsorge zu treiben, fällt den Auskünfte- und 
Fürsorgestellen zu. Sie leisten damit eine ganz andere Arbeit als die 
belgischen und französischen DispensaireB, die im wesentlichen Polikliniken 
sind. Ich würde Ihnen, wenn es Ihnen erwünscht ist, einen kurzen Über¬ 
blick über die grundlegenden Aufgaben der deutschen Auskünfte- und Für¬ 
sorgestellen geben, aber es gehört nicht streng zu unserem Thema, und ich 
will jetzt nur erwähnen, daß eine ganze Anzahl deutscher Städte zwar Aus¬ 
künfte- und Fürsorgestellen errichtet hat, aber eine Menge Fehler dabei 
macht, wie mir gestern durch verschiedene Rücksprachen mit einzelnen 
Herren hier mitgeteilt ist. Ich bin dazu aufgefordert worden, an dieser 
Stelle darauf einzugehen, frage aber zuvor die verehrliche Versammlung, 
ob sie damit einverstanden ist. (Die Genehmigung wird erteilt.) 


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96 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Also, meine Herren, die Entstehung der deutschen Auskünfte- und Für¬ 
sorgestellen ist so verlaufen, daß, als die Arbeiterwohnungsbewegung in den 
neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stark in Fluß war, auch in 
Halle der Vorschlag gemacht wurde, Arbeiterwohnungen zu bauen. Das 
wurde von der Stadtverordnetenversammlung abgelehnt, und nun beschloß 
ich meinerseits — ich war Direktor der Halleschen Armenpflege —, für die 
Tuberkulösen vorzugehen, um wenigstens in den Wohnungen leidlich sani¬ 
täre Verhältnisse zu schaffen. Die Unterstützung, die seitens der Armen¬ 
verwaltung von Halle den Tuberkulösen gewährt wurde, wurde damals von 
mir planmäßig schon so gewährt, daß sie den Tuberkulösen möglichst nützte, 
also nicht in der schematischen Art, wie sonst irgend welche Unterstützungen 
gegeben werden, sondern in einer Form, die wirklich zur Bekämpfung der 
Tuberkulose beitragen konnte. Und da ich das Elend in den Wohnungen 
gesehen und erkannt hatte, daß die Tuberkulose eine Wohnungskrankheit 
sei, so beschloß ich eben mit der Verbesserung dieser Wohnungen vor¬ 
zugehen. 

„Im Jahre 1899 tagte, wie Sie wissen, der Internationale Kongreß zur 
Bekämpfung der Tuberkulose in Berlin; infolgedessen bildete sich in Halle 
ein Verein zur Bekämpfung der Schwindsucht, zu dessen Vorsitzendem ich 
gewählt wurde. Die Stadt stellte mir von vornherein 1000 M. zur Ver¬ 
fügung, später 3000 M., ein Privatmann gab 15000 M. Aber das meiste 
Geld, das ich für diese Zwecke in der Hand hatte, kam von der Armen¬ 
pflege, und es war eine sehr glückliche Vereinigung, daß ich gleichzeitig 
Vorsitzender der Armenverwaltung und des Vereins war. Es geht daraus 
hervor, daß für eine zweckmäßige Bekämpfung der Schwindsucht in den 
Städten gerade diese Personalunion die gegebene ist, und wo es sich irgend 
ermöglichen läßt, und der betreffende Armendezernent die nötige Initiative 
besitzt, sollte man ihm diese Stelle übertragen. Natürlich muß nach den 
einzelnen Verhältnissen und den einzelnen Persönlichkeiten vorgegangen 
werden. 

„Uns kam für die Tuberkulosebekämpfung in Halle ein weiterer Um¬ 
stand zustatten, nämlich der, daß zur Ausübung der Säuglingspflege und 
Armenpflege in Halle besoldete Waisenpflegerinnen angestellt waren, die 
gleichzeitig für die Bekämpfung der Tuberkulose mit verwendet werden. 
Da jede ihren festen Bezirk in der Stadt hatte, so übernahm sie auch in 
diesem Bezirk gleichzeitig die Bekämpfung der Tuberkulose. 

„Das Wesentliche bei dieser Arbeit ist nicht eine krankenpflegerische, 
sondern die armenpflegerische Tätigkeit. 

„Während die Waisenpflegerinnen vom Arzt, der die Untersuchung 
der Tuberkulösen bei uns vornahm, über die Erkennung der Tuberkulose 
instruiert wurden, ließ ich mir die armenpflegerische Ausbildung angelegen 
sein, die verzweigter ist, als es dem oberflächlichen Beobachter scheint. Es 
kommt nicht nur darauf an, die Verhältnisse der Leute und ihre eigene 
Leistungsfähigkeit richtig zu beurteilen, sondern auch die Quellen flüssig 
zu machen, aus denen Hilfe, vornehmlich Geld, zufließen kann, und das 
sind außer der Armenverwaltung für die Almosenempfänger, die Kranken¬ 
kassen, die Fabriken, Eisenbahn-, Post- und andere Verwaltungen, sowie 
Stiftungen und Vereine. Hier die Hilfen richtig zu kombinieren, nicht 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 


97 


mehr zu verlangen, als nötig ist, und doch so viel heranzuschaffen, daß 
wirklich durchgreifend geholfen wird, ist keine leichte Arbeit, und damit, 
daß man ein Bureau mietet und einen Arzt und eine Schwester hinein setzt, 
die nun losarbeiten sollen, ist es wirklich nicht getan. 

„Bei unserer Arbeit ergab sich selbstverständlich ein Zusammentreffen 
mit den Krankenkassen; ich verständigte mich dadurch mit ihnen, daß ich 
den Ärzten die Befunde, die in der Auskünfte- und Fürsorgestelle gemacht 
wurden, zuschicken ließ. Also wenn uns ein Patient in die Sprechstunde 
kam und jetzt kommt, so fordern wir ihn zunächst auf, zu seinem Arzt zu 
gehen und dessen Einverständnis einzuholen, daß er zu uns kommen darf, 
und wenn es geschehen ist, dann geben wir dem Arzt schriftliche Mitteilung 
von dem Befunde, der in der Fürsorgestelle gemacht wurde. Das ist ein 
außerordentlich wichtiges Moment, meine Herren, denn wenn Sie die Ärzte 
nicht auf Ihrer Seite haben bei dieser Tuberkulosebekämpfung, kommen Sie 
überhaupt nicht vorwärts damit. Die Ärzte müssen Sie unter allen Um¬ 
ständen gewinnen. Diese Schonung der ärztlichen Praxis ist durchaus ge¬ 
boten. Sie hat auch den weiteren großen Vorteil, daß man dem Arzte den 
Befund von sachverständiger Seite, den er ja nachprüfen kann, in die Hand 
gibt und es ihm nun überläßt, bei Beiner Verwaltung die weiteren Anträge 
für seine Patienten zu stellen. Also nicht die Fürsorgestelle stellt den An¬ 
trag, sondern der betreffende behandelnde Arzt, und er tritt an Beine Ver¬ 
waltungsbehörde, sei es nun die Krankenkasse, die Armenverwaltung, die 
Post, die Eisenbahn oder wer es sonst ist, heran und beantragt die Hilfs¬ 
maßregeln, meistens dem Vorschläge der Fürsorgestelle gemäß, mit deren 
Organen er sich in den meisten Fällen mündlich oder schriftlich verständigt 
hat. Die Ärzte tun dies um so lieber, weil sie sehen, daß nicht nur für 
ihren Patienten allein, sondern auch für dessen sämtliche Angehörige in 
gleicher Weise gesorgt wird. 

„Zur historischen Aufklärung möchte ich erwähnen, daß diese Arbeit, 
die mit der Fürsorgestelle in Halle a. S. begonnen ist, dort im Jahre 1899 
einsetzte und daß die französischen Dispensaires erst im Jahre 1903 auf¬ 
getaucht sind. Ich hebe das deshalb hervor, weil eine Anzahl deutscher 
Städte und Vereine bei uns Dispensaires nach französischem Muster ge¬ 
gründet haben und damit hereingefallen sind. Kein einziges DiBpensaire 
dieser Art hat sich gehalten. Sie gedeihen auf deutschem Boden nicht, 
weil ihnen das Geld fehlt, und das Geld fehlt ihnen, weil sie die sozialen 
Gesetze, die uns zu Gebote Btehen, das Armengesetz, das Krankenkassen¬ 
gesetz usw., nicht berücksichtigen. 

„Nun bin ich im Februar 1904 zum Direktor der Gharitö ernannt und 
gebeten worden, dort die Organisation auch durchzuführen. Ich erklärte 
von vornherein, nach dem Muster der Dispensaires nicht arbeiten zu können, 
aber nach dem Verfahren, das ich in Halle unter Ausnutzung der deutschen 
sozialen Gesetze eingeschlagen hätte, dazu bereit sei, und das wurde mir 
gern zugestanden. Hier war schon einige Vorarbeit geleistet. Herr Mini¬ 
sterialdirektor Althoff gründete ein Zentralkomitee der Auskunfts- und 
Fürsorgestellen in Berlin und Vororten, dessen Vorsitzender ich wurde, und 
der Vorsitzende der Versicherungsanstalt Berlin, Herr Dr. Freund, stellte 
Mittel zur Verfügung. Er war der Sache von vornherein mit großem Ver- 

VlerteljahrsBchrilt für Gesundheitspflege, 1907. 7 


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98 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

ständnie entgegengekommen und hatte eine Anzahl Anträge, die auf Zu¬ 
schüsse seitens der Landesversicherungsanstalt Berlin an verschiedenen Grün¬ 
dungen, nämlich zwei Dispensaires, die sich aufgetan hatten, abzielten, ab¬ 
gelehnt weil er eine einheitliche Organisation für Berlin haben wollte, und die 
schuf ich. Er stellte mir 25000 M. im ersten und 40000 M. im zweiten Jahre 
zur Verfügung. Nun ist diese Summe ja für Berlin nicht von Belang, wenn 
man damit etwa die ganzen Kosten für die Arbeit der Auskünfte- und Für¬ 
sorgestellen bestreiten will, aber das war ja auch nicht die Absicht; dies 
Geld bildet aber das Fundament des Betriebes, weil dadurch die Gehälter 
für die Schwestern und Ärzte und die Mieten der Bureaus gesichert sind. 
Ich habe dann mit diesen 25000 und 40000 M. viel Geld flüssig gemacht. 
Es ist mir gelungen, in den ersten l 1 / 2 Jahren, vom Oktober 1904 bis April 
1906, 700000 bis 800000 M. mobil zu machen. Es sind 15600 Menschen 
untersucht worden, und über 8000 Wohnungen sanitär hergerichtet. Da 
wir unsere Tätigkeit auch auf die Vororte Berlins ausdehnten, leistete auch 
die Landesversicherungsanstalt Brandenburg einen Zuschuß. Auch gab die 
Plaut sehe Stiftung einige tausend Mark, die wir zur Unterstützung von 
Leuten, die nicht der Armenkasse anheimgefallen Bind, verwenden. 

„Aus den Ausführungen, die ich eben gemacht habe, ersehen Sie, meine 
Herren, ungefähr die Aufgaben, die die deutschen Auskünfte- und Fürsorge¬ 
stellen zu erfüllen haben. Erstens sind es also AuskunftBstellen, die die 
Leute, die nicht wissen, was sie mit ihrer Krankheit anfangen sollen, darüber 
aufklären, was sie machen können. Dann sind es Untersuchungsstellen, 
aber nicht Polikliniken, nicht Behandlungsstellen, wie die französischen 
Dispensaires, und schließlich sind es Familienfürsorgestellen, die die Auf¬ 
gabe haben, die Wohnungen zu sanieren, die Hausfrauen zu instruieren und 
die Besserungsfähigen der geeigneten Behandlung zuzuführen. Sobald 
irgend ein Tuberkulöser oder Lungenkranker in Fürsorge genommen ist, 
begibt sich die Schwester in die Wohnung und besieht sich auch die übrigen 
Mitglieder der Familie, dabei sieht sie sich gleichzeitig die Wohnung an. 
Ist diese so beschaffen, daß Ansteckungsgefahr vorhanden ist, so muß sie 
in einen anderen Zustand gebracht und die Gefahr beseitigt werden. Das 
ist nicht sehr teuer, meine Herren, und eine Arbeit, die überall ohne große 
Schwierigkeiten durchgeführt werden kann. Meistens haben die gelernten 
Arbeiter recht gute Wohnungen, sie haben vielfach eine sogenannte gute 
Stube, die nun auf Zureden der Schwester als Schlafzimmer hergerichtet wird. 
Dann ist der Tuberkulöse, der den Ansteckungsstoff um sich verbreitet, zu¬ 
nächst einmal innerhalb seiner Wohnung isoliert, und das ist von großer 
Wichtigkeit 

„Aber das Gros, und gerade diejenigen, die Armenunterstützung be¬ 
kommen, wohnen nicht so weitläufig, sondern entweder in zwei Zimmern 
oder in Küche und einem Zimmer oder nur in einem Zimmer, in dem auch 
gekocht wird. Da muß man alle möglichen Hilfsmittel anwenden, um über¬ 
haupt einigermaßen die Infektionsgefahr beseitigen zu können. Das wird 
z. B. so gemacht, daß der ansteckende Kranke in ein Zimmer oder in die 
Küche allein gelegt wird — ich will einmal annehmen, es ist Küche und 
Zimmer da — und dort allein schläft. Ist das nicht möglich, so werden 
die Betten so gerückt, daß der betreffende Kranke seine Angehörigen nicht 


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Walderholungsstatten und Genesungsheime. 


99 


anhusten, nicht anspucken kann, so daß das Sputum, das er im Schlafe aus¬ 
hustet, nicht direkt auf die übrigen sich überträgt. Wenn zu wenig Betten 
da sind, werden unter allen Umständen so viel Betten gewährt, wie Familien¬ 
mitglieder da sind. Aber auch das ist nicht immer durchführbar, denn 
manche Wohnungen sind so eng, daß nicht alle Betten aufgeschlagen 
werden können. Unter solchen Umständen werden Feldbetten gewählt, die 
des Tags zusammengeklappt und nur nachts aufgestellt werden, oder es 
werden Bettkästen genommen, die unter das Bett geschoben und nachts 
hervorgeholt werden, kurz und gut, man hilft sich, wie man kann. Ist die 
Wohnung aber so klein, daß absolut nicht zu helfen ist, dann bekommen 
die Leute einen Mietszuschuß, um Bich eine andere Wohnung zu mieten. 
Wir haben so ungefähr 400 Familien unterstützt, was nur 3000 oder 
4000 M. gekostet hat. Diese Art der Unterstützung wird nun nicht in 
der Weise geleistet, daß man den Leuten sagt: Mietet euch eine neue 
Wohnung, wir wollen sie bezahlen, sondern man sagt ihnen: Geht einmal 
hin, seht euch nach einer neuen Wohnung um, wir wollen euch einige, 
etwa 5 bis 8 M. pro Monat, zugeben, und zwar zunächst auf ein Viertel¬ 
jahr, selten gehen wir über 10 M. Zuschuß über die alte WohnungBmiete 
hinaus. — Die Selbsthilfe bleibt immer das oberste Ziel —. Die Leute 
sind meist in der Lage, wenn sie einen Zuschuß von 5 bis 6 M. auf 
3 Monate erhalten, sich eine sanitär gute Wohnung zu verschaffen, und 
diese Kosten sind so minimal, daß sie wirklich überall von jedem Schwind¬ 
suchtsverein und jeder Armenverwaltung aufgebracht werden können. 

„Aber, wie gesagt, das Punctum saliens der ganzen Sache ist und bleibt 
die verständnisvolle Art, mit der die Pflegerin die Sache anfaßt. Sie muß 
ganz genau beurteilen können, wo die Hilfe bei den Familien einsetzen muß, 
und wenn die Vereine zur Bekämpfung der Schwindsucht oder die Städte nicht 
Pflegerinnen haben, die armenpflegerisch ausgebildet sind, kommen sie nicht 
weiter. 

„Ich habe mir in Berlin die Mühe gegeben und die 11 Pflegerinnen, 
die jetzt in Berlin tätig sind, 7 Monate lang zweimal nachmittags 6 bis 
8 Stunden auszubilden, und jede einzelne Sache mit ihnen besprochen; ich habe 
sie jetzt so weit, daß sie nicht nur armenpflegerisch arbeiten, sondern auch 
alle schriftlichen Eingaben glatt aufsetzen und mir zur Unterschrift vorlegen. 

„Also, meine Herren, wenn Sie auf diese Sache eingehen, dann achten 
Sie darauf, daß Sie armenpflegerisch gut ausgebildete Pflegerinnen haben. 

„Die Arbeitsergebnisse der Auskunfts- und Fürsorgestellen für Lungen¬ 
kranke in Berlin und Vororten (mit Ausnahme der eine selbständige Für¬ 
sorgestelle besitzenden Städte Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf) sind 
vom 1. Oktober 1904 bis 1. Oktober 1906 folgende: 

„25285 Personen sind auf Lungentuberkulose untersucht, 13 334 Woh¬ 
nungen Lungenkranker in bestmöglichen sanitären Zustand versetzt und 
ständig kontrolliert, 465 Betten geliefert, 3923 M. Mietzuschüsse in Be¬ 
trägen von 5, 6, 7 bia 10 M. aus unserer Kasse geleistet und 11805 M. 
für Unterstützungen in dringenden Fällen verausgabt worden. 

„An letzteren beiden Summen ist die Armendirektion, die ihrerseits 
in vielen Fällen zu ausgiebiger Hilfeleistung mit Erfolg veranlaßt wurdr, 
nicht beteiligt. 

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100 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„1168 erwachsene lungenkranke Personen, die von der Landes -Ver¬ 
sicherungsanstalt als zu weit vorgeschritten abgewiesen und den Auskunfts¬ 
und Fürsorgestellen der Vereinbarung gemäß zugesandt wurden, sind von 
uns auf verschiedene Weise eingehender Beobachtung bzw. der Weiter¬ 
behandlung durch ihre Ärzte oder in Krankenhäusern und Luftkurorten 
unterzogen und 534 als erheblich gebessert entlassen worden. 

„Diese 534 Leute wären also wohl alle dem Tode verfallen, wenn nicht 
für sie von den Auskunfts- und Fürsorgestellen zweckentsprechend weiter 
gesorgt wäre. 

„984 Kinder wurden in Kinderheilstätten, 1433 in Walderholungs¬ 
stätten gebracht. 

„574 Personen mußte wegen sehr schwerer Erkrankung der Rat erteilt 
werden, sofort ein Krankenhaus — besser wäre ein Siechenhaus für Tuber¬ 
kulöse — aufzusuchen. 

„Nun will ich noch ein Wort sagen über die an die Landesversicherungs¬ 
anstalten zu stellenden Ansprüche. Heute zeigen sich die Landesversicherungs¬ 
anstalten ziemlich zurückhaltend, und zwar deswegen, weil die Wünsche, die 
ihnen vorgetragen werden, vielfach uferlos sind. Man kann es ihnen daher 
nicht verdenken, daß sie nicht gleich auf alle Vorschläge eingehen. Aber 
die Wünsche, die an sie gestellt werden, lassen sich in folgender Weise 
limitieren. Die Auskunfts- und Fürsorgestellen müssen zu ihrem Betriebe 
je nach der Größe der Stadt eine oder mehrere Schwestern und einen oder 
mehrere Ärzte haben und vielleicht auch die Bureaumiete bezahlen können. 
Wenn diese Betriebskosten von der Landes Versicherungsanstalt bezahlt 
werden, dann muß der Leiter der Auskunfts- und Fürsorgestelle, der zweck¬ 
mäßigerweise Verwaltungsbeamter ist, auch in der Lage sein, das sonst 
nötige Geld bei den Verwaltungen, um deren Kranke es sich handelt, flüssig 
zu machen; die Krankenkassen, die Post, die Eisenbahn, die Armenverwaltung 
usw., sie zahlen alle, nicht nur für ihre Angestellten oder sonstigen Zu¬ 
gehörigen, sondern meist auch für Frauen und Kinder. 

„Zum Schlüsse will ich noch folgendes erwähnen: Auskunfts- und Für¬ 
sorgestellen mit eigenem Personal sind nur in größeren Städten möglich 
und nötig, in kleinen und mittleren Städten werden diese Fürsorgestellen 
zweckmäßig mit solchen für Säuglinge, für Waisen usw. verbunden. Die 
Ansteckungsgefahr ist, wenn sie überhaupt anerkannt wird, bei solcher Ver¬ 
bindung jedenfalls geringer, als wenn die Armen- oder Säuglingspflegerin, 
ohne auf Tuberkulose zu achten, von Familie zu Familie geht, wie jetzt 
geschieht. Also wenn Sie, meine Herren, in Ihrer Stadt die eine Einrichtung 
haben, können Sie die andere getrost mit ihr vereinigen. Sie sparen dann Zeit 
und Geld und können auf billige Art viel Gutes schaffen. Nur gebe ich 
Ihnen den Rat, laufen Sie den Tuberkulösen nicht nach, sondern lassen Sie 
sie kommen, sonst gewinnen die Schwestern und Ärzte keinen Einfluß auf 
die Leute.“ 

Oberbürgermeister Dr. Ebeling (Dessau): „Als Vertreter einer 
f Mittelstadt, die freilich mit ihren 56000 Einwohnern auf der Staffel der 
mittleren Städte noch auf der untersten Stufe steht, möchte ich meine 
Kollegen dringend auffordern, ihrerseits die Frage der Walderholungsstätten 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 


101 


in die Hand zu nehmen und solche zu gründen. Ich Btimme Herrn Geheim¬ 
rat Pütt er ohne weiteres zu, daß die Walderholungsstftttenfrage verknüpft 
werden muß mit der Wohnfrage. Wir haben ihre Lösung begonnen durch 
eine seit lVa Jahren strikt durchgeführte Wohnungsinspektion und Wohnungs¬ 
pflegschaft und haben die Freude gehabt, daß in 492 Fällen, wo aus sani¬ 
tären Rücksichten Bedenken erhoben wurden, Bie sich durch verständigen 
Rat der Wohnungspfleger mit Leichtigkeit beseitigen ließen. 

„In der Frage der Walderholungsstätten möchte ich auf ein Bedenken 
hinweisen, das uns sehr stark beschäftigt hat. Wir haben nicht eine Teilung 
eintreten lassen nach besonderen Walderholungsstättten für Männer, Frauen 
und Kinder, sondern nach der Art der Krankheiten. Als wir vor mehreren 
Jahren die erste Walderholungsstätte gegründet hatten, zeigte Bich, daß die 
Leute, Nähmädchen usw., die erholungsbedürftig waren, sich scheuten, hin¬ 
auszugehen, weil da draußen lungenverdächtige Leute husteten, weil sie 
glaubten, dort Bazillen aufzufangen. Auch in Kassel hat man ja die gleiche 
Erfahrung gemacht. Aus diesem Grunde haben wir eine räumliche Trennung 
eintreten lassen und eine halbe Stunde von der ersten entfernt eine zweite 
Walderholungsstätte gegründet. In die eine nehmen wir erholungsbedürf¬ 
tige Leute auf, blutleere Nähmädchen, Angehörige aus dem kleinen Haus¬ 
gewerbe, aus dem Krankenhaus entlassene Patienten, in die andere Erholungs¬ 
stätte nehmen wir solche auf, bei denen die Untersuchung des Sputums Bazillen 
ergeben hat. Diese Trennung hat sich außerordentlich gut bewährt. Die eine 
Walderholungsstätte ist nur geöffnet im Sommer während einer Zeit von etwa 
fünf Monaten, die andere Walderholungsstätte, die stabiler errichtet ist, 
wird auch im Winter geöffnet, mit Ausnahme der Zeit der großen Kälte, 
von Mitte Dezember bis etwa Ende Januar. Die Kosten von Walderholungs- 
stätten sind in der Tat nicht zu erheblich; die eine hat in der ersten Anlage 
etwa 12000 M. gekostet, die andere etwa 6000 M. Die Erfolge sind 
geradezu großartig. Der große Reiz der Walderholungsstätten beruht darin, 
daß Familienväter, Familienmütter nicht gänzlich von der Familie ab¬ 
geschieden werden, sondern abends zurückkommen an den heimischen Herd 
und mit der Familie sprechen können; die Kinder haben einen Vater, eine 
Mutter, die zehrende Sehnsucht kann nicht aufkommen. 

„Notwendig ist für eine Walderholungsstätte in erster Linie, daß sie 
nahe an der Stadt liegt. Eb brauchen nicht große Wälder zu sein, es ge¬ 
nügt schon eine schöne Waldanlage mit einem Durchblick auf das freie Feld, 
eine grüne Wiese, man kann etwas Blumenbeete anlegen, in der Ferne 
sieht man die Türme der Stadt. Die Familienangehörigen des Leidenden 
können ihn morgens hinausbegleiten und des abends zurückholen. 

„Der Herr Referent hat mit Recht betont: so einfach wie möglich. 
Notwendig ist aber erstens eine Umgrenzung durch Drahtzaun, d&mit das 
neugierige Publikum abgehalten wird, dann, wenn man eine gemeinsame 
Walderholungsstätte nimmt für Männer und Frauen zusammen — eine 
solche läßt sich sehr gut durchführen — eine vollständige Trennung der 
Geschlechter. Auch auf einem kleinen Gebiete läßt Bich das mit Leichtigkeit 
erreichen. Ein geschickter Landschaftsgärtner wird selbst in einem kleinen 
Walde die Plätze so wählen können, daß die Männer und Frauen sich gar 
nicht zu sehen bekommen, trotzdem das Verwaltungsgebäude den Mittel- 


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102 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


punkt bildet. Dann muß natürlich der Platz so gewählt werden, daß man 
überall behaglich im Grünen sitzen kann, sowohl bei kaltem, wie auch bei 
ganz heißem Wetter. Die Schutzhalle darf nicht zu flach sein, damit bei 
schlechten Wittern ngs verhält niesen die Kranken sich auch dort wohl fühlen. 
Sie muß nach der Windrichtung gebaut werden, vor allen Dingen muß aber 
in der Schutzhalle und überhaupt in der ganzen Walderholungsstätte die 
äußerste Bequemlichkeit zum Liegen vorhanden Bein. Und da stehe ich 
auf dem Standpunkte, daß hierfür nichts teuer genug ist. Wir haben uns 
Korbstühle machen lassen für 24 M. — die werden vom Publikum sehr 
gern benutzt — und außerdem eine große Anzahl von Hängematten. Aus 
der Lesehalle fallen Zeitschriften ab mit bunten Bildern, aus der Bücherei 
manche Bücher, so daß reichlich geistige Lektüre vorhanden ist. Beim Essen 
muß ein schmackhaftes Essen geliefert werden, und zwar Vollessen für den 
ganzen Tag; die mitgebrachten Stullen taugen nichts. Trotzdem macht 
man die Erfahrung, daß gerade die ärmsten Leute die unzufriedensten sind. 
Gerade das sind diejenigen, die immer etwas auszusetzen haben. Auf Dank¬ 
barkeit darf man da nicht rechnen. Dann muß man einen liebenswürdigen 
Stadtverordneten, Arzt, Privatmann finden, der alle Tage hinausgeht, sich 
mit den Leuten unterhält. Eine tüchtige Schwester muß an der Spitze 
stehen, die freundlich zuredet 

„Zuerst bei der Gründung einer solchen Walderholungsstätte gibt es 
manche Schwierigkeiten. Die Krankenkassen sind zuerst nicht gleich ge¬ 
neigt, leider auch manchmal die Ärzte nicht. Uns ist zuerst eine große 
Interesselosigkeit entgegengetreten; jetzt sind wir aber so weit, daß wir nach 
einem Betriebe von drei Jahren auf ganz ausgezeichnete Erfolge zurück¬ 
blicken können. Die Walderholungsstätten erfreuen sich großer Beliebtheit. 
Wir können zu gleicher Zeit im Sommer in der einen 60 bis 70 Personen 
aufnehmen, in der anderen ebenfalls, aber es kommen vorläufig nicht soviel. 
Ich hoffe, daß die Entwickelung im Winter weiter gehen wird. 

„Ich möchte die Kollegen bitten, doch dieser Frage gründlich näher 
zu treten. Es ist eine wahre Freude, und man kann recht viel damit 
helfen.“ 

Hofrat und praktischer Arzt Dr. Ferd. May (München): „Meine 
Herren! Unsere Walderholungsstätte in Holzapfelkreuth bei München, die 
durch den Verein für Krankenfürsorgestellen und Walderholungsstätten, an 
dessen Spitze unser verehrter Oberbürgermeister von Borscht steht, vor 
zwei Jahren ins Leben gerufen wurde, gehört zu denjenigen Anstalten, die 
eigentlich nicht zu den ganz einfachen gerechnet werden können, wie sie 
Kollege Lennhoff gewollt hat. Aber, meine Herren, wir können sie eben 
nicht so einfach machen bei unseren Verhältnissen, wir müssen bei unserem 
Klima unbedingt eine heizbare Halle haben. Wir haben im Monat Juni 
dieses Jahres häufig heizen müssen, und auch gestern und vorgestern bei den 
kalten Tagen hätten es unsere Kranken ohne einen geheizten Tagesraum nicht 
ausgehalten. Dazu kommt noch, daß wir nicht den durchlässigen Sandboden 
haben wie in Norddeutschland, sondern einen feuchten Waldboden, in dem 
sich bei den starken Niederschlägen, insbesondere des letzten Sommers, die 
Feuchtigkeit sehr ansammelt und dadurch die Kälte viel mehr noch empfun- 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 


103 


den wird. Einen heizbaren Tages raum müssen wir also für unsere Er¬ 
holungsstätten fordern. 

„Daß unser Publikum Übrigens anspruchsvoller ist als an anderen 
Orten, das, meine Herren, hat mir der Angriff bewiesen, den ich leider von 
seiten der Ortskrankenkasse dieses Jahr erfahren mußte. Dieselbe hat 
unsere Einrichtungen als äußerst primitiv bezeichnet, und dabei ist unsere 
Erholungsstätte, wie Herr Lennhoff gelegentlich eines Besuches meinte, 
mit die luxuriöseste. 

„Dank einer in Aussicht gestellten Stiftung von 50000 M. bin ich in 
der glücklichen Lage, im nächsten Jahre eine Kindererholungsstätte ins 
Leben rufen zu können, die ich direkt an die Erholungsstätte für Frauen 
in Holzapfelkreuth anzugliedern beabsichtige. Unsere Münchener Kinder 
sind aber nicht die Großstadtkinder Berlins, die in der Trambahn ein- und 
auszusteigen gewöhnt sind. Ich mußte darum dafür Sorge tragen, daß auch 
eine größere Anzahl Gelegenheit zu ständigem Aufenthalt finden wird. Wir 
beabsichtigen, einen festen Holzpavillon, der während des Winters stehen 
bleiht, zu errichten. 

„Unsere Erholungsstätte hat 22 000 M. gekostet. Wenn ich Ihnen 
sage, daß vom 1. Mai bis heute 639 Kranke mit etwa 20000 Verpflegungs¬ 
tagen bei uns Aufnahme gefunden haben, so spricht diese Zahl für sich. 
In der Billigkeit und Einfachheit besteht der Wert der Erholungsstätten. 
Darauf hingewiesen zu haben, ist ein besonderes Verdiest unseres Vor¬ 
tragenden Lennhoff und seines leider zu früh verstorbenen Freundes 
Wolf Becher.“ 

Stadtrat Rosenstock (Königsberg i. Pr.): „Meine Herren! Der 
Herr Berichterstatter will den Kreis derer, die in Genesungsheime gehören, 
also in Anstalten mit dauerndem, festem Nachtbetrieb, grundsätzlich in der 
Art begrenzen, daß die Genesungsheime für Kranke Vorbehalten werden, 
welche für längere Zeit dauernd von ihrer Häuslichkeit fernbleiben müssen 
und für welche ein größerer Behandlungsapparat (Hydrotherapie, Gymna¬ 
stik usw.) notwendig ist, dagegen diejenigen, die einer physikalischen und 
wohl auch diätetischen Behandlung bedürfen, will der Herr Berichterstatter 
in reine Walderholungsstätten, also wesentlich in Tagesstätten, verweisen. 

„Wir in Königsberg haben ein Genesungsheim, das für den Nacht¬ 
betrieb eingerichtet ist, ein massives Gebäude, in dem die Rekonvaleszenten 
während des Aufenthaltes bleiben, also selbstverständlich auch mit voller 
Verpflegung. Nun meine ich, wenn der Herr Berichterstatter sagt: grund¬ 
sätzlich sollen solche Leute, die nur physikalischer Behandlung bedürfen, 
in den Tageserholungsstätten bleiben, daß das als grundsätzlich nicht 
ohne weiteres zuzugeben ist. Selbstverständlich ist es insofern praktischer, 
als die Tageserholungsstätten billiger sind, und man also mit einem mini¬ 
malen materiellen Aufwande mehr Menschen Wohltaten zu weisen kann als 
bei dem dauernden Nachtbetriebe; aber ich glaube, es hat dieser Tag- und 
Nachtbetrieb, der den Erholungsbedürftigen ganz aufnimmt, sehr viele Vor¬ 
züge, insbesondere bei den großstädtischen Wohnungsverhältnissen. Wenn 
Sie jemand den Tag über in guter Luft halten und ihn zur Nacht in über¬ 
füllte schlechte Wohnungen schicken — haben Sie da nicht bis zu einem 


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104 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Augsburg¬ 
gewissen Grade die Rolle der Penelope gespielt, die in der Nacht das wieder 
anftrennte, was sie bei Tage gearbeitet hatte? Wenn der Erholungs¬ 
bedürftige verhältnismäßig früh wieder aus der Walderholungsstätte nach 
Hause muß und auch nicht gar so früh des Morgens wieder eintreffen kann, 
eo ist das fast die Hälfte der Zeit, die er zu Hause unter hygienisch nicht 
einwandfreien Verhältnissen verbringt. Es kommt ferner hinzu: er muß 
täglich zweimal fahren, und so nahe kann im allgemeinen die Erholungs¬ 
stätte nicht gewählt werden, daß nicht die Fahrt hin und zurück doch für 
den Erholungsbedürftigen eine gewisse Strapaze ist. Es ist auch eine ge¬ 
wisse Aufregung für ihn damit verbunden, daß er pünktlich seinen ersten 
Zug bekommt usw. Das alles fällt fort bei dem Dauerbetriebe. Und endlich 
das, was der Herr Berichterstatter als einen Vorzug der Walderholungs¬ 
stätten hervorhob, hat doch auch seine Nachteile, nämlich daß der Familien¬ 
vater und die Mutter immer wieder täglich in die Familie zurückkehrt. Ja, 
wenn sie das tun, kommen sie auch immer wieder in ihren alten Kreis 
zurück. Die Mutter hat ihre Arbeit im Haushalt bis zu einem gewissen 
Grade doch vorzunehmen, sie bleibt dauernd mit den Sorgen des Haushalts 
belastet, und es fragt sich, ob da nicht ein Teil des guten Erfolges wieder 
in Frage gestellt wird. Es ist, glaube ich, ganz charakteristisch, daß der 
Herr Berichterstatter, obgleich er von den Genesungsheimen spricht, doch 
in seiner These 5 sagt: Grundsätzlich ist daran festzuhalten, daß die Ge¬ 
nesungsheime für Kranke Vorbehalten werden. Es scheint mir wirklich, 
daß diese Genesungsheime für Kranke eigentlich nur eine Art von 
Krankenanstalten sind, vielleicht in der Art, wie sie Ziemssen sich 
gedacht hat und wie es meines Wissens in Harlaching bei München durch¬ 
geführt ist: es sind dort diejenigen Kranken, die nicht der intensiven Pflege 
bedürfen, wie sie unser Durchschnittskrankenhaus gewährt, und es ist ein 
Krankenhaus für im allgemeinen leichter Kranke, aber es ist kein Ge¬ 
nesungsheim. Namentlich haben wir auch das eine als Vorzug bei den 
Genesungsheimen mit Nachtbetrieb gefunden: bei schlechtem Wetter wird 
derjenige, der jeden Morgen erst wieder hinaus und abends herein muß, 
den Morgen dann zu Hause bleiben, und er ist nicht nur des Nachts in 
hygienisch nicht einwandfreien Verhältnissen, sondern auch noch bei Tage; 
wenn er dagegen dauernd aufgenommen ist, so benutzt er eben die Ein¬ 
richtungen, die Halle, den Park, der ihm etwas Schutz bietet, auch bei einem 
Wetter, bei dem er sonst zu Hause bleiben würde. 

„Und schließlich, was die Kosten anbetrifft: ein solches Genesungsheim, 
das eben wirklich Genesende aufnimmt, unterscheidet sich in den Kosten 
von der Walderholungsstätte meines Erachtens im wesentlichen nur durch 
die Errichtung der massiven Gebäude und durch die Kosten der baulichen 
Unterhaltung; dagegen die übrigen Einrichtungen, wenn sie den Genesenden 
volle Verpflegung auch in der Walderholungsstätte bieten, sind ziemlich 
dieselben; also auch die Kosten sind dieselben, und es war mir sehr inter¬ 
essant, von dem Herrn Berichterstatter und auch von anderer Seite zu hören, 
daß unsere allgemeine Entwickelung doch auf diese Genesungsheime hin¬ 
drängt. Wir haben schon gehört, es wird an Winterbetrieb gedacht, es 
wird teilweise auch schon die Tagesheilstätte oder -heimstätte mit Winter¬ 
betrieb aufrecht erhalten, also man baut massiv oder wenigstens beinahe 


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Walderholungsstätten und Genesungsheime. 


105 


massiv. Man denkt auch schon daran, die Genesenden des Nachts da zu 
behalten. Nun, dann wird es ja ohnehin nicht lange dauern, daß man ihnen 
•auch, wenn man sie nicht nur im Sommer behandeln will, gute, fest ge¬ 
schlossene, warme Schlafstellen gibt, und ich glaube, dann ist der ent¬ 
scheidende Schritt getan, dann sind eben die Walderholungsstätten zu 
‘Genesungsheimen mit vollem Betrieb für die Nacht geworden. 

„Meine Herren! Meine Ausführungen kommen nicht nur aus der 
Theorie, sondern auch aus der Praxis, und wenn der Deutsche Verein für 
•öffentliche Gesundheitspflege uns die Ehre schenkt, unsere Einladung anzu¬ 
nehmen, so werden Sie ein Genesungsheim derart sehen, das eine, wenn ich 
so sagen darf, Walderholungsstätte mit vollem Nachtbetrieb ist, und ich 
hoffe, Sie werden uns zugeben, daß auch das etwas sehr Gutes hat. 

„Gestatten Sie mir nur noch eine kurze Bemerkung über eine praktische 
Einrichtung, die sich bei uns sehr bewährt hat. Wir haben mit den Kranken¬ 
kassen und mit der Landesversicherungsanstalt — das Genesungsheim ist 
sine städtische Anstalt — ein Abkommen getroffen, daß im Sinne ihrer 
Leistungen das Genesungsheim dem Krankenhause vollkommen gleich gilt. 
Sie weisen von vornherein Kranke oder Genesende ein, aber sie haben auch 
den behandelnden Ärzten unserer Krankenanstalten das Recht eingeräumt, 
ohne weiteres, solange die Fürsorgepflicht der Kasse oder der Versiche¬ 
rungsanstalt noch reicht, den Kranken, nicht Genesenen und nicht voll 
EntlasBungsfähigen aus dem Krankenhause in das Genesungsheim über¬ 
weisen zu können. Auch das ist eine Einrichtung, die sich sehr bewährt 
hat, und die ich nur sehr empfehlen kann, da sie sonst meines Wissens in 
diesem Umfange noch nicht besteht. u 

Städtischer Ziehkinderarzt Dr. Effler (Danzig): „Meine Herren! 
Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit für wenige Minuten noch in Anspruch nehme, 
so geschieht es nur aus dem Grunde, weil ich dazu gewissermaßen provo¬ 
ziert wurde, und zwar durch den Vortragenden Herrn Dr. Lennhoff, der 
wiederholt die Erholungsstätte in Danzig, deren Leiter zu sein ich die Ehre 
habe, erwähnt hat. Es geschieht das aber um so lieber, weil dieses Referat 
des Herrn Kollegen Lennhoff wohl weniger informatorischen Charakter für 
Sie haben sollte, als vielmehr einen agitatorischen, und zu der Agitation 
für die Erholungsstätten gehört in allererster Linie, daß man darlegen kann, 
mit wie ungeheuer kleinen Mitteln man derartige Erholungsstätten in der 
Tat ins Werk setzen kann. Aus diesem Grunde möchte ich Ihnen die vor¬ 
jährigen Erfahrungen aus Danzig gern mitteilen. 

„Es gehört za einer Erholungsstätte ein Wirtschaftshaus und eine 
Halle. Das Wirtschaftshaus kann man in der Weise ersetzen, wie wir es 
gemacht haben, daß man eine am Waldrande gelegene Villa mietet. Das 
hat uns den ganzen Sommer über 300 M. gekostet. Die Halle kann man 
dadurch ersetzen, daß man sich von der Militärbehörde womöglich Manöver¬ 
zelte geben läßt Wir erhielten solche Zelte von unserem kommandierenden 
General liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt. Sie hatten einen 
Grundraum von 16 qm, und es konnten acht Liegestühle in jedes solche 
Zelt hineingesetzt werden. Es kostete uns das weiter nichts als 3 M. für 
jeden Liegestuhl. Die Zelte erhielten wir umsonst. Kurz und gut, die 


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106 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

ganze Sache ist eingerichtet worden mit einem Kostenaufwand von etwa 
500 M. 

„Ich möchte Sie darauf nur hin weisen, um die Agitation für diese 
Erholungsstätten möglichst zu fördern.“ 

Damit ist die Diskussion erschöpft und es erhält das Schluffwort: 

Referent, Dr. R. Lennhoff (Berlin): „Meine Herren! Nach den 
Ausführungen des Herrn Vorvorredners hätte es so scheinen können, als ob 
ich an den Genesungsheimen etwas Besonderes auszusetzen hätte. Das ist 
keineswegs der Fall. Ich stehe durchaus auf dem Standpunkte, daß die 
Erholungsstätten nicht die vollendetste Form der Anstaltspflege darstellen, 
daß die Genesungsheime eine vollkommenere Stufe der Anstaltsbehandlung 
sind als die Erholungsstätten, und wenn ich eine Reihe von besonderen 
Vorzügen hier hervorhob, die die Erholungsstätten vor den Genesungsheimen 
voraus haben, so geschah das nicht, um etwa die Genesungsheime herabzu¬ 
setzen, sondern um zu zeigen, daß trotz ihres einfachen primitiven Charakters 
den Erholungsstätten doch ganz besondere Vorzüge innewohnen. 

„Es wurde dabei vorhin angeführt, daß es schiene, als ob finanziell 
der wesentlichste Vorzug der Erholungsstätte wohl nur in der billigen Er¬ 
richtung liege und nicht in dem billigen Betriebe. Nun, auch der Betrieb 
der Genesungsheime ist denn doch in den verschiedenen Orten ein außer¬ 
ordentlich verschiedener. Sie kommen an der einen Stelle mit 1,50 M. aus 
und an anderen Stellen haben sie über 3 M. Selbstkosten. Es ist auch zu 
berücksichtigen, daß nur, wenn ein Genesungsheim voll belegt ist, im all¬ 
gemeinen der Betrieb ein verhältnismäßig billiger ist, aber gerade in den 
Genesungsheimen wird sehr vielfach darüber Klage geführt, daß während 
der Wintermonate die Belegungsziffer ziemlich gering ist, und dann kompen¬ 
sieren die höheren Ausgaben des Winters in erheblichem Maße die billigeren 
Ausgaben des Sommers. 

„Nun kommt noch ein Zweites hinzu, und das ist das: Wieviel Leute 
kommen im Laufe eines Jahres durch das Genesungsheim hindurch, das 
heißt also, wie groß ist die Zahl derjenigen Patienten, denen das Genesungs¬ 
heim zugute kommt? Vor allem: wie groß ist die Zahl dieser Personen im 
Verhältnis zu der Zahl derer, denen man mit den Erholungsstätten zwar 
nicht ganz dasselbe, aber doch außerordentlich Vieles zugute tun kann? 
Darin liegt ein Kernpunkt der Frage. Haben Sie Geld genug, ein Ge¬ 
nesungsheim zu errichten, und haben Sie wenig Patienten, so daß Sie mit 
dem Genesungsheim auskommen, dann errichten Sie ein Genesungsheim. 
Haben Sie aber nicht Geld genug zum Genesungsheim, und haben Sie mehr 
Patienten, als Sie im Genesungsheim unterbringen können, dann machen 
Sie unter allen Umständen zunächst eine Erholungsstätte, denn mit sa 
wenig Mitteln und mit so einfachem Betriebe können Sie auf keine andere 
Weise so viel leisten wie mit der Erholungsstätte. Das sollte der Kernpunkt 
der Ausführungen sein, die ich hier heute gemacht habe. 

„Und nun noch eins: Wie lange bleibt im allgemeinen der Kranke in 
den Genesungsheimen? Wir verfolgen bei den Erholungsstätten durchaus 
den Grundsatz, die Kranken so lange da zu lassen, wie es nötig ist, und 
nicht, wie es bei den meisten Genesungsheimen der Fall ist, drei bis vier 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 107 

Wochen, nur, damit möglichst viele Leute durch das Genesungsheim durch¬ 
gehen. Ich habe erst vor einigen Tagen in dem Bericht eines Genesungs¬ 
heimes gelesen, daß man genötigt war, die Verpflegungsdauer von vier 
Wochen auf drei Wochen herabzusetzen, weil der Andrang zu groß wäre. 
Ja, in dem Augenblick erfüllt das Genesungsheim nicht mehr den Zweck, 
den es erfüllen soll, denn es kommt nicht darauf an, daß ausgerechnet eine 
umschriebene Zahl von Kranken eine umschriebene Zeit dort behandelt 
wird, sondern es muß so lange behandelt werden, wie der einzelne Fall es 
nötig macht, und auch das läßt sich nur erreichen, wenn man eben An¬ 
stalten zur Verfügung hat, die sehr viele Patienten aufnehmen können. u 

Vorsitzender, Professor Genzmer (Danzig): „Meine geehrten 
Damen und Herren! Es ist hier ein Gebiet behandelt worden, das nicht 
nur eine große hygienische, sondern auch eine große soziale Bedeutung hat. 
Gilt es doch, dem ärmeren Teile der Bevölkerung Gelegenheit zu geben, die 
verlorenen Arbeitskräfte wieder zu gewinnen und dadurch der Familie den 
Ernährer, dem Staate den tatkräftigen Bürger wieder zurückzugeben. 

„Hoffen wir, daß die heutigen Verhandlungen dazu beitragen werden, 
daß derartige Wohltätigkeitsanstalten in immer größerer Zahl in unserem 
Vaterlande entstehen, und sprechen wir deshalb dem Herrn Berichterstatter 
für seine klaren, überzeugenden Ausführungen unseren verbindlichsten Dank 
aus; in gleicher Weise aber auch den übrigen Herren, die so freundlich 
waren, uns aus ihrer Erfahrung heraus wertvolle Mitteilungen zu machen." 

Pause. 

Nach Wiedereröffnung der Sitzung stellt der Vorsitzende den vierten 
Gegenstand der Tagesordnung zur Beratung: 

Die Bekämpfung des Staubes im Hause und 
auf der Straße. 

Es lauten die von den Referenten Prof. Dr. Holm (Erlangen) und 
Stadtbaumeister Nier (Dresden) aufgestellten 

Leitsätze: 

1. Der im Freien und bei der Tätigkeit der Menschen (abgesehen von der 
gewerblichen) entstehende Staub kann durch Massenhaftigkeit lästig werden 
und für empfindliche Personen nachteilige Wirkungen auf die Atinungs- 
organe und das Allgemeinbefinden haben. 

2. Durch Beimengung von Abfall- und Auswurfsstoffen bekommt der Staub 
eine ekelerregende Beschaffenheit. 

3. Unmittelbar gefährlich ist der vom kranken Menschen oder Tiere besudelte, 
also infizierte Staub. 

Darum muß Vorsorge getroffen sein, daß die Auswurfsstoffe von Kranken 
und Krankheitsverdächtigen in regelrechter Weise abgefangen und unschäd¬ 
lich beseitigt werden. 

4. Die Verhütung der Infizierung des Staubes und die Behandlung etwa infi¬ 
zierten Staubes liegt in einer geeigneten Wohnungspflege und Wohnungs¬ 
fürsorge, in der Sauberhaltung von Verkehrs- und Aufenthaltsräumen, sowie 
von Straßen und Wegen. 


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108 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

5. In jeder Hinsicht ist eine noch eindringlichere und bessere Belehrung der 
Bevölkerung anzustreben. Sie ist nur möglich, wenn sie bereits in der 
Schule* einsetzt. 

6. Die möglichst vollkommene Unterdrückung des Staubes auf den Straßen und 
im Hause ist nicht nur aus hygienischen und verkehrstechnischen 
Gründen, sondern auch aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, Reinlichkeit 
und Annehmlichkeit anzustreben und mit allen Mitteln zu fördern. 

7. Die Frage der Staubunterdrückung ist bis zu gewissem Grade nur eine 
Geldfrage. Ihre Lösung wird erst schwierig durch die Forderung: Aufwand 
und Erfolg in einem angemessenen gegenseitigen Verhältnis zu halten. 

8. Der Straßenstaub läßt sich seinem Ursprünge nach in zwei Arten trennen, in 

Staub, der durch Zermahlung und Abschleifung des Straßendeck¬ 
materials entsteht: Deckenstaub; 

Staub, der durch Zerreibung der Verkehrsverunreinigungen entsteht: 
Verkehrsstaub. 

9. Eine erfolgreiche Bekämpfung des Staubes auf den Straßen ist zu erzielen 
durch Maßnahmen in dreierlei Richtung: 

a) durch besondere Sorgfalt bei der Wahl der Straßenbefestigungsart; 

ß ) durch peinliche Straßenreinigung; 

y) durch ausgiebige Straßenbesprengung 

Zu 9«. a) Die Anlegung neuer Schotter- und Kiesbahnen ist möglichst zu ver¬ 
meiden. Leichte Pflasterung (besonders Kleinsteinpflaster) erscheint 
als zweckmäßiger Ersatz; 

b) demjenigen Befestigungsmaterial, das sich im Verkehr nur gering und 
gleichmäßig abnutzt und enge Fugenbildung zuläßt, ist im allgemeinen 
der Vorzug zu geben; 

c) die Erzielung einer fugenlosen, ebenen Straßendecke, die sich gut 
rein halten und waschen läßt, ist — sofern es die Verhältnisse gestatten 

— stets anzustreben; 

d) der ordnungsmäßigen Unterhaltung der Verkehrsflächen ist größte 
Sorgfalt zu widmen; 

e) die vielseitigen Bestrebungen, die Staubbildung der Schotter- und Kies¬ 
bahnen abzumindern durch oberflächliche Teerung bzw. Behandlung 
mit wasserlöslichen ölen, oder mittels Durchtränkung der Schotter¬ 
oder Kiesdeeke mit Teer, öl oder asphaltähnlichen Stoffen und der¬ 
gleichen mehr, haben in Deutschland zu einem allseitig befriedigenden 
Erfolg noch nicht geführt. W eitere langfristige Versuche in g r o ß e m 
Maßstabe (kleine, kurze Versuche sind zwecklos) sind höchst wünschens¬ 
wert, besonders auch zur einwandfreien Klärung der Frage, ob und 
in welchem Maße die genannten Verfahren die Unterhaltung der 
Schotter- und Kiesbahnen und den Bestand der Straßenanpflanzungen 
beeinflussen, und ob sie etwa gesundheitsschädigend wirken. Für 
städtische Schotterstraßen erscheint die Behandlung mit wässerigen 
Ölemulsionen aussichtsreich. 

Zu 9ß. a) Die Reinhaltung der öffentlichen Verkehrsflächen sollte bei der Be¬ 
deutung dieser Arbeiten für die Allgemeinheit nur Sache der Ge¬ 
meinden sein; 

b) die gründliche Reinigung der Straßen hat tunlichst oft, am besten 
täglich zu erfolgen; 

c) alle Reinigungsarbeiten sind so auszuführen, daß Staubaufwirbelung 
vermieden wird. Aller Kehricht ist bis zu seiner endgültigen Beseiti¬ 
gung stets feucht zu halten; 

d) die Verunreinigungen sind so schnell als möglich von den Verkehrs¬ 
flächen zu entfernen. Reinigungsmaschinen, die kehren und gleich¬ 
zeitig den Kehricht aufladen — sogenannte Sammel-Kehrmaschinen 

— sind sehr zu empfehlen. Versuche mit solchen Maschinen, die von 
der Industrie in vorläufig genügender Vollkommenheit geboten werden, 
sind wünschenswert; 


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109 


Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 

e) das Spucken auf die Gangbahnen ist zu verhindern. Dafür sind auf 
den Verkehrsflachen geeignete Spucknapfvorrichtungen oder leicht zu 
reinigende und desinfizierende Spuckt!ächen einzurichten. 

Zu 9 y. a) Die Besprengung der öffentlichen Verkehrsflächen ist Sache der Ge¬ 
meinden ; 

b) die Besprengung hat nicht nur den Zweck, den vorhandenen Staub 
zu binden, sie soll bei heißem Wetter auch die Luft reinigen und er¬ 
frischend wirken; 

c) die Besprengung ist nur mit frischem, reinem Wasser zu bewirken 
Die Verwendung von ungereinigtem Fluß- oder Seewasser sollte aus 
hygienischen Gründen ausgeschlossen bleiben; 

d) das Ziel jedes geregelten Sprengbetriebes muß sein, die Staubbildung 
schon im Entstehen zu verhindern; 

e) die Starke und Form der Besprengung soll so gewählt sein, daß Staub¬ 
und Schlammbildungen auf den Verkehrsflächen tunlichst vermieden 
werden; 

f) es ist zweckmäßiger und wirtschaftlich richtiger, öfter mit wenig 
Wasser zu sprengen als seltener, aber mit viel Wasser; 

g) um die Straßenbesprengung nachhaltiger zu gestalten, dürfen dem 
Sprengwasser keinesfalls Stoffe oder Lösungen beigemengt werden, die 
gesundheitsschädigend wirken. 

10. Eine erfolgreiche Bekämpfung des Staubes im Hause hat von folgenden 
Gesichtspunkten auszugehen: 

a ) die Unterdrückung des Straßenstaubes vermindert auch den Staub im 
Hause; 

ß) alle Reinigungsarbeiten sind, soweit angängig, auf nassem Wege zu 
bewirken; 

y) die Ölung der Fußböden verhindert die Staubbildung in befriedigender 
Weise. Sie soll aber nur als Unterstützung, nicht als Ersatz der ge¬ 
wöhnlichen Reinigungsarbeit betrachtet werden; 

d) alle Verfahren, die eine Beseitigung des Staubes aus den Wohnräumen 
ermöglichen, ohne daß er erst in die Luft gewirbelt wird und sich 
nachträglich wieder setzt, sind zu empfehlen. 

Referent, Prof6880r Dr. Heim (Erlangen): 

„Staub gilt gemeinhin als etwas Unangenehmes und Lästiges, weil er 
die Luft verunreinigt und die Gegenstände unansehnlich, alt, schmutzig er¬ 
scheinen läßt, ja manchen Menschen ist geradezu eine Staubfurcht eigen, 
ähnlich der bekannten Bakterienfurcht. Damit wird oft zu weit gegangen; 
beide sind ungerechtfertigt. Denn Staub und Bakterien gehören nun einmal 
auf die Welt. Die ersten lebenden Wesen auf unserer Erde müssen die mehr 
auf das Wasser angewiesenen Bakterien gewesen sein, und ehe sie da waren, 
war der Staub da; nur mit seiner Hilfe konnten sie sich durch die Luft 
verbreiten, und wo sie sich auf festeu Dingen niederließen und bei Vor¬ 
handensein von Feuchtigkeit wuchsen, trugen sie dazu bei, daß das Nähr¬ 
substrat zerlegt und nach dem Austrocknen in Staub verwandelt wurde. So¬ 
weit das Leben in und aus dem Staube entstand, vermehrt das Lebende den 
Staub. 

„Ohne Staub ist unser Dasein nicht denkbar. Was wäre eine Acker¬ 
krume ohne Staub; ohne ihn gäbe es, wie wir mit dem schottischen Gelehrten 
John Aitken annehmen, keine Bläue des Himmels, aber auch weder Wolken, 
noch Regen, noch Gewitter, denn die Staubteilchen sind die Kondensations¬ 
kerne für den Wasser dampf. 


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110 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Aitken hat einen Apparat zur Zählung der Staubkörperchen zusammen¬ 
gestellt *), mit dem es ihm und anderen Forschern gelungen ist, den Unter¬ 
schied im Staubgehalt der Luft zwischen der Höhe, dem platten Lande und 
der Stadt einerseits und zu verschiedenen Zeiten andererseits festzustellen. 

„In größeren Städten und in Fabrikorten ist der Staub vermehrt. Er 
wird hier von viel Rauch und Ruß begleitet; dadurch entstehen die z. B. in 
London berüchtigten Nebeltage, wenn unter dem Einflüsse der vielen hohen 
Häuser die Bewegung der Luft ungenügend wird und wenn sie gleichzeitig 
einen hohen Feuchtigkeitsgehalt besitzt 2 ). 

„Die Kohlenlungen der Städter ähneln in ihrem schwarz gesprenkelten 
Aussehen den Lungen der in der Nähe offener Feuer oder der mit Ruß und 
Kohlen beschäftigten Arbeiter; sie zeugen davon, wieviel rußhaltiger Staub 
während des Lebens in die tieferen Atmungsorgane aufgenommen und im 
Lungengewebe, sowie in den zugehörigen Lymphdrüsen liegen geblieben 
und aufgespeichert worden ist. 

„Indessen wenn der Staub nicht besondere chemische und physikalische 
Eigentümlichkeiten besitzt, die die Körperzellen und Gewebe mechanisch an¬ 
greifen oder verätzen oder vergiften, wie es bei gewissen gewerblichen Be¬ 
schäftigungen vorkommt, von denen wir hier absehen wollen, ist die durch 
die Einatmung von Ruß und Staub an sich gesetzte Schädigung nicht er¬ 
heblich. Indirekte Benachteiligungen bestehen zweifellos, sie sind teilweise 
schon in der 12. Versammlung unseres Vereins am 17. September 1885 in 
Freiburg i. Br. von Flinzer gewürdigt worden; die Städte und Häuser er¬ 
halten weniger frische Luft, die rauch- und staubhaltige Atmosphäre beein¬ 
trächtigt die günstige Wirkung des Sonnenlichtes auf die Bewohner, und 
Personen mit empfindlichen oder vollends solche mit erkrankten Atmungs¬ 
organen werden noch mehr in Mitleidenschaft gezogen. 

„Massenbeispiele dagegen für die relative Unschädlichkeit des Staubes 
bieten unsere Truppen. In demselben Maße, wie die Kleider, die Waffen 
und die Pferde unserer heimkehrenden Soldaten bestäubt sind, hat sich der 
Staub auch auf und in die Atmungsorgane gelegt. Wer hat je schon den 
Nachweis erbracht, daß dadurch Erkrankungen hervorgerufen sind? Es 
müßten sich danach doch Massenleiden der oberen und tieferen Luftwege 
insbesondere nach den Sommer- und Herbstübungen einstellen, aber gerade 
in dieser Zeit pflegt der Krankenstand am niedrigsten zu sein, und nichts 
dergleichen ist bekannt, daß lange gediente Offiziere und Unteroffiziere an 
chronischen Staubinhalationskrankheiten leiden. 

„Diese Beispiele werden natürlich niemand veranlassen zu sagen, daß 
nichts gegen den Staub zu geschehen brauche. Denn jedermann empfindet 
die Staubaufwirbelung als unangenehm, in wiederholten Fällen als bedeutende 
Plage, mag er selbst der eingefleischteste Kraftwagenliebhaber sein. Jeder 
sucht dem Staube so gut er es vermag auszuweichen, weil er ihn als Hindernis 
für die freie Atmung empfindet. Ja ekelhaft erscheint der Staub, der mit 


*) Die Beschreibung siehe bei A. und H. Wolpert, Die Ventilation, 3. Band 
der „Theorie und Praxis der Ventilation und Heizung“, Berlin bei W. & 8. Loewenthal. 

*) M. Hübner, Über trübe Wintertage nebst Untersuchungen zur sog. Hauch¬ 
plage der Großstädte. Archiv für Hygiene, Bd. 57, 8. 323. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


111 


Auswurfsstoffan von Tieren und Menschen verunreinigt ist, er kann dazu 
noch unmittelbar gefährlich sein. 

„In tierischen Abfallstoffen sind nur selten Keime enthalten, die, ein¬ 
geatmet, den Menschen krank machen, desto häufiger ist das ih den vom 
Menschen herrührenden der Fall. Unter den Verhütungsmaßregeln des Unter¬ 
leibstyphus, wie sie nach Robert Kochs Grundsätzen jetzt durchgeführt 
werden, spielen die sog. Bazillenträger, das sind die scheinbar gesunden, 
aber infizierten Menschen, sowie die noch ansteckungsfähigen Wiedergenesenen 
eine wichtige Rolle, denn sie können Gefahr verbreiten, wenn sie, wie es 
vielfach auf dem Lande, insbesondere von Kindern geschieht, die Exkre¬ 
mente und den Urin auf Straßen und Höfen absetzen; englische Autoren 
haben schon früher auf die Gefahr aufmerksam gemacht, die der mit dem 
Schuhwerk in die Wohnungen verschleppte typhuskeimhaltige Staub bietet; 
selbst vom Winde kann solch infizierter Staub in die Wohnungen getragen 
werden und die Menschen bedrohen, namentlich wenn er auf Speisen fällt, 
auf denen die Typhusbazillen günstige Bedingungen für ihre Vermehrung 
finden. 

„Noch bedenklicher erscheinen uns die an Krankheiten der Atmungs¬ 
organe leidenden Personen, wenn sie ihren Auswurf leichtsinnig auf den 
Boden entleeren. Doch überschätzen wir die Gefahr auf der Straße nicht: 
die Feuchtigkeit des Bodens, die Wegschwemmung durch Regen und Schnee, 
die Wegblasung und Verdünnung des Staubes mit weniger verdächtigem 
oder nicht gefährlichem Staube, die bakterienfeindliche Wirkung des Sonnen¬ 
lichtes, alles das trägt zu ihrer Verminderung bei. Sind doch, wie G. Cornet 
ermittelt hat, die Straßenkehrer, die den Schädlichkeiten am nächsten stehen, 
weniger von Lungenkrankheiten befallen als Arbeiter in anderen staub¬ 
haltigen Berufen. Im Gegensätze dazu sind unter den in deutschen Kranken¬ 
häusern verstorbenen Seeleuten nach Nocht ganz erheblich größere Er¬ 
krankungsziffern an Tuberkulose fest gestellt worden. Es sind unter diesen 
scheinbar im staubfreiesten Berufe tätigen Menschen nahezu 40 Proz. gezählt 
worden; sie wurden in den engen Mannschaftsräumen der Schiffe infiziert. 

„Alles weist eben darauf hin, daß die Krankheiten der Atmungsorgane 
in Wohnungen, in den Aufenthalts- und Arbeitsräumen erworben werden. 
Unter ihnen steht die Tuberkulose darum am meisten vorn an, weil sie 
langsam verläuft, oft mehrere Jahre, ja Jahrzehnte dauert, so daß der In¬ 
fektionsstoff von den Trägern viel reichlicher und öfter verbreitet wird als 
von den mit kürzer dauernden Krankheiten, wie Diphtherie, Influenza, 
Pneumonie, Behafteten, und weil der Tuberkelbazillus in trockenem Staube 
länger lebensfähig zu bleiben scheint, oder richtiger gesagt, weil er an Staub 
haftend die wechselnden Grade der relativen Luftfeuchtigkeit besser ertragen 
kann als andere Krankheitserreger; denn nicht die absolute Trockenheit, 
sondern die Feuchtigkeitsschwankungen bei relativer Trockenheit*) üben im 
Verein mit Sonnenlicht und Temperaturunterschieden einen nachteiligen Ein¬ 
fluß auf die Lebensfähigkeit vieler Bakterien aus. 

l ) L. Heim, Die Widerstandsfähigkeit verschiedener Bakterienarten gegen 
Trocknung und die Aufbewahrung bakterienhaltigen Materials insbesondere beim 
Seuchendienst und für gerichtlich-medizinische Zwecke. Zeitsclir. f. Hygiene, Bd. 50, 
8. 123, 1905. 


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112 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg.. 

„Der Staub im Hause ist es, den wir als viel bedenklicher anzusehea 
haben; denn er besteht aus dem mit Schuhwerk, Kleidern und vom Wind hin¬ 
eingetragenen Straßenstaub, dem bei der Tätigkeit in der Wohnung entstehen¬ 
den und aus Haut und Haaren der Menschen und allenfalls von Haustieren 
stammenden Staub. Wer sich unwohl fühlt, pflegt sich zurückzuziehen, und 
Kranke halten sich zumeist in der Wohnung, viel weniger im Freien auf. 
Alle die Momente, die auf der Straße die Gefährlichkeit des Staubes herab¬ 
setzen, sind teils in vermindertem Maße vorhanden, teils fehlen sie gänzlich. 
Kein reinigender Wind fegt ihn kräftig hinweg, denn selbst kräftiger Zug^ 
wirkt dem Staube gegenüber nur mangelhaft, das Sonnenlicht gelangt bloß 
abgeschwächt oder gar nicht an ihn, und eine Abschwemmung findet viel 
seltener und nicht in elementarer Weise, vielfach gar nicht statt. 

„Am meisten Staub wird gewöhnlich in dem Raume zusammengetragen 
und aufgewirbelt, wo die Speisen bereitet werden. In ihm findet da» 
häufigste Kommen und Gehen von Wohnungsinsassen selbst und von zu¬ 
tragenden Personen statt, dort werden nicht bloß die Eßwaren geputzt,, 
sondern auch die Stiefel, nebenbei bemerkt meistens ohne daß danach di» 
Hände gewaschen werden; in den Wohnungen der Minderbemittelten spielt 
sich in der Küche sowohl der Hauptverkehr, als auch die Hauptreinigung 
ab; die Kinder werden hier gewaschen, gekämmt und gehalten, und in vielen* 
auch neueren Arbeiterhäusern ist den örtlichen Gepflogenheiten der Bevölke¬ 
rung entsprechend sogar eine besondere „Wohnküche“ vorgesehen und ein¬ 
gerichtet. 

„Demnächst ist das Schlafzimmer die Hauptablagerungsstätte für Staub. 
Hier pflegt man die Straßen- und Unterkleider abzulegen, die viel benutzten 
Betten zu schütteln und, wo nicht ein besonderes Badezimmer für den täg¬ 
lichen Gebrauch vorhanden ist, die Hautreinigungen und das Kämmen zu 
vollziehen. Nun sind ja die Hautschuppen und Kleiderteilchen, die man bei 
entsprechender Sonnenbeleuchtung während des Wechsels der Kleider massen¬ 
haft abfliegen sieht, in der Regel unschädliche und harmlose Dinge, unter 
gewissen Umständen aber gelten sie für gefährlich, so während und nach 
dem Überstehen von exanthematischen Krankheiten, wie Masern, Scharlach, 
Röteln; ob sie tatsächlich so gefährlich sind, ist noch nicht über allen 
Zweifel erhaben, man kann auch annehmen, daß die Ansteckung bei diesen 
Krankheiten durch die Atmungsorgane mit feinsten Tröpfchen geschieht, die 
beim Husten, Räuspern, Niesen ausgeschleudert werden. 

„Der Fußboden ist in allen Räumlichkeiten selbstverständlich am meisten 
verschmutzt. Hier macht der Straßenstaub den vornehmlichsten Teil aus; 
er ist aber glücklicherweise nicht so sehr gefährlich, wird auch offenbar 
nicht als solcher eingeschätzt, denn sonst würde man nur noch auf Rasen¬ 
plätzen und nicht in öffentlichen Sälen oder gar in Privatwohnungen dem 
Tanzvergnügen huldigen. Und dann die Teppiche und Läufer! Wieviele 
Stimmen haben sich schon gegen sie erhoben und mit wie wenig Erfolgt 
Die Annehmlichkeiten des weichen, schalldämpfenden Belags sind so groß,, 
daß sie alle Bedenken zerstreuen, und füglich kann ein solcher Boden- und 
Zimmerschmuck mehr für eine Sammelstätte des Staubes als für gefährlich 
angesehen werden. Einen positiven Beweis seiner Gefährlichkeit hat man 
in gut gehaltenen Wohnungen bis jetzt noch nicht erbracht. Allerdings 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 113 

vermögen bakteriologische Untersuchungen in dieser Hinsicht nur teil weisen 
Aufschluß zu geben, denn die Keime, auf die es ankommt, nämlich die 
Krankheitserreger, sind nicht leicht nachzuweisen, quantitativ überhaupt 
nicht. Die vielen Millionen Bakterien, die in einem Gramm Staub gefunden 
wurden, imponieren zwar durch ihre Zahl, etwas anderes, als was man vor¬ 
aussetzen konnte, daß nämlich der Staub sehr bakterienreich ist, läßt sich 
daraus nicht erkennen. Selbstverständlich müssen im Teppichstaube die 
typischen Bodenkeime vorhanden sein, darunter die im gedüngten Boden 
vorkommenden Erreger des Wundstarrkrampfes, die Tetanusbazillen; es 
kann darum nicht wundernehmen, daß man sie in dem mit dem Vakuum¬ 
reiniger aufgefangenen Staube ermittelt hat. Je gründlicher diese und 
andere Keime beseitigt werden, desto besser; aber eine naheliegende In¬ 
fektionsgefahr läßt sich aus ihrem Vorhandensein nicht ohne weiteres folgern. 

„Etwas anderes ist es, wenn der Boden oder sein Belag mit mensch¬ 
lichen Auswurfastoffen besudelt wird, wie es in Räumlichkeiten leider immer 
noch geschieht, wo Menschen, denen mangelhafte Anschauungen in gesund¬ 
heitlichen Dingen eigen sind, verkehren. Ich denke dabei in erster Linie 
an manche Hotelzimmer und erinnere an viele Eisenbahnwagen, bei uns 
namentlich an die der dritten Klasse, sowie an die Wartesäle und Wirt¬ 
schaften , die vielfach von Personen mit fehlendem Reinlichkeitsgefühl be¬ 
sucht werden. Gerade diese Räume sollten recht oft und gründlich geputzt, 
gefegt und sauber gehalten werden. Auch weniger skrupulöse Menschen 
haben vor einem reinen Dinge Achtung; für die Einrichtung von Neubauten 
hat man auf Grund dieser Erfahrung den Rat gegeben, bei der Zwischen¬ 
deckenfüllung recht reines Material zu nehmen, dies wird dann von den 
Arbeitern auch gut behandelt; einen unreinen, schmutzig aussehenden Boden 
glaubt eben die Bevölkerung nicht besser beurteilen und bewerten zu können, 
als daß sie ihn anspuckt. Vielleicht wird zuweilen sogar eine Ermahnung 
dazu in den Eisenbahnwagen erblickt, denn es steht an Anschlagzetteln 
groß gedruckt „Zur gefälligen Beachtung, Ausspucken!“ daß man aber das 
nicht tun soll, steht nur in einer bureaukratisch ausgesponnenen klein ge¬ 
druckten Anweisung. 

„Je mehr ein Boden verunreinigt wird, desto wahrscheinlicher ist von 
dem aufgewirbelten Staube eine Infektion zu befürchten. Trockenes Kehren 
ist deshalb zu vermeiden; es ist eine längst erhobene und bekannte Forde¬ 
rung, daß das Aufwischen feucht zu geschehen hat. 

„Auch starker Luftzug scheucht den zur Ruhe gekommenen Staub 
wieder auf; die Hoffnung, daß der schwebende Zimmerstaub von ihm ent¬ 
fernt und durch minder verunreinigte Luft aus dem Freien ersetzt werden 
könne, findet in den Versuchen Flügges 1 ) wenig Unterstützung, die den 
desinfektorischen Einfluß der Ventilation auf die Luft von Wohn- und 
Krankenräume immer nur sehr gering erscheinen ließen. Die Lüftung und 
auch die Zuglüftung entfaltet ihre richtige Wirkung hauptsächlich gegen¬ 
über den gasförmigen Verunreinigungen der Luft. Im Interesse der Be¬ 
seitigung der Luftkeime ist es besser, den Raum zu verlassen und viele 
Stunden lang zu warten, bis sich die Stäubchen mit ihren anhaftenden 

*) C. Flügge, Über Luftinfektion. Zeitachr. für Hygiene, Bd. 25, S. 212. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. o 


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114 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Keimen zu Boden gesenkt haben, von dem Bie dann mit nassem Verfahren 
wieder weggenommen werden können. 

„Auch das Gehen im Zimmer bringt den Staub in Aufregung, noch 
mehr stärkere Erschütterung. Das Trampeln, wie es in Universitätshörsälen 
gebräuchlich ist, erscheint als eine hygienisch sehr unzweckmäßige Ehren¬ 
bezeugung; ich habe einmal vor und gleich nach Beginn der Vorlesung 
Schalen mit Nährgelatine offen aufgestellt und dadurch zeigen können, wie 
die Keimzahl der Luft durch diese Art der Begrüßung gesteigert wird. 

„Auf dem Boden spielende Kinder werden nicht bloß durch umher¬ 
gehende Personen, sondern auch durch Beschmutzung ihrer eigenen Kleider 
und Hände gefährdet; Dieudonnö hat bei Kindern, die in Zimmern, wo 
Tuberkulöse mit ihrem Auswurf unvorsichtig umgingen, auf dem Boden 
spielten, im Nagelschmutz virulente Tuberkelbazillen nachgewiesen. 

„Musteranstalten für die zweckmäßige Abfangung, Fortschaffung und 
Unschädlichmachung der Krankheitsstoffe sind gut angelegte, richtig ge¬ 
leitete Krankenhäuser mit geschultem Personal. Ernstlich Kranke, unter 
anderen die mit gefährlicheren Infektionen behafteten Personen, sind nirgends 
besser aufgehoben, und mit ihrer Aufnahme ins Krankenhaus ist der weiteren 
Verschleppung von Infektionsstoff durch direkte Berührung oder indirekte 
Übertragung mit Gebrauchsgegenständen oder infiziertem Staub auf Familien¬ 
mitglieder, Hausgenossen und Besucher am wirksamsten vorgebeugt. Selbst 
in einer größeren Privatwohnung Bemittelter ist eine regelrechte Absonde¬ 
rung des Kranken schwer, vielleicht überhaupt nicht durchführbar, denn 
auch bei getrennten Zimmern bleiben mangels Schulung der umgebenden 
und pflegenden Angehörigen und geeigneter Einrichtungen mit den zur 
Krankenpflege nötigen Dingen stets Brücken und Verbindungswege zwischen 
Kranken und Gesunden für die Infektionsstoffe offen. 

„Nun aber erst in dichter belegten Behausungen! Hier können wahre 
Niststellen für eingeschleppte Krankheiten sein. Den unter ärmlichen Ver¬ 
hältnissen zusammenlebenden Menschen fehlt in der Regel jedes Urteil und 
Verständnis über Ansteckungsstoffe und ihre Verbreitung. Bei Ausbruch 
gemeinfährlicher und auch anderer ansteckender Krankheiten, wie Typhus, 
ist reichsgesetzlich vorgeschrieben, daß der Kranke bei fehlender Absonde¬ 
rungsmöglichkeit in seiner Behausung in ein mit geeigneten Einrichtungen 
versehenes Krankenhaus übergeführt werde, und die Gesundheitskommissionen, 
sowie die in den einzelnen Bundesstaaten eingeführte Wohnungsaufsicht sind 
weitere Hilfsmittel, mit denen die Besserung der Verhältnisse angebahnt ist. 
Immerhin bleibt noch sehr viel zu tun. 

„Volkstümliche Vorträge mögen gewiß etwas Gutes erzielen, doch ver¬ 
spreche ich mir nicht sehr viel davon. Es fehlt, wie Rubner 1 ) treffend 
bemerkt hat, den minder bemittelten Klassen nicht sowohl an Belehrung 
über die Ansteckungsgefahr, als an Belehrungsfähigkeit. Ich erachte einzig 
die Schule als geeignet, dem Volke ein besseres Verständnis für die Sach- 
lage, größere Achtsamkeit auf Infektionsstoffe und bessere Vorsicht bezüg¬ 
lich ihrer Abwehr anzugewöhnen. Wie es im Jahre 1899 im Anschluß an 
meinen in diesem Kreise gehaltenen Vortrag über das Bedürfnis größerer 

l ) M. Rubner, Die Wohnung und ihre Beziehung zur Tuberkulose. Die 
deutsche Klinik 1905, S. 408. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 115 

Sauberkeit im Kleinverkehr mit Nahrungsmitteln empfohlen wurde, so wäre 
es auch in der vorliegenden Frage angezeigt, wenn in den Schullesebüchern 
da und dort eine entsprechende Abhandlung aufgenommen würde. Erst 
wenn im Unterricht die Gesundheitspflege in ihr Hecht getreten sein wird, 
können wir hoffen, daß die nachfolgende Generation, und zwar im ganzen, 
dem Kampfe gegen die Seuchen nicht mehr in Unkenntnis gleichgültig ‘oder 
gar feindlich gegenübersteht. Unbedingt erforderlich ist dazu natürlich, 
daß vorher den Lehrern selbst geeignete Belehrung zuteil geworden ist. 
Darum muß hygienischer Unterricht bis zu einem gewissen Grade zuerst in 
den Lehrerbildungsschulen, auch an den Universitäten für die Mittelschul¬ 
lehrer eingeführt werden. 

„Der Staub auf der Straße kommt in gesundheitlicher Hinsicht erst 
in zweiter Linie. Doch ist seine Bekämpfung nicht minder wichtig. Seiner 
Zusammensetzung nach ist er meist anorganisch, nach Wolperts Unter¬ 
suchungen von Proben, die aus Straßenkleidern gewonnen waren, zu 92, 
selbst 95 Proz. Zu seiner Beseitigung tun bereits meteorologische Erschei¬ 
nungen das ihrige; sie allein reichen aber bekanntermaßen nicht aus, und 
wo der Mensch mit seiner Tätigkeit an der Häufung des Staubes beteiligt 
ist v muß er auch Auf Mittel und Wege sinnen, dieser vermehrten Staub¬ 
bildung in wirksamer Weise zu begegnen, sie tunlichst hintanzuhalten oder 
den erzeugten Staub bald unschädlich zu beseitigen. So bleibt denn der 
Technik die Hauptarbeit namentlich dort, wo der Verkehr den Staub erzeugt 
oder vermehrt. Uber die leitenden Gesichtspunkte und die technischen 
Fortschritte in der Frage werden wir nachher von dem Herrn Korreferenten 
sachgemäße Aufschlüsse erhalten, doch möchte ich zum Schlüsse meiner 
Besprechung noch zwei Dinge in Berücksichtigung ziehen, nämlich die Auf¬ 
stellung von Spucknäpfen auf den Straßen und die Verwendung von Flu߬ 
wasser zur Straßensprengung. 

„Ob sich die erstere allgemein durchführen läßt, erscheint mir noch 
fraglich, unter besonderen Verhältnissen, in Kurorten, namentlich wo sich 
Lungenleidende aufhalten, müssen solche Gefäße aufgestellt werden, und 
zwar in ausgedehnterem Maße, alB es bisher üblich zu sein scheint, ln 
jedem Falle müßte Vorsorge getroffen sein, daß sie nicht umgestoßen werden 
und daß nicht Hunde oder andere Tiere daraus trinken. Die in den Leit¬ 
sätzen des Herrn Korreferenten aufgeführten Spuckflächen scheinen mir 
hier das Zweckmäßigere zu sein. 

„Reichliche Besprengung der Straßen ist in jedem Falle notwendig. 
Gutes, reines Wasser dazu zu nehmen, entspricht einer Forderung, die 
M. v. Pettenkofer vor mehr als einem Vierteljahrhundert aufgestellt hat; 
Bchon Pettenkofer wandte sich eindringlich gegen die Verwendung von 
zweierlei Wasser, von Trink- und Brauchwasser. Für die Wohnungen und 
Häuser müssen wir an diesem Grundsätze möglichst streng festhalten. Für 
Straßen besprengung und ähnliche Zwecke kann aber einmal in einer Stadt, 
in der die nötige Menge guten Trinkwassers schwerer zu beschaffen ist, die 
Frage herantreten, ob dazu nicht Wasser aus einem Vorfluter genommen 
werden darf. Und für diese wohl seltenen Fälle kann man das Zugeständnis 
machen. Denn auf die Keime, die durch solches Wasser mehr als durch 
reines zugeführt werden, kommt es nicht an; wollte man die Keimzahlen 

8 * 


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116 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Augsburg. 

als maßgebend nehmen, dann dürften Straßen überhaupt nicht gesprengt 
werden, denn im gesprengten Staube sind, wie im Freiburger hygienischen 
Institut nachgewiesen wurde, immer mehr Keime als im unbesprengten vor¬ 
handen, weil sich die am trockenen Staube haftenden bei Zutritt von Wasser 
und bei geeigneter Temperatur alsbald reichlich vermehren. Als Maßgabe 
für die Zulässigkeit eines derartigen Wassers zur Sprengung, allenfalls noch 
zur Speisung von Zierspringbrunnen, aus denen kein Wasser zum Trinken 
entnommen wird, kann man gelten lassen, ob die Bevölkerung in ihm baden 
mag^oder nicht. Denn wenn man das Wasser zum Baden freigibt und dabei 
keine Krankheit fürchtet oder entstehen sieht, darf man es auch zu jenem 
Zwecke benutzen. Immerhin soll das, wie gesagt, nur für besondere Aus- 
nahmefälle gelten. 

„Nun aber bin ich an dem Punkte angelangt, wo mein Bereich aufhört. 
Ich sollte Ihnen, hochverehrte Anwesende, lediglich die Gesichtspunkte, von 
denen aus die gesundheitliche Bedeutung des Staübes betrachtet werden 
muß, darlegen. Aber bereits bin ich in das Gebiet des Herrn Korreferenten 
eingetreten, der die praktisch bedeutsame Seite der Frage beleuchten wird, 
wie man die Staubplage wirksam bekämpfen kann. tt 

Korreferent, Stadtb&umeister Nier (Dresden): 

„Meine hochgeehrten Damen und Herren! 

„Mein verehrter Herr Vorredner hat Ihnen gezeigt, warum der Staub 
zu bekämpfen ist. Ich werde über die technischen Maßnahmen sprechen, 
die geboten erscheinen, um den hygienischen Forderungen in der Wirklich¬ 
keit möglichst gerecht zu werden. Dabei wende ich mich zunächst der Be¬ 
kämpfung des Staubes auf der Straße zu, weil dies die umfangreichere und 
die Allgemeinheit besonders berührende Aufgabe ist. Im Anschluß daran 
werde ich auf die Bekämpfung des Staubes im Hause eingehen. 

„Die Staubfrage ist keine neue Frage, obwohl es vielleicht manchem 
so erscheinen mag. Es ist ja auch schließlich nicht anders zu erwarten. 
Staub hat es zu allen Zeiten gegeben. Die wie für die Ewigkeit gebauten 
Heerstraßen der Römer sind sicher ebensowenig frei davon gewesen, wie es 
die engen Gassen und Gäßchen der mittelalterlichen Städte waren und wie 
es die meisten Straßen unserer modernen Millionenmetropolen heute noch 
sind. Auch ist wohl kaum anzunehmen, daß unsere Vorfahren, wenn sie im 
Postwagen auf holprigen unebenen Wegen ihrem Reiseziele zustrebten und 
der Wind ihnen zu den mannigfachen Unbequemlichkeiten der Reise noch 
den Staub ins Gesicht blies, diese Belästigung weniger unangenehm emp¬ 
funden haben sollten, als wenn uns — den Menschen der Gegenwart — ein 
rasendes Automobil den Staub um den Kopf wirbelt. 

„In ganz anderer Beleuchtung erscheint allerdings die Frage, wenn 
man den Umfang und das Anwachsen der Staubbelästigungen in erster Linie 
ins Auge faßt. In diesem Sinne ist die Frage modern und verdankt ihre 
Aufrollung dem in den letzten Jahrzehnten überraschend stark angewach¬ 
senen Straßenverkehr. Hauptsächlich sind es die schnell fahrenden Verkehrs¬ 
mittel — Bahnen, Automobile —, die neben dem Winde den Staub in 
Massen aufwirbeln und damit für den übrigen Verkehr und die Straßen¬ 
anwohner Belästigungen schaffen, die vielfach an das Unerträgliche grenzen 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 117 

und Abhilfe dringend erfordern. Besonders die an chaussierten Straßen in 
der Nähe der größeren Städte gelegenen Ortschaften und Villenviertel, 
kleinere Städte, Badeorte leiden viel unter den von schnell fahrenden Fahr¬ 
zeugen hervorgerufenen Staubbelästigungen und werden aller Voraussicht 
nach in Zukunft noch stärker darunter zu leiden haben, wenn es nicht ge¬ 
lingen sollte, die Staubbildung auf den Straßen erheblich einzudämmen. Sie 
gänzlich zu verhindern, das ist wohl ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, 
das aber niemals voll erreicht werden wird, solange durch unsere Straßen 
noch Verkehr flutet. 

„Bei den außerordentlich günstigen Aussichten, die sich in der Jetztzeit 
der Ausbreitung des Automobilismus — sei es zu Sport-, sei es zu Nutz¬ 
zwecken — eröffnen, ist in der nächsten Zukunft mit einem kräftigen An¬ 
wachsen des Antomobilverkehres, wenn auch zunächst nur in den Städten, 
zu rechnen. Vom städtischen Standpunkte aus ist dieses mächtige Auf¬ 
streben des Automobilismus in gewisser Hinsicht freudig zu begrüßen. Der 
unbelebte Motor wird den animalischen Motor: das Pferd, mehr und mehr 
verdrängen, und jedes Pferd, das aus dem Weichbilde der Stadt verschwindet, 
entlastet die Reinhaltung, vermindert die Staubbildung und verbilligt die 
Unterhaltung der Straßen. Es scheint das viel behauptet, ist aber nicht zu 
viel gesagt! Ich werde bei meinen weiteren Ausführungen noch zeigen, 
welcher Anteil dem Pferde an der Verunreinigung der großstädtischen 
Straßen und damit auch an ihrer Verstaubung zukommt. 

„Der Automobilverkehr hat — wenn auch unbeabsichtigt — den ersten 
Anstoß gegeben, die Frage der Staubbekämpfung auf der Straße aufzurollen. 
Durch sein weiteres Anwachsen wird er auch die Frage mehr und mehr in 
ein rascheres Fahrwasser drängen. Versuche, die Staubbildung zu unter¬ 
drücken, die jetzt und in den vergangenen Jahren hier und da wohl weniger 
der Not gehorchend, als vielmehr aus allgemeinem Interesse an der Sache 
angestellt wurden, werden sich künftig in größerem Maßstabe als nötig er¬ 
weisen, und wo jetzt die städtischen Verwaltungen in natürlicher Vorsicht 
nur tastend und suchend vorwärtskommen, hier und da ansetzend, wieder 
zurückgehend und an anderer Stelle neu vordringend, aber immer ohne die 
richtige Klarheit über den einzuschlagenden Weg, da muß und wird sich 
dann aus der großen Zahl der verschiedenen Versuche, aus der unendlichen 
Mühe und Arbeit, die aufgewendet wurde, der Weg bestimmen und fest¬ 
legen lassen, auf dem ein in jeder Richtung befriedigender Erfolg erzielt 
werden kann. Ob das Ziel selbst erreicht werden wird? Es erscheint dies 
durchaus nicht so schwierig, ja es gibt sogar eine Brücke — um ein Bild 
zu gebrauchen — eine Brücke, über die ein Weg gar schnell und recht 
bequem an das erstrebte Ziel leitet. Aber so verlockend auch der Weg 
über diese Brücke erscheint, es ist doch ein recht bedenkliches „Aber“ dabei; 
das Brückengeld ist nämlich ein sehr hohes, ja ein so hohes, daß man sich 
hüten wird, es zu bezahlen, wenn es nicht aus anderen Gründen geboten 
ist. Ich will Ihnen an einem recht grellen Beispiel den Weg über diese 
Brücke zeigen. Die Staubbildung der chaussierten Straßen läßt sich mit 
einem Schlage fast um 100 Proz. eindämmen, wenn man sie in Asphalt¬ 
straßen umwandelt und auch so unterhält und pflegt, wie wir dies an unseren 
verkehrsreichen Asphaltstraßen gewöhnt sind. Der technische Erfolg einer 


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118 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

solchen Maßnahme würde sicher ein sehr guter und allseitig befriedigender 
sein, und doch wird natürlich niemand einen solchen Weg im Ernste 
empfehlen können, aus dem einfachen Grunde, weil die Aufwendungen im 
Mißverhältnis zu dem Erzielten stehen würden. Ich bin damit bei der 
Hauptschwierigkeit angelangt, die sich der gründlichen und erfolgreichen 
Bekämpfung des Straßenstaubes in der Praxis entgegen stellt und bis zum 
heutigen Tage eine allseitig befriedigende Lösung noch nicht gefunden hat: 
ich meine die Schwierigkeit, die Unterdrückung und Beseitigung des Staubes 
mit einem solchen Aufwands zu erreichen, der nach der üblichen An¬ 
schauung in einem angemessenen Verhältnis zu dem beabsichtigten Zwecke 
und erreichbaren Erfolge steht. Ich weiß wohl, diese Schwierigkeit ist 
durchaus nicht die einzige in der Frage der Staubbekämpfung, aber sie 
ist wohl die größte von allen und muß naturgemäß für viele Gemeinden, 
besonders für die weniger kapitalkräftigen unter ihnen, bis zu einem ge¬ 
wissen Grade von ausschlaggebender Bedeutung sein. Die Staubfrage ist 
im wesentlichen nur eine Geldfrage, und ihre Lösung wird erst schwierig 
durch die Forderung: Aufwand und Erfolg in angemessenem gegenseitigen 
Verhältnis zu halten. 

„Die Erkenntnis, daß der Staub ein gar schlimmer Feind der Mensch¬ 
heit ist, nicht nur in gesundheitlicher, auch in wirtschaftlicher und verkehrs¬ 
technischer Beziehung, ist glücklicherweise schon in weite Kreise der Be¬ 
völkerung vorgedrungen. Mehr und mehr kommt es der Allgemeinheit zum 
Bewußtsein, welche Mengen von industriellen Erzeugnissen und Nahrungs¬ 
mitteln alljährlich auf der Straße, in den Läden und in den Wohnungen 
unter der Einwirkung des Staubes zu leiden haben, an Wert verlieren und 
schließlich vorzeitig zugrunde gehen. Es sind ohne Zweifel ganz erhebliche 
Summen, die dadurch jahraus, jahrein dem Volksvermögen entzogen werden. 
Wie manches schwere Straßenunglück ist schon geschehen und hat viel Leid 
geschaffen, bei dem die Schuld den Staub trifft, weil er aufgewirbelt den 
Überblick über die Verkehrsbahn erschwerte oder im entscheidenden Augen¬ 
blick dem Verunglückten das Augenlicht trübte. Aber es regen sich nunmehr 
auch überall die Bestrebungen, dem Staube kräftig auf den Leib zu rüoken. 
Überall im Inlande wie im Auslande sind die städtischen und staatlichen 
Behörden, sind private Vereine und Gesellschaften und nicht zuletzt auch 
die Industrie, wenn auch mehr im eigenen Nutzen, an der Arbeit, um Mittel 
und Wege zu erforschen, wie man den Staub möglichst unterdrücken und 
unschädlich machen kann. 

„Je genauer wir uns mit dem Wesen des Staubes, mit seinen Eigen¬ 
schaften und Eigenarten vertraut machen, je besser wir die Ursachen seiner 
Entstehung, die Gründe seines Auftretens und Bleibens durchschauen, kurz, 
je mehr wir über seine Existenzbedingungen im klaren sind, mit um so 
größerer Aussicht auf Erfolg können wir an die Aufgabe der Staubbekämp¬ 
fung herantreten. Leicht ist sie nicht, und ein Allheilmittel gibt es auch 
nicht dafür. Sie werden sehen: viele Faktoren müssen Zusammenarbeiten, 
müssen Hand in Hand gehen, wenn der Kampf zum Erfolg führen soll. Es 
ist kein großer Kampf der Massen, es ist ein Kleinkrieg! Viel Kleinarbeit 
muß dabei geleistet werden, Kleinarbeit, die große, sehr große Lust und 
Liebe zur Sache erfordert! Aber die Aussichten sind günstig! Die Mensch- 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 119 

heit hat in schwereren Kämpfen das Feld behauptet, weshalb sollte es in 
der Staubfrage anders sein? — 

„Was ist Staub und wie entsteht Staub? 

„Nehmen wir einem Straßenkehrer, der eben im Begriffe ist, eine ver¬ 
kehrsreiche Großstadtstraße zu säubern, ein wenig von seinem feinkörnigen 
Sammelgute hinweg und betrachten es in Muße. Kleine Sandkörnchen, 
Spreu, Strohstückchen, Fasern, Papierrestchen können wir mit freiem Auge 
unterscheiden. Daneben liegt noch ein pulverförmiges Etwas von unschein¬ 
barer grauer Farbe. Die Lupe gibt uns weiter Aufschluß. Scharfe Quarz- 
bröckelchen, feine Fäserchen, Härchen, Rußstückchen, Lederteilchen und 
Ähnliches zeigt uns das Vergrößerungsglas. Aber wir vermuten, daß noch 
feinere Teilchen darunter sind, und das Mikroskop bestätigt unsere Ansicht. 
Recht unangenehm sieht diese Welt im kleinen aus, die sich da vor uns 
auftut und die dem bloßen Auge entzogen ist. Da liegen Steinsplitterchen 
mit nadelspitzen Ecken und scharfen Kanten in Menge, hier und da ein 
Metallblättchen, ein Holzsplitterchen, kleine Hautschüppchen und sonstige 
Körperchen und dazwischen hineingesäet feine und feinste Pünktchen. Bak¬ 
terien sind in Unzahl darunter, harmlose und weniger harmlose. Eine recht 
nette Gesellschaft ist dies doch, die in dem Häufchen Kehricht enthalten ist! 
Und das wirbelt alles lustig in der Luft durcheinander, wenn der Wind es 
aufrührt, wogt in Wolken hinter jedem Automobil her, das in raschem Laufe 
mit seinen breiten Gummireifen den Staub von der Straßenfläche absaugt, 
in die Höhe reißt und im nachziehenden Vakuumwirbel durcheinandermengt. 
Man darf sich nicht wundern, daß solcher Großstadtstaub, besonders wenn 
noch ungünstige Witterungsverhältnisse — scharfe kalte Ostluft — die 
Atmungsorgane schon empfindlich gemacht haben, dem menschlichen Orga¬ 
nismus gar mancherlei Schäden zufügt, Schäden, die noch als verhältnis¬ 
mäßig gering zu bezeichnen sind, wenn sie nur in vorübergehenden Rei¬ 
zungen und Entzündungen der Atmungswege bestehen. Aber auch dann 
wird der Verlust an menschlicher Arbeitskraft und Arbeitsenergie schon 
groß genug sein, denn nur ein gesunder Körper ist voll leistungsfähig. Jede 
Störung des gesundheitlichen Gleichgewichtes muß einen Ausfall an Energie 
zur Folge haben. Wie groß dieser Ausfall sein wird, vermag ich nicht zu 
überblicken, aber ich habe das Gefühl, daß sich eine erschreckend hohe Zahl 
ergeben würde, wäre man imstande, den jährlichen Energieverlust in Deutsch¬ 
land zu ermitteln, eine Zahl, die im Wirtschafstieben des deutschen Volkes 
sicher nicht ohne Bedeutung sein kann. 

„Seiner Entstehung nach läßt sich der Straßenstaub in zwei große 
Hauptarten trennen, zwischen denen bei der Bekämpfung scharf unter¬ 
schieden werden muß. Die eine Art umfaßt allen denjenigen Staub, der 
durch Zertrümmerung, Abschleifung und Zerfall der Straßenbefestigung, der 
sogenannten Straßendecke, wie der technische Ausdruck lautet, entsteht, der 
also nichts anderes ist als fein zerriebenes Straßen material. Ich will ihn 
kurz als „Deckenstaub u bezeichnen. Die zweite Art umfaßt allen Staub, 
der durch den Straßenverkehr — Personen, Tiere, Fahrzeuge — auf die 
Verkehrsfläche gebracht wird oder aus den Verkehrs Verunreinigungen ent¬ 
steht. Diesen Staub will ich „Verkehrsstaub" benennen. Es ist hierbei 
besonders hervorzuheben, daß fast jede Straßenverunreinigung mittelbar 


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120 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

oder unmittelbar zur Staubbildung in größerem oder geringerem Maße bei¬ 
trägt. Der Straßenverkehr zerreibt und zerschleift die Verunreinigungen, 
besonders bei günstiger Witterung, in ganz kurzer Zeit, weshalb vom Stand¬ 
punkte einer energischen Staubbekämpfung sehr großer Wert darauf zu 
legen ist, daß die Verkehrsverunreinigungen so bald als möglich von der 
Straße entfernt werden, damit der Verkehr nicht Zeit findet, sie zu zerstäuben. 

„Der Decken staub besteht zum weitaus größten Teile aus mineralischen 
Stoffen, Quarz und allerhand Steinteilchen, Asphaltbröckelchen, und auf Holz- 
straßen mischen sich wohl auch noch etwas Holzteilchen darunter. Der 
Verkehrsstaub dagegen setzt sich aus den allerverschiedensten Stoffen zu¬ 
sammen. Besonders vorherrschend sind jedoch die tierischen Exkremente 
und davon wieder in allererster Linie diejenigen des Pferdes. Welcher 
große, um nicht zu sagen berüchtigte Einfluß in dieser Hinsicht dem Pferde 
zukommt, mögen Sie daraus erkennen, daß z. B. in Dresden von der ge¬ 
samten etwa 50000 cbm betragenden Jahres - Kehrichtmenge mindestens 
30 000 cbm nur aus Pferdeexkrementen bestehen. 30 000 cbm klingt nicht 
nach viel, daß es aber wirklich viel ist, wird Ihnen sofort einleuchten, wenn 
ich sage, daß man damit einen Eisenbahnzug von 30km Länge beladen 
kann. Angesichts solcher Massen wird 68 verständlich, daß man die ver¬ 
kehrsreichen Großstadtstraßen zwar etwas derb, aber mit einem Körnchen 
Wahrheit als „Pferdeställe“ bezeichnet hat. Verschwindet das Pferd aus 
dem Weichbilde der Städte, wozu freilich zurzeit noch wenig Aussicht vor¬ 
handen ist, so wird von den Straßen ein sehr großer Teil der jetzigen Ver¬ 
unreinigungen ferngehalten werden, die Reinhaltung der Straßen wird 
erleichtert und verbilligt und die Staubbildung bei sonst ungeänderten Ver¬ 
hältnissen vermindert werden. 

„Als wichtigere sonstige Verkehrsverunreinigungen, die jedoch hin¬ 
sichtlich ihrer Menge sehr hinter den Pferdeexkrementen zurückstehen, 
treten auf: Ruß aus den häuslichen Feuerungsanlagen, Lederstaub von den 
Schuhen der Straßenpassanten, abgefahrene Eisenteilchen von den eisernen 
Radreifen der Geschirre und von den Straßenbahnschienen, von anderen 
Flächen übergewehter und übergeschleppter Schmutz, Streukies, der zum 
Abstumpfen glatter und schlüpfriger Flächen aufgebracht wurde, allerhand 
Verunreinigungen durch undichte Wagen (Kohlen, Asche, Sand, Steine usw.), 
Laub von den Straßenanpflanzungen, Stoffasern, Papier- und Zigarren¬ 
stückchen, Spuckreste und ähnliches mehr. Glauben Sie ja nicht, daß diese 
Stofle von untergeordneter Bedeutung für die Staubbildung sind, sie treten 
in ganz merkbaren Mengen auf. Ich will Ihnen dafür nur ein Beispiel 
geben, und zwar dafür, was alles im Jahre an den Schuhsohlen abgelaufen 
wird. Ein Paar Schuhsohlen wiegen etwa 300 g. Nimmt man an, daß der 
Durchschnittsmensch im Jahre seinem Schuhmacher etwa viermal in die 
Hände fällt, so beträgt sein Verbrauch an Sohlenleder im Jahre 1200g. 
Wird davon nur die Hälfte auf den öffentlichen Verkehrsflächen zu Staub 
verschliffen, so erzeugt eine Stadt von 500000 Einwohnern jährlich 300000 kg 
oder etwa 30 Eisenbahnwagenladungen voll Lederstaub, also eine ganz an¬ 
sehnliche Menge. Berlin mit seinen Vororten bringt es nach dieser über¬ 
schlägigen Schätzung jährlich auf 180 Eisenbahnwagenladungen voll Leder¬ 
staub. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 121 

„Wohl die unangenehmste, infolge ihres infektiösen Charakters in ge¬ 
sundheitlicher Hinsicht sicher aber die gefährlichste Verunreinigung bilden 
die Spuckreste auf den Gangbahnen der verkehrsreicheren Straßen. Es ist 
wirklich nicht recht zu verstehen, daß man sich in Deutschland, wo doch 
die Sauberkeit zu Hause ist, eigentlich noch so wenig gegen diese Art der 
Straßen Verschmutzung wehrt. Wenn es erst gelingt, die Spuckreste zum 
größten Teil unschädlich zu machen, ehe sie vertrocknen und zu Staub zer¬ 
rieben werden, dann wird dem Straßenstaube ein ziemlicher Teil seiner Ge¬ 
fährlichkeit genommen sein. Ich werde weiterhin noch besonders auf diese 
Frage zurückkommen. 

„Werfen wir jetzt noch einen Blick auf die Art und Form, in der der 
Staub auf unseren Verkehrsflächen auftritt, und auf seine Gefährlichkeit im 
allgemeinen Sinne. 

„Die größten Staubbildner unserer Straßen sind zweifellos die weich 
befestigten Straßenteile: nämlich die Schotter- und Kiesbahnen, wie sie für 
Überlandstraßen und ruhige Wohnstraßen fast überall üblich sind, aber auch 
noch in vielen Städten — meistens aus finanziellen Gründen — für verkehrs¬ 
reichere Fahr- und Gangbahnen Verwendung finden. Auf ihnen ist der 
Deckenstaub in weit überwiegender Menge vorhanden, der Verkehrsstaub 
tritt fast ganz zurück. Gerade umgekehrt liegt das Verhältnis bei den hart 
befestigten undurchlässigen Straßenflächen, zu denen zu rechnen sind die 
fugenlosen Asphalt- und Zementbahnen, sowie alle Befestigungsarten mit 
Steinen oder Platten, deren Fugen durch ein Dichtungsmittel (Asphalt, 
Zement usw.) geschlossen sind. Hier überwiegt der Verkehrsstaub, und der 
Deckenstaub tritt nur in verschwindender Menge auf. Eine Mittelstellung 
zwischen den weich und hart befestigten Flächen nehmen die überall viel 
verwendeten gewöhnlichen Pflasterungen ein, bei denen Steine und Platten 
in Sand versetzt, die Fugen aber nicht gedichtet sind. Diese Fugen sind 
streng genommen nichts anderes, als weich befestigte Flächenteile. Je nach 
dem größeren oder geringeren Anteil, den die Fugen von der gesamten 
Fläche ausmachen, werden sich derartige Befestigungsarten mehr der weichen 
oder mehr der harten Befestigung nähern, und etwa entsprechend wird sich 
auch das Mengenverhältnis ihres Decken- und Verkehrsstaubes gestalten. 

„Bei dem Begriff Staubbelästigung ist man immer gewohnt, an staubige 
Landstraßen zu denken, auf denen jeder stärkere Luftzug Staubwolken auf¬ 
wirbelt und jedes schneller dahinrollende Gefährt lange Staubschwaden nach 
sich zieht. Gewiß, solche Straßen sind staubige Straßen erster Ordnung, 
und die Unterdrückung ihres Staubes ist als eine der Hauptaufgaben einer 
zielbewußten Staubbekämpfung zu betrachten. Aber es gibt auch viele 
städtische Straßen, deren Staubbildung zwar erheblich geringer ist, bei 
denen aber trotzdem die Unterdrückung der verhältnismäßig geringen Staub¬ 
menge in gesundheitlicher Hinsicht als nötiger und dringlicher bezeichnet 
werden muß als bei den staubreicheren Landstraßen. 

„In allererster Linie ist der Staub zu bekämpfen aus hygienischen 
Rücksichten, in zweiter Linie kommen erst die verkehrstechnischen, wirt¬ 
schaftlichen und sonstigen Gesichtspunkte. Wir sagen, der Staub ist um so 
gefährlicher, je mehr er Bestandteile und Stoffe enthält, die geeignet sind, 
uns Menschen gesundheitlich zu schädigen. Die verschiedenen Staubarten 


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122 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

werden sich in dieser Hinsicht durchaus nicht gleich verhalten. Es kann 
wohl als erwiesen angenommen werden, daß z. B. unter sonst gleichen Ver¬ 
hältnissen der Verkehrsstaub belebter Großstadtstraßen, besonders infolge 
seines Gehaltes an Krankheitskeimen, viel schädlicher wirkt als der wesent¬ 
lich harmlosere Deckenstaub verkehrsarmer Schotterstraßen. Die der mensch¬ 
lichen Gesundheit aus dem Staube drohende Gefahr, ich will sie als Staub¬ 
gefahr bezeichnen, ist daher zunächst abhängig von der Beschaffenheit des 
Staubes. Es erscheint möglich, den Straßenstaub nach gewissen Gesichts¬ 
punkten in einzelne Klassen zu ordnen und jeder Klasse nach ihren beson¬ 
deren Eigenschaften einen bestimmten Gefahrenwert a beizulegen. 

„Es ist ferner wohl ohne weiteres einleuchtend, daß die drohende Gefahr 
annähernd wächst mit der Menge des Staubes, der sich auf der Verkehrs¬ 
fläche ansammelt und gleichfalls wächst mit der Größe des Personenverkehrs, 
der über die verstaubte Fläche hinwegflutet. Denn je mehr Menschen der 
Möglichkeit ausgesetzt werden, gefährlichen Staub einzuatmen, um so größer 
erscheint die Gefahr, daß der — als einheitliches Ganze gedachte — Gesund¬ 
heitszustand dieser Menschenmenge Schaden leidet. Die wechselnde Größe 
der Staubgefahr läßt sich daher in einem Ausdrucke wiedergeben. Sie ist 
im wesentlichen ein Produkt aus drei verschiedenen Werten: aus dem Ge¬ 
fahrenwert der Staubart, der Staubmenge und der Stärke des Personen¬ 
verkehrs, also: G- = u . x . y. 

„Hierin ist: 

ol eine Maßzahl für den Gefahrenwert der Staubart, 
x eine solche für die Staubmenge, 
y eine solche für die Stärke des Personenverkehrs. 

Die einwandfreie Ermittelung der Gefahrenwerte ol für die verschiedenen 
Staubklassen wird nicht leicht sein. Darauf brauchen wir aber hier nicht 
einzugehen. 

„Solange die Staubmenge x und die Stärke des Personenverkehrs y 
nicht in gegenseitiger Abhängigkeit stehen, was z. B. für den Deckenstaub 
gilt, der hauptsächlich vom Geschirrverkehr, weniger vom Personenverkehr 
erzeugt wird, so ändert der Ausdruck seine Form nicht. Wenn aber x ab¬ 
hängig wird von y, sich proportional dem y ändert, wie es bei allem Staub 
der Fall ist, der vom Personenverkehr erzeugt wird (mit besonderem Hinweis 
auf den Staub aus Spuckresten), dann kann angenähert x — ß.y gesetzt 
werden, worin ß ein fester Zahlenwert ist, und es wird dann: 

G = u.ß.y2, 

d. h. die Gefahr, die der menschlichen Gesundheit aus solchem Staube droht, 
wächst mit dem Quadrat der Verkehrsstärke. Wenn daher auf einer Gro߬ 
stadtstraße unter sonst ungeänderten Verhältnissen der Personenverkehr sich 
verzehnfacht, so wächst die Staubgefahr, aber wohlgemerkt nur diejenige, 
die durch den menschlichen Verkehrsstaub hervorgerufen wird, etwa auf die 
100fache Größe an. Sie wollen daraus entnehmen, daß der Straßenstaub 
von städtischen Straßen mit regem Personenverkehr ganz besonderer Auf¬ 
merksamkeit bedarf, und daß die Bekämpfung und Unterdrückung solchen 
Staubes trotz seiner relativ geringen Menge unter gewissen Verhältnissen 
wichtiger und dringlicher sein kann, als die Beseitigung von größeren Staub¬ 
mengen auf verkehrsarmen Schotterflächen und abgelegenen Landstraßen. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


123 


„Die Staubgefahr liegt nicht draußen auf einsamen Land¬ 
straßen und stillen Wohnstraßen, nein, drinnen im Zentrum der 
Städte, wo der Verkehr flutet, da liegt die Staubgefahr! 

„Nach diesen allgemeinen Bemerkungen über die Arten und Eigen¬ 
schaften des Straßenstaubes wende ich mich nunmehr den Maßnahmen zu, 
deren Endziel ist, die Verkehrsflächen nach Möglichkeit staubfrei zu erhalten. 
Der Weg, den man hier einzuschlagen hat, ist ein doppelter, ln erster Linie 
muß die Staubbildung überhaupt erschwert und soweit als irgend erreichbar 
eingeschränkt werden; in zweiter Linie ist dafür Sorge zu tragen, daß bereits 
gebildeter Staub, gleichviel ob vermeidlicher oder unvermeidlicher, so weit 
unschädlich gemacht wird, daß er Staubbelästigungen nicht mehr bervor- 
rufen kann. Was müssen wir tun, um dieses Ziel zu erreichen? Die Beant¬ 
wortung der Frage greift nahezu gleichmäßig auf drei verschiedene wichtige 
Gebiete städtischer Technik über: auf den Straßenbau, die Straßenreini¬ 
gung und die Straßenbesprengu ng. Auf keinem dieser drei Gebiete 
allein können die Bestrebungen zu einem ersprießlichen Ende führen, wenn 
sie nicht gleichzeitig durch die gleichen Bestrebungen auf den beiden 
anderen Gebieten unterstützt werden. Nur durch geschlossenes Zusammen¬ 
wirken, durch inniges Handinhandgehen auf allen drei Gebieten läßt sich 
ein gutes Ergebnis erzielen. Dazu hat beizutragen: 

1. der Straßenbau: durch Verbesserung unserer Straßen¬ 

befestigungsarten, 

2. die Straßenreinigung: durch andauernde sorgfältige Rein¬ 

haltung aller Verkehrsflächen, 

3. die Straßenbesprengung: durch ausgiebige Besprengung 

der Verkehrsflächen mit Wasser oder sonst geeig¬ 
neten Lösungen. 

„Gegen den Deckenstaub kämpfe der Straßenbau, gegen den 
Verkehrsstaub die Straßenreinigung, und was dann noch übrig 
bleibt als zwar unliebsamer, aber unvermeidlicher Rest, das suche 
man unschädlich zu machen durch ausgiebige Besprengung! — 

„Versucht man die wichtigeren der Straßenbefestigungsarten in einer 
Reihe zu ordnen nach dem größeren oder geringeren Maße, in dem sie 
Deckenstaub unter sonst gleichen Verhältnissen entwickeln, so erhält man 
eine Stufenleiter, an deren unterster Stelle die größten Staubbildner: die 
Schotter- und Kiesbahnen, stehen, während die oberste Stufe von den As¬ 
phaltbahnen eingenommen wird. Dazwischen reihen sich noch in etwa drei 
Hanptgruppen die übrigen üblichen Befestigungsarten ein. 

Gruppe 1: Schotter- und Kiesbahnen (auch unbefestigte Flächen), 
„ 2: Steinpflaster ohne Fugendichtung (Sandfugen), 

„ 3: Steinpflaster mit Fugendichtung (Zement-Asphaltfugen¬ 

verguß), 

„ 4: Zementmakadam und ähnliche fugenlose Befestigungs¬ 

arten, 

„ 5: Stampfasphalt (auch Hartholzpflaster). 

Durch schrittweisen Übergang von einer Gruppe zur anderen ist die Mög¬ 
lichkeit gegeben, den Deckenstaub geringer zu halten. Der auffälligste 
Sprung findet statt zwischen Gruppe 1 und 2. Man erzielt bei diesem 


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124 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zn Augsburg. 

Übergange eine Deckenstaubverminderung, die zum mindesten 75 Proz. 
beträgt. 

„Selbstverständlich werden auch in den einzelnen Gruppen noch reich¬ 
liche Unterschiede in der Deckenstaubbildung zu beobachten sein, je nach 
dem größeren oder geringeren Widerstande, mit dem die einzelnen Mate¬ 
rialien der Schleifwirkung des Verkehrs standhalten. Das härtere, zähere 
Material wird dem weicheren, brüchigen überlegen sein. Eine Basalt¬ 
schotterbahn wird sich weniger leicht abschleifen und daher auch weniger 
Schlamm und Staub bilden, als unter sonst gleichen Verhältnissen eine 
Granit- oder Syenitschotterbahn, und diese wieder weniger leicht als solche 
aus ganz weichem Gestein. Neben der Härte spielt auch die Gleichmäßigkeit 
der Abnutzung eine Rolle. Es ist eine im Straßenreinigungsbetrieb ganz be¬ 
kannte Erscheinung, daß eine Verkehrsfläche sich um so leichter und gründ¬ 
licher sauber und staubfrei halten läßt, je ebener ihre Oberfläche ist und 
sich auch unter der zerstörenden Wirkung des Verkehrs eben erhält. Pflaster- 
steinmaterial mit geraden Köpfen, das sich seine geraden Köpfe auch im 
Verkehr bewahrt und nicht durch Kantenbrüche allmählich rund wird, ver¬ 
dient den Vorzug. Nach dieser Richtung ist z. B. der in Sachsen viel ver¬ 
wendete Grünstein (Diabas) dem härteren Basalt überlegen. 

„Für Steinpflaster mit Fugenverguß — Gruppe 3 — ist die Gleich¬ 
mäßigkeit der Gesteinsabnutzung von etwas geringerer Bedeutung, nament¬ 
lich, wenn harte Fugendichtung mit Zement gewählt und bei der Ausführung 
Wert darauf gelegt wird, daß der Fugenverguß möglichst gleiche Härte und 
Schleiffestigkeit besitzt wie das Steinmaterial selbst. Bei weicher Fugen¬ 
dichtung mit Pech, Asphalt oder dergleichen kann aber die Bildung von 
runden Steinköpfen mit ihren die Verschmutzung und Staubbildung be¬ 
günstigenden weiten Fugentrichtern noch leicht eintreten, wenn dem nicht 
durch vorsichtige Auswahl des Gesteins vorgebeugt wird. 

„Besondere Aufmerksamkeit ist der Fugenausbildung bei dem gewöhn¬ 
lichen in Sand gesetzten Steinpflaster — Gruppe 2 — zu widmen. Die 
Sandfuge ist streng genommen nichts weiter als eine bekieste Fläche. Je 
größer daher der Bruchteil ist, den die Fugen von der gesamten Fläche aus¬ 
machen, um so mehr nähert sich die Pflasterung der bekiesten Fläche, d. h. 
um so größer wird die Staubbildung sein. Das Verhältnis der Fugenfläche 
zur Steinfläche ist ziemlich veränderlich. In ungünstigen Fällen kann die 
zwischen den Pflastersteinen liegende staubbildende Kiesfläche bis zu Vs der 
ganzen Pflasterfläche anwachsen. Die Forderung, die Pflasterfuge recht eng 
zu halten, ist hiernach ohne weiteres verständlich. Dem kann aber nur ent¬ 
sprochen werden mit Material, das sich besonders gleichmäßig und in ebenen 
Flächen bearbeiten läßt. Der Kunststein mit seinen ganz gleichmäßigen 
Formen und ebenen Flächen ist unter diesem Gesichtspunkte in vielen Fällen 
dem natürlichen Gestein weit überlegen. 

„Weiter ist bei der Wahl der Befestigungsart noch Wert darauf zu 
legen, daß die Straßenfläche recht gut sauber gehalten werden kann. Dieser 
Punkt verlangt eine ebene Befestigungsart, die sich auch im Verkehr eben 
erhält und die, wenn möglich, von solcher Beschaffenheit sein sollte, daß die 
für gründliche Staubunterdrückung beste Reinigungsart, die Waschreinigung, 
angewendet werden kann. Ich werde noch später besonders auf diese Reini- 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


1*25 


gungsart zu sprechen kommen. Die Waschreinigung ist nur bei fugenloser 
oder gedichteter Oberfläche zu empfehlen, da bei nicht gedichteten Flächen, 
z.B. bei gewöhnlichen Steinpflasterungen, die Fuge leicht vom Reinigungs¬ 
wasser ausgewaschen und die Straßendecke gefährdet wird. Am besten 
eignen sich für die Waschreinigung die Asphalt-, Hartholz- und Zement- 
makadambahnen, weniger gut die Pflasterungen mit Fugenverguß, diese 
letzteren aber nur dann, wenn ihre Oberfläche recht eben und gleichmäßig 
ist, damit das Schmutzwasser gut ablaufen kann und nicht in Vertiefungen 
stehen bleibt. Im anderen Falle erscheint die Waschreinigung bei diesen 
Flächen aus betrieblichen und wirtschaftlichen Gründen unzweckmäßig. 

„Daß endlich jeder Verkehrsfläche ihre guten Eigenschaften durch sorg¬ 
fältige Straßenunterhaltung dauernd gesichert werden, ist so selbstverständ¬ 
lich, daß sich ein weiteres Eingehen auf diesen Punkt erübrigt. 

„Dies sind im großen und ganzen die Hauptgesichtspunkte, die der 
Straßenbauer scharf im Auge zu behalten hat, wenn er sich für eine neu 
anzulegende oder umzubauende Straße die Grundlage einer künftigen an¬ 
gemessenen Staubfreiheit nach Möglichkeit sichern will. Ich sage absichtlich 
nach Möglichkeit, denn die Staubfrage mit ihren Forderungen kann und 
wird natürlich nur in seltenen Fällen allein entscheidend sein für die Wahl 
der Befestigungsart. Man müßte ja sonst in folgerichtiger Anwendung der 
besprochenen Gesichtspunkte fast nur Asphaltstraßen bauen. Die Staub¬ 
frage bildet gewöhnlich nur ein Gewicht, das zugunsten der einen oder der 
anderen Befestigungsart mit in die Wagschale geworfen werden kann, der 
Schwerpunkt der Entscheidung liegt meistens auf anderem Gebiete. Da 
sprechen die Lage der Straße, ihr Charakter, ihr Untergrund, ihre Steigungs¬ 
verhältnisse, ihr Verkehr und zuletzt nicht am wenigsten auch die Geldfrage 
ein sehr gewichtiges Wort mit. Die ersteren Punkte sind mehr bau- und 
verkehrstechnischer Art und können hier unerörtert bleiben. Der Geldfrage 
müssen wir aber etwas näher treten. 

„Ich habe schon darauf hingewiesen, daß die Hauptschwierigkeit einer 
erfolgreichen Staubbekämpfung darin zu suchen ist, die Aufwendungen in 
einem nach den bestehenden Anschauungen angemessenen Verhältnis zum 
erreichbaren Erfolg zu halten. Nun, wir haben einen Weg kennen gelernt, 
die Deckenstaubentwickelung unserer Verkehrsflächen stufenweise abzu¬ 
mindern , nämlich durch schrittweisen Übergang von den Schotter- und 
Kiesbahnen über verschiedene Pflasterarten hinweg zu den fast staubfreien 
Asphalthahnen. Das ist zwar im allgemeinen der Weg, der über die Brücke 
mit dem hohen Brückengelde führt, aber vielleicht ist er doch für uns eine 
Strecke weit gangbar, ohne daß die befürchtete unverhältnismäßig hohe geld¬ 
liche Belastung eintritt. Wollen wir darüber Klarheit gewinnen, so müssen 
wir die Kosten kennen, die die Herstellung, die sachgemäße Unterhaltung 
und Reinhaltung der verschiedenen Straßenbefestigungen verursacht. 

„Es ist immer eine mißliche Sache, vergleichende Berechnungen über 
den Wert verschiedener Straßenbefestigungen anzustellen, weil die Kosten 
zu sehr mit den örtlichen Verhältnissen schwanken und weil sich für die 
Dauer der Befestigungen allgemein gültige Formeln nicht entwickeln lassen. 
Man muß zu gewissen Annahmen greifen, von denen man nicht genau weiß, 
ob sie ganz zutreffend sind, die sogar falsch sein können, wenn man sie ohne 


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Aufwand für verschiedene Straßenbefestigungen bei gleichgroßem mittelstarkem Verkehr. (Berechnet für 1 qm Fläche.) 


126 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


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weiteres auf andere Städte 
anwenden wollte. In diesem 
Sinne sind die Ergebnisse bei- 
stehender Tabelle aufzufassen. 
Sie ist auf Dresdener Verhält¬ 
nissen aufgebaut unter Zu¬ 
grundelegung möglichst glei¬ 
cher Verkehrszahlen für die 
verglichenen Befestigungsar¬ 
ten. Der Wert ist bei den 
Zahlen weniger auf die Höhe 
der einzelnen Kosten, als viel¬ 
mehr auf ihr gegenseitiges 
Verhältnis zu legen (Spalte 15 
und 16). Es ist wahrscheinlich 
daß in anderen Städten sich 
andere Kostenwerte ergeben, 
ihr Verhältnis dürfte aber von 
den Dresdener Zahlen beson¬ 
ders erheblich nicht abweichen. 

„Vergleicht man den ge¬ 
samten Jahresaufwand für Ver¬ 
zinsung des Anlagekapitals, 
Erneuerungskosten, Unterhal¬ 
tung, Reinigung und Bespren- 
gung, so stehen diese Werte, 
wie Spalte 15 zeigt, für die 
verschiedenen Fahrbahnbefe- 
stigungBarten im Verhältnis 
1:1,06:1,17:1,27:1,74, d. h. 
sie sind für Schotter- und Klein¬ 
steinpflaster nahezu gleich. 
Läßt man die Kosten der 
erstmaligen Herstellung ganz 
außer Betracht, rechnet man 
sie gleichsam ä fond perdu, so 
lauten die Vergleichszahlen, 
wie Spalte 16 zeigt, 1:0,94 
: 0,85:1,12:1,57, d. h. Klein¬ 
steinpflaster und Steinpflaster 
sind dem Schotter überlegen. 
Ganz ähnlich liegen die Ver¬ 
hältnisse für Kies- und Klein¬ 
pflastergangbahnen. 

„Es läßt sich aus alledem 
zunächst nur der eine Schluß 
ziehen: Vom Standpunkte der 
Staubfrage und in Berücksich- 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 127 

tignng des Kostenpunktes ist die Herstellung von Schotter- und Kiesbahnen 
mit ihrer großen Staubbildung zu vermeiden, und dafür ist lieber auf gute 
Pflasterung, besonders auf die einen immer größer werdenden Kreis von 
Anhängern gewinnende Kleinsteinpflasterung zuzukommen. Selbst wenn 
man für die Schotterbahnen günstigere, für die Pflasterbahnen ungünstigere 
Verhältnisse, als wie in der Tabelle angenommen, zugrunde legt, bleibt der 
Kostenunterschied zwischen Schotterung und Pflasterung immer noch so 
niedrig, daß er meiner Ansicht nach als recht angemessener Preis für die 
Staubverminderung gelten kann, die man dafür erkauft. Man darf nicht 
vergessen, daß beim Ersatz der Schotterung durch gute Pflasterung die Staub¬ 
bildung ganz beträchtlich, um mindestens 75 Proz., und bei guter Reinhaltung 
und Fugenverguß wohl auch bis 90 Proz. zurückgeht. Ich erblicke 
zurzeit einen sicheren und dabei wohlfeilen Weg, die Staub¬ 
bildung der Schotterstraßen einzudämmen, in der Umwandlung 
der Schotterdecke in Kleinsteinpflasterung. Das Kleinsteinpflaster 
wird aller Voraussicht nach in der nächsten Zukunft in erfolgreichen Wett¬ 
bewerb mit der Beschotterung treten und nicht nur auf den städtischen, 
sondern auch auf manchen ländlichen und Überlandstraßen. 

„Aber, so werden Sie mit Recht fragen, weshalb baut man denn da 
noch Schotterstraßen und ersetzt die vorhandenen nicht durch Pflasterung? 
Sie wollen dabei bedenken, daß die ganze Staubfrage mit ihren Forderungen, 
mit ihren Versuchen und Untersuchungen so recht eigentlich erst in den 
letzten zehn Jahren aufgerollt ist, und daß eben erst die jüngste Gegenwart 
sieb in der Lage befindet, verläßlichere Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. 
Auch die günstigen Ergebnisse mit dem Kleinsteinpflaster sind, soweit 
städtische Verhältnisse in Frage kommen, erst ein Erfolg der allerletzten 
Jahre. Sie wollen weiter bedenken, daß der Schotterstraße gewisse Vorzüge 
anderer Art zukommen, die der Pflasterstraße, auch der Kleinsteinpflasterstraße 
fehlen. Die Schotterstraße ist eine fast geräuschlose Straße, sie läßt sich 
bequem und leicht, im Bedarfsfälle auch von ungelernten Arbeitern aus¬ 
bessern und ist in der ersten Herstellung die billigste Straßenbefestigung. 
Der letztere Grund ist von ausschlaggebender Bedeutung, ln vielen Städten 
werden die Kosten der erstmaligen Straßenherstellung nicht von der All¬ 
gemeinheit, sondern von den anliegenden Grundstücksbesitzern getragen, 
während die laufenden Unterhaltungsarbeiten aus dem allgemeinen Stadt¬ 
säckel bezahlt werden. Es ist daher vielfach ein wohlverständliches, wenn 
auch nicht immer ganz berechtigtes Bestreben vorhanden, die Kosten der 
ersten Herstellung recht niedrig zu halten, auch auf die Gefahr hin, eine 
stark staubbildende Straße zn bekommen. Man ist zudem in Laienkreisen 
noch oft der Ansicht, daß die Staubbelästigung der Schotterstraßen durch 
starke Wasserbesprengung gänzlich unterdrückt werden kann. Jedenfalls 
verlangt man eine recht häufige Besprengung der Schotterstraßen. Die 
Kosten stören den einzelnen nicht weiter, sie werden ja von der Allgemein¬ 
heit ans dem großen Stadtsäckel bezahlt. 

„Es erscheint wirtschaftlich nicht richtig, der Schotterstraße bloß um 
deswillen den Vorzug zu geben, weil sie am billigsten herzustellen ist. Nicht 
die ersten Anlagekosten, sondern der gesamte jährliche Aufwand entscheidet 
über die größere oder geringere Billigkeit einer Straßenbefestigung. Werden 


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128 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

die ersten Anlagekosten einer Befestigung hohe, so soll man trotzdem diese 
Befestigung ausführen, wenn sie wirtschaftlich und zweckmäßig ist. Dem 
Grundstücksbesitzer erleichtere man aber seine Last durch Einrichtungen, 
die es ihm ermöglichen, die Kosten in Form von Renten oder dergleichen 
auf lange Jahre hinaus zu verteilen. 

„Weiter kommen vereinzelt auch technische Gründe vor, die für die 
Anlage von Schotterstraßen sprechen können, und endlich darf nicht außer 
acht gelassen werden, daß schon seit langem Bestrebungen vorhanden sind, 
die besonders in den letzten Jahren sich stark bemerkbar machen, Bestre¬ 
bungen, die dahin zielen, die in der ersten Anlage billige Schotterstraße 
durch allerlei besondere Maßnahmen in eine Art Asphaltstraße mit sehr ge¬ 
ringer Staubbildung umzuwandeln. 

Sie sehen, es spricht manches für oder wenigstens nicht gerade gegen 
die Schotterstraße. Aber es ist andererseits auch sehr viel Aussicht vorhanden, 
daß die Bestrebungen, dem Kleinsteinpflaster oder ähnlichen billigen Pflaste¬ 
rungen Eingang zu verschaffen, mehr und mehr an Boden gewinnen. Die 
Zeit dürfte wohl nicht mehr allzu fern sein, wo ein großer Teil der jetzigen 
Schotterbefestigungen durch Kleinsteinpflasterungen verdrängt und damit 
viele Staubherde aus den Städten verschwunden sein werden. Dresden hat 
z. B. mit seinen Kleinsteinpflasterungen auch in belebten Straßen so gute 
Erfahrungen gemacht, daß es nur mit Freuden zu begrüßen wäre, wenn 
man sich allgemein entschließen würde, für die bisher übliche Beschotterung 
als erster Straßenbefestigung nach Bedarf die Kleinsteinpflasterung treten 
zu lassen. — 

„Die ersten Versuche, die Schotter- und Kiesbahnen durch besondere 
Behandlung möglichst staubfrei zu machen, liegen noch nicht so gar weit 
zurück. Abgesehen von einigen zeitigen Vorläufern machen sie sich erst 
gegen Ende der 90 er Jahre des vergangenen Jahrhunderts allgemeiner be¬ 
merkbar. Anfänglich behandelte man die Straßen mit rohem Erdöl, besonders 
in Amerika, wo das Erdöl niedrig im Preise steht. In Europa wendete man 
sich mehr dem billigeren Gasteer zu, und daneben werden in den letzten 
Jahren verschiedene bei der Destillation des Erdöls gewonnene öle und 
Rückstände, meistens in wasserlöslicher Form, als sogenannte Emulsionen, 
verwendet. Die Versuche und Bestrebungen haben schon jetzt eine neue 
kleine Industrie hervorgerufen, und es ist viel Aussicht vorhanden, daß die 
Entwickelung sich in gleicher Richtung weiterbewegen wird. 

„Was mit den Versuchen bezweckt wird, dafür können Sie ein gutes 
Bild gewinnen, wenn Sie eine Schotterstraße nach einem Regen etwas ge¬ 
nauer beobachten. Während des Regens bildet sich unter der knetenden 
Wirkung der Wagenräder sehr bald ein Schmutz, der bei schlechter Straßen¬ 
unterhaltung eine fast ebenso unangenehme Beigabe der Schotterstraßen 
bildet, wie hei heißem Wetter ihr Staub. Hat der Regen aufgehört, so be¬ 
ginnt das auf der Straßenfläche stehende Wasser zu versickern und zu ver¬ 
dunsten, der erst flüssige Schlamm wird zäher und zäher und bildet zuletzt 
nur noch eine erdfeuchte, knetbare Masse. In diesem Zustande wird er von 
den Wagenrädern in alle Unebenheiten der Oberfläche hineingedrückt und 
glatt gewalzt. Die Oberfläche wird bei regem Geschirrverkehr sehr bald 
glatt wie eine Tenne. Sie ist erdfeucht, vollständig staubfrei und die Ge- 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 129 

fährte rollen fast geräuschlos über sie bin. Dieser „Idealzustand“ der 
Schotterstraße ist aber gewöhnlich nur von kurzer Dauer. Das Wasser ver¬ 
dunstet weiter, der vorher feucht-plastische Schmutz wird brüchig-trocken, 
die Pferdehufe und Wagenräder zerbröckeln ihn bald zu Pulver, und die 
Straße hat wieder ihr alltägliches Gesicht: staubig und trocken. Es 
entstand nun die Frage: Läßt sich der Idealzustand der Schotterstraße, der 
vom Wasser vorübergehend geschaffen wird, nicht auch durch andere geeig¬ 
netere Mittel hervorbringen und, wenn möglich, dauernd erhalten ? In dieser 
Richtung bewegen sich fast alle Versuche. Dabei läuft aber auch vielfach 
noch die Absicht nebenher, das Staub und Schmutz bildende Bindematerial 
der Schotterstraße, den Sand und den Straßenschlamm, ganz und gar aus¬ 
zuschließen und durch ein elastisch zähes, dabei aber doch billiges Material 
zu ersetzen, das nicht leicht stäubt und die Straßenfläche derart fest und 
wasserundurchlässig macht, daß sie wie eine Asphaltfläche abgewaschen 
werden kann. 

„Man hat im wesentlichen zwei Wege eingeschlagen. Der eine eignet 
sich mehr für die Neuherstellung von Straßen. Man versucht dabei die 
ganze Straßendecke mit asphalt- oder teerartigen Stoffen zu durchsetzen 
und bezeichnet dementsprechend die fertige bituminöse Masse verschieden als 
Teerasphalt, Asphaltbeton, Teermakadam, bituminöse Chaussie¬ 
rung usw. Im anderen Falle, der mehr für bestehende Straßen berechnet 
ist, wird nur die Oberfläche der Straße, die oberste Decke, behandelt und 
durch Teeren, ölen, Asphaltinieren usw. imprägniert und staubfrei 
gemacht. 

„Das Verfahren der bituminösen Chaussierung ist im wesentlichen 
etwa das folgende: Auf die fertig vorbereitete Unterbettung aus Steinschlag 
oder Beton wird in dünner Schicht ein asphaltartiges Bindemittel aufgebracht, 
das den Zusammenhalt zwischen Unterbettung und Fahrdecke herstellen 
soll. Die Fahrdecke selbst besteht aus einer Art bituminösen Betons und 
wird in etwa 5 cm Stärke auf der Unterbettung ausgebreitet und festgewalzt. 
Verbleibende kleine Unregelmäßigkeiten werden mit Asphaltmischung aus¬ 
geglichen. Der bituminöse Beton der Fahrdecke wird mit ganz besonderer 
Sorgfalt aus Steinschlag und Kies oder Sand und einer dünnflüssigen Asphalt¬ 
mischung auf heißem Wege hergestellt. Das Gemenge besteht aus Stein¬ 
teilen jeder Größe bis zu 5 cm, damit die mit der verbindenden Asphalt¬ 
mischung auszufüllenden Hohlräume recht gering ausfallen. 

„Die Fahrdecke ist der wichtigste Teil der bituminösen Chaussierung. 
Schon die richtige Zusammensetzung des Bindemittels, zu der viel Stein¬ 
kohlenteer verwendet wird, erfordert große Sorgfalt. Noch größer sind die 
Schwierigkeiten, die die richtige Wahl des Gesteins bisher verursacht hat. 
Hartes Gestein bindet nicht gut zusammen. Besser hat sich Kalkstein be¬ 
währt Gute Ergebnisse hat auch die Verwendung der Hochofen-Eisen¬ 
schlacke geliefert. Ob sich die Rückstände der Müllverbrennung trotz der 
bisher wenig günstigen Erfahrungen nicht doch noch zweckmäßig verwenden 
lassen, muß der Zukunft überlassen bleiben. 

„Solche bituminösen Chaussierungen, in der Literatur meistens als 
Teermakadam bezeichnet, sind viel in Amerika und England ausgeführt 
worden, in Deutschland hat man sie bisher wohl nur versuchsweise ver- 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1907. g 


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130 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

wendet. Sie eignen sich allem Anschein nach nur für leichteren Verkehr. 
Die Herstellungskosten werden ohne Zweifel etw&8 höher sein als bei der 
gewöhnlichen Chaussierung. Ob die vermehrten Kosten einen Ausgleich in 
verminderten Unterhaltungs- und Reinigungsarbeiten finden, das muß noch 
abgewartet werden. Recht wünschenswert ist es jedenfalls, daß auch in 
Deutschland mehr Versuche mit dieser Befestigungsart, die sich allem An¬ 
schein nach recht gut für stille, verkehrsarme und nicht zu steile Wohn¬ 
straßen eignen dürfte, angestellt werden. Nach den englischen Berichten 
soll man bei sorgfältiger Beachtung aller gewonnenen Erfahrungen eine 
„undurchdringliche, praktisch-staubfreie und nicht schlüpfrige 
Fahrbahn 11 erhalten. 

„Neben diesem gründlicheren Verfahren hat sich dasjenige der ober¬ 
flächlichen Deckenimprägnierung viele Freunde erworben und recht befrie¬ 
digende Erfolge gezeitigt. Es wird bei diesem Verfahren die oberste Deck¬ 
schicht der Schotter- und Kiesbahnen mit gewissen Stoffen behandelt, durch 
welche die Kies- und Staubteilchen zu einer mehr oder weniger plastischen 
Masse von asphaltähnlicher Beschaffenheit verkittet werden, die als schützen¬ 
der Überzug über dem Steingeschläge liegt, die Feuchtigkeit abhält, fast 
geräuschlos zu befahren ist und Staub nur in geringen Mengen entwickelt. 

„In den kalifornischen Öldistrikten hat man vor einigen Jahren be¬ 
gonnen, die Landstraßen zu genanntem Zwecke mit dem dort sehr wohlfeilen 
Rohpetroleum zu besprengen. Der Erfolg ist nach den Berichten ein guter 
und zu weiterem Vorgehen auf dem eingeschlagenen Wege ermutigend. 
Auch in einigen europäischen Städten hat man hier und da ähnliche Ver¬ 
suche angestellt, doch hat sich der in Europa hohe Preis und vor allem 
der unangenehme Geruch des Rohöles der weiteren Verbreitung des Verfahrens 
hindernd in den Weg gestellt. 

„Schon im Jahre 1880 hat der französische Ingenieur Christophe in 
Saint -Fay- La Grande der Gironde die Straßenteerung zum Zwecke der 
Staubunterdrückung verwendet, allerdings ohne besonderen Erfolg. 20 Jahre 
später wurden von dem italienischen Ingenieur Rimini etwas besser ge* 
lungene Teerversuche bei Ravenna angestellt. Von dieser Zeit an beginnt 
die Epoche der Teerversuche, die besonders in Frankreich und an der 
Riviera außerordentlich zahlreich ausgeführt wurden, dank den unermüd¬ 
lichen und verdienstvollen Bestrebungen des Vorkämpfers auf dem Gebiete 
der Staubfrage, des Herrn Dr. Guglielminetti in Monte Carlo. Es würde 
mich viel zu weit führen, wollte ich an dieser Stelle auf die zahlreichen und 
zum Teil hochinteressanten Versuche eingehen. Ich kann Ihnen nur über 
das Gesamtergebnis nach den neuesten Erfahrungen berichten. 

„Beim Teerverfahren wird auf der mit der größten Peinlichkeit ge¬ 
säuberten und vollständig trockenen Straße kochend heißer Teer bei warmem, 
trockenem Wetter in dünner Lage möglichst gleichmäßig ausgebreitet und 
die geteerte Fläche zuletzt mit feinem Flußsand oder Straßenstaub über¬ 
streut. Wenn der Teer gehörig in die Schotterdecke eingezogen ist, was je 
nach den Witterungsverhältnisseu ein bis mehrere Tage erfordert, kann die 
Straße dem Verkehr wieder freigegeben werden. 

Die neuesten Teervorschriften heben ganz besonders hervor, daß zum 
guten Gelingen der Teer mindestens auf 3 bis 5 cm Tiefe die Straßendecke 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


131 


vollständig durchdringen soll, d.h. mit anderen Worten, die oberste 3 bis 
5 cm starke Deckschicht soll in eine Art Teermakadam umgewandelt werden. 
Ob es bei dieser Sachlage nicht richtiger ist, überhaupt zum Teermakadam 
überzugehen an Stelle des oberflächlichen Teerens, lasse ich dahingestellt. 

„Recht zweckmäßig erscheint mir das in Leipzig angewendete Verfahren 
der Straßenteerung. Die neubeschotterte Strecke wird einige Tage nach 
Beendigung der Schotterarbeiten gründlich geteert, und der Teer dringt 
dabei sehr tief in den noch lockeren Straßenkörper ein. Der Teerverbrauch 
ist ein entsprechend hoher, etwa 2 bis 3kg pro Quadratmeter, während er 
für Teerungen alter, harter Straßen nur 1 bis 2kg pro Quadratmeter be¬ 
trägt. Leipzig ist mit seinen schon im dritten Versuchsjahre stehenden 
Teerungen sehr zufrieden. 

„Das Teeren ist durchaus nicht so einfach, wie gewöhnlich angenommen 
wird. Es erfordert nicht nur einen ganz besonderen und nicht gerade ein¬ 
fachen Betriebsapparat, es setzt auch Aufmerksamkeit, Erfahrung und Ge¬ 
schicklichkeit des Arbeiterpersonals voraus. Ein guter Erfolg hängt von 
so vielerlei scheinbar ganz unbedeutenden Nebenumständen ab, daß man sich 
gar nicht wundern darf, wenn in zahlreichen, namentlich deutschen Städten 
die Versuche öfters zu ausgesprochenen Mißerfolgen geführt haben. Der 
Zustand der Straße, die Beschaffenheit des Straßenbaumaterials, die Güte 
des Teeres und seine Temperatur, die Ausführungsart, die Witterungs- und 
Temperaturverhältnisse usw., alles beeinflußt das gute Gelingen. Ein Ver¬ 
sagen irgend einer Voraussetzung stellt den ganzen Erfolg in Frage. Ich 
selbst habe im Jahre 1904 einen Teerversuch in Dresden ausgeführt. Die 
Vorbereitungen waren mit der größten Sorgfalt getroffen. Tagelang vorher 
und nachher herrschte heißes, trockenes Wetter. Um ein besseres Einziehen 
des Teeres in die Straßendecke zu ermöglichen, war die Oberfläche vorher 
mit leichtem Teeröl getränkt worden. Der Verkehr wurde erst nach voll¬ 
ständiger Trocknung des Teerstriches nach sechs Tagen wieder auf die 
Versuchsstrecke geleitet. Ich hatte die Überzeugung, daß der Versuch voll¬ 
ständig gelungen sei; aber schon nach zwei Monaten war nichts mehr von 
dem Teer zu sehen. Der geringe Straßenverkehr hatte ihn vollständig 
zerstört. 

„Am 30. Juli dieses Jahres ist ein zweiter Teerversuch in Dresden auf 
einer etwa 6000 qm großen Basaltschotterstraße von sehr gutem baulichen 
Zustande ausgeführt worden. Die Teerung wurde ganz genau nach den 
französischen Vorschriften und mit einem von der Societe generale de gou- 
dronage des routes aus Paris bezogenen Apparat durch eingerichtetes fran¬ 
zösisches Personal vorgenommen. Das Wetter war außerordentlich günstig. 
Die Strecke wurde erst am 4. August für den Verkehr wieder freigegeben. 
Es kann zwar jetzt nach kaum sechs Wochen ein abschließendes Urteil über 
den Versuch noch nicht abgegeben werden, aber ich habe wenig Hoffnung, 
daß die Teerung den kommenden Winter überstehen wird. 

„Die Meinungen über die Straßenteerung gehen besonders in Deutsch¬ 
land noch recht auseinander. Meiner Ansicht nach eignet sie sich mehr für 
Straßen mit geringem und leichtem Verkehr, besonders auch für Gangbabnen 
und Promenaden; schwerem Lastverkehr wird sie kaum standhalten. Wenn 
die guten Erfolge, die man besonders aus Frankreich berichtet, sich auch 

9* 


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132 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

unter dem deutschen Klima erzielen lassen werden, dann wird sich das Teer¬ 
verfahren in der Hand des Straßenbauers sicher zu einer schneidigen Waffe 
gegen den Staub ausbilden lassen. Bevor es aber dahin kommt, sind noch 
viele Versuche erforderlich. 

„Ein eigenartiges, von der Allgemeinen Städtereinigungsgesellschaft in 
Berlin zum Patent angemeldetes Verfahren bezweckt, die Straßenteerung 
etwas unabhängiger von den Witterungs Verhältnissen zu machen. Die 
Straßenfläche soll zu diesem Zwecke vor der Teerung mit Calciumoxyd¬ 
pulver (CaO) bestreut werden, das der Straßendecke den Wassergehalt ent¬ 
zieht, sich dabei unter Wärmeentwickelung in Calciumhydroxyd (CaH 2 0 2 ) 
umwandelt, und als solches sich mit dem Teer zu einer kittartigen, wasser¬ 
undurchlässigen Masse verbindet. Es wird abzuwarten sein, wie sich das 
Verfahren in der Praxis bewährt. 

„Die Kosten der gewöhnlichen Teerung sind nicht besonders hohe, ln 
Frankreich werden sie etwa zu 10 Pf. pro Quadratmeter berechnet; in 
Dresden haben sie ebenfalls 10 bzw. 17 Pf. betragen, in Leipzig im ersten 
Jahre 19 Pf., im zweiten 12 Pf. und im dritten 10 Pf., in Stuttgart 25 Pf. 
Sie werden sich in Deutschland unter mittleren Verhältnissen zwischen 
10 und 20 Pf. bewegen und in den Folgejahren etwas abnehmen. Ob es 
allerdings möglich sein wird, jährlich mit nur einer Teerung auszukommen, 
erscheint sehr fraglich. Für belebtere Schotterstraßen wird einmalige 
Teerung voraussichtlich ungenügend sein. Man erwarte übrigens von dem 
Teerverfahren nicht zu viel. Unmögliches kann es nicht leisten. Auf über¬ 
lasteten Schotterstraßen wird das Teeren nach meinem Dafürhalten niemals 
befriedigen können, denn es ist und kann kein Ersatz sein für die auf 
solchen Straßen zu fordernde harte Befestigung. 

„Gelegentlich der Deutschen Städteausstellung in Dresden im Jahre 
1903 wurde die Aufmerksamkeit der beteiligten Kreise auf ein Verfahren 
gelenkt, das in eigenartiger Weise die Staub- und Schlammbildung auf den 
Schotter- und Kiesbahnen zu verhindern sucht. Das Verfahren — von seinem 
Erfinder, Herrn Professor Dr. Büttner in München, Asphaltin verfahren 
genannt — besteht in großen Zügen darin, daß die staubtrockene Straßen¬ 
fläche zunächst mit reinem Petroleum durchtränkt und dann mit einer 
flüssigen Asphaltinschicht innig überzogen wird. Das Asphaltin ist eine 
Mischung von mineralischem Rohöl mit etwa 20 bis 30 Proz. Asphalt und 
wird in heißem Zustande aufgebracht. 

„Der Dresdener Versuch hat den gehegten Erwartungen nicht ent¬ 
sprochen. Wenn auch die Witterungsverhältnisse bei der Ausführung sehr 
ungünstige waren und den Erfolg zweifellos beeinträchtigt haben, so ließ 
sich doch erkennen, daß das Verfahren weder die Staub-, noch die Schlamm¬ 
bildung auf längere Zeit verhindern konnte und außerdem mit erheblichen 
Geruchsbelästigungen verbunden war. Schon nach Monatsfrist hatte sich 
eine dicke Staublage auf der Versuchsstrecke gebildet, die sich bei Regen¬ 
wetter unter dem Geschirrverkehr in eine ölige Schlammschicht, gleichsam 
eine Emulsion von Öl und Wasser mit Staub, verwandelte und zu Verkehrs¬ 
belästigungen Anlaß gegeben hat. Der Staub war scheinbar schwerer als 
gewöhnlicher Straßenstaub, wurde auch von den Geschirren nicht hoch 
emporgerissen, was wohl hauptsächlich der klebenden Adhäsion der dem 


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Einladung zum Abonnement 

auf die 

B eiträge zur chemischen ^ 
Physiologie «na Pathologie 

Zeitschrift für die gesamte Biochemie 

unter 

Mitwirkung von Fachgenossen herausgegeben 

von 

Franz Hofmeister 

o. Professor der physiologischen Chemie an der Universität Strassburg. 


Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn 
Braunschweig 


Mit der zunehmenden Ausbildung der chemischen Methodik 
hat in den letzten Jahren auch die physiologische Chemie eine 
Bedeutung weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus gewonnen. 
Nicht nur die Probleme der Physiologie und Pathologie hat man 
mit chemischen Methoden zu bearbeiten unternommen, sondern 
auch in der Klinik, in der Bakteriologie, bei den sich daran an¬ 
schließenden therapeutischen Bestrebungen usw. ist eine erfolgreiche 
Behandlung gerade der wichtigsten Probleme nur von chemischen 
Gesichtspunkten aus und mit chemischen Methoden möglich. 

Dieser Anwendung der Chemie auf alle Fragen der 
Biologie, der gesamten Biochemie will die neue Zeitschrift 
dienen, indem sie nicht nur den zukunftsreichsten Teil 
der Biologie würdig nach außen zu vertreten beabsichtigt, 
sondern auch die zwischen den einzelnen Zweigen der 
biochemischen Forschung gegebenen Beziehungen enger 
zu knüpfen und fruchtbarer zu gestalten sucht. 

Crefl. mnwenden! 

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134 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

führen, wollte ich auf all die verschiedenen Versuche eingehen. Ich be¬ 
schränke mich darauf, Ihnen die Hauptergebnisse mitzuteilen, die sich aus 
den in Dresden seit über drei Jahren fortgesetzten von mir persönlich 
geleiteten Versuchen ergeben haben. 

„Bei den Dresdener Versuchen wurde die Westrumitierung hauptsäch¬ 
lich in folgender Art vorgenommen. Die erste Grundierung erfolgte mit 
200 g öl für den Quadratmeter und wurde kurz hintereinander in mehrmaligen 
Besprengungen mit fünf- und zehnprozentigen Lösungen bewirkt. Weiterhin 
wurden alle 6 bis 10 Tage 50 g öl pro Quadratmeter in fünfprozentigen Lösun¬ 
gen aufgebracht, während an den Zwischentagen nach Bedarf mit Wasser 
gesprengt wurde. Im zweiten Jahre wurde die Grundierung nur mit 135g/qm 
ausgeführt, während alles übrige gleich blieb. Der Jahresaufwand an öl 
schwankt zwischen 1 und 1,5 kg für 1 qm behandelte Fläche. 

„Aus betrieblichen Gründen erscheint es erwünscht, bis zu ein- oder 
einhalbprozentigen Lösungen herabzugehen, die etwa täglich aufzubringen 
sein würden. Der Apparat im Betriebe ließe sich dadurch sehr vereinfachen. 
Leider ist das Westrumitöl noch nicht von derartiger Beschaffenheit, daß 
es die Verwendung von ein- oder gar einhalbprozentigen wässerigen Emul¬ 
sionen im Betrieb gestattet. Die Emulsionskraft des Öles reicht für solche 
schwache Lösungen nicht aus, was aber, wie versichert wird, hauptsächlich 
auf nicht ganz vollkommene Fabrikationsmethoden zurückzuführen ist und 
bei Großbetrieb nicht auftreten wird. 

„Ich betrachte die Westrumitierung in erster Linie nur als ein Hilfs¬ 
mittel zur Staubbekämpfung, als Unterstützung der Straßenbesprengung, 
nicht aber — wie vielfach noch angenommen wird — als ein Ersatzmittel 
für die Straßenbesprengung. Die Straßenbesprengung wird immer not¬ 
wendig und als Erfrischungsmittel auch immer gewünscht bleiben. Aller¬ 
dings wird sie, wenn der größte Teil des Staubes durch Westrumit oder 
ähnliche Stoffe festgelegt ist, nicht mehr in dem Maße erforderlich werden 
wie jetzt, wo sie allein den Staub unterdrücken soll, eine Aufgabe, der sie 
nicht gewachsen ist, wenn sie nicht ganz erheblich verstärkt wird, was 
wieder aus anderen Gründen nicht zweckmäßig erscheinen will. Die wich¬ 
tigeren Versuchsergebnisse sind folgende (vgl. Abb. 1 u. 2): 

1. Es ist möglich, die Staubbildung auf Schotter- und Kiesbahnen durch 
regelmäßige Westrumitierung in befriedigender Weise dauernd 
zu unterdrücken; bei besonderen Gelegenheiten, Umzügen, Korso¬ 
fahrten, Automobilrennen, läßt sich Staubfreiheit mit Sicherheit er¬ 
zielen. 

2. Der dem Westrumit auch in schwächeren Lösungen anhaftende 
Geruch ist nur gering und dürfte kaum als Belästigung empfunden 
werden. 

3. Die Menge des zu einem guten Erfolge erforderlichen Westrumitöles 
richtet sich in erster Linie nach der Stärke der über dem Stein- 
geschläge liegenden Deckschicht, in zweiter Linie ist sie abhängig 
von der Stärke des Straßenverkehres, von der Lage der Straße 
(sonnige Strecken brauchen mehr Öl als schattige Strecken) Und 
ihrem baulichen Zustande (bei schlechten Straßen ist der Ölverbrauch 
größer als bei guten Straßen). 


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Zu Seite 134. 


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Dresden. 


Fried r. View eg <& Sohn in Braunschweig. 


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Abbildung 2. Zu Seite 134. 



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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


135 


4. Die besten Erfolge werden erzielt, wenn die über den Steinen 
befindliche Deckschicht nur eine solche Stärke besitzt, daß sie 
gerade das Steinmosaik ausgleicht. Die Straße soll daher vor der 
Westrumitierung gründlich gekehrt oder bei Regenwetter ab¬ 
geschlämmt werden. Während der Westrumitierung ist darauf zu 
achten, daß die Deckschicht nicht zu stark wird. Durch gelegent¬ 
liches Abkehren oder Abschlämmen ist dem vorzubeugen. Der 
gewonnene Ölschlamm ist wertvoll und findet nutzbringende Ver¬ 
wendung bei Ausbesserung schadhafter Stellen, zur Anlegung neuer 
Schotter- und Kiesbahnen, die westrumitiert werden sollen, für 
Spielplätze usw. 

5. Schott erbahnen aus hartem Gestein erfordern weniger Öl als solche 
aus weichem, sich leicht abnutzendem Material. Bei letzterem kann 
der Ölverbrauch zur Erzielung eines guten Erfolges sehr groß 
werden. Basalt hat sich in dieser Hinsicht günstiger erwiesen als 
der weichere Syenit. 

6. Schlammbildung bei Regenwetter wird durch Westrumitierung 
nicht unbedingt verhindert. Sie zeigt sich allerdings nicht so 
schnell wie bei gewöhnlichen Schotterstraßen, verschwindet aber 
auch nicht so rasch wieder wie bei diesen Straßen. Ihr Auftreten 
ist abhängig vom Geschirrverkehr. Nicht der Regen, sondern die 
knetende Wirkung der Räder verursacht die Schlammbildung. Die 
glatte, feste Westrumitdecke wird vom Regen allein nicht zerstört 
oder abgespült. 

7. Die Durchtränkung der ganzen Schotterdecke mit Westrumitöl 
schon heim Bau hat eine günstige Einwirkung auf das Verhalten 
der späteren Westrumitbesprengungen nicht erkennen lassen. Aus¬ 
sichtsreicher erscheint es, zur Herstellung der obersten Deckschicht 
schon beim Bau Westrumitschlamm zu verwenden. 

8. Die Ausbesserung westruinitierter Schotterstraßen ist leicht und 
bequem auszuführen. Die zunächst in gewöhnlicher Art auszu¬ 
bessernde Stelle wird zuletzt mit starker Westrumitlösung über¬ 
gossen und bindet dann gut zusammen. 

9. Auf Pflasterstraßen ist die Verwendung von Westrumit aus ästhe¬ 
tischen Gründen weniger zu empfehlen, da die Pflastersteine durch 
das öl eine häßliche braune Farbe annehmen. 

10. Auf überlasteten Schotterstraßen, besonders solchen mit schwerem 
Güterverkehr, kann die Westrumitierung nicht befriedigen, denn 
sie ist und kann kein Ersatz sein für die auf solchen Strecken zu 
fordernde harte Befestigung. Für Straßen, die hauptsächlich nur 
von Fahrrädern und Automobilen (mit Gummibereifung) befahren 
werden, ist sie aber sehr gut geeignet. 

11. Einwirkung des Öles auf die Straßenanpflanzungen konnte bis jetzt 
nicht festgestellt werden. 

12. Die Kosten des Westrumitverfahrens bewegen sich in Dresden, je nach 
den besonderen Verhältnissen (Punkt 3 und 5) etwa zwischen 25 und 
35 Pf. *) für das Jahr und Quadratmeter, während die Wasserbespren- 

*) Bei einem Westrumitpreis von 220 M. für 1000 kg. 


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136 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

gung nach 10 jährigem Durchschnitt rund 5 72 Pf. 1 ) für das Jahr 
und Quadratmeter kostet. Die Westrumitierung ist daher etwa vier- 
bis sechsmal teurer. Der jährliche Mehraufwand beträgt 20 bis 
30 Pf. für 1 qm. 

„Dieser Preis erscheint ziemlich hoch, so daß Bedenken aufsteigen müssen, 
ob nicht die Staubfreiheit, die man dafür eintauscht, etwas zu teuer erkauft 
ist. Wollte z. B. eine Stadt mit insgesamt 1000000 qm Schotterbahnen 
dieselben zur Staub?erminderung regelmäßig westrumitieren, so müßte sie 
zu diesem Zweck alljährlich etwa 250 000 M. aufwenden. Ich glaube kaum, 
daß man irgendwo, reiche Kurorte vielleicht ausgenommen, geneigt sein 
wird, solche Summen für die Staubbeseitigung allein auszugeben, wenn man 
nicht die Überzeugung hat, daß ein großer Teil dieser Ausgaben durch 
Ersparnisse an anderer Stelle wieder gedeckt wird. Solche Ersparnisse 
können bei der Westrumitierung eintreten, wenn dieselbe die Haltedauer, die 
Unterhaltung und die Reinigung der Schotterbahnen im günstigen Sinne 
beeinflußt. Leider sind die Versuche noch nicht von genügend langer Dauer, 
um aus ihnen ein einigermaßen sicheres Urteil über diese sehr bedeut¬ 
same Frage ableiten zu können. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, 
ehe sie sicher beantwortet werden kann. Mancherlei Anzeichen liegen vor, 
die einen deutlichen Fingerzeig dafür geben, daß die Westrumitierung wohl 
geeignet ist, die Unterhaltung der Schotterbahnen im günstigen Sinne zu 
beeinflussen. Als Beispiel will ich folgenden Fall anführen. Am 6. und 
7. Juli und 3. August d. Js. gingen in Dresden ganz gewaltige Sturzregen 
nieder, wie sie seit Jahren nicht vorgekommen sind. Die gewöhnlichen 
Schotterstraßen wurden durch diese wolkenbruchartigen Regen bis auf das 
Steingeschläge ausgespült, während sich die westrumitierte Strecke nach dem 
Regen in tadelloser Verfassung zeigte. Der Regen hatte ihr nicht geschadet 
(vgl. Abb. 1). 

„Ich will noch darauf hinweisen, daß der günstige Einfluß der Westrumi¬ 
tierung gar nicht so besonders groß zu sein braucht, um die Kosten der 
Ölung zum größten Teil durch verminderten Unterhaltungsaufwand wieder 
einzubringen. Wenn die Schotterdecke, wie in Tabelle Seite 126 angenom¬ 
men, etwa in dreijährigem Wechsel erneuert wird, und die Westrumitierung 
verlängert die Haltezeit nur um ein Jahr, von drei Jahren auf vier Jahre, 
so vermindert sich der jährliche Aufwand für Deckenerneuerung (Spalte 9 
der Tabelle Seite 126) von 63 auf 46 Pf., also um 17 Pf., d. h. die Westrumi- 
tierungskosten würden durch Ersparnisse an den Erneuerungskosten nahezu 
gedeckt sein. In Städten, wo aus örtlichen Gründen die Besprengungskosten 
recht hohe (höher als in Dresden) sind, können sich die Verhältnisse noch 
wesentlich günstiger gestalten. 

„Verwirklichen sich diese Hoffnungen — und es sind leider bis jetzt 
nur Hoffnungen, wenn auch manches dafür spricht —, dann scheinen sich 
für das Westrumitverfahren, sowie überhaupt für alle ähnlichen Verfahren, 
die die Staubbindung mit bitumenreichen Ölemulsionen anstreben, sehr 
günstige Aussichten für die Zukunft zu eröffnen. Um Klarheit zu gewinnen, 
werden aber noch viele langfristige Versuche in großem Maßstabe durch¬ 
zuführen sein. Kurze und kleine Versuche sind für die Entscheidung der 

M Die Wasserkosten machen davon etwa 10 Proz. aus. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 137 

schwebenden Frage nicht nur ungeeignet, sie können sogar verwirrend statt 
klärend wirken, weil in ihren Ergebnissen leicht untergeordnete Neben¬ 
erscheinungen (z. B. Überschleppen und Überwehen von Schmutz und Staub 
von nicht geölten Straßen) sich allzu stark in den Vordergrund schieben 
und das wirkliche Ergebnis verschleiern können. 

„Neben dem Westrumitöl sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe 
weiterer Fabrikate auf dem Markt erschienen — und ihre Zahl wächst 
noch beständig —, die in gleicher oder ähnlicher Weise die Staublegung zu 
erreichen versuchen. Es sind meistens öl- oder bitumenhaltige Stoffe aus 
der Erdöl- und Asphaltgewinnung, die auf irgend eine Art wasserlöslich 
gemacht sind. Ich führe Ihnen einige der bekannteren Mittel auf: 

„Odokreol, Rapedit, Pulveranto, Apulvit, Akonia (hygro¬ 
skopisches Salz), Pulvivore, Poussierite, Injektolin, Simplizit, 
Zibellit, Zylith, 8adolVaseline, Goudrogenit, Bitumit, Betonite, 
Duralit, Barnit, Compactarium, Antistof I und II, Standutin usw. 

„Mit den letzten beiden Mitteln Antistof und Standutin sind im laufen¬ 
den Jahre auch in Dresden Versuche angestellt worden. 

„Antistof, ein schweres Asphaltnaphtaprodukt von der Firma Spalte¬ 
holz und Ameschott in Amsterdam, hat sich dabei als recht zweckent¬ 
sprechendes Staublöschmittel erwiesen, das in Verwendungsart und Wirkung 
dem Westrumit sehr nahe kommt. Es scheint jedoch etwas weniger Bitumen¬ 
gehalt zu besitzen als Westrumit. Antistof II ist hinsichtlich der staublegenden 
Kraft dem Antistof I überlegen, hat aber einen unangenehmen Geruch, der 
sich zwar ziemlich rasch verflüchtigt, aber immerhin zuerst kräftig genug 
ist, um bei einem empfindlichen Publikum etwas Anstoß zu erregen. Der 
Geruch von Antistof I erinnert etwas an Teer und ist im übrigen so gering, 
daß er als Belästigung kaum empfunden werden dürfte. Die Emulsionskraft 
des Antistof ist sehr groß, sie hat bei den Versuchen auch nicht in schwachen 
Lösungen von 1 oder Va Proz. versagt, was nach meinen früheren Aus¬ 
führungen als Vorteil zu gelten hat. Über die Kosten des Antistofverfahrens 
lassen sich bestimmte Angaben nicht machen, da das Material für die 
Dresdener Versuche in dankenswerter Weise zu einem Ausnahmepreis zur 
Verfügung gestellt war. Wenn Antistof billiger als Westrumit zu erlangen 
ist, so dürfte es mit dem letzteren wohl in scharfen Wettbewerb treten und 
die Westrumit-Gesellschaft veranlassen, den Preis ihres Mittels, der in 
Dresden etwa 220 M. für 1000 kg beträgt, herabzusetzen. Eine solche 
Wirkung würde im Interesse der Staubbekämpfung nur freudig zu be¬ 
grüßen sein. 

„Die Versuche mit Standutin von der Standut-Öl-Kompanie in Dresden 
haben bis jetzt noch nicht recht befriedigt. Ein abschließendes Urteil kann 
allerdings nicht gegeben werden, da die Versuche noch nicht beendet sind. 
Für die Versuche ist das Mittel unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden, 
was dankbar anzuerkennen ist. 

„Von all den verschiedenen Verfahren, den Staub der Schotter- und Kies¬ 
bahnen festzulegen, hat bis zur Zeit kein einziges voll befriedigt, 
weder der Teermakadam, noch das Teeren oder Ölen. Teils sind es tech¬ 
nische, teils finanzielle Gründe, teils beide, die zu Bedenken Anlaß geben. 
Es muß der Zukunft überlassen bleiben, zu entscheiden, welches Verfahren 


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138 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

noch zu einwandfreien Erfolgen führen wird. Ob vielleicht durch eine 
geschickte Kombination der einzelnen Verfahren bessere Erfolge zu erzielen 
sein werden, dafür muß auch erst noch durch Versuche der Beweis erbracht 
werden. — 

„Ich wende mich nunmehr dem zweiten Wege zu, auf dem die Bekämp¬ 
fung des Straßenstaubes sich betätigen muß: der Reinhaltung der 
öffentlichen Verkehrsflächen. 

„Es geschieht auf diesem Gebiete schon viel in Deutschland, aber es 
bleibt auch noch viel zu tun übrig. Die Zahl der Städte ist nicht gering, 
in denen die Straßenreinigung als Überrest aus vergangenen Zeiten den 
Haus- und Grundstücksbesitzern überlassen ist. Fein säuberlich kehrt jeder 
in der Woche einmal oder zweimal, und wenn es hoch kommt, ist es dreimal, 
vor seinem Hause bis zur Straßenmitte, aber ja nicht weiter, der eine früher, 
der andere später, unbekümmert, ob Wind und Wetter und Verkehr den 
Schmutz von der ungereinigten auf die gereinigte Fläche wieder übertreiben. 
Eine gründliche und geregelte Reinigung, die im Nutzen der Allgemeinheit 
zu fordern ist, kann man billigerweise von den Hausbesitzern nicht erwarten. 
Sie wird im allgemeinen nur zu erreichen sein, wenn alle Reinigungs¬ 
arbeiten in eine Hand gelegt sind. Glücklicherweise hat sich diese An¬ 
schauung schon weite Bahn gebrochen, und es steht zu hoffen, daß immer 
mehr Städte zu ihrem eigenen Besten diesen Weg beschreiten werden. Ob 
man sich dabei für Ausführung durch Unternehmer oder in eigener Ver¬ 
waltung entscheidet, ist von minderer Bedeutung. Jedenfalls neigt man 
sich zurzeit mehr der Selbstverwaltung zu, weil diese die größere Gewähr 
gibt, daß die Reinigungsarbeiten in einer Weise zur Ausführung gebracht 
werden, die den Forderungen der Gesundheitslehre und den berechtigten 
Wünschen der Allgemeinheit am besten gerecht wird. 

„Der Reinigungsdienst selbst, so einfach und wenig schwierig er auch 
für den ferner Stehenden erscheinen mag, hat sich in den Großstädten zu 
einem Betrieb entwickelt, der hohe Anforderungen an die Umsicht und das 
technische Verständnis seiner Leiter stellt, wenn der Betrieb technisch und 
wirtschaftlich auf der Höhe stehen soll. Nur wer hineinzublicken vermag, 
weiß, was für große Summen den Städten verloren gehen können durch 
unzweckmäßige Betriebseinrichtungen. Die in der geschichtlichen Ent¬ 
wickelung begründete, leider aber bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz 
überwundene Ansicht, daß für die Reinigungsarbeiten die minderwertigen 
Arbeiter, die Halblahmen, die Alten und Invaliden, gerade gut genug sind, 
daß jeder halbwegs tüchtige Beamte, wenn er auch sonst ohne jede tech¬ 
nische Vorbildung ist, für befähigt erachtet wird, einen großen Reinigungs¬ 
betrieb zu leiten und zu überwachen, sie kostet den Städten, die noch auf 
diesem Standpunkte stehen, viel Geld. Es ist das Sparsamkeit an falscher 
Stelle. Glücklicherweise ist solche Anschauung im Schwinden begriffen. 
Die Beispiele mehren sich, daß an die Spitze der Reinigungsbetriebe aka¬ 
demisch ausgebildete Oberbeamte gestellt werden in richtiger Würdigung 
der Aufgaben und der Verantwortung, die den großstädtischen Reinigungs¬ 
betrieben Zufällen, und zum eigenen Nutzen der Gemeinde. 

„Die Staubfrage und die Reinlichkeitsfrage sind in den Städten so 
innig miteinander verknüpft, daß sie sich gar nicht auseinanderhalten lassen. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


139 


Staubbekämpfung und Straßenreinlichkeit sind zwei Begriffe, die sich nahezu 
decken. Eine Stadt wird unter sonst gleichen Verhältnissen um so weniger 
unter Staubbelästigungen zu leiden haben, je sauberer ihre Verkehrsflächen 
gehalten werden. 

„Wenn ich einer Reinigungsverwaltung eine Richtschnur zu geben 
hätte, nach der sie arbeiten soll, gleichsam ein Geleitwort für ihren arbeits¬ 
reichen Dienst, so könnte es nach meiner langjährigen Erfahrung nur 
dieses sein: 

»Laß den Schmutz nicht erst aufkommen, reinige lieber etwas zu 

viel als zu wenig, denn verhüten ist leichter und viel billiger als heilen!» 

„Die Reinigung der Verkehrsflächen geschieht in Deutschland haupt¬ 
sächlich auf drei verschiedene Arten: 

a) durch Handreinigung, bei welcher die Fläche vom Arbeiter mit 

dem Handbesen gesäubert wird, 

b) durch Maschinenreinigung, bei welcher die Fläche mit der 

Kehrmaschine gekehrt wird, 

c) durch Waschreinigung, bei welcher die Fläche mit Wasser ein¬ 

geschwemmt und der aufgeweichte Schmutz mit Gummischrubber 

von Hand oder mit Schrubbermaschinen beseitigt wird. 

„Die letzte Reinigungsart beseitigt zweifellos den Staub in der gründ¬ 
lichsten Weise. Sie ist aber auch die teuerste Reinigung und setzt eine 
dichte, ebene Straßenfläche voraus, wie sie meistens nur bei Asphalt, Holz¬ 
pflaster und Zementmakadam gegeben ist. Als gleichwertiger Ersatz kann 
für sie das Abspülen mit dem Schlauch angesehen werden, das sich auch bei 
weniger ebenen, aber gedichteten Pflasterflächen anwenden läßt. Dieses 
Verfahren ist jedoch noch teurer als die gewöhnliche Waschreinigung und 
erscheint zudem für maschinellen Betrieb recht ungeeignet. Unter den 
jetzigen Zeitverhältnissen muß aber jede vorausschauende Verwaltung in 
stärkerem Maße als früher darauf bedacht sein, die Handarbeit mehr und 
mehr aufzugeben und, wo irgend angängig, zum maschinellen und auto¬ 
mobilen Betriebe überzugehen, nicht nur der Zeit- und Geldersparnisse 
wegen, die meistens mit solchem Betriebe verknüpft sind. Die Arbeiter¬ 
frage, die Unabhängigkeit der Verwaltung von allerhand wirtschaftlichen 
und sonstigen Verbänden sprechen dabei ein gewichtiges Wort mit. 

„Bei allen Reinigungsarbeiten auf öffentlichen Verkehrsflächen gilt als 
Grundregel das »staubfreie Kehren«, das Kehren ohne Staubaufwirbelung. 
Die reichliche Anwendung von Wasser zur Staublöschung ist daher den 
Mannschaften für alle Arbeiten zur strengen Pflicht zu machen. Leider 
sind solche Vorschriften nicht ein Allheilmittel. Unter dem Arbeitskörper 
ist stets ein gewisser Prozentsatz minderwertiger Arbeiter vorhanden, die 
aus Lässigkeit, Bequemlichkeit, ja sogar Böswilligkeit die gegebenen Vor. 
Schriften außer acht lassen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß die For¬ 
derung des staubfreien Kehrens ein ganz scharfes, ja rücksichtsloses Vor¬ 
gehen gegen die lässigen Arbeiter verlangt, da sonst das natürliche Träg¬ 
heitsmoment im Arbeiter immer wieder zum Durchbruch kommt und sich 
zum Ärger der Straßenpassanten in großen Staubwolken bemerkbar macht, 
die unter dem Besen des Kehrers hervorquellen. 


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140 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Beim Reinigen mit der Kehrmaschine ist Staubaufwirbelung bei Auf¬ 
merksamkeit des Bedienungspersonals mit Sicherheit zu vermeiden. Die 
neueren Maschinen sind meistens mit Wasserkessel und Spreng Vorrichtung 
ausgerüstet und können die Reinigungsfläche vor dem Kehren in genügender 
Weise annässen, um den vorhandenen Staub abzulöschen. Viele Städte 
haben noch Kehrmaschinen ohne Sprengvorrichtung und sind infolgedessen 
gezwungen, die Arbeitsfläche vor dem Kehren mit dem gewöhnlichen Spreng¬ 
wagen anzunässen. Es ist viel darüber geschrieben und gesprochen worden, 
welche Kehrmaschine die zweckmäßigere sei, die mit, oder die ohne Wasser- 
sprengvorrichtung, oder, wie man sie auch genannt hat: die nasse bzw. die 
trockene Kehrmaschine. Beide Anschauungen sind berechtigt. Die An¬ 
forderungen an den Reinigungsdienst sind nicht in allen Städten die gleichen, 
und was hier zweckmäßig und wirtschaftlich ist, braucht es dort noch nicht 
zu sein. Dresden z. B. verwendet seit etwa 15 Jahren Kehrmaschinen mit 
Sprengvorrichtung und fährt gut dabei. Ein Betrieb mit trockenen Maschinen 
würde in Dresden die Reinigungskosten erhöhen. Trotzdem ist es mir ganz 
einleuchtend, daß unter gewissen Verhältnissen ein Arbeiten mit trockenen 
Maschinen, dem das Annässen mittels besonderer Sprengwagen voraus- 
zugehen hat, sehr zweckmäßig sein kann. Insbesondere dürfte dies der 
Fall sein bei starker Verschmutzung der Straßenfläche, oder wenn die Ver¬ 
schmutzungen lehmiger oder toniger Natur sind. Das Annässen hat ja nur 
den Zweck, den Straßenschmutz so weit anzufeuchten, daß beim Zusammen¬ 
kehren weder Staub noch Schlamm entsteht. Kann man mit der nassen 
Kehrmaschine dieser Forderung nachkommen, gut, so ist diese zu wählen, 
iin anderen Falle hat man sich für die trockene Kehrmaschine mit beson¬ 
derem Sprengwagen zu entscheiden, da man es bei dieser in der Hand hat, 
den Zeitpunkt und die Stärke der Straßenannässung dem Bedarf anzupassen. 

„Es ist wiederholt angeregt worden, die gewöhnlichen Pflasterflächen 
ohne Fugendichtung nicht, wie allgemein üblich, mit Hand oder Kehr¬ 
maschine zu säubern, sondern sie regelmäßig mit Wasser abzuspülen, 
weil damit eine größere Staubfreiheit erzielt werden könne. Ich halte dies 
Verfahren nicht für erforderlich, ganz abgesehen davon, daß bei unachtsamem 
Arbeiten leicht ein Ausspülen der Fugen — also eine Schädigung der 
Straßendecke — eintreten kann. Bei sorgfältiger Reinhaltung und reich¬ 
licher Besprengung können Pflasterflächen auf billigere Art ebensogut staub* 
frei gehalten werden, wie durch Abspülen. 

„Die Reinigungsarbeiten spielen sich fast allenthalben in folgender 
Weise ab. Die Verkehrsflächen werden wöchentlich mehrere Male einer 
gründlichen Hauptreinigung in allen ihren Teilen unterzogen, sei es durch 
Hand-, Maschinen- oder Waschreinigung, und zwischen je zwei Hauptreini¬ 
gungen noch ein oder mehrere Male oberflächlich nachgereinigt (sogenannte 
fliegende Reinigung). Je öfter die gründliche Reinigung erfolgt, 
um so besser wird der gesamte Reinlichkeitszustand im all¬ 
gemeinen sein, und je Öfter nachgereinigt wird, um so sauberer 
wird sich das Straßenbild zeigen. Gewiß wird die größere Zahl der 
Reinigungen auch die Kosten erhöhen, aber man wird sich dem nicht ent¬ 
ziehen können, wenn man die Straßen rein und nach Möglichkeit staub¬ 
frei halten will. Daß übrigens eine große Zahl von Reinigungen durch- 


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Straßenkehrmaschine 

mit selbsttätiger Kehrichtaufladevorrichtung, von der Kgl. Sachs. Feuerspritzenfabrik 

(i. A. Händel in Dresden. 



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Abbildung 3. 







Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


141 


aus nicht auch mit hohen Reinigungskosten verbunden sein muß, dafür kann 
Dresden als Beispiel angeführt werden. In Dresden werden alle Straßen 
täglich gründlich gereinigt (wöchentlich also siebenmal) und außerdem 
wird noch der größte Teil der Flächen (etwa 85 Proz.) täglich 1 bis 12 mal 
nachgereinigt. Dabei betragen die jährlichen Reinigungskosten für 1 qm 
im Durchschnitt der vier Jahre 1901 bis 1904 nur 22,6 Pf. 1 ), ein Wert, der 
in Anbetracht der hohen Arbeiterlöhne in Dresden eher niedrig als hoch zu 
bezeichnen ist. Der entsprechende durchschnittliche Kostenwert für 
die fünf Städte Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt a. M. und Leipzig zu¬ 
sammen beträgt 22,50 Pf., obwohl alle diese Städte weniger oft — und zum 
Teil wesentlich weniger oft — reinigen als Dresden. 

„Von besonderer Bedeutung für die Staubfrage ist es, ob Verunreini¬ 
gungen lange auf den Verkehrsflächen liegen bleiben, ehe sie von den 
Reinigungsmannschaften entfernt werden. Je länger sie liegen bleiben, um 
so sicherer werden sie zu Staub zerrieben. Das Streben jeder zielbewußt 
arbeitenden Reinigungsverwaltung muß daher dahin gehen, die Verunreini¬ 
gungen sobald als möglich zu beseitigen. Ja, sie soll sogar noch weiter 
gehen und dort, wo es erreichbar ist, dafür sorgen, daß die Verunreinigungen 
nur an bestimmten Stellen abgeworfen werden oder noch besser, die Verkehrs¬ 
fläche gar nicht erreichen. Rußfreie Verbrennung, staubfreie Müllverladung 
und Abfuhr sind daher Forderungen, die von jeder Reinigungsverwaltung 
schon im eigenen Nutzen kräftig zu unterstützen sind. 

„Das Bestreben, den Kehricht so schnell als möglich von der Reinigungs¬ 
fläche zu entfernen, hat in den letzten Jahren zum Bau von Maschinen Ver¬ 
anlassung gegeben, die nicht nur kehren, sondern such den Kehricht auf¬ 
sammeln. Die erste Sammel-Kehrmaschine, wie ich sie nennen will, die in 
Deutschland zu praktischer Anwendung gelangte, ist die bekannte Salus- 
maschine 2 ) der Kehrmaschinen-Gesellschaft „Salus“ in Rath bei Düsseldorf. 
Die Maschine hat während der Deutschen Städteausstellung mehrere Monate 
versuchsweise im Dresdener Reinigungsbetriebe gearbeitet. Das Ergebnis 
hat aber nicht befriedigt aus Gründen, die anzugeben mich zu weit ab vom 
Ziele führen würde. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, daß sich mit 
der Salusmaschine vielleicht doch noch gute Betriebserfolge erzielen lassen 
werden, wenn sie einer Umarbeitung unterzogen würde, die den Betriebs¬ 
forderungen recht scharf Rechnung trägt. 

„Seit fast zwei Jahren arbeitet eine andere Sammel-Kehrmaschine im 
Dresdener Reinigungsbetriebe. Sie ist von der Königl. Sachs. Feuerspritzen¬ 
fabrik Händel in Dresden gebaut und hat sich seither zu guter Zufrieden¬ 
heit bewährt (vgl. Abb. 3 8 ). Bei der großen Bedeutung, die den Sarnmel- 
Kehrmaschinen im Reinigungsbetriebe der Städte zukommt, wäre es sehr 
erfreulich, wenn von den städtischen Reinigungsverwaltungen recht zahl¬ 
reiche Versuche mit ähnlichen Maschinen angestellt würden und die beteiligte 
Industrie sich recht eifrig der praktischen Ausbildung von zweckmäßigen 
Saromel-Kehrsystemen widmete. An guten Gedanken, die sich in die Praxis 

l ) Im Jahre 1905 sind die jährlichen Reinigungskosten für 1 qm auf ‘20,3 Pf. 
gesunken. 

*) Zu vgl. Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 1902, S. 135 f. 

*) Vgl. auch Technisches Gemeindeblatt 1906, S. 161 f. 


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142 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

umsetzen lassen, ist, wie die Patentschriften zeigen, kein Mangel. Man 
beachte aber, daß man von einer Maschine, die ein neues Kehrsystem ver¬ 
körpert, anfänglich nicht zu viel verlangen soll, eingedenk der Tatsache, 
daß auch die wesentlich einfachere gewöhnliche Kehrmaschine nicht mit 
einem Schlage, sondern erst im Laufe langer Jahre und durch die Mitarbeit 
Vieler zu ihrer jetzigen Form vervollkommnet worden ist. 

„Wo der Staub in ziemlichen Mengen auftritt, wie auf den beschotterten 
und bekiesten Flächen, ist seine Beseitigung eine verhältnismäßig einfache 
Aufgabe. Wenn auf Schotterstraßen bei trockenem Wetter der vorhandene 
Staub oft abgekehrt wird, was allerdings mit Vorsicht, wenn möglich bei 
Nacht, zu geschehen hat, und bei nassem Wetter von Zeit zu Zeit ein Ab¬ 
schlämmen in solchen Grenzen erfolgt, daß der Bestand der Decke nicht 
gefährdet wird, daun kann man die Staubbelästigung auf solchen Straßen bei 
sonst guter Straßenbesprengung wohl auf ein praktisch geringes Maß ab¬ 
mindern. 

„Schwieriger ist es, den Staub überall dort zu beseitigen, wo er in geringen 
Mengen auftritt, wo aber seine möglichst gründliche Beseitigung auch tags¬ 
über aus Verkehrsrücksichten und in Ansehung seines infektiösen Cha¬ 
rakters besonders wünschenswert erscheint. Überall, wo starker Verkehr flutet, 
in den Zentren der Großstädte, auf den belebten Durcbgangsadern, in großen 
öffentlichen Räumen, Bahnhofshallen usw., tritt solcher Staub auf. In feiner 
Verteilung liegt er auf den Verkehrsflächen und ist bei trockenem, ruhigem 
Wetter fast gar nicht mit dem Auge bemerkbar. Jeder leichte Windhauch 
weht ihn aber in dünnen Schwaden über die glatten Gangbahnen und 
Asphaltflächen, und jedes schneller fahrende Automobil zieht ihn im Luft¬ 
wirbel empor. Gegen solchen Staub gibt es jetzt nur ein Mittel: das Wasser. 
Ein gründlicher Regen spült alles hinweg. Eine verkehrsreiche Straße läßt 
sich aber tagsüber nicht mit Wasser abspülen, ohne daß erhebliche Verkehrs¬ 
belästigungen entstehen. Man hat daher in Dresden ein anderes Verfahren 
eingeschlagen. Die Schnittgerinne der Asphalt- und Holzpflasterstraßen 
werden an trockenen Tagen wiederholt mit Wasser ausgegossen, so daß sie 
sich auf etwa l / 2 m Breite ständig feucht halten. Diese feuchten Streifen 
sind die Fänger für den feinen Staub. Vollständig windstill ist es doch 
sehr selten, schon der Verkehr bewirkt Luftströmungen, die den feinen Staub 
treiben. In den nassen Schnittgerinnen bleibt er kleben.* Daß gerade die 
Schnittgerinne die geeignetsten Stellen sind, um den Staub zu fangen, er¬ 
kennt man am besten im Winter bei leichtem Schneetreiben. Die Schnitt¬ 
gerinne werden zuerst zugeweht. Von Zeit zu Zeit werden die Gerinne naß 
ausgebürstet, und das Schmutzwasser fließt in die Schleuse ab. Das Ver¬ 
fahren, das schon mehrere Jahre geübt wird, hat sich bewährt. Anfänglich 
befürchtete man eine vorzeitige Zerstörung des Asphaltes in den feuchten 
Gerinnen, aber die Befürchtung hat sich bis jetzt als grundlos erwiesen. 

„Eine zweite Stelle, an der sich der feine Staub, besonders Wollfasern 
und dergleichen, ansammeln, sind die Hauswinkel, das sind die einspringenden 
Winkel an den Häuserfluchten. Dieser Staub ist am besten auf trockenem 
Wege durch Borstenbesen zu beseitigen. Es hat dies Verfahren, das eben¬ 
falls in Dresden üblich ist, anfänglich wohl manchen Spott herausgefordert, 
wenn die kräftigen Kehrer mit Borstenbesen, ähnlich wie jede Küchenfee, 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


143 


hantierten; aber es erfüllt seinen Zweck, und das ist doch schließlich die 
Hauptsache. 

„Recht wünschenswert erscheint es, den feinen Staub von den Straßen 
durch Absaugemaschinen zu entfernen, wie sie für Innenzwecke schon länger 
in Verwendung stehen. Leider ist es bis jetzt unmöglich gewesen, solche 
Versuche auszuführen, da Staubsaugemaschinen für die Straßenreinigung 
wohl schon auf dem Papiere konstruiert, aber meines Wissens noch nicht 
im Handel erschienen sind. Und doch sind solche Maschinen für die 
Straßenreinigung, besonders im Winter bei Barfrost, als ein Bedürfnis zu 
bezeichnen. 

„Schon zu Anfang meiner Worte habe ich darauf hingewiesen, welche 
unangenehme und teilweise auch gefährliche Verunreinigung die mensch¬ 
lichen Spuckreste auf den belebten Großstadtgangbahnen bilden. Besonders 
in der kalten Jahreszeit, wenn die Verwendung von Wasser zu den Reini¬ 
gungsarbeiten der Witterungsverhältnisse wegen notgedrungen auf ein Mini¬ 
mum eingeschränkt werden muß, wachsen sich diese Verschmutzungen zu 
einer ganz häßlichen Begleiterscheinung großstädtischen Verkehrs aus. Es 
ist eine verdienstliche Aufgabe, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um 
diese Verunreinigungen von den Verkehrsflächen fern zu halten oder sie 
wenigstens so zu beschränken, daß ihre Unschädlichmachung gelingt, ehe 
sie trocknen und vom Verkehr und vom Winde zerstäubt werden. Bei 
den herrschenden Anschauungen ist es wohl als ausgeschlossen zu be¬ 
trachten, durch ein einfaches Verbot, auf die Gangbahnen zu spucken, wie 
es in amerikanischen, englischen und französischen Städten bestehen soll, 
erhebliche Besserung zu erzielen. Viel richtiger will es mir erscheinen, auf 
das Publikum erzieherisch einzuwirken, ihm allmählich die Überzeugung 
beizubringen, daß die Fernhaltung der Spuckreste von den Gangbahnen zu 
seinem eigenen Wohl und Besten geschieht. Die Schule wird in diesem 
Punkte einen sehr segensreichen Einfluß ausüben können. Wenn dann 
gleichzeitig Einrichtungen geschaffen werden, die die örtliche Beschränkung 
der Spuckreste in einer für den Verkehr recht bequemen, vor allen Dingen 
ihn nicht belästigenden Weise ermöglichen, dann ist zu hoffen, daß 
die jetzt bisweilen recht argen Verschmutzungen der Gangbahnen allmählich 
verschwinden werden. 

„Zwei Wege sind es, durch die sich eine örtliche Beschränkung der 
Spuckreste erreichen läßt. Der eine Weg besteht darin, daß man die an 
den Gangbahnen liegenden Abgesümpfe (Regenrohre, Tagewassereinläufe) 
als Spucknäpfe ausbildet, indem man die Abdeckungen in geeigneter Weise 
m&schenartig durchbricht 1 )* Solche Spucknäpfe — von der Firma Conrad 
Meurer, Cossebande-Dresden — sind in Dresden an verkehrsreichen 
Stellen schon seit einigen Monaten in größerer Zahl eingerichtet. Sie haben 
den hoch anzuschlagenden Vorzug, daß das Publikum die Bedeutung der 
Einrichtung, auch wenn die Bezeichnung Spucknapf nicht mit angebracht 
wäre, sofort erkennt. Überall fallen auf Schritt und Tritt die durch¬ 
brochenen Deckel in die Augen; sie bilden gleichsam einen stillen Mahner 
und werden dadurch sicher auf das Straßenpublikum in der gewünschten 
Richtung einen erzieherischen Einfluß ausüben. 

l ) Vgl. Technisches Gemeindeblatt 1906, S. 172. 


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144 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„In etwas anderer Weise kann man den beabsichtigten Zweck erreichen 
durch Einrichtung besonderer Spuckflächen. Hierzu eignen sich recht gut 
die Schnittgerinne neben den Gangbahnen. Dieselben sind immer feucht zu 
halten, damit die Spuckreste nicht eintrocknen können, und müssen täglich 
nach Bedarf einige Male mit Wasser, dem etwas Desinfektionsmittel zu¬ 
gefügt werden kann, ausgewaschen werden, in ganz ähnlicher Weise, wie 
dies z. B. in Dresden mit den Schnittgerinnen an den Asphaltstraßen aus 
anderem Grunde schon geschieht. Man wird bei diesem Verfahren, wenn 
etwas erreicht werden soll, allerdings nicht darauf verzichten können, einen 
leichten Druck auf die Öffentlichkeit auszuüben, sei es es durch ein mehr 
förmliches Verbot, auf die Ganghahn zu spucken, sei es durch Schilder und 
Aufschriften, die entsprechende Anweisungen geben. Andererseits ist das 
Verfahren für den Verkehr nahezu ohne alle Belästigung, und das ist von 
nicht zu unterschätzender Bedeutung, denn die Bequemlichkeit der Massen 
ist ein großer Feind des Fortschrittes. Auch werden die Spuckreste, wenn 
sich das Verfahren erst eingeleht hat, voraussichtlich mit größerer Sicherheit 
von den Ganghahnen ferngehalten werden können, als hei den Spucknäpfen, 
hei denen doch immer ein Teil der Verunreinigungen unbeabsichtigt nicht 
durch die Maschen, sondern daneben auf die Ganghahnen fallen kann. 

„Ehe ich das Gebiet der Straßenreinigung verlasse, muß ich noch zweier 
Arbeitsleistungen gedenken, die scheinbar in etwas loserem Zusammenhänge 
mit der Staubfrage stehen: der Kehrichtahfuhr und der Kehrichtunterbringung. 

„Wenn auch jede zielbewußt vorgehende Staubbekämpfung ihre Haupt¬ 
aufgabe darin erblicken wird, die Verkehrsflächen möglichst frei von Staub 
und 8tauberzeugenden Verunreinigungen zu halten, so darf sie es hei der 
bloßen Beseitigung dieser Stoffe nicht bewenden lassen, sie muß im Gegen¬ 
teil auch weiter besorgt sein, daß die gesammelten Mengen nicht wieder auf 
dem Wege nach dem Abladeplatz und auf diesem selbst zu erneuten Staub- 
helästigungen Anlaß gehen können. Man wird in erster Linie danach zu 
streben haben, daß die Kehrichtmassen nur in geschlossenen, staubsicheren 
Wagen abgefahren werden, und wenn solche Wagen nicht zur Verfügung 
stehen, wird man zum mindesten verlangen müssen, daß der Kehricht auf 
den Wagen stets in feuchtem Zustande erhalten und genügend abgedeckt wird. 

„Die hygienisch beste Vernichtung der staubhaltigen Kehrichtmengen 
ist die Verbrennung; leider ist sie auch gewöhnlich die teuerste. Gegen 
die Verwertung des Kehrichts in der Landwirtschaft oder zur Auffüllung 
von Brachland sind Bedenken nicht zu erheben, solange Gewähr gegeben 
ist, daß damit gesundheitliche Schädigungen nach jeder Richtung hin als 
ausgeschlossen gelten können. — 

„Das dritte Hauptmittel, das uns im Kampfe gegen den Staub zur Ver¬ 
fügung steht, und das als das gebräuchlichste allenthalben verwendet wird, 
ist die Wasserbesprengung. 

„Wohl kein Zweig des städtischen Reinigungswesens — und ich spreche 
aus langjähriger Erfahrung — hat sich in solchem Maße der eifrigsten Kritik 
des Publikums zu erfreuen, als gerade das Besprengungswesen. Dem einen 
wird zu wenig, dem anderen zu viel, dem dritten zn zeitig, dem vierten zu 
spät gesprengt, der eine beklagt sich, daß die Straßen von Wasser schwimmen, 
der andere nennt die Besprengung nur einen Tropfen auf den heißen Stein, 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 145 

kurz, man kann es machen, wie man will, immer ist es für den oder jenen 
nicht richtig gemacht. Wenn alle diejenigen, die sich mit Recht oder Un¬ 
recht über die Straßenbesprengung beklagen, wüßten, mit welcher Mühe, mit 
welchem großen Aufwande an Zeit und Arbeit die Leitung und Überwachung 
eines ausgedehnten Sprengbetriebes für die verantwortlichen Beamten ver¬ 
bunden ist, wie die wohlvorbereiteten Anordnungen oftmals im letzten Augen¬ 
blicke der Witterung wegen abgeändert und durch andere ersetzt werden 
müssen, wenn sie sich überzeugen wollten, daß ein ausgedehnter Spreng- 
betrieb, der mit einer großen Schar von ganz gewöhnlichen, einfachen Ar¬ 
beitern und Kutschern arbeitet, bis zu einem gewissen Grade schematisiert 
sein muß, wenn er nicht versagen soll, sie würden dann wohl manches Mal 
mit ihrem raschen Urteil, das gewöhnlich wie eine Verurteilung klingt, 
zurückhalten. 

„Der vornehmste Zweck der Wasserbesprengung ist die Staublöschung, 
in zweiter Linie ist sie aber auch erwünscht, um luftreinigend und erfrischend 
zu wirken. Schon aus letzterem Grunde wird die Besprengung nie ganz 
entbehrt werden können, selbst wenn sich die Staubentwickelung unserer 
Straßen aufs äußerste vermindern ließe. Die Asphaltstraßen sind im all¬ 
gemeinen unsere staubfreiesten Straßen; wollte man aber an heißen Tagen 
diese Straßen ohne Besprengung lassen, so würde dies mit Recht einen Sturm 
der Entrüstung hervorrufen. Dem Publikum kann gerade an heißen Tagen 
gar nicht genug Wasser auf den Asphaltstraßen verspritzt werden. 

„Wann und wie stark soll gesprengt werden? Das sind zwei Fragen, 
die scheinbar so leicht zu beantworten sind, die aber in der Praxis gewöhn¬ 
lich die meisten Schwierigkeiten verursachen. Immer ausgehend von dem 
Grundgedanken, daß Verhüten besser als Heilen ist, muß es das Ziel jeder 
vorwärts strebenden Verwaltung sein, die Staubbildung schon im Entstehen 
zu unterdrücken. Wenn der Staub bereits in Mengen vorhanden ist und es 
nur des Windes bedarf, um ihn aufzuwirbeln, dann ist der richtige Zeit¬ 
punkt längst vorüber. Die Besprengung muß viel früher einsetzen, zu einer 
Zeit, die vom Laien gar oft als zu früh bezeichnet wird. Wenn die Schotter¬ 
und Kiesbahnen und die Sandfugen der Pflasterstraßen auszutrocknen beginnen, 
dann ist der richtige Zeitpunkt da, denn dann verfließt erfahrungsgemäß 
bei gleichbleibender Witterung nur noch eine kurze Spanne Zeit bis zur 
beginnenden Staubbelästigung. Nun freilich läßt sich dieser Zeitpunkt in 
der Praxis nicht immer scharf einhalten. Die Witterung ändert sich gar 
oft plötzlich und unvermittelt. Stets auf solche Möglichkeiten gerüstet zu 
sein, hieße aber über das Ziel weit hinausschießen. Der Sprengapparat einer 
größeren Stadt läßt sich nicht in steter Gebrauchsbereitschaft halten, etwa 
wie der Apparat der Feuerwehr; das würde die Kosten des Sprengbetriebes 
in einem Maße erhöhen, daß sie ganz außer allem Verhältnis zu dem erzielten 
Erfolge stehen würden. In den meisten Städten ist die Bespannung der 
Sprengwagen an Unternehmer vergeben, und es bedarf stets einer gewissen 
Zeit, ehe von diesen Unternehmern die Geschirre und Kutscher verfügbar 
gemacht sind und der Betrieb beginnen kann. An diesen Verhältnissen 
wird auch nichts geändert, wenn die Gemeinde ihre eigenen Pferde ver¬ 
wendet, ja die Verhältnisse können sich in diesem Falle noch verschärfen. 
Besser wird es voraussichtlich erst werden, wenn der automobile Antrieb 

VtertaUabraachrift für Gatundbaitapflage, 1907. jq 


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146 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

der Sprengwagen eingeführt sein wird. Automobile Sprengwagen können 
— zweckmäßige gute Bauart vorausgesetzt — stets in Gebrauchsbereitschaft 
gehalten werden, ohne daß dadurch ein besonderer Aufwand erwächst. Wie 
hoch die Kosten des automobilen Betriebes insgesamt ausfallen werden, das 
muß vorläufig abgewartet werden. Ich habe die Überzeugung, daß der auto¬ 
mobile Sprengwagen bei recht geschickter, zweckmäßiger Verwendung im 
Reinigungs- und Sprengdienste schon jetzt mit dem Pferdesprengwagen in 
Wettbewerb treten kann. Für den auf Schienen laufenden, elektrisch an¬ 
getriebenen Motorwagen ist dies schon längst erwiesen. 

„Es ist leider noch vielfach die Ansicht verbreitet, daß beim Sprengen 
besondere Unterschiede zwischen den verschiedenen Arbeitsflächen nicht zu 
machen sind. Das ist eine falsche Anschauung. Wie bei der Reinigung, 
so sind auch beim Sprengdienste die Straßen ganz individuell zu behandeln» 
sowohl was die Stärke der Annässung, als die Zahl der täglichen Bespren¬ 
gungen anlangt. Asphalt braucht nicht so viel Wasser zur Staublöschung 
wie Steinpflaster und dieses nicht so viel wie Schotter- und Kiesbahnen. 
Verkehrsreiche, zugige, sonnige Strecken sind öfter zu sprengen als ruhige, 
stille und schattige Lagen. Die Anforderungen wechseln auch mit dem 
Wetter und mit der Jahreszeit. In Dresden ist z. B. die Sprengstärke so 
geregelt, daß bei einmaliger Besprengung auf 1 qm Sprengfläcbe entfällt: 
bei Asphalt etwa % Liter, bei Steinpflaster */$ bis 2 / 3 Liter, bei Schotter 
und Kies 2 / 3 bis 1 Liter Wasser, während die Zahl der Besprengungen, ab¬ 
gesehen von einzelnen Ausnahmen, zwischen 1 und 6 schwankt. Eine derart 
individuelle Behandlung der Straßen verlangt aber nicht nur ein sehr gut 
geschultes und verständnisvolles Personal, sie setzt auch Sprengwagen voraus, 
bei denen der Wasserauslauf in verschiedener Stärke leicht geregelt werden 
kann. Die Brausekörper der Sprengwagen sind in den letzten Jahren sehr 
vervollkommnet worden, doch sind in vielen Städten noch mancherlei Brause¬ 
vorrichtungen aus früheren Jahren vorhanden, die man jetzt als veraltet 
ansieht. Ein guter, zweckmäßiger Brausekörper soll gestatten, den Wasser¬ 
auslauf in mindestens drei verschiedenen Stärken einzustellen, ohne daß aber 
dabei die geringere Ausflußmenge durch Druckhöhenverlust erzielt wird, der 
die Sprengbreite mindert. Aus Verkehrsrücksichten ist außerdem zu ver¬ 
langen, daß die Absperrung des Wasserzuflusses leicht und bequem handlich 
sei. Im allgemeinen ist besonders Wert darauf zu legen, daß die Hand¬ 
habung des Sprengwagens nicht zu umständlich wird, weil sonst die Gefahr 
nahe liegt, daß die schönen Einrichtungen im Betriebe unausgenutzt bleiben. 
Bei dem jetzt noch überall üblichen Pferdebetriebe ist der Kutscher schon 
sehr beschäftigt, wenn er den Sprengwagen auf verkehrsreicheren Straßen 
zu führen hat. Mutet man ihm zu viel zu, besonders unbequeme Hand¬ 
habung der Sprengvorrichtung, so ist fast mit Sicherheit daraufzu rechnen, daß 
er die Vorschriften außer acht läßt und nur das tut, was ihm am bequemsten 
liegt. Der automobile Antrieb der Sprengwagen wird auch in dieser Hin¬ 
sicht zu Verbesserungen des Sprengbetriebes führen. Ich muß mir jedoch 
versagen, an dieser Stelle näher darauf einzugehen. 

„Die Erkenntnis, daß die Höhe der jährlichen Sprengkosten sich fast 
genau ändert mit der Zahl der Besprengungen, bat vielfach aus Ersparnis¬ 
bestrebungen dazu verleitet, die Zahl der Besprengungen recht niedrig zu 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 147 

halten und znm Ausgleich dafür bei der Besprengung recht viel Wasser zu 
verwenden, damit die Straßen sich um so länger feucht halten. Wirtschaft¬ 
lich kann ein solches Verfahren nicht genannt werden. Wenn auch bei 
Asphalt- und Pflasterbahnen ein übermäßig starkes Besprengen nicht gerade 
Schaden an der Straße anrichtet, so nützt es andererseits auch fast gar 
nichts, da das überschüssige Wasser sehr rasch in die Schleuse abfließt. Bei 
Schotterstraßen wirkt aber eine zu starke Besprengung schädigend. Die 
Deckschicht wird durch das viele Wasser in eine Schlammasse verwandelt, 
der Schlamm bleibt an den Rädern kleben, und die Straße reißt auf, wie 
der technische Ausdruck lautet. Der Steinverband wird gelockert, und die 
Straße leidet ohne Zweifel. Zur Vermeidung dieser Nachteile ist zu ver¬ 
langen, die Schotter- und Kiesbahnen nur so viel anzunässen, daß Schlamm¬ 
bildung vermieden wird. Eine solche leichte Besprengung wird allerdings 
nicht so lange Vorhalten als eine Einschwemmung der Straße. Hält man 
sie für ungenügend, so muß eben. die Zahl der Besprengungen vermehrt 
werden. Dieser Weg ist immer noch der wirtschaftlichere, denn durch über¬ 
mäßiges Einschwemmen kann eine gute Schotterbahn sehr bald so geschädigt 
werden, daß die Kosten der Ausbesserungsarbeiten die gesamten jährlichen 
Sprengkosten um ein Vielfaches übersteigen. 

„Das übermäßig starke Besprengen ist auch in betrieblicher Hinsicht 
als unwirtschaftlich zu bezeichnen. Je öfter der Sprengwagen wieder ge¬ 
füllt werden muß, um so länger wird er dem eigentlichen Sprengdienst 
entzogen, um so geringer ist seine Leistung, um so teurer der Betrieb. 
Bei den Asphaltstraßen geschieht das Einschwemmen (aber wohl gemerkt, 
das für die Staublöschung, nicht das für die Reinigung) vielfach in der Ab¬ 
sicht, um den Staub wegzuspülen. Das Verfahren hat eine gewisse Berechti¬ 
gung, ist aber doch von minderem Wert. Bei stärkerer Verschmutzung wird 
nur ein geringer Teil derselben weggespült, und das Wasser ist ziemlich 
nutzlos verwendet, wenn nicht sofort nach der Besprengung die Fläche von 
der Reinigungskolonne mit dem Gummischrubber abgeschoben wird, was 
sich, abgesehen von finanziellen Gründen, tagsüber meistens auch aus Ver¬ 
kehrsrücksichten verbietet. Ist aber die Asphaltfläche nur gering verschmutzt, 
so genügt auch eine leichte Besprengung, um den vorhandenen Staub zu 
löschen. Oft mit wenig Wasser sprengen ist daher zweckmäßiger und wirt¬ 
schaftlicher, als weniger oft, aber mit viel Wasser sprengen. 

„Bei heißem Wetter stößt die Forderung, die Schotter- und Kiesbahnen 
und die Sandfugen der Pflasterstraßen möglichst andauernd in erdfeuchtem 
Zustande zu erhalten, auf grüße praktische Schwierigkeiten. Man muß in 
solchem Falle die Zahl der Besprengungen erheblich über das übliche Maß 
vermehren, und dies bedingt wieder eine beträchtliche Vergrößerung des 
Sprengwagenparkes. Eine solche Vergrößerung ist aber aus betrieblichen 
und finanziellen Gründen höchst unerwünscht. Einesteils, um sie zu um¬ 
gehen, anderenteils in der Absicht, die Besprengungsarbeiten zu verbilligen, 
hat man wiederholt versucht, die gewöhnliche Wasserbesprengung nach¬ 
haltiger zu gestalten durch Vermischung des Sprengwassers mit Chemi¬ 
kalien, die durch ihre hygroskopischen und sonstigen Eigenschaften die be¬ 
sprengte Fläche länger im feuchten Zustande erhalten als reines Wasser. 
Es sind Versuche angestellt worden mit Kochsalz (NaCl), Chlorcalcium 

10 * 


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148 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

(CaCl 2 ), Glycerin, Abfallaugen, ölen, Ölemulsionen und ähnlichen Stoffen 
mehr. Bei derartigen Versuchen ist Vorsicht am Platze. Man muß ver¬ 
langen, daß alle Stoffe, die beim Austrocknen und Verstäuben gesundheits¬ 
schädigend auf die Straßenpassanten einwirken können, grundsätzlich von 
allgemeiner regelmäßiger Verwendung ausgeschlossen bleiben. Für Koch¬ 
salz und Chlorcalcium kann man wohl ohne weiteres annehmen — es ist 
auch teilweise erwiesen—, daß sie bei fortdauernder Verwendung auf der Straße 
den Gesundheitszustand der Menschen ungünstig beeinflussen. Ob Abfall¬ 
laugen, Glycerin, öl und Ölemulsionen ebenfalls schädigend wirken können, 
darüber liegen anscheinend Erfahrungen oder Untersuchungen noch nicht 
vor. Bei dem in der Gegenwart immer weiter um sich greifenden Bestreben, 
die Staubbildung durch Behandlung der Straßenflächen mit allen möglichen 
chemischen Stoffen zu unterdrücken, muß es als höchst wünschenswert und 
zeitgemäß bezeichnet werden, Versuche darüber anzustellen, ob derartige 
Stoffe, die in ziemlichen Mengen auf die Straße gebracht werden, unsere 
Gesundheit zu beeinträchtigen vermögen. Ich habe das Gefühl, daß die 
pathogenen Eigenschaften des Straßenstaubes, abgesehen von den in ihm 
enthaltenen Bakterien, auch verschieden sind nach der Art und Beschaffenheit 
des Staubes selbst, besonders wenn er wasserlösliche Beimengungen enthält. 

„Mit Chlorcalcium und Glycerin sind in Dresden Versuche angestellt 
worden, haben aber zu einem günstigen Ergebnis nicht führen können, weil 
die Verwendung dieser Stoffe zu teuer erscheint. Selbst wenn man bis zu 
einprozentigen Lösungen herabgeht, die schon an der Grenze stehen, an der 
noch ein Einfluß des Salzgehaltes zu bemerken ist, stellen sich die Kosten 
bei Chlorcalcium etwa fünfmal und bei Glycerin sogar 20 mal höher als bei 
der gewöhnlichen Wasserbesprengung. Chlorcalcium ist auch in stärkeren 
Lösungen versucht worden, und zwar in 10-, 20- und ÖOproz. Lösungen. 
Die Wirkung betrug bei diesen außergewöhnlich starken Mischungen etwa 
zwei, vier und sieben Tage, sie würde aber wahrscheinlich nicht so groß 
gewesen sein, wenn die Versuche nicht — aus Gründen der Vorsicht — auf 
einer abgelegenen, nahezu verkehrsfreien, sondern auf einer verkehrsreichen 
Straße angestellt worden wären. 

„Wesentlich vorteilhafter erweist sich die Verwendung von dünnen Öl¬ 
emulsionen. Das Westrumitöl hat sich zwar bisher trotz aller Versuche und 
Bemühungen im regelmäßigen Betriebe nicht in 1-bzw. l /sproz.Lösungen 
verwenden lassen, weil in so schwachen Lösungen seine Emulsionskraft aus 
unbekannten Gründen gewöhnlich versagt, aber andere öle, wie z. B. Antistof, 
Standutin u. a.m., lassen sich ohne Schwierigkeiten in 7a* und lproz. Mischungen 
verwenden. Mit den schwachen Ölemulsionen läßt sich die Wasserbespren¬ 
gung, besonders der Schotter- und Kiesbahnen, in wertvoller Weise unter¬ 
stützen und der Sprengbetrieb im Bedarfsfälle entlasten. Die Kosten einer 
einmaligen Besprengung mit Wasser bzw. mit einer 1 proz. Lösung von 
Westrumit oder Antistof stehen in Dresden etwa im Verhältnis wie 1:12, 
d. h. die 1 proz. ölbesprengung ist etwa 12 mal teurer als die Wasserbespren¬ 
gung. Dabei ist aber zu beachten, daß die ölbesprengung zwei- bis dreimal 
so lange vorhält als die Wasserbesprengung, besonders wenn die 
Straßenfläche sohon etwas geölt ist. Die lproz. Ölbesprengung er¬ 
setzt also etwa eine zwei- bis dreimalige Wasserbesprengung. Erfordert 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 


149 


beispielsweise eine Straße für gewöhnlich täglich eine viermalige Bespren- 
gung, so kann unter günstigen Verhältnissen die Zahl der Besprengungen 
um die Hälfte vermindert, also auf zwei herabgesetzt werden, wenn die eine 
dieser beiden Besprengungen mit einer lproz. Öllösung ausgeführt wird. 
Die Staubunterdrückung wird dabei besser sein als bei der gewöhnlichen 
viermaligen W&sserbesprengung. Das Verfahren ist zwar immer noch etwa 
vier- bis fünfmal teurer als die gewöhnliche Wasserbesprengung, aber es 
entlastet den Sprengbetrieb ganz wesentlich, was besonders in heißen 
Sommern mit starkem Wassermangel sehr wertvoll sein kann. 
Außerdem wird der Straßenoberfläche allmählich und ganz gleichmäßig eine 
ziemlich große ölmenge zugeführt (an 100 Sprengtagen etwa 1 kg öl auf 
1 qm), durch welche die früher besprochene Verbesserung der Straßendecke 
gleichsam als Nebenleistung erreicht wird. 

„Von allem Staub, der im Kreisläufe eines Jahres auf den Straßen auf- 
tritt, ist am schwersten • zu bekämpfen der Staub in der kalten Jahreszeit, 
wenn trockenes, starkes Frostwetter die Verwendung von gewöhnlichem 
Wasser nahezu zur Unmöglichkeit macht. Nicht nur die Schotterstraßen, 
auch die gewöhnlichen Pflasterstraßen können zu solchen Zeiten in der 
ärgsten Weise verstauben, wenn nicht die Straßenreinigung durch außer¬ 
gewöhnliche Anstrengung dem entgegenarbeitet. Solche Barfrosttage sind 
die schlimmsten Tage im ganzen Jahre für einen geordneten Reinigungs¬ 
betrieb. Der Sand und Staub quillt förmlich an solchen Tagen aus den 
Pflasterfugen in immer neuen Massen hervor, und der Tageskehricht steigt 
auf ein Vielfaches der gewöhnlichen Menge. In Dresden ist schon die fünf¬ 
fache Menge beobachtet worden. An solchen Barfrosttagen muß, um den 
Staub wenigstens einigermaßen zu bändigen, zu Mitteln gegriffen werden, die 
man im allgemeinen nicht gern verwendet, nämlich zu den Salzlösungen, aber 
nicht aus dem Grunde, weil sie länger Vorhalten, sondern weil sie schwerer als 
reines Wasser gefrieren. Die Gefrierpunkte solcher Lösungen sinken mehr 
und mehr mit der Stärke der Lösungen, wie die nachfolgende Tabelle zeigt. 

Gefrierpunkte verschiedener Lösungen. Der Gefrierpunkt liegt: 


I unter Verwendung von 

Für eine Lösung _- . ____ 


in Stärke von | 

i 

I Kochsalz bei 

Chlorcalcium *) 
bei 

Glycerin bei 

Proz. 

| °C 

°C 

°C 

0,5 ' 

— 0,3 j 

- 0,2 | 


L° j 

- 0,6 

— 0,4 | 

zwischen 0° 

1,5 

— 0,9 

- 0,6 

* und — 1° C 

2,0 1 

- 1,2 , 

— 0,9 1 


5,0 

- 2,9 i 

- 2 ’ 4 


10,0 | 

- 6,1 

- 5,8 

- i,o 

15,0 

— 9,7 

— 11,0 | 

— 1,5 

20,0 

— 13,6 

. “18,5 

— 2,5 

30,0 

ca. —21,0 

! 1 

— 6,0 

40,0 

— 

' 1 

— 17,0 

50,0 

_ 

1 I 

— 31,0 


l ) Wasserfreies geschmolzenes Chlovcalcium. 


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150 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Ob auch wässerige Ölemulsionen sich verwenden lassen und zweck¬ 
mäßig sind, bedarf erst noch des Nachweises. Unwahrscheinlich erscheint 
es nicht. 

„Alle diese Mittel Bind jedoch aus den schon angeführten Gründen nur 
als ein Notbehelf anzusehen. Das beste bleibt immer, den Staub durch 
peinlichste Reinigungstätigkeit so gründlich als möglich zu beseitigen. 
Dabei wird man Entstäubungsmaschinen, die den Staub von der Straßen¬ 
fläche absaugen, gleichviel ob mit Vakuum oder mit Preßluft, nach meiner 
Ansicht recht zweckmäßig und nutzbringend verwenden können. Leiderbietet 
die Industrie solche Maschinen noch nicht für Straßen zwecke, während sie 
für häusliche Innenzwecke sich schon fast eingebürgert haben. Aber es ist 
zu hoffen, daß diesem Mangel in absehbarer Zeit abgeholfen werden wird, 
und dann wird auch die Möglichkeit gegeben sein, die Staubplage der 
kalten Jahreszeit, die besonders gesundheitsschädigend wirkt, mehr und 
mehr einzudämmen zum Segen der Allgemeinheit. — 

„Ich habe Ihnen hiermit in großen Zügen ein Abbild gezeichnet von 
den Bestrebungen und Maßnahmen, die geboten erscheinen, um die Staub¬ 
bildung auf der Straße mehr als bisher niederzuhalten. Damit sind gleich¬ 
zeitig die Grundlagen gegeben, auf denen eine zielbewußte und erfolgreiche 
Staubbekämpfung im Hause sich aufbanen muß. Ich werde mich daher 
bei Besprechung dieser Frage wesentlich kürzer fassen können, nicht, weil sie 
unwichtiger ist als die Staubfrage auf der Straße, nein, sondern weil beide 
Fragen in ihrem Grundaufbau sich nahezu vollständig decken und erst in 
ihrer äußersten Verzweigung etwas voneinander abweichen. 

„Der größte Teil des im Hause auftretenden Staubes — von ge¬ 
werblichen Anlagen spreche ich nicht, da sie nicht in den Rahmen dieses 
Vortrages gehören — ist nichts weiter als gewöhnlicher Straßenstaub, 
der teils vom Winde durch die Fenster und Türen hereingeweht, teils 
vom Verkehr eingeschleppt wird. Wer ein aufmerksames Auge auch 
für die kleineren Vorgänge in seiner Wohnung hat, kann sich fast täg¬ 
lich davon überzeugen, und wer sein Heim an einer recht staubreichen 
Schotterstraße atifgeschlagen hat, dem wird die Wirklichkeit in eindring¬ 
licher, aber auch recht unliebsamer Weise den Beweis dafür liefern. 
Welche Plage der Straßenstaub für die Wohnungen ist, das brauche ich 
nicht besonders hervorzuheben, jede Hausfrau weiß das nur zu gut aus 
eigener Erfahrung. 

„Mit dem Tage, an dem die Staubfrage auf der Straße gelöst ist, wird 
sie in der Hauptsache auch im Hause als gelöst gelten können. Zwar wird 
selbst dann noch, wenn die Straßen gänzlich staubfrei gehalten werden 
könnten, was praktisch unmöglich ist, in den Wohnungen, in den Schulen, 
in öffentlichen Versammlungs- und Aufenthaltsräumen, in den Eisenbahn¬ 
wagen usw. ein Rest von Staub zu bekämpfen sein, der nicht von der Straße 
stammt, der in den Räumen selbst durch den Verkehr entsteht, aber dieser 
Rest ist seiner Menge nach gering, und zu seiner Beseitigung reichen die 
jetzt bekannten Mittel und Verfahren aus, wenn man nicht übertriebene 
Anforderungen stellt und wenn nicht, wie in Krankenhäusern und Heil¬ 
anstalten, in Zeiten schwerer Epidemien usw. die allerhöchsten Forderungen 
berechtigt sind. 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 151 

„Auf den Straßen war es die Straßendecke, in den bewohnten nnd 
öffentlichen Räumen ist es die Fußbodenbefestigung, der die erste Aufmerk¬ 
samkeit zuzuwenden ist. Die Wahl der geeignetsten Fußbodenbefestigung 
je für den besonderen Zweck ist gewöhnlich keine ganz leichte Aufgabe 
für den Architekten. Nur zu oft wird eine Wahl getroffen, die in hygie¬ 
nischer und reinigungstechnischer Hinsicht nicht glücklich zu nennen ist, 
wenn sie auch vielfach aus anderen zwingenden Gründen, gewöhnlich solchen 
finanzieller Art, nicht zu umgehen war. 

„Soll eine gute Staubbeseitigung erreicht werden, so ist in erster Linie 
zu verlangen, daß der Fußboden möglichst fugenlos ist, sich gering abnutzt 
und gründliche Reinhaltung durch Abwaschen in bequemer Weise zuläßt. 
Er soll außerdem wasserundurchlässig sein, damit nicht das Schmutzwasser 
bei der Reinigung eindringen kann. Für abgeschlossene Räume, wie Bureaus, 
Schulräume, Wohnräume, sind das Linoleum und ähnliche nahezu fugenlose 
undurchlässige Stoffe als vorzüglicher Fußbodenbelag anzusehen, während 
sich für Verkehrsräume mit halboffenem Charakter, wie Hallen, Durchgänge, 
Treppen und Fluren, harte, dichte Befestigung aus Fliesen, Platten, 
Asphalt und ähnlichen Stoffen besser eignet. Besonders unzweckmäßig für 
Räume mit stärkerem Verkehr ist die Dielung aus weichem Holz, und doch 
ist gerade diese Fußbodenbefestigung ihrer Billigkeit halber sehr viel ver¬ 
wendet. Es ist im Verkehr gar nicht zu vermeiden, daß die Dielung all¬ 
mählich rauh und splitterig wird und dann dem Staub und Schmutz beste 
Gelegenheit gibt, sich in ihren Unebenheiten, Rissen und Spalten festzusetzen. 
Eine gründliche Reinigung des gewöhnlichen Dielenbelags ist umständlich, 
zeitraubend und nicht besonders billig. Hierin dürfte auch wohl die Er¬ 
klärung zu suchen sein, daß öffentliche Verkehrsräume mit Holzdielung 
gewöhnlich so selten naß gereinigt werden. Man begnügt sich meistens mit 
einem wöchentlich ein- oder mehrmaligen trockenen Auskehren und reinigt 
im übrigen gründlich mit Seife, Bürste und Wasser nur in größeren Zeit¬ 
abschnitten, vielleicht im Jahre vier- oder sechsmal. Eine solche Reinigungs- 
weise, wie sie leider noch vielfach in Verkehrsräumen und auch in Schulen 
geübt wird, erscheint nicht geeignet, der Staubbildung erfolgreich entgegen¬ 
zuarbeiten. Wenn man schon auf der Straße von der Straßenreinigung 
staubfreies Kehren verlangt, so sollte erst recht in geschlossenen Verkehrs¬ 
räumen das trockene, staubaufwirbelnde Kehren unbedingt verpönt sein. 
Mit dem trockenen Kehren beseitigt man nur die festeren schweren Ver¬ 
unreinigungen, der feine leichte Staub, und das ist gerade der gefährliche 
Staub, wirbelt beim Kehren lustig in die Höhe, um sich erst später wieder 
auf den Fußboden und die Möbel niederzusenken. Nur ein nasses oder 
wenigstens feuchtes Aufwischen beseitigt den feinen Staub in genügender Weise. 
Solange nicht bessere Verfahren zur Staubbeseitigung erfunden sind, solange 
ist anzustreben, daß die Fußböden in Verkehrsräumen mindestens einmal 
täglich auf nassem Wege gereinigt werden. Gewiß wird ein solches Verfahren 
höhere Kosten verursachen, die z. B. für Schulen eine ziemliche Höhe er¬ 
reichen mögen, aber dem wird man sich auf die Dauer nicht entziehen 
können. Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, daß den hygienischen Forde¬ 
rungen entsprochen werden kann, ohne daß vermehrte Unkosten entstehen. 
In jeder, auch der einfachsten Familie, wenn sie nur einigermaßen Sinn für 


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162 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Reinlichkeit hat, wird es als ganz selbstverständlich betrachtet, daß die be¬ 
nutzten Räume täglich naß aufgewischt werden, und es ist recht gut, daß 
solche Anschauungen in den breitesten Schichten des Volkes herrschen. Um 
so weniger ist es zu verstehen, daß solche in der Häuslichkeit ganz selbst¬ 
verständliche Reinlichkeit in Verkehrsräumen meistens nicht geübt wird. 

„Ähnlich wie auf den Straßen, versucht man schon seit längeren Jahren 
auch die Fußböden, besonders Holzfußböden in Schulzimmern, Läden, 
Bureaus usw. durch Behandlung mit sogenannten Staubölen möglichst staub¬ 
frei zu halten. Man verwendet verschiedene öle, z.B. Dustlessöl, Floricin, 
deutsches Fußbodenöl, Westrumit, Standutin u. a.m. Wenn das ölen 
in angemessenen Zwischenräumen wiederholt wird, so ist die Staubbindung 
eine befriedigende. Aller auf dem Boden sich absetzende Staub klebt an dem 
öligen Überzug fest und wird ebenso wie der am Boden liegende Schmutz 
vom öl durchtränkt. Ein Wiederverstäuben des Schmutzes ist fast aus¬ 
geschlossen, und zudem stäubt öliger Staub infolge der klebenden Adhäsion 
seiner Teilchen bei weitem nicht so leicht wie gewöhnlicher Staub. 

„Die Ansichten über das Ölen der Fußböden sind immer noch sehr 
geteilt. Manche halten die Nachteile der öle, die hauptsächlich darin be¬ 
stehen, daß sie den Fußboden verschmieren und unschön färben, Kleider 
und auf den Boden fallende Gegenstände beschmutzen und mitunter auch 
etwas unangenehmen Geruch entwickeln, für so beachtlich, daß sie der 
ganzen Frage ablehnend gegenüberstehen. Andere wieder sind außerordent¬ 
lich für das Ölen eingenommen. Das ölen verbessert jedenfalls die Reini¬ 
gungsmöglichkeit alter, schlechter Holzfußböden und ist in diesem Sinne als 
ein Fortschritt auf dem Wege der Staubbekämpfung zu bezeichnen. Leider 
ist noch vielfach die irrtümliche Ansicht verbreitet, daß das Ölen der Fu߬ 
böden nicht nur staubverhindernd wirkt, sondern auch die Reinigungs¬ 
arbeiten verringert und verbilligt. Es ist dies eine ganz ähnliche Erschei¬ 
nung, wie sie sich auch bei der ölbesprengung auf der Straße gezeigt hat* 
Auch da hieß es anfänglich — und besonders viel trug die beteiligte In¬ 
dustrie dazu bei —, die ölbesprengung verbilligt und ersetzt die Wasser- 
besprengung, während dies doch in Wirklichkeit ganz und gar nicht der 
Fall ist. Ebenso soll die Fußbodenölung die Reinigungsarbeiten nur unter¬ 
stützen und verbessern, sie soll sie aber nicht verringern. Trotz Ölung ist 
das Verlangen aufrecht zu erhalten, die Räume täglich naß zu wischen, sonst 
bedeutet das Ölen keinen Fortschritt, eher einen Rückschritt. 

„Man hat das öl auch verwendet, um einen besseren Ersatz för die früher 
zur Staubunterdrückung beim Kehren viel benutzten feuchten Sägespäne zu 
erhalten, indem man Sand, Sägespäne oder Holzmehl mit öl tränkte. Alle diese 
Mittel, Kehrsand, Kehrspäne, Ibis, Verrin, Lignolstreu usw., wie 
sie im Handel heißen, sind zwar ganz zweckmäßig, um das Staubaufwirbeln 
beim Kehren möglichst zu vermeiden, sie können aber ebensowenig als ein 
Ersatz der nassen Reinigung angesehen werden, wie das früher übliche 
Kehren mit feuchten Sägespänen. — 

„Kurzer Erwähnung bedarf auch die Müllfrage im Hause. Die Asche¬ 
entnahme aus den häuslichen Feuerungen und die Müllentfernung aus den 
Wohnräumen geschehen meistens noch in so ursprünglicher Art, daß dabei 
Verstäubung der feinen Flugasche nur bei Anwendung großer Sorgfalt, die 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 153 

man aber bei den heutigen Dienstboten immer seltener findet, vermieden 
werden kann. Durch Zentralheiznngsanlagen and Gasöfen kann zwar in 
gründlicher Weise für Abhilfe gesorgt werden, aber es wird wohl noch eine 
Zeit vergehen, ehe sich diese Einrichtungen allgemeiner einbürgern werden. 
Vorrichtungen, die bei möglichster Einfachheit eine staubfreie Entleerung 
der Asche aus den gebräuchlichen Feuerungsanlagen der Zimmer- und 
Kuchenöfen am besten in staubdicht abgeschlossene Gefäße gewährleisten, 
sind daher wünschenswert. Die Industrie wird solche Einrichtungen un¬ 
schwer schaffen können. 

„Für die Beseitigung des Mülls aus den Wohnräumen ist zu verlangen, 
daß sie in gut verschlossenen Gefäßen erfolgt und daß das Einschütten in 
die meistens auf den Höfen befindlichen Sammelkästen oder Müllgruben in 
staubfreier Weise möglich ist. Wo man besonders hohe Anforderungen 
stellt, da wird man sich wohl auch für den Einbau besonderer Müllschlote 
entscheiden können, die nach der Art der Essen in den Mauern angeordnet 
werden und am besten von den Küchen aus ein staubfreies Einschütten der 
Asche und des Hauskehrichts gestatten. Die Müllschlote endigen unten in 
Behältern, aus denen das Müll von Zeit zu Zeit ebenfalls staubfrei in die 
Abfuhrgefäße entleert werden kann. 

„In den Wohnräumen selbst spielt sich die Staubbeseitigung bis auf 
den heutigen Tag fast allgemein in der üblichen althergebrachten Weise ab. 
Durch Klopfen und Bürsten der Polster und Vorhänge, durch Fegen der 
Teppiche und Abwischen der Möbel, Abkehren der Decken und Wände usw. 
ist man wohl imstande, den Schmutz und Staub in hinreichender Weise zu 
entfernen, besonders wenn dafür Sorge getragen wird, daß die Reinigung 
der Möbel tunlichst im Freien vorgenommen und in der Wohnung selbst 
durch Öffnung aller Fenster und Türen recht viel Gegenzug erzeugt wird, 
der den in Wolken aufgewirbelten Staub ins Freie abführen kann. Auch 
die Staubaufwirbelung selbst läßt sich durch mancherlei kleine Maßregeln 
etwas einschränken, z. B. durch Abdecken der zu klopfenden Polster usw. 
mit feuchten Tüchern, die als Staubfilter wirken, durch besondere Teppich¬ 
klopfapparate u. a. m. Aber im allgemeinen gibt doch die nie erwünschte 
und stets gefürchtete Prozedur des häuslichen „großen Reinemachens“ in 
hygienischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu großen Bedenken Anlaß. Für 
die Beteiligten ist das „Reinemachen“ jedenfalls nichts weniger als eine 
staubfreie gesunde Beschäftigung, und die Nichtbeteiligten, meistens sind es 
die Herren Ehemänner, verstehen es schon, sich rechtzeitig aus dem Staube 
za machen. Es scheint, daß auch auf diesem Gebiete der häuslichen Reini¬ 
gungspflege die Neuzeit mit althergebrachten Gebräuchen brechen will. 
Schon seit längerer Zeit sind in vielen Städten des In- und Auslandes Ent¬ 
stäubungsapparate mit gutem Erfolge im Betrieb, die in ganz neuartiger, 
dabei aber hygienisch vollkommener und bequemer Weise den Staub aus 
den Wohnungen, aus Theatern, Museen, Hotels, Eisenbahnwagen usw. ent¬ 
fernen und unschädlich machen. Die Wirkung dieser Entstäubungsapparate 
wird dadurch erreicht, daß die Luft aus den zu reinigenden Geweben und 
Gegenständen durch besondere Saugrohre mit großer Geschwindigkeit ab¬ 
gesaugt wird und dabei allen Staub mit sich fortreißt. Die Staubluft wird 
durch Stoff- und Wasserfilter geleitet, in denen sich der Staub niederschlagt. 


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154 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Die Entstäubung selbst wird auf zweierlei Art erzielt. Die Apparate der 
Vakuumreiniger-Gesellschaft arbeiten nur mit sogenannter Vakuumluft, 
die dadurch erzeugt wird, daß eine Luftpumpe die Luft aus einer Rohr¬ 
leitung absaugt, an welche die zur Reinigung verwendeten Mundstücke an¬ 
geschlossen sind. Bei den Entstäubungsapparaten von A. Borsig, Berlin- 
Tegel, wird Preßluft und Vakuumluft verwendet. Die Preßluft von etwa 
fünf bis sieben Atmosphären Überdruck strömt zum Teil durch feine Öff¬ 
nungen des Reinigungsmundstückes mit großer Gewalt aus und lockert den 
Staub in den Geweben, während gleichzeitig der übrige Teil der Preßluft 
durch eine Exhaustordüse eine Luftleere am Mundstück erzeugt, wodurch 
der aufgewirbelte Staub sofort abgesaugt wird. 

„Die Entstaubungsanlagen stellen einen großen Fortschritt auf dem 
Gebiete der Wohnungshygiene dar. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß 
das Verfahren recht bald zu allgemeiner Anwendung kommt. Ob dabei 
stationäre Anlagen in die Wohnhäuser eingebaut werden mit festen Luft¬ 
leitungen durch sämtliche Stockwerke und Zapfstellen in allen Wohnungen 
zum Anlegen der Schläuche und Apparate, ob die Entstäubung gewerbsmäßig 
von Unternehmern mit fahrbaren Anlagen von der Straße aus erfolgt oder 
in den Wohnungen selbst durch leichte transportable Apparate mit Hand¬ 
betrieb, ist in hygienischer Hinsicht ohne Bedeutung und beeinflußt nur die 
Kosten. Eine einwandfreie Beseitigung und Unschädlichmachung des Woh¬ 
nungsstaubes bleibt die Hauptsache, und diese ist in allen drei Fällen zu 
erreichen. — 

„Meine hochgeehrten Damen und Herren! Ich bin am Schlüsse meiner 
Ausführungen. Ich habe Sie durch ein ausgedehntes Gebiet geführt, das 
zwar in manchem seiner Teile zurzeit noch wenig beachtet wird, auf dem 
aber den städtischen Gemeinwesen und insbesondere ihren Tiefbauverwal¬ 
tungen in Gegenwart und Zukunft noch Aufgaben erwachsen, deren Lösung 
nicht gerade leicht erscheint, wenn sie mit angemessenen Mitteln erzielt 
werden soll. Manches auf dem Gebiete der Staubfrage ist erreicht, vieles 
bleibt noch zu schaffen. Im Kampfe ums Dasein bat die Menschheit schon 
viele mächtige Gegner niedergerungen. Aber den schwersten Kampf kämpft 
sie jetzt gegen die feindlichen Kleinlebewesen. Auch die Staubfrage mit all 
ihren Forderungen ist in letzter Linie nur ein kleines Gebiet dieses großen 
Kampfes. Hoffen wir, daß wie bisher, so auch in kommenden Zeiten uner¬ 
müdliche rastlose Arbeit, nie versagende Lust und Liebe zur Sache Schritt 
für Schritt den Boden weiter erkämpfen wird, auf dem künftige Geschlechter 
sich immer festere Grundlagen für ihre Gesundheit schaffen können, zum 
Wohle und Segen des menschlichen Geschlechtes!“ 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Diskussion. 

Stadtbaumeister Max Buhle (Freiburg i. B.): „Hochverehrte An¬ 
wesende! Gestatten Sie, daß ich an die technischen Ausführungen des 
verehrten Herrn Vorredners kurz anknüpfe. Im Leitsatz 9 heißt es in 
Übereinstimmung mit dem, was der verehrte Herr Vorredner ausgeführt 
hat: »Für städtische Schotterstraßen erscheint die Behandlung mit wässerigen 
Ölemulsionen aussichtsreich.« Sie haben auch gehört, welche Kosten mit 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 155 

diesem Verfahren verbunden sind. Es ist verhältnismäßig wenig in die 
Öffentlichkeit gedrungen über die Erfolge, die mit derartigen Mitteln erzielt 
worden sind, die technischen Blätter haben wenig darüber gebracht, und 
das, was sie brachten, das, was ich auch sonst darüber habe erfahren können, 
hat eigentlich nicht in dem Sinne gelautet, wie es hier heißt; es hat eher 
den Anschein gehabt, als wenn es gegen die Verwendung spräche. Ich 
habe gehört, die Kosten sind sehr groß, die Kosten sind so groß, daß eine 
deutsche Mittelstadt oder eine kleinere Stadt mit 30000 bis 35000 Ein¬ 
wohnern die ausreichende Verwendung der wässerigen Ölemulsionen nicht 
durchführen kann; das wäre vollständig ausgeschlossen. Die mittleren, die 
kleineren Städte müssen mit weitaus billigeren Mitteln auskommen. Die 
Versuche, die mir besonders aus der Nähe des Ortes bekannt geworden 
sind, wo ich ansässig bin, nämlich jenseits der Grenze, in Basel, einer Stadt 
von mittlerer Ausdehnung, haben auch dazu geführt, alle diese im Wasser 
löslichen Mittel aus der Verwendung auszuschalten. Es scheint gewisser¬ 
maßen als selbstverständlich, möchte ich sagen, daß sie nicht gerade das 
Richtige sind, denn das im Wasser lösliche Mittel, das nachher doch der 
Besprengung durch die Gießwagen ausgesetzt wird, das durch den Regen, 
<ier auf die Straße fällt, benetzt wird, wird eben auch durch diese Flüssig- 
keitep wieder aus dem Boden herausgeschwemmt werden. Es wird meiner 
Ansicht nach besser sein, ein unlösliches Mittel zur Anwendung zu bringen, 
und dieses ist der Teer, der ja vielfach bereits angewendet wird, und gegen¬ 
über den anscheinend etwas ungünstig verlaufenen Teerversuchen, die uns 
hier bekannt gegeben sind von seiten des Dresdener Redners, scheint es 
mir doch nicht unerwünscht, darauf hinzuweisen, daß derartige Versuche 
mit anscheinend recht günstigem Erfolge seit mehreren Jahren in der Stadt 
Basel gemacht worden sind, seit drei Jahren, anfänglich in einem kleineren 
Umfange, dann in größerem, dieses Jahr in bedeutend vergrößertem Um¬ 
fang. Ich kann aussprechen, daß man sich dort mit der Hoffnung trägt, 
<iarin ein Mittel gefunden zu haben, um mit verhältnismäßig geringen 
Kosten einen guten Erfolg zu erzielen. Die Teerungen, die dort vor- 
genommen sind, haben jeweils ausgehalten bis zum Winter. Im Winter, 
wenn feuchte Witterung und Frost eintrat, wenn die Pferde mit scharfen 
Stollen beschlagen wurden, dann erst hat sich die Beschädigung der Teer¬ 
decke eingestellt« die das eine Mal mit einer einmaligen Teerung, meistens 
aber doppelt hergestellt war. 

„Es ist ja für uns Straßenbautechniker eine etwas unangenehme Sache« 
damit rechnen zu sollen, daß bei dem Teerverfahren so manche günstigen 
Umstände Zusammentreffen müssen. Wir sollen eine Straße haben, die in 
tadellosem Zustande ist, wir sollen die Straße in vollständig reinem, 
trockenem Zustande haben, wir sollen außerdem eine Witterung abwarten, 
die möglichst warm, möglichst heiß ist, damit die Straßenoberfläche durch- 
hitzt ist von der Sonne und den Teer möglichst gut aufnimmt. Nun, meine 
Herren, diese Umstände kommen nicht immer so recht günstig zusammen. 
Es mag das etwas sein, das manchen Techniker abschreckt, in derartige 
Versuche einzutreten. Er wird häufig die Erfahrung machen, daß er die 
Arbeit abbrechen muß, und die Verhältnisse mögen auch an verschiedenen 
Stellen unseres deutschen Vaterlandes verschieden sein, je nachdem wir in 


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156 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

einem mehr regenreichen oder in einem weniger regenreichen Gebiete liegen. 
Das ist ja sehr verschieden. Ich möchte daran erinnern, daß z. B. in der 
Rheinebene Städte wie Kolmar, Mannheim, Basel eine Regenhöhe von 700 
bis 800 mm jährlich haben nach der Niederschlagskarte des Rheingebiets, 
während andererseits Freiburg, das noch nicht 20 km vom Rhein entfernt 
am Fuße des Schwarzwaldes liegt, 1300 mm jährliche Regenhöhe hat. Es 
wird also in den verschiedenen Städten die Zahl der Tage, welche günstige 
Witterung für Vornahme von Teerungen haben, sehr voneinander abweichen. 
Andererseits scheint es mir aber doch nach den Erfahrungen, die in Basel 
gemacht sind, als wenn es nicht gerade notwendig ist, daß alle diese 
günstigen Faktoren auch wirklich Zusammentreffen. Notwendig scheint 
absolut zu sein ein guter Zustand der Straße; notwendig ist zweifellos ein 
vollkommen trockener Zustand der Straße; dagegen scheint nicht in dem¬ 
selben Maße notwendig zu sein, daß auch wirklich heiße Witterung vor¬ 
handen ist. Die Erfahrungen, die in dieser Beziehung dort gemacht sind, 
lassen als zulässig erscheinen, daß man auch bei kühlerer Zeit teert, wenn 
nur die anderen Bedingungen erfüllt sind, und es hat auch den Anschein, 
als wenn man mit den neueren Apparaten, die gestatten, den Teer auf eine 
größere Temperatur zu bringen, auf 100°C, die gestatten, den Teer un¬ 
mittelbar aus dem Apparat, also ohne Umfüllung, ohne Abkühlung direkt 
auf die Straße zu bringen, weniger von der Sonne abhängig ist, weil die 
höhere Temperatur, mit welcher der Teer auf die Straße gebracht wird, die 
erwünschte Erwärmung der Straße teilweise wohl wird ersetzen können. 

„Ich glaube deshalb, daß man dem Teerverfahren nicht so pessimistisch 
gegen überstehen sollte, wie es anscheinend vielfach in deutschen Techniker¬ 
kreisen der Fall ist, und ich möchte wünschen, daß Versuche in recht aus¬ 
gedehntem Maße stattfinden möchten, und daß das Resultat dieser Versuche 
auch mehr als bisher in die Öffentlichkeit gebracht werden möchte, damit 
der eine vom anderen lernt, und damit nicht jeder für sich einzeln immer 
wieder darauf angewiesen ist, die Versuche zu machen. 

„Was die Kosten des Teerverfahrens anlangt, so möchte ich hier zu¬ 
nächst gegenüber den hohen Kosten des Westrumitierens erwähnen, daß 
bei doppelter Teerung in Basel die Kosten etwa 10 Pf. betragen haben, 
und daß man hofft, mit den Apparaten, die man in diesem Jahre verwendet 
hat, die Kosten noch zu ermäßigen, so daß also die Aufwendungen jedenfalls 
gegenüber dem Westrumitieren ganz erheblich geringer sind, ungefähr so 
hoch sind, wie die Kosten der Wasserbesprengung sonst in Basel zu sein 
pflegen. 

„Die Straße soll immer in gutem Zustande sein! Das ist ein Punkt, 
über den ich bisher nicht gut hinübergekommen bin. Auch in dem Artikel 
der Zeitschrift für Straßenbau und Transportwesen heißt es: »Wie läßt 
sich eine geteerte Straße ausbessern? Es hat den Anschein, als ob sich 
geteerte Straßen nur durch völlige Neubeschotterung restaurieren lassen. 
Jedenfalls lassen sich stellenweise Ausbesserungen schwer ausführen.» Es 
wäre angenehm gewesen, wenn in dem hiesigen Kreise, wo so viele städtische 
Techniker anwesend sind, eine Äußerung darüber erfolgt wäre, ob sich in 
dieser Beziehung Schwierigkeiten herausgestellt haben. Zweifellos ist, daß 
sich die Teerungen über den Winter nicht gut erhalten, daß sich aber im 


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Die Bekämpfung des Staubes im Hause und auf der Straße. 157 

Winter der Schmutz in geringerem Maße zeigt als bei ungeteerten Straßen. 
Im Frühjahr werden die Straßen infolge der winterlichen Einflüsse und infolge 
des Verkehrs nicht mehr in tadellosem Zustande sein; die Vorbedingung 
für die Vornahme neuer Teerungen: »tadelloser Zustand der Straßen» ist 
also nicht mehr vorhanden. Soll man dann alles neu schottern? Es er¬ 
scheint ausgeschlossen, daß eine Stadt jedes Jahr ihr ganzes Straßennetz 
neu schottert. Repariert man mit feinem Material, dann liegt .die Gefahr 
wieder vor, daß dieses feine Material verhältnismäßig leicht zugrunde geht. 
Es wäre sehr erwünscht, wenn von seiten der Herren Techniker hier zu 
diesem Punkte Stellung genommen würde, wenn Auskunft gegeben würde, 
welche Erfahrungen in dieser Beziehung etwa gemacht worden sind, also 
nicht allein bezüglich der Wirkung der Teerung im ersten Jahre, sondern 
auch darüber, wie sich die Verhältnisse im zweiten, dritten und vierten 
Jahre gestaltet haben. 

„Ich glaube hiermit meine Ausführungen schließen zu können.“ 

Oberbürgermeister Dr. Contag (Nordhausen): „Meine verehrten 
Damen und Herren! Der Herr Mitberichterstatter hat in seinem Vortrage 
erwähnt, daß es kein Allheilmittel gegen die Staubbelästigung gebe, und 
hat gemeint, man müsse es mit kleinen Mitteln versuchen. Als ein solches 
kleines Mittel möchte ich Ihnen auch das behördliche Eingreifen gegen die 
Staubbelästigung ausnahmsweise empfehlen. Gewiß werden Sie mit mir 
darin einig sein, daß man sehr zurückhaltend sein muß mit dem Erlaß von 
Polizeiverordnungen. Aber wo ein Mißbrauch zu beseitigen ist, wo man 
die gesundheitlichen Verhältnisse bessern will, da ist auch einmal eine 
Polizeiverordnung am Platze. 

„In der Stadt Nordhausen am Harz besteht seit zwei Jahren eine 
Polizei Verordnung, welche sich gegen das Schleppenlassen der Kleider der 
Damen auf den verkehrsreichsten Promenaden richtet. Meine Herren! Diese 
Verordnung hat selbst sehr viel Staub aufgewirbelt. Es ging uns eine Un¬ 
masse von Zuschriften, faicht nur aus Deutschland, sondern auch darüber 
hinaus zu. In einer amerikanischen Zeitung war das Phantasiebild eines 
Rathauses, und darunter war zu lesen: Dies ist das Rathaus zu Nord¬ 
hausen, in dem die denkwürdige Verordnung beschlossen worden ist. In 
deutschen Zeitschriften wurde die Frage vom ästhetischen und juristischen 
Standpunkte aus beleuchtet. In einer französischen Zeitung wurde die 
Verordnung angegriffen mit dem Bemerken, es wäre zweckmäßiger, wenn 
der Magistrat in Nordhausen den Damen eine Toilette vorschriebe, wie sie 
die Negerinnen zu tragen pflegen. Es wurde dem Bürgermeister zum Vorwurf 
gemacht, daß er gegen die Mode ankämpfe, was doch schon zu allen Zeiten 
vergeblich versucht worden sei; höchstens könnte er einen Erfolg erzielen, 
wenn er die Vorschrift erließe, die Damen sollten nur lange Kleider tragen, aus 
angeborener Opposition würden sie dann erst recht kurze Kleider tragen. 

„Nun, meine Herren, ioh kann aber berichten, daß diese Polizeiverord- 
nung sich im großen und ganzen bewährt hat. Die Damen tragen kurze 
Kleider oder sie schürzen die Kleider schon zu Hause, weil sie riskieren 
müssen, daß sie von den Polizeibeamten oder den Parkwächtern auf die 
Vorschrift aufmerksam gemacht werden. 


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158 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Ich kann aber verraten, daß bisher eine Bestrafung noch nicht ein¬ 
getreten ist So unhöflich sind wir nicht. Ich möchte meinen Herren 
Kollegen empfehlen, doch auch diesen Boden zu betreten und den Kampf 
mit der unglückseligen Schleppe aufzunehmen. Jedenfalls aber rate ich,, 
bei der Durchführung der Verordnung darauf zu achten, daß jedem Polizei¬ 
beamten »Knigges Umgang mit Menschen» eingehändigt wird.“ 

Hiermit ist die Diskussion geschlossen, und es erhält das Schlußwort: 

Korreferent, Stadtbaumeister Nier (Dresden): „Meine hoch¬ 
geehrten Damen und Herren! In erster Linie verlangt es mich, Ihnen 
meinen Dank auszusprechen für die wohlwollende Aufnahme, die Sie meinen 
einfachen Ausführungen haben zuteil werden lassen. Ich danke Ihnen 
herzlich! 

„Ich kann mich im allgemeinen kurz fassen. Herr Stadtbaumeister 
Buhle scheint der Ansicht zu sein — ich glaube ihn wenigstens so ver¬ 
standen zu haben —, als ob die wasserlöslichen öle auch auf der Straßen¬ 
fläche nach der Versprengung wasserlöslich bleiben. Dem ist aber nicht 
so. Die öle verlieren auf der Straße namentlich bei warmem Wetter ihr 
Emulsionsvermögen gewöhnlich sehr bald, sie werden unlöslich und können 
dann vom Regen nicht mehr oder nur in unbedeutendem Maße abgespült 
werden. 

„Hinsichtlich der Straßenteerung stehe ich ganz auf dem Standpunkte 
des Herrn Stadtbaumeisters Buhle. Ich habe es ja schon in meinem Vor¬ 
trage gesagt, daß das Teeren, wenn es die guten Eigenschaften, die es in 
Frankreich gezeigt hat, auch in Deutschland erkennen läßt, eine schneidig» 
Waffe gegen den Straßenstaub sein wird. Leider läßt sich aus den bis¬ 
herigen Versuchen in Deutschland ein solcher Schluß noch nicht ziehen. 
Einzelnen glücklichen Versuchen — z. B. in Leipzig — steht eine große 
Anzahl mißlungener Versuche gegenüber, und dementsprechend habe ich 
vorgeschlagen, recht, recht viele Versuche in Deutschland mit der Straßen¬ 
teerung anzustellen, denn nur dadurch können wir schnell zu einem sickeren 
Ergebnis kommen." 

Mit herzlichem Dank an die Referenten schließt der Vorsitzende di» 
Sitzung. 


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Über die Erfolge der öffentlichen Gesundheitspflege in Augsburg. 159 


Dritte Sitzung. 

Freitag, den 14. September 1906, vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender, Professor Gonzmer (Danzig): „Verehrte An¬ 
wesende! Ich eröffne hiermit die heutigen Verhandlungen und erteile 
zunächst Herrn Dr. Möller, Oberarzt der inneren Abteilung des hiesigen 
städtischen Krankenhauses, das Wort zu einer kurzen Mitteilung: 

Über die Erfolge der öffentlichen Gesundheitspflege 
in Augsburg. 

„Meine Herren! Bei der Tagung eines Vereines für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege mag es nicht unangebracht sein, auch einen Blick rückwärts zu 
werfen und zu fragen: Was wurde denn bisher mit der Städtehygiene er¬ 
reicht, inwieweit ist es gelungen, die Krankheiten zurückzudämmen und 
den Gesundheitszustand der Städte zu beben? 

„Die amtliche Morbiditäts- und Mortalitätsstatistik versagt bei der 
Beantwortung dieser Fragen, da sie erst mit dem Jahre 1889 einsetzt, also 
zu einer Zeit, da infolge von hygienischen Maßnahmen längst ein Rückgang 
in der Zahl der Infektionskrankheiten festzustellen war. 

„Da sich nun in den öffentlichen Krankenhäusern der Krankenstand 
einer Stadt widerspiegelt, so bekommen wir ein ziemlich genaues Bild von 
den Krankheitsbewegungen, wenn wir deren Jahresberichte ausziehen. 

„Im städtischen Krankenhause zu Augsburg sind nun die Journal¬ 
bücher bis zum Jahre 1815 auf bewahrt. Ich will Sie nicht mit dem Bericht 
über eine so lange Zeit belästigen, aber vielleicht interessiert es doch, zu 
erfahren, welche große Änderungen die Hygiene im Stande der Krank¬ 
heiten seit einem Menschenalter, also seit einer Zeit, die ältere Kollegen 
unter uns noch erlebt haben, bedingte. 

„Augsburg war in den 50er und 60 er Jahren des vergangenen Jahr¬ 
hunderts das schlimmste Typhusnest unter den bayerischen Städten. Von 
den Aufnahmen im Krankenhause betrugen die Typhuspatienten über 10 Proz., 
während sie in München, das ja in Beziehung auf Typhus wahrlich auch 
keinen guten Ruf hatte, in den genannten beiden Jahrzehnten 6,9 Proz. 
nur ausmachten. Im Jahre 1861 stieg die Zahl der Typhuskranken im 
hiesigen Krankenhause auf 310, das waren 17,7 Proz. der Gesamtaufnahme. 
Da diese Art von Kranken nun bis zu ihrer Wiederherstellung vieler, vieler 
Wochen bedürfen, so können Sie sich vorstellen, daß das Krankenhaus zum 
größten Teil mit Typhuskranken belegt war. 

„Aus Fig. 1 ist zu entnehmen, daß die große Frequenz der Typhus- 
fälle mit den Jahren 1879 und 1880 plötzlich abfallt. Es ist sicher kein 
Zufall, daß gerade um diese Zeit, d. h. im Herbst 1879, die Pumpbrunnen 
und die kleinen Wasserwerke in der Stadt außer Tätigkeit gesetzt wurden 


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Typhus. 


160 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 


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über die Erfolge der öffentlichen Gesundheitspflege in Augsburg. 161 


und daß damals die Quellwasserleitung vom Hochablaß eingeführt wurde. 
Wie aus derselben Tabelle entnommen werden kann, ist in den letzten 
Jahren der Typhus, der noch vor drei Jahrzehnten alle Säle füllte, im 



hiesigen Krankenhause eine seltene Erkrankungsform. Kommt einmal ein 
solcher Kranker zur Beobachtung, so können wir sicher sein, daß er von 
auswärts, und zwar meist von einem der Vororte, die in Beziehung auf 
Wasserleitung schlecht versorgt sind, zugezogen ist. 

Vierteljahr$>?clirift für Gesundheitspflege, 1907. j j 


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162 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. GesundheitspHege zu Augsburg. 




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über die Erfolge der öffentlichen Gesundheitspflege in Augsburg. 163 


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04 1905 





164 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Seit über Jahresfrist kam im hiesigen Krankenhause überhaupt kein 
Typhusfall mehr in Behandlung. Im Gegensatz zu München, in dessen 
Krankenhäusern stets noch aus der Stadt aufgenommene Typhusfälle zu Anden 
sind, können wir von Augsburg sagen, daß es durchaus typhusfrei ist. 

„Die Fig. 2 zeigt uns den Rückgang in den Cholera- und Pocken- 
Erkrankungen. Diese Infektionskrankheiten haben noch vor einigen Jahr¬ 
zehnten die Einwohner unserer Stadt zu Hunderten hingemäht. 

„Im Jahre 1854 war das Krankenhaus mit 562 Cholerakranken belegt, 
von denen mehr als die Hälfte (308) mit Tod abgingen. In der ganzen 
Stadt Augsburg, die damals 39 000 Einwohner zählte, erkrankten innerhalb 
zweier Monate 3600. Personen, also fast 10 Proz. der Bevölkerung, und von 
diesen erlagen 1239 dem mörderischen Brechdurchfall. Noch im Jahre 1871 
waren im Krankenhause hier 953 Pockenkranke zu verpflegen. 

„Jetzt sind Pocken und Cholera so seltene Erkrankungen, daß wir 
jüngeren Ärzte ihr Krankheitsbild nur aus den Lehrbüchern kennen. 

„Waren es beim Typhus Maßnahmen der Stadt (Einrichtung einer 
Quellwasserleitung), die ihm erfolgreich entgegentraten, so sind es bei der 
Niederkämpfung der Cholera die im ganzen Reiche, ja in allen europäischen 
Ländern durchgeführten Vorkehrungen, die diesem asiatischen Feinde schon 
den Einbruch nach Europa verwehren. Und wenn wir die Pocken in 
Deutschland nicht mehr zu fürchten haben, so ist dafür bekanntlich einzig 
und allein der staatlich auferlegte Zwang, sich mehrmals im Leben der 
Jenner sehen Schutzimpfung zu unterziehen, verantwortlich zu machen. 

„Aus den hier vorgelegten Morbiditätsverhältnissen des Augsburger 
Krankenhauses können Sie mit Stolz entnehmen, welche großen Erfolge die 
von Ihnen vertretene Disziplin, die öffentliche Gesundheitspflege, hat, ja daß 
sie im Begriffe ist, gewisse und zwar besonders gefürchtete Infektionskrank¬ 
heiten ganz aus der Liste der Feinde des Menschengeschlechtes zu streichen. 

„Aber es bleibt noch genug zu tun und zu wirken. Aus den Fig. 3 
und 4 können Sie entnehmen, daß andere schwere Krankheitsbilder in ihrer 
Frequenz und Mortalität noch gar nicht beeinflußt sind, ja zum Teil ge¬ 
stiegen sind; so hatte die Influenza, die früher unter dem Namen Grippe 
geführt wurde, in den mittleren Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts 
viel geringere Zahlen als in dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. 
In den Morbiditätsziffern der croupösen Lungenentzündung ist gar keine 
wesentliche Veränderung gegenüber früher festzustellen, und auch in der 
Frequenz der Tuberkulose ist trotz der großen Anstrengungen und der be¬ 
trächtlichen Geldopfer, die bei der Bekämpfung dieser Krankheit auch in 
•unseren Landen aufgewendet werden, noch nicht die geringste Abnahme 
festzustellen. 

„Es ist aber gar nicht daran zu zweifeln, daß die öffentliche Gesund¬ 
heitspflege schließlich auch diesen Krankheiten gegenüber noch Erfolge 
erzielen wird, und zwar wird dies um so eher geschehen, wenn sie, wie das 
ja auch in Ihrem heurigen Programm ausgedrückt ist, bestrebt ist, das 
Einzelindividuum möglichst zu kräftigen und gesund zu erhalten, und 
dies geschieht, wenn für gesunde und staubfreie Luft, ja unter Umständen 
für Waldluft gesorgt ist, und wenn jedermann in gesunden Wohnungen 
leben und unverdorbene Nahrung zu sich nehmen kann. 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 165 

„Haben Sie dies erkämpft, ist den Anregungen, die hier in diesen 
Tagen gegeben wurden, Folge geleistet, so werden, das ist mit Sicherheit 
vorherzusagen, die Krankheiten noch .weiter zurückgedrängt. Und Ihren 
Bestrebungen wird es zu danken sein, wenn die Menschheit widerstands¬ 
fähiger und gesünder und damit glücklicher wird. u 

Nachdem der Vorsitzende dem Vortragenden für seine interessanten 
Mitteilungen gedankt hat, erfolgt gemäß § 7 der Satzungen die 

Neuwahl des Ausschusses. 

Auf Antrag des Herrn Oberbürgermeisters Fuss (Kiel) werden folgende 
Herren durch Zuruf gewählt: 

Oberbürgermeister Dr. Ebel in g (Dessau), 

Stadtbaurat Koelle (Frankfurt a. M.), 

Geheimer Sanitätsrat Professor Dr. Le nt (Köln), 
Oberbürgermeister Dr. Lentze (Magdeburg), 

Oberbaurat Schmick (Darmstadt), 

Geh. Hofrat Professor Dr. Schottelius (Freiburg i. B.), 
welche in Gemeinschaft mit dem ständigen Sekretär 
Dr. Pröbsting (Köln) 

den Ausschuß für das Geschäftsjahr 1906/1907 bilden. 

Nach Schluß der Versammlung wählte der Ausschuß gemäß § 7, Ab¬ 
satz 3 der Satzungen Herrn Oberbürgermeister Dr. Lentze zum Vor¬ 
sitzenden für das nächste Jahr. 

Der Vorsitzende stellt hierauf den letzten Gegenstand der Tagesordnung 
zur Verhandlung: 

Welche Mindestanforderungen sind an die 
Beschaffenheit der Wohnungen, insbesondere 
der Kleinwohnungen zu stellen? 

Es lauten die von dem Referenten Regierungsbaumeister a. D. Bei¬ 
geordneten Schilling (Trier) aufgestellten 

Leitsätze: 

Die in der behördlichen Wohnungsbeaufsichtigung gesammelten Erfahrungen 
zeigen, daß die vom Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege bisher 
aufgestellten Forderungen gerechtfertigt und durchführbar sind. Jedoch sind 
die zurzeit bestehenden Verordnungen über Beschaffenheit und Benutzung der 
Wohnungen noch vielfach lückenhaft und unzureichend. Der vornehmlich der 
Festsetzung bedürfende Inhalt solcher Verordnungen ist in nachstehenden Mindest¬ 
anforderungen zusammengestellt, die weitergehende Ansprüche, wo solche nach 
Lage der örtlichen Verhältnisse erreichbar sind, nicht ausschließen sollen. 

1. Zugang. Jede Wohnung muß einen eigenen, durch keine fremden Wohn-, 
Küchen- oder Schlafräume führenden Zugang haben. 

2. Umschließung. Alle Wohn- und Schlafräume müssen trockene, gegen 
Witterungseinflüsse vollkommen schützende, dichte Wände, Decken und Fußböden 
haben und von innen verschließbar sein. 

3. Umfang und Größe. Jede Wohnung maß ihre eigene Kochstelle haben 
und so geräumig sein, daß die ledigen, über 14 Jahre alten Personen nach dem 


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166 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Geschlecht getrennt in besonderen Raumen schlafen können, und daß jedes 
Ehepaar für sich und seine noch nicht 14jährigen Kinder einen besonderen 
Schlafraum besitzt. Die Schlafräume müssen für jede über 10 Jahr alte Person 
mindestens 10 cbm und für jedes Kind unter 10 Jahren mindestens 5 chm Luft¬ 
raum enthalten, wobei Kinder im ersten Lebensjahr außer Anrechnung bleiben. 
Schlafräume, die gleichzeitig als Küche benutzt werden, müssen 15 cbm Luftraum 
mehr enthalten. 

Nicht zur Familie gehörige Schlaf-, Kost- und Quartiergänger dürfen nur 
in solchen Räumen untergebracht werden, die einen eigenen, nicht durch die 
Schlaf räume des Quartiergebers und seiner Familie führenden Eingang haben, 
von innen verschließbar und gegen anstoßende Schlafräume des Quartiergebers 
und seiner Familie dauernd abgeschlossen sind. Quartiergänger verschiedenen 
Geschlechts dürfen nur mit besonderer polizeilicher Genehmigung und nur dann 
aufgenommen werden, wenn ihre Schlafräume keine direkte Verbindung mit¬ 
einander haben. Die Scblafräume der Schlaf-, Kost- und Quartiergänger müssen 
für jeden Insassen wenigstens 10 cbm Luftraum haben. 

4. Fenster. Alle Wohn- und Schlafräume sowie auch Küchen und Aborte 
müssen mindestens ein unmittelbar ins Freie gehendes, zum Öffnen eingerichtetes, 
dioht schließendes Fenster haben. Die gesamte Fensterfläche eines Raumes muß 
wenigstens so groß sein, daß auf je 30 cbm Rauminhalt 1 qm zum öffnen ein¬ 
gerichtete Fensterfläche entfällt, wobei in der schrägen Dachfläche liegende 
Fenster außer Anrechnung bleiben. 

5. Lage. Wohn- und Schlafräume dürfen nicht über oder mit ihren Fenstern 
unmittelbar neben Abort und Düngergruben liegen, auch nicht mit Ställen und 
Aborten in offener Verbindung stehen. Aborte, die nicht mit Wasserspülung 
versehen sind, dürfen nicht unmittelbar von Küchen-, Wohn- oder Schlafräumen 
aus zugänglich sein; ein gleiches gilt im Innenbezirk der Städte für Ställe. 
Räume, deren Fußboden tiefer als das umgebende Erdreich liegt, dürfen nur 
dann zum Schlafen benutzt werden, wenn genügende bauliche Vorkehrungen 
gegen die Erdfeuchtigkeit getroffen, und wenn sie so belegen sind, daß die Sonne 
hineinscheinen kann. Dachwohnungen sind nur unmittelbar über dem obersten 
Stockwerk, nicht aber übereinander im Dachraum zulässig. 

6. Aborte. Bei jedem Hausgrundstück muß wenigstens ein direkt zugäng¬ 
licher, verschließbarer und mit Sitzbrille versehener Abort vorhanden sein. 
Jedem Hausbewohner muß die Benutzung eines solchen Abortes freistehen; die 
Zahl der Aborte muß so bemessen sein, daß höchstens je 15 Bewohner auf die 
Benutzung eines Abortes angewiesen sind. Abortgruben müssen undurchlässige 
Umwandungen und Böden haben und dicht abgedeckt sein. 

7. Wasserversorgung und Entwässerung. Eine ausreichende Versorgung 
mit einwandfreiem Trinkwasser muß gesichert sein. Wo zentrale Wasserver¬ 
sorgung und Kanalisation besteht, ist Zwangsansohluß, und für jedes Geschoß, 
in dem sich eine selbständige Wohnung befindet, eine Zapfstelle mit Ausguß zu 
fordern. Alle Leitungsröhren müssen dicht sein. 

8. Bauliche Instandhaltung. (Pflichten des Hausbesitzers.) Die Wohnungen, 
einschließlich deren Nebenräume, insbesondere auch Aborte, sind dauernd in 
ordnungsmäßigem baulichen Zustande zu erhalten. Dies gilt auch von den 
Feuerungs-, Wasserversorgungs- und Entwässerungsanlagen, sowie von Höfen 
und Lichtschächten. 

9. Benutzungsart. (Pflichten der Bewohner.) Jede mißbräuchliche Be¬ 
nutzung einer Wohnung, woduroh dieselbe gesundheitsschädlich, insbesondere 
auch feucht wird, ist verboten. Hierher rechnet auch ungenügende Lüftung 
und Reinigung. Werkstätten und solche Räume, in denen Nahrungs- und Genu߬ 
mittel gewerbsmäßig hergestellt, verkauft, verpaokt oder gelagert werden, dürfen 
nicht als Schlafräume benutzt werden. Die Aufbewahrung übelriechender Knochen, 
Lumpen oder faulender Gegenstände, sowie die Vornahme stark riechender ge¬ 
werblicher Verrichtungen in Schlafräumen und Küchen ist verboten. 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 167 

Referent, Reg.-Baumeister a. D. Beigeordneter Schilling (Trier): 

„Meine Herren! Als ich die Aufforderung des Ausschusses, zu vor¬ 
stehendem Thema ein Referat zu erstatten, empfing, war mein erster Gedanke: 
Ist es denn überhaupt nötig, diese Frage noch einmal zu stellen? Ist sie 
nicht schon so oft und so gründlich erörtert, namentlich im Deutschen Ver¬ 
ein für öffentliche Gesundheitspflege, daß es zwecklos ist, dieses Thema noch 
einmal zu erörtern? 

„In der Tat, blicken wir nur einmal in die Geschichte unseres Vereins, 
so stoßen wir allenthalben auf fruchtbare Anregungen, die er der Behandlung 
des Wohnungswesens gegeben. Bereits aus der dritten Vereins Versammlung 
1875 zu Münnhen besitzen wir die „Thesen über die hygienischen Anfor¬ 
derungen an Neubauten* 1 . 1884 finden Sie in Hannover die „Vorteile und 
Nachteile der Durchlässigkeit von Mauern und Zwischenböden der Wohn- 
räume** erörtert. Das folgende Jahr 1885 brachte in Freiburg i. B. das 
Referat der Herren Stübben, Becker Und Lent „Über Städteerweiterung 
insbesondere in hygienischer Beziehung**. 1888 wurde in Frankfurt a. M. 
über „Maßregeln zur Erreichung gesunden Wohnens** von Miquel und 
Baumeister referiert und von letzterem wohlerwogene „Technische Einzel¬ 
vorschläge** unterbreitet. Im folgenden Jahre, 1889, beschloß die Straßburger 
Versammlung die bekannten „Reichsgesetzlichen Vorschriften zum Schutze 
des gesunden Wohnens**. 1890 gab in Braunschweig Fritz Kalle sein 
Referat „Das Wohnhaus der Arbeiter“. 

„War bis dahin die Aufmerksamkeit vorwiegend auf die Beeinflussung 
der Neubautätigkeit gerichtet, so beginnt mit dem 1891 in Leipzig von 
Stübben und Zweigert erstatteten Bericht über „Handhabung der 
gesundheitlichen Wohnungspolizei“ der Hinweis auf die Notwendigkeit 
regelmäßiger Beaufsichtigung der vorhandenen Wohnungen an Nachdruck. 
Es folgte dann weiter 1893 in Würzburg „Die unterschiedliche Behandlung 
der Bauordnungen für das Innere, die Außenbezirke und die Umgebung von 
Städten“. 1894 behandelte man in Magdeburg „Die Notwendigkeit weit¬ 
räumiger Bebauung bei Stadterweiterungen und die rechtlichen und tech¬ 
nischen Mittel zu ihrer Ausführung“. 1895 in Stuttgart über „Maßnahmen 
zur Herbeiführung eines gesundheitlich zweckmäßigen Ausbaues der Städte“. 

„1898 vernahmen wir dann in Köln wieder ein Referat „Über die 
regelmäßige Wohnungs-Beaufsichtigung und die behördliche Organisation 
derselben“. 1900 in Trier über „Die kleinen Wohnungen in Städten, ihre 
Beschaffung und Verbesserung“. 1902 in München einen „Bericht über 
die von den Städten eingegangenen Fragebogen betreffend die Fürsorge für 
bestehende und die Beschaffung neuer kleiner Wohnungen“ und über 
„Feuchte Wohnungen, Ursache, Einfluß auf die Gesundheit und Mittel zur 
Abhilfe“. Schließlich 1903 in Dresden über die „Bauordnung im Dienste 
der öffentlichen Gesundheitspflege“. 

„Halten Sie hiermit zusammen die Aufklärungen, welche die wieder¬ 
holten Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik brachten, die praktisch¬ 
wissenschaftliche Arbeit, die im Rheinischen Verein zur Förderung des Arbeiter¬ 
wohnungswesens und in den nach seinem Muster gebildeten Schwestervereinen, 
in den Referaten zum VI. Internationalen Wohnungskongreß 1902 in Düssel¬ 
dorf und zum I. Allgemeinen Deutschen Wohnungskongreß 1904 in Frank- 


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168 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

furt a. M., in den Veröffentlichungen der Zentralstelle für Arbeiter-Wohl¬ 
fahrtseinrichtungen und des Deutschen Vereins für Wohnungsreform, in 
Organen, wie der Albrecht sehen Zeitschrift für Wohnungswesen und vielen 
sonstigen technischen und sozialen Fachschriften niedergelegt ist, so muff 
man in der Tat gestehen: Das gestellte Thema ist ausgiebig bis in alle 
Einzelheiten erörtert und über Alles, was man darüber ausführen mag, 
könnte man sagen: „Schon dagewesen* 4 . 

„Wenn ich gleichwohl der Aufforderung des Ausschusses gefolgt bin, 
so geschah es im Hinblick auf § 1 der Vereinssatzungen, der sagt: „Zweck 
des Vereins ist die praktische Förderung der Aufgaben der öffentlichen 
Gesundheitspflege**. Gerade die Fülle der Literatur gibt Anlaß zu einer 
gewissen Ratlosigkeit für den, der als Verwaltungsbeamter die vielfach ver¬ 
streuten Forderungen in die Form fest umgrenzter Verordnungen bringen 
soll. Und so entsteht naturgemäß die Anlehnung der einen Verordnung an 
die andere, ein aufmerksamer Vergleich vermag geradezu Familien und 
Stammbäume einzelner Gruppen von Verordnungen festzustellen, nachgerade 
sogar können wir schon die Folgen der Inzucht beobachten, wie Sie nachher 
nicht ohne Heiterkeit an Beispielen sehen werden. 

„Meine Aufgabe habe ich daher zugespitzt auf die Untersuchung der 
Fragen: Welchen Niederschlag haben all jene theoretischen Erörterungen 
in den zur Regelung des Wohnungswesens erlassenen behördlichen Verord¬ 
nungen gefunden; sind sie in genügendem Maße in der gesetzgeberischen 
und polizeilichen Regelung berücksichtigt? Was können wir aus den bis¬ 
herigen Erörterungen und behördlichen Bestimmungen als hauptsächlichsten, 
notwendigen Inhalt polizeilicher Verordnungen zur Regelung des Wohnungs¬ 
wesens herausschälen? Welche Fassung erscheint bei den einzelnen Bestim¬ 
mungen die beste? Zum Schluß: Haben die bisherigen Forderungen, wie 
sie namentlich im Deutschen Verein f. öffentl. Gesundheitspflege gestellt worden 
sind, die Probe auf ihre praktische Durchführbarkeit bestanden? 

„Zu dem Behufe habe ich — mit dankenswerter Unterstützung des 
Rheinischen Vereins zur Förderung des Arbeiterwohnungswesens — eine 
möglichst vollständige Sammlung aller bisher zur Regelung des. Wohnungs¬ 
wesens erlassenen Gesetze und Polizeiverordnungen veranstaltet und den 
Inhalt derselben einem kritischen Vergleich unterzogen. Wir können im 
wesentlichen drei große Gruppen solcher Verordnungen unterscheiden: 

I. Eigentliche Wohnungsordnungen, Verordnungen über die Beschaffen¬ 
heit und Benutzung der Wohnungen; 

II. Verordnungen zur Regelung des Schlaf-, Kost- und Quartiergänger¬ 
wesens; 

III. Verordnungen über die Unterbringung besonderer Gattungen von 
Saison- und Wanderarbeitern, wie Ziegelarbeiter, in der Landwirt¬ 
schaft und in der Zuckerindustrie, bei größeren Bauarbeiten usw. 
vorübergehend beschäftigter Arbeiter. 

„Die letztere Gruppe von Verordnungen habe ich bei meinen Unter¬ 
suchungen ausgeschieden, da sie vorübergehende und besonders geartete 
Verhältnisse im Auge haben. Ebenso ausgeschieden habe ich eine Betrach¬ 
tung der auf die Neubautätigkeit gerichteten eigentlichen baupolizeilichen 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 169 

Bestimmungen, und beschränke mich auf die eigentlichen Wohnungsord¬ 
nungen und die Verordnungen über das Kost- und Schlafgängerwesen, bei 
den letzteren natürlich wieder auf die eigentlich wohnungspolizeilichen 
Gesichtspunkte. 

„Ich bemerke, daß der Untersuchung im ganzen 37 Wohnungsordnungen, 
darunter 30 preußische, und 107 Schlafgängerordnungen, darunter 95 preu¬ 
ßische, zugrunde lagen. Wenn dabei der Löwenanteil auf Preußen entfällt, 
so bitte ich hieraus nicht auf besonderes Fortgeschrittensein des größten 
Bundeßstaates auf diesem Gebiete zu schließen. Es ist vielmehr einmal dem 
rein äußerlichen Umstande zuzuschreiben, daß die vollständige Aufzählung 
aller bis dahin in Preußen erlassenen Verordnungen in der Denkschrift des 
Reichsamtes des Innern „Die Wohnungsfürsorge im Reiche und in den 
Bundesstaaten 11 es erleichterte, diese preußischen Verordnungen aufzufinden. 
Sodann bestehen in mehreren Bundesstaaten, so auch in unserem gastlichen 
Bayern, Anordnungen für das ganze Staatsgebiet, wodurch die Zahl der 
Einzelverordnungen selbstverständlich geringer wird. 

„Was nun zunächst die geographische Verbreitung einer polizeilichen 
Behandlung des Wohnungswesens angeht, so berichtete hierüber Oberbürger¬ 
meister Ebeling 1902 auf der Münchener Versammlung und teilte u. a. 
mit, daß von den 36 preußischen Regierungspräsidenten neun, also bloß 
ein Viertel, von der Befugnis, Polizei Verordnungen zu erlassen, Gebrauch 
gemacht haben, und daß von 254 deutschen Städten mit 16246452 Ein¬ 
wohnern nur für 77 Städte mit 6 364715 Einwohnern, also nur für 39,17 
Proz., Polizeiverordnungen beständen. Seitdem sind zu jenen Preußischen 
Regierungspräsidenten noch diejenigen von Trier und Koblenz hinzugekom¬ 
men und haben noch einige Einzelgemeinden Wohnungsordnungen erlassen, 
so Goslar 18. Februar 1903, Peine 15. April 1903, Herford 21. April 1903, 
Stolp i. P. 30. April 1904 und Allenstein 27. August 1904. Alles in allem 
dürfte sonach das Bild sich kaum wesentlich verschoben haben und es auch 
heute noch zutreffen, daß nur für etwa 40 Proz. der Bevölkerung das 
Wohnungswesen gesetzlich oder polizeilich geregelt ist. 

„Dürftiger noch ist das Ergebnis, wenn wir nach dem Inhalte jener 
Verordnungen fragen. Nur einige wenige nähern sich einer gewissen Voll¬ 
ständigkeit, viele beschränken sich auf nur einige wenige Punkte, so ver¬ 
schiedene lediglich auf die Festsetzung eines Mindestluftraumes. Bei den 
einzelnen Bestimmungen werden wir sehen, in welchem Umfange sie in den 
bisherigen Verordnungen berücksichtigt sind. 

„Betrachten wir nunmehr die einzelnen Anforderungen, die an eine 
Wohnung zu stellen sind. — Die Wohnung soll ihren Insassen Obdach und 
Schutz gewähren vor den Unbilden der Witterung, und das Familienleben 
abgrenzen gegen die Außenwelt. Daß dieser Abschluß genügend sei, ist 
eines der ersten Erfordernisse einer menschenwürdigen Wohnung. Aus den 
Schilderungen englischer Slums kennen wir den berühmten Kreidestrich, 
der auf dem Fußboden die Grenzlinie angibt zwischen den einzelnen ein 
gemeinsames Zimmer bewohnenden Parteien. Gewiß ein menschenunwürdiger 
Zustand, der in Deutschland gewiß zu den Seltenheiten gehört, leider jedoch 
keineswegs nur der Phantasie angehört. Professor Schmoller teilt in 
seinem „Mahnruf in der Wohnungsfrage“ aus den Schilderungen eines 


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170 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Berliner Stadtmissionars mit: Mitunter wohnen zwei Familien, ich weiß 
eogar einen Fall, wo drei Familien in einem Zimmer zusammen wohnen. 

„Etwas besser, aber noch keineswegs genügend ist es, wenn ein gemein¬ 
sam bewohntes Zimmer durch Bretterverschläge abgeteilt ist. Eine solche 
Trennung habe ich noch kürzlich gesehen, wo ein mittelgroßes Zimmer zwei 
junge Ehepaare beherbergte, die durch eine notdürftige mit Spalten durch¬ 
zogene Bretterwand getrennt waren, ein Zustand, der von den Beteiligten 
auf das bitterste empfunden und der vollends unhaltbar wurde, als bei der 
einen Familie eine Vermehrung eintrat. 

„Zu einem gehörigen Abschluß der Wohnung gehört es auch, daß die¬ 
selbe unmittelbar zugänglich sei, ohne fremde Wohnräume berühren zu 
müssen oder Nachbarn als Durchgang zu dienen, eine Forderung, die neben 
der sittlichen Seite auch ihre große hygienische Bedeutung hat. In diesem 
Punkte sind die deutschen Wohnungsordnungen noch ungemein dürftig. 
Nur drei, die sich direkt hiermit, zwei weitere, die sich indirekt damit be¬ 
schäftigen. So fordert die Polizeiverordnung für den Regierungsbezirk 
Lüneburg, daß jede Wohnung einen eigenen, durch keine fremden Wohn¬ 
räume führenden verschließbaren Zugang haben muß, und die Polizeiverord¬ 
nung für den Regierungsbezirk Trier setzt noch etwas erweiternd an Stelle 
des „keine fremden Wohnräume“: „keine fremden Wohn- oder Schlafräume, 
auch Küchen .. Die Wohnungsordnung für die Stadt Crimmitschau (Kgr. 
Sachsen) fordert: „Jede Familienwohnung soll einen eigenen Zugang haben 
und muß von innen verschließbar und mit einer Klingel versehen sein u . 
Indirekt läßt sich die Forderung eines eigenen Zuganges folgern aus den 
Bestimmungen des Wohnungspflegegesetzes der Hansastädte Hamburg und 
Lübeck, die übereinstimmend festsetzen, daß die Behörde für Wohnungs¬ 
pflege befugt sei, eine zweckentsprechende Veränderung der Wohnung an¬ 
zuordnen, wenn sich aus dem Zusammenwohnen mehrerer Familien in einer 
nur für eine Familie errichteten Wohnung sanitäre oder sittliche Mißstände 
ergeben. Alle übrigen Wohnungsordnungen entbehren der Bestimmungen 
über einen gesonderten Zugang. 

„Etwas mehr beschäftigen sich die Wohnungsordnungen mit der Art 
der Umschließung der Wohnung, mit den Wänden, Decken und Fußböden, 
insbesondere soweit es sich um Räume im Dachgeschoß handelt. So lassen 
die Wohnungspolizeiverordnungen für die Regierungsbezirke Köln und Trier, 
sowie diejenige für die Stadt Köln die Benutzung von Speicherräumen zu 
Schlafräumen nur zu, wenn dieselben vollständig verputzte Wände haben. 
Die Verordnungen für die Regierungsbezirke Aachen und Arnsberg, für den 
Landkreis Aachen sowie für die Städte Göttingen, Goslar, Osterode a. H. 
und Peine fordern für Dachwohnungen völlig verputzte „oder mit Holz 
verkleidete“ Wände, Herford verlangt derartig hergestellte Wände „und 
Decken“, desgleichen die Polizeiverordnung für den Regierungsbezirk 
Münster mit dem Zusatze, daß etwaige Holzverkleidung aus „ineinander- 
gefügtem Holz“ bestehen müsse, und die Verfügung des Kgl. Württem- 
bergischen Ministeriums des Innern über die Wohnungsaufsicht fordert, daß 
Räume, insbesondere auch Dachräume, welche als Wohn- oder Schlafräume 
benutzt werden, verputzte oder mit Holz verkleidete „dichtschließende“ 
Decken und Wände besitzen müssen. Weiter gehen die gesundheitlichen 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 171 

Mindestanforderungen der Straßburger Wohnungskommission, die festsetzen: 
Die Umfassungs- und Trennungsw&nde aller Wohn- und Schlafzimmer, ins¬ 
besondere auch Küchen, müssen in der Regel mindestens aus ausgemauerten 
Riegelwänden mit beiderseitigem Gipsputz bestehen. Vorhandene Bretter¬ 
verschläge können ausnahmsweise belassen werden, wenn sie einen beider« 
zeitigen mindestens 1,5 cm starken Gipsputz erhalten. Weniger eingehend 
ist die Crimmitschauer Verordnung, die sich damit begnügt, Schlafstellen 
in „offenen Dachböden“ zu verbieten, während die Bayerische Instruktion 
für die Wohnungskommissionen Bodenräume als Schlafräume nur dann un¬ 
beanstandet läßt, wenn sie vollständig verputzte Decken und Wände „und 
entsprechende, vom offenen Bodenraum abschließende Zugänge" haben. 

„Auch in den Verordnungen über das Kostgänger- und Schlafstellen- 
wesen finden sich vielfach Bestimmungen über die Art der Raumumschließung 
und hier kann ich Sie auf ein erheiterndes Ergebnis des Abschreibens der 
einen Verordnung von der anderen aufmerksam machen. Eine Reihe von 
brandenburgischen Schlafstellenordnungen, so die von Spremberg, Senften- 
berg, Frankfurt a. 0., Landsberg a. W., Fürstenwalde, Reppen, Vetschau, 
Guben, Züllichau, Schwiebus, Drossen haben in wörtlicher Übereinstimmung 
die etwas auffällig klingende Bestimmung: „Jeder Schlafraum muß trockene, 
gegen Witterungseinflüsse vollkommen schützende „dicke" Fußböden und 
Wände haben." Noch auffälliger erschien es mir, daß mehrere hiervon über¬ 
einstimmend sagen „dicke Fußboden und Wände", ein anscheinender Druck¬ 
fehler, dessen mehrfache Wiederkehr in verschiedenen Verordnungen stutzig 
machen mußte. Des Rätsels Lösung fand sich, als ich noch einige ältere 
gleichlautende Polizeiverordnungen auffand, in denen es, ganz verständig, 
hieß: „Jeder Schlafraum muß trockene gegen Witterungseinflüsse vollkom¬ 
men schützende „Decke", Fußboden und Wände haben." In eine der hier¬ 
von beeinflußten Verordnungen hat sich dann der Schreib- oder Druckfehler 
„dicke" statt „Decke" eingeschlichen und gedankenlos wurde dann dieser 
Druckfehler in nahezu ein Dutzend späterer Verordnungen übernommen. 
Sie sehen also, auch für Polizeiverordnungen gibt es ein Gesetz der Ver¬ 
erbung und eine Gefahr der Inzucht. Daß es aber auch denkende Abschreiber 
gibt, zeigt die Polizei Verordnung von Forst i. L., der das „dicke" wohl etwas 
aonderbar vorkam, und die statt dessen, nicht ohne Sinn, schrieb „dichte". 

„Hinsichtlich der Fußböden im besonderen schreiben manche Verord¬ 
nungen, so die Schlafstellenordnungen des Herzogtums Sachsen-Altenburg, 
sowie des Regierungsbezirks Aachen und der Städte Koblenz, Mayen, Neuwied, 
Geestemünde, Elmshorn, Apenrade, Hanau, Frankfurt a. M., Eitorf, Stolberg, 
Dessau, Eisenach, Minden, Düsseldorf und Münster schlechthin vor, daß sie 
„gedielt" oder „von Holz" (Biebrich) sein müssen, eine Forderung, die an¬ 
gesichts anderer einwandfreier Fußbodenausführungen zu einengend erscheint. 
Die Düsseldorfer Regierung hat denn auch in einer Ausführungsanweisung 
bestimmt: „Der Dielung der Schlafräume, welche der § 1 sub b fordert, ist 
gleichwertig jede anderweite zweckmäßige Vorrichtung (z. B. Estrich, 
Plattenbelag), durch welche der Fußboden der Schlafräume vom Erdboden 
getrennt wird.“ 

„Zweckmäßiger scheinen demnach solche Anordnungen, welche wie die der 
Regierungsbezirke Arnsberg und Koblenz, der Städte Aachen und Herford, des 


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172 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Landkreises Aachen, der Gemeinde Kirn usw., welche Holzdielang oder einen 
„anderweiten zweckmäßigen Belag w fordern, von dem der Regierungspräsident 
zu Lüneburg, sowie Göttingen, Peine und Osterode a. H. im weiteren fordern, 
daß er „aus festem, undurchlässigem Material a bestehen müsse und „keine 
erheblichen Unebenheiten und keine offenen Fugen haben darf a , und daß 
„Lehmschlag oder ähnliches Material“ nicht verwendet werden dürfe. Auch 
die Bayerische Instruktion verlangt „einen dichten Fußboden aus Holz, 
Stein, Zement oder aus einem anderen zweckmäßigen Material“ und fordert 
„namentlich auf Beseitigung der in Küchen noch vorkommenden, schlecht 
zu reinigenden Lehmböden hinzuwirken“. 

„Doch genug hiervon. Aus den vielgestaltigen, mehr oder weniger 
eingehenden Bestimmungen, von denen ich Ihnen einen großen Teil vor¬ 
geführt, leite ich die beiden ersten Schlußsätze zu meinem Referate ab: 
„Jede Wohnung muß einen eigenen, durch keine fremden Küchen, Wohn- 
oder Schlafräume führenden Zugang haben“ und „Alle Wohn- und Schlaf¬ 
räume müssen trockene, gegen Witterungseinflüsse vollkommen schützende, 
dichte Wände, Decken und Fußböden haben und von innen verschließbar sein.“ 
„ Als den Kardinalpunkt der ganzen Wohnungsfrage bezeichnete Professor 
Dr. Neisser auf dem Frankfurter Wohnungskongreß die „Geräumigkeit“ 
der Wohnung. Dieselbe kommt zum Ausdruck in der Zahl und der Größe 
der Zimmer. Letztere findet einen zahlenmäßigen Ausdruck in dem Luft¬ 
raum, der für jeden Bewohner vorhanden ist. Hinsichtlich des Luftraumes 
besagen die 1889 in Straßburg beschlossenen Vorschläge für „Reichsgesetz¬ 
liche Vorschriften zum Schutze des gesunden Wohnens“: „Vermietete, als 
Schlafräume benutzte Gelasse müssen für jedes Kind unter 10 Jahren min¬ 
destens 5 cbm, für jede ältere Person mindestens 10 cbm Luftraum enthalten. 
Kinder unter einem Jahre werden nicht mitgerechnet.“ 

„Die Bestimmung eines Minimalluftraumes ist in der überwiegenden 
Mehrzahl aller Wohnungs- und Schlafstellenordnungen getroffen. 

„Aus den nachstehenden beiden Tabellen ist zu entnehmen, wie bunt 
und vielgestaltig selbst in diesem Punkte die einschlägigen Bestimmungen 
sind. Viele der Verordnungen setzen bloß einen Minimal-Luftraum fest, 
viele fordern daneben auch eine Minimal-Bodenfläche. Viele fordern den 
festgesetzten Luftraum schlechthin pro Kopf, viele lassen für Kinder eine 
Ermäßigung zu, teils auf die Hälfte, teils auf Vs hei Kindern unter 6 Jahren 
und auf 2 /s hei Kindern von 6 bis 14 Jahren. Die Altersgrenzen, wo für 
Kinder überhaupt Ermäßigungen eintreten, sind teils 10 Jahre, teils 12, 
teils 14, in einem Falle, Hamburg, gar 15 Jahre, während Lübeck das Ende 
der Schulpflicht als Grenze setzt. 

Bestimmungen über den Mindestluftraum. 

(Es bedeutet E = Erwachsene, K = Kinder, P = jede Person ohne Altersunterschied.) 
a) Wohnungsordnungen. 

E 7 cbm, K unter 14 Jahren 5 cbm. Stadt Königsberg i. Pr. 

P 9 cbm. Stadt Rogasen i. Posen. 

P 9 bis 10 cbm. Städte Grätz und Neustadt b. Pinsel i. Pos. 

P 10 cbm. Städte Fraustadt und Schildberg i. Pos., Braunsberg i. Ostpr. 

E 10 cbm, K unter 15 Jahren 5 cbm. Hamburg. 

E 10 cbm, K unter 14 Jahren 5 cbm, K unter 1 Jahr 0. Pfalz, Städte Allen- 
burg, Tapiau und Wehlau i. Ostpr., Stolp i. Pom. 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 173 

E 10 cbm, K unter 14 Jahren 5 cbm. Königr. Württemberg. 

E 10 cbm, K unter 10 Jahren 6 cbm. Stadt Allenstein i. Ostpr. 

E 10 cbm, K unter 10 Jahren 6 cbm, K unter 1 Jahr 0. Verschiedene Kreise 
des Regierungsbezirks Arnsberg i. W., Regierungsbezirke Koblenz, Köln 
und Düsseldorf, Stadt und Landkreis Aachen, Stadt Herford i. W. 

E 3 qm 10 cbm, K unter 12 Jahren 2 qm 5 cbm, für jeden Kochherd 15 cbm 
mehr. Städte Goslar und Osterode a. H., Peine (Han.), Koschmin i. Pos. 

E 3 qm 10 cbm, K unter 10 Jahren 1,5 qm 5 cbm. Regierungsbezirk Münster. 

E 4 qm 10 cbm, K unter 10 Jahren 5 cbm, unter 1 Jahr 0. Regierungsbezirk 
Trier. 

Für die Scblafräume: E 10 cbm, schulpfl. K 5 cbm, K unter 1 Jahr 0. Ge¬ 
samter Wohnraum: E 15 cbm, schulpfl. K 7,5 cbm, K unter 1 Jahr 0. 
Lübeck. 

E 6 qm 15 cbm, K unter 14 Jahren 3 qm 8 cbm, für jeden Kochherd 15 cbm 
mehr. Verschiedene Städte des Regierungsbezirks Lüneburg. 

E 14 bis 16 cbm, im Keller 20 cbm. Stadt Obornik i. Pos. 

Im Erdgeschoß oder Keller: E 20cbm, K unter 14 Jahren 10cbm, K unter 
1 Jahr 0. In höheren Stockwerken: E 0 cbm, K unter 14 Jahren 
4,5 cbm, K unter 1 Jahr 0. Stadt Kempen i. Pos. 

Für Schlafräume: E 10cbm, K unter 10 Jahren 5cbm; für Schlafräume, die 
gleichzeitig als Wohnräume dienen, jede P 5 cbm mehr; für Scblaf¬ 
räume, die gleichzeitig als Wohnräume sowie zu gewerbl. Benutzung 
dienen, jede P weitere 5 cbm mehr. Im Erdgeschoß an schmalen Gassen 
und Höfen jede P 5 cbm mehr. Straßburg i. E. 

b) Schlafstellenordnungen. 

E 2,7 qm 6 cbm, K 6 bis 14 Jahren, 2 qm 4 cbm, K unter 6 Jahren 1 qm 
2,25 cbm. Eitorf a. Sieg. 

P 2 qm 7,5 cbm. Stadt Culmsee i. Westpr. 

E 2 qm 8 cbm, K 6 bis 14 Jahren 4 / 8 qm 5,33 cbm, K unter 6 Jahren Vs qm 
2,66 cbm. Städte Apenrade und Neumünster in Sohleswig-Holstein. 

P 8 cbm. Geestemünde i. Hann. 

P 9 cbm. Aschersleben, Prov. Sachsen. 

P 3qm 9 cbm. Brandenburgische Städte: Finsterwalde, Forst i. L., Frankfurt 
a. 0., Gassen, Landsberg a. W. und Spremberg. 

P 3 qm 9 obm „excl. des Raumes für die Effekten“. Brandenburgische Städte: 
Drossen, Fürstenwalde, Guben, Reppen, Schwiebus, Sommerfeld, Vetschau 
und Züllichau. 

E 10 cbm, K 6 bis 14 Jahren 6,66 cbm, K unter 6 Jahren 3,33 cbm. Halle, 
Prov. Sachsen und Schönebeck a. Elbe. 

E 10 cbm, K unter 14 Jahren 6,66 cbm. Stadt- und Landbürgermeisterei 
Merzig a. Saar. 

E 10 cbm, K unter 10 Jahren 5 cbm. Herzogtum Sachsen-Alten bürg, Kreis 
Weißenfels i. Sachs., Städte Gera (Reuß j. L.), Osnabrück (Han.), Stolp 
(Pommern). 

P 10cbm. Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirke Aachen, Aurioh, 
Bromberg, Düsseldorf und Münster, verschiedene Städte und Landkreise 
des Kreises Jerichow i. Sachs., Landkreis Gera (Reuß j. L.), Städte 
Koblenz, Delmenhorst (Oldenburg), Mayen und Neuwied i. Rhld. 

E 3 qm 10 cbm, K 6 bis 14 Jahren 2 qm 6,66 cbm, K unter 6 Jahren 3,33 cbm. 
Kreis Bitterfeld, Landkreis Frankfurt a. M., Mansfelder Seekreis, Land¬ 
kreise Köln und Mülheim a. Rhein, Städte Altona, Berlin, Bonn, Breslau, 
Köln, Charlottenburg, Kottbus, Dessau, Frankfurt a. M., Graudenz, 
Hildesheim, Ketzin (Brandenb.), Kiel, Deutsch-Krone, Magdeburg, Nauen 
(Brandenb.), Schönsee (Westpr.), Stolberg (Rhld.), Thorn, Wandsbeck, 
Wittenberge. 

E 3 qm lOcbm, K unter 14 Jahren 2 qm 6,66 cbm. Regierungsbezirk Minden, 
Städte Kalau und Drebkau i. Brandenb. 


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174 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

P 3 qm 10 cbm. Herzogtum Braunschweig, Kreise Höchst a. Main u. Neurod» 
i. Schles., Stadt und verschiedene Gemeinden des Landkreises Kassel, 
Städte Goslar und Peine i. Han., Senftenberg und Sorau i. Brandenb^ 
Trier. 

E 3 qm 10 cbm, K unter 10 Jahren 1,5 qm 5 cbm. Biebrich a. Rh. 

E 4 qm 10 cbm, K 6 bis 14 Jahren 2,66 qm 6,66 cbm, K unter 6 Jahren 2 qm 
5 cbm. Oldesloe i. Schlesw.-Holst. 

E 4 qm 10 cbm, K unter 10 Jahren 2 qm 5 cbm. Städte Eisenach, Gotha^ 
Quedlinburg, Gemeinde Kirn a. d. Nahe. 

P 4qm 10cbm. Regierungsbezirk Liegnitz, verschiedene Städte und Ge¬ 
meinden des Regierungsbezirk Lüneburg, verschiedene Kreise des Re¬ 
gierungsbezirk Oppeln, Kreise Reichenbach und Schweidnitz L Schles., 
Kreis Simmem i. Rhld., Städte Hanau (Kassel), Lübeck, Münsterberg" 
und Striegau i. Schles., Amtsbezirk Sande. 

E 3 qm 12 cbm, K 6 bis 14 Jahren 2 qm 8 cbm, K unter 6 Jahren 1 qm 
4 cbm. Elmshorn i. Schlesw.-Holst. 

„Die geringste Bodenfl&che (2 qm für Erwachsene!) wird verlangt in 
den Schlafstellenordnungen für Gulmsee, Neumünster und Apenrade, wobei 
in letzteren beiden Städten bei Kindern noch eine Ermäßigung auf s /s bzw. 
Va stattfindet, so daß für Kinder unter 6 Jahren dort nur 9 /s (!) Boden¬ 

fläche verlangt wird. Den geringsten Luftraum fordert die Schlafstellen¬ 
ordnung für Eitorf a. Sieg, nämlich 6 cbm für Erwachsene, 4 cbm für Kinder 
von 6 bis 14 Jahren und 2 cbm für Kinder unter 6 Jahren. Bei solch 
minimalen Anforderungen muß man sich allerdings fragen, ob es da über¬ 
haupt Zweck hat, daß die Polizei sich um die Belegung kümmert, die denn 
doch hart an die Grenze reicht, wo eine noch weitere Überfüllung ihre 
natürliche Grenze findet und von der Wahrung hygienischer Gesichtspunkte 
nicht mehr die Rede sein kann. Nur 7 cbm für Erwachsene und 5 cbm für 
Kinder fordert die Wohnungsordnung für Königsberg, 7,5 cbm für Erwach¬ 
sene die Schlafstellenordnung für Culmsee, 8 cbm Geestemünde, Apenrade 
und Neumünster, in beiden letzteren Städten wieder Ermäßigung für Kinder 
auf Vs bzw. V 3 . 

„ln den Schlafstellenordnungen geht die geforderte Bodenfläche nirgends 
über 4 qm hinaus, in der größten Mehrzahl beträgt sie 3 qm, der Luftraum 
geht nur in einem Falle (Elmshorn i. Schlesw.-Holst. 12 cbm) über 10 cbm 
hinaus und beträgt in einer großen Zahl von Verordnungen 9 cbm« Dagegen geht 
in den Wohnungsordnungen die geforderte Bodenfläche bis auf 6 qm in Lüne¬ 
burg, der geforderte Luftraum bis auf 20 cbm für Erwachsene in Crimmitschau 
und Obornik (für Kellerwohnungen) sowie Kempen i. Pos. hinauf. Auch haben 
mehrere Verordnungen, so Lüneburg, Koschmin, Goslar, Peine, Osterode a. H., 
die zweckmäßige Bestimmung, daß für jeden Kochherd 15 cbm mehr zu 
dem nach der Kopfzahl zu berechnenden Luftraum hinzukommen müsse. 
Einige Verordnungen haben die praktisch nicht verwertbare Bestimmung, 
daß der durch Möbel, Öfen und Effekten verstellte Raum nicht mitrechne. 
Auch kommt in vielen Verordnungen nicht genügend klar zum Ausdruck, 
ob der geforderte Luftraum für die „Schlafräume“ allein oder für den ge¬ 
samten „Wohnraum“ der Wohnung gilt. 

„Hinsichtlich der Zimmer zahl fordert die starke Hälfte aller Wohnungs¬ 
ordnungen — die übrigen enthalten darüber nichts — eine Trennung der 
Geschlechter in den Schlafräumen derart, daß die Wohnung so viel Räume 
haben muß, daß die über 14 Jahre alten Personen nach dem Geschlecht 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 175 

getrennt schlafen und für jedes Ehepaar mit seinen noch nicht 14 Jahre 
alten Kindern ein besonderer Schlafraum oder doch wenigstens Abschlag 
im Schlaf raume verbleibt. Von solchen Abschlägen fordert die Polizei- 
verordnung für den Regierungsbezirk Münster, daß sie „genügend hoch 4 ,, 
die Polizeiverordnung für den Regierungsbezirk Trier, daß sie „mindesten* 
von 2 m Höhe“ sein müssen. Die Altersgrenze für die Oeschlechtertrennung 
ist in den WobnungsVerordnungen für den Stadt- und den Landkreis Aachen 
sowie die Stadt Herford i. W. auf 12 Jahre herabgesetzt. 

„In den Verordnungen über das Schlaf-, Kost- und Quartiergängerwesen 
ist fast durchweg die Geschlechtertrennung für die Schlafräume gefordert,, 
eine Forderung, die wir hier nicht nur aus sittlichen, sondern auch aus 
hygienischen Rücksichten vollauf billigen werden. Viele Schlafstellen¬ 
ordnungen gestatten überhaupt nur die Aufnahme von Scblafgängern männ¬ 
lichen oder weiblichen Geschlechts, nicht aber beiden gleichzeitig, viel* 
auch stellen weitgehende Anforderungen für den Abschluß der von Schlaf¬ 
gängern benutzten Räume gegen diejenigen des Quartiergebers und seiner 
Familie und fordern, daß etwaige Verbindungstüren durch Bretterverschläge,. 
Vernagelung oder dergl. unbenutzbar gemacht werden müssen. Wichtig 
erscheint mir die Bestimmung, daß familienfremde Schlafgänger nur dann 
aufgenommen werden dürfen, wenn dem Quartiergeber Räume in dem vor¬ 
hin erörterten Umfange zur ausschließlichen Benutzung verbleiben. 

„Im übrigen kann hier auf einige weitere Bestimmungen der meisten 
Schlafstellenordnungen hinsichtlich der Bettenzahl, des Wechsels des Bett¬ 
strohs, der Stellung von Waschgeschirren und Handtüchern usw. nicht näher 
eingegangen werden. Ich möchte indes nicht verschweigen, daß verschiedene 
Schlafstellenverordnungen sich damit begnügen, für je zwei (!) Schlafgänger 
eine Bettstelle zu fordern. 

„Von einer gesunden Wohnung muß man verlangen, daß sie genügende 
Luft- und Lichtzufuhr von außen erhalte. Da „genügend“, „hinreichend“ usw. 
sehr dehnbare Begriffe, sind für die praktische Handhabung einer 
Polizeiverordnung nur festbestimmte Maßangaben für die erforderlich* 
Größe der Fenster verwertbar. Von im ganzen 139 Verordnungen setzen 
aber nur 29, nämlich 16 Wohnungs- und 13 Schlafstellenordnungen, be¬ 
stimmte Anforderungen an die Fenstergröße fest, 28, darunter 6 Wohnungs¬ 
und 22 Schlafstellenordnungen, sagen über Fenster überhaupt nichts, darunter 
die Schlafstellenordnungen für Berlin und Charlottenburg. Endlich 82 Ver¬ 
ordnungen, darunter 8 Wohnungs- und 74 Schlafstellenordnungen, fordern 
das Vorhandensein von Fenstern, ohne jedoch bestimmte Maße dafür vor¬ 
zuschreiben. So schreibt die Schlafstellenordnung für Merseburg vor: di* 
Schlafräume müssen mit mindestens einem Fenster versehen sein; die Schlaf¬ 
stellenordnungen für den Landkreis Aachen, Bromberg, Graudenz, Ketzin,. 
Nauen und die Stadt Trier: die Schlafräume müssen mindestens mit einem 
„zum öffnen eingerichteten“ Fenster versehen sein; 33 Schlafstellenordnungen 
sowie die Wohnungsordnung der Arnsberger Regierung und die Ministerial- 
instruktion für Württemberg schreiben vor, daß sie mindestens ein zum 
Öffnen eingerichtetes Fenster „in der Außenwand“ oder „unmittelbar ins 
Freie gehend“ haben müssen, und einige fügen hinzu, daß solche Fenster 
„von genügender Größe“ sein müssen; 20 andere Schlafstellenordnungen 


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176 XXXI. Versammlung d.I). Vereins 1. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

verlangen ein Fenster „in der Außenwand“ oder „unmittelbar ins Freie“, 
schreiben jedoch nicht ausdrücklich vor, daß es „zum öffnen eingerichtet“ 
sein muß, eine Voraussetzung, die nach meinen Erfahrungen keineswegs 
überall selbstverständlich ist. Noch weniger ist anzufangen mit Bestim¬ 
mungen wie: „die Schlafräume müssen gehörig ventiliert werden“ (Schlaf¬ 
stellenordnung für Altona und Magdeburg Stadt); „jeder Schlafraum muß 
hinlänglich Licht und Luft haben“ (Schlafstellenordnung Halle a. S.); „die 
Schlafräume müssen genügend durch Tageslicht erleuchtet und gut lüftbar 
sein“ (Schlafstellenordnung Regierungsbezirk Minden); „alle Wohnungen 
sollen hinlänglich hell und luftig sein“ (Wohnungsordnungfür Crimmitschau). 
Nicht ganz unbedenklich dürfte die Bestimmung der Wohnungsordnungen 
für Bromberg und Königsberg sein: „die Wohnräume müssen Fenster haben, 
welche zu jeder Jahreszeit geöffnet werden können. Die Schlafräume müssen 
gleichfalls derartige Fenster haben, oder mindestens durch geräumigfe 
Türöffnungen mit vorschriftsmäßigen Wohnräumen in unmittelbarer Ver¬ 
bindung stehen.“ Wie schließlich die nachstehenden Bestimmungen in der 
Praxis auf ihre Durchführbarkeit kontrolliert werden sollen, weiß ich nicht, 
wenn in Kalau und Drebkau vorgeschrieben ist: „die Fenster der Schlaf¬ 
räume müssen täglich mindestens zwei Stunden offen gehalten werden“* 
oder in Sommerfeld, Gassen, Frankfurt a. 0., Landsberg a. W., Drossen und 
Reppen: „die Fenster der Schlafräume müssen täglich durch zwei Vormittags¬ 
und zwei Nachmittagsstunden offen gehalten werden“. Noch komplizierter 
wird es für die Polizisten von Fürstenwalde, die acht geben müssen, ob die 
Fenster der Schlafräume im Sommer täglich zwei Vormittags- und zwei 
Nachmittagsstunden und im Winter durch zwei Vormittagsstunden offen 
gehalten werden. 

„Was nun die Verordnungen mit festen Maßangaben für die Fenster¬ 
größe angeht, so gibt es deren, wie bereits bemerkt, 29, darunter 16 Woh¬ 
nungsordnungen, und diese 29 Verordnungen enthalten zwölferlei vonein¬ 
ander abweichende Forderungen. 

„Vis der Bodenfläche als Fenstergröße fordert die Schlafstellenordnung 
für Quedlinburg für die Schlafräume, die Wohnungsordnung für Herford i. W. 
für Wohn- und Schlafräume; Vis verlangt die Wohnungsordnung des Re¬ 
gierungsbezirks Trier, begnügt sich aber bei den zurzeit des Erlasses der 
Verordnung bereits vorhandenen Wohnungen mit Vis- Das gleiche tun die 
Wohnungsordnungen für die Stadt Köln und den Regierungsbezirk Düsseldorf, 
lassen aber im weiteren bei schrägen Speicherräumen V20 zu - Schlechthin Vh 
fordert für alle Schlafränme die Wohnungsverordnung des Regierungspräsi¬ 
denten zu Münster, und die Schlafstellenordnungen für Braunsberg und 
Sachsen-Altenburg V12 für Wohn- und Schlafräume, und V20 bei schrägen 
Dachräuraen die Wohnungs- und die Schlafstellenordnungen von Göttingen, 
Goslar, Lüneburg, Osterode a. H. und Peine. Via au °b fordert für Wohn- 
und Schlafräume die Wohnungsordnung von Stolp i. P., begnügt sich aber 
mit V20 »bei Räumen, die für nur eine einzige Person bestimmt sind“. V10 
der Bodenfläche und V15 bei Speicherräumen verlangen die Wohnungs¬ 
ordnungen für die Stadt Aachen und den Landkreis Aachen, sowie den 
Regierungsbezirk Koblenz, ermäßigen diese Anforderungen aber bei bereits 
vorhandenen Wohnungen auf Viö bzw. auf V20 bei Speicherräumen. Die 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 177 

Schlafstellenordnung für Apenrade fordert für jede Person V 4 qm zu öffnende 
Fensterfläche, die Schlafstellenordnung für Hanau und Kassel 1 qm Fenster¬ 
fläche auf 15 cbm bei V 4 fl m Mindestfläche. Die Instruktion für Straßburg 
i. E. verlangt für Wohn- und Schlafräume 1 qm Fensterfläche auf je 25 cbm 
Rauminhalt. Schließlich 1 qm auf 30 cbm fordern die Wohnungsordnung 
des Regierungspräsidenten zu Köln und die Schlafstellenordnungen für 
Biebrich und Geestemünde, letztere mit dem Zusatz, daß jedes Fenster 
mindestens Yafl 111 zum öffnen eingerichtete Fläche haben muß. 

„Ob man nun die Fensterfläche zu der Bodenfläche oder zum Raum¬ 
inhalte in Beziehung setzen will, kommt mehr oder weniger auf Eins heraus. 
Die reichsgesetzlichen Vorschriften zum Schutze des gesunden Wohnens 
fordern Vis der Bodenfläche. Ich habe in den Schlußsätzen 1 qm auf 30 chm 
empfohlen, weil das einer besonderen Behandlung der Schrägkammern ent¬ 
hebt, für die auch jene reichsgesetzlichen Vorschriften Erleichterungen 
vorsehen. Bezüglich der in der schrägen Dachfläche liegenden Fenster 
habe ich jedoch den Zusatz in Vorschlag gebracht, daß sie außer Anrechnung 
bleiben sollen, veranlaßt durch den letzten Jahresbericht der Essener 
Wohnungsinspektion. Auf Grund ihrer Beobachtungen haben die Essener 
Wohnungsinspektoren in Anregung gebracht, bei einer Revidierung der 
Düsseldorfer Regierungspolizeiordnung den § 2 Nr. 1 dahin abändern zu 
wollen, daß Dachfensterklappen nicht mehr als ein genügendes Fenster 
angesehen werden sollen. Bei Regenwetter können derartige Dachfenster¬ 
klappen nicht geöffnet werden; nach einem größeren Schneefall ist dies 
überhaupt unmöglich, so daß während dieser Zeit der betreffende Raum 
weder Licht noch Luft erhält* Die in eisernen Rahmen liegenden Fenster¬ 
klappen lassen im Winter die Kälte, im Sommer die Hitze nur wenig ge¬ 
hindert in die Zimmer eindringen. Auf den meist schräg liegenden Fenstern 
sammelt sich der Schmutz und bleibt monatelang liegen, weil derartige 
Dachfenster, zumal wenn sie (wie meistens) sehr hoch über dem Fußboden 
angebracht sind, ungemein schwer zu reinigen sind. 

„Hinsichtlich der Lage der Wohn- und Schlafräume zu Aborten, Ställen, 
Düngergruben usw. fordern die Wohnungsordnungen für die Regierungs¬ 
bezirke Düsseldorf und Trier, daß „Schlafräume“ nicht mit Aborten in 
„offener“ Verbindung stehen dürfen, während Stolp i. P., Lüneburg, Goslar, 
Peine, Osterode a. H. und Königsberg diese offene Verbindung auch für 
Wohn- und Küchenräume ausschließen. Weitergehend fordern die Verord¬ 
nungen für die Stadt Aachen, Stadt Köln, Herford, Regierungsbezirk Koblenz, 
Straßburg i. E., daß die Küchen-, Wohn- und Schlafräume nicht in „un¬ 
mittelbarer“ Verbindung mit Aborten stehen dürfen, sie fordern also, wenn 
ich recht verstehe und nicht unmittelbar == offen setze, die Einschaltung eines 
ZwischenvoiTaumes, Flurs oder dergl. zwischen Abort und Wohnraum. Die 
Grimmitschauer Wohnungsordnung verbietet Schlafstellen in Vorräumen 
von Aborten, und schließlich besagt die Allensteiner Wohnungsordnung, 
daß das Einrichten von Wohnungen „in unmittelbarer Nähe von Stall¬ 
räumen“ fernerhin nicht gestattet werde. Die übrigen, also die Mehrzahl 
der Wohnungsordnungen, besagen zu diesen Punkten nichts. Dagegen 
treffen die Schlafstellenordnungen bis auf wenige Ausnahmen — soweit ich 
feststellen konnte nur Apenrade, Lehe, Blumental und Delmenhorst — über 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. J2 


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178 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

die Lage der Schlafräume zu den Aborten und größtenteils auch zu Ställen 
und Düngergruben Bestimmungen. Breslau und Dessau verbieten auch 
Schlafräume über Backöfen. 

„Über die Zulässigkeit von Wohn- und Schlafräumen in Kellerräumen 
schweigen sich 23 Wohnungs- und 71 Schlafstellenordnungen völlig aus, 
während 13 Wohnungs- und 34 Schlafstellenordnungen diese Frage regeln. 
Schlankweg verboten sind Sehlafräume in Kellern durch die Wohnungs¬ 
ordnungen des Regierungsbezirks Münster, des Landkreises Aachen und 
der Städte Aachen und Herford, sowie durch die Schlafstellenordnungen 
des Regierungsbezirks Minden, der Kreise Reichenbach u. Schweidnitz i. Schles. 
und Simmern i. Rhld., und der Städte Hanau, Höchst a. M., Münsterberg, 
Striegau, Burg und der Gemeinde Kirn a. d. Nahe. 20 Schlafstellenordnungen 
lassen Schlafstätten in Kellerräumen zu, nachdem sie von der Ortspolizei¬ 
behörde „für geeignet tt erachtet sind, wobei meist vorgeschrieben, daß 
hierüber der zuständige Medizinalbeamte vorher zu hören ist. Lüneburg 
gestattet keine Wohnungen und keine Schlafstellen in Räumen, die mehr 
als 50 cm unter Terrain liegen, läßt aber Ausnahmen zu „so lange nach 
Lage der örtlichen Verhältnisse die Benutzung derartiger Wohnungen noch 
nicht zu entbehren ist und sofern in dem betreffenden Falle solcher Be¬ 
nutzung »erhebliche« gesundheitliche Bedenken nicht entgegenstehen“. Ich 
fürchte, daß das in der Praxis soviel heißt wie: „Kellerwohnungen sind 
erlaubt“. Sehr weitgehend sind die Anforderungen im Landkreise Aachen, 
in den Städten Aachen und Herford, sowie in der Schlafstellenordnung der 
Gemeinde Kirn, wonach Kellergeschosse und nicht unterkellerte Gelasse, 
deren Fußboden nicht mindestens 0,25 m über der Erde liegt, als Schlaf¬ 
räume nicht benutzt werden dürfen. Im Regierungsbezirk Arnsberg sind 
Kellerwohnungen dann zulässig, wenn die Höhenlage des Baugeländes die 
Anlage von mindestens 1 m hohen vollständig über dem Erdboden belegenen 
Fenstern gestattet. Nach den gesundheitlichen Mindestanforderungen der 
Straßburger Wohnungskommission ist bei Wohnungen, deren Fußboden 
unter dem Erdboden liegt, die Außenmauer durch eine offene, mindestens 
20 cm breite Luftschicht vom Erdreiche zu trennen. Die Wandungen des 
Zwischenraumes sind undurchlässig herzustellen; das sich im Zwischenraum 
ansammelnde Regenwasser ist unterirdisch abzuleiten. Ist die Anlage einer 
solchen äußeren Luftschicht nicht möglich, so muß der Gipsputz von der 
Innenseite losgeschlagen, die Wand mit Teer gestrichen, neu verputzt und 
mit Asphaltpapier bekleidet werden. Ferner ist der Fußboden bei Keller¬ 
wohnungen sowie bei nicht unterkellerten Erdgeschoßwohnungen hohl zu 
legen und die entstehende Luftschicht durch Kanäle mit der Außenluft in 
Verbindung zu bringen. 

„Über das Vorhandensein und die Zahl der Aborte besagen 17 Woh¬ 
nungsordnungen gar nichts. 12 Wohnungsordnungen verlangen, daß jedem 
Bewohner die Mitbenutzung eines auf dem Hausgrundstück befindlichen 
Abortes gestattet sein muß, wobei die Ausführungsanweisungen zu den 
Wohnungsordnungen der Regierungsbezirke Köln und Düsseldorf bemerken, 
daß bei größeren Wohnungen der Regel nach für je 10 Personen ein Abort 
vorhanden sein müsse, und die Wohnungsordnung des Regierungsbezirks 
Trier, daß bei größeren Wohnungen die Zahl der Aborte der Zahl der Be- 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 179 

wohner „entsprechend" sein müsse. Wenigstens ein Abort in jedem Geschoß 
wird in mehrstöckigen Gebäuden in Stolp i. P. gefordert, ein Abort anf je 
zwei Wohnungen in Lüneburg, ein Arbort für je 15 Personen in Straßburg 
i. E. und in der Pfalz. Göttingen, Goslar, Osterode und Peine fordern 
schließlich, daß die Mitbenutzung eines Abortes gestattet sein muß, ohne 
dabei ausdrücklich zu verlangen, daß dieser Abort auf dem Hausgrundstück 
belegen sein muß. Von den Schlafstellenordnungen befassen sich nur drei 
mit den Abort Verhältnissen: Crimmitschau besagt, daß hinsichtlich der 
Aborte die Bestimmungen des Allgemeinen Baugesetzes gelten, Delmenhorst, 
daß beim Hause des Quartierwirts ein Abort vorhanden sein müsse, der 
außerhalb des Hauses belegen und mit ins Freie gehendem Fenster versehen 
sein muß; doch können bei bereits vorhandenen Häusern in betreff der 
Belegenheit der Aborte vom Stadtmagistrat Ausnahmen gestattet werden. 
Nur der Regierungsbezirk Minden stellt bestimmte Anforderungen an die 
Zahl und fordert, daß auf je 20 Personen ein Abort vorhanden sein müsse. 

„Meine Herren! Gerade die Abortverhältnisse erheischen vom Stand¬ 
punkt der Volksgesundheitspflege aus eine erhöhte Aufmerksamkeit. „Ein 
besonders großer Mißstand tt — sagt der letzte Jahresbericht über die Essener 
Wohnungsinspektion — „ist die zu geringe Zahl und die Mangelhaftigkeit 
der Abortanlagen. Es ist mehrfach festgestellt worden, daß z. B. die drei 
für ein größeres Haus vorhandenen Aborte von 70 und mehr Personen 
benutzt werden mußten. Daß in solchen Fällen, wo selbstverständlich die 
zwölf und mehr Familien nicht in dauerndem Einvernehmen miteinander 
leben, die Abortreinigung viel, ja alles, zu wünschen übrig läßt, begreift 
sich von selbst." — Und die am 1. Dezember 1905 stattgehabte Wohnungs¬ 
aufnahme in Barmen — einer Stadt, die meines Wissens keineswegs unter 
besonders ungünstigen Wohnungsverhältnissen leidet — hat ergeben, daß 
von insgesamt 27 806 Wohnungen, über die genauere Angaben vorliegen, 
17,4 Proz. ihren eigenen Abort besaßen, während in 38,2 Proz. der Woh¬ 
nungen zwei, in 20,7 Proz. drei und in 23,7 Proz. der Wohnungen vier und 
mehr Familien sich jn die Benutzung eines Abortes teilen mußten. Noch 
ungünstiger stellen sich diese Zahlen, wenn nur die kleineren Wohnungen 
für sich betrachtet werden. Von den Zweizimmerwohnungen verfügen noch 
nicht 6 Proz. über einen eigenen Abort, 32 Proz. müssen ihn mit vier und 
mehr Parteien teilen. Bei den Dreizimmerwohnungen haben 15 Proz. einen 
eigenen Abort, auch hier müssen ihn noch 21 Proz. mit vier und mehr 
Parteien teilen. Selbst bei den Fünfzimmerwohnungen hat nur die Hälfte 
einen eigenen Abort. 

„Die Wasserversorgung und Entwässerung bildet ein Kapitel für sich, 
das dort, wo ein öffentliches Wasserwerk und öffentliche Kanalisation be¬ 
stehen, meist durch Sonderverordnungen geregelt ist. Die Wohnungs¬ 
ordnungen sind daher in dieser Beziehung meist dürftig. Die Regierungs¬ 
polizeiverordnungen von Cöln, Münster, Düsseldorf, Arnsberg und Koblenz, 
sowie die Wohnungsordnungen des Landkreises Aachen und der Städte 
Aachen und Cöln schreiben vor, daß eine genügende Versorgung der Be¬ 
wohner mit gesundem Wasser vorgesehen sein müsse. Lüneburg, Herford, 
Goslar, Göttingen und Osterode fordern daneben auch eine unschädliche 
Entfernung der Schmutz Wässer. Die Wohnungspolizei-Verordnung des 

12 * 


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180 XXXI. Versammlung d. I). Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

Trierer Regierungspräsidenten schreibt vor, daß Wohnungen für eine gemein¬ 
schaftliche Haushaltung von zwei oder mehr Personen (FamilienWohnungen), 
soweit in dem Gebäude Kanalisation oder Wasserleitung eingerichtet ist, 
einen eigenen Ausguß bzw. einen eigenen Wasserhahn besitzen müssen. 

„Die bauliche Instandhaltung seitens des Hauswirts und die pflegliche 
Behandlung der Wohnung seitens des Mieters sind Erfordernisse, durch 
deren Verabsänmung auch manche an sich einwandfreie Wohnung zu hygie¬ 
nischen Bedenken Anlaß gibt. In manchen WohnungsVerordnungen ist 
bestimmt, daß die Wohnung nicht baulich verwahrlost sein dürfe (Regierungs¬ 
bezirk Trier) und daß im weiteren nicht tapezierte Wände mit einem 
Anstrich zu versehen seien, der in Stolp i. P. bei jedem Wechsel der Mieter, 
in Wehlau jährlich einmal, in Braunsberg ebenfalls jährlich mindestens ein¬ 
mal und außerdem, sobald die Polizeiverwaltung es zur Verhütung oder 
Beseitigung einer Ansteckungsgefahr anordnet, in Lüneburg, Goslar, Peine, 
Göttingen, Osterode und Herford „nach Bedürfnis“ zu erneuern ist. In 
Crimmitschau ist der Hauswirt verpflichtet, bei allen zum dauernden Auf¬ 
enthalt von Menschen bestimmten Gebäuden die durch ungenügende Unter¬ 
haltung verursachten, für die Bewohner gesundheitsschädlichen Zustände zu 
beseitigen, insbesondere Vorkehrungen zum Schutze gegen eindringende 
Feuchtigkeit zu treffen und die Heiz- und Beleuchtungseinrichtungen,, die 
Wasserversorgungs- und Entwässerungsanlagen, sowie die Aborte in ord¬ 
nungsmäßigem baulichen Zustande zu erhalten. Der Hausbesitzer hat auch 
dafür zu sorgen, daß die zu seinem Grundstücke gehörenden, nicht mit 
einer einzelnen Wohnung vermieteten Höfe, Lichthöfe und Lichtschächte 
regelmäßig gereinigt werden. Aber auch dem Mieter sind — mit Recht 
— Verpflichtungen auferlegt. Ihm ist die mißbräuchliche Benutzung einer 
Wohnung in solcher Weise, daß sie dadurch gesundheitsschädlich wird, 
verboten. Insbesondere richtet sich das Verbot gegen die dauernde Ver¬ 
unreinigung einzelner Teile, sowie der Höfe, Treppen, Gänge, Aborte und 
anderer Räume, gegen die Aufbewahrung gewisser Gegenstände, gegen 
zweckwidrige und übermäßige Feuchtigkeit verursachende Benutzung im 
allgemeinen, insbesondere der Wasserleitungs-, Entwässerungs-, Heiz- und 
Kochanlagen sowie gegen die Vernachlässigung der Lüftung und Reinhaltung 
der Abortanlagen. Ähnliche Bestimmungen enthält auch das Lübecker 
Gesetz betr. die Wohnungspflege. 

„Hinsichtlich der Vornahme gewerblicher Verrichtungen und der Auf¬ 
bewahrung gewisser Gegenstände verbieten die Wohnungsordnungen von 
Graudenz, Deutsch-Krone und Culmsee Werkstätten und Räume, in denen 
Nahrung8- und Genußmittel hergestellt oder gelagert werden, als Schlaf¬ 
räume zu benutzen. Die Benutzung solcher Räume, die dem Verkauf oder 
der Lagerung von Nahrungsmitteln dienen, ist auch durch die Schlafstellen- 
ordnungen von Hanau, Kassel, Höchst a. M., sowie nach der Württera- 
bergischen Ministerialinstruktion verboten. In Crimmitschau und Straßburg 
i. E., sowie nach der Instruktion der Kgl. Regierung der Pfalz ist die Auf¬ 
bewahrung übelriechender Knochen, Lumpen oder sonstiger faulender Gegen¬ 
stände, sowie die Vornahme übelriechender gewerblicher Verrichtungen 
innerhalb der Wohnungen verboten. Nach den Schlafstellenordnungen von 
Fürstenwalde und Drossen, sowie der Kreise Beuthen und Simmern, dürfen 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 181 

die Schlafräume nicht zur Unterbringung von Vieh oder zur Aufbewahrung 
von Dingen« welche leicht der Fäulnis anheimfallen« benutzt werden. 2s ach 
der Geestemünder Schlafstellenordnung ist die Benutzung der Schlafräume 
zur Aufbewahrung von Nahrungsmitteln oder von stark riechenden Gegen¬ 
ständen untersagt. Die Schlafstellenordnung für den Regierungsbezirk 
Bromberg besagt schließlich: In keinem Zimmer, in welchem „mehrere“ 
Menschen die Nacht hindurch schlafen, darf Nutzvieh (namentlich Schweine, 
Ziegen, Federvieh usw.), Krautfässer und Gegenstände, welche faulige Stoffe 
•enthalten, geduldet werden. 

„Meine Herren! Ich bin am Schluß meiner Wanderung durch das 
trockene, manchmal auch nicht ganz wohlriechende Gebiet der deutschen 
Wohnungs- und Schlafstellenordnungen. Es erübrigt mir noch kurz die 
Frage der Durchführbarkeit der Bestimmungen, die Ihnen vorgeführt worden, 
zu streifen. 

„Hinsichtlich der Düsseldorfer Wohnungsordnung, die ja für viele 
andere vorbildlich gewesen ist, konnte auf der Kölner Versammlung 1898 
der derzeitige Beigeordnete, jetzige Oberbürgermeister Marr, mitteilen: Die 
wesentlichste Mitteilung für Sie erscheint mir die, daß alle Bestimmungen 
jener Verordnung sich in Düsseldorf als durchaus durchführbar erwiesen 
haben; ich erwähne dies besonders auch bezüglich der Bestimmung über 
den Minimalluftraum. 

„Und die 1904 im ReichBamte des Innern bearbeitete Denkschrift: 
„Die Wohnungsfürsorge im Reiche und in den Bundesstaaten“ fällt das 
Gesamturteil: „Die Wohnungsordnungen haben sich bei allmählichem, der 
Zahl und der Beschaffenheit der zur Verfügung stehenden Kleinwohnungen 
angepaßtem Vorgehen als durchführbar und als besonders erfolgreich für 
die Verbesserung der Wohnungs Verhältnisse erwiesen.“ 

„Möge die vergleichende Zusammenstellung des Inhaltes jener Ver¬ 
ordnungen, die ich Ihnen gegeben, in manchen Punkten weitere Klärung 
bringen und sich bei dem Neuerlaß oder der Revidierung von Wohnungs¬ 
verordnungen nutzbringend erweisen.“ 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Diskussion. 

Professor Dr. Prausnitz (Graz): „Meine Herren! Wir Hygieniker 
dürften ja wohl allgemein der Ansicht sein, daß das, was der verehrte Herr 
Referent hier als Mindestforderungen aufgestellt hat, doch zu gering ist. 

„Ich will mir erlauben — weil die Zeit beschränkt ist — nur auf 
•einige Punkte aufmerksam zu machen. 

„Zunächst die Abortfrage. Wenn in den Thesen angegeben ist, daß 
jedes Haus, das eine bestimmte Anzahl Einwohner hat, nur einen Abort 
braucht, so geht das nach dem, was wir für richtig halten, doch nicht gut 
an. Wir müssen, wenigstens bei Neubauten, verlangen, daß jede Wohnung 
•einen Abort hat. Daß das ohne erhebliche Kosten möglich ist, ist heute 
durch so viele Beispiele erwiesen, daß es nach meiner Ansicht ein schwerer 
Fehler wäre, wenn gerade der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege in dieser Beziehung zurückgehen würde. 

„Weiterhin möchte ich darauf aufmerksam machen, daß die These über 
die Kellerwohnungen viel zu gelinde gefaßt ist. 


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182 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Kellerwohnungen so allgemein zu gestatten, wie das hier in der These 
der Fall ist, können wir nicht zugeben. Es gibt ja gewisse Fälle, wo man 
das Wohnen im Keller erlauben soll. Dann aber ist höchstens eine Woh¬ 
nung zu gestatten. In gewissen Fällen muß man die Möglichkeit bieten, 
daß der Hausmeister im Keller wohnt, weil sonst überhaupt kein Haus¬ 
meister untergebracht werden kann oder die Hausmeister an Stellen wohnen, 
wo man sie nicht erreichen kann. Aber ganz allgemein zuzugeben, daß, 
wenn nur etwas Sonne in die Kellerwohnung hineinscheint, Kellerwohnungen 
auch in größerer Zahl gebaut und benutzt werden können, das halte ich 
vom hygienischen Standpunkt aus für nicht richtig. 

„Dann wäre noch ein dritter Punkt, auf den ich aufmerksam machen 
möchte, in der These 3 enthalten, in der es u. a. heißt, daß für jedes Kind 
unter 10 Jahren mindestens 5 cbm Luftraum vorhanden sein müssen, wobei 
die Kinder im ersten Lebensjahre außer Anrechnung bleiben. 
Der Herr Vortragende hat in seinem äußerst interessanten Vortrage uns 
einen historischen Einblick verschafft und gezeigt, wie manche Bestimmungen 
abgeschrieben werden, und wie sich manches von einer Polizeiverordnung 
auf die andere vererbt. Diese Bestimmung ist nach meiner Überzeugung 
einst einem Eisenbahnreglement entnommen. Denn, meine Herren, man 
kann sich gar nichts Unrichtigeres denken, als zu sagen, die Säuglinge sollen 
gerade bei der Wohnungsgröße nicht berücksichtigt werden. Erstens — 
und da möchte ich einen Rückblick auf das werfen, was wir vor zwei Tagen 
hier gehört haben — ist ja bei der Säuglingspflege zweifellos die Ver¬ 
sorgung mit Milch von allergrößter Wichtigkeit; aber man darf dabei nicht 
vergessen, daß die Beschaffung guter Wohnungen für die Säuglingspflege 
ebenfalls wichtig ist. Die beste Milch kann verderben, wenn sie in über¬ 
füllte, enge und heiße Wohnungen gebracht wird. Es kommt dazu, daß 
die Säuglinge in engen überfüllten Wohnungen ganz erheblich leiden, und 
dann ist noch ein weiterer Punkt zu berücksichtigen. Das Tier — das 
können wir ja bei jedem Vogel, wenn er auch noch so jung ist, beobachten 
— weiß, wie es sich in gewissen Lebenslagen zu verhalten hat. Bei dem 
Säugling dauert es sehr lange, bis er das gelernt hat; im ersten Lebensalter 
wird es auch die strengste Mutter nicht erreichen, daß der Säugling das 
tut, was er tun müßte, wenn eine Verunreinigung der Luft der Wohnung 
verhütet werden sollte. Der Säugling verunreinigt die Luft ganz erheblich 
mehr, nicht nur als ein zwei-, drei-, ja zehnjähriges Kind, ja als der normale 
Erwachsene, und deswegen soll man dem Säugling zum mindesten ebenso¬ 
viel Luftraum gewähren wie dem Erwachsenen. Dazu kommt, daß bei der 
Pflege des Säuglings Windeln gebraucht werden; die Windeln müssen ge¬ 
waschen werden, gewaschene Windeln müssen auch wieder getrocknet werden, 
und es ist ja ganz undenkbar, von einer Arbeiterfrau zu verlangen, selbst 
wenn Waschhäuser vorhanden sind, daß sie beim Windelwaschen immer in 
das Waschhaus geht. Sie muß die Windeln dort waschen, wo sich der 
Säugling befindet; das kann man nicht umgehen. 

„Deswegen wäre es sehr erwünscht, wenn endlich einmal diese in 
vielen Verordnungen enthaltene, aber vom hygienischen Standpunkt schwer 
zu verurteilende Vorschrift, daß Säuglinge nicht gerechnet werden sollen, 
definitiv verschwinden würde. Wenn man überhaupt mit solchen Zahlen 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 183 

rechnet — das hat ja immer gewisse Schwierigkeiten —, so soll man dem 
Säugling zum mindesten dasselbe Maß gönnen wie dem Erwachsenen. Viel 
ist es nach den Zahlen, die hier angegeben sind, ohnehin nicht. Aber da 
nun einmal so minimale Zahlen aufgestellt sind, soll wenigstens der Säug¬ 
ling zu seinem Recht kommen." 

Oberbürgermeister Dr. Ebeling (Dessau): „Meine Herren! Als ich 
die Leitsätze gelesen hatte, war ich etwas überrascht; denn wenn wir als 
Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege auftreten, so dürfen wir 
nicht bloß das äußerste Minimum verlangen, sondern möglichst viel; denn 
weniger geschieht allemal schon. Was aber hier geboten wird, ist in der 
Tat das äußerste Minimum. 

„Die Frage der Arbeiterwohnungen hat mich stets sehr interessiert. 
Ich habe ja damals in München über den Stand der Wohnungsfrage in 
Deutschland berichten müssen und habe beim Studium der Frage gesehen, 
wie die Bedürfnislosigkeit gerade auf diesem Gebiet eine ganz außerordent¬ 
liche ist, so daß wir vielfach erst dahin wirken müssen, ein Bedürfnis zu 
wecken. 

„Seit der Münchener Tagung ist auch noch wenig geschehen. Ich 
habe die feste Überzeugung, daß die vielen Wohnungsordnungen, die in der 
Zwischenzeit entstanden sind, mehr aus einem gewissen Anstandsgefühl 
gegeben wurden, indem man sich gedacht hat, es muß doch etwas geschaffen 
werden, daß man aber noch nicht mit der genügenden Energie vorgegangen 
ist, diese Wohnungsordnungen auch wirklich durchzuführen. 

„Und nun ein kurzes Wort über die Leitsätze: 

„Rinder unter 14 Jahren sind in einer Großstadt wie Berlin schon 
erwachsene Leute. Ein junges Mädchen von 14 Jahren, ein Knabe von 
14 Jahren ist da immer noch anders anzusehen wie draußen auf dem 
Lande. Die darf man mit den Eltern nicht mehr zusammen schlafen lassen. 
Die Grenze von 14 Jahren ist zu weit, sie muß herabgesetzt werden auf 
12 Jahre. Jedenfalls müssen wir das von unserem Verein aus verlangen. 

„Dann, meine Herren, die Frage der Cubikmeter. Der Säugling ist ja 
schon zu seinem Recht gekommen. Nun gut! Es sieht ganz schön aus, 
wenn man so sagt, für jeden Erwachsenen 10 cbm. Das klingt so, als ob 
das ein ganzer Haufen wäre. Bitte, machen Sie sich einmal zu Hause einen 
solchen Raum zurecht. Als ich die Polizeiverordnung für die Stadt Dessau 
erlassen habe — der Herr Vortragende hat die unserige in seinem Referat 
leider nicht berücksichtigt, und dabei haben wir eine sehr schöne — habe 
ich das meinen Stadtverordneten dadurch klar gemacht, daß ich in einem 
Nebenzimmer Räume aufgebaut habe mit Stangen und Leinen und Kreide- 
s tri eben, daß ich ihnen da einmal so ein Schlafgemach hingesetzt und 
dann gesagt habe: Bitte, meine Herrschaften, treten Sie ein, das ist für eine 
Familie von vier Personen. Da waren sie erstaunt, wie klein der Raum ist, 
wenn man ihn wirklich einmißt in die Wirklichkeit. Das ist also nur ein 
Minimum, das möglichst noch erhöht werden muß. 

„Mit der These 4 , betreffend die in der schrägen Dachfläche liegenden 
Fenster, soll man nicht so streng sein. Ich glaube, da kann man, wenn 
man bloß Licht und Luft hat, ruhig diese schrägen Fenster zulnssen. 


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184 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Dagegen halte ich es für unbedingt notwendig, daß für jede Familie 
ein Abort geschaffen werden muß. Mindestens kann man es erreichen in 
jedem Neubau. Wir hatten früher auch die Gewohnheit, daß zwei Familien 
auf einen Abort angewiesen werden durften. Nachdem wir einmal streng 
darauf gesehen haben, daß jede Wohnung mit einem Abort versehen werden 
muß, geht es ganz famos. Nehmen wir einmal die Verhältnisse an. 15 Per¬ 
sonen, das sind drei Familien. Lassen Sie einmal die Obstzeit kommen« 
ferner bei schlechtem Wetter die Erkältungen, und denken Sie, was sich 
dann für Konsequenzen daraus ergeben. Das ist doch etwas Furchtbares. 
Da ist eine erwachsene Tochter in der einen Familie, in der anderen ist ein 
erwachsener Sohn. Die sollen sich an solchem Ort womöglich aufein¬ 
ander wartend treffen. Wie schamvoll! Deshalb muß verlangt werden, 
daß für jede Familie ein Abort vorhanden ist. 

„Ich glaube, der Reden sind auf diesem Gebiete genug gewechselt; 
wir müssen endlich einmal Taten sehen. Daß die Herren Kollegen von der 
Verwaltung schwer daran gehen, glaube ich sehr wohl. Wir in unseren 
kleineren und mittleren Städten können die Sache schon eher übersehen. 
In großen Städten erscheint es fast undurchführbar. Trotzdem möchte ich 
meinen Kollegen Mut machen. Die Sache ist nicht so schlimm, wie sie aussieht. 
Es kommt nämlich nicht darauf an, daß man ohne weiteres Wohnungen 
schließen muß, weil sie der Polizei Verordnung nicht entsprechen, sondern daß 
man allmählich vorgeht und vorläufig eine Überfüllung der Wohnungen 
verhindert. Ich lege ein Hauptgewicht darauf bei den Wohnungsordnungen, 
daß die Überfüllung der Wohnungen vermieden wird. Eine Wohnung kann 
für Vater, Mutter und zwei Kinder durchaus gesund sein; hat aber das 
Ehepaar 6 oder 7 Kinder, so ist es eine furchtbare Qual, darin zu wohnen. 
Das Hauptgewicht ist auf tüchtige Wohnungsinspektoren zu legen, und zwar 
am besten beamtete, denn der Bürger, der einmal zusammengeraten ist mit 
so ein paar widerhaarigen Mietern, geht nicht gern wieder hin, er bekommt 
zu viel Grobheiten zu hören. Der Wohnungsinspektor geht hin auf Grund 
der aufgesteüten Wobnungslisten, besieht höflich die Wohnung und redet 
zu: Lieben Leute, macht das so und so. Unter Umständen hilft man ihnen 
und gibt ihnen vermittelst der Baupolizei eine Anregung; in den meisten 
Fällen hilft das Zureden ohne weiteres. Eventuell sagt man zu dem betref¬ 
fenden Wohnungs Vermieter: Diese Wohnung reicht nur aus für eine Familie 
mit zwei Kindern, die Eisenbahnverwaltung schreibt ja auch an ihre Güter¬ 
wagen: 6 Pferde oder so und so viel Mann. So kann man auch bei diesen 
Wohnungen sagen, eine Familie von vier Köpfen kann sie enthalten. Nun 
kann der Vermieter rechtzeitig kündigen, er kann sagen: Zieht einmal aus. 
Geschieht das nicht, dann wird der Vermieter bestraft. 

„Nun gibt es freilich Fälle, wo ein derartiges Schließen einer ungeeig¬ 
neten Wohnung eine ungerechtfertigte Beeinträchtigung des Hausbesitzers 
herbeiführen würde. In solchen Fällen muß, ohne daß ein Recht anerkannt 
wird, aus Billigkeit auch einmal die Stadtgemeinde eingreifen und muß 
Entschädigung dafür zahlen. Wir haben das in den zwei letzten Jahren 
ich glaube in zwei Fällen getan. Einen Anspruch darauf darf man natürlich 
nicht geben. Aber aus Billigkeit muß man dem Betreffenden entgegen- 
kommen. 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 185 

„Ich freue mich, daß wieder einmal dieser Punkt auf der Tagesordnung 
erschienen ist. Eigentlich aber ist es doch beschämend; der Herr Referent 
hat uns vorhin vorgelesen, wie oft unser Deutscher Verein für öffentliche 
Gesundheitspflege darauf hingewirkt hat, was für prachtvolle Vorträge 
darüber gehalten sind, und der Erfolg davon ist doch immerhin ein ziemlich 
minimaler. Wenn damals nur 40 Proz. reglementiert waren und heute viel¬ 
leicht 45 Proz., dann fehlen noch 55 Proz. der ganzen Bevölkerung, und 
von den 45 Proz., die reglementiert sind, ist eine ganze Reihe von Städten, 
wo die Vorschriften sehr milde gehandhabt werden, aus Furcht vor den 
Konsequenzen. 

„Möge heute wieder von hier aus ein neuer Appell, eine neue Anregung 
in die Welt hinausgehen. u 

Baumeister Stadtrat Hartwig, Vorsitzender des Zentralverbandes 
Deutscher Hausbesitzervereine (Dresden): „Meine hochverehrten Herren! 
Sie werden sich erinnern, daß ich bei früheren Beratungen desselben Gegen¬ 
standes, insbesondere bei jener Beratung in Straßburg im Jahre 1889, mich 
gegen manche der damals erhobenen Forderungen auszusprechen gehabt 
habe. Aber ich darf auch daran erinnern, daß ich im Punkte der Forderung 
einer Wohnungsauf sicht schon im Jahre 1900 schriftlich und daran an¬ 
knüpfend in mündlichen Vorträgen in den Tagungen des Zentralverbandes 
der Deutschen Hausbesitzervereine oft und energisch für die Einführung 
einer Wohnungsaufsicht eingetreten bin, wenn ich auch damals auf dem Zentral¬ 
verbandstage (Erfurt 1900) nicht mit der von mir beantragten These 3 
durchkam, die dahin lautete: „Die deutschen Hausbesitzer wünschen 
die Einführung einer Wohnungsordnung.“ Das wurde mir damals 
abgelehnt. 

„Heute nun muß ich sagen, meine Herren, ich war erstaunt, wie ich 
diese zusammengeschrumpften Forderungen und diese milde Fassung der 
Thesen des heutigen Herrn Referenten vor meine Augen bekam. Beinahe 
möchte ich sagen, daß hier gegenüber der langjährigen Mühe, die wir uns 
mit den Dingen gegeben haben, das Dichterwort Anwendung Anden könnte: 
»Ein großer Aufwand schmählich ist vertan!« Sieben-, acht-, ja neunmal 
ist von den hervorragendsten Vertretern der Hygiene, von Herrn Baurat 
Stübben, der Wohnungsbaufragen in der Hand hat wie der starke Mann 
im Zirkus, der die gewichtige Kugel nur so auf und nieder fallen läßt, von 
dem Oberbürgermeister, späteren Minister Miquel, kurz von den hervor¬ 
ragendsten Männern die Frage behandelt worden, und heute kommt nun 
eine solche bescheidene Forderung, wie sie in den Leitsätzen hier vor mir 
liegt, zutage! Das ist ja ein Rückschritt; das ist ja viel milder als früher. 

„Dabei dürfen wir doch durchaus nicht vergessen, daß, seit wir mit 
den Forderungen im Punkte der Wohnungsaufsicht begonnen haben, seit 
etwa 20 Jahren bis jetzt auf dem gesamten Gebiete, das in Frage kommt, 
nämlich auf dem Gebiete des finanziellen Könnens des Mieters, 
ein ungeheurer Umschwung eingetreten ist. 

„Der Mann, dem wir damals ein gesunderes Wohnen abforderten, hat 
jetzt einen Lohn, der mindestens um 30 bis 40 Proz. erhöht ist gegen da¬ 
mals. Alles kommt aber doch beim gesunden Wohnen darauf an, ob ich 


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186 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

als Insasse gewillt bin, des Tanzes und des Spieles, des Kochens und der 
anderen Vergnüglichkeiten mir etwas weniger zuzuführen und dagegen 
etwas mehr an die öffentliche Gesundheitspflege zu denken. Darauf 
kommt alles an. Nur 10 Pf. pro Tag zurückgelegt — und was will das 
sagen bei Arbeitslöhnen von 6 bis 8 M. pro Tag — das gibt schon 365 X 
10 = 36 M. 20 Pf. täglich aber geben 72 M. jährlich. Herr du meines 
Lebens, was kann man, wenn man 36 oder gar 72 M. jährlich mehr zahlt, 
für eine Staatswobnung bekommen! 

„Weil nun jetzt eine viel bessere finanzielle Situation derer vorhanden 
ist, um die es sich hierbei zumeist handelt, müßten wir heute doch viel 
eher ein Mehr fordern, aber nicht ein Weniger als früher. Ich komme 
in der Tat aus dem Erstaunen über diesen Rückschritt nicht heraus. Ich 
beklage den Rückschritt, ich wünsche, daß man gesund, reinlich, appetitlich 
und wohl wohne. Hausbesitzer sein und Wohnungen dulden zu müssen, 
in denen es, weil niemals gelüftet wird, übel riecht, wo Mittag um 1 Uhr 
die Betten noch nicht gemacht sind, wo sich Spinngewebe in den Ecken 
angesetzt hat, wo auf dem Boden Speisereste und Reste von dem, was nach 
dem Speisen übrig blieb, zu finden sind, das ist keine Freude. Sollte aber 
unter uns einer sein, der so hartköpfig wäre als Hausbesitzer, die not¬ 
wendigen Verbesserungen der Wohnung nicht vornehmen zu wollen, so 
sagen wir ihm vom Standpunkte unserer Organisation: fahre aus, du un¬ 
reiner Geist! 

„Wenn ich mich nun zu einzelnen Bestimmungen der vorliegenden 
Leitsätze wende, auf deren Zurückbleiben gegenüber den früheren weiter¬ 
gehenden Forderungen mein Herr Vorredner bereits hingewiesen hat, so 
will ich zunächst bemerken, daß die Forderung in der These 3, daß jedes 
Ehepaar für sich und seine noch nicht 14jährigen Kinder einen beson¬ 
deren Schlafraum haben müsse, mir doch zu weit geht-diese eine 

Forderung einfach um deswillen, meine Herren, weil dann für eine Arbeiter¬ 
familie mit heranwachsenden Kindern und mit Eltern, die selbst noch eine 
Nachkommenschaft zu gewärtigen haben, eine ungeheure, fast unerfüllbare 
Anforderung gestellt wird. Das dürfen wir nicht tun. Das können wir 
nicht beschließen. 

„Ich neige daher der Meinung zu, daß die in einer einzelnen der hier 
vorgetragenen Bestimmungen aus den verschiedenen Städten enthaltene 
Vorschrift, ein besonderer Abschlag müsse dann in den Schlafräumen vor¬ 
handen sein, wohl der Sittlichkeit Genüge tun würde, und daß sie empfehlens¬ 
wert ist. 

„Meine Herren! Wir müssen bei allem, was die Arbeiter anlangt, und 
bei Forderungen, die wir an sie stellen, immer eins bedenken. Es liegt 
ein ungemein schwerwiegendes Moment für den Arbeiter und seine wirt¬ 
schaftlichen Verhältnisse in dem Umstande, daß der junge, unverheiratete 
Arbeiter meistens genau denselben Lohn bekommt wie der Arbeiter mit 
Familie, wie der mit fünf Kindern. Wenn wir diese Diskrepanz zu über¬ 
brücken vermöchten, würden wir viel Unheil, viel Unglück, Kummer und 
Jammer aus der Arbeiterwelt hinausschaffen. Für einen jungen unver¬ 
heirateten Mann von 20, 24 Jahren sind die Löhne, die er heute bekommt 
— ich kann das an mir selber ermessen, ich bin jahrelang Arbeiter gewesen 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 187 

— zumeist viel zu hoch. Sie gewöhnen ihn an Ansprüche, an eine Lebens¬ 
weise und an einen Ausgabeetat, den er nicht zu haben brauchte. 

„Aber für den Familienvater mit 3, 4 Kindern, vielleicht dazu noch 
einer etwas kränkelnden Frau, sind die bestehenden Löhne in sehr vielen 
Fällen viel zu gering. Stellen Sie sich doch gefälligst vor — merkwürdiger¬ 
weise wird dieses Thema nirgends behandelt und es liegt doch so nahe — 
welch ein entsetzlicher Widerspruch darin liegt, daß der Arbeiter, welcher 
für sich allein zu sorgen hat, mit dem, der für 4, 5 Kinder zu sorgen hat, 
in Sachen des Lohnes meist auf gleicher Linie steht. Nun wollen wir 
aber doch, daß auch die Familien hygienisch wohnen sollen, und diese 
erst recht so, wie wir es zu fordern haben. Wenn wir aber einem Familien¬ 
vater, der eine so starke Familie hat, noch zumuten wollen, er solle nur 
allein zu Schlafstätten drei Räume haben, dann gehen wir zu weit, dann 
müssen wir dem Manne gegenüber auch in anderer Beziehung Nachsicht 
üben. Z. B. müßte etwa gestattet sein, daß ein Kind auf dem Vorsaal 
schlafen kann, wenn im übrigen der Vorsaal zu lüften ist, oder daß ein 
Kind irgend wo anders untergebracht wird, vielleicht in einer Küche — in 
Dresden ist ja das Schlafen in der Küche verboten — kurzum, daß alles 
so geschickt arrangiert wird, daß unsere gesundheitlichen Forderungen 
Erfüllung finden, daß aber auch der Familienvater damit nicht allzusehr 
gedrückt wird. 

„Ich will nicht unterlassen, hierbei einen Gedanken auszusprechen — 
der eigentlich nicht zur Sache gehört, ich bin aber schnell damit fertig — 
es würde mir lieb sein, der Gedanke würde kritisiert und ventiliert. Ich 
wünschte, daß an unsere bestehenden Versicherungsgesetze noch ein weiteres 
Versicherungsgesetz angeschlossen würde, welches dahin ginge: dem un¬ 
verheirateten Arbeiter wird gesetzmäßiger w[eise der dritte 
Teil seines Arbeitslohnes weggenommen und in eine Sparkasse 
eingelegt, deren Einlagen aus öffentlichen Mitteln sehr hoch, 
vielleicht bis zu 6 Proz., verzinst werden. 

„Wenn dann der Mann Familienvater geworden ist, und die größeren 
Lebensbedürfnisse an ihn herankommen, dann kann er sich seine Einlagen 
wieder herausholen. Das soll für jetzt nur ein flüchtiger Gedanke sein, 
machen Sie damit, was Sie wollen. 

„Dann, meine Herren, ist hier noch gefordert in der These Nr. 3, daß 
Schlafgänger beiderlei Geschlechts nur dann mit besonderer polizeilicher 
Genehmigung aufgenommen werden können, wenn ihre Schlafräume keine 
direkte Verbindung miteinander haben. Ich muß dazu sagen, daß die 
Dresdener Wohnungsordnung, der ich mit meinem verehrten Kollegen 
Stadtrat Dr. May-Dresden, der dort sitzt, als Mitglieder der Wohnungs¬ 
kommission sehr nahe stehe, eine strengere Bestimmung hat. Wir dulden 
Schlafgänger verschiedenen Geschlechts in einer und derselben Wohnung 
überhaupt nicht. Ich würde das auch in eine Wohnungsordnung aufgenom¬ 
men haben. Sie sehen also, daß man in dieser Beziehung in manchem Orte 
auch schon weiter gegangen ist, als hier der Referent in seinen Thesen 
fordert. 

„Noch aber möchte ich sagen, meine Herren, die Forderung, daß die 
schrägen Dachflächen nicht als Fenster flächen angesehen werden sollen* 


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188 XXXI. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

erscheint auch mir gleich wie dem Herrn Vorredner Ebeling zu streng. 
Denken Sie sich einmal Atelierräume. Hier ist von Wohn- und Schlafräumen 
die Rede — und unter die Wohnräume gehören auch die Ateliers — und 
da ist gesagt, daß Fenster in der schrägen Dachfläche außer Anrechnung 
bleiben. Dieser Bestimmung nach würden ja aber Ateliers trotz ihrer hellen 
und glänzenden Beleuchtung durch schräg stehende Dachfenster gar nicht 
als Wohnräume angesprochen werden können, und sie müßten unbenutzt 
bleiben. 

„Daher gehe ich mit dem Herrn Vorredner ganz einig, wenn er hier 
eine Milderung der Thesen wünscht. Richtig ist ja, daß dann, wenn das 
schräg liegende Dachfenster — wie es oft vorkommt — sehr hoch oben ist, 
vielleicht gar in der Nähe des Firstes, und wenn man es zwar von dem in 
der Mitte des Hauses liegenden Korridor aus erreichen kann, aber keine 
Leiter dazu bereit steht, und wenn es weiter sich dann mit Schnee und 
Ruß bedeckt, ein solches Fenster natürlich nicht als Fenster angesehen 
werden kann. Aber ich möchte einer solchen allgemeinen Bestimmung, wie 
sie im Punkt 4 enthalten ist, doch nicht das Wort reden. 

„Noch auf eins möchte ich hinweisen. In den Thesen müßte vor allen 
Dingen noch angefügt werden, daß auf die Leute, die das Besserwohnen 
bezahlen können, auch durch diejenigen eingewirkt wird, welche die Woh¬ 
nungsordnung zu handhaben berufen sind. 

„Lassen Sie mich dafür nur ein Wort eines Arztes anführen. Es ist 
im Jahre 1901 ausgesprochen worden von Herrn Dr. Krause (Sensberg) in 
einer ärztlichen Versammlung in Berlin und lautet: 

»Jedenfalls« — so betonte der Redner — »ist die Wohnungsfrage 
keineswegs immer eine Frage der nicht ausreichenden Ein¬ 
nahmen, sondern zumeist eine Frage des mangelnden Verständ¬ 
nisses. Am Rhein macht man oft die Erfahrung, daß die Arbeits¬ 
löhne allzu häufig im seltsamsten Widerspruch zu den 
Wohnungsverhältnissen stehen«, 
d. h. die hohen Löhne machten die Mietung einer besseren Wohnung 
möglich, aber! es fehlte die Lust dazu!! 

„Es sei gar nicht selten, daß junge Arbeiter, die ganz schönen, fast 
glänzend zu nennenden Verdienst hätten, in wahrhaft verblüffend 
ungenügenden Wohnungen lebten. Bei den in diesen Fällen in Be¬ 
tracht kommenden Verdienst Verhältnissen wäre es eine gar nicht ins 
Gewicht fallende Mehrausgabe, wollten die Leute die Mehrausgabe 
für eine bessere Wohnung auf sich nehmen, die ihnen die Vorzüge 
der Hygiene zuteil werden ließe. 

„Für die Kreisärzte gelte es hier, das Verständnis für die 
Nützlichkeit und Notwendigkeit gesunder Wohnungen zu 
erwecken. 

„Es sei dies ein großes Gebiet erzieherischer Tätigkeit in den 
unteren Volksschichten. 

„Die angestrebten Resultate auf dem Gebiete der Wohnungs¬ 
besserung könnten wohl ganz gut auf diesem Wege der Erziehung 
erreicht werden; dazu bedürfe es keines besonderen Reichswohnungs- 
gesetzes mit Polizeizwang und sonstigen beschwerlichen Einrichtungen.“ 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 169 

Oberbaurat Dr. Stfibben (Berlin-Grunewald): „Meine verehrten 
Herren! Manches von dem, was von den Herren Vorrednern gesagt worden 
ist, wird sich dadurch erledigen, daß wir bedenken, es handelt sich hier 
nicht um Vorschriften für Neubauten, nicht um Vorschriften für eine zu 
erlassende Bauordnung, sondern es handelt sich nur um Mindestforderungen 
für die zu erlassenden Wohnungs- und Schlafstellenordnungen, also um 
Mindestvorschriften für die Beschaffenheit und für die Benutzung vorhandener 
alter Bauten. Würde es sich um Vorschriften für eine Bauordnung handeln, 
dann würde allerdings in den Sätzen des Herrn Referenten ein ganz außer¬ 
ordentlich großer Rückschritt liegen. Das hat aber der Herr Kollege 
Schilling nicht im geringsten beabsichtigt. 

„Ich will gleich einige Punkte hervorheben, in welchen diese Sätze 
hier für zu erlassende Bauordnungen gar nicht zu verwenden sind. Was 
z. B. den nötigen Schlaf- und Luftraum betrifft, so kann der in einer Bau¬ 
ordnung ja gar nicht auf den Kopf des zukünftigen Bewohners zugeschnitten 
sein, wenn man die Zahl der Bewohner nicht kennt. Wohl aber kann man 
sagen und sagt man in guten Bauordnungen, daß eine jede Wohnung 
mindestens aus zwei oder drei Räumen nebst Zubehör zu bestehen habe, 
und daß jede Wohnung mindestens 60, 70, 80 cbm Raum umschließen 
müsse. Dadurch ist dann von vornherein einer beträchtlichen Anzahl der 
Fälle vorgebeugt, wo es sich um eine Überfüllung im Sinne des Satzes 3 
handelt. 

„Für eine Bauordnung genügt ferner die Vorschrift in Punkt 4, daß 
jeder Wohn- und Schlafraum ein Fenster haben muß, das ins Freie geht, 
ganz und gar nicht, sondern wir müssen da das Freie feststellen, warum 
es eich handelt. Es muß eben ein Hofraum sein von entsprechenden Ab¬ 
messungen, und zwar sagt man in der Regel so, daß in jedes notwendige 
Fenster das Himmelslicht etwa unter 45 Grad einfallen muß. Es genügt 
also nicht, daß gesagt wird, ins Freie, sondern es muß ein entsprechend 
großer Hofraum vorhanden sein, den schon Baumeister in seiner Normal¬ 
bauordnung vom Jahre 1880 dadurch berücksichtigte, daß er notwendige 
und nicht notwendige Fenster unterschied und für die notwendigen Fenster, 
diejenigen nämlich, die zur Belichtung und Lüftung der Wohnräume nötig 
sind, bestimmte Forderungen aufstellte. 

„Drittens: in Bauordnungen haben wir an Kellerwohnungen selbst¬ 
verständlich ganz andere Anforderungen zu stellen als das Wenige, was 
hier verlangt ist. Ja, in den Bauordnungen werden wir in der Regel die 
Schaffung neuer Kellerwohnungen überhaupt verbieten, mit gewissen Aus¬ 
nahmen, wie schon Professor Prausnitz sie vorhin geschildert hat. In 
neuen Häusern neue vermietbare Kellerwohnungen, insbesondere Klein¬ 
wohnungen in Kellern einzurichten, das ist der Regel nach wirtschaftlich 
ganz unnötig; die gesundheitlichen Bedenken geben hier den Ausschlag. 
Denn wenn wir uns das einmal überlegen: was würde es für eine Bedeutung 
haben, ich will einmal sagen, in einem vierstöckigen Hause außerdem noch 
ein Kellergeschoß mit Wohnungen für kleine Leute einzurichten? Das hätte 
wirtschaftlich nur den Erfolg, daß der Preis des Bauplatzes um einige Mark 
wächst, nämlich um so viel, als durch die größere Ausnutzung des Kellers 
zur Rente gebracht werden kann. 


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190 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

„Auch für Dachwohnungen haben wir in den Bauordnungen ganz 
andere Forderungen zu stellen, als das hier der Fall ist. In manchen ab¬ 
gestuften Bauordnungen sind in vielen Bezirken die Dachwohnungen, die 
unter Umständen hygienisch noch bedenklicher sind als die Kellerwohnungen, 
ganz verboten; jedenfalls sind sie aber mit hygienischen Maßregeln um¬ 
kleidet, von denen hier keine Rede ist. 

„Endlich die Zahl der Aborte. Ja, eine neue Bauordnung, die nicht 
für jede Wohnung einen Abort vorsieht, das ist doch eine so zurückgebliebene 
Sache, daß ich sie mir gar nicht mehr vorstellen kann. 

„Ganz anders liegt die Sache, wenn es sich um Mini mal Vorschriften 
handelt, welche erfüllt sein müssen, damit vorhandene Wohnungen in alten 
Häusern und alten Stadtteilen benutzt werden dürfen. Da muß ich natür¬ 
lich ganz außerordentlich meine Ansprüche zurückstellen, weil man nicht 
mit einem Schlage eine große Zahl von Wohnungen, die nun einmal vor¬ 
handen und in mangelhaften Verhältnissen vorhanden sind, als unbenutzbar* 
erklären und schließen kann. Aber ich muß den Vorrednern doch recht 
geben, daß auch nach meinem Dafürhalten selbst vom Standpunkte der bloßen 
Wohnungsordnung hier gewisse Zartheiten, gewisse Bescheidenheiten auf- 
treten, die ich für mich nicht billigen kann. Zum Beispiel, es fehlt bei den 
Anforderungen an Wohn- und Schlafräume eine minimale Lichthöhe. Wir 
wissen aus verschiedenartigen Wohnungsenqueten, daß man Lichthöhen bis 
zu 1,70 und 1,60 m hinab gefunden hat in Räumen, welche bewohnt waren, 
in welchen geschlafen wird. Es ist deshalb nach meiner Meinung unbedingt 
nötig, ein Minimalmaß festzustellen. Mir scheint ein Minimalmaß von 
etwa 2,10m durchaus nicht zu hoch gegriffen zu sein, d. h. anzuordnen, 
daß in allen Räumen, die weniger als 2,10 m im Lichten hoch sind, über¬ 
haupt nicht geschlafen und gewohnt werden darf, auch wenn im übrigen 
die Bedingungen erfüllt sind. Ich gehe bei 2,10 m schon auf ein außer¬ 
ordentlich knappes Maß zurück, um nicht zu tief einzuschneiden in das 
Vorhandene. Gesundheitlich ist zweifellos ein Mehr erwünscht, ich will 
einmal sagen, 2,30 m als Minimum. 

„Ferner habe ich große Bedenken, zuzugeben, daß es allgemein genüge, 
wenn ein Abort für 15 Bewohner vorhanden ist. Mindestens, so müßte 
man hinzufügen, muß ein Abort vorhanden sein für höchstens zwei Haus¬ 
haltungen und höchstens 15 Bewohner, bzw. Benutzer. Also in Haus¬ 
haltungen, in Geschäftsbetrieben, in Gewerbebetrieben, in welchen mehr als 
15 Personen vorhanden sind, halte ich auch für diese eine Haushaltung, für 
diesen einen Betrieb mehr als einen Abort für durchaus notwendig. Ich 
wiederhole, daß es heißen müßte: Die Zahl der Aborte muß so bemessen 
sein, daß höchstens zwei Haushaltungen und höchstens 15 Bewohner auf 
die Benutzung eines Abortes angewiesen sind. Solange es sich um zwei 
Haushaltungen handelt, weiß wenigstens, wenn der Abort beschmutzt oder 
defekt ist, die unschuldige Familie, wo der Schuldige zu suchen ist; aber 
sobald es sich um drei Haushaltungen handelt, dann weiß kein Mensch 
mehr Bescheid. 

„In dem Punkt 5 »Lage« ist offenbar ein kleiner Druckfehler vor¬ 
handen, den ich erwähnen möchte, weil aus ihm übertriebene Folgerungen 
gezogen werden könnten. Es heißt: »Wohn- und Schlafräume dürfen nicht 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 191 

über oder mit ihren Fenstern unmittelbar neben Abort- und Düngergruben 
liegen.» Hinter »Abort« fehlt wohl der Verbindungsstrich, also »neben 
Abortgruben«, obwohl ich auch dann noch mit meiner Zustimmung zurück¬ 
halten mochte. Jedenfalls läßt es sich gar nicht rechtfertigen, daß die 
Fenster von Wohn- und Schlafr&umen nicht neben einem reinlichen Klosett, 
neben einem guten Abort liegen sollen. Warum denn nicht? Vielleicht 
hat der Herr Vortragende die Güte, sich darüber noch einmal zu äußern. 

„Dann, meine Herren, genügt es auch nicht — ich habe das vorhin 
vergessen — zu sagen: »Abortgruben müssen undurchlässige Um Wandungen 
und Böden haben und dicht abgedeckt sein.« Ebenso wesentlich und viel¬ 
leicht noch wesentlicher ist es, daß sie gut gelüftet sind. Das kann in den 
Wohnungspolizei Verordnungen festgestellt und bei der Durchführung der¬ 
selben auch kontrolliert werden: sie müssen eben mit der äußeren Luft in 
Verbindung stehen und einen geordneten, wirksamen Luftwechsel besitzen. 

„Schließlich ist mir die Forderung neu, daß die schrägen Dachfenster 
außer Anrechnung bleiben sollen bei der Berechnung der Fensterfläche im 
Verhältnis zum Kubikinhalt der Räume. Ich muß aber zugeben, daß sie 
viel für sich hat, wie vorhin Herr Schilling eingehend dargelegt hat. An¬ 
dererseits kann man ein Atelierfenster doch nicht einfach als unbrauchbares 
Fenster in diesem Sinne bezeichnen. Ich finde, daß man vielleicht dadurch 
auf das Richtige käme, daß man sagt: Die in schräger Dachfläche liegenden 
Fenster kommen nur zur Hälfte in Anrechnung. Dann würden große 
Atelierfenster, die zur Hälfte jedenfalls im gesundheitlichen Sinne ausreichend 
sind, nicht ausgeschlossen sein, und kleine Dachfenster würden noch durch 
andere in der senkrechten Wand liegende Fenster ergänzt werden können. 

„Im übrigen aber glaube ich, meine Herren, daß wir Herrn Kollegen 
Schilling für diese vortreffliche Zusammenstellung und namentlich für die 
Untersuchung so vieler bestehender Wohnungsordnungen lebhaften Dank 
schuldig sind. Ich hoffe, daß er meinem Wunsche nachkommen und zu¬ 
geben wird, daß in den von mir hervorgehobenen Punkten die Leitsätze in 
ihren Forderungen erhöht werden müssen. 11 

Geheimer Hofrat Prof. Dr. Gärtner (Jena): „Meine Herren! 
Das Thema, das hier zur Frage steht, heißt: »Welche Mindestforderungen 
sind an die Beschaffenheit der Wohnungen, insbesondere der Kleinwohnungen 
zu stellen?« Unser Referent, dessen ungemein fleißige Arbeit ich hoch 
einschätze, hat aber eigentlich die Frage beantwortet: Welche Mindest¬ 
forderungen sind gestellt worden? Ist es denn richtig, meine Herren, daß 
wir hier in dem Verein für öffentliche Gesundheitspflege uns nach Polizei¬ 
verordnungen, nach Wohnungsordnungen und dergleichen richten sollen, die 
zum Teil nach Grab und Moder wegen ihres hohen Alters riechen? Ich 
habe vor den Polizei- und sonstigen Verordnungen einen kolossalen Respekt, 
und es ist mein höchstes Streben, ihnen, soweit ich irgend kann, gerecht zu 
werden, aber, meine Herren, innerlich locke ich manchmal wider den Stachel 
einer solchen Verordnung und sage, es ist doch nicht alles richtig, was 
darin steht, und so geht es mir mit den hier vorgetragenen Verordnungen 
und dem aus ihnen bereiteten Extrakt. Ich behaupte, die Basis, auf welcher 
dieser Vortrag aufgebaut ist von seiten unseres Herrn Referenten, war nicht 


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192 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

eine ganz korrekte. Ich meinerseits würde es vorgezogen haben, wenn der 
Herr Referent, sofern er nicht eigene neue Forderungen stellen wollte, ein 
Resümee gezogen hätte aus den Beschlüssen unseres Vereins. Wir haben diese» 
Thema schon wiederholt besprochen; es sei nochmals an die Straßburger, 
an die Dresdener Verhandlungen erinnert. Ja, wenn diese zusammengestellt 
wären, dann wäre das Resultat, so glaube ich, ein wesentlich anderes und 
für unseren Verein ein wesentlich leichter annehmbares geworden, als wie 
es jetzt hier vorliegt. 

„Zu den einzelnen Leitsätzen will ich wenig sagen, um so weniger, 
als das meiste schon gesagt worden ist. Nach der eingehenden Kritik 
unseres sehr verehrten Mitgliedes Herrn Hartwig und nach der sehr 
wohlwollend klingenden, aber noch schärferen Kritik des Herrn Stübben 
könnte ich eigentlich schweigen. Aber, meine Herren, ich darf vom ärzt¬ 
lichen Standpunkte aus einiges nicht unerwähnt lassen. Da heißt es zum 
Beispiel: »Schlafräume, die gleichzeitig als Küche benutzt werden, müssen 
15 cbm Luftraum mehr enthalten.» Meine Herren! Wir als Ärzte können 
überhaupt nicht zugeben, daß die Küche als Schlafraum benutzt werde, und 
müssen als eine Mindestforderung aufstellen, daß das nicht geschieht. Ob 
das im einzelnen Falle einmal nicht anders möglich ist, meine Herren, das 
kann uns nicht veranlassen, von dieser grundsätzlichen Regel abzuweichen, 
und ich glaube im Namen der Ärzte hier zu sprechen, wenn ich die Forde¬ 
rung aufstelle, die Küche soll nicht als Schlafraum benutzt werden. Das 
ist eine Forderung, die wir stellen. 

„Was die Vorschriften für die Dachwohnungen und die Vorschriften für 
die Kellerwohnungen angeht, so sind die hier so leicht genommen, daß ich 
auch da sagen muß: wir können sie so nicht acceptieren. Wir müssen die 
Forderungen, wie wir sie früher aufgestellt haben für diese Art von Woh¬ 
nungen, beibehalten. Gegenüber der Ansicht des Herrn Ebeling möchte 
ich wünschen, daß wir die schrägen Dachfenster als Fenster nicht anerkennen. 
Sie haben ihre großen Nachteile, und unsere Forderung müssen wir dahin 
stellen: für die Dachwohnungen sollen gerade Fenster sein. 

„Über die ungenügenden Forderungen betreffs der Aborte ist genügend 
geredet worden, es genügt das, was gegen die These gesagt wurde; sie hat 
eine allgemeine Verurteilung gefunden. 

„Was die »Benutzungsart« angeht, so steht hier sonderbarerweise: 
Die Aufbewahrung übelriechender Knochen usw. darf in Schlafräumen und 
Küchen nicht stattfinden. Danach wäre sie in Fluren und in Wohnräumen 
gestattet. Meine Herren! Das geht doch auch nicht. Wenn jemand die 
Knochen im Flur aufbewahrt, würde das eine große Belästigung für die 
Anwohner sein, die würden sich das nicht lange gefallen lassen. 

„Ich meine, meine Herren, wir sollten die Leitsätze, die uns hier vor¬ 
gelegt sind, mit großer Vorsicht betrachten und sollten lieber bei denen 
bleiben, die wir früher und zuletzt in der Dresdener Versammlung auf¬ 
gestellt haben. u 

Prof. Dr. Erismann (Zürich): „Meine Herren! Ich hatte ur¬ 
sprünglich beim Lesen dieser Thesen dasselbe Empfinden, dem Herr Pro¬ 
fessor Gärtner eben Ausdruck gegeben hat. Ich glaube, die ganze Grund- 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 198 

läge, auf der sie aufgebaut sind, ist eine nicht ganz richtige. Ich glaube, 
die Auffassung des Herrn Referenten über das, was er uns hier sagen sollte, 
war yon vornherein nicht ganz korrekt; er hat dem Bestehenden zu viele 
Zugeständnisse gemacht, und ich bedaure es, daß nicht ein Hygieniker das 
Korreferat übernommen hat. Wenn die städtischen Verwaltungen in Deutsch¬ 
land irgend eine Frage auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege 
zu bearbeiten haben, wenn der Magistrat seinen Stadtverordneten irgend¬ 
welche Vorschläge zu neuen Verordnungen oder neuen Unternehmungen auf 
diesem Gebiete zu machen hat, so ist man in Deutschland gewohnt, danach 
zu fragen, was etwa der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege 
in dieser Beziehung getan oder gesprochen habe; die städtischen Behörden 
sind gewohnt, die Verhandlungen dieses für sie so wichtigen Vereins, zu 
dessen Versammlungen sie in so großer Zahl ihre Vertreter senden, nach 
allen Richtungen zu studieren und sich seine Verhandlungen zunutze zu 
machen. Und wenn ich nun von diesem Standpunkte aus die uns gegen¬ 
wärtig vorliegenden Thesen betrachte, so muß ich mir sagen, wir haben 
damit nichts gewonnen, wir haben den in früheren Jahren hier geäußerten 
Anschauungen gegenüber keinen Fortschritt gemacht und bieten den städti¬ 
schen Verwaltungen nichts Neues. 

„Ich war als Vorstand des Gesundheitswesens der Stadt Zürich in der 
Lage, den Entwurf einer Wohnungspflege-Verordnung auszuarbeiten zur 
Vorlage an die Stadtverordnetenversammlung. Ich habe mich hierbei um¬ 
getan auch in den deutschen Städten, ich habe mir verschiedenes Material 
kommen lassen, ich habe die diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmungen 
und Polizei Verordnungen der Städte studiert, und ich habe sehr Vieles ge¬ 
funden, was ich benutzen konnte, aber auf die Thesen, wie sie uns heute 
vorliegen, hätte ich einen solchen Entwurf nicht aufbauen können. 

„Es ist nun im allgemeinen genug darüber gesagt worden, in welchen 
Beziehungen diese Thesen lückenhaft oder unzulänglich sind. Ich glaube 
aber, es wäre doch noch einzelnes zu sagen, gerade, wenn es sich um eine 
Verordnung für die Inspektion und Beurteilung der schon bestehenden 
Wohnungen handelt. Zum Beispiel über die Ofenklappen: Wer da weiß, 
wieviel Kohlenoxydvergiftungen schon durch diese Ofenklappen hervor¬ 
gerufen worden sind, welche Kämpfe es in verschiedenen Städten gekostet 
hat, sie abzuschaffen, der muß durchaus wünschen, daß Ofenklappen über¬ 
haupt nicht mehr zur Verwendung kommen dürfen. Wer die Unglücksfälle 
kennt, die schon dadurch hervorgerufen worden sind, daß in Badezimmern 
die Gasöfen ohne Abzug waren, der wird verlangen, daß dieser Übelstand 
hier wenigstens erwähnt werden soll. 

„Es sollte ferner die Forderung aufgestellt werden, daß da, wo Schlaf¬ 
gänger adgenommen werden, jedem ein Bett zur Verfügung stehe. 

„Dann die Beleuchtung der Treppen und Gänge. Es gibt zahlreiche 
deutsche Städte, die hierüber schon ganz bestimmte Verordnungen haben; 
die Hausmeister sind gehalten, zu gewissen Stunden des Abends die Treppen 
und Gänge zu beleuchten. 

„Über die Aborte ist viel gesagt worden, aber ich glaube, es darf noch 
eins erwähnt werden: es ist die Bestimmung, welche sich auf die Anzahl 
der Bewohner stützt, überhaupt nicht haltbar. Meine Herren! Man muß 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1907. jg 


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194 XXXL Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

sagen: für eine Wohnung, für zwei Wohnungen — wenn Sie dies mit Be¬ 
zug auf schon bestehende Verhältnisse zugeben wollen — ist ein Abort 
nötig. Die Zahl der Bewohner wechselt ja: heute sind es vielleicht 10, 
zu einem anderen Termin befinden sich in derselben Wohnung 15 Personen, 
dann sind es vielleicht wieder nur 8, also es darf sich eine Verordnung gar 
nicht auf die Zahl der Bewohner stützen. 

„Und nun noch eine allgemeine Betrachtung. Eine WohnungsVerord¬ 
nung für bestehende Wohnungen hängt so eng zusammen mit anderen Seiten 
der Wohnungspflege, wie sie an die städtischen Verwaltungen herantritt — 
namentlich mit der Frage der Wohnungsinspektion, mit der Frage der Be¬ 
teiligung der Städte am Wohnungsbau —, daß diese Fragen eigentlich gar 
nicht zu trennen sind. Sie bilden insgesamt das Gebiet der städtischen 
Wohnungspolitik. Wie eng das alles zusammenhängt, möchte ich Ihnen 
durch folgendes Beispiel illustrieren. Wir haben in unserem kantonalen 
Baugesetz eine Bestimmung, nach welcher Dachräume, wenn sie über die 
gesetzlich festgelegte Bauhöhe hervorragen, nicht als Wohnungen, sondern 
nur als Einzelzimmer benutzt werden dürfen. Wir sind in neuester Zeit 
in die ungeheuerste Verlegenheit gekommen mit dieser Bestimmung. Warum? 
Weil wir in den letzten Jahren einer sehr großen Wohnungsnot entgegen¬ 
gegangen sind und diese Wohnungsnot faktisch heute schon eingetreten ist. 
Meine Herren! Wir hatten am 1. Dezember des Jahres 1905 in Zürich mit 
seinen 170000 Einwohnern und etwa 38000 Wohnungen nur 90 freie Woh¬ 
nungen. Es ist das ein ganz ungesundes Verhältnis. Wir mußten also die 
zahlreichen ungesetzlichen Dachwohnungen einfach beziehen lassen, um zu 
verhindern, daß ein Teil der Bevölkerung ohne Wohnung bleibe. In eine 
solche Lage sind wir gekommen durch die Verhältnisse, die uns über den 
Kopf wuchsen. Und da ist es doch nur natürlich, daß man sich nicht auf 
gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen über Wohnungspflege be¬ 
schränkt, sondern danach trachtet, das Übel an der Wurzel zu fassen und 
auf andere Weise vorzugehen, um dieser Wohnungsnot und diesem Woh¬ 
nungsmangel abzuhelfen. 

„Meine Herren! Die Frage der Wohnungen ist ja für die Bevölkerung 
in hygienischer, in ästhetischer und in moralischer Beziehung eine so un¬ 
geheuer wichtige, namentlich auch für die weniger bemittelten, für die 
arbeitenden Klassen, daß man sagen muß, hier ist das Beste noch gerade gut 
genug, und ich glaube, nach diesem Grundsätze sollten eben die städtischen 
Verwaltungen in dieser Frage vorgeben.“ 

Referent, Regiernngsbaumeister a. D. Beigeordneter Schilling 

(Trier): „Meine Herren! Ich befinde mich ja mehr oder weniger in der 
Lage, mich dagegen verteidigen zu sollen, daß ich nicht genug gefordert 
habe. Nun ist das ein Vorwurf, der wohl mehr die ganze Auffassung des 
mir gestellten Themas angeht als die Bestimmungen im einzelnen. Herr 
Geheimrat Stübben hat schon ganz richtig gesagt, und ich habe es ein¬ 
gangs meines Vortrages betont: ich scheide die auf die Neubautätigkeit 
gerichteten Bestimmungen überhaupt aus, und daher ist es auch ganz un¬ 
richtig, wenn beispielsweise seitens des Herrn Hartwig heute festgestellt 
ist, der Deutsche Verein für Öffentliche Gesundheitspflege wäre in seinen 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 195 

Forderungen außerordentlich zurückgegangen, bescheidener geworden. 
Keineswegs! Die Forderungen, die bisher gestellt worden sind, waren mehr 
oder weniger theoretischer Natur und besagten ausdrücklich: Diese Forde¬ 
rungen gelten zunächst für die Neubauten, für die neuen Quartiere usw. 
Was nach dieser Richtung zu fordern ist, das ist natürlich ganz etwas 
anderes, und diese theoretischen Forderungen sind, glaube ich, wie ich auch 
eingangs meines Vortrages sagte, genug erörtert und geklärt worden, dazu 
kann man tatsächlich nicht viel mehr sagen und begründen. 

„Ganz anders ist aber die Sache, wenn ich das Thema auffaßte, wie 
ich es getan habe, und sagte: Wie wollen wir praktisch Weiterarbeiten? 
Was ist bei vorhandenen Zuständen erreichbar und durchführbar? Über 
Fragen des taktischen Vorgehens wird man immer verschiedener Meinung 
sein. Der eine wird immer -der Meinung sein: möglichst viel fordern, 
alles wird doch nicht erfüllt, und da ein gewisser Prozentsatz des Ge¬ 
forderten ja erfüllt wird, so wird, je mehr du forderst, auch desto mehr 
erfüllt werden. Auf der anderen Seite kauri man doch wohl auch den 
Standpunkt des praktischen Vorgehens für zweckmäßig halten, daß man 
sagt: Langsam wollen wir die bestehenden Zustände allmählich in die 
Höhe schrauben und sehen, was sich bessern läßt. Das erreichen wir auf 
weitere Zeiträume hinaus mit der Beeinflussung der Neubautätigkeit, und 
was sollen wir mit den vorhandenen Zuständen machen?, und da war mir 
gerade das Thema gestellt: Welches sind nun die Mindestanforderungen, 
die ich an eine Wohnung stellen muß? Wann fängt die Wohnung wirklich 
an, so zu sein, daß ich sie nicht mehr für bewohnbar halten kann, und 
was muß erfüllt sein, damit der Moment gekommen ist, wo ich die Wohnung 
im allgemeinen also noch als erträglich, als beziehbar ansehen kann? In 
dieser Weise habe ich das Thema aufgefaßt, und ich glaube, alle diejenigen, 
die etwas mit den vorhandenen Zuständen Bescheid wissen und die Woh¬ 
nungsstatistik kennen, würden mit mir und mit uns allen froh sein, wenn 
wir im Deutschen Reiche den Standpunkt erreicht hätten, der in den, wie 
ich zugebe, bescheidenen Thesen gefordert wird. Ich fürchte, daß schon 
bei diesen Thesen, wenn man mit Schärfe nach ihnen überall Vorgehen 
wollte, man vielerorts sehr bald auf dem Stadium anlangen würde, daß man 
die ganze Sache hinschmisse und sagte: es hat keinen Zweck, durchführbar 
ist die Sache doch nicht; und darum kam es mir gerade darauf an, mich zu 
bescheiden, mich möglichst auf wirklich durchführbare Vorschläge zu be¬ 
schränken, und ich überlasse es gern der Zukunft und gern der Besserung 
der Verhältnisse, daß man später weiter in die Höhe gehen kann. In dem 
Sinne, glaube ich, befinde ich mich auch nicht im Widerspruch mit den 
früheren Forderungen des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege. Ich acceptiere es gern, wenn Herr Hartwig gesagt hat, daß auch 
seitens der Hausbesitzer eine Wohnungsinspektion gewünscht werde, und 
wenn er gesagt hat, meine Forderungen wären außerordentlich bescheiden, 
so ist es mir nur hinterher etwas verdächtig gewoiden, daß gerade der 
Punkt, auf den es mir am meisten angekommen ist in der Frage der Ge¬ 
räumigkeit der Wohnungen, ihm nun doch zu weit ging. Ich glaube, das 
ist eben gerade der Punkt, wo wir am meisten positiven Anhalt und zahlen¬ 
mäßige Maße haben, und der ist eben auch in den theoretischen Erörte- 

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196 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

rungen der früheren Versammlungen eingehend behandelt worden, und 
damals war Vielen 10 cbm Luftraum auch zu wenig; man hat sich aber 
auch darauf zurückgezogen, weil man eben Erreichbares wollte und nicht 
bloß Forderungen aufstellen wollte, die zu stellen gewiß sehr leicht ist, 
aber die natürlich damit, daß sie aufgestellt werden, noch lange nicht erfüllt 
sind. Auch ich gönne jedem Säugling von Herzen gern seinen Luftraum, 
wie sich Herr Professor Prausnitz ausgedrückt hat. Aber wie ist denn 
die Bestimmung in die verschiedenen Verordnungen nicht nur, sondern auch 
in die von Ihrem Verein ausgearbeiteten reichsgesetzlichen Vorschriften zum 
Schutze des gesunden Wohnens gekommen, daß Kinder unter einem Jahre 
außer Ansatz bleiben mögen? Nicht etwa, weil die nicht auch ihre Luft 
nötig hätten, und erst recht zu einer derartigen Zeit die Familie mehr Luft¬ 
raum nötig hätte, sondern eben aus der praktischen Erwägung heraus: man 
solle die Wohnungsschwierigkeiten, in denen viele Familien leben, nicht 
gerade noch erschweren in einer Zeit, die auch sonst für die Familie große 
wirtschaftliche Erschwerungen mit sich bringt. Ja, meine Herren, das ist 
ja natürlich ganz ausgeschlossen, daß, wenn der Säugling da ist, wir nun 
mit einemmal sagen: Jetzt fehlen 10cbm, jetzt schleunigst heraus! Oder 
wollen Sie die Frau, die der Niederkunft entgegengeht, auf die Wohnungs¬ 
suche schicken, daß sie jetzt eine größere Wohnung sucht? Ich glaube, das 
ist ein sehr ungeeigneter Zeitpunkt, und man wird sie auch sehr viel weniger 
gern in die Wohnung einziehen sehen, denn man weiß: nächstens wird ja 
noch mehr hier in der Wohnung los sein. Also das ist eben eine rein 
praktische Erwägung gewesen, und man hat gesagt, gerade dieser Zeitpunkt 
ist der ungeeignetste für einen Wohnungswechsel, und daher wollen wir 
den Kleinen einmal vorläufig nicht mitzählen und der Familie einen gewissen 
Zeitraum geben, worin sie sich eine größere Wohnung aufsuchen kann. 

„Weiter ist dann auf die Aborte Bezug genommen worden. Ich selbst 
habe wiederholt über Anforderungen an Bauordnungen gesprochen und 
geschrieben und durchaus den Standpunkt vertreten, daß jede Familie ihren 
eigenen Abort haben müsse, und das ist eine Forderung, die bei der Neubau¬ 
tätigkeit erfüllbar ist und gestellt werden kann. Das ist ohne weiteres 
klar. Wenn Sie aber wissen, wie die Abortverhältnisse bei den vorhandenen 
Wohnungen sind — ich habe Ihnen vorhin einige wenige Beispiele mit¬ 
geteilt —, wenn also selbst in einer Stadt wie Barmen, die, wie gesagt, 
keineswegs besonders schlechte Wohnungsverhältnisse hat, die Fünfzimmer- 
Wohnungen erst zur Hälfte einen eigenen Abort haben usw., was nützt es 
mir dann da, in der These schon zu fordern: je zwei Familien Wohnungen 
oder jede Familienwohnung müssen ihren Abort haben? Damit ist herzlich 
wenig erreicht. 

„Ich gebe zu, man kann die Sache anders auffassen und kann sagen: 
Was ist nun so vom reinen Kathederstandpunkte aus von einer Wohnung 
zu fordern? Ich halte das aber für gefährlich, meine Herren, denn ich 
glaube, die Herren Hygieniker werden sich erst recht da nicht einigen 
können, und der eine würde immer doch noch den anderen überbieten zu 
müssen glauben, und zwar aus durchaus ehrlicher Überzeugung, aus sehr 
wohl erwogenen Gründen. Anders habe ich eben die Sache aufgefaßt, 
und habe es auch als eine Aufgabe des Deutschen Vereins für öffentliche 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 197 


Gesundheitspflege aufgefaßt, wenn wir sagen: Was wollen wir praktisch 
für die Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse tun, und da müssen wir 
uns eben auf ein gewisses Erreichbares zurückziehen, und in dem Sinne 
bitte ich Sie, die Thesen aufzufassen. 

„Wenn dieselben Angriffsflächen noch in einigen sonstigen Einzelheiten 
bieten, so bin ich der letzte, der durch Dick und Dünn sie als eine unfehl¬ 
bare Kanonisierung festsetzen möchte. Im Gegenteil, mir ist es sauer ge¬ 
worden , diese Thesen herauszugeben. Ich hatte es als einen gewissen 
Mangel empfunden, durch unseren sehr geehrten Herrn Geschäftsführer 
genötigt zu sein, die Thesen aufzustellen schon zu einem Zeitpunkt, wo ich 
noch nicht in allen Einzelheiten meine Vorbereitung abgeschlossen hatte. 
Ich bitte Sie nochmals, mein ganzes Referat in dem Sinne aufzufassen, daß 
meine Forderungen sich nicht auf Neubauten, sondern nur auf vorhandene 
Verhältnisse beziehen sollten, und ich dabei möglichst das Erreichbare im 
Auge behalten wollte. “ 

Geheimer Oberbaurat Dr. Stubben (Berlin-Grunewald) (zur Ge¬ 
schäftsordnung): „Meine Herren! Die Diskussion ist zwar erledigt, aber 
es wird hoffentlich zur Geschäftsordnung noch zulässig sein, einen Antrag 
zu stellen über die Behandlung dieses Gegenstandes seitens der Versamm¬ 
lung. Zwar sind die Leitsätze nicht zur Abstimmung bestimmt, aber ich 
möchte doch wünschen, und ich glaube, viele mit mir, daß nicht die Meinung 
aufkomme, als ob wir im allgemeinen diese Leitsätze als eine ausreichende 
Norm für Wohnungsordnungen betrachteten. Ich habe mir gedacht, es wäre 
vielleicht zweckmäßig, wenn der Verein etwa folgenden Beschluß faßt: 

„Der Verein erkennt zwar das Bestreben des Herrn Referenten an, in 
seinen Forderungen im Interesse der Durchführbarkeit derselben auf ein 
zulässig geringstes Maß zurückzugehen, hält es aber unter Hinweis auf seine 
früheren Beschlüsse, die er aufrecht erhält, für notwendig, daß in den 
Wohnungs- und Schlafstellenordnungen — wenigstens allmählich — weiter¬ 
gehende Forderungen verwirklicht werden, als sie in den Leitsätzen des 
Referenten enthalten sind.“ 

Da die Resolution nach Schluß der Debatte eingebracht worden war, 
so konnte nach der Geschäftsordnung eine Abstimmung über dieselbe nicht 
mehr stattfinden. 

Vorsitzender, Professor Genzmer (Danzig): „Meine verehrten 
Damen und Herren! Es könnte vielleicht auf den ersten Blick so scheinen, 
als ob die Behandlung der Wohnungsfrage, die wiederholt schon in unserem 
Verein stattgefunden hat, etwas zu oft kommt. Aber Sie sehen, daß in 
dieser außerordentlich wichtigen Frage, die man geradezu als die Vorstufe 
zur Lösung der sozialen Frage bezeichnet hat, die Meinungen doch noch 
sehr auseinandergehen, wie das auch heute hier zum Ausdruck gekommen 
ist. Deshalb ist es nur zu wünschen, daß die Wohnungsfrage nicht von 
den Tagesordnungen unseres Vereins verschwindet, daß sie vielmehr von 
Zeit zu Zeit immer wieder behandelt wird. 

„Vor allem aber liegt es mir hier ob, dem Herrn Berichterstatter für 
die ausgezeichnete Art, in der er seine Sache vorgebracht hat, unseren 


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198 XXXI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Augsburg. 

allerverbindlichsten Dank auszusprechen, ebenso denjenigen Herren, welche 
sich an der Besprechung beteiligt haben. 

„Damit, meine verehrten Damen und Herren, wären wir denn am Ende 
der Tagung angelangt. Wenige Stunden noch, und wir scheiden von dem 
Orte unserer diesjährigen Tätigkeit und kehren zurück an unsere heimischen, 
über das ganze Deutsche Reich zerstreuten Arbeitsstätten. Mag jeder 
einzelne von uns die Eindrücke, die er hier in den Besprechungen und 
Verhandlungen gewonnen, und die Erfahrungen, die er bei der Betrachtung 
der mustergültigen Augsburger Anlagen gesammelt hat, weiter bei sich 
verarbeiten, damit die hier ausgestreuten Samenkörner an möglichst vielen 
Punkten der weiten deutschen Erde reichliche Früchte tragen! 

„Mit diesem Wunsche schließe ich die 31. Versammlung des Deutschen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege.“ 

Oberbürgermeister Dr« Beck (Chemnitz): „Meine hochverehrten 
Herren! Bevor wir auseinandergehen, ist es uns allen gewiß Herzens¬ 
bedürfnis, unserem bisherigen Ausschüsse und unserem verehrten Herrn 
Vorsitzenden für die geschickte und vortreffliche Vorbereitung und Durch¬ 
führung der diesjährigen Versammlung den wärmsten Dank auszusprechen. 

„Meine Herren! Als wir die Tagesordnung zuerst in die Hand be¬ 
kamen, sind wir gewiß allgemein von deren Inhalt gefesselt gewesen. Heute 
am Schlüsse der Tagung dürfen wir sagen, daß sie gehalten hat, was sie 
uns versprochen hat, und daß alle Vorträge und alle Referenten, die uns 
mit ihren Darlegungen besonders erfreut haben, auf uns den Eindruck ge¬ 
macht haben, wie wenn unser Verein wieder einen großen Schritt vorwärts 
gekommen ist. Alle die uns gegebenen ebenso lichtvollen als erwärmenden 
Anregungen standen zu unserer großen Freude im umgekehrten quadrati¬ 
schen Verhältnis zu dem trüben und kühlen Wetter, das uns hier der 
Himmel beschieden hat. 

„Meine Herren! Wer einmal die Ehre hatte, Mitglied des Ausschusses 
zu sein, weiß, wie schwierig es ist, immer die richtigen Themata, und wieviel 
schwieriger es noch ist, die richtigen Vortragenden dafür zu finden. Die 
diesjährige Hauptversammlung und insbesondere der bis zum Schluß aus¬ 
haltende Besuch ist der stumme, aber um so beredtere Ausdruck des Dankes 
an unseren Ausschuß und den Herrn Vorsitzenden dafür, daß es ihnen ge¬ 
lungen ist, in jeder Beziehung vortrefflich die Tagung vorzubereiten, und 
ich glaube, das war diesmal von Wichtigkeit. Den meisten oder wenigstens 
vielen von uns war die reizvolle und gastfreundliche Feststadt nicht bekannt. 
Es konnte wohl die Frage aufgeworfen werden, ob die Anziehungskraft der 
vielen interessanten Genüsse, die uns die Stadt bot, größer sein würde als 
die Anziehungskraft dessen, was in diesen Räumen verhandelt wurde. Der 
Beweis für das letztere ist erbracht, denn, wie gesagt, die Versammlung hat 
stets bis zum Schluß ausgehalten. Wir danken das unserem verehrten 
Ausschuß und vor allen Dingen unserem Herrn Vorsitzenden, der durch 
seine knappe, exakte und geschickte Präsidialtechnik auch auf diesem Ge¬ 
biete sich als ein hervorragender Techniker wieder bewiesen und sich da¬ 
durch ebenso wie als jahrelanges und hochverdientes Mitglied des Vereins 
neue Verdienste um den Verein erworben hat. 


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Mindestanforderungen an die Beschaffenheit der Wohnungen usw. 199 

„Meine Herren! Ich glaube, wir entsprechen nicht nur der üblichen 
Höflichkeit, sondern dem Gefühle unseres Herzens, wenn wir unserem Aus¬ 
schuß und dem verehrten Herrn Vorsitzenden durch Erheben von den 
Plätzen noch den besonderen Dank übermitteln/ 

Vorsitzender, Professor Gönzmer (Danzig): „HochverehrteDamen 
und Herren! Den Dank für den Ausschuß nehme ich gern entgegen. Für 
mich persönlich aber kann ich ihn doch nicht annehmen, denn mein tief¬ 
gefühlter Dank gebührt vielmehr Ihnen; einmal dafür, daß Sie mir über¬ 
haupt Gelegenheit gegeben haben, von dieser hervorragenden Stelle ans 
Ihre Versammlung leiten zu dürfen, in zweiter Linie aber dafür, daß Sie 
so große Geduld und Nachsicht mit meiner Geschäftsführung gehabt haben. 
Ich weiß selbst am besten, wie weit mein Können hinter meinem Wollen 
zurücksteht. Ich übertrage daher den mir persönlich in so liebenswürdiger 
Weise ausgesprochenen Dank auf das Bureau, vor allem aber auf unseren 
Herrn ständigen Sekretär und, meine Damen und Herren, auch auf die 
verehrliche Versammlung selbst, die so treu bis zum Schluß ausgehalten hat. 

„Mit dem herzlichsten Dank an alle Teilnehmer erkläre ich die dies¬ 
jährige Tagung für geschlossen/ 


Schluß ll«/ 4 Uhr. 


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Dr. Dosquet-Manasse, 


Das ländliche Krankenhaus. 

Von Dr. Dosquet-Manasse. 


Der Wunsch, Krankenhäuser für chronisch Kranke in ländlicher Um¬ 
gebung zu bauen, ist schon vor langer Zeit ausgesprochen worden. Seine 
Ausführung scheiterte nur an den unerschwinglichen Kosten. Das Neue an 
meinen „Vorschlägen zur Entlastung der städtischen Krankenhäuser a im 
Bd. XXXVIII dieser Zeitschrift, S. 785, und an dem nach meinen Grund¬ 
sätzen erbauten Krankenhause Nordend in Niederschönhausen bestand darin, 
daß gezeigt wurde, wie durch gewisse Eigentümlichkeiten der Lage und der 
Bauart des Krankenhauses mit erschwingbaren Mitteln, mit einem Bruchteil 
der bisher für ein Krankenbett nötigen Kosten Besseres für die chronisch 
Kranken geleistet werden kann, als es bisher in den teuren Krankenhäusern 
im Innern der Stadt möglich war, die durch eine Entlastung von ungeeigne¬ 
tem Krankenmaterial eine um so ergiebigere und wertvollere Tätigkeit für 
die akut Erkrankten und zu großen Operationen bestimmten Patienten ent¬ 
falten können. Das große Interesse, welches verschiedene Kommunen und 
insbesondere die Berliner Ärzteschaft meinem Aufsatze in der vorigen 
Nummer dieser Zeitschrift entgegengebracht haben, veranlaßt mich noch, auf 
etwas hinzu weisen, was für größere Gemeinden bei dem etwa geplanten 
Bau von ländlichen Krankenhäusern von Wichtigkeit sein dürfte. 

Meiner Forderung der Dezentralisierung des Krankenbe- 
standes, die ich a. a. 0. begründet habe, steht die Forderung der Zen¬ 
tralisierung der Wirtschaftsbetriebe gegenüber. 

Für heute will ich nur kurz erwähnen, daß bei der Errichtung von 
peripheren ländlichen Krankenhäusern beispielsweise rings um Berlin die 
Wäschereibetriebe in erster Linie zentralisiert werden müssen. Zunächst 
verkleinert eine eigene Wäscherei in jedem peripheren Krankenhause mit 
ihrem Bedarf an Wasch- und Sortierräumen, Plättstuben, Rollstuben, Aus¬ 
besserstuben, Trockenkammern den teuren Raum, der für die freiere Be¬ 
wegung der Kranken bewahrt werden soll. Neben den hohen Terrainkosten 
fallen aber bei der von mir in Vorschlag gebrachten Zentralisierung dieser 
Betriebe auch die jedesmaligen Kosten für den technischen Vorsteher, für 
das Aufsichts- und sonstige Personal, insbesondere für die Maschinen weg. 
Schon jetzt könnten, um ein Beispiel zu bringen, die städtischen Kranken¬ 
anstalten im Innern Berlins viel sparen, wenn die gesamte Wäsche der 
einzelnen Anstalten regelmäßig nach einer Waschzentrale gebracht und in 
einem einzigen besonderen Betriebe bearbeitet würde, welcher gleichzeitig 
mit der Abholung der schmutzigen, die Zuführung der frischen Wäsche be¬ 
sorgt. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß einer etwaigen In¬ 
fektionsmöglichkeit durch den Versand schmutziger Wäsche mittels ge¬ 
eigneter Maßnahmen und eventueller Vorbehandlung vorgebeugt werden 
muß. Das Muster hierfür besitzt die Stadt Berlin bereits in den städtischen 


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Das ländliche Krankenhaus. 


201 


Desinfektionsanstalten, die seit Jahr und Tag mit dem schwierigsten Mate¬ 
rial arbeiten. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch auf ein Mißverständnis hin- 
weisen, dem meine Ausführungen über Erholungsstätten ausgesetzt waren. 
Wie ich aus einer an anderer Stelle erfolgten Kritik ersehe, haben sie dort 
den Anschein erweckt, als wenn ich gegen diese Anstalten an sich Ein¬ 
wendungen erheben wollte. Um einiges hervorzuheben, so wurde aus meiner 
Gegenüberstellung von zwei Gruppen von Erholungsstättenbesuchern, solchen, 
die eine mangelnde Kontrolle zu gesundheitsschädlichen Exzessen benutzen, 
und solchen, denen die Erholungsstätte keinen nennenswerten Vorteil in 
gesundheitlicher Beziehung bringt, gefolgert, daß ich die Erholungsstätten 
für keine Art von Patienten geeignet hielt. Das war meine Absicht nicht. 
Zu Exzessen geneigte Elemente gibt es in jeder Anstalt, aber auch die Er¬ 
holungsstätten bieten die Möglichkeit, bei einer zweckmäßigen Auswahl und 
bei einer verstärkten Kontrolle der Kassenmitglieder die Zahl solcher Leute 
einzuschränken. Aus dem Worte n Abschiebung“, mit dem ich die abend¬ 
liche Entlassung der Kranken aus den nur tagsüber geöffneten Erholungs¬ 
stätten bezeichnete, ist an derselben Stelle auf eine gehässige Beurteilung 
dieser bei dem Charakter der Anstalt unvermeidlichen Maßnahme geschlossen 
worden, eine Beurteilung, die mir vollständig fern liegt. 

Worauf es mir bei dem Vergleich anderer Anstaltsformen mit dem 
ländlichen Krankenhause ankam, war lediglich, zu zeigen, daß zur Entlastung 
der städtischen Krankenhäuser nur das ländliche Krankenhaus geeignet ist, 
und daß gegenwärtig, solange dieses fehlt, auch solche Patienten in Heim¬ 
stätten und Erholungsstätten geschickt werden, die nur im ländlichen 
Krankenhause die ihnen zukommende Behandlung finden können. 


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202 


Kritiken und Besprechungen. 


Kritiken und Besprechungen. 


Der Alkoholismus, seine Wirkungen und seine Bekämpfung. 

Herausgegeben yom Zentralverbande zur Bekämpfung des Alkoholis¬ 
mus. Aus Natur und Geisteswelt. 103. und 104. Bändchen, je 
1 M., geschmackvoll gebunden 1,25 M. Leipzig, B. G. Teubner, 
1906. 

Die beiden Bändchen bringen eine Zusammenstellung von Vorträgen, 
welche in den vom Zentralverbande zur Bekämpfung des Alkoholismus ver¬ 
anstalteten wissenschaftlichen Kursen gehalten worden sind. Unter Alko¬ 
holismus versteht der Zentralverband „alle körperlichen und seelischen Ver¬ 
änderungen, welche durch die Giftwirkung des Alkohols im menschlichen 
Körper erzeugt werden“. Die hier im Druck vorliegenden Vorträge geben 
eine beredte Vorstellung von der Höbe des Schadens, welchen der Alkoho¬ 
lismus an unserem ganzen Volkskörper anrichtet. Sie können einem jeden, 
welcher einen Überblick über dieses weite, für die Volksgesundheit so un- 
gemein wichtige Gebiet gewinnen will, zum Studium nur dringend empfohlen 
werden. Geben sie doch gleichzeitig in der Mannigfaltigkeit der zum Worte 
kommenden Autoren ein prägnantes, ungemein reizvolles Bild der ver¬ 
schiedenen Standpunkte, von denen aus in der Gegenwart die Bekämpfung 
dieser Volkskrankheit in Angriff genommen wird. 

Band I enthält: 

Der Alkohol und das Kind. Von Prof. Dr. phil. et med. Wilhelm 
Weygandt. Die Aufgaben der Schule im Kampfe gegen den Alkoholismus. 
Von Prof. Martin Hartmann. Der Alkoholismus und der Arbeiterstand. 
Von Dr. Georg Keferstein. Alkoholismus und Armenpflege. Von Stadt¬ 
rat Emil Münsterberg. 

Band II bringt die folgenden Abhandlungen: 

Die wissenschaftlichen Kurse zum Studium des Alkoholismus. Von Dr. 
jur. von Strauß und Torney. Einleitung. Von Prof. Dr. Max Rubner. 
Alkoholismus und Nervosität. Von Prof. Dr. Max Laehr. Alkohol und 
Geisteskrankheiten. Von Dr. Otto Juliusburger. Alkoholismus und 
Prostitution. Von Dr. 0. Rosenthal. Alkohol und Verkehrswesen. Von 
Eisenbahndirektor de Terra. Dr. Paul Schenk. 


Gegen den Alkohol. Von M. Helenius und A. Trygg-Helenius. 

Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1906. 58 Seiten. 0,80 M. 

Das vorliegende Büchlein, zuerst in schwedischer und finnischer Sprache 
in je 10000 Exemplaren erschienen, soll ein Leitfaden für den Anti-Alko-. 
holunterricht in der Schule sein. Die zehn Kapitel geben im einzelnen über 
Art und Wirkung des Alkohols und der alkoholischen Getränke Lektionen, 
welche in Form und Inhalt dem Auffassungsvermögen von Schulkindern an- 


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Kritiken und Besprechungen. 

gepaßt sind, und werden als solche, wie auch die Probelektionen der Frau 
Tr ygg-Helenius für Berliner Schulkinderzeigten, durchaus wirksam sein. 
Die häufig engewendete Form der vergleichsweisen Darstellung bringt es 
allerdings mit sich, daß die wissenschaftliche Wahrheit nicht immer zum 
klaren Ausdruck kommt. So ist es z. B. ein Irrtum, daß die alkoholischen 
-Getränke unter allen Umständen auf die Magenverdauung einen schädlichen 
Einfluß ausüben, weil sie „Brot, Fleisch, Fisch verhärten“. Auch der Ver¬ 
gleich des Menschen, der ein kleines Quantum Alkohol getrunken hat, mit 
«einem großhirnlosen Frosche scheint mir nicht recht am Platze. 

Alles in allem jedoch ist die Schrift des Ehepaars Helenius hervor¬ 
ragend geeignet, uns der Erfüllung der wichtigen Aufgabe näher zu bringen: 
aus der heranwachsenden Schuljugend einen mächtigen Damm gegen die 
Alkoholhochflut zu schaffen. Dr. Paul Schenk. 


Denkschrift über die Bekämpfung der Granulöse (Körner¬ 
krankheit, Trachom) in Preußen. Bearbeitet in der Med.- 
Abteil. des Kgl. Preuß. Ministeriums der geistl., Unterrichts- und 
Medizinal-Angelegenheiten. IV. Ergänzungsband z. klin. Jahrbuch, 
Jena, Gustav Fischer, 1906. 

Der Bericht gibt eine Übersicht über die Erfolge der seit 1897 von 
der preußischen Regierung planmäßig durchgeführten Granulosebekämpfung. 
In den Jahren 1896 bis 1898 erhobene Feststellungen, die sich vornehmlich 
auf Schulen und Militärpflichtige erstreckten, ließen den Grad der Durch- 
aeuchung besonders der östlichen Provinzen Preußens klar erkennen. In 
«einzelnen Gegenden Ostpreußens waren über 25 Proz. der Schulkinder er¬ 
krankt. Die Durchschnittsziffer betrug im Reg.-Bez. Gumbinnen 20,7 Proz. 
(Trachom*Verdächtige mit eingerechnet.) In Westpreußen und Posen lagen 
«die Verhältnisse nur wenig günstiger. In Betracht kamen noch Bezirke 
von Pommern, Schlesien (Kreis Groß-Wartenberg), Sachsen (Eichsfeld und 
Bitterfeld), neben sporadischen Erkrankungen, die auf die eine ständige 
Gefahr bildende Arbeiter-Einwanderung aus Polen und infizierten Gegenden 
Deutschlands zurückzuführen sind. Größere vom Staat zur Verfügung ge¬ 
stellte Geldmittel (jährl. 350000 M.) ermöglichten ein entschiedenes Vor¬ 
gehen. Die Behandlung liegt in den Händen besonders ausgebildeter Ärzte 
(Trachomkurse in Königsberg, Greifswald, Göttingen usw.), die regelmäßige 
Schuluntersuchungen ausführen und unentgeltliche, zum Teil fliegende 
Sprechstunden abbalten; sie werden in ausgiebigem Maße durch Lehrer und 
Krankenschwestern unterstützt. Krankenhausbehandlung tritt nach Mög¬ 
lichkeit in schweren Fällen ein; ihre Erfolge (also im wesentlichen die des 
operativen Vorgehens) werden sehr gerühmt. (Trachombaracken in Königs¬ 
berg und Greifswald.) Das Schließen von Schulen soll möglichst vermieden 
werden, in Königsberg hat man zeitweise „Trachomklassen 4 * eingerichtet. 
Die Erfolge dieser organisierten Bekämpfung sind, soweit sie sich in den 
Schulen kontrollieren ließen, befriedigend. In der Provinz Ostpreußen, der 
allerdings die Staatsbeihilfe in ganz besonderem Maße zugute kam, ist 
die Erkrankungsziffer von 13,3 Proz. auf 3,57 Proz. (Reg.-Bez. Königsberg) 


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Kritiken and Besprechungen. 


und von 20,7 Proz. auf 9,6 Proz. (Reg.-Bez. Gumbinnen) gesunken, im» 
Kreise Gr.-Wartenberg (Schlesien) von 7,712 Proz. auf 3,64 Proz. In West- 
preußen (Reg.-Bez. Danzig) wurden von 20 907 in den Jahren 1896 bis 1904 
behandelten Kindern 16 925 geheilt oder gebessert. Also ein auffallend gute* 
Resultat, freilich nur in den Schulen! Wie die Verhältnisse bei der nicht- 
schulpflichtigen Bevölkerung liegen, deren Untersuchung und Behandlung 
auf erheblich größere Schwierigkeiten stößt, läßt sich zahlenmäßig schwer 
nachweisen. Umfassende Erhebungen (in den Staatsbetrieben usw.) stehen 
noch aus. Eine Statistik über die Militärpflichtigen im Reg.-Bez. Königs¬ 
berg ergibt für das Jahr 1898 781 Granulosekranke, für 1905 nur 139. 
Auffällig ist eine Erkrankungsziffer von 26,7 Proz. bei den Familienan¬ 
gehörigen der im Reg. Bez. Marienwerder untersuchten Schulkinder, die 
selbst nur eine Ziffer von 5,5 Proz. aufweisen. Daß die Gefahr der Reinfek¬ 
tion den Erfolg der Schulbehandlung zum Teil vernichtet, wird in der 
Denkschrift hervorgehoben. Vorzeitige Einschränkung der Bekämpfungs¬ 
maßregeln hat rasches Anwachsen der Erkrankungszahl zur Folge gehabt. 
Es ist daher anzunehmen, daß das Gesamtergebnis sich ungönstiger stellt,, 
als die in der Denkschrift aufgeführten Schulstatistiken annehmen lassen^ 

Dr. Isakowitz (Nürnberg). 


0. v. Boltenstern, Öffentliche Gesundheitspflege und Medi¬ 
zinalwesen. In gemeinverständlicher Darstellung. Stuttgart,. 
Ernst Heinrich Moritz, 1906. Bibliothek der Rechts- und Staats¬ 
kunde. Bd. 25. Preis 2,50 M. 

Nach einer Einleitung, die in kurzen Zügen eine Darstellung der histo¬ 
rischen Entwickelung der öffentlichen Gesundheitspflege und des Medizinal¬ 
wesens gibt, wird das vorliegende Thema in 15 Abschnitten in gemeinver¬ 
ständlicher Darstellung und, dem Zwecke des Buches entsprechend, unter 
Beschränkung auf die wichtigsten und allgemein anerkannten Tatsachen 
abgehandelt. Die einzelnen Abschnitte erörtern den Verkehr mit Nahrungs¬ 
und Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, die Wohnungspflege, die 
Wasserversorgung, Abwässer- und Müllbeseitigung, Badewesen, Gewerbe¬ 
gesundheitspflege, Kindergesiindheitspflege, Schulgesundheitspflege, Irren- 
wesen, Fürsorge für Kranke und Gebrechliche, Seuchenbekämpfung, Pro¬ 
stitution, Leichen wesen, Heilwesen und Organisation der Gesundheits¬ 
behörden. Eine Durchsicht der einzelnen Abschnitte ergibt, daß sie eine 
zweckentsprechende sachgemäße Bearbeitung gefunden haben. E. R. 


A. Bender, Gewerbliche Gesundheitspflege. Mit 68 Illustra¬ 
tionen. Stuttgart, Ernst Heinrich Moritz, 1906. Bibliothek der 
Rechts- und Staatskunde. Bd. 26. Preis 2,50 M. 

Der vorliegende Band soll die Gewerbetreibenden über die für die 
Praxis wichtigsten gewerbehygienischen Fragen unterrichten, und zwar 
hauptsächlich über solche Gefährdungen, die sich mit Erfolg einschränken, 
lassen. 


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Kritiken und Besprechungen. 


205 


In dem ersten allgemeinen Teil werden die Bestimmungen der Ge¬ 
werbeordnung und die Bekanntmachungen des Bundesrats in abgekürzter 
Form wiedergegeben und im Anschluß daran Lüftung und Entstäubung, 
Beizung und Beleuchtung, Nebenräume, Mißbrauch geistiger Getränke und 
Alkoholersatzmittel, Unfallverhütung, Belästigung durch gewerbliche An¬ 
lagen und persönliche Gesundheitspflege des Arbeiters erörtert. Der zweite 
spezielle Teil behandelt die hauptsächlichsten Gesnndheitsgefahren der 
wichtigsten gewerblichen Betriebe, und zwar werden nacheinander die In¬ 
dustrie der Steine und Erden, die Metallverarbeitung, die Gummiwaren¬ 
fabrikation, die Papier- und Lederindustrie, die Holzbearbeitung und sonstige 
Gewerbe besprochen. E. R. 


Jahresbericht über die Ergebnisse der Immunitätsforsohung. 

Unter Mitwirkung von Fachgenossen herausgegeben von Dr. Wolf- 
gang Weichardt, Privatdozent an der Universität Erlangen. 
I. Band: Bericht über das Jahr 1905. Stuttgart, Ferdinand Enke, 
1906. Geb. 8 M. 

Bei der Übernahme des Referates über obigen Jahresbericht war dem 
Unterzeichneten ebenso wie dem Herausgeber zunächst die Frage nahe¬ 
liegend: Besteht denn ein Bedürfnis für einen Jahresbericht über die Er¬ 
gebnisse der Immunitätsforschung? Referent hätte nun lieber gesehen, wenn 
es gelungen wäre, das anerkannt vorzügliche Sammelwerk von v. Baum¬ 
garten und Tan gl in seiner Herausgabe derartig zu beschleunigen, daß 
das jeweilig kommende Jahr den Bericht über daB eben verflossene gebracht 
hätte. Ist doch jetzt am Ende des Jahres 1906 der Bericht von 1904 noch 
nicht erschienen (!). Und nun blättert schon ein Zweig von dem großen um¬ 
fassenden Baum ab. Daß eine Lücke entsteht, wenn derartig notwendige 
Jahresberichte erst nach so langer Zeit entstehen, ist allerdings klar, und 
lag daher eine Absplitterung nahe. Was den vorliegenden Jahresbericht 
wohltuend von anderen unterscheidet bzw. denselben äußerst empfehlend 
einführt, ist ein vom Herausgeber an die Spitze des Berichtes gestellter 
lesenswerter Artikel: „Über den Stand der Immunitätslehre vor Anfang 
des Berichtsjahres“, und eine nicht minder gute Abhandlung am Ende des 
Berichtes: „Ausblick“, worin Verfasser ein Facit zieht und die Haupt¬ 
richtungen der Weiterforschung in genannter Wissenschaft nach Möglich¬ 
keit feststellt. 

Die Anordnung der Referate alphabetisch nach den betreffenden Ver¬ 
fassern ist die übliche, ein Sachregister am Ende des Werkes erleichtert die 
Übersicht und ermöglicht schnelles Einarbeiten in das gewünschte Thema 
bzw. rasches Auffinden der Arbeiten. Der Druck der Namen der Verfasser 
und der Themata ist übersichtlich. 

Einen Wunsch hätte Referent dieses für den nächstjährigen Bericht: 
Vielleicht könnte eine kurze Terminologie der teilweise doch noch nicht 
ganz sicher stehenden technischen Ausdrücke, ähnlich wie vor kurzem in 
der Münchener medizinischen Wochenschrift, als Anhang eingefügt werden. 

S. Merkel (Nürnberg). 


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Kritiken und Besprechungen. 

Klinisches Jahrbuch. Im Aufträge des Königlich Preußischem 
Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-An¬ 
gelegenheiten unter Mitwirkung der Herren Prof. Dr. M. Kirchner,. 
Geh. Ob.-Med.-Rat, und Dr. Naumann, Wirkl. Geh. Ober-Reg-Rat, 
herausgegeben von Prof. Dr. Freihr. v. Eiselsberg in Wien; Prof. 
Dr. Flügge, Geh. Med.-Rat in Breslau; Prof. Dr. Kraus, Geh. Med.- 
Rat in Berlin; Prof. Dr. Freih.v. Mering, Geh. Med.-Rat in Halle a.S. 
und Prof. Dr. Werth, Geh. Med.-Rat ih Kiel. Band XVI. Erstes 
Heft. Mit 4 Tafeln, 1 Skizze, 8 Karten, 8 Diagrammen und 15 Ab¬ 
bildungen im Text. Jena, Gustav Fischer, 1906. 17 M. 

Vorliegender Teil des Jahrbuches ist ausschließlich der Cholera und 
ihrer Bekämpfung während des Jahres 1905 in Preußen gewidmet. Be¬ 
sprochen werden die Choleraerkrankungen im Weichselstromgebiet (Re¬ 
gierungsbezirk Marienwerder und Danzig), im Nahe- und Netzegebiete, im 
Warthe- und Odergebiete usw. usw., ferner die Choleragefahr in einzelnen 
industriellen Betrieben, die Bekämpfung der Cholera in den verschiedenen 
betroffenen Flußgebieten, die Maßnahmen zur Abwehr der Choleragefahr, 
die gemachten Erfahrungen auf den einzelnen Stromüberwachungsstellen, 
die gesundheitliche Überwachung des Schifhihrts- und Flößereiverkehrs auf 
einzelnen Strömen. Gaffky, Petruschky, Flügge, Pfeiffer und 
Wernicke geben ihre Erfahrungen aus ihren Laboratorien in Berlin, 
Danzig, Breslau, Königsberg und Posen. 

Schon die auszugsweise Anführung des Inhaltes vorliegenden Buches 
gibt einen Überblick über das reiche, äußerst lesenswerte Sammelwerk. 
Es ist das große Verdienst aller beteiligten Kreise, daß im Jahre 1905 die 
Cholera in Preußen keinen epidemischen Charakter angenommen hat. Die 
Art und Weise der Cholerabekämpfung ist in vorliegendem Buche nieder¬ 
gelegt. Ein genaues Studium desselben zeigt uns die Wege und läßt uns 
hoffen, daß, wie Kirchner in seiner Einleitung sagt, wenn die Cholera 
wieder zu uns kommen sollte, ihr mit gleich gutem Erfolg entgegengetreten 
und wieder unser Vaterland vor einer Choleraepidemie, wie sie frühere 
Jahre gesehen haben, bewahrt werden kann. Die Art der Cholerabekämpfung 
baute sich auf das Gesetz, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher 
Krankheiten vom 30. Juni 1900 und auf das Gesetz, betreffend die Dienst¬ 
stellung des Kreisarztes und die Bildung von Gesundheitskommissionen vom 
16. September 1899 auf. Beide Gesetze haben hier ihre Feuerprobe 
geradezu glänzend bestanden. S. Merkel (Nürnberg). 


Schweizer Reise- und Kur-Almanach. Die Kurorte und Heil¬ 
quellen der Schweiz. Ein Reisehandbuch für Kurgäste und Sommer¬ 
frischler, sowie Ratgeber für Ärzte von Dr. med. Hans Loetscher, 
Spezialarzt für Magen- und I)aimkrankheiten in Zürich. 14. ver¬ 
besserte Auflage, 1907. Zürich, Th. Schröter (Leipzig, Thalstr. 15). 
Gebunden 6 M. 

Das Buch Loetschers soll denselben Zweck für die Schweiz erfüllen, 
wie der im Verlag von Rud. Mosse erschienene Bäder-Almanach für Deutsch¬ 
land. Während letzterer die Einteilung in klimatische Kurorte, Wildbäder,. 


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Kritiken und Besprechungen. 20 T 

Säuerlinge, Kochsalzquellen usw. usw. hat, sind im Schweizer Almanach die 
Kurorte nach neun verschiedenen Landesteilen gebracht. Für Kurgäste und 
Sommerfrischler ist diese Einteilung wohl erwünschter, um so mehr, als die 
naheliegenden Orte zusammen und nacheinander besprochen werden, als 
ferner Ausflüge, Touren unter Hinzugabe von ganz prächtigen, ausführlichen 
Karten besprochen und angefügt sind. Die Wissenschaftlichkeit leidet unter 
dieser Zusammenstellung; ersterer wird Loetscher dadurch gerecht, daß er 
in einer recht guten Einleitung die verschiedenen Bäder, Quellen, Wässer usw. 
aufführt und zum Schlüsse jeden Kapitels die betreffenden Schweizerorte 
anfügt. 

Im großen und ganzen ein recht empfehlenwertes, flott geschriebenes 
Büchlein. S. Merkel (Nürnberg). 


Nooht, Vorlesungen für Schifffeärzte der Handelsmarine 
über Schifishygiene, Schiffs- und Tropenkrankheiten. 

332 Seiten. Mit 34 Abbildungen und 3 Tafeln. Leipzig, 1906. 

Preis 8,40 M. 

Die Sterblichkeit der Schiffsbevölkerung an Krankheiten ist höher als 
die der Landbevölkerung; ebenso darf die der Reisenden nicht unterschätzt 
werden. Dazu kommt, daß dem SchiflWzt Krankheiten zu Gesicht kommen, 
die er zu Hause zu beobachten keine Gelegenheit hat — Berufskrankheiten, 
wie die Heizerkrämpfe, und tropische Infektionskrankheiten, oder Faktoren, 
die er, wenn er ohne Vorbildung das Schiff betritt, unterschätzt, wie der 
schnellere Verlauf der Tuberkulose und der Gravidität. Mit Recht bemerkt 
daher Manson: Einen jungen Arzt frisch von der Universität weg nach 
den Tropen senden, um dort Krankheiten zu behandeln, ist nicht allein 
grausam für den Arzt, sondern kann Tod für seine Patienten bedeuten und 
bleibt unter allen Umständen ein schlechtes Unternehmen. — Aber auch 
dem, der einen Kurs für Schiffs- und Tropenkrankheiten besucht hat, wird 
ein Buch zur fortlaufenden Information willkommen sein, und ebenso dem, 
der sich nicht praktisch mit diesem Zweige der medizinischen Wissenschaft 
beschäftigt. Das vorliegende Werk dient diesem Zwecke in vollkommenster 
Weise. Es gibt zunächst das, was dem Laien besonders fehlt, ein klares 
Bild über den Bau und die Räumlichkeiten des Schiffes, Wohnräume, Abort¬ 
verhältnisse, Beleuchtung, Ventilation, Kessel und Maschinenräume mit zahl¬ 
reichen Abbildungen. Die folgenden Kapitel behandeln die Gesundheits¬ 
verhältnisse der Besatzung und der Reisenden, wobei allerdings die See¬ 
krankheit etwas geringe Berücksichtigung findet. Der folgende Abschnitt 
„Krankenfürsorge“ enthält beherzigenswerte Ausführungen über Auswahl, 
Anstellung und Rangstellung der Schiffsärzte und Ausrüstung der Schiffe 
mit Medikamenten und Instrumentarium. Die nächsten acht Kapitel sind 
den Infektionskrankheiten gewidmet. Den Schluß bildet die Trinkwasser¬ 
versorgung und die Bekämpfung der Infektionskrankheiten. Bei ersterer 
ist allerdings die Untersuchung ungebührlich eingeschränkt; es dürfte sich 
wohl ermöglichen lassen und oft von Wichtigkeit sein, noch einige andere 
Methoden zu Hilfe zu nehmen als die Prüfung des Aussehens, des Ge¬ 
schmacks und des Chlorgehaltes. Die besonderen Verhältnisse bei der Des- 


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Kritiken und Besprechungen. 


infektion auf Schiffen werden gewürdigt, schließlich die Beschlüsse der 
internationalen Sanitätskonferenzen und ihre praktische Anwendung aus- 
eiuändergesetzt. Als Anhang sind die sämtlichen einschlägigen gesetzlichen 
Bestimmungen beigegeben. — Überall merkt man dem Buch an, daß es aus 
der Praxis hervorgegangen ist und sich zum praktischen Gebrauch vorzüg¬ 
lich eignen wird: sein wissenschaftlicher Wert wird durch die Einflechtungen 
der eigenen Untersuchungen des Yerf. noch bedeutend erhöht. 

KiBskalt (Berlin). 


H. Salomon, Die städtische Abwässerbeseitigung in 
Deutschland. Wörterbuchartig angeordnete Nachrichten und 
Beschreibungen städtischer Kanalisations - und Kläranlagen in deut¬ 
schen Wohnplätzen (Abwässer-Lexikon). II. Band, 1. Lieferung. 
Das Emsgebiet nebst vorgelagerten Inseln und das Wesergebiet. 
Jena, Gustav Fischer, 1906. Preis 5 M. 

Von diesem Werke, dessen erster Teil bereits früher besprochen wurde, 
liegt nun eine weitere Abteilung vor. Auf 138 Seiten werden die Kanali¬ 
sations- und Abwässerreinigungsanlagen von 63 Städten allein des Ems- 
und Wesergebietes dargestellt, ein Beweis, daß auch diesmal wieder die 
kleineren Städte eingehend berücksichtigt sind. Zur Erläuterung sind 11 
Tafeln beigegeben, ferner eine Anzahl Photographien nach Aufnahmen des 
Verfassers. Die Auskünfte sind bis 1906 fortgeführt, was besonders bei 
Städten, die ihre Methoden erst ganz kürzlich geändert haben, wie z. B. 
Kassel, sehr wertvoll ist. — Nach Erscheinen der letzten noch ausstehenden 
Lieferung wird nochmals auf das ganze Werk zurückzukommen sein. 

Kisskalt (Berlin). 


Arbeiten aus dem kgl. Institut für experimentelle Therapie zu Frank¬ 
furt a.M. Herausgegeben von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. P. Ehrlich. 
Heft II (Aus der prüfungstechnischen Abteilung): R. Otto, Die 
staatliche Prüfung der Heilsera. Jena, Verlag von Gustav 
Fischer. 86 Seiten. 3 M. 

Es ist stets dankenswert, wenn ein Institut die Methoden zur allge¬ 
meinen Kenntnis bringt, durch deren Besitz es sich vor anderen auszeichnet. 
Die vorliegende Schrift verdient deshalb unser besonderes Interesse, weil 
die PrüfungsanBtalt als einzige ih Deutschland über die größten Erfahrungen 
verfügt und ihre Methoden auch in einem großen Teile des Auslandes an¬ 
genommen worden sind. Die Schilderungen des Verfassers gehen bis in 
die Einzelheiten; eine Anzahl von Abbildungen nach Photographien unter¬ 
stützt das Verständnis. Es werden besprochen im ersten Teile der in die 
Verwaltung einschlagende Teil der Kontrolle, die obligatorische (definitive) 
und fakultative (provisorische) Form der Prüfung, die „lokale Kontrolle 4 
an der Fabrikationsstelle; im zweiten Teile die prüfungstechnischen Einzel¬ 
heiten, wobei überall auch die theoretischen Grundlagen dargestellt sind. 
Das Werk kann zum Studium der einschlägigen Fragen sehr empfohlen 
werden. Kisskalt (Berlin). 


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Kritiken und Besprechungen. 


209 


Friedrich Prinzing, prakt. Arzt in Ulm a. D., Handbuch, der 
medizinischen Statistik. Jena, Gustav Fischer, 1906. 559 S. 

„Seit 40 Jahren ist eine systematische Bearbeitung der medizinischen 

Statistik nicht mehr unternommen worden. Das viel zitierte Handbuch 
Oesterlens . . . . ist nach vielen Beziehungen völlig veraltet." Mit diesen 
Anfangssätzen seines Vorworts hat Verf. den überall gehegten sohmerzlichen 
Empfindungen Ausdruck gegeben, und es ist ein großes Verdienst von ihm, 
daß er dem Bedürfnis durch sein Werk entsprochen hat. Durch viele schöne 
Einzelarbeiten war er als der dazu Berufene legitimiert, und er hat die 
Aufgabe, die er sich gestellt, bestens gelöst. Sie ist so groß und schwierig, 
daß es nicht wundernehmen kann, wenn sich so lange niemand an sie 
heranwagte; der Stoff ist so überreich, daß seine Bewältigung die Kräfte 
eines einzelnen fast übersteigt, und niederdrückend wirkt bei jedem Be¬ 
arbeiter statistischen Materials die Erkenntnis, daß es vielfach so wenig zu¬ 
verlässig ist, und daß es so rasch veraltet. Um so anerkennenswerter, daß 
sich der Verf. der Aufgabe unterzog, und alle Mediziner und Sozialpolitiker 
werden es ihm herzlich danken, daß sie nun wieder ein statistisches Sammel¬ 
werk zur Hand haben, in dem sie für jede Frage ein reiches Zahlenmaterial 
finden, nach modernen Gesichtspunkten geordnet und bis in die neueste 
Zeit fortgeführt. Mit der Methodik aller üblichen statistischen Unter¬ 
suchungsarten und mit ihren Mängeln ist Verf. natürlich auf das genaueste 
vertraut, und die kritische Beurteilung und Vergleichung des Materials be¬ 
gleitet den Leser auf Schritt und Tritt. So findet man in dem Buche nicht 
nur überall Belehrung, sondern auch Anregung. Dabei weiß Verf. bei der 
Behandlung strittiger Probleme durchaus die größte Objektivität walten 
zu lassen und hält sich von aller Polemik fern. Einzelheiten hierüber her¬ 
vorzuheben, ist bei dem Riesenumfang des Werkes freilich kaum möglich, 
und es sei z. B. nur darauf hingewiesen, daß auch so diskutable Probleme 
wie das der „Entartung" an statistischen Hinweisen geprüft werden — 
übrigens mit ablehnendem Ergebnis. 

Einen gebührend großen Platz nimmt die Besprechung der Kinder¬ 
sterblichkeit ein — einen mit Rücksicht auf ihre Unsicherheit etwas zu 
großen die Statistik der Todesursachen. So beklagenswert es ist: dieser 
Angelpunkt aller medizinischen Statistik zeigt immer noch die empfindlichsten 
Blößen. Und wenn dies schon für die Beurteilung innerhalb des einzelnen 
Landes gilt, in wieviel höherem Maße noch für die Vergleichung der ver¬ 
schiedenen Länder. Wir stehen nicht an zu sagen, daß eine Vergleichung 
der Todesursachen-Statistik der verschiedenen Länder, von einigen wenigen 
sehr prägnant bestimmbaren Krankheiten abgesehen, kaum die Mühe ihrer 
Aufstellung wert ist. Alle Vorsicht des Untersuchenden scheitert hier — 
das Material ist in so hohem Grade fehlerdurchsetzt, daß es einstweilen 
keine wirklich wissenschaftlichen Schlüsse erlaubt. Was kann man wohl 
einem Vergleiche trauen, der für „angeborene Lebensschwäche" auf je 
100000 Einwohner in der ziemlich gleichen Zeitepoche eine Sterblichkeits- 
ziffer ergibt von 382 in Ungarn, 164 in Italien, 118 in Österreich, 113 in 
Deutschland, 77 in den Niederlanden, 68 in England und 40 in Belgien! 
Und von Deutschland wiederum 194 in Bayern, 155 in Württemberg, 116 

Vierteljahrsechrift für Gesundheitspflege, 1907. u 


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210 


Kritiken und Besprechungen. 

in Sachsen, 98 in Preußen! Und von den preußischen Provinzen in Posen 
167, in Schlesien und Hohenzollern 144, in Westpreußen 120, in Berlin 103* 
in Ostpreußen 99, in Brandenburg 95, in Rheinland und Schleswig-Holstein 
87, in Westfalen 84, in Sachsen 82, in Pommern 79, in Hannover 58 und 
in Hessen-Nassau 48! Ähnlich beträchtliche und sicherlich nicht lokal be¬ 
dingte Differenzen ergeben sich bei der „Altersschwäche 11 . Selbstverständ¬ 
lich sind dem Verf. alle diese und viele andere Unzuverlässigkeiten der 
Todesursachenangaben ebenfalls vollkommen gegenwärtig, und er ist über¬ 
all bemüht, durch die eingehendste Zergliederung eine Spur von Wert aus 
ihnen herauszuholen. 

Nochmals: die Wissenschaft ist dem Verf. für sein reiches Buch zu 
großem Danke verpflichtet. Landsberger (Charlottenburg). 


Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. (Beihefte 
zu den Veröffentlichungen des Amtes.) 23. Band in 2 Heften. Mit 
2 Tafeln und Abbildungen im Texte. Berlin, Julius Springer, 
1905/1906. 587 Seiten. Preis 22 M. 

Auf die Ergebnisse der Weinstatistik für 1903 und die Moststatistik 
für 1904 soll hier nicht weiter eingegangen werden; diese sehr fleißigen und 
für önologen sehr wichtigen Arbeiten müssen an Ort und Stelle eingesehen 
werden. 

Die Untersuchungen über den Säuregrad des Weines auf Grund der 
neueren Theorien der Lösungen. Von Professor Dr. Paul, Direktor, und 
Dr. A. Günther, technischem Hilfsarbeiter im Kaiserlichen Gesundheits¬ 
amte. I. Abhandlung. Theoretische Betrachtungen über den Säuregrad 
des Weines und die Methoden zu seiner Bestimmung. 

Die bisherige Bestimmung der „freien Säure“ im Weine durch Titra¬ 
tion ist für deren Charakterisierung unzureichend. Auf diesem Wege ver¬ 
mag man wohl die Menge der „freien Säure“ im Weine zu ermitteln, erhält 
aber keinerlei Aufschluß über den Säuregrad oder die Acidität des Weines. 
Dies hat darin seinen Grund, daß die einzelnen Säuren sich in der Stärke 
unterscheiden, z. B. ist die Salzsäure bekanntlich stärker als die Essigsäure. 
Der Begriff der Menge der freien Säure deckt sich keineswegs mit dem Be¬ 
griffe der Säure, d. h. der sauren Eigenschaft des Weines. Es folgt dann 
eine kurze Erläuterung der neueren Theorien der Lösungen und eine Fest¬ 
legung des Begriffes Säuregrad des Weines, der in dem Satz ausklingt: 

Der Säuregrad des Weines ist identisch mit der Konzentration 
der darin enthaltenen Wasserstoflfionen (H-Ionen). 

Die elektrische Leitfähigkeit als Hilfsmittel zur Bestimmung des Säure¬ 
grades (der Wasserstoffionen-Konzentration) von wässerigen Lösungen wird 
besprochen, dann folgt die Beschreibung neuer Methoden zur Bestimmung 
des Säuregrades, und zwar a ) zunächst mit Hilfe der Zuckerinversion, dann 
b) mit Hilfe der Katalyse von Estern und unter c) S. 247: Berechnung 
des Säuregrades aus den bei der Rohrzuckerinversion und bei der Ester¬ 
katalyse erhaltenen Konstanten. 

Die Schlußsätze kommen unter Übergehung der im vorstehenden Refe¬ 
rate angeführten zu folgendem Ergebnis: 


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Kritiken und Besprechungen. 

Die Werte für den nach der Methode der Rohrzuckerin Version ermittel¬ 
ten Säuregrad stimmten mit den durch EsBigesterkatalyse gefundenen 
Werten befriedigend überein. 

Durch das Erwärmen des Weines auf -f- 76° wurde dessen Säuregrad 
nur unwesentlich erniedrigt. Auch bei tagelang fortgesetzter Erwärmung 
bleibt der Säuregrad sich gleich: daraus darf man schließen, daß das bei 
dieser Temperatur bestehende Gleichgewicht stabil ist. 

Zur Kenntnis der Kupfer-Zinklegierungen. Auf Grund von 
gemeinsam mit Dr. P. Manz und Dr. A. Siemens ausgeführten Versuchen, 
mitgeteilt von Dr. Otto Sackur, früherem Hilfsarbeiter im Kaiserlichen Ge¬ 
sundheitsamte. 

Indem ich auf den Schlußsatz zu der Arbeit über Blei- und Zinklegie¬ 
rungen von Otto Sackur, Band 22 der Arbeiten aus dem K. G. A. im 
Bd. 38, S. 440 dieser Zeitschrift Bezug nehme, wiederhole ich, daß solche 
theoretischen Arbeiten, wie auch die vorher besprochenen, in eine 
chemische Zeitschrift, aber nicht zu Publikationen des Kaiserlichen Ge¬ 
sundheitsamtes gehören. Das Kaiserliche Gesundheitsamt ist zur 
Pflege der öffentlichen Gesundheitspflege ins Leben ge¬ 
rufen, nicht zur Erörterung theoretischer Auseinander¬ 
setzungen, welche den Lehrern der Wissenschaften, den Uni¬ 
versitäten, bleiben müssen. Durch diese meines Erachtens 
über den Rahmen der ursprünglichen dem Amte zugedachten 
Tätigkeit hinausgehenden Arbeiten wird naturgemäß eine Ver¬ 
mehrung der Arbeitskräfte erforderlich und dadurch immer 
neue Etatsforderungen seitens des früheren Präsidenten des Ge¬ 
sundheitsamtes. 

Die im zweiten Hefte enthaltenen Arbeiten bewegen sich fast aus¬ 
nahmslos in den dem Gesundheitsamle meines Erachtens zukommenden 
Grenzen. 

Über den Gehalt des Kaffeegetränkes an Coffein und das Verfahren zu 
seiner Ermittelung von Dr. Georg Waentig erfährt man, daß das von 
Katz angegebene Verfahren, dessen Ergebnisse in der vom Gesundheits¬ 
amte herausgegebenen Denkschrift „Der Kaffee“ (1903) nach eingehender 
Prüfung Aufnahme gefunden haben, festgestellt hat: 

1. daß eine Tasse Kaffee von 150g, hergestellt aus einem Aufguß von 
300g Wasser auf 15 g möglichst fein gemahlenen Kaffees von mittlerem 
Coffeingehalt, je nach der Bereitungsweise 0,6 bis 0,1 g Coffein enthält. 

Die Untersuchung über die Beschaffenheit des zur Versorgung der 
Haupt- und Residenzstadt Dessau benutzten Wassers, insbesondere über 
dessen Bleilösungsfähigkeit von Dr. Th. Paul, Dr. W. Ohlmüller, Dr. 
R. Heise und Dr. Fr. Auerbach, enthält wichtige Fingerzeige über die 
Ermittelung des im Wasser gelösten Bleies. 

Die Arbeit von B. Kühn über den Nachweis und die Bestimmung 
kleinster Mengen Blei im Wasser kommt zu folgenden Schlußergebnissen: 

1. Von den beiden zur Bestimmung kleinster Mengen Blei im Trink¬ 
wasser geprüften Verfahren hat sich das maßanalytische besser bewährt als 
das gewichtsanalytische. 

14* 


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Kritiken und Besprechungen. 


2. Am besten zur Filtration der Bleilösungen ist ein Filter aus Asbest 
erfunden. 

3. Zur maßanalybischen Bestimmung des Bleies hat sich die jodometrische 
von W. Die hl und G. Topf zuerst angegebene Methode bewährt. 

4. Nach dem Asbest - Schüttei - und Filtrierverfahren und mittels der 
maßanalysischen jodometrischen Bestimmungsmethode des Bleies läßt sich im 
Trinkwasser, ohne dasselbe einzudampfen, das gelöste Blei auf weniger als 
0,1mg auf 1 Liter Wasser genau ermitteln. 

Der umfangreiche Aufsatz über das Wesen und die Verbreitung der 
Wurmkrankheit usw. ist bereits im 38. Bd. dieser Zeitschrift, S. 805 ein¬ 
gehend besprochen worden. 

Es folgen dann noch Untersuchungen über den Erreger der Vaccine 
von Dr. S. von'Prowazek. 

Morphologische und entwickelungsgeschichtliche Untersuchungen über 
Hühnerspirochaeten von demselben und eine Arbeit über die Wirkung der 
Tuberkelbazillenstämme der Menschen und des Rindes auf anthropoide 
Affen. Von Professor L. von Düngern und Dr. Henry Smidt. 

M. Pi stör. 


Leo Burgerstein. Schulhygiene. „Aus Natur und Geisteswelt“. 

Sammlung wissenschaftlich - gemeinverständlicher Darstellungen. 

96. Bändchen. Leipzig, B. G. Teubner, 1906. Kl. 8°. 138 Seiten. 

1 M., geb. 1,25 M. 

Der Name Burgerstein hat in der schulhygienischen Literatur einen 
guten Klang, und bei seiner Vielseitigkeit und Vielsprachigkeit ist Burger¬ 
stein als bewährter Kenner der Weltliteratur gewiß der Berufensten einer, 
das große Gebiet der Schulhygiene gemeinverständlich darzustellen. Die 
Aufgabe, den ungeheueren Stoff verständlich zu machen und dabei in 
knappe Formen zu gießen, ist nicht so leicht, wie es scheinen mag; 
Burgerstein hat aber diese schwierige Aufgabe glänzend gelöst. Die 
bauliche Anlage des Schulhauses, die Belichtung, Beheizung und Lüftung 
werden ebenso eingehend dargelegt, wie die Einrichtung der Schulzimmer 
(Schulbankfrage); die Hygiene des Unterrichtes mit den vielen „Tages¬ 
fragen“, die gegenwärtig in Diskussion stehen (Hilfsschulen, Koödukation, 
Ermüdung), die Hygiene der einzelnen Unterrichtsfächer finden eingehende 
Berücksichtigung, und die Fragen der Hausarbeiten, der Prüfungen, der 
Schulstrafen werden sachkundig und objektiv erörtert. Ein eigener Ab¬ 
schnitt ist dem Unterricht in Hygiene gewidmet, das Schlußkapitel bespricht 
die Schulkrankheiten, die Hygiene des Lehrerberufes und die Schularztfrage. 

Burgerstein geht keiner Frage, welche mit der Schulhygiene zu¬ 
sammenhängt, aus dem Wege; wo die Meinungen noch nicht geklärt sind, 
versteht es Burgerstein vortrefflich, den gegenwärtigen Stand der Dinge 
zu präzisieren und daran eine sachverständige Kritik anzuknüpfen. Daß 
Burgerstein als Lehrer sich sehr warm für den Schularzt einsetzt, sei 
ihm besonders angerechnet, wenn es auch von einem Schulhygieniker von 
der Bedeutung Burgersteins nicht anders zu erwarten stand. 


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Kritiken und Besprechungen. 


213 


Das kleine Büchlein kann angelegentlichst empfohlen werden. Die 
zahlreichen eingefügten Illastrationen sind sehr instruktiv und hübsch aus¬ 
geführt; der Druck ist in Fraktur gehalten, der „Durchschuß“ sehr eng — 
hoffentlich bringen die nächsten Auflagen, für welche das vortreffliche Büch¬ 
lein die besten Aussichten hat, darin eine „Änderung und Verbesserung“. 

Altschul (Prag). 


Dr. K. A. Martin Hartmann, Professor am König-Albert-Gymnasium 
zu Leipzig. Der Schularzt für höhere Lehranstalten 

eine notwendige Ergänzung unserer Schulorganisation. 
Sonderabdruck aus den Neuen Jahrbüchern für Pädagogik. Band 
XVIII. Leipzig, B. G. Teubner. Gr. 8°. 32 S. Preis 0,80 M. 

Die kleine Schrift ist die Wiedergabe eines Vortrages, welchen der 
Verfasser am 14. November 1905 in Leipzig gehalten hat. Schulmänner, 
die für den Schularzt und besonders für den Schularzt für höhere Lehr¬ 
anstalten eintreten, sind uns Ärzten stets willkommene Mitstreiter in dem 
Kampfe um die Schularzt-Institution, wenn man überhaupt heute noch be¬ 
rechtigt ist, von einem Kampfe zu sprechen, da der Widerstand gegen die 
schulärztliche Aufsicht gegenwärtig so ziemlich gebrochen ist. 

Hart mann weist die Notwendigkeit des Schularztes für höhere Lehr¬ 
anstalten nach und widerlegt den naheliegenden und oft gehörten Ein wand, 
daß die gesellschaftlichen Kreise, aus denen sich die Schülerschaft der 
höheren Lehranstalten überwiegend zusammensetzt, meist in der Lage sind, 
die Hilfe des Hausarztes in Anspruch zu nehmen. Er hebt mit vollem 
Rechte hervor, daß der Hausarzt im alten (Referent möchte hinzufügen: 
guten) Sinne des Wortes durch die jetzt herrschende Mode, gleich den 
Spezialarzt zu fragen, mehr und mehr zurückgedrängt wird, und daß selbst 
in gut gestellten Kreisen der Arzt erst dann zu Rate gezogen wird, wenn 
eine Krankheit zum Aasbruche gelangt ist, viel seltener aber im prophylak¬ 
tischen Sinne, und gerade nach dieser Seite fällt der Schwerpunkt der schul¬ 
ärztlichen Tätigkeit. An einzelnen Beispielen aus der eigenen Schulerfah¬ 
rung zeigt Hartmann, daß der Schularzt die Arbeit des Lehrers sowohl 
nach der unterrichtlichen, wie nach der erzieherischen Seite wesentlich zu 
unterstützen vermag. 

Auch für die höheren Mädchenschulen ist die schulärztliche Aufsicht 
dringend geboten, und Hartmann glaubt, daß hier Schulärztinnen noch 
nützlicher wirken könnten; aber überall da, wo eine Ärztin nicht zu be¬ 
schaffen ist, mag man unbedenklich Schulärzte auch in höheren Mädchen¬ 
schulen verwenden. 

Hart mann hält es nicht für geboten, das ungarische Muster nach¬ 
zuahmen und einen durch den Schularzt zu leistenden fakultativen Hygiene¬ 
unterricht in den höheren Lehranstalten Deutschlands einzuführen; er hält 
es für zweckmäßiger, den Schularzt gelegentlich in einer oberen Klasse oder 
in mehreren für diesen Zweck kombinierten Klassen einen hygienischen 
Vortrag halten zu lassen unter Ausfall einer planmäßigen Unterrichtslektion, 
und weist auf ein Gebiet hin, dessen Berücksichtigung sich mehr und mehr 
aufdrängt und von der größten Wichtigkeit für jeden jungen Menschen ist, 


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Kritiken und Besprechungen. 


nämlich auf die Beziehungen der heranreifenden Jugend zum Geschlechts¬ 
leben. Hartmann betont, daß es eine grundverkehrte und verhängnisvolle 
Prüderie ist, vor der Tatsache die Augen zu verschließen, daß ein nicht 
unerheblicher Teil der studierenden Jugend es für erlaubt hält, mit Pro¬ 
stituierten in Verkehr zu treten, und daß diese Unsitte ihre Schatten bereits 
in die obersten Klassen der höheren Schulen hereinwirft. Der Arzt wird 
den Schüler auch vor dem Alkohol zu warnen haben und ihm die Über¬ 
zeugung beibringen, daß der Weg zur Keuschheit durch die Nüchternheit 
geht. 

In Elternabenden könnte der Schularzt sich in eine gewisse persönliche 
Berührung mit dem Hause setzen, was von großer Wichtigkeit ist. Auch 
die Hygiene des Lehrerstandes gehört in den Wirkungskreis des Schul¬ 
arztes. 

Die Stellung des Schularztes ist aufzufassen als die eines unter der 
Autorität der Schulleitung wirkenden sachverständigen Beraters in allen mit 
der Hygiene zusammenhängenden Fragen des Schullebens. 

Hartmanns Schrift verdient die weitmöglichste Verbreitung und Be¬ 
achtung, und Referent begrüßt sie besonders lebhaft, weil hier ein Schul¬ 
mann von pädagogischen Überlegungen aus zu denselben Resultaten ge¬ 
langt wie der Referent, der in einer Arbeit „Zur Schularztfrage“ (Prag 
1890) vom ärztlichen Standpunkte aus den Schularzt für höhere Lehranstal¬ 
ten für noch notwendiger erklärte als für die Volksschulen und (für Prager 
Verhältnisse) ein Schema entworfen hat, das ermöglicht hätte, daß ein und 
derselbe Schularzt eine Schülergruppe von ihrem Eintritt in die Volks¬ 
schule bis zu ihrem Austritt aus der höheren Lehranstalt (Gymnasium oder 
Realschule) unter seiner Obhut hätte. Die Schwierigkeit der Durchführung 
dieses Planes liegt nur in der Organisation, Lehranstalten, die verschiedenen 
Behörden unterstehen, einem Schulärzte zuzuweisen; bei gutem Willen wäre 
aber diese dem Ideale nahekommende Einrichtung gewiß auch durchführbar. 
Vielleicht wird diese Frage durch die Anstellung von Schulärzten im Haupt¬ 
amte leichter der Lösung zugeführt werden können, und ein Schularzt im 
Hauptamte wird sich gewiß auch um die Gesundheitsverhältnisse der 
Lehrerschaft besser kümmern können als die bisherigen Schulärzte im 
Nebenamte. Daß eine schulärztliche Überwachung der Lehrer nicht nur 
im Interesse der letzteren, sondern auch im Interesse der Schüler gelegen 
ist, muß nicht erst bewiesen werden und hat Referent in seiner erwähnten 
Schrift bereits ebenfalls mit Nachdruck betont. Alt sc hui (Prag). 


Hampe, Über den Schwachsinn nebst seinen Beziehungen 
zur Psychologie der Aussage mit einem Anhang: Ver- 

einsbesprechung und zwei Gutachten. Braunschweig, Friedr. Vieweg 
und Sohn, 1907. Preis 2 M. 

In vorliegender Abhandlung bringt Verf. eine ausführliche Darstellung 
der Schwachsinnszustände. Anscheinend große eigene Erfahrung und eine 
äußerst eingehende Berücksichtigung der gesamten Literatur setzen ihn in 
den Stand, dieses in neuerer Zeit so viel bearbeitete Gebiet in höchst an¬ 
schaulicher und ausführlicher Weise zu schildern. Bei der Besprechung des 


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Kritiken und Besprechungen. 


215 


moralischen Schwachsinns hätte Verf. doch wohl noch mehr hervorheben 
sollen, daß wir znr Annahme eines solchen nur dann berechtigt sind, wenn 
auch Entwickelungshemmungen auf intellektuellem Gebiet oder sonstige 
Erscheinungen einer psychopathischen Konstitution nachweisbar sind. 

Bei den forensen Beziehungen des Schwachsinnes wird die Frage der 
Zurechnungsfähigkeit und Zeugnisfähigkeit erörtert und namentlich für die 
Beurteilung der letzteren die psychologische Analyse der Aussage warm 
empfohlen. 

Den Schluß der Arbeit, die als Vortrag in Braunschweig gehalten 
wurde, bilden die Diskussionsbemerkungen, von denen namentlich die des 
Hauptlehrers Kiel hör n bemerkenswert sind, und zwei vom Verfasser er¬ 
stattete Gutachten. 

Die Schrift kann insbesondere Juristen und Lehrern warm empfohlen 
werden. Dr. v. Rad (Nürnberg). 


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Neu erschienene Schriften. 


Neu erschienene Schriften über öffentliche 
Gesundheitspflege. 

(112. Verzeichnis.) 


1. Allgemeines. 

Arbeiten aus dem kaiserl. Gesundheitsamte. (Beihefte zu den Veröffentlichungen 
des kaiserl. Gesundheitsamtes.) 24. Bd. 3. (Schluß-)Heft. (IV. u. S. 347—580.) 
Lex.-8°. Berlin, J. Springer, 1906. 8 M. 

Archiv für Protistenkunde. Begründet von Dr. Fritz Schaudinn, heraus¬ 
gegeben von Dr. Dr. M. Hartmann und S. v. Prowazek. 8. Bd. (I. Heft, 
X, 158 S. mit 74 Figuren, 1 Bildnis und 4 Tafeln.) gr.-8°. Jena, G. Fischer, 
1906. 24 M. 

Aufklärung, Die sexuelle, der Jugend. 1. Der Standpunkt des Arztes. Von 
San.-Rat Dr. 0. Rosenthal. 2. Der Standpunkt des Geistlichen. Von Pastor 
Wilh. Witte. 3. Der Standpunkt des Pädagogen. Von Prof. Dr. F. Kern sie s. 
(Veröffentlichungen des Vereins für Schulgesundheitspflege zu Berlin.) (32 S.) 
gr.-8°. Berlin, Herrn. Walther, 1906. 1 M. 

Bibliothek, Akademische. Die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts in gemein¬ 
verständlicher Darstellung. Naturwissenschaften, Medizin, Jurisprudenz usw. 
1. Serie. 2. bis 14. (Schluß-)Lieferung. I. Rahm er, Dr. S.: Der mensch¬ 
liche Körper. (Die Physiologie.) 12 Vorlesungen über den Bau und die 
Funktionen des menschlichen Körpers. (V u. S. 49—192 mit Abbildungen.) 
gr.-8°. Berlin, Verlag XX. Jahrh., 1906. Je 0,50 M. 

Bürli, Dr. J.: Das Buch für Gesunde uDd Kranke. Populär-medizinisches Vade- 
mecum. Zweite, vollständig umgearbeitete und vermehrte Auflage. (VI, 525 S. 
mit 26 Abbildungen.) 8°. Bern, J. Heuberger, 1906. 5 M. 

Bunge, Prof. G. v.: Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen, ihre Kinder zu 
stillen. Die Ursachen dieser Unfähigkeit und die Mittel zur Verhütung. Ein 
Vortrag. Fünfte, durch neues statistisches Material vermehrte Auflage. (40 S.) 
gr.-8°. München, E. Reinhardt, 1907. 0,80 M. 

Chalot, G.: Lee Bureaux d’hygiene en France, Paris et Seine exceptes. These. 
in-8°. 1 vol. Ch. Dirion, Toulouse. 4 frcs. 

Demme, E.: Willst du gesund werden? Demmes Haus- und Volksbibliothek 
hygienischer Schriften. Nr. 48: Schultz, Dr. G,: Was jedermann von der 
Erkennung der Krankheiten und der Voraussage des Kran kheits verlauf es aus 
dem Urin wissen muß. (26 S.) nn 0,60 M. — Nr. 49: Walser, Dr.: Die 
Ohrenerkrankungen, eine Selbst- oder Bakterienvergiftung. Wie entgiftet 
oder heilt man dieselbe radikal durch ein praktisch erprobtes hygienisch¬ 
diätetisches Behandlungsverfahren? Für Laien populär bearbeitet. (25 S.) 
0,60 M. — Nr. 50: Hon camp, Dr. F.: Arterienverkalkung des Herzens und 
des Gehirns. Ursachen, Verhütung und Behandlung mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Lähmungen und des Schlagflusses. (16 S.) 0,50 M. — Nr. 51: 


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Neu erschienene Schriften. 


217 


Orlob, Dr. G.: Chronisch kalte Füße. Wesen und Wirkung, Verhütung und 
Heilung. (14 S.) 0,30 M. 8°. Leipzig, E. Demme, 1906. 

Oerhard, Dr. Paul: Wie lebt man gut und gesund für 60 Pfennig tagtäglich? 

(17 S.) gr.*8°. Berlin-Steglitz, W. Krüger, 1907. 0,50 M. 

Oeeundheit, Die. Ihre Erhaltung, ihre Störungen, ihre Wiederherstellung. Ein 
Hausbuch, unter Mitwirkung von Dr. Dr. Privatdozent Arnd, Proff. Ritter 
v. Basch, Hofrat v. Brandt u. a. herausgegeben von Dr. Dr. Prof. R. Koss- 
mann und Privatdozent Jul. Weiss. 38. bis 40. (Schluß-)Lieferung. (2. Bd. 
X u. S. 601—754 mit Abbildungen, 1 farbigen Tafel und 1 Blatt Erklärungen.) 
gr.-8°. Stuttgart, Union, 1906. Bar je 0,40 M.; 2. Bd. vollständig: geb. in 
Leinwand 12 M., in Halbfrz. 13 M. 

Oesundheitabüoherei. 7. Bd. Pudor, Dr. Heinr.: Volksfeste und Bewegungs¬ 
spiele. Mittel und Wege zur Veredelung der Feste. (III, 55 S.) 1 M. - 
8. Bd. Derselbe: Körperpflege. (43 S.) 0,75 M. — 9. Bd. Haufe, Dr. 
Ewald: Die Idee der natürlichen Erziehung. (32 S.) 0,50 M. 8°. Langen¬ 
salza, Verlag Gesundes Leben, 1906. 

Hexischen^ Prof. S. E.: Die Eheschließung vom gesuudheitlichen Standpunkte. 

Übersetzt von Dr. Leo Klemperer. (86S.) 8°. Wien, M.Perles, 1907. 1,50M. 
Herkenrath . 9 B.: Pastor Felkes heilgymnastische Übungen für Gesunde und 
Kranke. Eine Anweisung für jedes Alter und Geschlecht. Lichtluft- und 
Zimmergymnastik. (16 S.) 8°. Homberg, E. Iiadtstein, 1906. 0,30 M. 
Hilfe, Erste ärztliche. 14 Vorträge, gehalten von Dr. Dr. San.-Rat S. Alexander, 
Protf. M. Borchardt, Geh. Med.-Rat A. Hoffa, R. Kobert, Geh. Med.-Rat 
Fr. Kraus, R. Kutner, L. Landau, E. Mendel, George Meyer, 
J. Rotter, Geh. Med.-Räte H. Senator, E. Sonnenburg, Th. ZieheD. 
Nebst Einleitung von Geh. Ober-Med.-Rat Prof. Dr. M. Kirchner. Heraus¬ 
gegeben vom Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen, 
in dessen Aufträge redigiert von Prof. Dr. R. Kutner. (III, 392S. mit 20 Ab¬ 
bildungen.) gr.-8°. Jena, G. Fischer, 1906. 6 M., geb. n. 7 M. 

•Jaeger, Prof. Dr. Gust.: Tot und Lebendig. Kritisches aus Gesundheitspflege, 
Heilkunst und Lebensith re. Festschrift zum 25 j ähr. Jubiläum von Prof. Dr. 

G. Jaegers Monatsblatt, Zeitschrift für Gesundheitspflege und Lebenslehre. 

Von deren Herausgeber Jaeger. (XII, 136 S.) gr.-8°. Stuttgart, W. Kohl¬ 

hammer, 1906. 2,50 M. 

Kessler, Lehrer Rob.: Kurze Gesundheitslehre. Im Anschluß an die Lehre vom 
menschlichen Körper für einfache Schulverhältnisse zusammeDgestellt. Sechste 
vermehrte Auflage. (VIII, 79 S. mit 20 Abbildungen.) 8°. Langensalza, 

H. Beyer & Söhne, 1906. Bar 0,50 M. 

Klinik, Berliner. Sammlung klinischer Vorträge. Begründet von Proff. Dr. Dr. 
Geb. Räten E. Hahnf und P. Fürbringer. Herausgegeben von Dr. Rieh. 
Rosen. Jahrg. 1906. 212. Heft. Klapp, Oberarzt Privatdozent Dr. R.: Die 
Saugbehandlung. (18 S. mit 12 Abbildungen.) 0,60 M. — 213. Heft. Ten¬ 
holt, Reg.- u. Med.-Rat Dr. A.: Über die Wurrakrankheit der Bergleute 
(Anchylostomiasis). (22 S.) 0,60 M. — 214. Heft. Brühl, Privatdozent Dr. 
Gust.: Die Heilbarkeit der chronischen Mittelohreiterung. (16 S.) 0,60 M. — 
215. Heft. Fromme, Landger.-Dir.: Entgeltliche Übertragung ärztlicher 
Praxis, welches Rechtsgeschäft? Ist es dem Arzt ehrengerichtlich und recht¬ 
lich erlaubt, seine Praxis einem anderen Arzt gegen Entgelt zu übertragen? 
Vortrag. (40 S.) 1,20 M. gr.-8°. Berlin, Fischers med. Buchhandl., 1906. 
Körperkultur. Schriftleiter: Karl Noghe. Oktober 1906 bis September 1907. 
12 Hefte. (1. Heft. 48 S. mit Abbildungen.) Lex.-8°. Berlin, Verlagsgesellschaft 
Corania. Bar 3 M. 

Neumann v. Sohönfeld: Vortragszyklus. II. Bd. Gesundbleiben und Gesund¬ 
werden. Gesellschafts - und Geschlechtsleben. — Allgemeine Hygiene. — 
Erziehung. — Nervosität. — Ernährung. — Kleidung. — Sport. — Neue 


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218 


Neu erschienene Schriften. 


Heilmethoden. — Schule des Willens und Wachsuggestion. (32 S.) gr.-8*. 

Zürich, A. Neumann, 1906. 1,25 M. 

Mattot, A.-P.: La Santä dans le travail, ou 20 legons d’hygiene populaire. in-8\ 

1 vol. J. Lebegue et Co. 1,50 frc. 

Plehn, Reg.-Arzt a. D. t Prof. Dr. A.: Kurzgefaßte Vorschriften zur Verhütung 
und Behandlung der wichtigsten tropischen Krankheiten bei Europäern und 
Eingeborenen für Nichtärzte. (34 S.) 8°. Jena, G. Fischer, 1906. Geb. in 
Leinwand 0,75 M. 

Praxis, Soziale. Zentralblatt für Sozialpolitik. Neue Folge der „Blätter für 
soziale Praxis“ und des „Sozialpolitischen Zentralblatts“. Herausgeber: Prof. 
Dr. E. Francke. Redakteur: Dr. Waldemar Zimmermann. 16. Jahrgang 
Oktober 1906 bis September 1907. 52 Nummern. (Nr. 1, 32 Sp.) 4°. Leipzig, 
Duncker & Humblot. Vierteljährlich bar 3 M., einzelne Nummern nn 0,30 M. 
Profö, Dr. Alice: Lehrbuch der Gesundheitspflege. Zum Gebrauch in den oberen 
Klassen der Volksschule, in Fortbildungsschulen usw. (138 S. mit 4 Tafeln.) 
8°. Berlin, Schall & Rentei, 1906. Geb. in Leinwand 1 M. 
Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde. Medizinisch-chirurgisches Hand¬ 
wörterbuch für praktische Arzte. Herausgegeben vom Geh. Med.-Rat Prof. 
Dr. Alb. Eulenburg. Dritte, umgearbeitete und vermehrte Auflage. 305. 
bis 314. Lieferung. (31. Bd. Enzyklopädische Jahrbücher 14. Bd. Neue Folge: 
5. Jahrgang.) (630 S. mit Abbildungen.) Lex.-8°. Wien, Urban & Schwarzen¬ 
berg, 1907. 15 M., geb. in Halbfrz. n 17,50 M. 

Regenerationsbibliothek. Nr. 2. Peters, E.: Geschlechtsleben und Entartung. 
(36 S.) 0,30 M. — Nr. 3. Derselbe: Anatomie und Physiologie des Nerven¬ 
systems. (Mit 4 Kunstdruck-Bildtafeln und 3 Zeichnungen im Text.) (32 S.) 
0 40 M. — Nr. 4. Derselbe: Die Kulturkrankheit. Wirkungen und Folgen 
der sinnlichen Fehler. Chronische Krankheiten, Nervosität, ihre Entstehung 
und ihr Zusammenhang. (66 S.) 0,60 M. kl.-8°. Köln(-Lindenthal), „ Volks- 
kraft tt -Verlag, 1906. 

Sammlung populär-medizinischer Abhandlungen auf wissenschaftlicher Grund¬ 
lage. 2. Heft. Laaser, Zahnarzt Dr.: Das menschliche Gebiß, seine Pflege 
und Erkrankung. (Mit 13 Abbildungen.) (32 S.) 0,60 M. — 3. Heft. Fliedner: 
Infektionskrankheiten und ihre Verhütung. (94 S.) 1,50 M. 8°. Naunhof, 
Schäfer & Schönfelder, 1906. 

Sohönenberger, Dr. Franz: Lebenskunst — Heilkunst. Ärztlicher Ratgeber für 
Gesunde und Kranke. Unter Mitwirkung von W. Siegert herausgegeben. 
Mit 13 farbigen Tafeln, 233 in den Text gedruckten Abbildungen und einem 
zerlegbaren Modell des menschlichen Körpers. 1. bis 5. Tausend. 2 Bde. (VII, 
1276 S.) gr.-8°. Zwickau, Förster & Borries, 1906. Gebunden 22 M. 
Sohlockow, Dr. Dr. Reg.- u. Geh. Med.-Rat E. Roth, Kreisarzt Med.-Rat A. Lepp- 
mann: Der Kreisarzt. (Neue Folge von: Der preußische Physikus.) Anleitung 
zur Kreisarztprüfung, zur Geschäftsführung der Medizinal beamten und zur 
Sachverständigentätigkeit der Ärzte. Unter Berücksichtigung der Reichs¬ 
und LandeBgeBetzgebung. Sechste, vermehrte Auflage. Bearbeitet von Dr. 
Dr. Reg.- u Geh. Med.-Rat E. Roth und Kreisarzt Med.-Rat A. Leppmann. 

2 Bde. (X, 825 u. Vlil, 391 S.) Lex.-8°. Berlin, R. Schoetz, 1906. 30 M., 
gebunden bar 33,50 M. 

Schoplick, Rhold.: Die land- und forstwirtschaftliche Unfallversicherung im 
Geschäftsbereich der preußischen Kreis- und unteren Verwaltungsbehörden 
(Kreis- und Stadtausschüsse, Landräte, Magistrate) und ihrer Organe (Polizei- 
und Gemeindebehörden, Vertrauensärzte, Vertrauensmänner). (VIII, 97 S.) 
8°. Breslau, Maruschke & Berendt, 1907. Kart. 2 M. 

Siefart, Reg.-Rat H.: Der Begriff der Erwerbsunfähigkeit auf dem Gebiete des 
Versicherungswesens. Im Aufträge des Reichsversioherungsamts für den 


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Neu erschienene Schriften. 


219 


V. internationalen Kongreß für Versicherungs Wissenschaft und IV. inter¬ 
nationalen Kongreß für Versicherungsmedizin in Berlin 1906 bearbeitet. 
(XXIV, 166 S.) gr.-8 f . Berlin, A. Asher & Co., 1906. Bar 3 M. 

Spohr, Oberst a. D.: Gesundheitsbrevier oder Was haben wir zu tun und zu lassen, 
um uns gesund zu erhalten bzw. um gesund zu werden? Grundzüge einer 
populären Gesundheitslehre. 4. bis 8. Tausend. (64 S.) gr.-8°. Gießen, 

A. TöpelmaDn, 1907. 0,50 M. 

Stoepel, Weil. Justizrat Paul: Preußisch - deutscher Gesetzkodex. Ein chrono¬ 
logisch geordneter Abdruck der in der Gesetzsammlung für die kgl. preuß. 
Staaten von 1806, im Bundesgesetzblatt und im Reichsgesetzblatt von 1871 an 
bis auf die neueste Zeit enthaltenen Gesetze, Verordnungen, Kabinetsordres, 
Erlasse usw. mit Rücksicht auf ihre noch jetzige Gültigkeit und praktische 
Bedeutung. Supplement 1904/05 mit Register, bearbeitet von Reg.-Rat Brach. 
(336 S.) gr.-8*. Frankfurt a/0., Trowitzsch & Sohn, 1906. 4 M., gebunden 
in üalbfrz. 6 M. 

Volksschriften über Gesundheitswesen und Sozialpolitik. Herausgegeben im 
Auftrag des Verbandes der Genossenschaftskrankenkassen uud der allgemeinen 
Arbeiterkranken- und -unterstützungskasse in Wien. 7. Bändchen. Verkauf, 
Dr. Leo: Die Regierung im Kampfe gegen die Selbstverwaltung der Kassen. 
Referat. (29 S.) 0,20 M. 8°. Wien, Wiener Volksbuchhandlung, 1906. 
Zeitfragen) Hygienische. II. Stekel, Dr. Wilh.: Die Ursachen der Nervosität. 
Neue Ansichten über deren Entstehung und Verhütung. (50 S.) gr.-8 # . Wien, 
P. Knepler, 1907. 1 M. 

Zeitschrift für Bahn- und Bahnkassenärzte. Herausgegeben und redigiert von 
Chefarzt Dr. Otto Roepke. l.Jahrg. 4. Vierteljahr Oktober—Dezember 1906. 
3 Nummern. (Nr. 13, 24 S.) gr.-8°. Leipzig, J. A. Barth. Bar 1 M. 
Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 53. Bd. 3. Heft. 6 M. — 
Dieselbe, 54. Bd. 1. u. 2. Heft. Leipzig, Veit & Co. 16 M. 

Zeitschrift für Krebsforschung. 4. Bd. 2. Heft. Berlin, Hirschwald. 9 M. 

2. Statistik und Jahresberichte. 

Beitrftge zur Arbeiterstatistik. Nr. 3 bis 5. 3. Tarifvertrag, Der, im Deutschen 
Reich. Bearbeitet im kaiserl. statist. Amt, Abteilung für Arbeiterstatistik. I. 
(VII, 180 S.) 2 M. — 4. Dasselbe, II. (IV, 407 8.) 4 M. — 6. Dasselbe. 
III. (VII, 424 8.) 4M. Lex.-8°. Berlin, C. Heymann, 1906. 8 M., einzeln 10 M. 
Dittmer, Emil: Lohn- und Arbeitsverhältnisse der städtischen Arbeiter Berlins 
1906 bis 1907. (Umschlag: Die 8tadt Berlin und ihre Arbeiter. Ein Beitrag 
zur Sozialpolitik der größten deutschen Gemeinde.) (139 S. mit 1 Tabelle.) 
8*. Berlin, Buchhandlung Vorwärts, 1906 1 M. 

Feld) Dr. Wilhelm: Die Mittelstädte Altpreußens in ihrer Bevölkerungsentwicke¬ 
lung zwischen 1858 und 1900. Mit besonderer Berücksichtigung des Ver¬ 
haltens der beiden Geschlechter und mit Ausblicken auf die Methodik und 
die Ergebnisse der Statistik der Binnenwanderungen im allgemeinen. (VIII, 
152 S.) gr.-8°. Dresden, 0. V. Böhmert, 1906. 2,80 M. 
Gemeindeverwaltung) Die, der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien im 
Jahre 1904. Bericht des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger. (Mit 1 Licht¬ 
druckbilde, 3 Kunstdruck-, 11 Textbildern und 8 Plänen.) (XXVII, 496 S.) 
Lex.-S*. Wien, M. Gerlach und Wiedling, 1906. Geb. in Leinwand nn 6 M. 
Handbuch) Statistisches, für das Königreich Württemberg. Jahrg. 1904 u. 1905. 
Herausgegeben von dem kgl. statist. Landesamt. (X, 254 S. mit 2 farbigen 
Karten.) Lex.-8°. Stuttgart, W. Kohthammer, 1906. Kart, bar 1,50 M. 
Hertel) Dr. Erwin: Das badische Recht der Alters- und Invalidenversicherung 
und seine Durchführung, systematisch dargestellt. (VIII, 116 S.) Lex.-8°. 
Karlsruhe, F. Gutsch, 1906. 2,50 M. 


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220 


Neu erschienene Schriften. 


Jahrbuch| Deutsches meteorologisches, für 1905. Preußen und benachbarte 
Staaten. Herausgegeben vom kgl. preuß. meteorologischen Institut durch 
dessen Direktor Wilhelm v. Bezold. (I. Heft, 88 S.) 4°. Berlin, Behrend 
& Co., 1906. Bar nn 2 M. — Dasselbe für 1905. Württemberg. Heraus- 
gegeben von der kgl. württemb. meteorologischen Zentralstation. Bearbeitet 
von Dr. L. Meyer unter Mitwirkung von Prof. Dr. Mack. (54 S. mit. 2 far¬ 
bigen Karten.) 4°. Stuttgart, J. B. Metzler, 1906. Bar 3 M. 

Jahrbücher, Enzyklopädische, der gesamten Heilkunde. Herausgegeben von 
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Alb. Eulen bürg. 14. Bd. Neue Folge: 5. Jahrg. 
(630 S. mit 79 Abbildungen.) Lex.-8°. Wien, Urban & Schwarzenberg, 1907. 
15 M., gebunden in Halbfrz. n 17,50 M. 

Jahrbücher der hamburgischen Staatskrankenanstalten. Herausgegeben von 
Dirr. Dr. Dr. Prof. Lenhartz, Reye, Deneke, sowie den Ärzten der An¬ 
stalten unter der Schriftleitung von Herrn. Lenhartz. X. Bd. Jahrg. 1905. 
(X, 108 u. 360 S. mit 68 Abbildungen und 27 Tafeln.) gr.-8°. Hamburg, 
L. Voß, 1906. Gebunden in Leinwand 28 M. 

Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten und Bergbehörden für das Jahr 

1905. Mit Tabellen, einer Übersicht über die Gewerbeaufsichtsbeamten, ihr 
Hilfspersonal und die Aufsichtsbezirke, sowie Gesamtregister zu den Be¬ 
richten. Amtliche Ausgabe. 1. bis 3. Bd. (XLIII. 667; VII, 385; X, 451, 219, 
180 und VII, 268, 27, 39, 17, 34, 37, 39, 29, 41, 50, 27, 25, 11, 19. 31, 13, 25, 
31, 55, 35 u. 151 S.) gr.-8°. Berlin, R. v. Decker, 1906. Geb. in Leinwand 
nn 16,40 M. 

Jahresbericht über die Ergebnisse der Immunitätsforschung. Unter Mitwirkung 
von Facbgenossen herausgegeben von Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Weichardt. 
1. Bd.: Bericht über das Jahr 1905. (III, 225 S.) Lex.-8°. Stuttgart, F. Enke, 

1906. 8 M. 

Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer zu Zittau für 1905. (XLIV, 
256 u. 73 8.) gr.-8°. Zittau, Handels- und Gewerbekammer, 1906. (Nur 
direkt.) Bar 3 M. 

Jahresbericht der Handwerkskammer zu Breslau für das Jahr 1905. (VI, 257 S.) 
gr.*8°. Breslau, F. Hirt, 1906. Bar nn 1,50 M. 

Jahresbericht, Pädagogischer, von 1905. Im Verein mit Schuldirektor Eduard 
Balsiger. Seminaroberlehrer E. R. Freytag, Schulrat Dr. Berth. Hart¬ 
mann u. a. bearbeitet und herausgegeben von Kreisschulinspektor Schulrat 
Heinrich Scherer. 58. Jahrgang. (XIV, 638 u. 128 S.) gr.-8°. Leipzig, 
F. Brandstetter, 1906. 12 M. 

Jahres- und Kassenbericht, 17., der Berliner Gewerkschaftskommission und 
Bericht des Arbeitersekretariats Berlin pro 1905. (142 S. mit 3 Tabellen.) 
gr.-8°. Berlin, Buchhandlung Vorwärts, 1906. 1 M. 

Jehle, Sekr., stellv. Vorst. J.: Praktischer Führer durch die deutsche Arbeiter¬ 
versicherung. (VI, 230S.) 8°. Altenburg, St. Geibel, 1906. Geb. in Leinw. 3 M. 

Jahresverzeichnis der schweizerischen Universitätsscbriften 1905/6. — Catalogue 
des eorits academiques suisses 1905/06. (110 S.) gr.-8°. Basel, B. Schwabe, 
1906. Bar f 1,60 M. 

Mitteilungen des bernischen statistischen Bureaus. Jahrg. 1903. 1. Lieferung: 

Statistik, Landwirtschaftliche, des Kantons Bern für die Jahre 1904 u. 1905. 
(II, 177 S.) gr.-8°. Bern, A. Francke, 1906. 1,20 M. 

Mitteilungen des statistischen Amtes der Stadt Dresden. 15. Heft: Verhält¬ 
nisse, Die, des subhastierten Dresdener Hausbesitzes. Ergebnisse einer 
Untersuchung über die Zwangsversteigerungen der Jahre 1904 und 1905. 
(51 S.) Lex.-8°. Dresden, v. Zahn & Jaensch, 1906. nn 1 M. 

Mitteilungen aus den hamburgischen Staatskrankenanstalten. Herausgegeben 
von den Direktoren und Ärzten der Anstalten unter Redaktion von Prof. Dr. 


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Neu erschienene Schriften. 


221 


Lenhartz. VI. ßd. (Wissenschaftlicher Teil der Jahrbücher der hambur- 
gischen Staatskrankenanstalten. X. Bd.) (4. bis 6. Heft. S. 245 bis 375 mit 
14 Figuren, 9 Tafeln u. 1 Tabelle.) Lex.-8°. Hamburg, L. Voss, 1306. 9 M. 
Mitteilungen des statistischen Amtes der Stadt Mönchen. 20. Bd. 2. Heft: 
Bevölkerung, Die, Münchens 1905. Ergebnisse der Volkszählung vom 

1. Dezember 1905. (38 S. mit Fig.) Bar 1 M. — 3. Heft: Wohnungsbestand 
und Mietpreise in München. Ergebnisse der Wohnungszählung vom 1. De¬ 
zember 1905. (32 S.) Bar 1 M. Lex.-8°. München, J Lindauer, 1906. 

Mitteilungen, Medizinal - statistische, aus dem kaiserl. Gesundheitsamte. (Bei¬ 
hefte zu den Veröffentlichungen des kaiserl. Gesundheitsamtes.) 10. Bd. 

2. Heft. (S. 79 bis 211 mit 2 farbigen Karten.) Lex.-8°. Berlin, J. Springer, 
1906. 3 M. 

Mitteilungen, Ungarische statistische. Im Aufträge des kgl. ungar. Handels¬ 
ministers verfallt und herausgegeben vom kgl. ungar. statist. Zentralamt. 
Neue Serie. 17. Bd. (Ungarisch u. Deutsch.) 17. Bd.: Handel, Auswärtiger, 
der Länder der ungarischen Krone im Jahre 1905. (144 u. 444 S.) Lex.-8°. 
Budapest, F. Kilians Nachf., 1906. Geb. in Leinwand nn 6 M. 
Nachrichten, Amtliche, des Reichsversicherungsamts 1906. 1. Beiheft: Aus¬ 
scheiden, Das, der Invalidenrentenempfänger der Jahre 1891 bis 1899 aus 
dem Rentengenuß. Bearbeitet im Reichsversicherungsamt. (XVIII, 137 S. 
mit 1 Tafel) Bar 5 M. — 2. Beiheft: Statistik der Heilbehandlung bei 
den Versicherungsanstalten und zugelassenen Kasseneiuriobtungen der Inva¬ 
lidenversicherung für die Jahre 1901, 1902, 1903, 1904, 1905. Bearbeitet 
im Reichsversicherungsamt (155 S.) Bar 4 M. Lex.-8°. Berlin, A. Atsher 
'& Co., 1906. 

Prinzing, Dr. Frdr.: Handbuoh der medizinischen Statistik. (VII, 559 S.) Lex.-8°. 

Jena, G. Fischer, 1906. 15 M., geb. n 16 M. 

Singer, Dr. Karl: Geburten und Sterbefälle in deutschen Groß- und Mittelstädten 
1891 (1893) bis 1905. Auf Grund der Mitteilungen der beteiligten Städte. 
Herausgegeben vom statistischen Amt der Stadt Münohen. (14 S.) Lex.-Ö°. 
München, J. Lindauer, 1906. Bar 0,30 M. 

Statistik, Breslauer. Im Aufträge des Magistrats der kgl. Haupt- und Residenz¬ 
stadt Breslau herausgegeben vom statistischen Amt der Stadt Breslau. 25. Bd* 

I. Heft: Zur Statistik des Breslauer Grundbesitzes. (XI, 174 u. 12 S. und 
9 Tafeln.) Lex.-8°. Breslau, E. Morgensterns Verlag, 1906. 1,50 M. 

Veröffentlichungen aus den Jahresveterinärberichten der beamteten Tierärzte 
Preußens für das Jahr 1901. 5. Jahrg. Zusammengestellt im Aufträge des 
Vorsitzenden der technischen Deputation für das Veterinärwesen von 
Veterinärrat Nevermann. 2 Teile. (V, 154 und IV, 143 S. mit 18 Tafeln.) 
Lex.-8°. Berlin, P. Parey, 1906. 10 M. 

V erwaltungsberieht der Stadt Nürnberg für das Jahr 1904. Mit den Gemeinde¬ 
rechnungen in summarischer Fassung. Herausgegeben vom Stadtmagistrat. 
(XIV, 648 und 182 S. mit 22 Tafeln und 1 Tabelle.) Lex.-8°. Nürnberg, 

J. L. Schräg, 1906. Bar f 5,40 M. 

Volkakalender, Hygienischer, für das Jahr 1907. Mit Unterstützung bewährter 
Mitarbeiter herausgegeben von Wilhelm Möller. (97 S. mit Abbildungen.) 
kl.-8°. Oranienburg, W. Möller. Bar 0,20 M. 

Zacher, Fr. Gen.-Vors. Dr.: Leitfaden zur Arbeiterversicherung des Deutschen 
Reiches. Neu zusammen gestellt für die internationalen Kongresse für Ver¬ 
sicherungswissenschaft und Versicherungsmedizin in Berlin 1906. Im Auf¬ 
träge des Reichsversicherungsamts bearbeitet von Zacher, fortgeführt unter 
Mitwirkung von Dr. Dr. Gen.-Vors. Geh. Reg.-Rat Prof. L. Lass und Geb. 
Reg.-Rat G. A. Julein. 11. Ausgabe. (47 8. mit Figuren.) gr.-8°. Berlin, 
A. Asher & Co., 1906. Bar nn 0,25 M. 


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222 


Neu erschienene Schriften. 


Zeitschrift des kgl. preußischen statistischen Landesamts. Herausgegeben vom 
Präsidenten Dr. E. Blenck. XXV. Ergänzungsheft. Petersilie, Geh. Reg.- 
Rat Prof. Dr. A.: Mitteilungen zur deutschen Genossenscbaftsstatistik für 1904. 
(IV, 86 u. 96 S.) 4°. Berlin, Verlag des kgl. statist. Landesamts, 1906. 3,80 M. 


3. Wasserversorgung, Entwässerung und Abfuhr. 

Elbuntersuohung, Hamburgische. VIII. (Aus: „Mitteilungen aus dem natur¬ 
historischen Museum in Hamburg“.) VIII. Volk, Rieh.: Studien über die 
Einwirkung der Trockenperiode im Sommer 1904 auf die biologischen Ver¬ 
hältnisse der Elbe bei Hamburg. Mit einem Nachtrag über chemische und 
planktologische Methoden. Mit 2 Tafeln und 1 Karte. (101 S. u. 1 Tabelle.) 
Lex.-8°. Hamburg, L. Gräfe & Sil lern, 1906. 3 M. 

Koepper, Gust.: Die Entwickelung der Müllverbrennung und der Dörr sehe 
Ofen zur Verbrennung von Hausmüll und Straßenkehricht. Herausgegeben 
auf Veranlassung der Stettiner Schamottefabrik, A.-G. (vorm. Didier), zu 
Stettin. (V, 121 S. mit 11 Tafeln.) gr.-8°. Dresden, E. Pierson, 1906. 4 M., 
gebunden n 5 M. 

Voller, Prof. Labor.-Dir. Dr. A.: Das Grundwasser in Hamburg. Mit Berück¬ 
sichtigung der Luftfeuchtigkeit, der Lufttemperatur, der Niederschlagsmengen 
und der Flußwasserstände. 14. Heft, enthaltend Beobachtungen aus dem 
Jahre 1905. (1. Beiheft zum Jahrbuch der hamburgischen wissenschaftlichen 
Anstalten. XXIII, 1905.) (7 S. mit 4 Tafeln.) 4°. Hamburg, L. Gräfe & Sillem, 
1906. 3 M. 


4. Straßen-, Bau- und Wohnungshygiene. 

Aster, Architekt Geo: Eutwürfe zum Bau billiger Häuser für Arbeiter und kleine 
Familien mit Angabe der Baukosten. 12. Aufl. (16 Taf. mit 6 S. Text) 4 # . 
Gera, K. Bauch, 1906. 3 M. 

Aufgaben, Neue, in der Bauordnungs- und Ansiedelungsfrage. Eine Eingabe 
des deutschen Vereins für Wohnungsreform. (XII, 76 S.) gr.-8°. Göttingen, 
Vandenhoeck & Ruprecht, 1906. 1 M. 

Bauordnung, Die allgemeine, für das Großherzogtum Hessen. 4 Teile, ent¬ 
haltend die Änderungen des Gesetzes, die Amtsblätter und Ausschreiben seit 
1882, die Nachträge und Ergänzungen der Ortsbaustatuten, die seit 1895 er¬ 
lassenen Ortsbaustatuten, Baupolizeiverordnungen, mit einem Sachregister, 
fortgeführt vom Bürgermeister Dr. Gl ässing. (XI, 4, 44 u. 658 S.) gr.-8°. 
Maiuz, J. Diemer, 1906. Bar 6 M. 

Birk, Eisenb.-Oberingen. a. D. Prof. dipl. Ingen. Alfr.: Der Wegebau. In seinen 
Grundzügen dargestellt für Studierende und Praktiker. 2. Teil: Eisenbahnbau. 
(VIII, 258 S. mit 178 Abbildungen und 3 lithogr. Tafeln.) Lex.-8°. Wien, 
F. Deuticke, 1906. 7,50 M. 

Damaschke, Adolf: Die Bodenreform und die Lösung der Wohnungsfrage, siehe 
Zeitfragen in Wiss. I. 

Gesetz betr. Bauordnung für das Herzogtum Braunschweig vom 13. März 1899 
nebst Anweisung betr. Sicherheitsvorkehrungen bei Ausführung von Bau- 
und Abbruchsarbeiten vom 20. Januar 1906. Ausführungsbestimmungen zur 
Bauordnung vom 29. September 1899. Zweite revidierte Auflage. (141 S.) kl.-8°. 
Helmstedt, F. Richter, 1906. Kart, bar 1,80 M. 

Gesetzgebung, Sozialpolitische. 1. Heft. Wohnungsaufsicht und Wohnungs¬ 
fürsorge nach der hessischen Gesetzgebung, und zwar: 1. Gesetz, die polizei¬ 
liche Beaufsichtigung von Mietwohnungen und Schlafstellen betr., vom 1. Juli 


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Neu erschienene Schriften. 


223 


1893; 2. Gesetz, die WohnungBfürsorge für Minderbemittelte betr., vom 

7. August 1902, nebst den zugehörigen Vollzugsvorschriften und Ausführungs- 
bestimmungen. Amtliche Handausgabe mit Motiven, Erläuterungen und 
einem Sachregister. Bearbeitet im Auftrag großherzogl. Ministeriums des 
Innern vom Minist.-Sekretär Matthias. (86 S.) gr.-8°. Darmstadt, G. Jong- 
baus, 1906. 1 M. 

Handbuch des Bauingenieurs. Eine vollständige Sammlung der an Tiefbau¬ 
schulen gelehrten technischen Unterrichtsfächer. Herausgegeben von Bauschul¬ 
direktor R. Schöler. III. Bd. Reich, Baugewerkschuldirektor A.: Der 
städtische Tiefbau, umfassend: Die Bebauungspläne, die Befestigungen der 
Straßen, die Reinigung der Straßenflächen und Beseitigung des Kehrichts, 
die Wasserversorgung der Städte, die Entwässerungsanlagen der Städte und 
die Reinigung und Beseitigung städtischer Abwässer. Für den Schulgebrauch 
und die Baupraxis bearbeitet. Mit 386 Textabbildungen und 5 Tafeln. (X, 
223 S.) Lex.-8°. Leipzig, B. F. Voigt, 1907. 6 M., geb. 7,60 M. 

Iiindemann, Dr. H. (C. Hugo): Die deutsche Städte Verwaltung. Ihre Aufgaben 
auf den Gebieten der Volkshygiene, des Städtebaues und des Wohnungs¬ 
wesens. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage. (XIII, 622 S.) gr.-8°. 
Stuttgart, J. H. W. Dietz Nachf., 1906. 

Bost, Dr. Hans: Die Wohnungsuntersuchung in der Stadt Augsburg vom 4. Januar 
bis 24. März 1904. Im Aufträge des Stadtmagistrats durchgeführt und dar- 
gestellt. (VI, 292 S. mit 2 Formularen, 7 farbigen graphischen Tafeln und 
1 farbigen Plan.) Lex.-8°. Augsburg, M. Rieger, 1906. 8,25 M., gebunden 
in Leinwand 9 M. 

Schwarz, Heinrich v.: Über moderne Wohnungen vom Standpunkte der 
Hygiene und des Komforts. (85 S. mit 7 Tafeln.) 8®. Graz, P. Cieslar, 1906. 
nn 1,30 M. 

Siebold, Reg.-Baumstr. a. D. K.: Ein Beitrag zur Lösung der Frage des Klein- 
wohnungswesen. (II, 22 S. mit 2 farbigen Tafeln.) 4°. Bethel bei Bielefeld, 
Buchhandlung der Anstalt Bethel, 1906. 1,50 M. 

Veröffentlichungen des Vereins zur Fürsorge für kranke Arbeiter zu Posen. 

8. Heft. Radomski, Schuir. J.: Das Schlafstellenwesen in Posen. Vortrag. 
(15 S.) gr.-8°. Posen, J. Jolowicz, 1906. 0,40 M. 


5. Schulhygiene. 

Abhandlungen, Pädagogische. 95. Heft. Drewke, H: Die Lehrerinnenfrage. 
(23 S.) — 96. Heft. Bach, Wilh. Karl: Über die Behandlung des Sexuellen 
in der Schule. (15 S.) — 97. Heft. Kropp, Kantor: Praktische Winke für 
Wanderungen von Volksschülern (13 S.). 8°. Bielefeld, A. Helmich, 1906. 
Je 0,40 M. 

Archiv, Internationales, für Schulhygiene. Archives internationales d’hygiene 
scolaire. International magazine of school hygiene, publiees par Dr. Alb. 
Mathieu, ed. by Dr. Sir Länder Brunton. Herausgegeben von Proff. Dr. 
Dr. Axel Johannessen und Herrn. Griesbach. 3 Bde. 4 Hefte. (1. Heft. 
61, 68 u. 20 S.) gr.-8°. Leipzig, W. Engelmann, 1906. Bar 20 M. 

Baur, A., und 0. Frey, Dr. Dr.: Atlas der Krankheiten des Menschen. Beschrei¬ 
bung der wichtigsten Erkrankungen und ihrer Ursachen. Für Schule und 
Haus bearbeitet. 25 feine Farbendrucktafeln mit 78 Abbildungen, 200 S. Text 
mit 96 Abbildungen. (VI u. S. 55 bis 244 u. X S.) gr.-8°. Eßlingen, J. F. 
Schreiber, 1906. Geb. in Leinwand 6,50 M. 

Broesike, Prosektor Dr. Gustav: Die Anatomie, Physiologie und Hygiene des 
menschlichen Körpers. Für den Schulgebrauch gemeinverständlich dar- 


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224 


Neu erschienene Schriften. 


gestellt. (IV, 127 S. mit 11 farbigen Tafeln.) gr.-8. Leipzig, F. C. W. Vogel r 
1906. Geb. 3 M. 

Lorenzen, Ernst: Mit Herz und Hand. Beiträge zur Reform deB Unterrichts 
und der häuslichen Erziehung. (141 S.) 8°. Darmstadt, Verlagsanstalt A. Koch, 
1906. 1,60 M. 

Moses, Dr. Jul.: Die hygienische Ausgestaltung der Hilfsschule. Versuch einer 
systematischen Darstellung der Hilfsschulhygiene. [Aus: „Internat. Archiv 
für Schulhygiene“.] (53 S.) gr. 8°. Leipzig, W. Engelmann, 1906. 1 M. 

Schulkind, Das, in seiner körperlichen und geistigen Entwickelung, dargestellt 
von Dr. Dr. Lucy Hoesch-Ernst und Prof. Ernst Neumann. I. Teil: 
Hoescb-Ernst, Dr. Lucy: Anthropologisch-psychologische Untersuchungen 
an Züricher Schulkindern, nebst einer Zusammenstellung der Resultate der 
wichtigsten Untersuchungen an Schulkindern in anderen Ländern. (165 S. 
mit 29 farbigen und schwarzen Kurventafeln.) Lex.-8°. Leipzig, 0. Nemnich, 
1906. 18 M., geb. bar 20 M.; für Abnehmer der „Experimentellen Pädagogik“ 
bar nn 13.50 M., geb. nn 15 M. 


6. Hospitäler und Krankenpflege. 

Auer, E.: Gründet Ortskrankenkassen! Ein Beitrag zur Vereinheitlichung der 
Arbeiterversioherung. (52 S.) gr.-8°. München, G. Birk & Co., 1906. 0,30 M. 

Ausführungsbestimmungen, Allgemeine, zu dem Gesetze, betr. die Bekämp¬ 
fung übertragbarer Krankheiten, vom 28. August 1905 (Gesetzsamml. S. 373). 
Amtliche Ausgabe. (56 S.) 8°. Berlin, R. Schoetz, 1906. nn 0,50 M. 

Berger, Dr. Paul: Führer durch die Privatheilanstalten. Mit ausführlicher Dar¬ 
stellung der modernen Behandlungsmethoden. Zum Handgebrauch für Ärzte 
und Laien bearbeitet. Zehnte, vollständig umgearbeitete und bedeutend ver¬ 
mehrte Auflage. (106 S. mit Abbildungen.) kl.-8°. Berlin, H. Steinitz, 1906. 2 M. 

Rodari: Die wichtigsten Grundprinzipien der Krankenernährung. München, 
Verlag der ärztlichen Rundschau. 0,60 M. 

Sternberg, Dr. Wilh.: Krankenernährung und Krankenküche. Gesehmack und 
Schmackhaftigkeit. (VIII, 102 S.) Lex.-8°. Stuttgart, F. Enke, 1906. 3,60 M. 

Wautholz, H. A.: Les ambulances et les ambulanciers ä travers les siecles. in- 8°. 
1 vol. J. Lebegue et Co. 3,50 frcs. 


7. Militär- und Schiffshygiene. 

Handbibliothek des Offiziers. 11. Bd. Barthelmes, Stabsarzt Dr.: Grundsätze 
der Militärgesundheitspflege für den Truppenoffizier. Mit 2 bunten Tafeln 
und 12 Abbildungen im Text. (VIII, 146 S.) gr.-8°. Berlin, E. S. Mittler 
& Sohn, 1907. 2,50 M., geb. n 3,50 M. 

Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Militärsanitätswesens. Herausgegeben 
von der Medizinalabteilung des kgl. preußischen Kriegsministeriums. 34. Heft. 
Fischer, Stabsarzt Dr.: Die Lungentuberkulose in der Armee. Im Anschluß 
an Heft 14 dieser Veröffentlichungen bearbeitet. Mit 4 Textfiguren. (V, 72 S.) 
Lex.-8°. Berlin, A. Hirschwald, 1906. 2 M. 

8. Infektionskrankheiten, Bakteriologie und Desinfektion. 

Abel, Geh. Med.-Rat Dr. Rudolf: Bakteriologisches Taschenbuch, enthaltend die 
wichtigsten technischen Vorschriften zur bakteriologischen Laboratoriums¬ 
arbeit. Zehnte Auflage. (VI, 119 S.) kl.-8°. Würzburg, A. Stübers Verlag, 
1906. Gebunden in Leinwand und durchschossen 2 M. 


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Neu erschienene Schriften. 


225 


Anweisungen des Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegen¬ 
heiten zur Ausführung des Gesetzes, betr. die Bekämpfung übertragbarer 
Krankheiten, vom 28. AuguBt 1905 (Gesetzsamml., S. 373). Amtliche Aus- 
gäbe. 9 Hefte. 1. Diphtherie (Rachenbräune). (66 S.) 0,40 M. —- 2. Ge¬ 
nickstarre (übertragbare) (74 S.) 0,50 M. — 3. Kindbettfieber (Wochenbett-, 
Puerperalfieber). (42 S.) 0,30 M. — 4. Körnerkrankheit (Granulöse, Trachom)« 
(49 S.) 0,30 M. — 5. Ruhr, übertragbare (Dysenterie). (78 S.) 0,50 M. — 
6. Scharlach (Scharlachfieber). (64 S.) 0,40 M. — 7. Typhus (Unterleibs¬ 
typhus). (86 S.) 0,50 M. — 8. Milzbrand (beim Menschen). (63 S.) 0,40 M. 
— 9. Rotz (beim Menschen). (61 S.) 0,40 M. kl.-8°. Berlin, R. Schoetz, 1906. 
3,70 M. 

Baohmanxi; Kreisarzt Dr.: Hygienische Reformgedanken auf biologischer Grund¬ 
lage. (XI, 76 S.) gr.-8°. Hamburg, L. Voss, 1906. 1,50 M. 

Cornet, Prof. Dr. G.: Die Tuberkulose. Zweite, vollständig umgearbeitete und 
im Umfang verdoppelte Auflage. Mit 15 Illustrationen, 1 Karte und 5 Tafeln 
in Farbendruck. Zwei Hälften. (XVI, 1442 S.) Lex.-8°. Wien, A. Holder, 
1907. 32 M., in zwei Halbfranzbänden n 37 M. 

Coste de Lagrave. Hygiene alimentaire du tuberculeux. in-8°. A. Maloine. 
7,50 frcs. 

Ebbard, Richard J.: Dyspepsia and Costiveness: Their Cause and Cure. Based 
on Modem Medical Reform Soience and Successful Practical Experience. 
Lucidly Explained for the Purpose of Self-Treatment without Medicine. Cr. 
8vo. pp. 134. L. N. Fowler. net 2/6. 

Local Government Board. No. 238. Report on an Outbreak of Enteric Fever, 
Associated in Some Cases with Cerebro-Spinal Symptoms, at Fincham, in the 
Downham Rural District, Norfolk. 4 d. 

Local Government Board. No. 239. Report upon the Sanitary Circumstances 
and Administration of the Borough of Haverfordwest, and upon the Recent 
Prevelance of Enterio Fever therein. 6 d. 

Guerville, A. B. de: Der Kampf gegen die Tuberkulose. (53 S.) 8°. Leipzig, 
O. Spamer, 1907. 0,50 M. 

Jahrbuch; Klinisches. IV. Ergänzungsband. Denkschrift über die Bekämpfung 
der Granulöse (Körnerkrankheit, Trachom) in Preußen. Bearbeitet in der 
Medizinalabteilung des kgl. preußischen Ministeriums der geistlichen, Unter¬ 
richts- und Medizinalangelegenheiten. (III, 76 S.) gr.-8°. Jena, G. Fischer, 
1906. 2,50 M. 

Kamen; Oberstabsarzt Dr. Ludwig: Prophylaxe und Bekämpfung der Infektions¬ 
krankheiten. Kurzgefaßtes Lehrbuch für Militärärzte, Sanitätsbeamte und 
Studierende der Medizin. (VIII, 380 S. mit 64 Abbildungen und 5 Karten.) 
Lex.-8®. Wien, J. Safär, 1906. 10 M., geb. in Leinwand 11,40 M. 

Kassowita; Prof. Dr. Max: Metabolismus und Immunität. Ein Vorschlag zur 
Reform der Ehrl ich sehen Seitenkettentheorie. (133 S.) gr.-8°. Wien, 

M. Perles, 1907. 4 M. 

Kirstein; Fritz: Die Mitwirkung des Lehrers in der Schule bei der Bekämpfung 
ansteckender Krankheiten. Berlin, J. Springer. 2 M. 

Lehmanns medizinische Handatlanten. X. Bd. Lehmann, K. B. und R. 0. Neu- 
mapn, Proff. Dr. Dr.: Atlas und Grundriß der Bakteriologie und Lehrbuch 
der speziellen bakteriologischen Diagnostik. Vierte, umgearbeitete und ver¬ 
mehrte Auflage. Zwei Teile. (1. Teil: Atlas. 79 farbige Tafeln mit XIII, 
101 S.) 8°. München, J. F.Lehmanns Verlag, 1907. Für vollständig: gebunden 
in Leinwand 18 M. 

Maffre; Dr. R.: La Desinfection dans les petita centres: quelques agents simples 
et öconomiques. in-8°. Ch. Dirion ä Toulouse. 2 frcs. 

Vierteljahnschrift fflr Gesundheitspflege, 1907. 15 


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226 Neu erschienene Schriften. 

Middendorp. Le Bacille de Koch n’est pas lagent pathogene de la tuber- 
culose. in-4°. 1 voL A. Maloine. 4 frcs. 

Moor, Cresacre 6., and Hewlett, Richard Tanner: Applied Baoteriology. An 
Elementary Handbook for the Use of Stndents of Hygiene etc. 3rd ed. 8vo. 
pp. 486, and Plates. Bailiiere, net 12/6. 

Stumpf, Landgerichtsarzt Prof. Dr. Julius: Über ein zuverlässiges Heilverfahren 
bei der asiatischen Cholera, sowie bei schweren infektiösen Brechdurchfällen 
und die Bedeutung des Bolus (Kaolins) bei der Behandlung gewisser Bak¬ 
terienkrankheiten. (V, 62 S. mit 1 Tafel.) Lex.-8°. Würzburg, A. Stübers 
Verlag, 1906. 1 M. 

Tuberkulosearbeiten aus dem kaiserl. Gesundheitsamte. 5. Heft. Heilstätten, 
Deutsche, für Lungenkranke. Geschichtliche und statistische Mitteilungen. 
111. Berichterstatter: Reg.-Rat Dr. Hamei. Mit 7 Tafeln. (V, 295 S.) Lex.-8. 
Berlin, J. Springer, 1906. 18 M., für Abnehmer der Veröffentlichungen des 
kaiserl. Gesundheitsamtes 14,40 M. 

Turner, W. Pickett: Tuberculosis. Its Origin and Extinction. Cr. 8vo., pp. 108. 
Black, net 2/6. 

Zeitschrift für Infectiouskrankheiten, parasitäre Krankheiten und Hygiene der 
Haustiere. Herausgegeben von Proff. Dr. Dr. R. Ostertag, E. Joest und 
K. Wolffhügel. II. Bd. (1. Heft, 112 S.) gr.8°. Berlin, R. Schoetz, 1906. 
Bar 20 M. 


9. Hygiene des Kindes. 

Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung. Beihefte zur „Zeitschrift für 
Kinder forsch ung“. Herausgegeben von Irrenanstaltsdirektor a. D. Med.-Rat 
Dr. J. L. A. Koch, Direktor J. Trüper und Rektor Chr. Ufer. 22. Heft. 
Fiebig, Schularzt Dr. M.: Über Vorsorge und Fürsorge für die intellektuell 
schwache und sittlich gefährdete Jugend. (60 S.) gr.-8°. Langensalza, 

H. Beyer & Söhne, 1906. 0,75 M. 

Buch, Das, vom Kinde. Ein Sammelwerk für die wichtigsten Fragen der Kind¬ 
heit unter Mitarbeit zahlreicher hervorragender Fachleute herausgegeben 
von Adele Schreiber. I. Bd. 1. Abtlg.: Körper und Seele des Kindes. 

I. Lfg. (S. 1 bis 80 mit Abbildungen und 2 [1 farbige] Tafeln.) — I. Bd. 
2. Abtlg.: Die Erziehung. 1. Lfg. (S. 1 bis 80 mit Abbildungen und 12 
[5 farbigen] Tafeln.) — II. Bd. 1. Abtlg.: Öffentliches Erziehungs- und Für¬ 
sorgewesen. 1. Lfg. (S. 1 bis 80 mit Abbildungen.) Lex. -8°. Leipzig, 
B. G. Teubner, 1906. Jede Lieferung 1,40 M. 

Chateau, Un danger menaqant pour la sante publique, la carie dentaire. in-8°. 
1 vol. A. Maloine. 3,50 frcs. 

Cheadley, W. B.: On the Principles and Exact Conditions to be Observed on 
the Artificial Feeding of Infants. 6th ed. Edit and revised by T. G. Poynton. 
Cr. 8vo. pp. 290. Smith, Eider. 5d. 

Hancock, H. Irving: Japanische Gymnastik für Knaben und Mädchen nach dem 
Jiu-Jitsusystem. (XIV, 127 S. und 32 S. mit Abbildungen.) 8°. Stuttgart, 

J. Hoffmann, 1906. 2 M., gebunden bar 2,60 M. 

Hirts, Rektor Arnold: Krippen, Kinderbewahranstalten, Kinderhorte. Ihre 
Bedeutung und Leitung. (79 S.) gr.-8°. Hamm, Breer & Thiemann, 1906. 1 M. 
Jahresbericht über die Durchführung des Kinderschutzgesetzes im Jahre 1905, 
erstattet von den großherzoglioh hessischen Gewerbeinspektionen. Heraus¬ 
gegeben im Aufträge des großherzoglich hessischen Ministeriums des Innern. 
(III, 112 S.) gr.-8°. Darmstadt, G. Jonghaus, 1906. nn 0,65 M. 

Japha, A. und H. Neumann, Dr. Dr.: Die Säuglingsfürsorgestelle I der Stadt 
Berlin. Einrichtung, Betrieb, Ergebnisse. (80 S.) Lex.-8°. Berlin, S. Karger, 
1906. 2 M. 


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Neu erschienene Schriften. 


227 


J ugend, Gesunde. Zeitschrift für Gesundheitspflege in Schule und Heus. Organ 
des allgemeinen deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege. VI. Jahrgang. 
Ergänzungsheft. Verhandlungen der VII. Jahresversammlung des deutschen 
Vereins für Schulgesundheitspflege am 6. und 7. Juni 1906 in Dresden. Heraus¬ 
gegeben von Privatdozent Dr. H. Selter und Oberlehrer K. Roller. (103 S.) 
gr.-8°. Leipzig, B. G. Teubner, 1906. 2,40 M. 

Kind, Das. Monatsschrift für Kinderpflege, Jugenderziehung und Frauenwohl. 
Unter Mitwirkung von Ärzten, Pädagogen und Frauen herausgegeben von 
Dr. Eugen Net er. 1. Jahrgang. Oktober 1906 bis September 1907. 12 Nrn. 
(Nr. 1, 16 S.) Lex.-8°. Hannover, 0. Tobies. Bar 3,50 M. 

Kinderfehler, Die. Zeitschrift für Kinderforschung mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der pädagogischen Pathologie. Im Verein mit IrrenanstaltBdirektor a. D. 
Med.-Rat Dr. J. L. A. Koch herausgegeben von Direktor J. Trüper und 
Rektor Ghr. Ufer. 12. Jahrg. Oktober 1906 bis September 1907. 12 Hefte. 
(1. Heft, 32 S.) gr.-8°. Langensalza, H. Beyer & Söhne. Bar 4 M. 

Legal. No. 516. Burial, England. Order in Counoil under the Burial Acts. 
Needham. 1 d. 

Memory) P.: Etüde sur la mortalite infantile. Thöse. in-8°. G. Stein heil. 3,50 fres. 
Monti, Dir. Prof. Dr. Alois: Kinderheilkunde in Einzeldarstellungen. Vorträge, 
gehalten an der allgemeinen Poliklinik. 24. u. 25. Heft. (Ergänzungsband, 
3. u. 4. Heft.) 24. Künstliche Säuglingsernährung. (S. 125 bis 200.) 2 M. 
— 25. Ernährung und Pflege der Kinder von der Entwöhnung bis zur 
Pubertät. (8.201 bis 238.) 1 M. Lex.-8°. Wien, Urban & Schwarzenberg, 1907. 
Seguin. Traitement moral, hygiene et öduoation des idiots et des autres enfants 
arrieres. in-8°. F. Alcan. 10 fres. 

Therapie, Physikalische, in Einzeldarstellungen. Herausgegeben von Dr. Dr. 
ding. Arzt J. Marcuse und Dozent A. Strasser. 23. Heft. Zappert, 
Privatdozent Dr. Julius: Die physikalische Therapie im Kindesalter. (91 S.) 
Lex.-8*. Stuttgart, F. Enke, 1906. 


10. Variola und Vaccination. 

Bonneoaae, P.: Contribution ä l’ötude de l’hydroa vacciniforme. in-8*. 1 vol. 
Ch. Dirion ä Toulouse. 2 frei. 


11. Geschlechtskrankheiten und Prostitution. 

Berger, Red. Julius: Blutjunge Sündenmädchen. Aus den traurigen Kapiteln: 
Verführung, Prostitution, Lebemänner, Erpressungen. Lehrreiche Informa¬ 
tionen für jedermann zwecks Eindämmung und Bekämpfung der Prostitution. 
Aus den hinterlassenen Papieren des ehemaligen kgl. Polizeileutnants pens. 
Kommissars Hermann Göllnitz in Breslau. (172 S.) 8°. Dresden, F. Casper 
& Co., 1906. Bar 2 M., geb. 3 M. 

Flugschriften der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrank¬ 
heiten. 6. Heft. Kaufmann, Dr. R.: Über Quecksilber als Heilmittel. Vor¬ 
trag. (24 S.) gr.-8*. Leipzig, J. A. Barth, 1906. 0,30 M. 
Galtier-Boissiöre, Dr.: Pour pröserver des maladies veneriennes. in-8°. Lib. 
Larousse. 0,75 frc. 

Hammer, Dr. Wilhelm: Über Dirnentum und Mutterschutz. [Aus: „Monatsschrift 
für Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene".] (24 S.) gr.-8°. Leipzig, Verlag 
der Monatsschrift für Harnkrankheiten, 1906. 1 M. 

Hermann, Primararzt Dr. Josef: Die Geschlechtskrankheiten und ihre Behand¬ 
lung ohne Quecksilber. Sechste Auflage. (II u. 165 S.) gr.-8°. Leipzig, 

H. Hedewigs Nachf., 1906. 3 M., mit Modell des männlichen Körpers 3,60 M. 


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228 


Neu erschienene Schriften. 


Maisonneuve, P.: Experimentation sur la prophylaxie de la syphilis. These. 
in-8°. 1 yol. G. Steinheil. 2,60 frcs. 

Neisser, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A.: Die experimentelle Syphilisforschung nach 
ihrem gegenwärtigen Stande. [Aus: „Verhandlungen der deutschen dermato¬ 
logischen Gesellschaft. Neunter Kongreß in Bern".] (III, 114 S.) gr.-8°. 
Berlin, J. Springer, 1906. 2,40 M. 

Siebert, Dr. F.: Unseren Söhnen! Aufklärung über die Gefahren des Geschlechts¬ 
lebens. (160 S.) 8°. Straubing, C. Attenkofer, 1907. 1,80 M. 

12. Gewerbe- und Berufshygiene. 

Arbeitersohutz und Gewerbeinspektion. Herausgegeben von der kgl. württem- 
bergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel. (IV, 98 S.) 8°. Stuttgart, 
K. Wittwer, 1906. Kart. 0,80 M. 

Arbeitersekretariat, Das Leipziger, und die Leipziger Gewerkschaften im 
Jahre 1905. Zweiter Jahresbericht des Sekretariats. (84 S. mit 1 Tabelle.) 
gr.-8°. Leipzig, Leipziger Buchdruckerei, 1906. 0,60 M. 

Arbeiter Versicherung, Die deutsche, als soziale Einrichtung. Dritte Auflage, 
im Aufträge des Reich sversicherungsamtes für den V. internationalen Kongreß 
für VersicherungswiBsenschaft und den IV. internationalen Kongreß für Ver¬ 
sicherungsmedizin in Berlin 1906, bearbeitet von A. Bielefeldt, K. Hart¬ 
mann, G. A. Klein, L. Lass, F. Zahn. (160 S.) gr.-8°. Berlin, A. Asher 
& Co., 1906. Bar 2 M. 

Bibliothek der gesamten Technik. 14. Bd. Holitscher, Dr. A.: Gewerbliche 
Gesundheitslehre. Gemeinverständlich dargestellt. (173 S. mit 36 Abbildungen.) 
kl.-8°. Hannover, Dr. M. Jänecke, 1907. 2,20 M., geb. in Leinwand 2,60 M. 

Fortschritt, Sozialer. Hefte und Flugschriften für Volkswirtschaft und Sozial¬ 
politik. Unter Mitwirkung erster Sachkenner für Gebildete aller Kreise ge¬ 
schrieben. 79. Heft. Kollenscher, Rechtsanwalt Dr. Max: Heimarbeit. 
(20 S.) 8*. Leipzig, F. Dietrich, 1906. Jede Nr. 0,25 M., für die Reihe von 
10 Nrn. 1,50 M. 

Jahresbericht der großherzoglich hessischen Gewerbeinspektionen für das Jahr 

1905. Herausgegeben im Aufträge des großherzoglichen Ministeriums des 
Innern. (VIII, 268 S.) gr.-8°. Darmstadt, G. Jonghaus, 1906. 1 M. 

Köhler, San.-Rat Dr. J.: Die Stellung des Arztes zur staatlichen Unfallversiche¬ 
rung. Vier Vorlesungen. (VI, 102 S.) Lex.-8°. Berlin, A. Hirschwald, 

1906. 2 M. 

Leontief, Dr.Wassilij: Die Lage der Baumwollarbeiter in St. Petersburg, die 
Geschichte der Industrie und die Fabrikgesetzgebung. (IV, 114 S.) gr.-8°. 
München, E. Reinhardt, 1906. 2,50 M. 

Bund, Ingen. Bernhard: Die Gefahren der Rauchplage und die Mittel zu ihrer 
Abwehr. Ein Mahnwort zur Kohlenverschwendung. Vortrag. [Aus: „Monats¬ 
schrift für Gesundheitspflege".] (14 S.) Lex.-8°. Wien, M. Perles, 1907. 1 M. 

Stange, Maschinenbauingenieur Dampfkesselinspektor Max: Die Rauchbelästi¬ 
gung und deren Bekämpfung. (III, 98S.) 8°. Teplitz-Schönau, A. Becker, 
1906. 2 M. 

UnfallverhütungsVorschriften, Die, der Berufsgenossenschaft der chemischen 
Industrie. Anhang: Bekanntmachungen betr.: 1. Anlagen zur Herstellung 
von Alkalichromaten; 2 . Anlagen zur Herstellung von Bleifarben und anderen 
Bleiprodukten; 3. Anlagen zur Vulkanisierung von Gummiwaren; 4. Anlagen, 
in denen Thomasscblacke gemahlen oder Thomasschlaokenmehl gelagert 
wird. Vierte Auflage. (268 S.) kl.-8°. Berlin, C. Hey mann, 1906. 1,20 M., 
geb. 1,60 M. 


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Neu erschienene Schriften. 


229 


Zeitfragen, Volkswirtschaftliche. Vortrage und Abhandlungen. Herausgegebeu 
von der volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Berlin. 28. Jahrgang. 222. Heft. 
Hahn, Oberleutnant a. D.: Der industrielle Arbeitslohn. Vortrag. (41 S. mit 

1 eingedruckten Kurve.) gr.-8°. Berlin, L. Simion Naohf., 1906. Einzelpreis 1 M. 

13. Nahrungsmittel. 

Czerny, Jos.: Der Mensch und seine Nahrung. Vorträge und Ergänzungen hierzu, 
gehalten im deutsch - mährischen Volksbildung!verein in Brünn. (29 S. mit 

2 Tabellen.) gr.-8°. Brünn, C. Winiker, 1906. 0,80 M. 

Ergebnisse, Die, der Schlachtvieh- und Fleischbeschau im Deutschen Reiche im 
Jahre 1904. Bearbeitet im kaiserl. Gesundheitsamte. (HI, 136 S.) 4°. Berlin, 
J. Springer, 1906. 5 M. 

Franke, Erwin: Kaffee, Kaffeekonserven und Kaffeesurrogate. Darstellung des 
Vorkommens und der Zubereitung von Bohnenkaffee, der Erzeugung von 
Konserven aus Kaffee und der verschiedenen Kaffeesurrogate aus Feigen, 
Getreide, Malz usw. (VIII, 221 S. mit 32 Abbildungen.) 8*. Wien, A. Hart¬ 
leben, 1907. 3 M., geb. 3,80 M. 

Koning, C. J.: Biologische und biochemische Studien über Milch. Aus dem 
Niederländischen übersetzt von Dr. Johannes Kaufmann. 1. Heft. (IV, 
131 S.) gr.-8°. Leipzig, M. Heinsius Nachf., 1906. 3 M. 
Lebensmittelbuch, Schweizerisches. Methoden für die Untersuchung und Normen 
für die Beurteilung von Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen. Im Auf¬ 
träge des schweizerischen Departements des Innern bearbeitet vom schweize¬ 
rischen Verein analytischer Chemiker. Zweite, revidierte Auflage. Dritter 
Abschnitt. Fleisch und Fleischwaren, Getreide und Hülsenfrüchte, deren 
Mahlprodukte und Stärkemehle, Brot, Teigwaren, Kindermehle, Gewürze, 
Kaffee und Kaffeesurrogate, Tee, Kakao unnd Schokolade. (IX, 95 S.) gr.-8°. 
Bern, Neukomm & Zimmermann, 1906. 2,60 fres. 

Legal. Nr. 573. Excise. British Wines, Sweets, or made Wines. Regulations, 
dated August 8, 1906, made by the Commissioners of Inland Revenue under 
Section 7 (2) of the Revenue Act, 1906, as to Licences to be taken out by 
Manufacturers for Sale, and also as to the Manufacture for Sale, of British 
Wines, or Sweets, or Made Wines. 1 d. 

Michaelis, Ad. Alf.: Die Milch. Ein großes Nahrungs- und Heilmittel. (XIII, 
190 S.) gr.-8°. Stuttgart, Verlags- und Handelsdruckerei H. Bleher, 1906. 
Gebunden 4 M. 

Ostertag, Prof. Dr.: Leitfaden für Fleischbeschauer. Eine Anweisung für die 
Ausbildung als Fleischbeschauer und für die amtlichen Prüfungen. Neunte, 
neubearbeitete Auflage. (XII, 275 S. mit 186 Abbildungen.) gr.-8°. Berlin, 
R. Schoetz, 1906. Gebunden in Leinwand 6,50 M. 

Raumer, II. Direktor Prof. Eduard v., und Oberinspektor Eduard Spaeth, Dr. 
Dr.: Die Vornahme der Lebensmittelkontrolle in Stadt- und Landgemeinden. 
Ein Führer für die mit der Vornahme der Lebensmittelkontrolle betrauten 
Behörden. (X, 213 S.) 8°. München, C. H. Beck, 1907. Geb. in Leinw. 3 M. 
Röttger, Dr. W.: Genußmittel — Genußgifte? Betrachtungen über Kaffee und 
Tee auf Grund einer Umfrage bei den Ärzten. Mit einem Vorwort von Geh. 
Med.-Rat Prof. Dr. Alb. Eulenburg. (98 S.) 8*. Berlin, E. Staude, 
1906. 1 M. 

Rokitansky, Marie v.: Die österreichische Küche. Eine Sammlung selbst¬ 
erprobter Kochrezepte für den einfachsten und den feinsten Haushalt, nebst 
Anleitungen zur Erlernung der Kochkunst. Vierte Auflage. 14. bis 16. Tausend. 
Vielfach vermehrt und verbessert. Mit 32 Textillustrationen und 6 Tafeln. 
(X, 606 S.) gr.-8°. Innsbruck, A. Edlinger, 1906. Geb. in Leinwand 5 M. 


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230 


Neu erschienene Schriften. 


14. Alkoholismus. 

Alkoholgegner, Der. Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitte. Heraus¬ 
geber und Schriftleiter: Dr. Rösler und Otto de Terra. 4. Jahrg. Oktober 
1906 bis September 1907. 12 Nrn. (Nr. 1, 24 S.) Lex.-8°. Reichenberg i/B., 
Schloßgasse 3, Verwaltung des Alkoholgegner. Bar 2,60 M. 

Baer, Geh. Med.-Rat A., und B. Laquer, Dr. Dr.: Die Trunksucht und ihre 
Abwehr. Beiträge zum gegenwärtigen Stande der Alkoholfrage. Zweite, 
umgearbeitete Auflage. (VII, 242 S.) Lex.-8°. Wien, Urban & Schwarzen¬ 
berg, 1907. 6 M., geb. n 7,60 M. 

Bartning, Rechtsanwalt Adolf: Was haben die Abstinenten den Gebildeten zu 
sagen? Vortrag. (16 S.) 8°. Flensburg, Deutschlands Großloge II, 1906. 0,15 M. 

Matthaei, Oberstabsarzt a. D. Dr.: Die Milderung der modernen Entartung durch 
Beschützung der Jugend vor der Alkoholgewöhnung. (12 S.) 8°. Flensburg, 
Deutschlands Großloge II, 1906. 0,15 M. 

Petersen, J.: Der Alkohol. Kurz gefaßte, übersichtliche Darstellung der Alkohol¬ 
frage mit besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse der Schule. Mit Ab¬ 
bildungen und graphischen Darstellungen. 4. bis 13. Tausend. (24 S. mit 
1 Tafel.) 8°. Kiel, R. Cordes, 1906. Bar 0,40 M. 

Basier, Dr. Gustav: Enthaltsamkeit von geistigen Getränken als soziale Pflicht. 
(8 S.) 8°. 0,5 M. — Leitsätze zur Alkoholfrage. Zweite Auflage. (8 S.) 8°. 
0,9 M. Reichenberg i/B., Schloßgasse 3, Verwaltung des „ Alhoholgegner“, 1906. 

Sinapius, Dr.: Über ein zweckmäßiges Volksgetränk. [Aus: „Der Kinderarzt.“] 
(3 S.) gr.-8°. Leipzig, B. Konegen, 1906. Bar 1 M. 

Stubenvoll, Dr. Frdr. B.: Alkoholismus und Tuberkulose. Ausgabe A. (1. bis 
5. Tausend.) Herausgegeben vom Deutschen Arbeiterabstinentenbund. Nr. 12. 
(16 S.) kl.-8°. Berlin, Buchhandlung des deutschen Arbeiterabstinenten¬ 
bundes, 1906. 0,10 M. 

Weise, Dr. J.: Der Streit ums Gläschen Bier. Ein Wort zur Klärung und Beruhi¬ 
gung. (10 S.) gr.-8°. München, Seitz & Schauer, 1906. 0,10 M. 


15. Verschiedenes. 

Borgstette, Med.-Rat, pharmazeut. Assessor, ApothekenbeB. O.: Die Apotheken- 
gesetze in Preußen. Zusammengestellt zum Gebrauche für Apotheker, Revi¬ 
soren, Kreisärzte und Studierende der Pharmazie. Neu bearbeitet und 
herausgegeben. Vierte, vermehrte Auflage. (VII, 370 S.) 8°. Münster, 
Coppenrath, 1906. Geb. in Leinwand 5 M. 

Celsus, Aulus Cornelius: Über die Arznei Wissenschaft. In 8 Büchern. Übersetzt 
und erklärt von Eduard Scheller. Zweite Auflage. Nach der Textausgabe 
von Daremberg neu durchgesehen vom ehemaligen Assistenten Walther 
Friboes. Mit einem Vorworte von Prof. l)r. R. Kobert. Mit einem Bildnis, 
26 Textflguren und 4 Tafeln. (XLII, 862 S.) gr.-8°. Braunschweig, Friedr. 
Vieweg & Sohn, 1906. 18 M., geb. 20 M. 

Ekstein, Dr. Emil: Über die amtliche Herausgabe neuer Dienstanweisungen für 
Hebammen. [Aus: „Der Frauenarzt“.] (5. S.) gr.-8°. Leipzig, B. Konegen, 
1906. Bar 1 M. 

Erste Hilfe-Taschenkalender. 1907. 8. Jahrgang. 1. Die erste Hilfe bei Un¬ 
fällen und plötzlichen Erkrankungen. 2. Ärztliche Ratschläge bei kleinen 
und großen Leiden. (79 S.) 9,9 X 5,8 cm. München, Seitz & Schauer, 1906. 
0,15 M. 

Esch, Dr.: Die Stellungnahme des Arztes zur Naturheilkunde. Eine objektive 
Kritik von Naturheilkunde und Schulmedizin nebst Beiträgen zu einer biolo¬ 
gischen Heillehre. Mit einem Geleitwort von Dr. Chr. Diehl. Zweite, um- 


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Neu erschienene Schriften. 231 

gearbeitete Anflage. (22 S.) gr.-8 f . München, Verlag der ärztl. Rundschau, 
1906. 0,40 M. 

Gerling, Reinh.: Der vollendete Mensch. Die Kunst, harmonische Leibesbildung, 
gesunden Organismus, sympathisches Äußere und körperliche Kraft zu ent¬ 
wickeln und dauernd zu erhalten. Mit 72 Illustrationen und 1 Übungstafel. 
Zweite, erweiterte Auflage. (VII, 188 S.) gr.-8°. Berlin, Buchhandlung und 
Verlag „Der Naturarzt“, 1906. 8 M., geh. 4 M. 

Good, Ehemal. Marinearzt Dr. Paul: Hygiene und Moral. Eine zeitgemäße Studie. 
Aus dem Französischen von Prof. E. Mazerolle. (XII, 58 S.) kl.-8*. Stra߬ 
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Gr&semann, Paul: Lebensversicherung und Ärzte. (77 S.) 8°. Berlin, Herrn. 
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Greenwich Observatory. Temperature of the Air as determined from the 
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H&berlin, Dr. H.: Staatsarzt- oder Privatarztsystem? Wirkt das Privatarztsystem 
wirklich antisozial und ist der Übergang zum Staatsarztsystem wünschbar 
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Handausgabe der österreichischen Gesetze und Verordnungen. 64. Heft. Busch¬ 
mann, Dr. Max Frhr. v.: Gesetze, betr. die Abwehr und Tilgung anstecken¬ 
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Entscheidungen des k. k. Obersten Gerichts- und Kassationshofcs. Neu 
bearbeitet von Dr. Fritz Zadnik. (XIII, 690 S.) 1906. 6 M. 

Jacobson, Kreisarzt Med.-Rat Dr. G.: Leitfaden für die Revisionen der Arznei¬ 
mittel-, Gift- und Farbenhandlungen, zum Gebrauch für Medizinalbeamte, 
Apotheker, Drogisten und Behörden. Dritte, mit Berücksichtigung der kaiserl. 
Verordnung, der letzten Bestimmungen und Gerichtsentscheidungen umgear¬ 
beitete Auflage. (IV, 211 S.) kl.-8°. Berlin, Fisohers medizin. Buchhandl., 

1906. Geb. in Leinwand 4 M. 

Jahresbericht über das Veterinär wesen in Ungarn. Herausgegeben vom kgl. 
ungarischen Ackerbauminister. 16. Jahrgang 1904. (Nach dem 18. Jahrgang 
der ungarischen Originalausgabe.) Publikationen des kgl. ungarischen Acker¬ 
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Kade, Landgerichtsrat Karl: Die Ehrengeriohtsbarkeit der Ärzte in Preußen. 
Eine Bearbeitung des Ehrengerichtsgesetzes und der veröffentlichten Ent¬ 
scheidungen des ärztlichen Ehrengerichtshofes. (VI, 133 S.) Lex.-8°. Berlin, 
A. Hirschwald, 1906. 2,60 M. 

Köhler, E.: Die Anwendungsformen des Naturheilverfahrens. Unterrichtsbriefe 
über Gesundheitspflege und Naturheilkunde. (III, 212 S. mit Abbildungen.) 
gr.-8°. Berlin, Buchhandlung und Verlag „Der Naturarzt“, 1906. 3 M., 

geb. 4 M. 

Koch, Bezirksobertierarzt Dozent Alois: Lehre von den gesunden und kranken 
Haustieren. (Landwirtschaftliche Veterinärkunde.) 1. Teil, Gesundheitslehre, 
enthaltend: Formenlehre (Morphologie), Gesundheitslehre (Hygiene), sowie 
Geburtshilfe und Exterieur der landwirtschaftlichen Haustiere. (VI, 314 S. 
mit 284 Abbildungen und 6 Tafeln.) Lex.-8°. Wien, M. Perles, 1907. 6 M., 
gebunden n 7 M. 

Lilienthal, Landw. Wintersch.-Dir. Dr.: Gesundheitspflege der landwirtschaft¬ 
lichen Haussäugetiere. Ein Lehrbuch für den Unterricht an landwirtschaft¬ 
lichen Lehranstalten und zum Selbstunterricht. Zweite, unveränderte (Titel-) 
Auflage. (VIII, 85 S. mit 6 Abbildungen.) 8°. Bautzen, E. Hübner, (1901), 

1907. Geb. in Leinwand 1 M. 

Peters, E.: Geschlechtsleben und Nervenkraft. 1. Bd. Die Entartung und ihre 
Ursachen und Wege zur Wiedergeburt von Gesundheit, Lebenskraft und 


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232 


Neu erschienene Schriften. 


Lebensfreude. (XII, 192 S.) 8°. Köln(-Lindenthal), „Volkskraft“-Verla*, 1906. 
1,80 M., geb. n 2,50 M. 

Pudor, Katechismus der Nacktkultur. Leitfaden för Sonnenbäder und Nacktpflege. 
1. bis 10. Tausend. (83 S. mit Abbildungen.) kl.*8°. Berlin-Steglitz, H. Pndor, 
1906. Kart. 0,95 M. 

Rh&n, Cäsar: Das gesunde nnd kranke Haustier. II. Bd. Großtiere: Pferde, 
Kinder, Schweine und Schafe; ihre Zucht und Pflege, sowie naturgemäße 
Behandlung in gesunden und kranken Tagen. Die 1 Jung Viehzucht ohne Ver¬ 
loste. Anhang: Nutzanwendung der natürlichen Heilfaktoren für den Menschen. 
(526 S. mit 250 Illustrationen.) gr.~8°. Stuttgart, Th. Nädelin, 1906. Geb. in 
Leinwand bar 5 M. 

Schreiber, Dr. E. CI: Arzneiverordnungen für den Gebrauch des praktischen 
Arztes. Siebente Auflage. Geb. in Leinwand 3 M. 

Ullmann, Privatdozent Dr. Karl: Znr Rasierttubenhygiene. Beiträge zur Ent¬ 
stehung infektiöser Hauterkrankungen im Bereiche des Gesichtes nnd der 
Kopfhaut in Rasierstuben und Vorschläge zu deren Vorbeugung. [Ans: „Allg. 
Wiener med. Ztg.“] (88 S.) gr.-8°. Wien, W. Braumüller, 1906. 2 M. 

Vogl, Aug. v., und Ernst Ludwig, Hofräte Proff. Dr. Dr.: Kommentar zur achten 
Ausgabe der österreichischen Pharmakopoe. Ein Handbuch für Apotheker, 
Drogisten, Sanitätsbeamte und Ärzte. 3. Bd.: Text der aohten Ausgabe in 
deutscher Übersetzung. Zweite Auflage. (XVI, 281 8.) Lex.-8°. Wien, 

K. Gerolds Sohn, 1906. 10 M., geb. in Halbfrz. n 12,50 M. 


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Dr. Solbrig, Schulhygienische Betrachtungen. 


233 


Schulhygienische Betrachtungen. 

Von Dr. Solbrig, Regierung«- und Medizinalrat in Allenstein. 


Als ich früher in Liegnitz tätig war, hatte ich über die hygienischen 
Zustände von 206 Schalen aus vier Kreisen des Regierungsbezirkes Liegnitz 
berichtet. Das gewonnene statistische Material stammte zum größten Teil 
aus den Angaben der betreffenden Lehrer, auf Grund eines von mir ent¬ 
worfenen Fragebogens. 

Es schien mir nun der Mühe wert zu sein, ähnliche Untersuchungen 
in dem Regierungsbezirk Arnsberg, in dem ich als Hilfsarbeiter bei der 
Königlichen Regierung unter anderem auch die schulhygienischen Sachen 
zu bearbeiten hatte, anzustellen. Das Material, das hier zu verarbeiten war, 
beruhte insofern auf sichererer Grundlage als jenes aus dem Bezirk Liegnitz f 
als es den durch das Kreisarztgesetz vorgeschriebenen kreisärztlichen Schul¬ 
besichtigungsprotokollen entstammte. Des weiteren war bei Bearbeitung 
deB Materials zu erwarten, daß es gelingen würde, zu zeigen, welche Bedeu¬ 
tung diese kreisärztlichen Besichtigungen zur Verbesserung der hygienischen 
Zustände der Schulen haben, nebenbei auch den einen oder anderen Vor¬ 
schlag zur Änderung des Besichtigungsschemas zu machen. 

Leider war es mir infolge meiner Versetzung von Arnsberg nicht mög¬ 
lich, die Arbeit in dem Umfange zu verfassen, als ursprünglich geplant war, 
nämlich ein möglichst vollständiges Bild von dem Zustande der Schulen des 
genannten Bezirks auf Grund der seit dem Jahre 1901 bis in die Gegenwart 
vorgenommenen Besichtigungen zu geben. Die nachfolgenden Beschreibungen 
erstrecken sich auf 363 Schulen mit 996 Klassenräumen, die wieder sich auf 
drei Stadt- und neun Landkreise des Bezirks verteilen; es sind danach kaum 
ein Viertel sämtlicher im Bezirk vorhandenen Schulen, die hier zum Gegen¬ 
stand der Besprechung gemacht werden. Wenn man somit das hier ge¬ 
wonnene Resultat auch nicht als ein getreues Spiegelbild der Arnsberger 
Schalen überhaupt ansehen kann, so dürfte es doch zulässig sein, da die 
hier zur Verarbeitung kommenden Schulen nicht nach bestimmten Prinzipien 
ausgewählt wurden, sondern gewissermaßen als Stichproben größeren Um¬ 
fanges gelten können, daraus einen ungefähren Maßstab für die tatsächlichen 
Zustände zu gewinnen. 

Mein Material setzt sich zusammen aus 28 Schulen dreier großer Stadt¬ 
kreise und aus 335 Schulen von neun Landkreisen. Da die Namen der 
Kreise und Schulen hier nicht interessieren, werden sie fortgelassen. Von 
den neun Landkreisen sind in allgemeiner Hinsicht einige ganz oder größten¬ 
teils landwirtschaftliche, einige größtenteils industrielle, der Rest als ge¬ 
mischte zu bezeichnen; es überwiegen im ganzen die Schulen aus Industrie¬ 
gegenden, wie dies im großen auch für den ganzen Regierungsbezirk zutrifft. 
Es soll davon abgesehen werden, die Schulen nach den einzelnen Kreisen 
getrennt zu beschreiben; ich halte es nur für erwünscht, die Schulen der 

'Vierteljahreschriit für Gesundheitspflege, 1907. 15 


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234 


Dr. Solbrig, 


Stadtkreise denen der Landkreise gegenüberzustellen, da zwischen diesen 
beiden Gruppen gewisse Unterschiede von vornherein anzunehmen sind. 
Noch ist zu bemerken, daß sämtliche Schulen Volks- und vereinzelt soge¬ 
nannte Rektoratsschulen, jedenfalls keine höheren Schulen sind. 

Nach diesen Vorbemerkungen wenden wir uns zur Besprechung der 
Einzelheiten. Unter Zugrundelegung des Schemas „Übersicht über das 
Ergebnis der kreisärztlichen Besichtigung u kommen wir zuerst zu dem 

Schulgebäude. 

Unter Punkt 1 der Übersicht soll die „Lage, Umgebung, Beschaffenheit 
und Größe des Schulgebäudes“ beschrieben werden. Eine besondere Frage 
bezieht sich außerdem auf etwa in der Nähe befindliche „übelriechende, 
schädliche Ausdünstungen oder störendes Geräusch“. Dieser Punkt erfährt 
nun nach meinen Erfahrungen vielfach nicht die genügende Beachtung bei 
der Beantwortung. Das mir vorliegende Material aus den 363 Schulen ge¬ 
stattet folgende Zusammenstellung: 

Die Lage war eine freie bei 178, eine größtenteils umbaute bei 
52 Schulen, während die Angaben hierüber aus 133 Schulen fehlen; natur¬ 
gemäß besteht ein Unterschied zu Ungunsten der größeren Städte, in denen 
von 28 Schulen 11 eine freie, 16 eine umbaute Lage haben, während die 
entsprechende Angabe bei einer Schule fehlt. — Weitere Angaben über die 
Lage (ob an der Straße, in der Mitte oder am Rande des Ortes und der¬ 
gleichen mehr) werden nur so selten gemacht, daß eine Zusammenstellung 
wegen allzugroßer Lücken unterbleiben muß. 

Auch wird bezüglich der Umgebung nur ganz vereinzelt etwas be¬ 
sonderes berichtet, abgesehen von der Frage nach den etwaigen Störungen 
durch Geräusche usw., wovon gleich die Rede sein wird. 

Die Beschaffenheit des Schulgebäudes wird insofern kurz angegeben, 
als manche Schulhäuser als neu und gut, andere als besonders alt und 
schlecht bezeichnet werden. Ganz vereinzelt finden sich Angaben über das 
Alter deB Schulgebäudes bzw. das Jahr der Erbauung. Die Frage hiernach 
ist in dem Fragebogen nicht angegeben, doch dürfte ihre Aufnahme gerecht¬ 
fertigt sein. Wohl zu den ältesten Schulgebäuden gehört eins vom Jahre 
1684, das im übrigen verhältnismäßig noch leidlich beschaffen ist. 

Unter den 363 Schulgebäuden sind als alt und schlecht 32 (= 8,7 Proz.) 
bezeichnet, darunter befindet sich keins aus den drei Stadtkreisen. Natür¬ 
lich ist damit nicht gesagt, daß die anderen Schulgebäude keine Mängel auf¬ 
zuweisen hätten; von diesen 32 ist jedoch anzunehmen, daß sie nach ihrer 
ganzen Beschaffenheit durch Neubauten zu ersetzen sind, um den hygie¬ 
nischen Anforderungen genügen zu können. Als ausdrücklich neu und gut 
werden im ganzen 113 Schulgebäude bezeichnet (darunter 10 von den 32 
Schulen der Stadtkreise), das sind also 31,2 Proz.; dies Ergebnis kann als 
ein günstiges bezeichnet werden. Die Frage nach der Größe des Schul¬ 
gebäudes wird meist gar nicht beantwortet; auf Grund seiner Besichtigung 
dürfte Bich der Kreisarzt auch schwer darüber äußern können. Erwünscht 
wäre es, wenn ein genauer Lageplan mit Maßstab dem Besichtigungs¬ 
protokoll beigefügt werden könnte; doch wird der Kreisarzt nicht in der 
Lage sein, einen solchen zu erhalten. 


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Schulhygienische Betrachtungen. 235 

Unter störenden Einflüssen durch übelriechende, schädliche Aus¬ 
dünstungen oder störendes Geräusch haben nach den Angaben im 
ganzen 57 Schulen (= 18,5 Proz.) zu leiden, und zwar werden gestört 
durch: 



Schulen der 

Stadtkreise | übrigen Kreise 

Ausdünstungen und Geräusche.' 

S 2 

6 

Ausdünstungen bzw. Staub. 

2 

23 

Lärm. 

5 

19 

zusammen 

9 

48 


Wie natürlich, leiden also die Schulen in den größeren Städten in er¬ 
höhtem Maße unter diesen Einflüssen. Die üblen Ausdünstungen werden 
meist durch nahe beflndliche Aborte und Düngerstätten verursacht; als ein 
Kuriosum sei angeführt, daß in zwei Schulen hier und da unangenehmer 
Geruch durch Leichen, die in dem der Schule benachbarten Spritzenhause 
untergebracht werden, entstehen soll! Die störenden Geräusche werden 
durch Fabriken, Eisenbahnen, Schmiede- und ähnliche Werkstätten, in den 
Städten auch durch Fuhrwerke auf den Straßen verursacht. 

Unter den 363 zu Scbnlzwecken dienenden Gebäuden sind sechs, die 
ursprünglich zu einem anderen Zwecke erbaut, und in denen nur provi¬ 
sorisch eine bis sechs Klassen untergebracht sind. Unter diesen sind zwei 
Rathäuser mit je einer Klasse, eine Kapelle mit einer Klasse, eine Scheune 
mit einem über dem Viehstall untergebrachten Klassenzimmer, zwei Privat¬ 
häuser mit einem bzw. sechs Klassenzimmern. In letzterem Fall findet diese 
an sich nicht gutzubeißende Einrichtung noch dadurch eine besondere Ver¬ 
schlechterung, daß in dem Mietshause noch fünf Familien wohnen. 

Wir kommen zu Punkt 2 der Übersicht: Konstruktion des Ge¬ 
bäudes. Von den hier gestellten Fragen findet die nach der Sicherung 
gegen durchdringenden Schlagregen und aufsteigende Feuchtigkeit eine un¬ 
vollkommene Beantwortung; naturgemäß, denn bei der Besichtigung durch 
den Kreisarzt läßt sich wohl nie genau feststellen, ob das Gebäude in dieser 
Weise gesichert ist. Die Angaben, die man in dieser Beziehung von dem 
Lehrer oder Schulvorstand bekommt, wollen auch in der Regel nicht viel 
bedeuten. Einfacher wäre die Beantwortung, wenn die Frage lautete: Sind 
die Mauern trocken oder feucht? Wovon die etwa gefundene Feuchtigkeit 
der Wände herrührt, und wie dem abzuhelfen ist, ist nachher Sache des 
Baubeamten. Ferner hat die hier gestellte Frage nach der Höhe des Fu߬ 
bodens über dem Erdgeschoß — soll heißen über dem Erdboden — wohl 
auch nur eine nebensächliche Bedeutung, sofern die Frage nach der Trocken¬ 
heit der Mauern und der Unterkellerung beantwortet ist. 

Hinsichtlich der Bauart sind nun von den 363 Schulen im ganzen 278 
massiv, 72 aus Fachwerk, 11 teils massiv, teils aus Fachwerk erbaut, ein 
Gebäude ist eine hölzerne Schulbaracke, und einmal fehlt die Angabe der 
Bauart. Die Schulen der Stadtkreise sind sämtlich massiv. Es werden 


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236 


Dr. Solbrig, 


ferner im ganzen 44 = 12 Proz. als feucht oder teilweise feucht bezeichnet 
darunter zwei in den Stadtkreisen 1 ). 

Bei 31 Schulhäusern fehlen die Dachrinnen oder sind schadhaft; von 
den Schulen der Stadtkreise ist hierbei keine beteiligt. Ein Traufpflaster 
fehlt bei 105 Schulen, darunter bei sieben Schulen der Stadtkreise. 

Über die Frage der Unterkellerung der Schulhäuser gibt folgende kleine 
Zusammenstellung Aufschluß. 


Zahl der Schulen 

Unterkellerung 

zusammen 

vollständig 

teilweise 

fehlen 

? 

In den Stadtkreisen. 

In den übrigen Kreisen. 

22 

130 

5 ! 

114 | 

1 

87 

4 

28 

335 

zusammen 

152 

119 

CD 

OO 

363 


Es fehlt danach die Unterkellerung ganz bei 88 = 24,3 Proz. der 
Schulen; die Schulen in den Stadtkreisen sind bis auf eine sämtlich unter¬ 
kellert 51 ). 

Die Frage der Höhe des Fußbodens über dem Erdboden soll, weil un¬ 
erheblich, hier aus der Erörterung gelassen werden. 

Nicht in den Fragebogen aufgenommen, und doch wohl zur Beurteilung 
des Schulhauses erwünscht, ist die Frage nach einem vorhandenen Blitz¬ 
ableiter, nach der etwa vorhandenen Treppe beim Eingang, dem-hier 

entschieden notwendigen — Fußkratzeisen und die Frage, wohin sich die 
Haustür öffnet. In dem von mir entworfenen neuen Fragebogen finden 
diese Fragen Berücksichtigung. 

Bezüglich der unter Punkt 2 mit aufgenommenen Frage nach der 
Lehrerwobnung, erscheint es mir erwünscht, einige spezielle Fragen aufzu¬ 
nehmen, weil sonst meist nur kurz beantwortet wird, ob im Sobulhause eine 
Lehrerwohnung vorhanden ist, und ob sie einen eigenen Eingang besitzt, 
während es doch wichtig ist, zu wissen, ob die Lehrerwohnung gesund ist« 
ob der Rauminhalt den Ansprüchen genügt und dergleichen mehr. — Von 
unseren 363 Schulen ist hierüber folgendes zu sagen: Es waren 231 
(= 64 Proz.), in denen zugleich eine oder mehrere Lehrer- bzw. Lehrerinnen- 
wobnungen sich befanden; von diesen 231 hatten nur 95 (= 41 Proz.) einen 
besonderen Eingang für den Lehrer und dessen etwaige Familie. Vereinzelt 
handelte es sich bei diesen Wohnungen nur um einzeln stehende Lehrerinnen, 
für deren Wohnungen ja ein gesonderter Eingang weniger wichtig ist, als 
für die Wohnung von Lehrerfamilien, für die völlig getrennte Zugänge 
erwünscht sind, um beim Vorkommen ansteckender Krankheiten in der 
Familie nicht gleich zur Schließung der Schule greifen zu müssen. 


l ) Dies Ergebnis ist gegenüber meinen Liegnitzer Untersuchungen ein erheb- 
ich günstigeres; hier fand ich im ganzen nur 59 Proz. durchweg trockene Schul¬ 
häuser, während nach obigem 88 Proz. der Arnsberger Schulen trocken sind. 

*) Auch hier ist bei Vergleichen zwischen den Liegnitzer und Arnsberger 
Schulen das Ergebnis der letzteren weit günstiger; hier sind mehr als drei Viertel 
der Schulen, dort noch nicht ganz ein Viertel der Schulen unterkellert. 


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Schulhygienische Betrachtungen. 


237 


Die für den Lehrer im Schnlhause bestimmten Wohnungen waren einige 
Male anderweit vermietet; gegen eine solche Vermietung wird man sich im 
allgemeinen aus mancherlei Gründen aussprechen; notwendig erscheint solch 
Verbot, wenn nicht völlig getrennte Eingänge für Wohnung und Schul¬ 
räume vorhanden sind. Das Wohnen einer Krankenschwester im Schulhause, 
wie es aus einer Schule berichtet wird, in der noch dazu gemeinsame Zu¬ 
gänge vorhanden sind, wird zweifellos nioht zu billigen sein, weil die Gefahr 
des Hineintragens von Krankheitskeimen in die Schulräume hierbei keine 
geringe ist. 

In 39 Fällen war, mehrfach zugleich mit dem Lehrer, ein Scbuldiener 
bzw. Schuldienerin im Schulhause untergebracht; ein besonderer Eingang 
bestand für deren Wohnung nur in drei Fällen. Wie oft es sich dabei um 
einzelne Personen oder Familien handelt, ist aus den Berichten nicht zu 
ersehen. Es erscheint erwünscht, auch bezüglich der Schuldiener und deren 
Wohnungen einige Fragen in die Übersicht aufzunehmen. 

Ob die Schulräume zu anderen Zwecken dauernd oder vereinzelt mit 
benutzt werden, ist gleichfalls eine Frage, die bei den Besichtigungen mit 
ins Auge zu fassen und zu Protokoll zu bringen wäre; das Übersichtsformular 
enthält bis jetzt nooh nichts hierüber, und in den vorliegenden Protokollen 
sind auch keine betreffenden Angaben gemacht. 

Das Schulzimmer. 

Mit dem Schulzimmer und dessen Einrichtungen haben wir es unter 
Punkt 3 und 4 der Übersicht zu tun. 

Unter unseren 363 Schulen finden wir alle Abstufungen von den ein- 
klassigen bis zu 19 Massigen. Die nachfolgende Übersicht gibt näheren 
Aufschluß. 


Schulgebäude 

mit 

1 

1 

2 

3 

4 

5 

6 

| 7 

8 

1 9 

10 

11 

12 j 13 

14 1 

15 

16 ! 

17 

18 

19 

c 

9t 

* 

2 

Klassenzimmern ! 

In den Stadtkreisen 
In den Landkreisen 

162 

97 

1 

15 

2 

29 

ii 

6 

11 

1 

2 

! 8 
11 

1 

2 

1 

5 

2 i 

1 

2 1 

_ 

— 

— 


1 

28 

335 

zusammen 

162 

97 

16 ■ 

31 

i 4 

17 

3 

19 

1 

2 

R 

7 1 

1 

2 


- 

— 

_ 

1 

363 


Während die Schulen der Stadtkreise naturgemäß nur melirklassige sind, 
nehmen in denen der übrigen Kreise die einklassigen mit 162 = 44 Proz. und 
die zweiklassigen mit 97 = 26 Proz. den größten Teil, zusammen 70 Proz. 
aller Schulen ein. 

Was die Größen Verhältnisse der einzelnen Schulzimmer betrifft, so gibt 
umstehende Übersicht über Länge und Breite genaue Auskunft. 

Wenn man als Maximallänge für ein Schulzimmer 10 m und als Maximal¬ 
breite 7m annimmt — in dem Handbuch der Schulhygiene von Burger- 
stein und Netolitzky wird schon 9 m als äußerste Länge und 6 m als 
äußerste Breite angenommen, während nach dem Runderlaß des Ministers 
der geistlichen usw. Angelegenheiten vom 15. November 1905 für ländliche 
Schulen eine Länge von 9,7 m und eine Breite von 6,5 m nicht überschritten 


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238 


Dr. Solbrig, 






















<N 










o 



Ol 

© 

c5 

Länge der Schulzimmer 

O 

T 

00 

| 

05 

1 

7 

1 

7 


e 

s 

s 

in m 

j 

1 





O 


o 

c3 

j 

fl 






00 

05 





CG 

Breite d. Schulzimmer in m 


n 










3 — 4 

Stadtkreise . 

— 

— 

— 

1 

— 

— 


' 

1 

8 

Landkreise . 

3 

— 

2 

1 

1 

— 



7 

4,1 — 5 

Stadtkreise . 

— 

— 


— 

— 

— 

— 

-i 

- 

22 

Landkreise . 

3 

5 

5 

5 

3 

1 

— 

- 

22 


5,1 — 6 

Stadtkreise . 

_ 

_ 

_ 

_ 

4 


1 

_ 

5 


1 Landkreise . 

2 

7 

21 

67 

86 

6 

6 

i 

196 

201 

6,1 — 7 

Stadtkreise . 




9 

184 

14 

2 

| 

209 i 


Landkreise . 


8 

1 12 

1 74 

226 

77 

10 ' 

1 

408 

| 617 

7,1 — 8 

Stadtkreise . 

Landkreise . 


— 

1 1 

1 

10 

12 

— 


24 1 

124 

— 

— 

2; 

! 23 

50 

23 

o 


100, 

8,1 — 9 

Stadtkreise . 
Landkreise . 


— 

i — 

2 

2 

— 

— 


4 

1 19 


— 

i — 

7 

4 

4 

— 

— 

1 15 

9,1 — 10 

Stadtkreise . 

Landkreise . 

I 

— 

- 

— 

3 


! 2 

— 

5 

1 5 

zusammen 

8 20 

1 43 

! 190 

573 

137 

23 

h 

996 j 



werden soll —, so würden hiernach von 996 Schulzimmern 162 (= 16,2 Proz.) 
zu lang, 148 (= 14,8 Proz.) zu breit, 43 (= 4,3 Proz.) zu lang und zu 
breit sein. 

Vergleicht man die Schulen der Stadt- mit denen der Landkreise, so 
sind die weniger günstigen Verhältnisse in den letzteren, indem die zu 
große Länge in den Klassen der Stadtkreise zu 12 Proz., in denen der 
anderen Kreise zu 17,6 Proz., zu große Breite zu 11,1 bzw. 15,8 Proz. ge¬ 
funden werden, während zu große Längen- und Breitenabmessungen sich in 
den Schulen der ländlichen Kreise etwas weniger (nämlich 4,1 Proz. gegen¬ 
über 5,3 Proz. in den Stadtkreisen) finden. 

Das längste Schulzimmer ist eins mit 12,4m bei einer Breite von 6,1 m; 
die breitesten zwei mit 9,2 m bei einer Länge von 11,2 m; letztere sind zu¬ 
gleich mit 103 qm Fläche die größten in unseren Schulen. 

Das kleinste Schulzimmer ist eins mit 5,3 m Länge und 3,4 m Breite, 
das ist eine Fußbodenfiäche von 19 qm; es ist dies allerdings nur ein provi¬ 
sorisches Schulzimraer, dient eigentlich als Konferenzzimmer. 

Über die Höhe der einzelnen Schulzimmer ist das nähere aus folgen¬ 
der Tabelle zu ersehen: 


' ' 



05 


0= " 




1 fl 

Höhe der Schulzimmer 
in m 

liS*! 

1 s 

l> ^ 
CN 

1 1 

oT 

l 

-3,19 

1 

CO* 

1 

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1 

05 

* 

1 

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§ 

1 ß 

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1 

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1 ^ 

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CO 

CO 

l w 



1 N 

Zahl der Schulzimmer ) Stadtkreisen . . 

i,_ 

— 

— 

— 

6 

38 

199 

— 

243 

in den | Landkreisen . . 

i 1 5 

6 

u 

47 

1 213 

378 i 

j 91 

2 

1 753 

zusammen 

i 1 & 

1 6 1 11 1 

47 

1 219 

416 1 

290 

2 996 


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Schulhygienische Betrachtungen. 239 

Weniger als die Minimalhöhe von 3,20 m, wie sie nach dem oben er¬ 
wähnten Ministerialerlaß für die ländlichen Schalen — and folgerichtig 
damit auch erst recht für die Stadtschulen — vorgeschrieben ist, besitzt 
demnach von den Schulen der Stadtkreise kein einziges Schalzimmer, von 
denen der anderen Kreise im ganzen 69 (= 9,2 Proz.). Dies Ergebnis kann 
als ein recht günstiges bezeichnet werden l ). 


Hiernach berechnet sich die Grundfläche und der Rauminhalt, worüber 
in folgenden Tabellen genauerer Aufschluß gegeben wird: 


Grundfläche 
in qm 



unter 20 

20 — 30 

© 

1 

© 

CO 

40 — 60 

60—80 

© 

© 

T 

© 

00 

über 100 | 

zu¬ 

sammen 

Zahl der Schulzimmer | Stadtkreisen 



1 — 

— 

1 

34 

207 

1 

-[ 

1 243 

in den | Landkreisen 



i 1 

4 

1 23 

322 

389 

12 

A 

753 

zusammen 

i_L 

h 

| 24 

356 

596 

13 

2 ! 

996 


i 

o 


; ; 

o 

8 

© 

© . 

1 

© 

1 iß 

© 

© 

© 

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G 
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1 a 

Rauminhalt 

i" 

o 

00 

° 1 

| 

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I 

<N 

1 

CO 

1 

co 

| 


in cbm 

i 5 

G 

1 

1 o 

i 

o 

1 

o 

© 

1 

© 

iß 

1 

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© 

1 

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Iß 

1 

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t 4 

00 

P 


p 

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oo 

I 

«—I 


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co 

:P 

N 

Zahl der Schulzimmer 1 Stadtkreisen . . | 


— 

—. 

"i! 

2 

76 

152 

12 

— 

243 

in den | Landkreisen . . | 

2 

4 

8 

31 ! 

174 

319 

180 

33 

2 

753 

zusammen 

2 

4 

8 

32 | 

176 

| 395 

| 332 

45 


996 


Das kleinste an Grundfläche ist ein Schulzimmer mit 19 qm, den ge¬ 
ringsten Rauminhalt hat ein anderes mit 54 cbm. Die größten Schulzimmer 
sind zwei mit einem Flächenraum von 103 qm (wie bereits erwähnt), der 
größte Kubikinhalt wird bei diesen selben Schulzimmern mit 412 cbm erreicht. 

Wie sich der für das einzelne Schulkind berechnete Flächenraum und 
Rauminhalt gestaltet, soll hierbei gleich angegeben werden, wiewohl die 
Frage nach dem Luftraum in dem Formular erst unter Kr. 11 besprochen 
wird. Es sei hierbei gleich erwähnt, daß es zweckmäßig erscheint, neben 
dem Luftgehalt auch den Flächenraum, sowohl des ganzen Klassenzimmers 
als des auf das einzelne Schulkind fallenden Anteils, mit in den Fragebogen 
aufzunehmen. 


Flächenraum pro Kopf. 



: 

iß 

iß 







a 

© 

Flächenraum 

cT 

u 

© 

1 

7 

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1 

co 



i s 

s 

in qm 

\ 

i s 

iß 

iß 

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1 

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1 

l 


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oo 

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© 

i 

© 


** 

<N 

co 

C*M 

N 

Zahl der Klassenabteilungen 1 Stadtkreise . | 

— 

4 

74 

114 

12 

8 

— 

35 

247 

in den Schulen der | Landkreise . j 

1 

68 

275 

346 

69 

30 

5 

20 

814 

zusammen | 

1 

72 

349 

460 

8! 

38 


55 

1061 


l ) Vergleichsweise sei angeführt, daß bei den Liegnitzer Schulen 75 Proz. der 
Schulzimmer die Höhe von 3,2 m nicht erreichten. Dreyfuß fand bei den 107 
Schulzimmem des Bezirksamtes Kaiserslautern 39 (= 36 Proz.) mit einer Höhe 
bis zu 3,25 m. 


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240 Dr. Solbrig, 


Luftraum pro Kopf. 


Luftraum 

in cbm 

1,5 — 2 1 

w 

csf 

l 

<N 

o 

»o 

1 

vO 

°t 

ci“ 

2,50—3 

i 

CO 

CO 

1 

- 

00 

1 

CO 

o 

«—i 

i 

00 

über 10 | 

o- 

zusammen 

Zahl d. Klassenabteilungen 1 Stadtkreise . 
in den Schalen der | Landkreise . 

13 

14 

26 

3 

129 

40 

285 

146 

256 

18 

51 

4 

15 

1 

5 

35 

20 

247 

814 

zusammen 

13 

| 14 

| 26 

1132 

325 

i 

402 

69 

19 

6 

55 

1061 


Hierzu ist zunächst ?u bemerken, daß die Gesamtzahl der Klassen¬ 
abteilungen eine etwas größere ist, als die Zahl der vorhandenen Schul¬ 
zimmer, da mehrfach in demselben Zimmer nacheinander verschiedene und 
an Zahl verschieden starke Abteilungen unterrichtet werden. Bei der Aus¬ 
rechnung des auf den einzelnen Schüler entfallenden Flächen- und Luft¬ 
raumes ist diesem Umstand Rechnung getragen. Wir finden also, daß — 
abgesehen von 55 Abteilungen, in denen betreffende Angaben fehlen — in 
73 Klassen (= 7 Proz.) auf den einzelnen Schüler nicht ein Flächenraum 
von 0,75 qm, der als Mindestmaß wohl anzusehen sein dürfte, entfällt, und 
daß in 27 Klassen (= 2,7 Proz.) der nach den preußischen Bestimmungen 
zu fordernde Mindestluftraum von 2,25 cbm für den Kopf nicht erreicht 
wird 1 ), und daß noch 13 Schulklassen (= 1,3 Proz.) dem einzelnen Schul¬ 
kinde weniger als 2 cbm gewähren. Die in dieser Beziehung ungünstigsten 
Verhältnisse finden sich in einer Klasse, in der der Flächenraum pro Kopf 
nur 0,48 qm und der Luftraum 1,6 cbm beträgt. 

Eine weitere Frage im Formular bezieht sich auf den Anstrich der 
Wände und Decken. Von letzteren ist in den zu besprechenden Frage¬ 
bogen durchweg angegeben, daß sie geweißt sind. Über die Wände und 
deren Anstrich gibt folgende kleine Tabelle Auskunft; die Angaben über die 
Farbe des Anstrichs sind so lückenhaft, daß sie hier nicht verwendet werden 
können. Vielleicht empfiehlt sich in einem neu herzustellenden Formular 
die Aufnahme einer entsprechenden Frage nach der Farbe des Anstrichs. 



93 

X3 

Kalkfarbe 

Tapete 

•s 


0 

® 


Kalk¬ 

oder 

Leimfai 

mit Sockel aus 

mit Sockel aus 

£ 

00 


B 

B 


Ölfarbe 

Holz 

Ölfarbe 

Holz 

:0 

? 

CC 

CO 

3 

Stadtkreise .... 

114 

104 

25 

— 

— 


— 

243 

Landkreise .... 

193 

282 

246 

2 

1 

2 

27 , 

753 

zusammen 

307 

386 

271 

2 

1 

2 

i 27 i 

996 


Hiernach sind im ganzen 307 Klassen (114 = 47 Proz. aus den Stadt-, 
193 = 24 Proz. aus den Landkreisen) mit einfachem Kalk- oder Leimfarben- 
anstrich versehen, während in den übrigen Klassen meist neben einem solchen 


l ) Dies sind gegenüber meinen Untersuchungen in den Liegnitzer Schulen 
günstige Verhältnisse; dort fand ich unter 259 Schulklassen 41 (= 17 Proz.), in 
denen der Luftraum pro Kopf unter 2 cbm betrug. 


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241 


Schulhygienische Betrachtungen. 

Anstrich ein Sockel aus Ölfarbe oder Holz vorhanden ist. Tapeten, die zweifel¬ 
los in Schnlzimmern nicht erwünscht sind, und ein vollständiger Ölanstrich, 
der anch kaum zweckmäßig sein dürfte, sind nur in ganz vereinzelten Fällen 
zu finden. 

Ob die Türen nach außen schlagen, wie es sowohl für die Haus- als 
die Schulzimmertür nötig ist, und auch in den mehrfach erwähnten preußi¬ 
schen Bestimmungen verlangt wird, diese Frage ist nicht genau zu beant¬ 
worten, da in dem Formular nur nach den Türen des Schulzimmers gefragt 
wird, wenigstens läßt sich die unter Nr. 3 (Schulzimmer) gestellte Frage so 
auffassen. 

Bei der Beantwortung bleibt es denn auch meist zweifelhaft, wie es 
sich mit der Haustür verhält. Aus unseren Schulen ist nun zu sagen, daß 
in 601 Fällen die Türen nach außen, in 383 Fällen nach innen schlagen, 
während aus 12 Klassen die entsprechenden Angaben fehlen. Es würde 
also in 39 Proz. der Schulzimmer eine fehlerhafte Einrichtung zu finden 
sein; wesentliche Unterschiede bestehen in dieser Beziehung zwischen den 
Stadt- und den Landkreisen nicht. 


Die nächste wichtige Frage ist die nach den Fenstern, ihrer Größe 
und Verteilung. 

Was zunächst die absolute Zahl der Fenster betrifft, so haben: 


Fenster. 

. ii 1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

. 9 

11 

Schulzimmer . . . 

. ; 1 

* ! 

385 

326 

116 

135 

14 

1 13 

i ! 

1 


In den Schulen der Stadtkreise finden sich hauptsächlich Klassen mit 
drei und vier, vereinzelt auch solche mit fünf und sechs Fenstern. Letztere 
Zahl dürfte niemals nötig werden, eine Zahl von ein bis zwei Fenstern da¬ 
gegen in der Regel nicht ausreichend sein, um die erforderliche Helligkeit 
zu gewähren. 

Die Zahl der Fensterwände beträgt drei in 41 Schulzimmern, sämtlich 
in den Landkreisen; zwei in 252 Schulzimmern, davon 17 in der Stadt, 
235 in den Landkreisen; eine in 703 Schulzimmern, davon 226 in der Stadt, 
477 in den Landkreisen. 

Es haben also 703 (= 70,6 Proz.) der Schulzimmer das erwünschte 
einseitige (linksseitige) Licht; 252 (= 25 Proz.) das Licht von zwei, 41 
(= 4 Proz.) das Licht von drei Seiten. Hierbei ist in einer Reihe von Fällen 
(die Zahl steht nicht genau fest) das Licht von einer Seite abgeblendet. Die 
ungünstige dreiseitige Belichtung finden wir in keiner Schule der Stadtkreise. 

Im Anschluß hieran soll gleich die Frage des Lichteinfalls, die nach 
dem Fragebogen erst bei Nr. 4 gestellt wird, erledigt werden. 


I 

Einfall des Lichts 

von 

t M 

:ä 

links und 

rechts 

links und 

vorn 

links und 

hinten 

rechts und 

hinten 

links, vorn, 
hinten 

links, rechts, 
hinten 

zusammen 

Schulklassen 1 Stadtkreisen . . 
in deu | Landkreisen . . 

226 

477 

6 — 11 | — | — — j 243 

79 19 135 1 7 35 753 


zusammen 1 703 i 85 I 19 146 ' 1 7 i 35 996 


Viertoljahrttchrift für Geiundheitipflege, 1907. 


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242 


Dr. Solbrig, 


Hiernach haben im ganzen, wie bereits erwähnt, 703 (= 70,6 Proz.) 
den günstigsten Lichteinfall, nur von links 1 ). Die zweifellos fehlerhafte 
Belichtung von links und vorn findet sich 19 mal, die von rechts und hinten 
einmal; von dreiseitigem Lichteinfall, der ebenso zu vermeiden ist und auch 
nur bei älteren Schulbauten noch vereinzelt gefunden wird, kommt die am 
wenigsten ungünstige Richtung — von links, rechts, hinten — in 35 Fällen, 
die ungünstigere — von links, vorn, hinten — in sieben Fällen vor. Bei 
den Schulen der Stadtkreise sind die Verhältnisse noch besser als in den 
Landkreisen, da von den ersteren bei 93 Proz., von den letzteren bei 60 Proz. 
der linksseitige Lichteinfall vorhanden ist. 

Eine weitere Frage ist die, nach welcher Himmelsrichtung die Fenster 
liegen. Bekanntlich sind sich die Hygieniker darüber nicht ganz einig, 
welche Himmelsrichtung für die Fenster wand des Schulzimmers am meisten 
zu bevorzugen ist. Für unser Klima ist aber jedenfalls die Nordlage als 
„kalt, unfreundlich, lichtschwach“ (Handbuch der Schulhygiene von Burger¬ 
stein und Netolitzky) und die Westlage als „Wetterseite“ zu verwerfen. 

Über unsere Schulen ist in dieser Beziehung folgendes zu sagen: 


Himmelsrichtung 

der 

Fensterwände 

Norden 

Süden 

Osten 

Westen 

Nordosten 

Südosten 

Nordwesten 

Südwesten 

N und S mit 
Abweichungen 
nach O und W 

N und O 

£ 

TJ 

fl 

fl 

O und W mit 
NO und NW 

O und 8 mit 
SO und SW 

S und W 

fl 3 
OQ 'O 

O 

fl 

QO 

O 

. 

fl 

£ 

00 

! B 

\ B 

I 1 3 

3 

O- 1 N 

Schulklassen j Stadtkreisen 
in den | Landkreisen 

33 

62 

23 

78 

67 

109 

60 

73 

19 

30 

8 

36 

4 9 
44j27 

3 

71 

3 

33 

i 2 
22 

3 

24 

5 

39 

2 — — 

46 18 5 

c 

7 

12 

2 243 

j 17 ! - 753 

zusammen | 

95 

101 

176 

133 

49 

44 

48 

36 74 

3ß|24 

27 44 

48 18 5 

7' 12 

19 ^996 


Rein nördliche Lage findet sich demnach in 95, rein westliche Lage in 
133, nordwestliche Lage in 48, Lage nach Norden und Westen in 24 Schulen; 
rechnet man diese Lagen zu den ungünstigen, so würden dies zusammen 
300 Schulen (= 30 Proz.) sein, und zwar sind die Schulen in den Stadt¬ 
kreisen mit 36 Proz., die in den Landkreisen mit 27 Proz. daran beteiligt. 

Der Helligkeitsgrad wird bei unseren Schulen, da der Fragebogen ja 
eine Frage über die Größe der Glasfläche der Fenster enthält, nach dem 
Verhältnis der Glasfläche zur Fußbodenfläche zu bestimmen sein. Es sind 
nach meinen Erfahrungen die Ansichten geteilt, ob die reine Glasfläche 
oder die Gesamtgröße der Maueröffnungen angegeben werden soll. Wie 
Rapmund in einer Anmerkung zu dem Formular c) im Kalender für Medi¬ 
zinalbeamte 1906 treffend bemerkt, empfiehlt es sich, die letztere Größe an¬ 
zugeben, die nach den preußischen Bestimmungen ein Fünftel der Boden» 
fläche — in Ausnahmefällen genügt auch ein Sechstel — betragen soll. 

Bei den hier zur Besprechung kommenden Schulen ist nun meist, wie 
ich festgestellt habe, die Gesamtgröße der Maueröffnungen berechnet, ln 
den wenigen Kreisen, in denen die Kreisärzte die reine Glasfläche zu Grunde 

l ) Bei den Liegnitzer Schulen fand ich nur 7 Proz. mit linksseitigem Licht¬ 
einfall, Dieckmann bei seinen Untersuchungen 50 Proz., Langerhans 10 Proz., 
Dreyfuß 3 Proz. 


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Schulhygienische Betrachtangen. 


243 


gelegt haben, habe ich behufs einheitlicher Behandlung eine Umrechnung in 
der Weise vorgenommen, daß zu der reinen Glasfläche 30 Proz. zugerechnet 
werden, — soviel beträgt etwa die Differenz. 

Unter dieser Berücksichtigung läflt sich folgende Übersicht über die 
Lichtverhältnisse geben: 


| Verhältnis der Fensterfläche (Maueröffnung) 
| zur Fußbodenfläche = 

1 : 


fl 

, a» 

11 I 


1 

3 | 4 

5 | 6 

7 

1 8 1 9 1 

10 ] 11 12 

isj 

1 

1 ? 1 

1 s 

Zahl der 8chul- (Stadtkreisen 

12! 53 

99 I 61 

10 

— 8 

— 1 — • — 

— 1 

_j 

243 

zimmer in den [Landkreisen 

33 150 

259 1 169 

75 

42 7 

5 3 4 

»t 

5 

753 

zusammen 

45 203 

358 | 230 85 

42 15 

5 | 3 1 4 j 

1 

5 

996 


Danach sind es im ganzen 378 Schulzimmer, bei denen das Verhältnis 
der Fensterfläche (in den lichten Maueröffnungen) zur Fußbodenfläche 
weniger als 1:5 beträgt, die also nicht genügend belichtet sind. Rechnet 
man die Klassen, bei denen das Verhältnis 1:6 beträgt, noch als allenfalls 
ausreichend davon ab, so bleiben noch 160 (= 16 Proz.), die entschieden 
' zu dunkel sind. Nur vereinzelt Anden wir besonders ungünstige Verhältnisse 
(1:10 und darüber) *)• Betrachten wir die Schulen in den Stadtkreisen 
besonders, so finden wir dort günstigere Verhältnisse, insofern hier 67 
(= 27 Proz.) Schulen sind, in denen das Verhältnis weniger als 1:5 be¬ 
trägt, im Gegensatz zu den Schulen der Landkreise, in dönen sich solche zu 
41 Proz. finden. 


In nachfolgender Tabelle ist einmal das Verhältnis von Fensterfläche 
zur Fußbodenfläche und zweitens der Lichteinfall eingetragen: 


t- 

O) 

s 

Lichteinfall 

von 

Verhältnis der Fensterfläche zur Fußboden¬ 
fläche = 1 : 

3 | 4 5 | 6 7 8 9 10 11 12 13, 

fl 

a> 

fl S 

N S 

cC 

? II ” 

6 

2 

links. 

20 

136 

290 

156 

55 

27 

10 

3 

1 

3 

— 

2 j 703 
— 1 85 

9 

x 

links, rechts. 

5 

24 

23 

19 

11 

2 

— 

— 

1 

— 

— 

0 

GO 

links, vorn. 

— 

3 

5 

7 

3 

1 

— 

— 

— 

— 

— 

I — | 19 

*- 

'fl 1 

links, hinten. 

13 

34 

29 

38 

13 

10 

2 

1 

1 

1 

1 

3 146 


rechts, hinten . . . . 1 

1 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

— 

1 1 1 

'S 

SJ 

links, vorn, hinten . . 

— 

1 

1 

4 

— 

— 

i 



— 

— 

j— 7 

links, rechts, hinten . 

6 

6 

10 

0 1 

3 

2 

2 

1 1 




35 


zusammen 

45 

203 

358 

230 

85 

42 

15 

5 

3 

4 

1 

5 996 


Man ersieht daraus, daß ungenügende Belichtung bei ein- und bei mehr- 
(2- und 3-)8eitigem Licht vorkommt; ja, man findet sogar, daß verhältnis¬ 
mäßig häufiger die ungünstige Belichtung in den Schulzimmern vorkommt, 
die Lichteinfall von zwei und drei Seiten haben; es sind nämlich von 290 


l ) Bei den Liegnitzer Schulen fand ich 80 Proz. der Schulzimmer, bei denen 
das Verhältnis weniger als 1:6 betrug. Dreyfuß fand bei 102 Schulzimmern 14 
(= 14 Proz.) mit einem Verhältnis von weniger als 1 :5. 

16* 


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244 


Dr. Solbrig, 


Schalzimmern der letzteren Art 56, bei denen das angegebene Verhältnis 
nicht 1:6 beträgt, während von 701 Schulzimmern mit ein- (ünks-)seitigem 
Lichteinfall nur 99 (= 14 Proz.) unter dem Mindestmaß von 1:6 Zurück¬ 
bleiben. 

Soweit ein Schutz gegen Sonnenlicht erforderlich ist (also bei süd¬ 
lichen und östlichen Himmelsrichtungen), ist dafür fast überall gesorgt; nur 
in 15 Klassenzimmern ist das Fehlen von Gardinen oder Rouleaux zu be¬ 
mängeln. Genaue Angaben über die Art dieser Schutzvorrichtungen und 
die Farbe der Vorhänge werden nicht so regelmäßig gemacht, daß dies hier 
ausführlich besprochen werden kann. 

Die nächsten Fragen des Formulars beziehen sich auf die Heizung. 
In dem Schema ist nur von Öfen die Rede; man findet jedoch neuerdings 
nicht selten, bei größeren Schulen wenigstens, Zentralheizungen. Von 
unseren 363 Schulen haben 17 mit zusammen 134 Klassen, das ist der 
siebente Teil aller Schulklassen, solche Zentralheizung in Form der für 
solche Zwecke jedenfalls geeignetsten Niederdruckdampfheizung. Alle 
übrigen Schulen sind mit Einzelöfen ausgestattet. 

Von den Öfen sind 324 Mantel- oder Füllöfen, von denen ungefähr 40 
mit einem besonderen Luftzuführungskanal von außen versehen sind; die 
übrigen sind meist einfache eiserne Öfen, da Kachelöfen im Westen nicht 
gebräuchlich sind. Von 166 Öfen wird nichts näheres über ihre Konstruk¬ 
tion angegeben. 

Über unzureichende Heizung, sei es infolge zu kleiner Öfen oder wegen 
Konstruktionsfehlern oder dergleichen, wird im ganzen 49 mal geklagt (d. h. 
in 4,9 Proz. der Schulzimmer). Da wo es nötig ist, ist meist ein Ofenschirm 
vorhanden, nur in 38 Fällen wird angegeben, daß es an dem erforderlichen 
Schutze gegen strahlende Wärme fehle. 

Als Heizungsmaterial dienen meist Kohlen, vielfach jedoch auch Holz. 

Thermometer sind bis auf ganz vereinzelte Fälle, der Vorschrift ent¬ 
sprechend, in jedem Klassenzimmer aufgehängt. Es erübrigt jedoch, näher 
auf die während der Revision gefundenen Temperaturgrade hier einzugehen. 

Ob diese Frage bei der Schulbesichtigung überhaupt eine praktische 
Bedeutung hat, erscheint zweifelhaft, da aus einer einmaligen Feststellung 
doch nicht viel zu schließen ist und bezüglich etwaiger ungenügender Hei¬ 
zung doch der Zustand der Heizanlage und die Angabe des Lehrers von 
ausschlaggebender Bedeutung ist. 

Die Beschaffenheit des Fußbodens. Was das Material für den 
Fußboden anbetrifft, so finden wir in unseren 996 Schulzimmern dreimal 
Fußböden aus Zement, darunter zweimal sogenannten Zementbeton n Sanitas tt ; 
näheres über dessen Geeignetsein für Schulzimmer vermag ich nicht anzu¬ 
geben; außerdem finden wir viermal Fußböden aus Xylolith und achtmal 
aus Papprolith. Auch über diese Arten kann ich keine genaueren Angaben 
machen. Sechs Schulzimmer sind parkettiert. In allen anderen Fällen sind 
einfache Dielen vorhanden, wie sie ja fast durchweg in Schulen gebräuchlich 
und auch ausreichend sind, falls nur für gutes Material und dichte Fügung 
gesorgt wird. In 126 Schulzimmern ist der Fußboden mit einem Ölanstrich 
versehen, der allerdings mehrfach als einer Erneuerung bedürftig erklärt 
wird; in 171 Schulzimmern findet sich ein Überzug des Fußbodens mit 


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Schulhygienische Betrachtungen. 


245 


sogenanntem Stauböl, wobei meist das deutsche Fußbodenöl Verwendung 
findet. Wie ich aus Berichten an die kgl. Regierung ersehen habe, ist man 
im allgemeinen in den Schulen mit dem Resultat des Stauböls recht zu¬ 
frieden; es bedarf nur eines mehrmals im Jahr zu erneuernden Auftragens 
des Öls, was aber manchmal unterlassen wird. Im ganzen wird von 81 Schul¬ 
zimmern angegeben, daß der Fußboden mehr oder weniger schlecht (defekt, 
mit Spalten und Rissen und dergleichen versehen) ist. 

Über Ventilationseinrichtungen in den Schulen ist folgendes zu 
sagen. Es finden sich, wie des genaueren aus der nachfolgenden Tabelle 
zu ersehen ist, die verschiedensten Arten von Lüftungseinrichtungen, ein¬ 
fache wie Drehscheiben, Glasjalousien in den Fenstern, Kippfenster, Luft¬ 
löcher primitiver Art über den Türen oder an anderen Stellen der Wand 
oder Decke, und auch vollkommenere, bestehend in Luftschächten in der 
Ofenwand mit zwei Klappen, die eine für die Sommer-, die andere für die 
Winterventilation; vielfach sind auch zwei Arten dieser Einrichtung gleich¬ 
zeitig vorhanden 1 )« 442 (= 44 Proz.) aller Schulzimmer sind mit Luft¬ 
schächten und Kippfenstern ausgestattet, weitere 97 (= 10 Proz.) haben 
Luftschächte, 183 (= 18 Proz.) Kippfenster. Gänzlich fehlen solche Ein¬ 
richtungen in 103 Schulzimmern (= 10 Proz.), hier ist man also allein auf 
Lüftung durch Öffnung von Tür und Fenstern angewiesen. 


Art der Lüftungsvorrichtungen. 



Die Einrichtungen in den Schulen der Stadtkreise sind in dieser Be¬ 
ziehung durchweg bessere, da nur in vier Klassen (= 1,7 Proz.) Lüftungs¬ 
einrichtungen fehlen und in 190 Klassen (= 78 Proz.) Luftschächte zugleich 
mit Kippfenstern vorhanden sind. 

Über schlechte Luft in den Klassenzimmern zur Revisionszeit wird in 
32 Fällen geklagt. Eine allzugroße Bedeutung wird der Frage nach der 
Luftbeschaffenheit nicht beizumessen sein, da diese Prüfung von dem sub¬ 
jektiven Empfinden des besichtigenden Medizinalbeamten abhängt, und der 
augenblickliche Zustand zur Zeit der Besichtigung von Zufälligkeiten ab¬ 
hängig ist. Immerhin ist die Frage nicht überflüssig und ja auch in dem 
Schema mit aufgenommen. 

l ) Vergleichsweise sei angeführt, daß Dreyfuß unter 107 Schulstuben 27 ohne 
Fensterventilation und 57 ohne Luftschächte fand. In Liegnitz waren besondere 
Ventilationseinrichtungen überhaupt nur in 48 von 259 Schulzimmern. 


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246 


Dr. Solbrig, 


Die erforderliche Reinlichkeit der Schulzimmer wird im ganzen in 
57 Schulklassen (= 5,7 Proz.) vermißt. 

Die Reinigung der Schulzimmer wird fast durchweg von erwachsenen Per¬ 
sonen (bei den größeren Schulen durch einen besonderen Schuldiener oder 
Schuldienerin, bei den kleineren durch eine angestellte Frau oder durch die 
Familie des Lehrers) besorgt. Nur bei 16 Klassen findet sich angegeben, 
daß noch die Schulkinder die Schulstuben auszufegen haben. Wenn dies 
auch nur ein verschwindend kleiner Teil der Schulen ist, so muß doch vom 
hygienischen Standpunkt ein allgemeines Verbot der Vornahme der Reini¬ 
gung durch die Schulkinder verlangt werden. Wie oft die Reinigung der 
Schulzimmer stattfindet, diese Frage fehlt in dem Fragebogen, dürfte jedoch 
zweckmäßig mit aufzunehmen sein, da eine Kontrolle nach dieser Richtung 
angebracht ist. Im allgemeinen wird man verlangen müssen, daß das Schul¬ 
zimmer täglich (feucht) gekehrt, wöchentlich zweimal feucht aufgewischt und 
allmonatlich gründlich gescheuert wird; dies findet häufig genug in längeren 
Zwischenräumen statt. 

Wir kommen zu Nr. 4 des Formulars, wobei es sich in der Hauptsache 
um Schulbänke handelt. Da bezüglich der Schulbänke nach der Zahl 
und Beschaffenheit derselben gefragt wird, ohne daß spezielle Fragen ge¬ 
stellt werden, so wird dies nach meinen Erfahrungen auch sehr verschieden 
beantwortet. Viele Kreisärzte machen auf Grund sorgfältiger Messungen 
genaue Angaben über Länge und Breite von Sitzbank und Tisch, Sitzhöhe, 
Differenz, Distanz usw., andere aber begnügen sich mit allgemeinen Angaben, 
wie: genügende Bänke. Mit letzterem Urteil ist nicht viel anzufangen für 
den, der die Schule nicht selbst besichtigt hat. Es dürfte daher wohl rat¬ 
sam sein, einige genauere Fragen nach den Schulbänken zu stellen. Ich 
habe versucht, die hauptsächlich in Betracht kommenden Punkte zusammen- 
zustellen. 

Im Rahmen dieser Arbeit ist es nun, abgesehen davon, daß nicht aus 
allen Schulen genaue Angaben über die Einrichtungen der Schulbänke vor¬ 
liegen, nicht möglich, diese Verhältnisse bis ins einzelne zu besprechen. Um 
ein ungefähres Bild von den Schulbänken zu geben, habe ich in folgender 
Zusammenstellung unterschieden zwischen den veralteten Schulbanksystemen 
mit unbeweglicher -f- Distanz und den neueren, bei denen es sich entweder 
um zweisitzige — einsitzige kommen hier nicht in Betracht — Bänke mit 
fester 0 oder kleiner —Distanz handelt (wie bei den Rettigbänken), oder 
die durch Verschiebung der Sitze oder Tische oder beider Teile eine Ver¬ 
änderung der -f- Distanz in eine 0 oder — Distanz ermöglichen. Es gibt 
in letzterer Beziehung ja eine ganze Anzahl von Modellen; auch in unseren 
Schulen siud, soweit bezügliche Angaben gemacht werden, allerlei ver¬ 
schiedene Bänke in Gebrauch; es soll hier aber nicht genauer darauf ein¬ 
gegangen werden. Bei den alten Bänken mit unbeweglichen Teilen sind die 
Mängel in erster Linie die oft recht große + Distanz, die es den Kindern 
unmöglich macht, beim Schreiben sich anzulehnen; dazu kommt, daß vielfach 
die Abmessungen bezüglich Sitzhöhe und Distanz den verschiedenen Alters¬ 
stufen nicht genügend angepaßt sind u. a. m. Fürs zweite habe ich dann, 
soweit Angaben darüber Vorlagen, folgende Hauptgruppen von modernen 
Bänken verzeichnet: Bänke mit verschiebbaren Sitzen (Pendelsitze, Schiebsitze 


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Schulhygienische Betrachtungen. 247 

und-banke, Klappbänke), solche mit verschiebbaren Tischplatten (Klapptische, 
Schiebetische), nicht näher bezeichnet© zweisitzige Bänke, und die umleg- 
baren Rettigbänke. In einer besonderen Rubrik sind die als geradezu 
schlecht bezeichneten Bänke, für die ein alsbaldiger Ersatz als notwendig 
bezeichnet wird, angegeben. 



Bänke 


Sy stem 

der neueren Bänke 

schlechte, 
zu ersetzende 
Bänke 

a 

S 

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.L N .2 

H H 

i CG 

zweisitz. Bänke 

Rettigbänke 

Zahl der Schul-1 Stadtkreisen . 
klassen in den | Landkreisen . 

99 

• 561 

97 

141 

47 

41 

-j 22 
10 t 51 

45 

11 

7 

8 

35 

21 

11 

26 

184 

zusammen 

660 

238 

88 

10 73 

56 

7 

43 

32 

210 


Hiernach sind 660 Schulklassen (= 66 Proz.) noch durchweg mit 
Bänken veralteter Systeme ausgestattet, und zwar sind, wie es nur natürlich 
ist, die Schulen in den Stadtkreisen im allgemeinen besser versorgt, da hier 
nur bei 99 von 243 (= 40 Proz.) gegenüber 74 Proz. in den anderen Kreisen 
eich diese veralteten Bänke finden. Ebenso sind in den Stadtkreisen nur 
26 Klassen (= 10 Proz.) gegenüber 184 (= 24 Proz.) in den übrigen Schulen, 
mit Bänken, die direkt als schlecht und ersatzbedürftig bezeichnet werden, 
versehen. 

Über die Stellung der Bänke zum Licht ist das nötige bereits weiter 
oben gesagt. 

Spucknäpfe, wie sie in jeder Klasse sich befinden sollen, fehlen ver¬ 
hältnismäßig häufig, nämlich in 354 von 996 Schulklassen (= 35 Proz.). 

Die Garderobe, die ja aus hygienischen Gründen sich stets außer¬ 
halb der Schulzimmer befinden soll, ist bei unseren Schulen 334 mal auf dem 
Flur, 477 mal im Schulzimmer, 145 mal sowohl im Flur als auch im Zimmer 
untergebracht. 

15 mal fehlt sie ganz, während aus 25 Klassen die entsprechenden An¬ 
gaben fehlen. Zugunsten der Schulen der Stadtkreise ist auch hier ein 
Unterschied, denn in diesen fehlt die Garderobe niemals und in 107 Klassen 
(= 44 Proz.) sind die Kleiderhaken auf dem Flur untergebracht, während 
in den Schulen der übrigen Kreise nur in 28 Proz. auf dem Flur allein 
Kleiderhaken sich befinden. 

Bezüglich der iu Nr. 6 des Fragebogens gestellten Fragen nach den 
Gängen und Treppen ist die Beantwortung in den vorliegenden kreis¬ 
ärztlichen Übersichten keine so vollständige, daß eine eingehende Be¬ 
sprechung möglich wäre. Einige speziellere Fragen über Flur und Treppen 
in dem Fragebogen aufzunehmen, dürfte zweckmäßig sein (vgl. Entwurf zum 
Fragebogen). 

Frage 7 betrifft Lage und Größe des „Turn- oder Spielplatzes“ und 
das etwaige Vorhandensein einer Turnhalle. Um die bestehenden Verhält¬ 
nisse noch deutlicher zum Ausdruck bringen zu können, würde es sich meines 
Erachtens empfehlen, zu unterscheiden zwischen Turn- und Spielplatz. Ein 


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246 


Dr. Solbrig, 


Spielplatz, wenu er auch nur ein freier Platz vor dem Schulhause — oder 
auf dem Lande die Dorfstraße selbst — ist, pflegt kaum zu fehlen. Ein 
solcher Platz ist aber oft nicht zugleich als Turnplatz zu verwenden; letz¬ 
terer, der sehr wohl etwas entfernt vom Scbulhause liegen kann, ist aber 
auch für Dorfschulen kaum zu entbehren. Über den Turn- und Spielplatz 
ist nach den Übersichten folgendes zu sagen. Von den 363 Schulen haben 
27 keine besonderen Spiel- oder Turnplätze. Meist sind dies ländliche 
Schulen, bei denen das Fehlen insofern nicht gar so schlimm ist, als immer 
die Dorfstraße zum Tummeln für die Jugend zur Verfügung steht. Von den 
übrigen Schulen, die, wenn sie dicht beieinander stehen, öfters gemeinsame 
Spiel- und Turnplätze haben, haben drei Fünftel vollkommen eingefriedigte, 
zwei Fünftel mehr oder weniger offene Spielplätze. Als zu klein werden 18, 
als uneben drei, als zu feucht zwei bezeichnet. Wie oft von den Spielplätzen 
gesonderte Turnplätze vorhanden sind, ist aus den Übersichten nicht immer 
zu ersehen. 

Von den 363 Schulen haben 34 besondere oder für mehrere Schulen 
gemeinschaftliche Turnhallen; eine Turnhalle ist als „im Bau begriffen“ be¬ 
zeichnet, und in einer Schule findet sich ein besonderer Turnsaal. Die 
Turnhallen sind naturgemäß in der Hauptsache in den Schulen der Stadt¬ 
kreise; hier sind es von 28 Schulen 21, die Turnhallen zur Verfügung haben 

Über die Abortanlagen, — die hygienische crux ländlicher Volks¬ 
schulen — ist folgendes zu berichten. Im ganzen sind bei den 363 Schulen 
338 Abortanlagen vorhanden; die Zahl derselben ist kleiner als die der 
Schulen, da mehrfach dicht beieinander befindliche Schulen gemeinsame 
Abortanlagen haben. Von den Anlagen sind zwei innerhalb der Schulen, 
alle anderen außerhalb, davon allerdings 52 in so großer Nabe — entweder 
dicht daneben, oder in einem Abstand von nur 3 m —, daß dies allein schon 
einen hygienischen Übelstand bedeutet. 

Der allgemeine bauliche Zustand der Abortanlagen ist in 148 Fällen 
als gut, in 131 Fällen als genügend, in 59 Fällen (= 17 Proz.) als mangel¬ 
haft zu bezeichnen. 

Was die einzelnen Bestandteile der Anlage betrifft, so reichen die Abort¬ 
zellen 26mal an Zahl nicht aus, fünfmal ist nicht eine Trennung für die 
Geschlechter vorgesehen; die Gruben fehlen fünfmal, siebenmal sind sie un¬ 
dicht und 13 mal nicht oder ungenügend abgedeckt; die Zellen werden in 
42 Schulen als zu dunkel, in 25 Schulen als unsauber bezeichnet. Pissoirs 
fehlen zweimal, kleinere und größere Mängel finden sich mehrfach. 

Die Einzelheiten, wobei auch etwaige Unterschiede zwischen Stadt- und 
Landkreisen zum Ausdruck kommen, sind aus nebenstehender Tabelle zu 
ersehen. 

Die Frage 9 handelt von dem Trinkwasser. Soweit sich die ge¬ 
machten Angaben verwerten lassen, ist über die Wasserversorgung unserer 
Schulen folgendes zu sagen. Von 336 Schulen haben 176 Wasserleitung, 
123 Brunnen, 37 sind ohne eigene Wasserversorgung. Da, wo Wasser¬ 
leitung vorhanden, handelt es sich meistens um eine zentrale für den ganzen 
Ort oder für mehrere Ortschaften; in etwa 30 Fällen aber ist eine besondere 
Schulwasserleitung vorhanden, die von einem höher gelegenen Brunnen das 
Wasser zur Schule leitet. Von den größeren Leitungen sind drei Talsperren- 


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Schulhygienische Betrachtungen. 


249 



leitungen, während die anderen sämtlich das Wasser aus besonderen Brunnen 
(Grundwasser) entnehmen. Biese zentralen Wasserversorgungen können 
sämtlich als einwandfrei gelten, — vielleicht mit Ausnahme der Leitungen 
aus den Talsperren —, während von den kleineren, besonderen Schulleitungen 
vier als nicht einwandfrei bezeichnet werden (wegen unzureichenden Schutzes 
der Wasserentnabmestelle oder dergleichen). 

Bezüglich der 123 Brunnen ist nicht überall angegeben, welcher Art 
sie sind; bezeichnet sind zehn als Röhrenbrunnen, 40 als Kesselbrunnen, 
zwei als offene Brunnen, so daß also 71 fraglich sind. 

Gut sind nach den Angaben außer den zehn Röhrenbrunnen 18 Kessel¬ 
brunnen und 48 Brunnen, bei denen die Angabe über die Bauart fehlt, also 
zusammen 76 Brunnen, während die übrigen 47 (davon ein Röhrenbrunnen, 
22 Kessel-, 2 offene, 22 fragliche Brunnen) zu bemängeln sind. Die 
Mängel sind meist in ungenügender Abdeckung zu suchen (22 mal), außer¬ 
dem wird neunmal allzu große Nähe an Gruben und Gräben mit Schmutz¬ 
stoffen angegeben, 14 mal fehlt eine genaue Angabe des Grundes der Bean¬ 
standung. Die beiden offenen Brunnen sind ohne weiteres zu beanstanden. 

Bei den Schulen der Stadtkreise ist jedesmal Anschluß an die zentrale 
Wasserleitung vorhanden, so daß hier keinerlei Mängel bezüglich der Wasser¬ 
versorgung zu bemerken sind. Im übrigen sind nach den vorherigen An¬ 
gaben im ganzen 84 Schulen (= 25 Proz.) mit fehlender (37) oder un¬ 
genügender Wasserversorgung (47) vorhanden. 

Trinkeinrichtungen in Form von Bechern oder dergleichen, teils an den 
Brunnen angebracht, teils in den Klassen verwahrt — das letztere ist wohl 
vorzuziehen — finden sich in der Regel vor. 

Um bezüglich der Frage nach der Wasserversorgung der Schulen eine 
einheitlichere Beantwortung zu erzielen, empfehle ich eine Reihe von Einzel¬ 
fragen in den Fragebogen aufzunehmen (siehe den Entwurf am Schlüsse). 

Badeeinrichtungen sind in zehn Schulen (acht in einem Stadtkreise) 
vorhanden. In diesen Schulen ist eine Gesamtzahl von 4750 Schülern vor¬ 
handen, gegenüber der Gesamtzahl von etwa 60 000 in den hier besprochenen 
sämtlichen Schulen. Die Einrichtung ist in mustergültiger Weise derart, 
daß im Souterrain der Schulhäuser je eine kalte und sechs bis neun warme 
Brausen nebst den nötigen An- und Auskleideräumen vorhanden sind; in 
einem Falle sind auch noch zwei Badewannen zum Gebrauch von warmen 


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250 


Dr. Solbrig, 


Bädern (eventuell unter Zusatz von Soole) vorhanden. Durchschnittlich 
kommt jedes Schulkind, mit Ausnahme der beiden jüngsten Jahrgänge, 
wöchentlich einmal zum Baden. 

Diese Einrichtung, zweifellos ein erfreulicher Fortschritt, verdient Nach¬ 
ahmung, wenigstens in den großen Schulen. 

Zu Nr. 11 des Fragebogens ist der auf jedes einzelne Schulkind fallende 
Kubikraum in jeder Klasse bereits weiter oben besprochen. Es bleibt übrig, 
hier über die Zahl der in jeder Klasse befindlichen Schüler, die Zahl der 
anwesenden und fehlenden (mit Gründen des Fehlens), die Reinlichkeit 
des Körpers und der Kleidung und den allgemeinen Ernährungs¬ 
und Gesundheitszustand zu sprechen. Hiervon sind die Angaben über 
die Gründe des Fehlens so lückenhaft, daß damit nicht viel anzufangen ist. 

Die Reinlichkeit des Körpers und der Kleider wird im ganzen 186 mal 
als gut, 109 mal als genügend, sechsmal als mäßig, der allgemeine Ernäh- 
rungs- und Gesundheitszustand 211 mal als gut, 85 mal als genügend, vier¬ 
mal als mittelmäßig bezeichnet. Allzuviel Wert wird vielleicht hierauf nicht 
gelegt werden können, da dergleichen allgemeine Angaben doch sehr von 
dem subjektiven Ermessen abhängig sind. 

Über die Zahl der in den einzelnen Klassen befindlichen Schüler 
gibt die nachfolgende Tabelle Auskunft. Die Gesamtzahl der Klassen- 
abteilungen ist eine etwas größere als die der Klassenzimmer, wie oben 
bereits gesagt wurde. Während sich in den Schulen der Stadtkreise höch¬ 
stens bis 79 Kinder in einer Klasse finden, steigt diese Zahl bei den übrigen 
Schulen im Höchstfälle bis auf 105. 


Zahl der in 

i i 

L ! 

! 

1 


1 

i 


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j 

fl 

s 

jeder Klasse befindlichen 

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1 

5 

1 

2 

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Schulkinder 

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I 

N 

Zahl der ( Stadtkreisen 

| — 6 1 

5 

24 1 

41 

97 1 

44 i — 

— ( 

— 

30 

247 

Klassen in den | Landkreisen 

f 13 1 27 ; 

| 80 

122 

186 

210 121 | 42 

6 

2 

5' 

i 

814 

zusammen 

1 13 33 | 

85 

146 | 

227 

307 

165 42 

6 

~ 

35 

1061 


Wenn man 70 als die Maximalzahl der Schüler für eine Klasse ansieht 
— die Hygieniker wollen im allgemeinen nicht über 50 gehen, während in 
Preußen nicht mehr als 70 Kinder in mehrklassigen, und nicht mehr als 
80 Kinder in einklassigeu Schulen gemeinsam unterrichtet werden sollen 
(nach dem mehrerwähnten Ministerialrunderlaß), wogegen das Schweizer 
Schulgesetz in den Volksschulen 52 Kinder als Höchstzahl bestimmt, — so 
würden im ganzen 215 (= 21 Proz.) Klassen als überfüllt zu bezeichnen 
sein, wobei die Schulen der Stadt- und Landkreise fast im gleichen Verhält¬ 
nis betroffen sind, nur mit dem Unterschied, daß die höheren Grade von 
Überfüllung (über 80 Kinder in einer Klasse) in den Schulen der Stadtkreise 
nicht Vorkommen. 

Interessant würde es auch sein, zu erfahren, wieviel Schüler auf einen 
Lehrer in den einzelnen Schulen und Klassen kommen. Der Fragebogen 
enthält darüber nichts; es würde sich vielleicht empfehlen, dies mit aufzu¬ 
nehmen. 


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Schulhygienische Betrachtungen. 251 


Schließlich der letzte Abschnitt 12 handelt von den Krankheiten der 
Schulkinder. Was zunächst das Ergebnis aus den hier besprochenen 
Schulen betrifft, so ist es in folgender Tabelle niedergelegt: 


Gesamtzahl 

der 

untersuchten 

Schulkinder 

i Von den Untersuchten litten an: | 

waren 

Ekzem 

Impetigo 

contagiosa 

Krätze 

Skrofulöse 

Tuberkulose 

Rachitis 

einfachen Augen- 

entsfindungen 

Trachom 

Ohreiterungen 

Erkrankungen 

des Nasen¬ 

rachenraumes 

Skoliose 

Epilepsie 

Stottern 

Taubstummheit 

■ss 

§ I 

ff 

li 

Idiotie und 

Schwachsinn 

kurzsichtig 

schwerhörig 

54 421 


3 

4 

266 

20 | 6 

254 

81 

60 

4 

16 

8 

74 

1 

16 

129 

1087 

729 


Außerdem sind 131 Kinder angegeben als an Skrofulöse, Augen- und 
Ohrenentzündungen, Herzfehler und Skoliose leidend, leider ohne genauere 
Einzelangabe. Mit diesen 131 waren also außer den Kurzsichtigen und 
Schwerhörigen im ganzen 1168 (= 2,1 Proz.) krank oder mit Abweichungen 
behaftet. 

Aus den vorliegenden Berichten geht nun hervor, daß nicht immer 
von den untersuchenden Kreisärzten auf das Vorhandensein von Skoliose, 
Skrofulöse, Tuberkulose u. a. m. geachtet worden ist — dies verlangt iu 
größeren Schulen einen größeren Zeitaufwand —, sondern daß sich viele 
auf das Vorhandensein von Augen- und Ohrenerkrankungen, Kurzsichtigkeit 
und Schwerhörigkeit beschränkt haben, denn sonst wäre nicht zu erklären, 
daß beispielsweise der eine in seinem Kreise unter rund 12 300 Schulkindern 
102 Schwachsinnige gefunden hat, während im ganzen bei allen Schulkindern 
nur 129 Schwachsinnige festgestellt sind. Es ist deshalb der Schluß berech¬ 
tigt, daß tatsächlich mehr Kinder, als hier angegeben, krank oder anormal 
sind. Immerhin entbehrt diese Zusammenstellung wohl nicht ganz des 
Interesses. 

Kurzsichtigkeit wurde im ganzen bei 1087 Schulkindern festgestellt, 
das bedeutet nicht ganz 2 Proz. der Gesamtheit. Schwerhörigkeit fand sich 
bei 729 (= 1,3 Proz.) Schulkindern. 


Haben nun die meist mit größter Sorgfalt ausgeführten Schulbesichti¬ 
gungen der Kreisärzte den erhofften Nutzen für die Schulen, Lehrer und 
Schulkinder gehabt? Diese Frage wird naturgemäß aufgeworfen, wenn man 
erfahrt, welche hygienischen Mängel in der einen oder anderen Beziehung 
festgestellt wurden. Hierüber kann hier nur im allgemeinen etwas gesagt 
werden. Zunächst ist es bemerkenswert, daß in unseren 363 Schulen im 
ganzen nur 20 waren, die zu keinerlei Ausständen seitens der besichtigenden 
Kreisärzte Veranlassung gaben. In allen anderen Schulen fanden sich größere 
oder geringere Übelstände, zu deren Abstellung entsprechende Vorschläge 
zu machen waren. Ein großer Teil derselben bezieht sich ja nur auf gering¬ 
fügige, leicht abzustellende Mängel, häufig war jedoch auch eine größere 
Zahl von Beanstandungen, als deren bedeutungsvollste das Urteil: „Neubau 
der Schule ist erforderlich u anzusehen ist. Es kann nun hier nicht darauf 


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252 


Dr. Solbrig, 


eingegangen werden, in welchem Umfange die gemachten Vorschläge auch 
späterhin zur Durchführung kamen. Soviel ist jedoch zu sagen, daß in 
höchst erfreulicher Weise im großen und ganzen die vorgeschlagenen Ver¬ 
besserungen auch ausgeführt wurden, bzw. deren Abstellung in die Wege 
geleitet wurde, wenn auch den vorhandenen Mitteln insofern Rechnung ge¬ 
tragen werden mußte, daß hier und da größere und kostspieligere Verbesse¬ 
rungen und Anschaffungen (von neuen Schulbänken z. B.) erst allmählich 
zur Durchführung gebracht wurden. Es muß auch hier nochmals betont 
werden, was ja wiederholt von anderer Seite zum Ausdruck gebracht worden 
ist, daß bei den Vorschlägen zur Verbesserung hygienischer Übelstände bei 
den Schulbesichtigungen das durchaus nötige von dem wünschenswerten 
getrennt werden muß, besonders im Hinblick auf die finanzielle Leistungs¬ 
fähigkeit der Gemeinden und Schul verbände. Als bemerkenswerte Tatsache 
kann noch angeführt werden, daß in den hier besprochenen Fällen allein 
15 Neubauten in Aussicht genommen, sechs solche beschlossen und sechs 
ausgeführt wurden, wozu die betreffende kreisärztliche Besichtigung nicht 
unerheblich beigetragen haben dürfte. 

Der Schluß ist hiernach jedenfalls berechtigt, daß die hier vorgenom¬ 
menen Besichtigungen ein erfreuliches Resultat gezeitigt haben, und daß bei 
dem neuen Turnus der Schulbesichtigungen das Bild bei der Revision ein 
um manches besseres sein wird. 

Im Anhänge wird nun der Entwurf eines Fragebogens, von dem mehr¬ 
fach bisher die Rede war, angefügt. 


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Schulhygienische Betrachtungen. 


253 


Entwurf 

zu einem abgeänderten bzw. erweiterten Fragebogen 
betreffend 

Übersicht über das Ergebnis der kreisärztliohen Besichtigung 
der.-Schule in. 


Schulgemeinde. Kreis . 

vorgenommen durch Kreisarzt Dr.am 


(Unzutreffendes ist durohzustreichen.) 


1. Schulgebäude: 

Jahr der Erbauung: 

Zu welchem Zwecke erbaut? 
Allgemeiner baulicher Zustand? 
Lage zum Ort: 

Lage zur nächsten Umgebung: 


Lage: 

Umgebung: 

Bauart: 

Beschaffenheit der Mauern: 

Zahl der Stockwerke: 
Unterkellerung: 

Dach: 

Dachrinne: 

Blitzableiter: 

Traufpflaster: 

Eingang zum Schulhause: 

Scharreisen: 

Haustür öffnet sich 

2. Lehrerwohnung im Schulhause: 


Schul dien er wohnung: 
Schulhaus dient zugleich 


als Schulhaus oder. 

gut, genügend, mangelhaft. 

in der Mitte, am Rande, abgelegen, 

an einem freien Platze. 

von .... Seiten frei, von. 

Seiten mit Häusern umgeben, . . m 
vom nächsten Hause entfernt, 
auf erhöhtem, ebenem, vertieftem Ge¬ 
lände. 

frei von Staub, üblen Ausdünstungen u. 
störenden Geräuschen,— oder gestört 
durch Staub, Gerüche, Geräusche, 
massiv, Fachwerk. 

trocken, feucht, teilweise feucht an 

Erdgeschoß und . . Stockwerke, 
völlig, teilweise, fehlend. 

Ziegel-, Schiefer-, 
vorhanden, fehlend, 
vorhanden, fehlend, 
vorhanden, fehlend. 

Treppe mit . . . Stufen und mit 
(ohne) Geländer, 
vorhanden, fehlend, 
nach außen, innen. 

(nicht) vorhanden, für . . . Lehrer¬ 
familie., . . unverheiratete. Lehrer, 
. . . Lehrerin ... 

mit (ohne) besonderem Eingang, (nicht) 

geräumig, gesund,. 

vorhanden, nicht vorhanden, für (un)- 
verheirate(n) Schuldiener(in), mit 
(ohne) besonderem Eingang. 

als.(Kirchenraum, 

für Gesangverein, zu Impfzwecken), 


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254 


Dr. Solbrig, 


3. Schalzimmer; Zahl: 

in welchem(n) Stockwerke(n): 
Lange: 

Breite: 

Höhe: 

Flächenraum: 

Kaumgehalt: 

Wände: 

Decke: 

Tüi*(en) schließ .. nach 
Fenster, Zahl: 

Gesamtgröße der Fenster (im 
lichten Mauerwerk gemessen): 
Verhältnis dieser Fenstergröße 
zur Fußbodenfläche: 

Schutz gegen Sonnenlicht: 

Heizung durch 

Beschaffenheit der Heizanlagen: 
Heizmaterial: 

Stellung der Heizkörper im 
Schulhause: 

Entfernung vom nächsten Sitz¬ 
platz: 

Schutz vor Hitze: 

Thermometer: 

Fußboden aus: 

Beschaffenheit: 

Lüftungs Vorrichtungen: 

Luftbeschaffenheit: 

Reinlichkeit: 

Wie oft findet die gewöhnliche 
Reinigung des Schulzimmers 
statt? 

Wie oft die Hauptreinigungen? 
Durch wen? 

4. Schulbänke; Stellung: 

Anzahl in jeder Klasse: 
Gesamtlänge aller Bänke: 
Demnach Banklänge für das 
einzelne Schulkind: 

System: 


mit.Leim-, Kalkfarbe mit 

. . . m hohem Sockel aus. 

Ölfarbe, Holz,. 

mit.Farbe. 

außen, innen. 

. . . auf . . . Wände verteilt im 
N, S, 0, W. 

. . . qm. 

1 : . . . 

(nicht) vorhanden, entbehrlich, in Form 


von Zug-, Rollvorhängen aus .... 

.gefärbten. 

Zentralheizung, Art?. 

Öfen (Füll-, Mantel-, Kachel-, ein¬ 
fache eiserne oder.). 

(un)genügend (wegen.). 


. . . m. 

nötig, vorhanden in Form von .... 

.. unnötig, fehlend. 

vorhanden, befindet sich an. 

.. fehlt. 

Dielen, Zement,. 

eben, dicht, gefirnißt, mit Fußbodenöl 
(Stauböl) versehen, undicht, . . . . 

vorhanden in Form von. 

. . . . , (nicht) ausreichend, fehlen, 
gut, mangelhaft, 
gut, genügend, mangelhaft. 

täglich,. 

monatlich, vierteljährlich,. 


Licht von links und 


.m. 

feste Bänke alten Systems mit un¬ 
veränderlicher +Distanz, wobei Tisch 
mit zugehöriger (davorstehender) 
Sitzbank verbunden ist; 


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255 


Schulhygienische Betrachtungen. 


Rückenlehne: 

Fußbretter: 

Bankgröße: 

Bankmaße (bei inehrklassigen 
Schulen für jede Klasse mit 
Angabe der betreffenden Alters¬ 
stufen besonders): 


Gesamturteil über die Bänke: 

5. Weitere Einrichtung der 
Schulzimmmer. 

Katheder: 

Schultafel: 

Beschaffenheit: 

Spucknäpfe: 

Kleiderhaken: 

6. Gänge und Treppen. 

Flure; Breite: 

Fußboden aus: 

Wände: 

Luft in den Fluren: 
Licht in den Fluren: 
Temperatur: 

Treppen; Breite: 

Stufenhöhe: 

Stufentiefe: 

Material: 

Geländer: 

Absätze: 

Luft: 

Licht: 

7. Spiel- und Turnplatz, Turn¬ 
halle. 

Spielplatz: 

Größe: 

Lage: 


zweisitzige Bänke neueren Systems 
mit unveränderlicher 0, —Distanz 
von ... cm (Rettigbänke), .... 


. . . sitzige mit veränderlicher Distanz 
durch Verschiebung der Sitze (oder 

Tische). 

(nicht) vorhanden. 

(nicht) vorhanden. 

gleiche, . . . erlei verschiedene Größe 
in jeder Klasse. 


Sitzhöhe. 

Differenz. 

Distanz. 

Breite der Sitzbank.... 
Breite der Tischplatte . . 
Neigung der Tischplatte . 
gut, genügend, mangelhaft. 


vorhanden, befindet sich an 
befindet sich an. 


vorhanden, aus. 

gefüllt mit., fehlen. 

im Zimmer, im Flur, in (ungenügen¬ 
der Anzahl vorhanden, fehlen. 

.m. 

Holz, Stein. 

Kalk-, Ölfarben-, Anstrich. 

gut, schlecht. 

ausreichend, nicht ausreichend. 

genügend, zu kalt, Zug im. 

. . . . m. 

. . . . cm. 

... cm. 

Holz, Stein. 

vorhanden,. 


gut, schlecht. 

ausreichend, nicht ausreichend. 

vor (hinter, neben) dem Schulhause. 

. . . . qm. 

freiliegend,. 

(nicht) eingefriedigt von . . . Seiten, 
(nicht) bepflanzt, sonnig, schattig (zu¬ 
gleich Turnplatz),. 


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256 


Dr. Solbrig, 


Turnplatz: 

Lage: 

Beschaffenheit: 
Größe: 


Turnhalle: 

Größe: 

Lage: 

Einrichtung: 

8. Abortanlagen. 

System: 

Lage: 

Trennung für die Geschlechter: 
Anzahl der Zellen: 

Allgemeiner Zustand: 

Grube: 


Pissoir: 

Zustand: 

Wie oft werden die Abortanlagen 
gereinigt? 

Durch wen? 

Wie oft werden die Gruben ent¬ 
leert? 

9. Wasserversorgung: 


Art derselben: 


Wassermenge: 

Beschaffenheit des Wassers: 
Trinkeinrichtung: 
Gesamturteil: 


(nicht besonders) vorhanden. 

. . . . m entfernt vom Schulhause, 
(nicht) eingefriedigt. 

gut, mangelhaft wegen. 

.... qm. 

mit folgenden Turngeräten:. 

ohne Turngeräte. 

(nicht) vorhanden. 

.... qm. 

. . . . m entfernt vom Schulhause, 
zugleich für .... Schule .... 
bestimmt. 


. . . . m vom Schulhause. 

. . . . m von Brunnen, 
ja, nein. 

gut, genügend, mangelhaft wegen . . . 

dicht, undicht, (nicht) genügend ab¬ 
gedeckt, (nicht) entlüftet. 

.. fehlt, statt dessen 

Kasten. 

(nicht) vorhanden. 

gut, mangelhaft wegen. 


besondere Wasserversorgung für die 
Schule ist (nicht) vorhanden, (Wasser 
wird aus . . m Entfernung von 

.geholt). 

zentrale Leitung des Ortes, eigene Lei¬ 
tung für die Schule. 

Brunnen: Röhren-, Kessel-,. 

.... von . . m Tiefe, in . . m 
Entfernung vom Schulhause und 
. . m Entfernung vom Abort. 
Brunnenwau düng: 

Abdeckung (un)genügend aus. 

Überlaufwasser läuft (un)genügend ab. 
(un)genügend. 

gut, schlecht wegen. 

Becher am Brunnen, im Schulzimmer 


einwandfrei, bedenklich wegen . . . . 


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267 


Schulhygienische Betrachtungen. 


10. S c h u 1 b ä d e r - Einrichtungen: 


11. Schulkinder, Gesamtzahl: 

Auf jeden Lehrer der Schule 
treffen: 

Es werden gemeinschaftlich 
unterrichtet: 

Für jedes Kind fällt dabei an 
Flächenraum: 

An Luftraum: 

Zahl der anwesenden: 

Zahl der fehlenden: 

Gründe des Fehlens: 
Reinlichkeit des Körpers: 
Reinlichkeit der Kleider: 
Allgemeiner Eraährungs- und 
Gesundheitszustand: 

12. Krankheiten der Schulkinder. 

Es waren von den anwesenden 
krank: 

Darunter an 

Skrophulose: 

Tuberkulose: 
Augenentzündungen: 
Granulöse: 

Ohreiterungen: 

Skoliose: 


(nicht) vorhanden, befinden sich in 

., bestehen aus . . kalten, 

. . warmen Brausen nebst besonde¬ 
ren Ankleideräumen, aus . . Wannen. 

Benutzung für jedes Schulkind durch¬ 
schnittlich . . mal in der Woche, 
im Monat . . mal. 

Einrichtung gut, zu bemängeln ist: 


Schüler in Klasse . 


n v 

n n 


qm in Klasse . . . 

n n n ... 

cbm „ „ ... 

n n n • • 


Es waren kurzsichtig: . 

Es waren schwerhörig: . 

Zum Schutze gegen die an¬ 
steckenden Krankheiten ist 

erforderlich? . 

Welche Epidemien haben in den 

letzten Jahren geherrscht? . 

Besondere Bemerkungen: . 

Lageplan des (der) Schulzimmer mit Einzeichnung der Türen, Fenster, Stellung 
von Katheder, Bänken, Tafel, Ofen. 


Vierteljahr#s*chrift für Ge#undheitapflege, 1907. 


17 


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258 


Dr. med. Friedrich Holtzmann, 


Über Ätiologie und Prophylaxe der Chlorakne. 

Von 

Dr. med. Friedrich Holtsmann, 

Beamter der Großherzogi. bad. Fabrikinspektion in Karlsruhe. 


Seit der ersten Publikation über eine eigenartige, in chemischen 
Fabriken auftretende Gewerbekrankheit, die sogenannte Chlorakne, durch 
Herxheimer, ist verschiedentlich, namentlich von französischen Autoren, 
über diese Erkrankung berichtet worden. Das Krankheitsbild ist von allen 
Autoren einheitlich dargestellt worden, so daß eine Wiederholung der Be¬ 
schreibung hier unterbleiben kann. Auch die nosologische Sonderstellung 
der Chlorakne ist erwiesen; von der Teerakne, mit der sie verglichen wurde 
unterscheidet sie sich durch die schwerere Form der Erkrankung und durch 
die größere Nachhaltigkeit des Reizes. Während bei der Teerakne durch 
den Teer ein Hautreiz ausgeübt wird, der cessante causa schwindet, werden 
durch die Chlorakne die Talgdrüsen viel intensiver angegriffen, es bilden 
sich Atherome und konfluierende Abszesse und es zeigen sich Nachschübe 
noch Monate, nachdem der Arbeiter den Betrieb verlassen hat. Auch die 
Ätiologie ist zweifellos verschieden. 

Alle Beobachtungen über Chlorakne stammen aus Betrieben, in denen 
das Chlor auf elektrolytischem Wege durch Zersetzung von Chlornatrium 
oder Chlorkalium gewonnen wird, mit einziger Ausnahme der Beob¬ 
achtungen von Bettmann, der über Fälle berichtet aus Betrieben, in denen 
Chlor nach einem anderen Verfahren bergestellt wird. Es war mir nun 
durch mein Amt möglich, die ganz verschiedenartigen Betriebe, in denen 
Chlor hergestellt wird, eingehend zu besichtigen, und ich glaube, daß dieser 
Umstand es rechtfertigt, wenn ich auch meine Ansichten in der Frage der 
Chlorakne darlege. 

Die Ansichten über Ätiologie und Prophylaxe dieser Erkrankung gehen 
weit auseinander, besonders sind die Theorien über die Entstehungsursache 
noch ungeklärt. Die Praxis ist der Theorie vorausgeeilt und hat in der 
Prophylaxe schon Erfolge aufzuweisen. Die Betriebsleiter und die Arbeiter¬ 
schaft der Chlorkalkfabriken sind auf die Gefahren aufmerksam geworden, 
die Gewerbeinspektionen haben die Sache aufgegriffen, bei den gefährlichen 
Arbeiten werden besondere Schutzmaßregeln getroffen, Bäder sind erstellt 
worden, auf die Hautpflege wird größere Rücksicht genommen, die Arbeits¬ 
kleidung wird nach der Arbeit abgelegt. Überall, wo Chlorakne vorkam, 
bestätigte man mir, daß sie jetzt viel weniger intensiv auftrete, wie vor 
Jahren; jedenfalls also läßt sich durch Vorsicht und Reinlichkeit etwas 
erreichen. 

Was nun die Ätiologie anlangt, so ist vorerst die Frage noch nicht 
entschieden, ob es sich um eine äußere Reizung der Haut handelt, oder um 
eine Affektiou, die durch Ausscheidung schädlicher in den Blutkreislauf ge- 


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über Ätiologie und Prophylaxe der Chlorakue. 259 

langter Substanzen durch die Talgdrüsen herrührt, mit anderen Worten, ob 
wir es nach Hebra mit einer idiopathischen oder symptomatischen Akne 
zu tun haben. Herxheimer gibt in seiner ersten Abhandlung das freie 
Chlor als Ursache an, das durch Einatmen aufgenommen und durch die 
Talgdrüsen ausgeschieden würde. In einer weiteren Abhandlung bezeichnet 
er es als unwahrscheinlich, daß das freie Chlor die Erkrankung verursache, 
und bezeichnet das Chloroxyd und gechlorte Kohlenwasserstoffe als Erreger. 
Bettmann läßt die Frage der Ätiologie offen, betont aber, daß viele Um¬ 
stände sehr auf eine äußere Reizung hindeuten, Hallopeau und Jaquet 
nehmen äußere Reizung an, Sa vornin glaubt an eine symptomatische Akne, 
ähnlich den medikamentösen Ausschlägen nach Einnahme von Jod und 
Brom, K. B. Lehmann bekennt, daß seine Forschungen nach der Ursache 
der Erkrankung negativ geblieben sind, etwas bestimmteres, als daß ge¬ 
chlorte Kohlenwasserstoffe die Ursache seien, ließe sich nicht ermitteln. Für 
eine äußere Reizung spräche, daß die Teile, die mit den beschmutzten 
Händen am leichtesten in Berührung kämen, am frühsten erkrankten, für 
die Theorie der Einatmung von Dämpfen spreche die hohe Temperatur der 
Zellflüssigkeit. Lävi Sirugue begnügt sich damit, die Ansichten von 
Thibierge und Fumouze wiederzugeben. Wilhelm Lehmann, der letzte 
deutsche Autor, der ausführlich über die Chlorakne berichtet hat und auf 
dessen Arbeit ich daher näher eingehe, erklärt die Erkrankung durch Auf¬ 
nahme einer Chlorteerverbindung durch den Digestionstraktus und Aus¬ 
scheidung durch die Talgdrüsen. Fumouze — nicht Fumonge, wie ihn 
W. Lehmann konstant nennt —, der über seine exakten Beobachtungen 
eingehend berichtet, gibt an, daß der flüchtige Wasserstoff Ätznatron, das 
sich bei der Zersetzung bilde, mit sich reiße; dies verbinde sich mit dem 
im Zer8etzungBraum in geringer Menge vorhandenen Chlor zu unterchlorig¬ 
saurem Natrium und reize im Entstehungszustande die Haut und schade 
gleichzeitig auch durch Einatmung. Daß er aber selbst seiner Sache nicht 
ganz sicher ist, beweist die im Resume gebrauchte Wendung, die Chlorakne 
scheine dem unterchlorigsauren Natrium zuzuschreiben zu sein. Da die 
meisten Fälle in solchen Betrieben bekannt geworden sind, in denen Chlor 
auf elektrolytischem Wege dargestellt wird, glaubt er an eine direkte Be¬ 
ziehung der Elektrolyse zur Erkrankung, analog den von Heucke be¬ 
schriebenen Hauterkrankungen in anderen elektrotechnischen Betrieben 
(Vernickelung, Verkupferung) und nennt sie: dermatose chlorique electro- 
lytique. Es ist diese Annahme ohne Frage unrichtig, denn die Erkrankung 
kommt genau in derselben Weise auch in Betrieben vor, in denen keinerlei 
Elektrolyse stattfindet. 

Gelegentlich der Inspektionen der in Baden gelegenen Betriebe habe 
ich mir nun die Arbeit genau beschreiben lassen, habe die Arbeiter bei der 
Arbeit in den beiden verschiedenartigen Betrieben, in denen die Chlorakne 
vorkommt, beobachtet, habe mit vielen gesprochen und habe viele in ver¬ 
schiedenen Stadien ihrer Erkrankung untersucht und bin dabei zur Über¬ 
zeugung gekommen, daß es sich um eine rein durch äußerlichen Reiz er¬ 
zeugte Hautkrankheit handelt. Es folgt dies vor allem daraus, daß immer 
erst die von der Kleidung unbedeckten Hautpartien von der Krankheit 
befallen werden, und ferner noch aus den weiter unten angeführten Tat- 

17* 


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260 


Dr. med. Friedrich Holtzmann, 


Sachen; ich füge gleich hinzu, daß auch mein hochverehrter Lehrer, Herr 
Professor Wolff, Straßburg, mit dem ich über die Frage persönlich kon¬ 
ferierte, diesen Standpunkt einnimmt. Auch die Direktoren der Fabriken 
und ein Arzt, dem die regelmäßige Untersuchung der in den gefährdeten 
Betrieben beschäftigten Arbeiter obliegt, äußerten sich in diesem Sinne. 
Eine weitere Frage ist, ob wir es mit einer gasförmigen oder einer festen 
Noxe zu tun haben. Für beide Theorien spricht, wie wir sehen werden,, 
mancherlei. 

Die Chlorakne tritt vorzugsweise bei Arbeitern auf, welche die er¬ 
schöpften „Zellen u , in denen die Zersetzung des Chlornatriums durch Elek¬ 
trolyse in einer Temperatur von durchschnittlich 90° stattfindet, heraus¬ 
zunehmen und zu reinigen haben. Das Verfahren ist das folgende: die 
Salzsoole kommt in Zersetzungsapparate, die aus schmiedeeisernen Kästen 
bestehen, in denen sich Zellen mit porösen Wänden befinden. Die Zellen 
enthalten die anodische Kohlenelektrode, während der schmiedeeiserne 
Kasten die Kathode bildet. Das an der Anode sich ausscheidende Chlor 
wird in die Chlorkalkkammern abgefübrt, die an Ätznatron reiche Flüssig¬ 
keit an der Kathode wird auf verschiedene Konzentrationen eingedampft 
und verwendet. Einzelne Fälle aber werden auch bei solchen Arbeitern 
beobachtet, die im Zersetzungsraume beschäftigt waren und nichts mit dem 
Ersatz der aufgebrauchten Zellen zu tun hatten. Ferner tritt Chlorakno 
auf beim Auseinandernehmen der Türme, in denen die beim Hargreave- 
schen Verfahren der Zersetzung des Chlornatriums entstehenden Salzsäure¬ 
dämpfe durch Wasser kondensiert werden und ebenso beim Auseinander¬ 
nehmen der Zersetzungstürme, in denen das Chlor aus der Salzsäure durch 
Darüberleiten von Schwefelsäuredämpfen ausgetrieben wird. 

Die Arbeiten haben das gemeinschaftliche au sich, daß längere Zeit 
geschlossene Behälter, in denen chlorierte Produkte bei hoher Temperatur 
enthalten sind und dort Umsetzungen eingehen können, geöffnet werden. 

Die Arbeiter, deren Disposition zur Erkrankung an Chlorakne eine 
verschiedene ist, empfinden schon bei der Arbeit, je nach ihrer Empfäng¬ 
lichkeit, ein mehr oder minder starkes Jucken und Brennen im Gesicht, im 
Nacken, am Handrücken und Handgelenk, die Haut rötet sich und schwillt 
auf; nach 4 bis 14 Tagen nimmt die Entzündung ab und nun zeigen sich 
alsbald die ersten Erscheinungen der Chlorakne, in leichteren Fällen Come* 
donen, in anderen gleich entzündliche Akneknötchen, die „Pocken tf , wie sie 
von den Arbeitern genannt werden. Stets treten diese ersten Akne¬ 
erscheinungen auch an den unbedeckten Hautstellen auf, an denen die erste 
Entzündung Platz gegriffen hatte. Dies ist der gewöhnliche Anfang der 
Erkrankung bei Arbeitern in den nicht elektrolytischen Betrieben. Bei den 
beim elektrolytischen Verfahren beschäftigten Arbeitern tritt die anfäng¬ 
liche akute Hautentzündung nicht regelmäßig auf, die Einwirkung scheint 
hier eine allmählichere zu sein. Bei diesen Arbeitern zeigen sich, Monate 
nachdem sie die Arbeit aufgenommen haben, erst immer zahlreichere Come- 
donen, dann auch entzündliche Akneknötchen. Doch wird auch beim elektro¬ 
lytischen Betrieb die anfängliche Dermatitis beobachtet, wie auchFumouze 
berichtet, der sie bei mehr als der Hälfte der Erkrankten im Gesicht 
beobachtete. 


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261 


Über Ätiologie und Prophylaxe der Chlorakne. 

Warum W. Lehmann einen Zusammenhang der erst auftretenden all¬ 
gemeinen Hautentzündung mit der Chlorakne bestreitet, ist nicht ganz ver¬ 
ständlich. Einmal widerspricht es dem in der Medizin bestehenden Grund¬ 
sätze» alle Symptome möglichst auf eine Ursache zurückzuführen, dann aber 
scheint es mir gerade in diesem Falle evident zu sein, daß sich ein Krank¬ 
heitsbild aus dem anderen direkt entwickelt. Bei manchen Arbeitern ist 
noch nach Monaten, wenn die Akneeruption schon ganz vorüber ist, noch 
die Ausdehnung der ersten Dermatitis durch einen mehr oder minder deut¬ 
lich ausgeprägten und soharf abgesetzten roten Saum erkenntlich; sie wird 
von allen Patienten, die daran litten, als der Anfang der Chlorakne an¬ 
gegeben, auch von hochgebildeten Leuten, die sich genau beobachten. So 
machten mir der Direktor und der Betriebsleiter einer großen chemischen 
Fabrik, die selbst in leichter Form an Chlorakne erkrankt waren, diese An¬ 
gaben. Der Direktor betrat nur auf kurze Zeit, als ein Turm ausgepackt 
wurde, die Arbeitsstätte, ohne etwas zu berühren oder gar in den Mund zu 
nehmen. Er verspürte noch an demselben Tage heftiges Jucken und 
Brennen, erkrankte an einer diffusen Dermatitis des ganzen Kopfes und der 
Handgelenke, danach traten einzelne Comedonen, besonders in der Falte 
unter den Augen auf. Ein andermal war der Betriebsleiter derselben 
Fabrik beim Ausräumen der Türme zugegen, hatte aber den Kopf mit dem 
Hnt bedeckt. Auch er erkrankte, die Entzündung schnitt aber an der 
Stirne genau mit dem Hutrande ab. Comedonen und Aknepusteln traten 
hinter dem Ohre auf. Der Direktor, dessen Haut besonders empfänglich zu 
sein scheint, erzählt, daß er die Erkrankung mit der Sicherheit eines Ex¬ 
perimentes bei sich auslösen könne, er brauche nur in die Nähe eines Turmes 
zu gehen, der ausgepackt würde. 

Diese Beobachtungen würden auf die Einwirkung einer gasförmigen 
Noxe hinweisen und zwar scheint mir das rasche Auftreten der Ent¬ 
zündungserscheinungen für eine direkte Wirkung auf die Haut und gegen 
«ine Aufnahme durch Respiration zu sprechen. Im Gegensatz hierzu stehen 
wieder andere Beobachtungen, die auf eine feste oder flüssige Substanz hin- 
weisen. So ergab eine Umfrage bei mehreren Gewerbeinspektionen, in 
deren Bezirk Chlorakne in elektrolytischen Betrieben auftrat, daß allgemein 
dem an der Anode eich ansammelnden teerhaltigen Schlamm eine Bedeutung 
in der Ätiologie der Chlorakne zugeschrieben wurde. In dem von mir ein¬ 
gesehenen Betriebe wurde beobachtet, daß ein Arbeiter, der sich mit dem 
durch Anodenschlamm stark verunreinigten Handschuh ins Gesicht fuhr, 
an dieser Stelle an Dermatitis und nachfolgender Chlorakne erkrankte. 

Ebenso ist bei dem nicht elektrolytischen Betriebe in den Schalen, die 
in den Türmen aufgebaut sind, Schlamm enthalten. In den Salzsäuretürmen 
sieht er dunkel aus und enthält Teer, der dadurch hineingelangt, daß das 
Transportband, auf dem das Chlornatrium in den Ofen gebracht wird, mit 
Teer bestrichen ist, der mit überdestilliert. Im Ofen findet dann durch 
Einwirkung der Pyrit-Röstgase, des Sauerstoffs der Luft und des Wasser¬ 
dampfes die Zersetzung in Salzsäure und Natriumsulfat statt. In den Zer¬ 
setzungstürmen sieht der Schlamm hell, gallertig aus und enthält öl, das 
beim Austreiben des Chlors aus der Salzsäure zugegeben wird, um ein Über¬ 
schäumen zu verhindern. All diese Schlammarteu sind in feuchtem Zustand 


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262 


Dr. med. Friedrich Holtzmann, 


als direkt gefahrbringend erkannt; der getrocknete Schlamm ist hingegen 
unschädlich. Die beobachteten Krankheitsfälle der in der elektrolytischen 
Zersetzungshalle beschäftigten Arbeiter ließe sich wieder nur durch Ein¬ 
wirkung eines gasförmigen Agens, das aus den nicht gasdicht verschlossenen 
Zellen entweicht, erklären. 

Die Erkrankung beginnt, wie schon erwähnt, an den unbedeckten 
Körperpartien, besonders sind die Teile gefährdet, an denen zugleich eine 
Reizung der Haut durch Reibung von Kleidungsstücken stattfindet, also der 
Hals, der Nacken und die Handgelenke. Arbeiter, die den schädigenden 
Einflüssen längere Zeit ausgesetzt bleiben, erkranken intensiver, nicht nur 
an den unbedeckten Hautpartien, sondern auch an anderen Körperteilen, 
besonders werden die Oberschenkel und die Genitalien befallen. Es erklärt 
sich dies leicht dadurch, daß die Kleidung sich mit den schädlichen Stoffen 
imprägniert und dadurch, daß die Arbeiter während der Arbeit, begreiflicher¬ 
weise ohne sich stets vorher die Hände zu waschen, urinieren und hierbei 
schädigende Substanz verschleppen. Ferner wurde beobachtet, daß die 
Arbeiter bei der Arbeit oft mit gespreizten Beinen dastehen, so daß schäd¬ 
liche Gase leichter zum Genital und den Schenkeln zutreten konnten. Auch 
Fumouze gibt an, daß die über den Zellen stehenden Arbeiter besonders 
an den unteren Extremitäten erkranken. Eine weitere interessante Beob¬ 
achtung, die hier zu verwerten ist, ist die, daß die Arbeiter im Sommer, 
wenn sie leichter gekleidet sind und die Kleidung offen tragen, und die 
schädliche Noxe durch den Schweiß leichter verbreitet wird, beim Aus¬ 
packen der Türme an ausgedehnteren Hautpartien erkranken, als im Winter, 
wenn die Kleidung geschlossen getragen wird. Am Gürtelsitz, der auch oft 
deutlich als stärker erkrankt von der Umgebung sich abzeichnet, kommt 
die mechanische Schädigung durch die Reizung wieder in Betracht. 

Alle diese verschiedenen Beobachtungen lassen sich so erklären, daß in 
der Wärme der Zellen oder der Türme ein chloriertes Produkt entsteht, 
das bei höherer Temperatur noch flüchtig ist oder doch mit anderen Gasen 
mechanisch mitgerissen wird. Beim Abkühlen gesellt es sich dem Schlamm 
an der Anode bzw. in den Schalen zu. Dies chlorierte Produkt muß der 
Erreger der Krankheit sein. Hier wäre nochmals die Arbeit von K.B.Leh¬ 
mann zu erwähnen, der auch zu einer derartigen Ansicht hinzuneigen 
scheint, und der angibt, daß die meisten Erkrankungen auftreten, wenn die 
Flüssigkeit in den Zellen auf 100° erhitzt wird, während bei niederer 
Temperatur die Zahl der Erkrankungen sinkt. Ferner wurde auch mir be¬ 
richtet, daß die Erkrankung an Chlorakne beim Auspacken der Türme 
seltener auftritt, seitdem man die Türme erst abkühlen läßt und sie vorher 
durchspült, als zu Anfang, da man in Unkenntnis der Folgen die Türme in 
Angriff nahm, als sie noch warm waren. 

Ob es nun gerade Chlorteerverbindungen sind, wie W. Lehmann 
annimmt, die diesen Hautreiz ausüben, oder eine andere Chlorverbindung, 
von denen einige durch die Chemiker im Anodenschlamm nachgewiesen 
sind, ist noch nicht bewiesen. Sicher ist nur, daß freies Chlor die Ursache 
nicht sein kann, denn nirgends wurde durch dies allein die Erkrankung 
hervorgerufen, darin stimmen alle Autoren überein. Bei der Gewinnung 
der Salzsäure in den Salzsäuretürmen kommt es zudem gar nicht vor. 


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Über Ätiologie und Prophylaxe der Chlorakne. 263 

Bei der Elektrolyse soll nach W. Lehmann die Möglichkeit zur Bildung 
von Chlorteerverbindungen dadurch gegeben sein, daß bei der Herstellung 
der Kohlenelektroden Koks und Teer verwendet wird. Ist W. Lehmanns 
Theorie über den Erreger der Krankheit richtig, so müßte die Chlorakne 
aufhören, wenn die anodischen Kohlenelektroden durch Eisenelektroden 
ersetzt würden. Dies ist in einem Betriebe geschehen, die Krankheit 
ist aber noch nicht verschwunden, allerdings ist eine wesentliche Ver¬ 
minderung in der Zahl und in der Intensität der Krankheitsfälle beob¬ 
achtet worden, dies läßt sich aber ebensogut, wie oben erwähnt, auf die 
allgemeinen hygienischen Maßnahmen zurückführen, zumal nach Mitteilung 
in einem anderen großen Werke, in dem die Kohlenelektroden nach wie vor 
gebraucht werden, die Chlorakne auch fast ganz nach der Einführung all¬ 
gemeiner hygienischer Maßnahmen geschwunden ist. In die Salzsäuretürme 
können Teerprodukte, wie wir gesehen haben, durch die Teerung des 
Transportbandes gelangen. Hierzu wird nunmehr in der mir zugänglichen 
Fabrik öl verwendet. Eine Auspackung der Türme hat seither noch nicht 
stattgefunden. Wie aber der Teer in die Zersetzungstürroe gelangt, wäre 
noch nicht aufgeklärt. Auffallend bleibt auch, daß beim Arbeiten an den Chlor¬ 
kalkkammern, die mit einer teerhaltigen Masse innen ganz überzogen sind, 
nie Chlorakne auftritt; ebenso wurde auch bei der Herstellung von Chlor durch 
starke Erhitzung des Braunsteins mit Salzsäure in ausgeteerten Gefäßen 
niemals Chlorakne beobachtet. 

Kurz möchte ich noch erwähnen, daß Störungen des Allgemeinbefindens 
nur insoweit angetroffen wurden, als sie sich aus der Hauterkrankung und 
den damit zusammenhängenden Unannehmlichkeiten erklären lassen. Eine 
dauernde Schädigung der Arbeitsfähigkeit wurde von mir, wie auch von 
anderen Autoren, nicht beobachtet, nur in einem Falle entwickelte sich eine 
der in neuester Zeit von Gaupp so vorzüglich beschriebenen Unfallneurosen. 
Ein Zusammenhang von Chlorakne und Tuberkulose, wie er von einigen 
französischen Autoren behauptet wird, scheint mir durch nichts bewiesen. 
L6vi-Sirugue, der letzte französische Autor, der über diese Materie ge¬ 
schrieben, und Fumouze drücken sich auch schon vorsichtiger aus, indem 
sie sagen, die Tuberkulose ist bei diesen Arbeitern nicht selten, oder die 
große Hitze in der Fabrik, die übrigens in den mir zugänglichen Etablisse¬ 
ments gar nicht vorhanden ist, begünstige die Verstäubung des Sputums. 
Auch die große Schlafsucht, die Fumouze erwähnt, wurde von den von mir 
befragten Patienten nicht angegeben. 

Zur Frage der Übertragbarkeit der Chlorakne möchte ich bemerken, 
daß mir ein Fall bekannt wurde, in dem das Kind eines Arbeiters, das auf 
dem Arbeitskittel des Vaters schlief, im Gesicht erkrankte. 

Auf Gruud dieser Erfahrungen läßt sich schließlich die Frage, wie der 
erkannten Gefahr am besten vorzubeugen wäre, beantworten. Das Aus¬ 
packen der Türme und das Auswechseln der Zellen darf nur geschehen, 
nachdem dieselben abgekühlt sind. Ferner handelt es sich darum, die Haut 
vor der Berührung durch die Noxe zu bewahren. 

Die Arbeiter müssen bei den gefährlichen Arbeiten mit Unterkleidern, 
Strümpfen, bis über die Knöchel reichenden Schuhen und waschbaren Ober¬ 
kleidern ausgestattet sein. 


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264 Dr. med. Friedrich Holtzmann, Über Ätiologie und Prophylaxe der Chlorakne. 

Die Kleider müssen überall, besonders am Halse und an den Fu߬ 
knöcheln, dicht anschließen, die Reibung müßte durch eingelegte Watte ver¬ 
hindert werden. 

Die Hände müssen mit undurchlässigen Handschuhen bekleidet werden, 
die bis über die Handgelenke reichen und mit den Ärmeln der Kleidung 
eng verbunden sind. 

Die behaarte Kopfhaut wäre mit einer bis über die Ohren reichenden 
Mütze abzuschließen, zum Schutze gegen etwaige noch gasförmige Produkte 
müßten das Gesicht und die freien Teile des Halses mit einer diohten 
Vaselinschioht bedeckt werden. 

Vor dem Berühren des Gesichtes und dem Urinieren während der 
Arbeit wäre besonders zu warnen. 

Um dies durchführen zu können, müßte die Arbeitszeit für die be¬ 
sonders gefährlichen Beschäftigungen möglichst kurz bemessen werden. Nach 
der Arbeit müßten die Arbeiter baden und sich vollständig umkleiden. Die 
Arbeitskleider wären gründlich auszuwaschen und müßten vor Wieder¬ 
gebrauch gut ausgetrocknet sein. 

Literatur. 

Herxheimer, Über Chlorakne, Münchner med. Wochenschr. 1899. 

Derselbe, Weitere Mitteilungen über Chlorakne, Verhandl. d. VII. Kongr. 
d. Deutsch, dermatolog. Gesellschaft. Breslau 1901. 

Wilhelm Lehmann, Über Chlorakne, Arch. f. Dermatologie u. Syphilis 
1905, Bd. 77. 

Paul Fumouze, Dermatose chlorique 61ectrolytique, Thöse de Paris 1901. 

Heueke, Hautkrankheiten in der elektrochemischen Industrie, Zeitschrift 
der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, 15. Febr. 1901. 

Bettmann, Chlorakne, Deutsche med. Wochenschr. 1901. 

Hallopeau, Semaine mädicale 1900, p. 204. 

Jaquet, Sur l’acn6 chlorique, Semaine m4dicale 1902. 

K. B. Lehmann, Studien über Chlorakne, Arch. f. Hygiene 1903, Bd. 46. 

Savornin, Les acn4s symptomatiques, la lancette fran$aise, gazette des hopi- 
taux civils et militaires 1903, No. 53. 

L6vi-Sirugue, Les dermatoses professionelles, ebendaselbst 1906, No. 17. 


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Dr. M. Kaiser, Uber eine Trinkwasser-Typhusepidemie. 


265 


Über eine Trinkwasser-Typhusepidemie. 

Von 

Dr. M. Kaiser. 

(Aus dem hygienischen Institute der E. E. Universität in Graz.) 
(Mit 1 Abbildung im Text.) 


Im folgenden berichte ich über eine Typhushausepidemie, die durch 
einen infizierten Brunnen hervorgerufen wurde. Da der sichere Nachweis 
des Typhusbazillus im Trinkwasser nicht zu häufig gelingt, so dürfte es 
nicht uninteressant sein, zu den wenigen Fällen, welche von v. Drigalski 1 ) 
zusammengestellt wurden, noch einen neuen hinzuzufügen. 

Am 16. Juli d. J. traf ich in K., einem Enabenerziehungshause, ein und 
erfuhr folgendes: Im Frühjahr 1903 war das frühere Schloßgut E. von den 
jetzigen Besitzern übernommen und in eine Erziehungsanstalt umgewandelt 
worden, wobei eine neue Wasserleitung mit einer Quellstube und zwei 
Sammelbassins („Brunnen") zur Wasserentnahme angelegt werden mußten. 
Das Wasser des zweiten dieser Bassins, des sogenannten „Hofbrunnens", war 
von jeher immer trüb und unappetitlich, namentlich aber in letzter Zeit 
— Anfang Mai wurde zwei Tage lang bei offenem Bassin eine Reparatur 
vorgenommen —, so daß den Zöglingen strenge verboten werden mußte, von 
dem Wasser zu trinken. Der Bedarf an Eochwasser wurde vom Bassin I, 
dem „Eapellenbrunnen", gedeckt. Trotz des Verbotes tranken eine Anzahl 
von Enaben eingestandenermaßen wiederholt von dem unappetitlichen Wasser 
des Hofbrunnens und erkrankten einige Zeit darauf — eine Feststellung 
der Inkubationszeit war nioht mehr möglich — und zwar 

am 11. Juli 1906 ‘.2 


n 12. * B 

. 13. „ n 

» U. „ 

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» 1«. . n 


... 9 
... 7 

... 2 
... 3 
... 2 
Summe 25 


an Eopfschmerzen, Unwohlsein, leichtem Fieber. 18 davon wurden bett¬ 
lägerig und infolge des Verdachtes auf Typhus abdominalis sofort in einem 
abseits stehenden Gebäude isoliert. 

Das explosionsartige Auftreten der Erankheitsfälle und der Umstand, 
daß nur Enaben erkrankten, die aus dem Brunnen getrunken hatten, ließ 
von vornherein den „Hofbrunnen" als höchst verdächtig erscheinen. Ich 
erkundigte mich jedoch auch nach anderen Verdachtsmomenten und brachte 
in Erfahrung, daß die Enaben mit ihren Präfekten und Lehrern über den 
13. und 14. April einen Ausflug nach N. unternommen hatten, wo Typhus 


l ) v. Drigalski, Über ein Verfahren zur Züchtung von Typhusbazillen aus 
Wasser und ihren Nachweis in Brunnenwasser. Arb. a. d. Eais. Gesundheitsamte, 
Bd. 24, Heft I. 


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266 


Dr. M. Kaiser, 


endemisch herrschen soll. Zurzeit war jedoch kein Fall amtlich gemeldet, 
und der Umstand, daß von den Erwachsenen, die mit den Kindern an dem¬ 
selben Tisch und yon derselben Kost aßen, niemand erkrankt war, sprach 
gegen eine Infektion in N. Auch erklärte mir der Leiter der Anstalt mit 
aller Bestimmtheit, daß es völlig ausgeschlossen sei, daß die Knaben außer 
der gemeinsamen Kost irgend welche andere Nahrung genossen hätten. 

Es erübrigte also nach Ausschaltung dieser Infektionsmöglichkeit, nur 
noch an eine Infektion des Hofbrunnenwassers als Ursache der Epidemie 
zu denken. Vor der Probeentnahme unterzog ich das ganze Gut, dessen Um¬ 
gebung und namentlich die Wasserleitung einer eingehenden Besichtigung. 

Schloß K. (J der Skizze S. 272) liegt am Abhange eines licht bewaldeten 
Hügelzuges und bezieht sein Wasser aus einer eingewölbten und über¬ 
schütteten Quellstube (Q), die sich in einer geringen Taleinsenkung befindet. 
Dieses innen und namentlich außen sehr gut auszementierte Reservoir ge¬ 
stattet dem ihm von den Hängen zufließenden Wasser von unten und teilweise 
auch von den Seiten her Zutritt und speist eine Leitung, deren Anfangsteil 
aus einem roh gemauerten, mit Zement ausgegossenen Kanal von ungefähr 
20 m Länge besteht. Dieser, der einen halben Meter tief unter der Erde 
liegt, wird in einen Betonschacht von etwa lVa m Durchmesser und einer 
Tiefe von l 1 / 4 m hineingeführt, der über den umgebenden Erdboden hinauf¬ 
geführt und mit einer Kuppel gedeckt ist. Eine seitlich angebrachte Tür, 
sowie eine eiserne Pumpe gestatten die Entnahme von Wasser. Die Pumpe 
erwies sich allerdings zurzeit der Besichtigung als insuffizient. Yon diesem 
sogenannten „Kapellenbrunnen“ (KBr der Skizze) geht eine etwa 200 m 
lange Tonrohrleitung ab zu dem Hofbrunnen (HBr der Skizze) des Haupt¬ 
gebäudes, der, zisternenartig gebaut, vollkommen mit Zement ausgegossen, 
eine Tiefe von 3 m, einen Durchmesser von lVa m aufweist. Den Abschluß 
besorgt ein einfacher blechbeschlagener Deckel ohne Schloß. Die Wasser¬ 
entnahme geschieht mittels einer eisernen, gut arbeitenden Pumpe. Der 
Ablauf, sowie der Abzugskanal befanden sich in sehr schlechtem Zustande. 
Das Überlaufrohr des Hofbrnnnens führt zu mehreren offenen Bassins in 
einem tiefer gelegenen Garten, woselbst das Wasser zum Begießen des Ge¬ 
müses gebraucht wird. 

Für besonders erwähnenswert betrachte ich die Verhältnisse in der 
Umgebung der beiden „Brunnen“. 5 m vom „Kapellenbrunnen“ entfernt 
befindet sich eine kleine „Lourdeskapelle u (X der Skizze), die sehr stark 
von Wallfahrern besucht wird. Leider herrscht in der Nähe derselben nicht 
die nötige Reinlichkeit, und der Platz hinter der Kapelle, der dem Anfangs¬ 
teile der Leitung entspricht, beweist den vielfach empfundenen Mangel eines 
Anstandsortes. Bei der erwähnten Beschaffenheit des Anfangsteiles der 
Leitung war an ein Eindringen von Oberflächenwasser, und mit diesem von 
allfälligen Krankheitskeimen aus den herumliegenden Kothaufen immerhin 
zu denken. 

Eine andere Infektionsmöglichkeit bot der unbehinderte Zugang zum 
Inneren des „Kapellenbrunnens “ durch die seitlich angebrachte Tür, die stets 
offen stand und von den meisten Wallfahrern zum Schöpfen von Wasser 
benutzt wurde. Auch war ein eigenes Schöpfgefaß nicht vorhanden; dieses 
sollen sich laut Bericht die Leute meist selbst mitbringen. 


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Über eine Trinkwasser-Typhusepideraie. 267 

Die Tonrohrleitung geht yorn „Kapellenbrunnen“ weg an einem Neben¬ 
gebäude (III der Skizze) vorüber, Vs bis 2 m tief unter der Erde und kreuzt, 
bevor sie in den Hofbrunnen mündet, den Abzugskanal (C der Skizze), der 
vom Hauptgebäude (J der Skizze) weg in eine auf einem Rübenacker 
liegende Senkgrube führt. Da dieser Kanal Über der Leitung liegt, so war 
auch hier an die Möglichkeit einer Infektion zu denken. Mein Verdacht 
wurde noch bestärkt, als ich hörte, daß unter den Personen, die die Klosette 
des „Hauptgebäudes“ benutzen, eine Köchin „seit einiger Zeit“ an Diarrhöe 
und Unwohlsein leide. Tatsächlich erwies sich der Kanal bei seiner Er¬ 
öffnung als vollkommen zerfallen und mit stagnierender Jauche vollgefüllt. 
Die Schicht von ungefähr 4 m locker aufgeschütteten Bodens zwischen diesem 
Kanal und dem „Brunnen“ dürfte kaum ein sicheres Filter darstellen. Noch 
leichter könnte ein Eindringen von Jauche in die Leitung durch einen all¬ 
fälligen Riß in derselben stattfinden. Bei der Besichtigung der Wände des 
„Brunnens“ wurden keine Mängel angetroffen, auffallen mußte jedoch, daß 
trotz des regen Abflusses des Wassers aus dem „Kapellenbrunnen“ der 
„Hofbrunnen“ niemals so voll wurde, daß das Wasser den Überlauf erreichte. 
Dies soll naoh den Äußerungen des Leiters der Anstalt nur bei längerem 
oder heftigem Regen der Fall sein, auch soll dabei das gesamte Wasser der 
Leitung sehr trüb werden. Ob nun dieses infolge eines Rohrbruches sich schon 
vor dem „Hofbrunnen“ in das Erdreich verliert und diesen nur erreicht, 
wenn es bei einem Regen reichlich zuströmt, oder ob es wohl zufließt, 
jedoch durch Risse im Boden des Bassins entweicht und sich selbst einen 
Abfluß nach den tiefer gelegenen Gartenterrassen des Schlosses sucht, dies, 
sowie das Verhältnis des besagten Kanals zur Leitung, sollte später Gegen¬ 
stand sorgfältiger Untersuchungen werden. 

Neben der erwähnten Leitung besitzt die Anstalt noch eine zweite, 
deren Sammelbassin (SB der Skizze) auf dem Platze vor der Kapelle in 
einiger Entfernung von dem Kapellenbrunnen etwa 1 m unter der Erde 
liegt. Nach der Aussage des Vorstehers der Anstalt sollte zwischen den 
zwei Leitungen gar kein Zusammenhang bestehen. Von dem letztgenannten 
Bassin geht ein Tonrohrstrang etwa 50 m lang an einem Misthaufen vor¬ 
über in ein Stallgebäude, in dem ein Auslauf brunnen (St Br der Skizze) 
besteht. Unterbrochen ist diese Leitung ungefähr 2 m vor ihrem Eintritt 
in den Stall durch ein etwa 1 cbm großes, mit Brettern verschlossenes Bassin 
(KB der Skizze). Ein Eindringen von Oberflächenwasser ist hier nicht 
ganz ausgeschlossen, obwohl der Verschluß bei der Besichtigung gut 
abdeckte. 

Meine Aufgabe bestand nunmehr darin, Proben des Wassers der 
„Brunnen“, die bereits vor meiner Ankunft als „typhusverdächtig infiziert“ 
amtlich versiegelt worden waren, zu entnehmen und sowohl bakteriologisch 
als auch chemisch zu untersuchen. Die chemische Untersuchung sollte 
namentlich feststellen, ob und wie das Wasser auf dem Wege vom Kapellen- 
zum Hof brunnen sich verändert und ob grobe organische Beimengungen 
etwa vom Kanal her in dem Wasser des Hofbrunnens anzutreffen wären. 

Ich entnahm also mittels steriler Gefäße je 1 Vs Liter Wasser aus den 
drei „Brunnen“ und goß an Ort und Stelle je drei Gelatineplatten mit 0,1, 
0,5 und 1,0 ccm Wasser. 


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268 


Dr. M. Kaiser, 


Die physikalische und chemische Untersuchung des Wassers ergab 
folgendes: 

I. Kapellenbrunnen ganz klar, geruchlos, farblos. 

II. Hof brunnen trüb, gelblich gefärbt, unappetitlich riechend, mit feinem 
Bodensatz aus Sand. 

III. Stallbrunnen klar, geruchlos, mit dem charakteristischen Bodensatz 
▼on ausgeschiedenem Eisen. 

Da das Wasser des Stallbrunnens angeblich nicht zum Trinken ver- 
wendet wurde, die Kinder mit demselben auch nicht in Berührung kommen 
können, so wurde auf Wunsch des Leiters der Anstalt nur eine chemische 
Untersuchung und die Bestimmung der Keimzahl vorgenommen. 


Chemische Untersuchung. 



mg im Liter 


Kapellenbrunnen 

Hofbrunnen 

Stallbrunnen 

Trockenrückstand. 

76 

134,5 

124 

Chloride. 

3,1 

4,2 

5,6 

Org. Subst. entspr. mg O . . . . 

minimale Mengen 

1,3 

0,65 

Salpetersäure. 

deutlich 

sehr stark 

deutlich 

Salpetrige Säure. 

j 0 

e 

O 

Ammoniak. 

0 i 

O 

stark 


Bakteriologische Untersuchung. 

Keimzahlen nach 24 6t. (22°) 

I. Kapellenbrunnen. 360 pro ccm Wasser, 

II. Hofbrunnen. 5964 „ „ „ 

III. ßtallbrunnen.•. 200 „ „ „ 

Mit je 900 ccm der Wässer wurde das Anreicherungsverfahren nach 
Roth-Ficker-Hoffmann mittels Koffein - Nutrose - Kristallviolett - Bouillon 
vorgenommen und die Vorkulturen 12 Stunden bei 37° gehalten. Zur 
Ausfällung der angegangenen Keime wurden je zwei Fällungsmethoden, 
a) nach Ficker mit Soda-Eisensulfat und nachheriger Lösung des Nieder¬ 
schlages mit neutralem weinsaurem Kali, b) nach Altschüler mit hoch¬ 
wertigem Typhusserum in Anwendung gebracht, und der mittels Zentri¬ 
fuge ausgeschleuderte Bodensatz a) auf v. Drigalski-Platten, b) auf 
Endoschem Fuchsinagar ausgestrichen und verrieben. Im ganzen ge¬ 
langten 48 Platten zur Beschickung. Nach 12 Stunden wurden 125 Kolo¬ 
nien auf Bouillon abgeimpft und nach weiterem 12 ständigen Verweilen bei 
37° mittels Typhusserums im hängenden Tropfen auf Agglutination unter¬ 
sucht. Das Resultat war bis auf eine Kultur negativ. Diese eine jedoch, 
von der Altschülerfällung-Endoplatte stammend, wurde durch das Serum 
noch bei einer Verdünnung 1:640 sehr deutlich agglutiniert. Im Reagenz¬ 
glase bei 37° war nach zwei Stunden auch bei einer Verdünnung von 1:1280 
noch Agglutination zu verzeichnen. Ein Kontrollstamm aus der Sammlung 
des Institutes wurde bei einer Verdünnung 1:2560 agglutiniert. 


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269 


Über eine Trinkwasser-Typhusepidemie. 

Dieser Befand berechtigte za der Vermutang, daß Typhus vorliege, 
weshalb ich die Kultur den von der Dienstanweisung des Kaiserlichen 
Gesundheitsamtes l ) vorgeschriebenen Untersuchungen unterzog. 

Diese Untersuchungen, auf deren detaillierte Wiedergabe ich hier ver¬ 
zichten kann, ergaben das Resultat: Bacterium typhi. 

Aus dem Aussehen des Wassers und der chemischen Untersuchung ist 
zu entnehmen, daß sich das Wasser auf dem Wege vom Kapellenbrunnen 
zum Hofbrunnen erheblich verschlechtert hat. Die Vermutung, es könnte 
der die Leitung kreuzende Kanal die Ursache der Verunreinigung sein, 
wurde durch einen negativ ausgefallenen Fluoresceinversuch, den der Amts¬ 
arzt anstellte, nicht bestätigt. 

Eine Aufklärung dieser etwas verworrenen Verhältnisse erhielten wir 
durch die Desinfektion der Brunnen, die der Billigkeit halber mit Kalkmilch 
ausgeföhrt wurde. Dieses för den genannten Zweck wenig gebräuchliche 
Mittel konnte hier um so eher angewendet werden, als die Anstalt die 
Leitung aufzulassen beschlossen hatte. Es wurde vorher zur Feststellung 
der Kommunikation der beiden Brunnen eine Kalomelemulsion nach 
Kröhnke vom Amtsarzt in den Kapellenbrunnen eingegossen und das 
Wasser im Hofbrunnen kontrolliert. Das Ergebnis war ein negatives. Hier¬ 
auf wurde die Desinfektion mit Kalkmilch vorgenommen, und zwar durch 
Eingießen dieser in den Kapellenbrunnen. Auch in diesem Falle zeigte sich 
im Hofbrunnen keine Spur einer milchigen Trübung, die bei der kurzen 
Leitung, wenn sie intakt gewesen wäre, zweifellos hätte eintreten müssen. 
Hingegen war der Befund sehr überraschend, daß das Wasser in dem kleinen 
Reservoir vor dem Stalle sofort weiß wurde. Es bestand also eine Ver¬ 
bindung zwischen Kapellen- und Stallbrunnen, dem zum Teil eigenes Wasser 
aus dem Reservoir vor der Kapelle, zum Teil Wasser vom Kapellenbrunnen 
zufließen mußte. Wenigstens war der chemischen Untersuchung und dem 
Kalkmilchversuch nach darauf zu schließen. 

Der Hofbrunnen jedoch, der im direkten Anschluß an den Kapellen¬ 
brunnen gelegen sein sollte, konnte nur während größerer Regenperioden 
oder zur Zeit eines Gewitters aus der erwähnten Leitung ein Wasser erhalten, 
also nur dann, wenn solches im Überfluß vorhanden war. 

Leider konnte es vorläufig nicht festgestellt werden, welcher Art und 
wo der Defekt in der Tonrohrleitung sitzt und wie die Kommunikation mit 
dem Stallbrunnen zustande kommt. 

Was schließlich den Verlauf der Epidemie betrifft, so waren, wie bereits 
eingangs erwähnt, bis zum Tage meiner Anwesenheit in K. 25 Zöglinge 
erkrankt; später kamen noch 28 Personen hinzu, und zwar 8 Zöglinge, 
7 Zwangsarbeiter, 7 Maurer, 1 Fuhrmann, 3 Mägde, 1 Näherin und 1 Schuh¬ 
macher, letztere fönf dem Anstaltsdienstpersonal angehörig. Ob die außer¬ 
halb der Anstalt wohnenden Personen dem Typhus durch Übertragung 
(Berührung mit den Institutsbewohnern) oder durch den Genuß des in¬ 
fizierten Wassers zum Opfer fielen, ließ sich nicht feststellen. Wieweit 
überhaupt die Kontaktinfektion in dieser Epidemie eine Rolle spielte und 
wie viele Personen aus dem infizierten Brunnen getrunken, konnte ich leider 


l ) Vorwort, Arb. a. d. Kais. Gesundheitsamte, Bd. XXIV, HeftI, 1906. 


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270 


Dr. M. Kaiser, 


nicht erfahren. Daß in diesem Falle das Wasser nnd nicht andere Nahrungs¬ 
mittel den Ausgangspunkt der Epidemie bildete, dafür spricht auch der Um¬ 
stand, daß von dem Lehrpersonal, welches unter ganz gleichen Lebens¬ 
bedingungen stand wie die Zöglinge, jedoch den Genuß von Wasser streng 
vermied, niemand erkrankte. 

Woher nun die Typhuskeime in den Hofbrunnen eingeschleppt, ob 
zuerst der Kapellenbrunnen verseucht — die Möglichkeit hierzu war ja bei 
den erwähnten Verhältnissen eine sehr große —, oder ob der Hofbrunnen 
allein infiziert worden, darüber kann es leider nur Vermutungen geben. 

Die bakteriologische Untersuchung der Stühle der typhusverdächtigen 
Köchin ergab ein negatives Resultat. 

Sehr deutlich zeigt sich in dieser Hausepidemie das plötzliche Erlöschen 
nach Ausschaltung der Infektionsquelle. Am 13. Juli waren die Brunnen von 
Amts wegen gesperrt worden; die letzte Krankmeldung erfolgte am 2. August, 
wenn man von einer erwiesenermaßen durch Kontaktinfektion infolge Kranken¬ 
besuches erkrankten Magd (9. August) absieht. Außerhalb der Anstalt, auch in 
der nahegelegenen (etwa 3 km) Stadt von etwa 40 000 Einwohnern ereignete 
sich kein Fall; die Epidemie blieb ausschließlich auf das Gut K. beschränkt. 

Für die bakteriologische Diagnose war der Fall K. allerdings besonders 
günstig, da in dem auszementierten „Hofbrunnen u eine Verdünnung der 
darin befindlichen Typhuskeime durch nachdringendes Grundwasser und 
damit auch eine teilweise Verschleppung derselben nicht stattfinden konnte. 
Auf diese Weise war die Gelegenheit zur Vermehrung der ursprünglich ein- 
gesäeten Infektionskeime gegeben. Wahrscheinlich muß das numerische 
Verhältnis der Typhuskeime zu den Wassersaprophyten zur Zeit der Probe¬ 
entnahme ein besonders günstiges gewesen sein. 

So erfordert die Epidemie in K. entschiedenes Interesse, und zwar um so 
mehr, als es der bakteriologischen Methodik gelang, mit absoluter Sicherheit die 
Infektionsquelle nachzuweisen, und der Verlauf der Epidemie, insbesondere 
aber das strenge Beschränktbleiben derselben auf den ursprünglichen Herd 
die aus dem bakteriologischen Befunde zu ziehenden Sohlüsse bestätigten. 


j Fortlaufende Zahl 

Er¬ 

krankungs¬ 

tag 

! 

Tag 

der 

Genesung 

Gestorben 

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M. J., 

— 29. August 

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— 4. Sept. 

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+ 

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D. Fr., 

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Über eine Trinkwasser-Typhusepidemie. 


271 


laufende Zahl 

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tag 



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Genesung 

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B. C., 

— 

27. August 

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— 

1. Sept. 

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50 

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13. 

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F. VI., „ 

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24. August 

— 

45 

+ 

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13. 

a 

M. J., 


24. , 

— 

45 

+ 

17 1 

13. 

a 

8. J., 


21. , 


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+ 

18 

13. 

a 

8. L., „ 

schwer 1 

4. Sept. 

— 

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+ 

19 

14. 

a 

S. A., 


4. a 

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52 

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20 

14. 

a 

D. P. f 

— 

4. , 

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52 

+ 

21 

15. 

a 

K. H., „ 

— 

. 

— 

51 

+ 

22 

15. 

a 

J. J., 

— 

24. August 


43 

+ 

23 

10. 

„ 

0. J., Zwangsarbeiter 

— 

20. 


34 

— 

24 

16. 

a 

K. 1L, 

— 

12. a 

— 

26 

— 

25 

16. 


J. V., Zögling 

— 

21. „ 

1 — 

35 | 

+ 

26 

17. 

a 

J. J., 

— 

21. 

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34 

+ 

27 ! 

17. 

a 

K. E., „ 

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23. „ 

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30 

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28 

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21. „ 

— 

34 

+ 

29 

17. 

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36 

4- 

30 

18. 

a 

V. K., 

schwer 

. 14. Sept. 


58 

+ 

31 

18. 

a 

K. L., Tagelöhner 

— 

19. August 

| 

32 


32 

18. 

a 

1 H. L., 


19. , 

— 

32 


33 

20. 

„ 

P. J. f Zögling 


4. Sept. 

— i 

44 

+ 

34 

20. 

a 

T. J., a 

— 

4. * 

— 

44 

+ 

35 

21. 

a 

K. A., Näherin 

schwer 

1 10. „ 

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51 

+ 

36 

23. 

„ 

M. J., Zögling 

schwer 

— 

28. Juli 

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, + 

37 

23. 

a 

B. J., Zwangsarbeiter 

schwer 

— 

1 Aug. 

— 

— 

38 

23. 

a 

Z. N., Tagelöhner 

— 

20. August 

— 

28 

— 

39 

24. 

a 

8t. J., „ 

— 

31. „ 

— 

37 


40 

24. 

a 

8. N., 

— 

20. * 

— 

26 


41 

24. 

a 

B. N., 

— 

; 28. . 

— 

34 


42 

25. 

a 

B. J., 

— 

21. 

— 

26 

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43 

25. 

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K. E. f Zögling 

— 

4. Sept. 

— 

41 

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D. G. f Zwangsarbeiter 

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12. August 

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C. M., Magd 

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10. Sept. 


43 

+ 

49 

29.. 

a 

B. B., Schuhmacher 

' schwer 

4- „ 

— 

36 

+ 

50 

31. 

„ 

N. A. f Zwangsarbeiter 


20. August 

1 — 

20 

1 — 

51 

1. 

Aug. 

R. N., Fuhrmann 


1. Sept. 

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31 


52 

2. 

V» 

T. M., Zwangsarbeit* r 

— 

27. August 

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25 

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9. 

19 

K. M., Magd 

II - 

4. Sept. 

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25') 

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l ) Kontakt mit Erkrankten in der Anstalt. 


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272 


Dr. M. Kaiser, Über eine Trinkwasser-Typhnsepidemie. 


Plan des Sohloßgutes K. 



Maßstab ungefähr 
1:2000 


I. Hauptgebäude. 

II. Nebengebäude. 

III. Wohngebäude der Zöglinge. 

^ ly' J Scheunen, Remisen usw. 


[7 VI. Nebengebäude, zurZeit der Epi¬ 
demie als Isoliertrakt in Ver¬ 
wendung. 

VII. Stall. 

VIII. Kirche in Bau. 

IX. Remise (zurzeit Desinfektions - 
baracke). 

X. Kapelle. 

Q z= Quellstube. 

K — Kapellenbrunnen. 


ff Br = Hofbrunnen. 

A — ff = Ableitungsrohr [vom Hof¬ 
brunnen nach den Garten¬ 
terrassen. 

C ~ Kanal vom Klosett des Haupt¬ 
gebäudes. 

S B = Sammelbassin der Stallbrun- 
nenleitung. 

K B — Kleines Bassin vor dem Stall- 
brunnen. 

St Br = Stallbrunnen. 

A — S - Ableitungsrohr nach den 
Wiesen und Zweigleitung 
zum Kirchenbau. 



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M. Neisser, Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen, 1905. 273 


Arbeiten über die übertragbare Genickstarre 
in Preussen im Jahre 1905. 

Abdruck aus dem Kliniscben Jahrbuch 1906, Bd. 15 l ). 
Referiert von M. Neisser, Frankfurt a. M. 


Inhaltsverzeichnis. 

1. Die übertragbare Genickstarre im Reg.-Bezirke Oppeln im Jahre 1905 und ihre 
Bekämpfung. Von Dr. Hans Flatten, Reg.- und Med.-Rat in Oppeln. 

2. Die übertragbare Genickstarre im Reg.-Bezirke Breslau im Jahre 1905 und ihre 
Bekämpfung. Von Kreisarzt Dr. Schneider, ständigem Hilfsarbeiter bei der 
Kgl. Regierung zu Breslau. 

3. Die übertragbare Genickstarre im Kreise Brieg im Jahre 1905 und ihre Be¬ 
kämpfung. Von Kreisarzt Dr. Rieger. 

4. Die übertragbare Genickstarre im Reg.-Bezirke Liegnitz im Jahre 1905 und 
ihre Bekämpfung. Von Dr. Schmidt, Reg.- und Geh. Med.-Rat in Liegnitz. 

5. Die im Hygienischen Institut der Kgl. Universität Breslau während der 
Genickstarre - Epidemie im Jahre 1905 ausgeführten Untersuchungen. Von 
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Flügge, Direktor des Instituts. 

6. Die bakteriologischen Arbeiten der Kgl. Hygienischen Station zu Beuthen 
(O.-Schl.) während der Genickstarreepidemie in Oberschlesien im Winter 
1904/1905. Yon Prof. W. v. Lingelsheim. 

7. Tierversuche mit dem Diplococcus intracellularis (Meningococcus). Von 
Prof. v. Lingelsheim, Leiter der Kgl. Hygienischen Station zu Beuthen 
(O.-Schl.), und Dr. Leuchs, Assistenten am Kgl. Institut für Infektionskrank¬ 
heiten zu Berlin. 

8. Untersuchungen über Meningokokken. (Aus dem Institut für Infektions¬ 
krankheiten in Berlin.) Yon Prof. Dr. W. Kolle und Prof. Dr. A. Wasser¬ 
mann. 

9. Zur Kenntnis der Meningitis cerebrospinalis epidemica mit besonderer Berück¬ 
sichtigung des Kindesalters. Von F. Göppert, Kattowitz. 

10. Zur Prognose der epidemischen Genickstarre. (Aus dem Knappschaftslazarett 
Zabrze.) Von Dr. Reinhold Altmann. 

11. Bericht über rhinolaryngologische Beobachtungen bei der Genickstarre - Epi¬ 
demie 1905. Von Prof. Dr. Edmund Meyer. 

12. Pathologisch - anatomische Ergebnisse der oberschlesischen Genickstarre - Epi¬ 
demie von 1905. Von Dr. Westenhoeff er, Privatdozenten an der Universität 
Berlin und Prosektor am städtischen Krankenhause Moabit, Stabsarzt a. D. 

13. Die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905 und ihre Bekämpfung. 
Von Geh. Ober-Med.-Rat Prof. Dr. M. Kirchner. 

Die oberschlesische Genickstarre - Epidemie 1905 ist auf ministerielle 
Anweisung nach den verschiedensten Richtungen hin bearbeitet worden. 
Es soll versucht werden, aus diesen Arbeiten ein Bild der Krankheit zu 
geben, das zugleich auch ein Bild der Arbeiten sein wird. 

Von Schweden aus scheint die Krankheit im Anfänge der sechziger 
Jahre nach dem nordöstlichen Deutschland und nach Schlesien gekommen 

*) Bei der Wichtigkeit der übertragbaren Genickstarre erschien ein ein¬ 
gehender Bericht über die in der großen Epidemie 1905 gemachten Erfahrungen 
geboten. Das nachstehende Referat erfüllt diesen Zweck. Red. 

Vierteljahrsechriit für Gesundheitspflege, 1907. io 


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M. Neisser, 


zu sein (Flatten); Liegnitz hatte 1863 eine Epidemie. Immer aber stand 
der Reg.-Bezirk Oppeln, wie auch für andere Infektionskrankheiten, an* 
erster Stelle. In den Jahren 1886 bis 1898 sind fünf größere Epidemien 
zu verzeichnen; das übrige Preußen hatte ebenfalls in jedem Jahre Genick¬ 
starre-Todesfälle aufzuweisen; ob aber diese standesamtlich gemeldeten 
Fälle statistisch verwertbar sind, wird von Kirchner bezweifelt, da ihm 
ein Vergleich zwischen den kreisärztlich und standesamtlich gemeldeten 
Fällen zeigte, daß unter den letzteren augenscheinlich viele Fälle von 
tuberkulöser Meningitis usw. geführt sind. Soviel aber zeigt die Geschichte, 
daß es eine größere Anzahl sporadischer Fälle gegeben hat, daß es nur 
ganz wenige Reg.-Bezirke in Preußen sind (Stralsund, Erfurt, Hildes¬ 
heim), in denen keine Fälle vorgekommen sind, daß es andererseits Bezirke 
gibt, und zu denen gehört eben Oppeln, welche höhere Zahlen und ge¬ 
legentlich größere Ausbreitung der Erkrankung zeigen. Von Wichtigkeit 
ist ferner, daß im benachbarten Russisch-Polen und Galizien in den letzten 
Jahrzehnten immer Genickstarrefälle vorgekommen sind, und auch größere 
Ausbreitungen der Seuche stattgefunden haben. Der Regierungs- und Me¬ 
dizinalrat des Reg. - Bezirkes Oppeln, Flatten, der die komplizierten Ver¬ 
hältnisse Oberschlesiens am genauesten kennt und am eingehendsten ge¬ 
schildert hat, läßt die Frage offen, ob die benachbarten Provinzen Rußlands 
und Österreichs die eigentliche Quelle der Epidemie gewesen seien. Natur¬ 
gemäß wird man daran denken, daß die Zustände in Rußland in Gestalt 
dieser Epidemie noch bis weit nach Deutschland hinein ihre Wirkung aus¬ 
geübt haben. Für den Reg.-Bezirk Breslau macht Schneider die zu¬ 
gewanderten Polen und Galizier zum Teil verantwortlich. So erkrankte 
das Kind eines Futtermannes in Hönigern, Kreis Öls, nachdem polnische 
Topfstricker in der Woche vorher in seiner Wohnung gewesen waren. „Eine 
67jährige Kutscherfrau in Ober-Wabnitz erkrankte vier Tage später, nach¬ 
dem polnische Arbeiter auf dem Dominium angezogen waren. In Rankau 
waren einige Tage vorher, ehe das Pflegekind des dortigen Lehrers er¬ 
krankte, galizische Arbeiter eingetroffen. In Romolkwitz hatte die Mutter 
des erkrankten Kindes mit galizischen Saisonarbeitern täglich zusammen 
gearbeitet. Daß unter den galizischen Arbeitern die Krankheitserreger der 
Genickstarre vorhanden waren, geht für mich daraus hervor, daß zwei 
galizische Arbeiterinnen und ein galizischer Arbeiter bald nach ihrem Ein¬ 
treffen selbst erkrankten. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß in Neu¬ 
markt ein Knabe erkrankte, der sich viel in einem Vermietungsbureau für 
ausländische Arbeiter aufgehalten hatte.“ — Ähnliches berichtet Sohmidt 
für den Reg.-Bezirk Liegnitz. 

Als Vorläufer der Epidemie bezeichnet Flatten zehn Fälle, die 
zwischen dem 20. Februar und dem 15. November 1904 vorgekommen sind 
von denen übrigens drei auf Kopfverletzungen hin eingetreten sind. Aber 
ein direkter Zusammenhang dieser zehn Fälle mit den Fällen der Epidemie 
war nicht nachweisbar. Der Anfang der Epidemie fällt in die Monate 
November und Dezember 1904, in denen in der Stadt Königshütte und in 
der unmittelbar benachbarten Ortschaft Neu-Heiduck (5500 Einwohner, 
zumeist Arbeiter) 21 Personen erkrankten. Wie die meisten Genickstarre- 
Epidemien ist auch die oberschlesische eine Seuche des Winters und Früh- 


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Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905. 275 

jabrs gewesen; der Höhepunkt fällt in die Monate März—April, im Juli— 
August erlosch sie. In dieser Zeit (bis 30. Juli 1905) kamen im Reg.-Bezirke 
Oppeln 3085 Erkrankungen mit 2127 Todesfällen zur Anmeldung. Im 
benachbarten Reg.-Bezirke Breslau kamen in derselben Zeit 136 Fälle (dar¬ 
unter 82 Todesfälle) vor; der Höhepunkt im Bezirke Breslau lag im April 
und Mai (Schneider). Im Reg.-Bezirke Liegnitz wurden bis 23.Mai 1905 
27 Erkrankungen gemeldet (Schmidt). 

Von den drei Reg.-Bezirken ist der oberschlesische der am dichtesten 
bevölkerte; im wesentlichen von Grubenarbeitern und Arbeitern der In¬ 
dustrie bewohnt, hat Oberschlesien ein Netz von Verkehrswegen und einen 
Vorortverkehr, wie er sonst nur noch in den industriereichsten Gegenden 
Deutschlands vorkommt. Arbeitsstelle und Wohnung liegen oft genug nicht 
an demselben Orte. Das sozial-hygienische Bild ist gekennzeichnet durch den 
Kinderreichtum (in Königshütte sind von 1000 Lebenden 397,7 Kinder bis 
14 Jahren, in Berlin nur 241,7) und Wohndichtigkeit. Von der gesamten 
Bevölkerung Oberschlesiens erkrankten 0,16 Proz., starben 0,11 Proz.; in 
den Mittelpunkten der Epidemie 0,43 Proz. bzw. 0,31 Proz. Das Kindes¬ 
alter stellt bei weitem den größten Anteil an Erkrankungen; von 2916 
gemeldeten Erkrankungsfällen fielen 76,4 Proz. auf die ersten zehn Lebens¬ 
jahre, 17,9 Proz. auf die folgenden zehn und der Rest von 5,7 Proz. auf 
die übrigen Lebensjahre (Flatten). In Königshütte erkrankten 1,62 Proz. 
der Kinder bis zum 14. Jahre, 0,15 Proz. der älteren Bevölkerung. Dabei 
ist noch zu berücksichtigen, daß gerade die Genickstarre-Erkrankungen der 
Kinder in den ersten Lebensjahren sicherlich viel zahlreicher sind, als es 
die Meldungen zeigen, denn in diesen Jahren zeigt die Krankheit häufig 
den rapidesten Verlauf und die am wenigsten charakteristischen Merkmale. 
Aus allen Berichten folgt weiter, daß unter den Kindern die Kinder des 
nichtschulpflichtigen Alters das größte Kontingent stellen. Flatten schreibt 
z. B.: „Alles in allem und in Übereinstimmung mit ihrem Verhalten in den 
benachbarten österreichischen Gebieten, wo z. B. in Witkowitz die Hälfte 
der Erkrankten Kinder unter einem Jahre waren, dokumentiert sich dem¬ 
nach die Genickstarre auch in der oberschlesischen Epidemie als eine 
Krankheit, welche das Kindesalter und namentlich die Kinder des zartesten 
Alters in ganz außergewöhnlicher Weise bevorzugt.“ 

Die Verbreitung der Erkrankung war eine ausgesprochene sprung¬ 
weise, derart, daß fast nie eine ununterbrochene Reihe von Erkrankungen 
festzustellen war; so kamen auch trotz des Kinderreichtums in den einzelnen 
Familien mehrfache Erkrankungen nicht häufig vor. Im Anfänge der 
Epidemie (bis 31. Januar 1905) traten z. B. 79 Erkrankungen in 71 Fa¬ 
milien, die in 65 Häusern wohnten, auf; bis zum 30. Juni kamen 439 Er¬ 
krankungen auf 374 Familien (Flatten). Die gleiche Beobachtung kehrt 
in allen Berichten wieder, und selbst wenn sich kleinere lokale Herde bil¬ 
deten, wie im Kreise Brieg des Reg.-Bezirks Breslau (Rieger), trat das 
sprungweise Auftreten hervor, 47 Fälle in 12 Ortschaften und 38 Familien. 
Während der ganzen Epidemie sind nur einmal in einem Hause sieben Er¬ 
krankungen vorgekommen. Das weitere Hauptmerkmal, das in allen Be¬ 
richten gleichmäßig wiederkehrt, ist die häufige Übertragung des Ansteckungs¬ 
stoffes durch Gesunde, der gegenüber die direkte Ansteckung vom Kranken 

18 * 


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M. Neisser, 


zum Kranken ganz zurücktritt. Dementsprechend ist auch das ärztliche 
und Krankenpflege - Personal außerordentlich wenig in Mitleidenschaft ge¬ 
zogen worden. Flatten berichtet über den Tod eines Krankenwärters 
und die Erkrankung eines Kindes eines Lazarettwärters. E. Meyer be¬ 
richtet über folgenden Fall. Ein Arzt erkrankt mit Schüttelfrost, sehr 
heftigem Kopfschmerz und Schnupfen. Acht Tage später sein Hausmädchen 
unter denselben Erscheinungen (ausgedehnter Herpes!), im Rachensekrete 
wurden Meningokokken nachgewiesen; acht Tage später das eine Kind, 
nach weiteren drei Tagen das zweite Kind an schwerer Meningitis. Von 
besonderem Interesse ist eine Krankenhaus-Infektion. Ein 18 jähriger 
Mann, der seit dem 9. April im Krankenhause lag, erkrankte am 1. Mai 
an Genickstarre und starb am 3. Mai. 

Die Übertragung durch „gesunde Kokkenträger“ kann natürlich nur 
gefolgert, nur sehr selten durch direkte Untersuchung erhärtet werden; 
aber diese Folgerung drängt sich, entsprechend den neueren Erfahrungen 
bei anderen Infektionskrankheiten, allen Beobachtern auf. Immer wieder 
findet sich ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Erkrankungen, aber 
dieser Zusammenhang führt fast immer von Erkrankten über Gesunde zu 
Erkrankten. So ist es z. B. bei Flatten: „Neben der Art der Weiter¬ 
verbreitung durch direkten Kontakt und der Verschleppung durch erkrankte 
Reisende, scheint der Löwenanteil bei der Verbreitung der Genickstarre der 
Verschleppung durch gesunde Personen zuzukommen, welche Krankheits¬ 
erreger in sich aufgenommen haben und solche im Rachen und den tieferen 
Abschnitten der Nase mit sich herumtragen. tf Bei Rieger: „Der Krankheits¬ 
keim wurde demnach durch gesunde Zwischenträger, in einigen Fällen 
vielleicht durch leicht Erkrankte, welche nur die Erscheinung der Hals¬ 
entzündung darboten, weiter verbreitet.“ Schneider führt die Epidemie 
im Reg.-Bezirke Breslau auf Oberschlesien zurück, sagt aber: „In keinem 
einzigen Falle ist ermittelt worden, daß jemand, der im Reg.-Bezirke Bres¬ 
lau erkrankte, vorher mit einem Genickstarrekranken in Oberschlesien in 
persönliche Berührung gekommen ist.“ Wie kompliziert der Infektionsweg 
ist, wie wenige der Infektion AusgeSetzten wirklich erkrankten, wie aber 
doch der Zusammenhang feststellbar ist, möge ein Beispiel aus dem Kreise 
Brieg zeigen. Der Maschinenmeister H. und der Ziegelmeister F. wohnten 
in demselben Ziegeleihofe in Löwen, die Kinder der Familien verkehrten 
innig miteinander. H. besuchte am 12. Juni in Tichau in Oberschlesien 
ein Haus, in welchem Genickstarre-Erkrankungen aufgetreten waren. Am 
18. Juni erkrankte ein Sohn des F. Am 23. Juni erkrankte der Arbeiter G., 
welcher am 18. Juni die Wohnung des F. wegen Feuersgefahr hatte aus¬ 
räumen helfen. Überhaupt ist die kleine Epidemie des Kreises Brieg 
(Rieger) in vieler Beziehung lehrreich. Es erkrankten 30 Personen, 
die alle durch den Beruf eines Familienmitgliedes Beziehungen zu einer 
bestimmten Fabrik hatten oder durch gemeinschaftliches Bewohnen eines 
Hauses oder dergleichen einen Zusammenhang mit den Arbeitern dieser 
Fabrik aufwiesen. Von den vielen Kindern, die erkrankten, hatte keines 
die Fabrik betreten. 

Der Nachweis der „gesunden Kokkenträger“, ohne deren Annahme 
die epidemiologischen Beobachtungen unerklärlich erschienen, ist durch 


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Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905. 277 


v. Lingelsheim erbracht worden. Er wies den Meningokokkus, den er 
im Nasen - Rachensekret von Meningitis - Erkrankten in etwa 94 Proz. der 
Fälle fand, in dem Nasen-Rachenraume der Angehörigen, der nächsten 
Freunde nsw. der Erkrankten in etwa 15 Proz., aber bei anderweitig Er¬ 
krankten, die mit Meningitis-Kranken nicht in Berührung gekommen waren, 
in 0 Proz. nach. Man wird nach diesen Befunden mit der Existenz ge¬ 
sunder Kokkenträger rechnen dürfen und ist damit sofort bei der Frage 
der Disposition angelangt. Denn nur wenn der Keim verhältnismäßig 
weit, die Disposition ungleich weniger verbreitet ist, ist das epidemiologische 
Verhalten der Meningitis unter der Voraussetzung des direkten Kontakts 
erklärbar. 

Als Dispositionsmoment kommt einmal das Kopftrauma in Betracht, 
ein Punkt, auf den in den Berichten etwas wenig Rücksicht genommen ist; 
und doch sind viele sporadische Fälle von echter Meningokokken-Meningitis 
und manche Anfangsfälle von Epidemien traumatischer Natur; auch der 
oberBchlesiscben Epidemie fehlt es nicht an solchen Fällen. Unter den 
zehn Fällen, die Flatten als Vorläufer bezeichnet, sind drei mit Kopf¬ 
trauma. Aub dem Reg.-Bezirke Breslau berichtet Schneider ebenfalls über 
einen Fall im Anschluß an Kopftrauma. Im Verlaufe der Epidemie wird 
dieses Moment natürlich keine wesentliche Rolle gespielt haben. Nach 
Westenhoeffer sind folgende Punkte für die allgemeine Disposition ma߬ 
gebend: „ Allen Kranken gemeinsam war die vergrößerte Rachentonsille. 
Fast allen Kranken gemeinsam war eine große, bei Erwachsenen noch 
deutlich lymphatische Thymusdrüse." „Bei zwölf Kindern ist Schwellung der 
Peyersehen Haufen- und Einzelknötchen des Darmes und entsprechende 
Schwellung der Mesenterialdrüsen notiert." „Allgemeine Lymphdrüsen- 
schwellung ist notiert in sechs Fällen." „Soviel aber geht aus allen diesen 
Befunden hervor, daß diese an Genickstarre gestorbenen Menschen zweifellos 
zum größten Teile eine Hyperplasie ihres lymphatischen Systems hatten, 
daß sie, wie man sagt, eine lymphatische Konstitution besaßen." „So selten 
in Oberschlesien Rachitis angetroffen wird, so häufig trifft man »Lympha¬ 
tismus» an, wenn man mit diesem kurzen und wie ich glaube, passenden 
und lediglich beschreibenden Wort den Zustand bezeichnet, in dem alle 
lymphatischen Einrichtungen vergrößert und ungewöhnlich lange erhalten 
sind. Ich glaube daher mit einem gewissen Recht den Satz auffetellen zu 
können: Die übertragbare Genickstarre befällt hauptsächlich 
Menschen mit Lymphatismus." Dieser Anschauung pflichtet Rieger 
auf Grund seiner epidemiologischen Beobachtungen bei, während sich ihr 
Göppert nach seinen klinischen und pathologisch-anatomischen Unter¬ 
suchungen nicht anschließt und auch v. Lingelsheim Zweifel äußert. 
Schneider betont, daß auch eine zeitliche Disposition in Rechnung zu 
ziehen sei. „Es scheint also für manche Fälle durchaus zuzutreffen, daß 
ein Mensch die Krankheitserreger der Genickstarre in sich aufnimmt und 
lange ohne Schaden beherbergt, bis sie plötzlich aus Ursachen, die wir nicht 
genau kennen, bei ibm ihre spezifische Wirkung entfalten. Andererseits 
muß gerade deshalb die Möglichkeit ohne weiteres zugegeben werden, daß 
verschiedene Personen einer Familie sich gleichzeitig infizieren können, daß 
aber bei dem einen die Krankheit erheblich später ausbricht als bei dem 


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M. Neisser, 


anderen. Daß auch die gegen die Meningokokken besonders empfindlichen 
Kinder im zartesten Lebensalter diese ohne Schaden lange in sich tragen 
können, bedarf aber erst noch des Beweises. u Ähnliches berichtet Flatten. 

Als Ausdruck einer lokalen Disposition zeigt sich nach Westen* 
hoeffer folgendes: „In allen Fällen, akuten sowohl als bei den Erwachsenen 
findet sich eine durchweg gewaltige Hypertrophie, Rötung und Hypersekre* 
tion der Rachentonsille mit mehr oder weniger intensiver Beteiligung 
der hinteren Pharynxwand, des Tubenwulstes, der Tuba Eustachii und 
der hinteren Abschnitte der Nasenschleimhaut, also des gesamten Nasen- 
rachens. u „Unter unseren Fällen hatten sämtliche Erwachsene nicht nur 
deutliche, sondern sogar zum Teil hyperplastische Rachentonsillen. a Dem^ 
entsprechend hält er den Nasenrachen für die erste Lokalisation 
des Virus. Die rhinolaryngologischen Untersuchungen E. Meyers wider¬ 
sprachen dieser Anschauung nicht, ohne ihr allerdings eine Stütze zu geben. 
Am deutlichsten läßt sich Westenhoeffers Anschauung mit seinen eigenen 
Worten wiedergeben: „Die Infektion mit dem Meningococcus geschieht 
durch Einatmung. Die Krankheitskeime passieren unaufgehalten die vor¬ 
deren Nasenabschnitte oder gehen, wenn sie dort liegen bleiben, in der 
Mehrzahl der Fälle zugrunde. Sie setzen sich im lymphatischen Nasen- 
Rachenring, speziell in der Rachentonsille fest. Von hier aus werden die 
mit dem Nasen- Rachenraum und den hintersten Abschnitten der Nase in 
Verbindung stehenden Höhlen infiziert, und zwar das Ohr und die Keilbein¬ 
höhle. Die Highmorshöhlen werden nur dann infiziert, wenn die Nasen¬ 
schleimhaut so weit nach vorn erkrankt ist, daß der Eingang zur Ober¬ 
kieferhöhle mit betroffen werden kann. Nur in den seltenen Ausnahmefällen, 
in denen die ganze Nasenschleimhaut von Anfang an akut erkrankt, können 
auch die Siebbeinzellen erkranken. Die Häufigkeit der Erkrankung der 
Nebenhöhlen nimmt in rapider Weise von hinten nach vorn zu im direkt 
umgekehrten Verhältnis zur Richtung des Weges der Krankheitserreger und 
zweifellos auch zur Menge der eingeatmeten Krankheitserreger. Es kommen 
die vorderen Abschnitte der Nase zweifellos bei der Infektion mit viel mehr 
Keimen in Berührung als die hinteren, und doch erkranken die hinteren 
Abschnitte, während die vorderen gesund bleiben. Die hinteren sind in 
doppelter Weise ungünstig disponiert, einmal, weil der Luftstrom bei der 
Einatmung mit voller Kraft gegen sie anstößt, ehe er nach abwärts abbiegt, 
und zweitens, weil sie übersäet sind mit lymphatischen Rezeptoren, die 
natürlich noch ganz besonders ungünstig wirken können, wenn sie durch 
ihre Hyperplasie den Luftweg so sehr beengen, daß die Luft an den Wänden 
viel mehr angepreßt wird, als unter normalen Verhältnissen nötig wäre. 
In gleicherweise nimmt die Häufigkeit und Intensität der Rachenerkrankung 
nach abwärts und vorn der Mundhöhle zu rasch und deutlich ab. u 

Göppert möchte dem ganzen Respirationstraktus zuschreiben, was 
Westenhoeffer im wesentlichen nur für den Nasen-Rachenraum gelten 
läßt und sagt: „Der ganze Respirationstraktus von der Nase und 
ihren Nebenhöhlen bis zu den Lungenbläschen zeigt daher im 
Anfangsstadium der epidemischen Meningitis mehr oder weniger 
heftige Entzündungserscheinungen. Dieselben können dem Aus¬ 
bruch der eigentlichen Krankheit vorhergehen. Der Zufall oder 


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Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905. 279 

die Laune des Genius epidemicus bringen es mit sich, daß der 
eine Beobachter diese, der andere jene Affektion mehr beob¬ 
achtet und in den Vordergrund gestellt hat. Keine dieser Affek¬ 
tionen ist an sich obligatorisch, und so darf die Vermutung aus¬ 
gesprochen werden, daß einmal dieser, einmal jener Punkt der 
Schleimhaut die Eintrittspforte für den Meningococcus abgibt. u 
Erbetont, daß als Initialsymptom auch eine Primärerkrankung des Darmes 
▼orkommt; der gleichen Meinung ist E. Meyer, der schreibt: „Es kommen 
zweifellos Fälle zur Beobachtung, bei denen das klinische Bild sowohl wie 
die bakteriologische Untersuchung absolut keinen Anhaltspunkt für den 
Einbruch der Entzündungserreger durch den Nasenrachen geben. In diesen 
Fällen sind wir gezwungen, eine andere Infektionspforte anzunehmen. Den 
Sektionsbefanden nach scheint dieselbe im Darme an den Peyersehen 
Plaques gesucht werden zu müssen. tf 

Ob die Übertragung nur von Person zu Person oder aber auch durch 
leblose Gegenstände erfolgt, wird nicht übereinstimmend beantwortet. Der 
Standpunkt Westenhoeffers ist bereits gekennzeichnet. Flatten mißt 
ebenfalls den leblosen Gegenständen (Kleidern, Nahrungsmitteln usw.) keine 
Bedeutung bei. Die anderen in Betracht kommenden Übertragungen, z. B. 
Ungeziefer, Hausparasiten, werden nur bei t. Lingelsheim gestreift, der 
schreibt: „Daß leblose Dinge, Gebrauchsgegenstände, Nahrungsmittel usw. 
oder Tiere, Insekten dabei eine irgend in Betracht kommende Rolle spielten, 
erscheint mir im höchsten Grade unwahrscheinlich." Ri eg er betont neben 
der Einatmung noch die Berührung: „Die Ansteckung findet in der Regel 
dadurch statt, daß die Keime durch Berührung, nicht durch Einatmung, in 
den Mund und Hals gelangen." 

Die Verbreitung des Virus Tom Primäraffekt aus hatte man sich 
früher gewöhnlich per contiguitatem gedacht. Dagegen plädiert Göppert 
für die Verbreitung auf dem Blutwege, die in Übereinstimmung mit den 
neueren Befunden von Meningokokken im strömenden Blute steht und 
Westenhoeffer schreibt: „Die Frage der Entstehung der Meningitis kann 
meines Erachtens auf Grund des vorliegenden Materials noch nicht mit 
Sicherheit entschieden werden. So viel scheint mir indessen sicher, daß 
die Infektion in der Gegend des Chiasma geschieht. Allerdings muß ich 
zugeben, daß die Wagschale sich erheblich zugunsten der hämatogenen 
Infektion senkt." 

Das pathologisch - anatomische Bild schildern Göppert und Westen¬ 
hoeffer ausführlich unter Anfügung von Protokollen und Bildern. Aus 
den eingehenden Beschreibungen Westenhoeffers mögen hier einige Sätze 
Platz finden: „Aus allen diesen Protokollen, aber auch zum Teil aus den 
anderen, nicht besonders angeführten, geht ziemlich klar hervor, daß die 
Meningitis beginnt in der Gegend des Chiasma Nn. opticorum, über der 
Hypophysis und unter dem Tuber cinereum, also in derCisterna chiasmatis, 
daß sie von dort sich nach vorn auf das Chiasma und die Nn. optici, nach 
der Seite auf die Cisternae cerebri laterales (Sylvii), die Basis der Schläfen¬ 
lappen und nach hinten auf die Brücke, das verlängerte Mark, die Cisterna 
cerebellomedullaris und von dort in den Rückenmarkkanal sich fortsetzt. 
Sehr interessant ist, daß sie fast ausnahmslos und von Anbeginn an, oft 


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M. Neisser, 


auch noch, ehe sie nach der Seite und nach dem Foramen magnum zu vor- 
geechritten ist, auf den Oberwurm durch Vermittelung der Cisterna ambiens 
über die Pedunculi hinweg längs der zwischen Brücke, Schläfenlappen und 
Kleinhirn befindlichen schmalen Furche übergreift. tt „Dagegen ist bei keiner 
Sektion eines akuten Falles am Bulbus olfactorius oder der Dura 
mater über den Siebbeinzellen und den weichen Gehirnhäuten der Basis 
der Stirnlappen auch nur eine Andeutung von Eiterung beobachtet worden." 
„Die Rückenmarkshäute zeigten das gewöhnliche Bild der eitrigen 
Meningitis." Besonderes Gewicht legt Westenhoeffer auf die von ihm 
zuerst und konstant beobachtete perihypophyseale Eiterung, über die er 
schreibt: „Es hat sich nun die höchst bemerkenswerte Tatsache heraus- 
gestellt, daß um die Hypophysis stets eine Eiterung vorhanden ist." Im 
übrigen betont er die Häufigkeit des Pyocephalus bzw. Hydrocephalus, die 
Seltenheit encephalitischer Herde. Von weiteren Befunden seien die fol¬ 
genden Westenhoeffers erwähnt: „Bei Kindern mit epidemischer 
Genickstarre findet sich stets eine Otitis media und zwar von 
Beginn an." „Bei epidemischer Genickstarre erkranken fast stets 
die Keilbeinhöhlen, und zwar vom ersten Beginn der Krankheit 
an", wobei zu bemerken ist, daß die Keilbeinhöhlen erst vom dritten Jahre 
an vorhanden sind, daß dieser Befund also nur für Altersklassen vom 
dritten Jahre an Gültigkeit hat. „In den Fällen, wo noch keine Keilbein¬ 
höhle war, zeigte der Keilbeinkörper eine auffallend schmutzig rote, milz¬ 
pulpaähnliche (wie bei einer septischen Infektionsmilz) trübe Farbe, war 
dünnbreiig und so vermehrt, daß man von der Knochensubstanz nicht viel 
sah." „Regelmäßig in allen Fällen eine akute, entzündliche Schwellung 
der Nacken- und Halslymphdrüsen." Die Befunde an den übrigen 
Organen sind nicht charakteristisch. Die Göppertschen Fälle betreffen 
mehr foudroyante Fälle bei Kindern im frühesten Alter. Sie stimmen daher 
nicht völlig mit den Befunden Westenhoeffers überein. Eine ausführliche 
Beschreibung mit interessanten Abbildungen gibt Göppert über die Ven¬ 
trikelauslässe und ihre Zisternen, sowie über die verschiedenen Arten des 
bei der Meningitis entstehenden Wasserkopfes. 

Gehen wir zur Klinik über, so sei zur Inkubationszeit bemerkt, daß 
sie nach Flatten meist drei bis vier Tage, selten weniger beträgt. Zwei 
in dieser Hinsicht interessante Fälle teilt Schneider mit. Aus dem er¬ 
wähnten Fall von Ri eg er würde eine Inkubation von fünf Tagen folgen. 
Rieger schreibt übrigens, ohne beweisende Fälle anzuführen: „Die Inku¬ 
bation schien acht bis zehn Tage, häufig aber auch viel weniger Tage zu 
betragen." Das klinische Bild im frühen Kindesalter schildert Göppert 
am ausführlichsten. Das Bewußtsein ist bis auf die ersten Tage gewöhnlich 
klar, das Fieber anfangs meist kontinuierlich, später remittierend, schub¬ 
weise auftretend; Pulsverlangsamung selten, Atmung beschleunigt. Nicht 
selten besteht ein initialer Bronchialkatarrh. Recht häufig sind Krämpfe, 
Erbrechen fast regelmäßig. Das wichtigste Zeichen ist die Überempfindlich¬ 
keit namentlich gegen passive Bewegungen. Herpes scheint bei Kindern 
unter drei Jahren sehr selten, später häufig zu sein. Nackensteifigkeit 
kann bei der Untersuchung völlig fehlen, wenn sie auch bei genauerem 
Verfolg eines Krankheitsfalles gewöhnlich zu irgend einer Zeit auftritt. 


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Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905. 281 

Ebenso häufig besteht das Kernig sehe Symptom. Die Sehnen- und Haut¬ 
reflexe bedeuten pathognostisch wenig. Im Säuglingsalter fehlt die Nacken- 
starre und das Kernigsche Symptom häufig genug; die Auftreibung der 
offenstehenden Fontanelle ist in solchen Fällen wichtig. Über die Über¬ 
empfindlichkeit schreibt er: „Um so regelmäßiger ist die Empfindlichkeit gegen 
passive Bewegungen vorhanden. Sie ist das konstante Initialsymptom, das, 
solange keine Bewußtlosigkeit eingetreten ist, das Krankheitsbild beherrscht. 
Alle Mütter klagen daher, daß ihre Kinder im Anfang der Krankheit nicht 
aufgenommen sein, ja sich nicht anfassen lassen wollen. Die Schmerzhaftig¬ 
keit der Beine ist am ausgesprochensten, daher Mütter und Pflegerinnen 
gerade von den stärksten Schmerzäußerungen beim Trockenlegen berichten. 
Einmal wurde ich heim Betreten des Wartezimmers durch das jammervolle 
Geschrei eines Kindes beim Umlegen von einem Arm auf den anderen auf¬ 
merksam gemacht, während ich ein anderes Mal überhaupt nur wegen Bein¬ 
schmerzen gerufen wurde. tt Göppert unterscheidet mehrere Typen. „Es 
ergeben sich demnach folgende Verlaufstypen: Im ersten Typus beherrscht 
die Auftreibung des Kopfes das Krankheitsbild von vornherein. Die Nähte 
klaffen weit, die Fontanelle ist stark vorgewölbt, Nackensteifigkeit fehlt mei¬ 
stens dauernd, das Bewußtsein erlischt früh, in der Kegel schon Ende der 
ersten, Anfang der zweiten Woche, auch bleibt das Leben meist nur kurze 
Zeit erhalten.“ „Der zweite Typus umfaßt die Kinder, bei denen die Über¬ 
erregbarkeit das wesentliche Symptom bildet. Hier ist entweder die Fon¬ 
tanelle geschlossen oder, wenn sie offen ist, nur unauffällig gespannt. Fast 
alle sind bei klarem Bewußtsein mit der oben erwähnten Form der Ein¬ 
schränkung. Ein Teil derselben hat Nackensteifigkeit. Bei denen aber, 
wo das Symptom fehlt, bedarf es einer sorgfältigen Abwägung der Form 
der Empfindlichkeit. Hierbei spielt namentlich die größere Schmerzhaftig¬ 
keit der Beine bei passiven Bewegungen und das Verhalten beim Aufsetzen 
eine Rolle.“ Und schließlich das Stadium hydrocephalicum. „Charakte¬ 
ristisch ist für dasselbe die Fieberlosigkeit, die skelettartige Abmagerung 
mit trockener abschilfender Haut und fast immer Steifigkeit der Beine, die 
meist im Knie gebeugt, bei jüngeren Kindern jedoch auch gestreckt ge¬ 
halten werden.“ Über das Fieber schreibt er: „Die meisten der Patienten 
haben ein initiales Fieberstadium von besonderer Konstanz, aber oft nicht 
besonderer Höhe hinter sich. Die Länge desselben schwankt zwischen 
14 und 48 Tagen. Dann erst tritt ein fieberloses Stadium ein, das nur 
in drei Fällen durch seltene, eintägige Fiehersteigerungen unterbrochen 
wurde. In sechs Fällen dagegen blieb das Fieber von Anfang an bis zu 
Ende remittierend, und in einem Falle bestand ein kontinuierliches von 
38° bis 39° mit sehr geringen Exkursionen.“ An Komplikationen seien 
die nioht seltene Ertaubung, mit oder ohne vorhergegangener Mittelohr¬ 
entzündung so wie Iridocyklitiden erwähnt. 

Über die Prognose schreibt Alt mann: „Eine Prognose läßt sich 
meines Etachtens, solange Fieber besteht, überhaupt nicht stellen; ist das 
Fieber mindestens 14 Tage geschwunden, bleibt auch der Puls regelmäßig 
und ruhig, dann kann allmählich die Genesung erwartet werden; wenn 
anderenfalls längere Zeit zwar Fieber sich nicht bemerkbar macht, jedoch 
über 100 Pulsschläge gezählt werden, wird immer noch mit der Möglichkeit 


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M. Neisser, 


eines Rückfalles zu rechnen sein; oft erfolgt, namentlich bei kleineren Kin¬ 
dern, unter einem Krampfanfall plötzlich der Tod. tt Er hat über den Aus¬ 
gang der Erkrankung bei zahlreichen Patienten des Knappschaftslazaretts 
Nachforschungen über längere Zeit angestellt und schreibt darüber: 

„1. Die Prognose der Meningitis cerebrospinalis quoad vitam war wäh¬ 
rend der verflossenen Epidemie sehr ungünstig. 

2. Die Prognose quoad valetudinem ist nicht günstig, da etwa der vierte 
Teil das Gehörvermögen einbüßt; bei einem kleinen Teile der Genesenen 
machen sich leichte Störungen der Geistestätigkeit bemerkbar. 

3. Der größte Teil der Genesenen erholt sich trotz längeren Kranken¬ 
lagers körperlich und geistig überraschend gut. u 

Zur Beurteilung der therapeutischen Maßnahmen hat Göppert die 
Resultate der in verschiedenen Krankenanstalten angewendeten Behand¬ 
lungen (heiße Bäder, Spinalpunktion, nur symptomatische Behandlung) ver¬ 
glichen. Sein Urteil ist recht entmutigend. „Es gibt keine Behandlung 
der,Genickstarre, die imstande wäre, die Mortalität in wesentlicher Weise 
zu beeinflussen. tt Ausführlicher bespricht er die Behandlung mit heißen 
Bädern, die von Aufrecht ausging und von Lahmann lebhaft befürwortet 
wurde. Göppert schätzt sie nicht sehr hoch ein und schreibt: „Sie ist 
bei leicht zu bewegenden, daher bei nicht zu großen Patienten zweifellos 
oft ein außerordentlich schmerzstillendes und beruhigendes Mittel, doch 
durchaus nicht bei allen. u . . und ich möchte daher raten, bei Unruhe 
zuerst mit regelmäßigen heißen Bädern mit Nachschwitzen zu beginnen. 
Erweisen sie sich als wirkungslos, so sind feuchte, kühle Einpackungen als 
Beruhigungsmittel heranzuziehen. Vorausgesetzt muß freilich bei der Aus¬ 
führung der Bäder werden, daß man den im Wasser befindlichen Kranken 
nicht etwa, wie Lahmann es empfiehlt, am Kopfe stützt. Das hält kein 
Genickstarrekranker aus. u Auch die etwa alle vier Tage wiederholte 
Spinalpunktion hat im wesentlichen symptomatische Bedeutung: „Bei den 
schweren Zuständen der ersten Krankheitstage, wenn bereits Depressions¬ 
erscheinungen da sind, wirkt die Punktion belebend. Die Atmung wird 
tiefer, der Puls mitunter voller. Arzt und Eltern haben den Eindruck der 
augenblicklichen Besserung (zehnmal in ausgesprochener Weise beobachtet). 
Die meisten dieser Fälle gehören zur Gruppe der foudroyanten, bei welchen 
natürlich diese Besserung nicht lange vorhält. Diese Anfangspunktion hat 
auch mitunter die früher erwähnte günstige Wirkung auf Pupillen- und 
Augenmuskelstörungen. Nur ein einziges Mal in dem schon in meiner 
früher veröffentlichten Arbeit zitierten Falle Peter Fr. war das Kind am 
Tage nach der Spinalpunktion gesund. Im weiteren Verlaufe der Krankheit 
sehen wir fast nach jeder vorsichtig ausgeführten Punktion, daß Druck- 
erscheinungen, d. h. starker Kopfschmerz, mehrere Tage ansteigendes Er¬ 
brechen oder von neuem eingetretene Aufregungs- und Depressionserschei- 
nungen vorübergehend schwinden. Die Kinder sind danach ruhig, schlafen 
ein, aber nur in einem Teile dieser Fälle hält diese Beruhigung länger vor. 
Wenn man als Erfolg verlangt, daß die Wirkung wenigstens bis zum 
nächsten Tage anhält, so ist die Zahl der Mißerfolge doch größer als die 
der Erfolge." Westenhoeffer hatte eine besondere Operation, die Incision 
des ligamentum atlanto-occipitale, zur Drainage der Hirnbasis vorgeschlagen. 


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Arbeiten über die übertragbare Genickstarre in Preußen im Jahre 1905. 283 

Göppert bringt die Krankengeschichte zweier nach dieser interessanten 
Methode operierten Fälle, von denen der eine starb, der andere in Ge¬ 
nesung ausging. Er h&)t die Resultate für ermutigend. Schließlich hat Göp- 
pert selbst nooh das Methylenblau versucht. „Ich spritzte zun&chst sub¬ 
kutan t&glich zweimal 0,02 bis 0,04 g Methylenblau bei zwei von vornherein 
sehr schweren Fällen ein. Sie sahen während ihres ganzen, zwei Monate 
währenden KrankheitsVerlaufes auffällig munter aus, machten aber, wie von 
vornherein zu erwarten war, jenen schweren Fieberverlauf durch, den uns 
die früher angegebene typische Fieberkurve fast für beide identisch demon¬ 
striert, genasen aber beide. Drei schon lange kranke Fälle im Zustande 
des drohenden Verfalles wurden nioht beeinflußt/ Eine lokale Therapie 
des Rachens widerrät E. Meyer, ebenso wie die von Dornblüth vor¬ 
geschlagene prophylaktische Entfernung der Rachentonsillen. Ein von 
Doyen (Paris) hergestelltes Serum, das nach v. Lingelsheim den Me¬ 
ningokokkus gar nicht agglutinierte, hatte nach Göppert keinerlei thera¬ 
peutischen Erfolg. Bekanntlich stellt die Pflege der Genickstarrekranken 
an alle Beteiligten die größten Anforderungen, ja sie ist von ausschlag¬ 
gebender Bedeutung und Göppert schließt deshalb den therapeutischen